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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Das Jagdbuch

Sechsunddreißig Stunden waren nach diesen Ereignissen vergangen. Der Tag begann erst anzubrechen, doch im Louvre war, wie gewöhnlich an Jagdtagen, schon alles auf den Beinen. Der Herzog von Alençon begab sich um diese Zeit zu seiner Mutter, gemäß der Aufforderung, die sie an ihn hatte ergehen lassen.

Die Königin-Mutter befand sich nicht in ihrem Schlafzimmer, hatte jedoch befohlen, den Herzog zu empfangen und ihn zu bitten, auf sie warten zu wollen.

Nach einer Weile kam sie aus einem geheimen Nebenzimmer, zu dem niemand Zutritt hatte und in das sie sich zurückzuziehen pflegte, wenn sie ihre chemischen Versuche machen wollte.

Gleichzeitig mit der Königin kam teils durch die halboffene Tür, teils an ihren Kleidern haftend, ein scharfer, durchdringender Geruch mit in das Zimmer und der Herzog von Alençon bemerkte durch die Türöffnung einen dichten Dampf, als ob im Nebenraum irgendein Räucherwerk verbrannt worden wäre. Weiße Wolken schwebten dort auf und nieder, als die Königin heraustrat.

Der Herzog konnte sich einen neugierigen Blick nicht versagen.

»Ja,« sagte Katharina von Medici, »ja, ich habe einige alte Pergamente verbrannt und diese Pergamente haben so entsetzlich gerochen, daß ich Wacholder auf den Rost geworfen habe; daher jetzt dieser Geruch.«

Alençon verbeugte sich.

»Nun?« fragte Katharina und versteckte ihre Hände in den weiten Ärmeln ihres Schlafrockes, weil sie von gelben und rötlichen Flecken übersät waren. »Was gibt es Neues seit gestern?«

»Nichts, liebe Mutter.«

»Haben Sie Heinrich gesehen?«

»Ja.«

»Er weigert sich noch immer abzureisen?«

»Unbedingt!«

»Der Betrüger!«

»Was sagen Sie, Madame?«

»Ich sage, daß er dennoch fortgehen wird!«

»Glauben Sie?«

»Ganz sicher bin ich dessen!«

»Demnach kommt er uns aus?«

»Ja!« sagte Katharina.

»Und Sie lassen ihn fort?«

»Ich lasse ihn nicht fort, sondern ich will noch mehr: es ist sogar notwendig, daß er fortgeht!«

»Ich verstehe Sie nicht, liebe Mutter.«

»Nun, so hören Sie gut zu, Franz! Ein sehr geschickter Arzt, derselbe, der mir das Jagdbuch gegeben hat, das Sie ihm bringen werden, hat als gewiß hingestellt, daß der König von Navarra auf dem Punkt steht, von einer bösen Krankheit, einer Art Auszehrung, befallen zu werden. Das soll ein unheilbares Übel sein, dem die Wissenschaft machtlos gegenübersteht. Sie verstehen also, daß, wenn er schon an einem so grausamen Leiden zugrunde gehen soll, es besser ist, ihn weit weg von uns und nicht unter unseren Augen und bei Hof sterben zu lassen.«

»Wahrhaftig,« sagte der Herzog, »das würde uns große Sorgen machen.«

»Und namentlich Ihrem Bruder Karl. Wenn aber Heinrich als Abtrünniger stirbt, dann wird der König seinen Tod nur als Strafe Gottes betrachten.«

»Sie haben recht, liebe Mutter,« sagte Franz mit aufrichtiger Bewunderung. »Er muß fort! Sind Sie aber sicher, daß er wirklich weggehen wird?«

»Alle Maßnahmen sind fertig. Das Zusammentreffen ist im Wald von Saint-Germain vereinbart. Fünfzig Hugenotten sollen ihn bis Fontainebleau begleiten, wo ihn fünfhundert andere erwarten werden.«

»Und wird ihn meine Schwester Margot begleiten?« fragte Alençon zögernd und sichtlich erbleichend.

»Ja, das ist eine beschlossene Sache,« erwiderte Katharina; »doch wenn Heinrich einmal tot ist, kehrt Margot an den Hof und nach Paris zurück, denn dann ist sie Witwe und frei.«

»Und Heinrich wird sterben, Madame? Sind Sie dessen sicher?«

»Der Arzt, der mir das fragliche Buch übermittelte, hat es wenigstens bestimmt behauptet.«

»Wo ist das Buch, Madame?«

Katharina ging langsamen Schrittes in das geheimnisvolle Nebenzimmer, verschwand darin und kehrte einen Augenblick später mit dem Buch in der Hand zurück.

