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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Vertrauliche Mitteilungen

Das erste, was der Herzog von Anjou bei seiner Rückkehr in den Louvre erfuhr, war, daß der feierliche Einzug der Gesandten erst in fünf Tagen stattfinden sollte. Schneider und Juweliere erwarteten den Prinzen mit prächtigen Kleidungsstücken und wundervollem Geschmeide, das der König für seinen Bruder bei ihnen bestellt hatte.

Grimmig und mit tränenden Augen probierte er Kleider und Schmuck an, während sich Heinrich von Navarra in seinem Zimmer an einer prachtvollen smaragdenen Halskette, an einem Degen mit goldenem Griff und an einem kostbaren Ring freute, Geschenke, die ihm Karl am gleichen Morgen geschickt hatte.

Alençon hatte ein Schreiben erhalten und hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen, um den Brief ungestört lesen zu können. Coconas hingegen suchte seinen Freund an allen Ecken und Enden des Louvre.

Wie begreiflich war Coconas, als zu seiner Überraschung La Mole die ganze Nacht über nicht nach Hause gekommen war, am Morgen sehr unruhig geworden. Er hatte sich daher auf die Suche nach seinem Freund aufgemacht und begann seine Umfrage im Gasthof »Zum schönen Sternbild«, ging dann in die Straße Cloche-Percée, von da in die Straße Tizon, hierauf zur Brücke Saint-Michel und kehrte von dort wieder in den Louvre zurück.

Diese Erkundung war bei den Persönlichkeiten, die in Frage kamen, auf sehr eigenartige Weise, mitunter auch herausfordernd, von Coconas durchgeführt worden, was nicht zum Verwundern ist, wenn man das Wesen Coconas kannte. Seine sonderliche Art hatte unter andern auch einen Wortwechsel zur Folge gehabt, der zwischen ihm und drei Herrn vom Hofe entstanden war und nach damaliger Sitte seine Lösung nur auf dem Kampfplatze finden konnte. Coconas hatte die Zweikämpfe mit der gleichen Gewissenhaftigkeit erledigt, die er in solchen Fällen stets zu beobachten pflegte: Er hatte den ersten Gegner getötet und die zwei anderen verwundet und hierbei waren ihm immer nur die bedauernden Worte über die Lippen gekommen: »Ach, der arme La Mole, er konnte so gut Lateinisch sprechen!«

Schließlich hatte der letzte der Gegner, der Baron von Boissey, gerade während er verwundet zu Boden gefallen war, gemeint: »Ah, um des Himmels willen, Coconas, bringe doch ein wenig Abwechslung in deine Worte hinein und sage wenigstens, daß er auch Griechisch gekannt hat!«

Endlich wurde das nächtliche Abenteuer im Gange des Louvre überallhin ruchbar. Coconas empfand bittere Schmerzen, denn er hatte eine Zeitlang geglaubt, daß alle die Könige und Prinzen ihm seinen Freund getötet und dann seinen Leichnam in irgendeinen Ort der Vergessenheit geworfen hätten.

Er hörte auch, daß Alençon bei dem Unternehmen beteiligt gewesen sei, und ganz ohne Rücksicht auf die Hoheit dieses Prinzen von königlichem Geblüt, suchte er den Herzog auf und verlangte eine Erklärung, wie er sie von einem gewöhnlichen Edelmann verlangt hätte.

