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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Die Falkenbeize

Karl las ununterbrochen im Buche weiter, er verschlang begierig eine Seite nach der anderen. Wie schon erwähnt, klebte, sei es, weil das Buch so lange in einem feuchten Räume aufbewahrt worden war, sei es aus irgendeiner anderen Ursache, ein Blatt immer an dem nächstfolgenden fest.

Mit verstörtem Blick betrachtete der Herzog von Alençon den schrecklichen Vorgang, dessen Folgen er allein voraussehen konnte.

»Oh!« murmelte er vor sich hin, »was soll daraus werden? Ich soll fort, soll in die Verbannung gehen, soll mir einen vermeintlichen Thron erwerben, während Heinrich, sobald er die erste Nachricht von der Erkrankung des Königs erhalten haben wird, sich in irgendeinen stark befestigten Ort auf zwanzig Meilen von der Hauptstadt begeben wird? Von dort aus wird er die Beute belauern, die uns der Zufall vor die Füße wirft, und mit einem einzigen Schritt wird er sich nötigenfalls in der Hauptstadt befinden! Bevor der König von Polen nur ein Wort vom Tode meines Bruders erfahren hat, wird schon eine andere Dynastie herrschen. Nein, das ist ganz unmöglich!«

Das war auch der Gedanke, der das erste, unwillkürliche Angstgefühl des Herzogs beeinflußt und ihn fast bewogen hatte, Karl am weiteren Lesen des Buches zu hindern. Beharrlich war dieses Schicksal, das Heinrich von Navarra zu schützen, die Valois aber zu verfolgen schien und gegen das der Herzog noch einmal zu Werke gehen wollte.

Mit einem Schlag hatte sich sein ganzer gegen Heinrich gerichteter Plan geändert. Karl und nicht Heinrich hatte das vergiftete Buch gelesen. Heinrich hätte jetzt Paris verlassen sollen, doch als Geächteter und Verfolgter wäre er davongegangen. Von dem Augenblick an, in dem ihn sein Geschick neuerlich gerettet hatte, schien es jedoch zweckdienlich zu sein, daß Heinrich in der Hauptstadt bliebe. Denn Heinrich war als Gefangener in Vincennes oder in der Bastille weniger zu fürchten als der König von Navarra an der Spitze von dreißigtausend Soldaten.

Der Herzog von Alençon ließ demnach den König das Kapitel ruhig zu Ende lesen und, erst als Karl den Kopf hob, meinte er: »Mein Bruder, ich wartete, weil es Eure Majestät so gewünscht haben. Ich tat es aber mit großem Bedauern, weil ich Eurer Majestät Dinge von größter Wichtigkeit mitzuteilen habe.«

»Ah, zum Teufel!« erwiderte Karl, dessen blasse Wangen sich langsam röteten, vielleicht, weil er mit allzugroßem Eifer gelesen hatte, vielleicht aber, weil eine Wirkung des Giftes schon eingetreten war. »Zum Teufel! Wenn du mir noch einmal von der alten Geschichte anfangen wirst, dann wirst du so schleunig abreisen müssen, wie es der König von Polen tun mußte. Ich habe mich seiner entledigt und werde mich geradeso deiner entledigen ... kein Wort mehr über diese Sache!«

»So will ich denn, mein Bruder, nicht über meine Abreise reden, sondern über den Abgang eines anderen Mannes. Eure Majestät haben meine tiefste und empfindlichste Stelle getroffen, das ist die Ergebenheit, die ich Eurer Majestät als Bruder entgegenbringe, und meine Treue als Untertan. Ich halte darauf, Eurer Majestät zu beweisen, daß ich wenigstens kein Verräter bin.«

»Nun also,« meinte der König, stützte einen Ellbogen auf das Buch, kreuzte die Beine und sah Alençon wie einen Mann an, der gegen alle Gepflogenheit große Ansprüche an die Geduld stellte, »nun also, was gibt es denn wieder für einen neuen Lärm, was für eine Anschuldigung schon in aller Gottesfrühe?«

