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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Die Richter

»Also, mein guter Freund,« meinte Coconas zu La Mole, als sich die beiden Leidensgenossen nach dem Verhör, bei dem zum erstenmal von der Wachsfigur gesprochen worden war, getroffen hatten, »mir scheint, es geht alles recht befriedigend vorwärts, und ich glaube, daß uns unsere Richter bald im Stich lassen werden. Sie sind nicht wie die Ärzte zu beurteilen, die uns mit ihrer Wissenschaft meist sitzen lassen. Denn wenn der Arzt einmal seinen Kranken fahren läßt, dann kann er ihn eben nicht retten; ganz im Gegenteil der Richter, der den Angeklagten im Stich läßt. Das bedeutet immer, daß er die Hoffnung verloren hat, ihm den Kopf abschneiden zu lassen.«

»Ja,« erwiderte La Mole, »mir kommt es auch so vor, als ob ich die Höflichkeit, die Gefälligkeit des Kerkermeisters, die leicht aufspringenden Türen mit unsern edlen Freundinnen in Zusammenhang bringen müßte. Nur diesen Herrn von Beaulieu kann ich wenigstens mit Rücksicht darauf, was man mir von ihm gesagt hat, nicht verstehen.«

»Ich verstehe ihn schon, ich!« erwiderte Coconas. »Nur wird alles viel Geld kosten! Aber was weiter? Die eine ist Prinzessin, die andere Königin, beide sind reich und beide werden niemals eine schönere Gelegenheit finden, ihr Geld auszugeben. Jetzt wiederholen wir aber unsere Aufgabe: man führt uns in die Kapelle, man läßt uns dort unter Aufsicht unseres Kerkermeisters, wir finden auf dem bezeichneten Ort zwei Dolche, ich verfertige ein Loch im Bauche unseres Wächters.«

»Oh! nicht im Bauch, du würdest ihn seiner fünfhundert Taler berauben ... ein Loch in den Arm!«

»Ah! ja in den Arm, das hieße ihn zugrunderichten, den armen, lieben Mann. Man würde gleich sehen, daß es sich seinerseits und meinerseits um irgendeine Abmachung handle. Nein, nein, in die rechte Seite bekommt er einen Stich, der der Länge nach die Haut durchbohren wird, und das wird glaubhaft aussehen und dabei doch unschädlich sein.«

»Vorwärts – der ist also abgefertigt – und weiter?«

»Dann verstellst du die große Tür mit Bänken, während unsere zwei Prinzessinnen aus ihrem Versteck hinter dem Altar hervorschlüpfen und Henriette die kleine Tür öffnet. Ah, meiner Treu! Ich liebe heute Henriette, und sie müßte mir irgendwie untreu werden, damit ich an ihr etwas auszusetzen hätte!«

»Und dann,« setzte La Mole mit jener bebenden Stimme fort, die wie Musik über die Lippen zu kommen pflegt, »dann reiten wir in den Wald. Ein süßer Kuß, der uns beiden geschenkt werden wird, wird uns frohgemut und tapfer stimmen. Siehst du uns schon, Hannibal, wie wir, vorgebeugt über den Hals unserer schnellen Pferde, in seliger Beklommenheit dahinsausen? Oh, was ist die Furcht? Die Furcht in der Freiheit, mit dem blanken Degen an der Seite, wenn man seinen Jauchzer ausstößt und seinem Pferde die Sporen gibt, wenn bei jedem Ruf der Renner über den Boden setzt und fliegt?«

»Ja, aber die Furcht zwischen vier Mauern? Was hältst du von ihr? Ich kann davon reden, La Mole, denn ich habe Derartiges empfunden. Als dieses fahle Gesicht des Herrn von Beaulieu zum erstenmal in meinem Zimmer erschien und als hinter ihm im Schatten die Partisanen funkelten und der verhängnisvolle Klang von Eisen gegen Eisen ertönte! Ich schwöre dir, daß ich sofort an den Herzog von Alençon denken mußte und daß ich in der Erwartung dastand, sein feiges Gesicht plötzlich zwischen den ebenso feigen Fratzen der Hellebardenträger auftauchen zu sehen. Ich hatte mich getäuscht, und das war mein einziger Trost. Doch ich habe nicht alles aus dem Gedächtnis verloren, in der folgenden Nacht habe ich geträumt!«