Der Herzog von Alençon hatte anfangs große Lust, den Unverschämten, der Rechenschaft über sein Tun und Lassen forderte, vor die Tür setzen zu lassen. Coconas aber sprach so kurz und trocken, seine Augen funkelten so gewaltig und die drei in weniger als vierundzwanzig Stunden erledigten Zweikämpfe hatten das Ansehen des Piemontesen so bedeutend erhöht, daß der Herzog seine ursprüngliche Absicht überlegte und im Gegenteil seinem Edelmann mit dem freundlichsten Lächeln folgendes sagte: »Mein lieber Coconas, es ist allerdings wahr, daß der König, wütend über den Silberkrug, der seine Schulter getroffen, der Herzog von Anjou, geärgert, daß eine Kompottschüssel seinen Kopf beschmutzt, und der Herzog von Guise, gedemütigt, weil ihn ein Stück Schweinswildbret geohrfeigt hatte, beschlossen hatten, den Herrn von La Mole zu töten. Doch ein Freund Ihres Freundes hat diesen Streich verhindert. Die Absicht ist also vereitelt worden, ich gebe Ihnen mein fürstliches Ehrenwort!«

»Ah!« erwiderte Coconas und seufzte bei dieser Versicherung wie ein Schmiedebalg auf. »Ah, verdammt! Das ist angenehm zu hören, gnädigster Herr, und ich möchte diesen Freund gerne kennen lernen, um ihm meine Dankbarkeit zu bezeigen.«

Der Herzog antwortete nicht, doch er lächelte noch freundlicher, als er es zuvor getan. Das ließ Coconas glauben, daß jener rettende Freund niemand anderes gewesen sein könnte als der Prinz selbst.

»Nun gut, gnädigster Herr,« sagte er, »da Sie so gut waren, mir den Anfang der Geschichte zu erzählen, bitte ich Sie in Ihrer Güte noch ein übriges zu tun und mir das Ende mitzuteilen. Man wollte demnach La Mole töten, man hat ihn jedoch nicht getötet, sagen Sie ... nun also, was hat man mit ihm gemacht? Ich bin mutig genug, sprechen Sie nur, ich kann eine schlechte Nachricht ertragen! Man hat ihn in irgendein Loch eines unterirdischen Gefängnisses geworfen, nicht wahr? Umso besser, das wird ihn wenigstens für alle Zukunft vorsichtiger machen. Er will nie auf meine Ratschläge hören. Übrigens wird man ihn dort herausziehen, verdammt! Die Steine sind nicht für jedermann so hart geschaffen!«

Alençon schüttelte den Kopf.

»Das Böse an der Sache, mein tapferer Coconas, besteht darin,« meinte er, »daß dein Freund seit dem Abenteuer verschwunden ist, ohne daß man weiß, wohin er sich begeben haben könnte.«

»Verdammt!« rief der Piemontese und erblaßte neuerlich. »Sollte er auch in der Hölle sein, ich werde trotzdem in Erfahrung bringen, wo er ist!«

»Höre mich einmal an,« sagte der Herzog, der aus anderer Ursache geradeso gerne gewußt hätte, wo La Mole steckte, »ich werde dir einen freundschaftlichen Rat geben.«

»Tun Sie das, gnädigster Herr, tun Sie das!«

»Suche die Königin Margarete auf, sie muß wissen, was aus dem geworden ist, den du beweinst!«

»Ich will es Eurer Hoheit eingestehen,« erwiderte Coconas, »daß ich schon längst daran gedacht habe, daß ich es aber nicht gewagt habe. Denn abgesehen davon, daß mir die Königin Margarete mehr Achtung einflößt, als ich es beschreiben könnte, fürchtete ich, auch sie in Tränen vorzufinden. Da mir aber Eure Hoheit jetzt sagen, daß La Mole nicht tot ist und daß Ihre Majestät wissen muß, wo er sich befindet, so werde ich den nötigen Bedarf an Mut sammeln und werde die Königin aufsuchen.«

»Geh nur hin, mein Freund,« bekräftigte Herzog Franz, »und wenn du Neuigkeiten erfährst, so teile sie mir auch mit, denn ich bin tatsächlich genau so in Sorge wie du. Nur in einem Punkte mußt du vorsichtig sein, Coconas ...«

«Inwiefern?«

»Du darfst niemand sagen, daß du in meinem Auftrag kommst, denn wenn du diese Unvorsichtigkeit begehst, wirst du wahrscheinlich gar nichts erfahren.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Coconas, »in dem Augenblick, wo mir Eure Hoheit das Geheimnis in dem Maß zu hüten anempfehlen, bin ich schon still und stumm wie ein Fisch oder wie die Königin-Mutter!«

»Guter Prinz, ausgezeichneter Prinz, hochherziger Prinz!« brummte Coconas vor sich hin, als er sich gleich darauf zur Königin Margarete begab.