»Das nicht, Sire, jedoch eine Gewißheit, eine Verschwörung, und nur meine lächerliche Rücksichtnahme hat mich bisher gehindert. Ihnen alles zu enthüllen.«

»Eine Verschwörung also?« fragte Karl. »Was für eine Verschwörung?«

»Sire, während Eure Majestät in der Ebene von Vesinet und längs des Flusses mit den Falken jagen werden, wird sich der König von Navarra in den Wald von Saint-Germain begeben. Im Walde wartet eine größere Anzahl seiner Freunde auf ihn und mit ihnen will er fliehen.«

»Ah, ich ahnte es schon!« rief Karl. »Wieder eine neue Verleumdung meines armen Henriot! Fürwahr, werden Sie mit ihm endlich einmal zu einem Ende kommen?«

»Eure Majestät werden nicht zu lange zu warten brauchen, um sich wenigstens davon zu überzeugen, ob die Anzeige, die ich zu erstatten die Ehre habe, eine Verleumdung ist oder nicht!«

»Auf welche Art denn?«

»Unser Schwager wird schon heute abend fort sein.« Karl erhob sich.

»Hören Sie,« sagte er, »noch einmal, doch zum letztenmal, will ich mich dazu hergeben, Ihren Meinungen Glauben zu schenken. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam ... dich und deine Mutter, es wird wirklich das letzte Mal sein!«

Dann rief er mit lauter Stimme: »Man rufe mir den König von Navarra!«

Ein Gardesoldat war im Begriff, den Befehl durchzuführen, doch Franz hielt ihn mit einem Zeichen zurück.

»Das ist nicht das richtige Mittel, mein Bruder,« sagte er, »auf diese Art werden Sie gar nichts erfahren. Heinrich wird leugnen, wird seinen Mitverschworenen ein Zeichen geben lassen und sie werden einfach verschwinden. Meine Mutter aber und ich werden beschuldigt werden, nicht nur Träumer, sondern auch Verleumder zu sein.«

»Was verlangen Sie also?«

»Daß Eure Majestät im Namen unserer Bruderschaft auf mich hören, im Namen meiner Ergebenheit aber, die Eure Majestät anerkennen werden, in dieser Sache nichts voreilig unternehmen. Machen Sie es möglich, Sire, daß der wahre Schuldige, derjenige, der seit zwei Jahren Eure Majestät zu hintergehen beabsichtigt und nur darauf wartet, tatsächlich Verrat zu üben, endlich durch einen unfehlbaren Beweis als schuldig befunden und der gerechten Strafe zugeführt wird.«

Karl erwiderte nichts darauf. Er ging an ein Fenster und öffnete es, denn das Blut stieg ihm zu Kopf.

Endlich kehrte er sich lebhaft um.

»Was würden Sie also tun? Reden Sie, Franz!«

»Sire,« sagte Alençon, »ich würde den Wald von Saint-Germain durch drei Abteilungen der leichten Reiterei umzingeln lassen. Die Abteilungen müßten sich zu einer festgesetzten Stunde, zum Beispiel um elf Uhr, in Bewegung setzen und alles, was sich im Walde befindet, gegen das Lusthaus Franz' des Ersten zusammentreiben. Dieses Lusthaus würde ich, wie zufällig, zum Versammlungsort für das Jagdfrühstück bestimmen. Dann, wenn alles meinem Falken nachjagt, würde ich sehen, daß Heinrich sich entfernt und würde sofort im scharfen Galopp zum Versammlungsplatz reiten. Dort müßte er mit seinen Verschwörern bereits festgenommen sein.« »Der Gedanke ist gut,« erwiderte der König, »man soll mir meinen Kapitän der Garde kommen lassen!«

Alençon zog ein silbernes Pfeifchen aus seinem Wams, das an einer goldenen Kette befestigt war, und pfiff.

Karl gab seine Befehle mit halblauter Stimme.