»So haben sie also alles vorgesehen, selbst den Ort unserer Zuflucht,« sagte La Mole, der seinen eigenen Glücksgedanken nachhing, ohne den Hirngespinsten seines Freundes zu folgen. »Wir fliehen nach Lothringen, lieber Freund. In Wirklichkeit wäre ich ja lieber nach Navarra geflohen, denn in Navarra wäre ich ja in ihrer Nähe geblieben ... aber Navarra ist zu weit, Nancy ist geeigneter. Übrigens sind wir dort nur etwa achtzig Meilen von Paris entfernt. Ein Bedauern nehme ich aber mit mir, wenn ich von hier fortkomme, Hannibal, weißt du das?«

»Ah, meiner Treu! Das ist bei mir zum Beispiel wohl nicht der Fall! Ich lasse mein Bedauern vollständig hier zurück!«

»Daß wir diesen braven Aufseher nicht mit uns nehmen können, statt ihn ...«

»Aber der würde das gar nicht wollen!« sagte Coconas. »Der würde zu viel verlieren. Denke doch: fünfhundert Taler von uns, eine Entschädigung von der Oberbehörde, vielleicht auch gar eine Beförderung! Wie glücklich wird der Kerl erst leben, wenn ich ihn getötet haben werde! ... Aber was hast du denn?«

»Nichts, ein Gedanke ist mir nur so von ungefähr durch den Kopf gegangen.«

»Heiter ist dieser Gedanke scheinbar nicht, weil du so furchtbar blaß dabei wirst!«

»Ich frage mich nur, warum man uns gerade in die Kapelle führen wird?«

»Ei!« meinte Coconas. »Jedenfalls, um zur österlichen Kommunion zu gehen, das ist der springende Punkt, wie mir scheint!«

»Aber in die Kapelle führt man doch nur die zum Tod Verurteilten oder die Gefolterten.«

»Oh, oh!« erwiderte Coconas, seinerseits auch ein wenig blaß werdend, »das verdient allerdings Beachtung. Wir werden diesbezüglich noch den braven Mann ausforschen, dem ich so unbedingt den Bauch aufschlitzen soll. Eh, Gefangenwärter, mein Freund!«

»Mein Herr, Sie rufen mich?« antwortete der Aufseher, der auf den ersten Treppenstufen Wache hielt.

»Ja, komm her!«

»Hier bin ich schon!«

»Es wurde festgesetzt, daß wir aus der Kapelle entfliehen sollen, nicht wahr?«

»Still!« flüsterte der Gefangenwärter und sah sich ängstlich um.

»Sei nur unbesorgt, es hört uns ja niemand.«

»Ja, mein Herr, aus der Kapelle.«

»Man wird uns demnach in die Kapelle bringen?«

»Ohne Zweifel, das ist so herkömmlich.«

»Herkömmlich?«

»Ja, bei allen Verurteilungen zum Tode ist es Herkommen, daß die Verurteilten die Nacht in der Kapelle zubringen dürfen.«

Coconas und La Mole erschraken und sahen sich gleichzeitig an.

»Sie glauben also, daß wir zum Tod verurteilt werden?«

»Zweifelsohne ... aber Sie glauben das doch auch?«

»Wieso sollten wir das auch glauben?« fragte La Mole.

»Doch ganz bestimmt! ... Hätten Sie denn im andern Falle Vorbereitungen zur Flucht getroffen?«

»Weißt du, daß das alles, was er sagt, sehr viel Sinn hat?« fragte Coconas La Mole.

»Ja ... das weiß ich jetzt wenigstens auch, und allem Anschein nach spielen wir ein sehr gewagtes Spiel.«

»Und ich?« meinte der Aufseher. »Glauben Sie, daß ich nichts aufs Spiel setze? ... Wenn der Herr sich im Augenblick großer Erregung irren und in die falsche Richtung stoßen würde ...«

»Eh, verdammt! Ich wollte, ich wäre an deiner Stelle!« sagte Coconas in gemessenem Tone. »Ich wollte, ich hätte sonst mit keiner anderen Hand als mit dieser da zu tun, mit keinem anderen Stahl als mit dem, der dich berühren wird!«

»Zum Tode verurteilt,« murmelte La Mole, »das ist doch unmöglich!«

»Unmöglich?« sagte der Aufseher in harmlosem Ton, »warum denn?«

»Ruhig!« sagte Coconas, »ich glaube, jemand öffnet die untere Tür!«

»Ja, wirklich!« flüsterte der Aufseher erschrocken. »Gehen Sie in Ihre Zimmer zurück, meine Herren, gehen Sie!«

»Wann wird das Urteil nach Ihrer Meinung erfolgen?« fragte La Mole.