»Hier ist es!« sagte sie.

Alençon betrachtete das Buch, das ihm die Königin-Mutter entgegenhielt, mit einer gewissen Angst.

»Und was ist das für ein Buch?« fragte er schaudernd.

»Ich sagte es Ihnen schon, mein Sohn, es ist eine Arbeit über die Kunst Falken, Geier und Sperber zur Jagd abzurichten, das Werk eines sehr gelehrten Mannes, des Herrn Castruccio Castracani, des Tyrannen von Lucca.«

»Was soll ich damit?«

»Aber Sie sollen es doch Ihrem guten Freund Henriot übergeben, der Sie um ein Buch dieser Art gebeten hat, wie Sie mir erzählten, um sich in der Kunde für Vogelbeize auszubilden. Da er und der König heute mit den Falken jagen werden, wird er sicherlich vorher ein paar Seiten des Buches lesen wollen, um dem König zu zeigen, daß er seinen Rat befolgt hat und sein Wissen vervollständigt. Die Hauptsache ist, es ihm selbst zu übergeben.«

»Oh, ich werde es nicht wagen!« sagte der Herzog zusammenfahrend.

»Warum denn nicht?« meinte Katharina. »Es ist ein Buch, wie jedes andere, nur war es eben sehr lange in einem Schrank verschlossen, so daß die Seiten aneinander geklebt sind. Versuchen Sie es nicht, Franz, das Buch zu lesen, denn man kann es auch nicht lesen, ohne die Finger zu befeuchten, um ein Blatt von dem andern zu trennen. Das nimmt viel Zeit und verursacht auch große Mühe.«

»So sehr, daß es nur einen Mann gibt, der, um sich nach eigenem brennenden Wunsche auszubilden, die Zeit damit verlieren darf und sich die Mühe nehmen muß?« fragte Alençon.

»Sehr richtig, mein Sohn, Sie verstehen mich.«

»Oh!« rief plötzlich der Herzog, »da sehe ich schon Heinrich im Hof! Geben Sie mir das Buch, Madame, geben Sie es mir rasch. Ich will seine Abwesenheit benützen und das Buch bei ihm hinterlegen. Wenn er nach Hause kommt, wird er es finden.«

»Ich würde es lieber sehen, wenn Sie ihm das Buch persönlich überreichen, Franz, denn das wäre jedenfalls sicherer.«

»Ich sagte Ihnen schon, Madame, daß ich mich nicht trauen würde, es ihm zu geben,« wiederholte der Herzog.

»Ach, gehen Sie! Legen Sie es wenigstens deutlich und sichtbar hin.«

»Soll ich es offen hinlegen? ... Wäre es unzweckmäßig, es offen auf einen Tisch zu legen?«

»Gewiß nicht.«

»Dann geben Sie es mir.«

Alençon empfing das Buch mit zitternder Hand, das ihm Katharina mit entschlossener Festigkeit überreichte.

»Nehmen Sie es nur,« sagte sie hierbei, »es ist keine Gefahr dabei, da ich es ja selbst berühre; und übrigens haben Sie ja Handschuhe.«

Auch dieser Schutz genügte Alençon nicht, er wickelte das Buch in seinen Mantel ein.

»Tummeln Sie sich,« sagte Katharina, »beeilen Sie sich, in jedem Augenblick kann Heinrich wieder die Steige heraufkommen.«

»Sie haben recht, Madame, ich gehe schon!«

Und der Herzog eilte, wankend vor Erregung, zur Tür hinaus.

Schon einige Male hat uns der Leser in die Gemächer des Königs von Navarra begleitet und hat hier heiteren oder auch schrecklichen Auftritten beigewohnt, hat gesehen, wie der Schutzgeist des zukünftigen Königs von Frankreich entweder mit lächelnder oder mit drohender Miene seine Sendung erfüllte.

Aber niemals vielleicht hatten noch diese Mauern, sei es, daß sie vom Blut eines Gemordeten besudelt, sei es, daß sie vom Wein eines Zechgelages besprengt oder von den Wohlgerüchen der Liebe umgeben waren, niemals hatte diese Ecke des Louvre ein bleicheres Gesicht gesehen, als das des Herzogs von Alençon, der, mit einem Buche in der Hand, die Tür des Schlafzimmers des Königs von Navarra öffnete.