Unterdessen hatte sich der große Windhund Actäon eine Beute geholt, rollte sie über das ganze Zimmer und zerriß sie unter lustigen Sprüngen mit seinen prächtigen Zähnen.

Der König wendete sich um und stieß einen fürchterlichen Fluch aus. Actäons Beute war das kostbare Jagdbuch, von welchem es auf der ganzen Welt, wie schon einmal erwähnt wurde, nur drei Stücke gab.

Die Züchtigung entsprach daher auch dem Verbrechen. Karl griff zu einer Peitsche und sofort schlang sich der pfeifende Riemen dreimal um den Leib des Tieres. Actäon heulte auf und verschwand unter einem Tisch, über den ein riesiger, dem Tier Schutz gewährender Teppich gebreitet lag.

Mit großer Befriedigung merkte Karl, als er das Buch aufhob, daß nur eine einzige Seite herausgerissen war und daß es eine Seite mit einem Bild und keine bedruckte war.

Er legte das Buch auf einen Platz, der für Actäon unerreichbar war. Alençon beobachtete alles mit Unruhe. Er hätte es gerne gesehen, daß das Buch, das nunmehr seinen furchtbaren Zweck erfüllt hatte, nicht mehr in die Hände seines Bruders gelangte.

Es schlug sechs Uhr.

Das war die Stunde, zu der der König in den Hof herabkommen sollte, in dem es schon von reich aufgeputzten Pferden und prächtig gekleideten Menschen wimmelte. Die Jäger hielten die gehaubten Falken bereits auf der Faust. Einige Pikenreiter hatten Hifthörner umgenommen, für den Fall, daß der König, ermüdet von der Beizjagd, wie es öfters geschah, noch einen Damhirsch oder Rehe würde jagen wollen.

Der König begab sich hinab, nachdem er vorher seinen Waffensaal verschlossen hatte. Alençon verfolgte alle seine Bewegungen mit brennenden Blicken und bemerkte auch, wie er den Schlüssel des Saales in die Tasche steckte.

Im Hinabsteigen blieb er einen Augenblick lang auf der Treppe stehen und legte die Hand an die Stirne.

Die Beine des Herzogs von Alençon zitterten nicht weniger als die des Königs.

»Wahrhaftig,« stammelte er, »das Wetter sieht danach aus, als ob es ein Gewitter geben müßte!«

»Was, ein Gewitter im Monat Jänner?« sagte Karl. »Sie sind wohl verrückt? Nein, ich habe nur einen kleinen Schwindel, meine Haut ist trocken. Müde bin ich, das ist alles!«

Mit leiser Stimme fügte er noch bei: »Sie werden mich noch mit ihrem Haß und mit ihren Verschwörungen ganz zugrunde richten!«

Wie er aber seinen Fuß in den Hof setzte, wirkten die frische Morgenluft, die Rufe der Jäger und die lärmenden Begrüßungen von hundert versammelten Personen, wie gewöhnlich, günstig auf Karl ein.

Er atmete freier auf und wurde heiter.

Sein erster Blick hatte Heinrich gesucht. Heinrich befand sich neben Margarete.

Die zwei vortrefflichen Gatten schienen sich vor großer Liebe gar nicht mehr trennen zu können.

Wie jedoch Heinrich den König erblickte, gab Heinrich seinem Pferd beide Schenkel und nach drei kurzen Bogensprüngen befand er sich an der Seite seines Schwagers.

»Ah, ah!« meinte Karl, »Sie haben sich ja heute ein Jagdpferd für Damwild genommen, Henriot. Sie wissen doch, daß wir heute nur mit den Falken jagen wollen.«

Ohne aber eine Antwort abzuwarten, rief er den anderen zu: »Reiten wir, meine Herrn, reiten wir! Um neun Uhr müssen wir heute schon im besten Jagen sein!« Seine Brauen waren gerunzelt und der Ton seiner Stimme klang fast drohend, als er die Worte ausrief.