»Morgen oder später. Doch nur unbesorgt, die Personen, die es wissen müssen, werden rechtzeitig verständigt werden.«

»So umarmen wir uns und sagen wir diesen Mauern ein Lebewohl!«

Die beiden Freunde warfen sich einander in die Arme und kehrten in ihre Zimmer zurück, La Mole seufzend, Coconas halblaut vor sich hinsingend.

Bis sieben Uhr abends ereignete sich nichts Neues. Die Nacht sank finster und regnerisch auf die Festungswerke von Vincennes herab, eine Nacht zur Flucht wie geschaffen. Man brachte Coconas das Abendessen, das er wie gewöhnlich mit Appetit verzehrte; er dachte dabei immerfort an das Vergnügen, von dem Regen, der jetzt die Mauern peitschte, in geraumer Zeit ebenso durchnäßt zu werden. Er war schon im Begriff, bei dem dumpfen und eintönigen Gemurmel des Windes einzuschlafen, als es ihm schien, als ob dieser Wind, dem er, seit er im Gefängnis saß, immer mit recht traurigen Empfindungen zuhörte, plötzlich ungewöhnlich scharf durch alle Türspalten pfiffe, als ob auch der Ofen auf einmal besonders heftig schnaube. Dieses Ereignis trat sonst immer ein, wenn ein höher gelegenes Gefangenenzimmer, namentlich aber das gegenüberliegende, geöffnet wurde. An diesem Geräusch erkannte Hannibal stets, daß der Wärter in der Nähe war, beziehungsweise, daß er aus dem Zimmer La Moles heraustrat.

Diesmal aber streckte Coconas seinen Hals umsonst, spannte auch umsonst seine Ohren.

Ruhig floß die Zeit dahin, es kam niemand.

»Das ist merkwürdig,« sagte sich Coconas. »Man hat La Moles Tür geöffnet und meine öffnet man nicht. Sollte La Mole gerufen haben? Ist vielleicht gar krank? Was will das heißen?«

Einem Gefangenen ist jedes Geräusch verdächtig und beunruhigend, wie es auch manchmal Freude und Hoffnung bei ihm auslöst.

Eine halbe Stunde verrann, dann eine ganze, dann anderthalb Stunden.

Coconas begann aus Ärger einzuschlafen, als ihn plötzlich der Lärm des Schlüssels an seiner Tür veranlaßte aufzuspringen.

»Oh, oh!« sagte er sich. »Sollte die Stunde der Abreise schon geschlagen haben; will man uns, ohne verurteilt zu sein, in die Kapelle bringen? Verdammt, wäre das ein Vergnügen, in solcher Nacht zu fliehen, schwarz ist es draußen, wie in einem Backofen! Wenn aber nur die Pferde nicht blind sind!«

Er begann gleich in bester Laune den Aufseher auszufragen, bemerkte aber, daß dieser einen Finger vor den Lippen hielt und die Augen sehr bezeichnend rollte.

Tatsächlich war hinter dem Wärter Lärm zu vernehmen, und dann waren auch Schatten zu bemerken.

Plötzlich unterschied Coconas mitten in der Finsternis zwei Helme, auf denen eine qualmende Kerzenflamme zwei goldene Lichtpunkte erstrahlen ließ.

»Oh, oh!« fragte er mit halblauter Stimme. »Was soll dieser düstere Aufzug bedeuten? Wohin sollen wir denn gehen?«

Der Aufseher antwortete nur mit einem Seufzer, der mehr einem Jammerlaut glich.

»Verdammt!« murmelte Coconas. »Was für ein verfluchtes Dasein! Immer nur Absonderlichkeiten, niemals festen Boden unter den Füßen! Man watet in hundert Fuß tiefem Wasser herum oder man schwebt über den Wolken, ein Mittelding gibt es nicht. Also, wohin gehen wir?«

»Folgen Sie den Hellebardieren, mein Herr!« befahl eine schnarrende Stimme, und Coconas erkannte jetzt, daß die Soldaten, die er undeutlich gesehen hatte, in Begleitung irgendeines Gerichtsdieners gekommen waren.

»Und Herr von La Mole?« fragte der Piemontese. »Wo ist er? Was geschieht mit ihm?«

»Folgen Sie den Hellebardieren!« wiederholte dieselbe schnarrende Stimme im gleichen Ton.