Margarete erwartete Coconas, denn das Gerücht von seiner Verzweiflung war schon bis an ihr Ohr gedrungen. Als sie vernommen hatte, in was für Heldenstücklein diese Verzweiflung Ausdruck gefunden hatte, war sie im Begriffe gewesen, Coconas wegen der etwas ungehobelten Behandlung seiner besten Freundin, der Herzogin von Nevers, zu verzeihen. Infolge eines argen Zwistes, der schon seit zwei oder drei Tagen zwischen ihnen bestand, hatte sich nämlich der Piemontese gar nicht mehr um die Herzogin gekümmert. Trotzdem wurde er, kaum angemeldet, auch schon bei der Königin vorgelassen.

Coconas trat ein und konnte die gewisse Verlegenheit, von der er schon dem Herzog von Alençon Erwähnung getan und die ihn der Königin gegenüber immer erfaßte, nicht ganz bemeistern. Allerdings war diese Verlegenheit mehr durch die geistige Überlegenheit der Königin als durch ihre hohe Stellung hervorgerufen, doch Margarete empfing den jungen Mann mit einem so freundlichen Lächeln, daß er seine Fassung gleich wiedergewonnen hatte.

»Madame,« sagte er, »geben Sie mir meinen Freund zurück, ich flehe Sie an oder sagen Sie mir wenigstens, was aus ihm geworden ist; ohne ihn kann ich doch nicht mehr leben! Denken Sie sich den Euryalus ohne Nisus, den Damon ohne Pythias oder den Orestes ohne Pylades, und haben Sie Mitleid mit meinem Mißgeschick, entsprechend dem Unglück einer jener Helden, die ich Ihnen genannt. Deren Trostlosigkeit würde, das schwöre ich Ihnen, die meine gewiß nicht übertreffen.«

Margarete lächelte, und nachdem sie Coconas das Versprechen abgenommen hatte, das Geheimnis zu wahren, erzählte sie ihm, wie La Mole die Flucht durch das Fenster ergreifen mußte. Über seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort hüllte sie sich aber, so inständig auch der Piemontese um Auskunft bat, in tiefes Schweigen. Das befriedigte Coconas nur halb. Und so oft er auch die Königin mit besonders berechnenden und vorsichtigen Fragen auszuholen versuchte, der Erfolg war nur der, daß Margarete bald deutlich merkte, daß auch der Herzog von Alençon zur Hälfte an dem Verlangen beteiligt war, gleich Coconas zu wissen, was aus La Mole geworden sei.

»Nun gut,« meinte die Königin, »wenn Sie unbedingt etwas Sicheres über Ihren Freund wissen wollen, dann fragen Sie beim König Heinrich von Navarra an, denn er ist der Einzige, der das Recht hat, darüber zu sprechen. Ich selbst aber kann Ihnen nur sagen, daß der, den Sie suchen, am Leben ist und gebe Ihnen für die Richtigkeit meiner Behauptung mein Ehrenwort.«

»Hierfür besitze ich noch ein viel sicheres Pfand, Madame,« erwiderte Coconas, »und das sind Ihre schönen Augen, die nicht verweint sind.«

In der Überzeugung, daß er diesen Worten, die einerseits seinen Gedanken richtigen Ausdruck gaben, andererseits eine hohe Wertschätzung La Moles enthielten, nichts mehr beizufügen hatte, empfahl sich Coconas und überlegte hin und her, wie er sich mit der Herzogin von Nevers wieder versöhnen könnte. Doch nicht ihre Person gab den Anstoß hierzu, sondern allein die Möglichkeit, von ihr zu erfahren, was von der Königin Margarete nicht herauszubekommen war.