Katharina beobachtete alles aus einem Fenster des Louvre. Ein leicht gehobener Fenstervorhang gestattete ihrem blassen und verschleierten Kopf freien Ausblick, ihre schwarzgekleidete Gestalt verschwand aber im Halbschatten.

Unter der Führung Karls setzte sich nun diese geschmückte, aufgeputzte und von allerhand Wohlgerüchen strotzende Menge in Bewegung, ritt gedrängt durch die Pforten des Louvre, um sich dann wie eine Lawine über die Straße nach Saint-Germain zu wälzen. Das Volk grüßte den jungen König mit freudigen Rufen, während er sorgenvoll und nachdenklich auf seinem Pferde dahinritt, das weißer war als frischgefallener Schnee.

»Was hat er Ihnen gesagt?« fragte Margarete Heinrich.

»Er hat mich wegen meines vorzüglichen Pferdes beglückwünscht.«

»Das war alles?«

»Alles!«

»Er scheint demnach etwas zu wissen?«

»Ich fürchte sehr.«

»Wir müssen auf der Hut sein!«

Das Antlitz Heinrichs erheiterte sich, ein seines Lächeln flog, wie so oft, darüber hin und sollte, namentlich seiner Frau, nichts anderes sagen als: bleiben Sie nur ruhig, meine Liebste!

Unterdessen hatte Katharina, kaum daß der ganze Aufzug den Hof verlassen hatte, den Fenstervorhang fallen lassen. Eins aber war ihr nicht entgangen, die Blässe Heinrichs, sein aufgeregtes Gebaren und die heimliche Unterredung mit Margarete.

Heinrich war blaß, weil er kein Feuerkopf war und weil das Blut ihm, bei allen Gelegenheiten, wo sein Leben auf dem Spiele stand, nicht wie gewöhnlich in den Kopf stieg, sondern sich vielmehr in seinem Herzen sammelte.

Er war ein wenig aus der Fassung geraten, weil die Art, wie ihn Karl begrüßt hatte, so grundverschieden mit dem sonst üblichen freundlichen Empfang war und ihm daher auch einen merkwürdigen Eindruck gemacht hatte.

Schließlich aber hatte er darum mit Margarete verhandelt, weil, wie bekannt, Mann und Frau in vorliegendem Falle in politischen Dingen ein Schutz- und Trutzbündnis miteinander abgeschlossen hatten.

Katharina hatte allerdings ihre Beobachtungen ganz anders ausgelegt.

»Diesmal,« murmelte sie, »glaube ich, daß er gefaßt ist, der liebe Henriot!« und ein falsches, florentinisches Lächeln huschte über ihre Lippen.

Hierauf wollte sie sich vom Erfolg ihres Handelns überzeugen. Sie wartete noch eine Viertelstunde, und als sie glaubte, daß die Jagdgesellschaft Paris schon verlassen haben müßte, verließ sie ihre Wohnung, ging durch den Gang und dann über die Wendeltreppe hinauf. Mit Hilfe eines doppelten Schlüssels öffnete sie die Wohnung Heinrichs von Navarra.

Vergeblich suchte sie aber in der ganzen Wohnung das fragliche Buch. Vergeblich überflog ihr brennender Blick alle Tische, Gestelle und Querbretter in den Schränken, sie konnte das Buch nirgends finden.

»Alençon wird es schon weggenommen haben,« sagte sie sich, »das war sehr vorsichtig.«

Sie kehrte sodann wieder in ihre Wohnung zurück und war ziemlich sicher, diesmal mit einem Erfolg rechnen zu können.

Unterdessen schlug der König die Richtung gegen Saint-Germain ein, wo man im schlanken Trab schon nach anderthalb Stunden eintraf. Man ritt erst gar nicht zum alten Schloß hinauf, das sich erhaben und düster mitten aus kleinen verstreuten Häusern auf der Berghöhe erhob. Der Weg ging über eine Holzbrücke, die damals gerade gegenüber dem Baume gelegen war, den man heute noch die Eiche von Sully nennt. Hier gab man den beflaggten Fährbooten ein Zeichen, damit sie der Jagd folgen könnten und damit dem König und seiner Begleitung allenfalls die Möglichkeit geboten wäre, den Fluß zu überqueren.