Es mußte dem Befehl Folge geleistet werden. Coconas ging aus seinem Zimmer heraus und bemerkte jetzt den schwarzgekleideten Mann, dessen Stimme ihm so unangenehm gewesen war. Das war ein kleiner, buckliger Gerichtsschreiber, der sich wahrscheinlich deshalb das lange Richterkleid umgetan hatte, damit man nicht bemerkte, daß er auch noch krummbeinig war.

Langsam stieg man die Wendeltreppe hinab. Im ersten Stockwerk blieben die Wachtsoldaten stehen.

»Das heißt tief hinabsteigen,« murmelte Coconas, »aber leider noch immer nicht genug!«

Eine Tür öffnete sich. Coconas hatte Augen wie ein Luchs und einen Spürsinn wie ein Leithund. Er witterte die Richter in nächster Nähe und bemerkte im Zwielicht den Schattenriß eines Mannes mit nackten Armen. Dieser Anblick trieb ihm den Schweiß in die Stirne. Nichtsdestoweniger setzte er eine möglichst heitere Miene auf. Wie es das Handbuch für seine Sitten zu jener Zeit vorschrieb, neigte er den Kopf auf die linke Seite, stemmte die Faust in die Hüfte ein und betrat also den Saal.

Man hob einen Vorhang in die Höhe und nun sah Coconas tatsächlich die Richter und die Gerichtsschreiber.

Einige Schritte weit weg von den Richtern und Schreibern saß La Mole auf einer Bank.

Coconas stand vor einem Gerichtshof. Vor den Richtern angekommen, blieb der Piemontese kurz stehen, grüßte La Mole mit einem Kopfnicken und mit einem Lächeln und harrte dann der weiteren Dinge.

»Wie heißen Sie, mein Herr?« fragte der Vorsitzende.

»Marc-Hannibal von Coconas,« antwortete der Edelmann mit vollendetem Anstand, »Graf von Montpantier, Chenaux und anderen Ortschaften. Übrigens sind ja unsere Titel bekannt.«

»Wo sind Sie geboren?«

»In Saint-Colomban bei Suze.«

»Wie alt sind Sie?«

»Siebenundzwanzig Jahre und drei Monate alt.«

»Gut,« sagte der Vorsitzende.

»Scheinbar macht ihm das einen großen Spaß!« murmelte Coconas.

»Und jetzt,« sagte der Vorsitzende, nachdem er dem Gerichtsschreiber Zeit gelassen hatte, die Antworten des Angeklagten niederzuschreiben, »sagen Sie, was Sie beabsichtigten, als Sie den Hofstaat des Herzogs von Alençon verließen?«

»Ich wollte mich mit Herrn von La Mole, meinem Freund hier, wieder vereinigen, der, als ich den Dienst verließ, den Hofstaat des Herzogs schon vor einigen Tagen verlassen hatte.«

»Was machten Sie während der Jagd, bei der Ihre Festnahme erfolgte?«

»Aber,« antwortete Coconas, »... ich jagte.«

»Der König befand sich auch auf dieser Jagd und hierbei erlitt er die ersten Anfälle des Übels, an dem er gegenwärtig leidet.«

»Was das betrifft, so war ich nicht in der Nähe des Königs und kann daher darüber nichts sagen. Ich wußte sogar nicht, daß er von irgendeiner Krankheit befallen wäre.«

Die Richter sahen sich mit ungläubigem Lächeln an.

»Ah! Sie wußten nichts davon?« fragte der Vorsitzende.

»Ganz richtig, mein Herr, und ich ärgere mich auch darüber. Denn obwohl der König von Frankreich nicht mein König ist, so bringe ich ihm trotzdem sehr viel Mitgefühl entgegen.«

»Wirklich?«

»Bei meinem Ehrenwort! Nicht so seinem Bruder, dem Herzog von Alençon. Denn der, ich muß es gestehen ...«

»Es handelt sich hier nicht um den Herzog von Alençon, mein Herr, sondern um Seine Majestät.«

»Nun also, ich sagte Ihnen schon, daß ich sein ganz untertäniger Diener war,« sagte Coconas und schaukelte seinen Körper mit einer bewundernswerten Unverschämtheit.