Und doch war, wie es auch der Herzog erwartet hatte, niemand in dem Zimmer, der mit neugierigem oder unruhigem Auge hätte beobachten können, was er zu tun beabsichtigte. Das junge Morgenlicht beleuchtete das Zimmer vollständig, es war leer.

An der Mauer hing jener Degen in Bereitschaft, den Herr von Mouy mitzunehmen anempfohlen hatte. Einige Glieder eines Panzergürtels lagen verstreut auf dem Boden umher. Eine wohlgespickte Börse und ein Dolch waren auf einen Tisch gelegt worden, und im Kamin zitterten dünne und leichte Aschenreste. Alle diese Kennzeichen zusammen erklärten dem Herzog deutlich, daß der König von Navarra ein Panzerhemd umgenommen und von seinem Schatzmeister Geld verlangt hatte, daß er aber auch verdächtige Papiere verbrannt hatte.

»Meine Mutter hat sich nicht geirrt,« sagte Alençon, »der Betrüger wollte mich im Stich lassen.«

Diese Überzeugung gab dem jungen Mann zweifellos neue Kräfte. Er prüfte neuerlich alle Ecken des Zimmers, hob die Vorhänge der Türen in die Höhe und schloß aus dem Lärm, der im Hof erschallte, und aus der großen Ruhe, die in den Gemächern herrschte, daß ihn wirklich niemand zu belauschen beabsichtigte. Darum zog er jetzt das Buch unter seinem Mantel hervor und legte es rasch auf den Tisch. Dann lehnte er es an ein Pult aus geschnitztem Eichenholz an, trat rasch zurück und öffnete es mit ausgestreckten Armen und einem Zögern, das seine Angst verriet. Mit den behandschuhten Fingern blätterte er eine Seite auf, auf der sich ein Jagdbild befand.

Gleich darauf trat der Herzog abermals drei Schritte zurück, streifte den Handschuh ab und warf ihn auf den noch glühenden Kaminrost, auf dem die Papiere verbrannt worden waren. Das geschmeidige Leder kreischte auf den Kohlen, wand sich und blähte sich wie ein totes Gewürm auf, dann aber blieb bald nur ein schwarzer, gekräuselter Rest von dem Handschuh übrig.

Alençon blieb solange, bis die Glut den Handschuh ganz verzehrt hatte, hierauf rollte er den Mantel zusammen, in dem das Buch eingehüllt gewesen war, nahm ihn unter seinen Arm und eilte lebhaft in seine Wohnung zurück. Als er in sein Zimmer eintrat, hörte er klopfenden Herzens Schritte auf der Wendeltreppe, und da er nicht zweifelte, daß es der heimkehrende Heinrich sein müßte, der da heraufkam, so verschloß er schleunigst seine Tür.

Dann stürmte er auf sein Fenster los. Er sah jedoch im Hof des Louvre nur einen Teil des versammelten Hofstaates, und da Heinrich sich unter diesen Personen nicht befand, war er immer mehr überzeugt davon, daß der König von Navarra in seine Wohnung gegangen war.

Der Herzog setzte sich, nahm ein Buch zur Hand und versuchte zu lesen. Es war eine Geschichte Frankreichs, von Pharamund angefangen bis zu Heinrich dem Zweiten, der dieser kurz nach seiner Thronbesteigung die staatliche Genehmigung erteilt hatte.

Doch des Herzogs Gedanken blieben nicht dabei, das Fieber der Erwartung brannte in seinen Adern. Der schlagende Puls in seinen Schläfen setzte sich bis in sein Gehirn fort. Wie im Traum oder wie in der Verklärung eines Zwangsschlafes glaubte er plötzlich durch die Mauern zu sehen. Sein Blick fiel in das Zimmer Heinrichs trotz des dreifachen Hindernisses, das ihn von diesem trennte.