Hierauf ritt die junge, lustige und mit so verschiedenen Neigungen erfüllte Gesellschaft mit dem König an der Spitze gegen die große Grasebene hin, die sich von der Waldhöhe von Saint-Germain bis zum Flusse hinabstreckt. Wie ein mit bunten Figuren übersäter Wandteppich sah gleich darauf die weite Ebene aus, und der Fluß mit seinen überschäumten Ufern bildete gleichsam den silbernen, fransenbehangenen Rand dieser Fläche.

Vor dem König auf seinem Schimmel, den Lieblingsfalken auf der Faust, marschierten die Falkeniere. Sie waren mit kurzen, grünen Röcken bekleidet und trugen hohe Stiefel. Durch Zurufe hielten sie ein halbes Dutzend rauhhaarige Beizhunde in Ordnung, die die schilfigen Ufer des Flusses durchstreiften.

In dem Augenblick hob sich die bisher von Wolken verdeckte Sonne aus dem finstern Meer empor, in dem sie untergetaucht war. Ein einzelner Strahl erleuchtete zuerst alles Gold, das Geschmeide und die vielen lebhaften Augen vor sich, bald aber wandelte das volle Licht den Jagdzug in einen feurigen Strom.

Als ob er auf das Erscheinen der Sonne gewartet hätte, damit seine Niederlage von ihrem goldenen Licht beleuchtet würde, hob sich jetzt ein Reiher aus den Schilfgründen empor und stieß einen langgezogenen, klagenden Schrei aus.

»Haw, haw!« rief Karl, zog seinem Falken die Haube ab und ließ ihn auf den Flüchtigen los.

»Haw, haw!« riefen einstimmig alle anderen und ermunterten den Stoßvogel.

Einen Augenblick lang war der Falke vom Glanz der Sonne geblendet und drehte sich um sich selbst herum. Dann holte er ein paar Male Ring, ohne vorerst noch eine Richtung zu wählen. Plötzlich aber eräugte er den Reiher und flog pfeilschnell auf ihn zu.

Mittlerweile hatte sich der Reiher, der sich auf mehr als hundert Schritte vor den Falkenieren in die Luft gehoben hatte, während der König den Falken enthaubte und dieser sich erst an das Licht gewöhnen mußte, als kluger Vogel in die Höhe geschraubt. Als ihn sein Gegner eräugte, war er daher schon in eine Höhe von über fünfhundert Fuß gelangt und, da er in den höheren Luftschichten weniger Widerstand für seinen kräftigen Flügelschlag fand, stieg er immer schneller.

»Haw, haw, Eisenschnabel!« rief Karl seinem Falken ermutigend zu. »Beweise, daß du von edler Art bist, haw, haw!«

Als ob der edle Vogel die ermunternde Aufforderung wirklich gehört hätte, so flog er jetzt dahin, einem Pfeil vergleichbar, der zuerst in einer wagrechten Flugbahn davonsauste, um dann in eine senkrechte, in die des Reihers, einzumünden. Der Reiher stieg noch immer in die Höhe, so, als ob er im blauen Äther verschwinden wollte.

»Ah, du doppelter Feigling!« rief Karl, als ob es der Flüchtige hätte hören können. Er sprengte sein Pferd in den Galopp ein und folgte der Jagd, so gut er es nur konnte. Sein Haupt hatte er zurückgebogen, um die zwei Vögel nicht einen Augenblick aus der Sicht zu verlieren. »Ah, doppelter Feigling, du fliehst! Mein Eisenschnabel hat Schneid, warte nur, warte nur. Haw, Eisenschnabel, haw!«

Der Kampf wurde jetzt tatsächlich sehenswert, denn die zwei Vögel näherten sich einander immer mehr, vielmehr erreichte der Falke allmählich den Reiher.