»Wenn Sie tatsächlich dem König so ergeben waren, wie Sie es behaupten, mein Herr, dann sagen Sie uns gefälligst, was Sie von einer gewissen verzauberten Figur wissen?«

»Ah, gut! Wir kommen scheinbar wieder auf diese Geschichte mit der Statue zurück?«

»Ja, mein Herr, gefällt Ihnen das etwa nicht?«

»Aber keine Spur davon und ganz im Gegenteil! Das ist mir viel lieber, warum nicht gar?«

»Warum hat sich diese Statue bei Herrn von La Mole befunden?«

»Bei Herrn von La Mole? Diese Statue? Bei René wollten Sie wahrscheinlich sagen!«

»Sie geben also zu, daß sie vorhanden ist?«

»Teufel! Natürlich, wenn man mir sie zeigt!«

»Da ist sie. Ist es dieselbe, die Sie kennen?«

»Sehr richtig!«

»Gerichtsschreiber,« sagte der Vorsitzende, »schreiben Sie, daß der Angeklagte die Statue als diejenige erkennt, die er bei Herrn von La Mole gesehen hat.«

»Nein, nein!« rief Coconas. »Verwechseln wir das nicht: die ich bei René gesehen habe.«

»Also bei René, gut! An welchem Tage?«

»An dem einzigen Tag, an dem Herr von La Mole und ich bei René gewesen sind.«

»Sie gestehen also ein, daß Sie mit Herrn von La Mole bei René gewesen sind?«

»Da hör einer einmal an! Habe ich es denn jemals verheimlichen wollen?«

»Gerichtsschreiber! Schreiben Sie, daß der Angeklagte gesteht, bei René gewesen zu sein, um eine Verschwörung anzuzetteln.«

»Holla, he! Sehr schön, sehr schön, Herr Präsident. Mäßigen Sie Ihren Feuereifer, wenn ich bitten darf! Ich habe kein Wort von allem dem gesagt.«

»Sie leugnen, daß Sie bei René gewesen sind, um eine Verschwörung vorzubereiten?«

»Das leugne ich. Diese Verschwörung ist zufällig, aber nicht vorsätzlich entstanden.«

»Aber sie war tatsächlich vorhanden?«

»Ich kann nicht leugnen, daß daraus etwas entstanden ist, das wie eine Zauberei aussah.«

»Gerichtsschreiber! Schreiben Sie, daß der Angeklagte eingesteht, daß bei René Zauberwirkungen gegen das Leben des Königs vorbereitet wurden.«

»Wie? Gegen das Leben des Königs? Das ist eine unverschämte Lüge! Niemals ist mit Zauber gegen das Leben des Königs gearbeitet worden.«

»Da sehen Sie, meine Herrn!« warf La Mole ein.

»Ruhe!« sagte der Vorsitzende. Dann wendete er sich wieder zum Gerichtsschreiber: »Gegen das Leben des Königs! Haben Sie es geschrieben?«

»Aber nein und abermals nein!« rief Coconas. »Übrigens war diese Statue gar nicht die eines Mannes, sondern einer Frau.«

»Also, mein Herrn, was sagte ich Ihnen?« sagte La Mole.

»Herr von La Mole,« rügte der Vorsitzende, »Sie werden antworten, wenn wir Sie fragen werden. Unterbrechen Sie nicht das Verhör der anderen.«

Darauf setzte er das Verhör fort: »Sie sagen also, daß es eine Frau ist?«

»Das behaupte ich, ohne daran zu zweifeln.«

»Warum hat die Statue aber eine Krone und einen Königsmantel?«

»Bei Gott!« sagte Coconas. »Das ist wohl sehr einfach. Weil es eben eine ...«

La Mole erhob sich und legte einen Finger auf seine Lippen.

»Das ist wahr!« sagte Coconas. »Ich rede da von Sachen, die diese Herrn gar nichts angehen!«

»Sie bestehen auf Ihrer Behauptung, daß die Statue eine Frau darstellt?«

»Ja, ganz gewiß bleibe ich dabei.«

»Sie verweigern die Aussage, wer diese Frau sein soll?«

»Eine Frau aus meiner Heimat,« warf La Mole ein, »die ich liebte und von der ich wiedergeliebt zu werden wünschte.«

»Nicht Sie werden verhört, Herr von La Mole!« schrie der Vorsitzende. »Schweigen Sie demnach, sonst wird man Sie knebeln!«

»Knebeln!« wiederholte Coconas. »Wie meinen Sie das eigentlich, mein Herr mit Ihrem schwarzen Kleid? ... Man wird meinen Freund knebeln ... einen Edelmann? ... Gehen Sie doch!«

»Man führe René vor!« sagte der Generalstaatsanwalt Laguesle.