Große Schmerzen sind unerträglich und der Geist versucht das ungewohnte Joch, so schnell als möglich abzuschütteln. Der Gedanke, Margarete verlassen zu müssen, hatte La Mole anfangs das Herz zerbrochen. Nur um den Ruf der Königin zu schützen, nicht um sein eigenes Leben zu retten, hatte er in die Flucht eingewilligt.

Schon am darauffolgenden Tag war er nach Paris zurückgekehrt, um Margarete auf ihrem Balkon sehen zu können. Margarete wieder verbrachte, als ob ihr eine innere Stimme die Rückkehr La Moles verraten hätte, den ganzen Abend bei ihrem Fenster. Und der Erfolg war, daß sich auch beide mit unbeschreiblicher Freude gesehen hatten, wie eben nur die verbotene Freude jede andere übertreffen kann; ja, mehr noch, der träumerisch und romantisch veranlagte La Mole fand diese so unzeitgemäße Begegnung sogar unendlich reizvoll. Weil aber ein wirklich begeisterter Liebhaber nur in dem einen Augenblick glücklich ist, in dem er den Gegenstand seiner Liebe besitzt oder wenigstens sieht, weil er sonst hingegen nur leidet, kümmerte sich jetzt La Mole um die Vorbereitungen zur Flucht des Königs von Navarra, denn durch diese sollte ihm ja auch Margarete wiedergegeben werden.

Margarete gab sich ganz dem freudigen Bewußtsein hin, mit so edler und aufopfernder Begeisterung geliebt zu werden. Oftmals machte sie sich Vorwürfe über ihre Schwäche. Trotzdem sie aber mit männlichem Verstande begabt war, die Armseligkeiten einer gewöhnlichen Liebe geringschätzte, trotzdem sie für die vielen Kleinigkeiten, die zartbesaiteten Seelen das süßeste, köstlichste und begehrenswerteste Glück bedeuten, unempfindlich war, fand sie jetzt ihren Tag, wenn schon nicht glücklich ausgefüllt, so doch glücklich beendet. Denn gegen neun Uhr abends, sobald sie in einem weißen Schlafmantel ihren Balkon betrat, pflegte sie auf dem gegenüberliegenden Kai, im Schatten der Häuser, einen Ritter zu sehen, der zuerst die Hand auf die Lippen und dann auf sein Herz legte. Jedesmal weckte dann ein leises Husten dem Liebenden die Erinnerung an eine geliebte Stimme. Manchmal wurde auch ein wertvolles und sorgsam eingehülltes Schmuckstück mit der kleinen Hand im Bogen durch das Fenster geworfen, das zu Füßen des jungen Mannes auf dem Pflaster aufschlug. Wertvoll war ihm das Geschmeide, weit es aus der Hand der Geliebten kam und nicht wegen seiner gediegenen Beschaffenheit. Dann stürzte sich La Mole jedesmal wie ein Raubvogel auf seine Beute, drückte den Gegenstand an seine Brust und antwortete mit den gleichen heimlichen Lauten. Und Margarete verließ den Balkon nicht eher, als bis sie gehört hatte, wie sich der Hufschlag des Pferdes allmählich im nächtlichen Dunkel entfernte, des Pferdes, das mit verhängten Zügeln angeritten worden war und sich dann so träg davonmachte, als ob es, wie jenes Ungeheuer, das einst Troja verderblich geworden war, aus Holz gezimmert gewesen wäre.

Darum war auch die Königin um das Schicksal La Moles nicht besorgt, dem sie, aus Angst, daß seine Schritte belauscht werden könnten, jede andere Zusammenkunft hartnäckig verweigerte und nur das Stelldichein auf spanische Art. gestattete. Dieses Wiedersehen wiederholte sich seit der Flucht La Moles an jedem Abend bis zu dem Tage, an dem der feierliche Empfang der polnischen Gesandten stattfinden sollte, der bekanntlich auf den ausdrücklichen Wunsch des Meisters Ambrosius Paré einige Tage hinausgeschoben worden war.