Eine Frage blieb jetzt, welcher von den beiden Vögeln nach dem ersten Angriff die Oberhand behalten würde.

Die Furcht hatte behendere Flügel als der Mut.

Mitgenommen von der Wucht seines Fluges, schoß der Falke knapp unter dem Bauch des Reihers, den er hätte überflügeln sollen, durch. Der Reiher nützte die Oberhand aus und versetzte ihm einen Hieb mit seinem Schnabelschwert.

Wie von einem Dolchstoß getroffen kreiste der Falke taumelnd einige Male um seine eigene Achse herum. Er schien betäubt zu sein und man glaubte, daß er herabsinken müßte. Doch wie ein verwundeter Krieger, der sich mit verdoppelter Wut vom Boden erhebt, stieß er eine Art scharfen Ruf aus seiner Kehle und nahm drohend den Flug auf den Reiher wieder auf.

Der Reiher hatte aber seinen Vorteil ausgenützt, änderte seine Flugrichtung und schlug einen scharfen Haken gegen den Wald. Jedenfalls hoffte er auf diese Art Raum zu gewinnen und durch wagrechte Flucht dem Gegner zu entkommen, was ihm durch den Höhenflug nicht gelungen war.

Doch dieser Falke war ein Tier edelster Zucht und hatte das Auge eines Geiers.

Er wiederholte den gleichen Angriff und schoß quer auf den Reiher herab. Dieser schrie zwei- oder dreimal ängstlich auf und versuchte, wie schon anfangs, senkrecht in die Höhe zu steigen.

Nach einigen Sekunden schien dieser edle Kampf damit endigen zu wollen, daß beide Vögel in den Wolken unsichtbar werden sollten. Der Reiher war bereits nicht größer als eine Lerche, und der Falke schien ein schwarzer Punkt zu sein, der mit jedem Augenblick ganz zu verschwinden drohte.

Weder Karl noch der Hof ritten den Vögeln nach. Jeder stand wie gebannt auf seinem Platze und hatte die Augen auf den Verfolger und den Verfolgten gerichtet.

»Bravo, bravo, Eisenschnabel!« rief plötzlich der König. »Sehen Sie, sehen Sie doch, meine Herrn, er ist jetzt über ihm. Haw, haw!«

»Meiner Treu, ich muß gestehen, daß ich weder den einen noch den anderen sehe!« erklärte Heinrich.

»Auch ich sehe nichts!« gestand Margarete.

»Ja, doch wenn du nichts mehr siehst, Henriot, so kannst du sie doch ganz gut hören,« sagte Karl, »den Reiher wenigstens, hörst du ihn, hörst du ihn? Er bettelt um Gnade!«

Zwei oder drei Klagerufe, die nur ein sehr geübtes Ohr vernehmen konnte, drangen vom Himmel zur Erde.

»Höre doch, höre!« rief Karl. »Du wirst sie gleich schneller herabfliegen sehen, als sie hinaufgekommen sind.«

Kaum hatte der König diese Worte gesprochen, als man tatsächlich die beiden Vögel wieder erscheinen sah.

Es waren nur zwei Punkte, doch aus der verschiedenen Größe der zwei Punkte konnte man leicht feststellen, daß der Falke die Oberhand hatte.

»Sehen Sie, sehen Sie!« schrie Karl. »Eisenschnabel hat ihn schon gefaßt!«

Vom Raubvogel arg bedrängt, versuchte der Reiher sich tatsächlich nicht mehr zu verteidigen. Er kam rasch aus der Höhe herunter und wurde vom Falken unaufhörlich mit dem Schnabel geschlagen. Er antwortete nur mehr mit ängstlichem Geschrei, und plötzlich faltete er die Flügel zusammen, um sich wie ein Stein gegen die Erde fallen zu lassen. Sofort aber machte der Falke es nach, und als der Flüchtige wieder zum Schwingenschlag ausholen wollte, gab ihm ein letzter Schnabelhieb den Rest. Indem er sich ein paarmal überschlug, stürzte er weiter hinab und in dem Augenblick, als er den Erdboden berührte, stieß der Falke auf ihn und krallte sich in seine Seite ein. Ein Krächzen, das wie ein Siegesruf klang, übertönte die Schmerzlaute des Besiegten.