»Ja, lassen Sie René nur kommen,« meinte Coconas, »tun Sie das. Wir werden dann doch sehen, wer hier recht hat. Sie drei oder wir zwei?«

René trat ein, blaß und gealtert. Die zwei Freunde erkannten ihn kaum, er ging gebeugt unter der Last des Verbrechens, das er begangen haben sollte, war niedergedrückter als die, die das Verbrechen begangen hatten.

»Meister René,« sagte der Richter, »erkennen Sie die zwei anwesenden Angeklagten?«

»Ja, mein Herr!« antwortete René mit einer Stimme, die seine Aufregung verriet.

»Wo wollen Sie sie gesehen haben?«

»An mehreren Orten und besonders bei mir.«

»Wie oft sind sie bei Ihnen gewesen?«

»Ein einziges Mal.«

Als René sprach, heiterte sich das Gesicht Coconas auf. Das Antlitz La Moles blieb aber im Gegensatz hierzu ernst, und es sah aus, als ob er irgendein unangenehmes Vorgefühl empfände.

»Bei welcher Gelegenheit weilten sie bei Ihnen?«

René schien einen Augenblick mit der Antwort zu zögern.

»Um bei mir eine Wachsfigur zu bestellen,« sagte er.

»Verzeihung, Verzeihung, Meister René!« fuhr Coconas dazwischen. »Sie irren sich da ein klein wenig!«

»Ruhe!« gebot der Vorsitzende, dann fuhr er fort: »War diese kleine Figur das Abbild eines Mannes oder einer Frau?«

»Eines Mannes!« sagte René.

Coconas sprang in die Höhe, als ob er einen elektrischen Schlag erhalten hätte.

»Eines Mannes?« rief er.

»Eines Mannes!« wiederholte René, aber mit einer so schwachen Stimme, das der Vorsitzende die Worte kaum vernahm.

»Und warum hat die Figur eine Krone auf dem Haupt und einen Königsmantel auf den Schultern?«

»Weil die Figur einen König darstellen soll.«

»Unverschämter Lügner!« schrie Coconas im höchsten Grade aufgebracht.

»Schweig doch, Coconas, schweig doch!« unterbrach La Mole. »Laß den Mann doch reden, jeder ist Herr über seine eigene Seele!«

»Aber nicht über den Körper der anderen, verdammt!«

»Und was sollte die Stahlnadel bedeuten, die der Figur in das Herz eingestochen war und ein kleines Fähnchen mit dem Buchstaben M trug?«

»Die Nadel sollte einen Degen oder einen Dolch vorstellen und der Buchstabe M bedeutete: mors

Coconas machte eine Bewegung, als ob er René erwürgen wollte; vier Wachtsoldaten hielten ihn zurück.

»Es ist gut,« sagte der Staatsanwalt Laguesle, »der Gerichtshof ist vollständig unterrichtet. Führen Sie die zwei Gefangenen in den Warteraum.«

»Aber es ist doch unmöglich, derlei Anschuldigungen anhören zu müssen, ohne sich verteidigen zu dürfen!« schrie Coconas.

»Verteidigen Sie sich nur, mein Herr, man wird Sie daran nicht hindern. Wachtsoldaten, Sie haben den Befehl gehört?«

Die Wache bemächtigte sich der zwei Angeklagten und führte sie hinaus, La Mole durch eine Tür, Coconas durch eine andere.

Dann gab der Staatsanwalt dem Mann ein Zeichen, den Coconas im Schatten erblickt hatte, und sagte: »Begeben Sie sich nicht fort, Meister, denn Sie werden heute nacht Beschäftigung bekommen.«

»Bei wem werbe ich anfangen müssen?« fragte der Mann und nahm ehrerbietig seine Mütze in die Hand.

»Bei dem da!« erwiderte der Vorsitzende und zeigte auf La Mole, dessen Schatten man noch zwischen den Wachtsoldaten erblickte. Dann näherte er sich René, der aufrecht, aber zitternd in der Erwartung dastand, daß man ihn nun auch in das Gefängnis nach Paris bringen würde, und sagte: »Es ist gut, mein Herr, Sie können beruhigt sein, der König und die Königin werden erfahren, daß sie Ihnen die Wahrheit in dieser Angelegenheit zu verdanken haben.«

Statt ihn aber aufzurichten, schien dieses Versprechen René noch mehr niederzuschmettern, und er antwortete nur mit einem tiefen Seufzer.

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