Am Vorabend dieses Empfanges, gegen neun Uhr, als alle Welt im Louvre mit allerhand Vorbereitungen beschäftigt war, öffnete Margarete wie gewöhnlich ihr Fenster und begab sich auf den Balkon. Kaum war sie hinausgetreten, als La Mole, eiliger, als es sonst seine Gewohnheit war und ohne einen Brief Margaretes abzuwarten, ein eigenes Schreiben mit der gewohnten Geschicklichkeit hinaufwarf, das bei den Füßen seiner königlichen Gebieterin landete. Margarete verstand gleich, daß diese Botschaft etwas Wichtiges enthalten müßte, und eilte in ihr Zimmer, um den Brief zu lesen.

Auf der ersten Blattseite des Papiers standen folgende Worte: »Madame, ich muß mit dem König von Navarra sprechen. Die Angelegenheit ist dringend. Ich warte.«

Auf der zweiten Blattseite, die von der ersten leicht abzutrennen war, standen aber folgende Worte geschrieben: »Madame, meine Königin! Sorgen Sie doch dafür, daß ich Ihnen wenigstens einen dieser Küsse, die ich Ihnen schicke, in Wirklichkeit geben kann. Ich warte.«

Kaum hatte Margarete diesen zweiten Teil des Briefes gelesen, als sie schon die Stimme Heinrichs von Navarra vernahm, der mit seiner gewöhnlichen Zurückhaltung und Bescheidenheit an die Haupttür klopfte und Gillonne fragte, ob er eintreten dürfe.

Die Königin zerriß den Brief sofort in zwei Hälften, verbarg den einen Teil in ihrem Mieder, den anderen in ihrer Tasche und lief an das Fenster, um es zu schließen. Dann begab sie sich an die Tür und rief: »Treten Sie ein, Sire!«

So vorsichtig, so behutsam und so rechtzeitig Margarete auch das Fenster geschlossen hatte, die schwache Erschütterung war doch an Heinrichs Ohr gelangt. Seine stets gespannten Sinne waren inmitten einer Gesellschaft, der er in jeder Beziehung mißtraute, so scharf und empfindlich geworden, wie sie eben nur ein in der Wildnis lebender Mensch besitzen kann. Doch der König von Navarra gehörte nicht zu jenen Tyrannen, die ihren Frauen verbieten, frische Luft zu schöpfen und sich den Sternenhimmel anzusehen.

Heinrich war freundlich und verbindlich wie immer.

»Madame,« meinte er, »während unsere Leute vom Hof ihre Kleider anprobieren, beabsichtige ich, mit Ihnen einige Worte in meiner Angelegenheit zu wechseln. Sie betrachten diese auch noch immer als die Ihre, nicht wahr?«

»Gewiß, mein Herr, sind unsere Ziele nicht stets noch dieselben?«

»Ja, Madame, und darum wollte ich Sie fragen, was Sie über die Bestrebung des Herzogs von Alençon denken, mich seit einigen Tagen zu meiden, und zwar so sehr, daß er sich seit vorgestern nach Saint-Germain zurückgezogen hat. Sollte er sich damit die Möglichkeit verschaffen wollen, allein zu fliehen – denn er ist dort nicht beaufsichtigt – oder sollte er vielleicht überhaupt nicht weg wollen. Ich bitte um Ihre Ansicht, Madame, wenn es Ihnen gefällig ist? Sie wird, das sage ich Ihnen offen, für meine Auffassung ausschlaggebend sein!«