Um den schrecklichen Gegenstand, den er mit seinem geistigen Auge fort vor sich sah, zu verdrängen, versuchte der Herzog den wirklichen Blick auf andere Gegenstände zu lenken, er wollte nicht fortwährend das fürchterliche Buch auf dem Eichenpult sehen, nicht das aufgeschlagene Bild vor seinen Augen haben. Aber vergeblich nahm er nacheinander verschiedene Waffen in die Hand, betrachtete alle seine Schmuckstücke, maß hundertmal die gleiche Wegstrecke auf dem Fußboden mit großen Schritten; immer wieder stand das Bild mit allen Einzelheiten vor ihm, das er beim Aufschlagen des Buches doch nur flüchtig gesehen hatte. Es war ein adeliger Herr zu Pferd, der selbst das Amt einer Falkeniers besorgte. Er ritt im starken Galopp durch hohes Sumpfgras und schwang das Federspiel, um den Falken auf seine Faust zurückzurufen. So nachdrücklich auch der Wille des Herzogs war, die Erinnerung überwand ihn ununterbrochen.

Dann sah er aber nicht mehr nur das Bild allein, er sah auch den König von Navarra, sah wie der sich dem Buch näherte, wie er das Bild betrachtete, die Blätter umzuwenden versuchte und wie er, da die Seiten sich nicht aufschlagen ließen, den Daumen befeuchtete, das Hindernis überwand und die Blätter entfaltete.

Und dieser eingebildete, vorgespiegelte Anblick veranlaßte den aus der Fassung geratenen Herzog, sich mit der Hand auf einen Tisch zu stützen, wankend hielt er die andere Hand vor den Augen, wollte das Bild nicht mehr sehen, das ihm jedoch so nur noch deutlicher vor die Seele trat.

Denn dieser Anblick war nur ein Werk seiner Einbildungskraft.

Plötzlich sah Alençon Heinrich über den Hof schreiten. Er blieb einen Augenblick lang vor einigen Männern stehen, die den Mundvorrat für die Jagd auf zwei Maulesel aufpackten. Tatsächlich bestand dieser Vorrat aus Geld und anderen nötigen Reisemitteln. Nachdem er einige Befehle erteilt hatte, ging er quer über den Hof und schlug die Richtung gegen die Eingangspforte ein.

Unbeweglich stand Alençon auf seinem Platze. Es war also nicht Heinrich gewesen, der über die geheime Stiege heraufgekommen war. Alle Ängstlichkeit, die er seit einer Viertelstunde empfunden, war demnach überflüssig gewesen. Das, was er schon für beendet hielt, mußte von vorne angefangen werden.

Der Herzog öffnete seine Zimmertür und horchte dann an der verschlossenen Eingangstür zum Gang hinaus. Diesmal täuschte er sich nicht, es war Heinrich, der heraufkam. Er erkannte seinen Schritt und hörte sogar das eigentümliche Klingeln der Spornrädchen.

Die Wohnungstür Heinrichs ging auf und wurde wieder geschlossen.

Alençon kehrte in sein Zimmer zurück und ließ sich in einen Stuhl niedersinken.

»Gut,« meinte er, »gegenwärtig vollzieht sich also folgendes: er ist durch das Vorzimmer gegangen, dann durch den ersten Wohnraum und ist schließlich in sein Schlafzimmer gelangt. Dort angekommen, wird er zuerst mit einem Blick seinen Degen, seine Börse und seinen Dolch suchen, und endlich wird er auf dem Gebrauchstisch das aufgeschlagene Buch finden. ›Was ist das für ein Buch?‹ wird er sich sagen, ›wer hat mir das hergelegt?‹ Dann wird er sich dem Buch nähern, wird das Bild mit dem Reiter sehen, der seinen Falken lockt, wird lesen wollen, wird versuchen die Seiten umzublättern.«

Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des Herzogs.

»Wird er rufen?« fragte er sich. »Ist das Gift vielleicht von plötzlicher Wirkung? Nein, nein, meine Mutter sagte doch, daß er langsam an der Auszehrung sterben müßte.«

Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig.

Zehn Minuten vergingen so, eine ewige Zeit für eine Seelenqual, eine Zeit, die nur Sekunde um Sekunde verrinnt und in jeder Sekunde wächst der sinnlose Schrecken einer Einbildung, entstehen ganze Welten von Sinnestäuschungen.

Endlich hielt es Alençon nicht länger aus, er erhob sich und ging durch sein Vorzimmer durch, das sich mit Edelleuten angefüllt hatte.