»Zum Falken, zum Falken!« rief Karl und galoppierte sofort in die Richtung hin, in der die zwei Vögel niedergegangen waren.

Doch plötzlich parierte er ganz kurz, stieß selbst einen Schrei aus, ließ die Zügel fallen und krampfte sich mit einer Hand in die Mähne des Pferdes fest. Mit der andern Hand griff er sich zum Magen hin, als ob er seine Eingeweide zerreißen wollte.

Auf den Schrei hin ritten alle Höflinge eiligst herbei.

»Es ist nichts, es ist nichts!« stöhnte Karl mit stammendem Gesicht und verstörten Augen. »Mir kam es nur so vor, als ob mir jemand den Magen mit einem glühenden Eisen durchbohre. Vorwärts, vorwärts, es ist nichts!«

Und der König galoppierte wieder an.

Alençon erbleichte.

»Was gibt es denn nun schon wieder?« fragte Heinrich Margarete.

»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »aber haben Sie es bemerkt, mein Bruder ist purpurrot im Gesichte geworden!«

»Das ist er allerdings für gewöhnlich nicht!« meinte Heinrich.

Die Leute vom Hof sahen sich erstaunt an und folgten dem König.

Man kam an den Platz, auf dem sich beide Vögel überschlagen hatten. Der Falke kröpfte bereits das Gehirn des Reihers.

Karl sprang sofort vom Pferde ab, um sich den Kampf aus der Nähe anzusehen.

Aber als er auf dem Boden stand, sah er sich genötigt, sich am Sattel festzuhalten; er hatte das Gefühl, als ob sich die Erde unter ihm drehe. Und gleichzeitig empfand er das dringende Bedürfnis zu schlafen.

»Mein Bruder, mein Bruder,« rief Margarete, »was fehlt Ihnen?«

»Ich habe beiläufig das gleiche Gefühl, das Porcia haben mußte, als sie ihre glühenden Kohlen verschlang. Mein Körper brennt und mich deucht, daß sogar mein Atem feurig ist!« erwiderte der König.

Er blies seinen Atem aus und schien erstaunt zu sein, daß er keine Flamme sah.

Mittlerweile hatte man den Falken abgehoben und wieder behaubt. Alles hatte sich jetzt um Karl versammelt.

»Also, also, was soll das nur heißen? Beim Leib Christi! Es ist nichts; wenn es aber etwas sein sollte, dann muß die Sonne daran schuld sein, sie sprengt mir den Schädel und sengt mir die Augen aus! Vorwärts, vorwärts, auf zur Jagd, meine Herrn, dort sehe ich ein Schof junger Wildenten fliegen! Alles darauf loslassen, alles loslassen ... alle Teufel, wir wollen uns ja unterhalten!« rief der König.

Sofort enthaubte man sechs oder sieben Falken und ließ sie stiegen. Sie schlugen gleich die Richtung auf das Wild ein, während die ganze Jagdgesellschaft, der König an ihrer Spitze, wieder zum Flußufer ritt.

»Was sagen Sie nun, Madame?« fragte Heinrich Margarete.

»Daß der Augenblick günstig ist und daß wir, falls der König sich nicht umdreht, sehr leicht von hier den Wald erreichen können.«

Heinrich rief den Falkenier zu sich, der den toten Reiher trug. Während sich die lärmende, goldglänzende Lawine über den Hang, der jetzt gestuft ist, herunterwälzte, blieb er allein zurück, als ob er sich ungestört den Körper des erjagten Vogels genauer ansehen wollte.

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