»Eure Majestät haben recht, sich über die plötzliche Schweigsamkeit meines Bruders zu beunruhigen. Ich habe heute selbst den ganzen Tag lang darüber nachgedacht und meine Überzeugung ist, daß er in Anbetracht der geänderten Verhältnisse auch seine Absichten geändert hat.«

»Das will heißen, daß er mit Rücksicht auf die Erkrankung König Karls und auf die Krönung des Herzogs von Anjou zum König von Polen ganz gerne in Paris bleiben möchte, um die Krone Frankreichs im Auge zu behalten, nicht wahr?«

»Sehr richtig!«

»Meinetwegen! Ich verlange nichts anderes, als daß er bleibt,« erklärte Heinrich, »nur ändert das natürlich unseren ganzen Plan. Wenn ich mich jetzt allein davonmachte, müßte ich nämlich dreifache Sicherheit beanspruchen, während mir die Anwesenheit Ihres Bruders in dieser Angelegenheit, schon seines Namens wegen, eine einfache Sicherheit geboten hätte. Was mich nur wundert, ist, daß ich gar nichts von Mouy höre. Das ist gar nicht sein Fall, in Untätigkeit und Stillschweigen zu verharren! Sollten Sie nicht irgendwelche Nachrichten erhalten haben, Madame?«

»Ich, Sire?« fragte Margarete erstaunt. »Wie sollte ich ...?«

»Eh, bei Gott, meine Liebste, nichts wäre natürlicher! Sie wollten doch, um mir angenehm zu sein, diesem kleinen La Mole das Leben retten ... der Junge sollte nach Mantes gehen ... und wenn man auch dahin reist, so kann man doch wohl auch wieder zurückkommen ...«

»Ah! Das gibt mir den Schlüssel zur Lösung eines Rätsels, das ich bisher zu verstehen nicht imstande war. Ich ließ heute mein Fenster offen, und als ich heimkehrte, fand ich auf dem Teppich eine Art Brief liegen.«

»Da sehen Sie mal!« sagte Heinrich.

»Ja, und anfangs habe ich nichts davon verstanden und habe der Sache auch keine Bedeutung beigelegt. Vielleicht hatte ich aber unrecht und die Nachricht kommt eben von jener Seite.«

»Das ist möglich, ich möchte sogar sagen: wahrscheinlich! Kann man das Papier sehen?« fragte Heinrich.

»Gewiß, Sire!« antwortete Margarete und übergab dem König den Teil des Briefes, den sie in der Tasche versteckt gehabt hatte.

Heinrich überflog die Zeilen.

»Ist das nicht die Schrift von Herrn von La Mole?« fragte er.

»Ich weiß es nicht, die Schriftzeichen scheinen mir nachgeahmt zu sein.«

»Ist auch ganz gleich, lesen wir!« meinte Heinrich.

»Madame, ich muß mit dem König von Navarra sprechen. Die Angelegenheit ist dringend. Ich warte.«

»Ah, da sieh mal her!« rief der König. »Er sagt ja, daß er wartet!«

»Sicherlich steht das im Briefe,« erwiderte Margarete, »doch was wollen Sie?«

»Eh, Himmel und Hölle! Ich will, daß er kommt!«

»Daß er kommt?« stammelte Margarete und richtete ihre schönen Augen auf den Gatten, »wie können Sie nur so etwas sagen, Sire? Ein Mensch, den der König töten wollte ... ein Mensch, der schon gekennzeichnet war, bedroht war ... der soll kommen, sagen Sie! Ist denn das möglich? ... Sind die Türen wohl für diejenigen gemacht, die ...«

»Gezwungen waren durch das Fenster zu fliehen ... das wollten Sie doch sagen?«

»Richtig! Und Sie vervollständigen meinen Gedanken.«

»Nun gut, weil Sie aber diesen Weg durch das Fenster schon kennen, so mögen sie, da sie unmöglich durch die Türen hereingelangen können, diesen Weg wieder benützen. Das ist doch sehr einfach!«

»Glauben Sie?« fragte Margarete und errötete vor Freude über den Gedanken, La Mole wieder in der Nähe zu sehen.