»Gruß, meine Herren,« sagte er, »ich gehe zum König hinunter!«

Um sich über die quälende Unruhe hinwegzutäuschen, um vielleicht ein Alibi vorzubereiten, stieg Alençon tatsächlich über die Treppe zum König hinunter. Warum ging er hinunter? ... er wußte es selbst nicht. Was hatte er dem König zu sagen? ... nichts! Es war nicht Karl, den er suchte, es war Heinrich, den er floh.

Er benützte die kleine Wendeltreppe und fand die Tür des Königs halb offen.

Die Gardesoldaten ließen den Herzog ohne weiteres eintreten, an Tagen der Jagd gab es keine Hofsitte und keine Wachverhaltungsmaßregeln.

Franz durchschritt das Vorzimmer, den Empfangsraum und das Schlafzimmer, ohne jemandem zu begegnen. Er zweifelte nicht daran, daß sich der König in seinem Waffensaal befände, und stieß die Tür auf, die aus dem Schlafzimmer in jenen Raum führte.

Karl saß vor einem Tisch, in einem großen Stuhl mit geschnitzter, spitz zulaufender Rücklehne. Er kehrte der Tür, durch die Franz eingetreten war, den Rücken. Er schien sich mit etwas zu beschäftigen, das ihn ganz für sich in Anspruch nahm.

Auf den Fußspitzen näherte sich der Herzog, der König las.

»Bei Gott!« rief er plötzlich, »das ist ein wunderbares Buch. Ich hörte wohl davon schon sprechen, doch ich dachte nicht, daß es in Frankreich zu finden wäre.«

Alençon wurde noch aufmerksamer und trat einen Schritt vor.

»Die verfluchten Blätter!« brummte der König und führte seinen Daumen an die Lippen. Dann legte er ihn auf die Blätter, um die Seiten, die er schon gelesen hatte, von den andern zu trennen. »Man möchte glauben, daß jemand die Blätter aneinander geklebt hat, um den vorzüglichen Inhalt Menschenblicken zu entziehen.«

Der Herzog machte einen Sprung nach vorwärts.

Dieses Buch, über das sich der König neigte, war dasselbe, das er in das Zimmer Heinrichs gelegt hatte.

Ein dumpfer Schrei entfloh seinen Lippen.

»Ah! Sie sind es, Alençon?« fragte der König. »Ich heiße Sie willkommen! Sehen Sie sich einmal dieses Jagdbuch an, das beste, das je ein Mensch geschrieben hat!«

Das erste, was Alençon tun wollte, war, dem König das Jagdbuch aus den Händen zu reißen. Doch ein teuflischer Gedanke hielt ihn plötzlich auf seinem Platz zurück, und ein schreckenerregendes Lächeln verzerrte seine fahlen Lippen, er führte die Hand an die Augen, wie ein Mensch, der auf einmal geblendet wird.

Langsam nur gelang es ihm, sich zu beherrschen, und ohne einen Schritt nach vorwärts oder nach rückwärts zu tun, fragte er: »Sire, wieso kommt dieses Buch in die Hände Eurer Majestät?«

»Ganz einfach! Ich bin in der Früh zu Henriot gegangen, um nachzusehen, ob er schon fertig wäre. Er war aber nicht mehr zu Hause. Zweifellos lief er schon in den Pferdeställen und Hundezwingern herum. Statt seiner fand ich jedoch diesen Schatz hier, den ich mit mir heruntergenommen habe, um nach Herzenslust darin lesen zu können.«

Und noch einmal führte der König den Daumen an die Lippen, um ein widerspenstiges Blatt zu wenden.

»Sire,« stammelte Alençon, dem fast die Haare zu Berge standen und dessen Körper von einer fürchterlichen Angst geschüttelt wurde, »Sire, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen...«

»Lassen Sie mich noch dieses Kapitel beenden, Franz,« sagte Karl, »und nachher können Sie mir nach Wunsch alles erzählen. Fünfzig Seiten habe ich schon gelesen, das heißt eigentlich verschlungen!«

»Also fünfundzwanzigmal hat er bereits Gift zu sich genommen!« sagte sich Franz. »Mein Bruder ist ein toter Mann!«

Dann dachte er daran, daß es einen Gott im Himmel gibt, der vielleicht doch nicht nur der Zufall war.

Mit zitternder Hand wischte er sich die Schweißperlen von der Stirne und wartete, ohne ein Wort zu sagen und wie es ihm sein Bruder anbefohlen hatte, auf die Beendigung des Kapitels.

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