»Ich bin dessen ganz sicher!«

»Wie aber heraufsteigen?« fragte die Königin.

»Haben Sie nicht die Strickleiter aufgehoben, die ich Ihnen schickte? Ah, ich würde sonst doch nicht Ihre gewohnte Klugheit und Vorsicht feststellen können!«

»Schon gut, Sire!«

»Die Sache ist also schon gemacht!« rief Heinrich.

»Was befehlen Sie, Sire?«

»Sehr einfach! Befestigen Sie die Strickleiter an Ihrem Balkon und lassen Sie sie hinunterhängen. Wenn Mouy unten wartet ... und ich wäre versucht, es zu glauben ... wenn Mouy es ist, der wartet und heraufkommen will, dann wird er auch ganz bestimmt heraufklettern, der würdige Freund!«

Und ohne den Gleichmut zu verlieren; nahm Heinrich einen Leuchter in die Hand, um Margarete bei der Suche nach der Strickleiter behilflich zu sein. Sie war bald gefunden, denn sie befand sich in einem Kasten des bekannten Nebenzimmers.

»So, da ist sie!« sagte Heinrich. »Und jetzt, Madame, wenn ich Ihre Freundlichkeit nicht zu sehr in Anspruch nehme, befestigen Sie gefälligst die Leiter an Ihrem Balkon.«

»Warum ich, Sire, warum nicht Sie?« fragte Margarete.

»Weil die besten Verschwörer auch immer die vorsichtigsten sind. Der Anblick eines Mannes würde unseren Freund vielleicht stutzig machen, Sie verstehen doch?«

Margarete lächelte und befestigte die Leiter.

»So,« sagte Heinrich und versteckte sich in einem Winkel des Gemaches, »zeigen Sie sich nur gut ... jetzt lassen Sie ihn die Leiter sehen ... sehr gut! Ich bin sicher, daß Mouy heraufkommen wird.«

Tatsächlich schwang sich zehn Minuten später ein Mann über die Brüstung des Balkons, der ganz närrisch vor Freude zu sein schien. Da er aber sah, daß ihm die Königin nicht entgegenkam, blieb er ein paar Sekunden zaghaft auf dem Balkon stehen. Da Margarete keine Miene machte, dem Mann entgegenzugehen, trat Heinrich vor.

»Schau!« sagte er verbindlichst. »Das ist ja gar nicht Herr von Mouy, das ist Herr von La Mole! Guten Abend, Herr von La Mole, treten Sie nur ein, ich bitte Sie darum!«

La Mole stand einen Augenblick lang verblüfft da. Vielleicht wäre er, wenn er noch auf der Leiter gestanden wäre, statt auf dem festen Balkon Fuß gefaßt zu haben, einfach nach rückwärts hinabgestürzt.

»Sie haben gewünscht, den König von Navarra in dringender Angelegenheit zu sprechen. Ich habe ihm hiervon Mitteilung machen lassen und hier steht er,« sagte Margarete.

Heinrich ging auf das Fenster zu, um es zu schließen.

»Ich liebe dich!« flüsterte Margarete und drückte die Hand des jungen Mannes.

»Also, mein Herr?« fragte Heinrich und schob La Mole einen Sessel hin. »Was haben wir zu sagen?«

»Ich habe zu berichten, Sire,« erwiderte dieser, »daß ich mich von Herrn von Mouy beim Eingangstor der Stadt getrennt habe. Er möchte gerne wissen, ob Maurevel gesprochen hat und ob seine eigene Anwesenheit im Zimmer Eurer Majestät bekannt geworden ist?«

»Noch nicht, doch es kann nicht mehr lange dauern. Wir müssen uns daher beeilen.«

»Er teilt die Ansicht Eurer Majestät, und wenn der Herzog von Alençon im Laufe des morgigen Abend zur Reise bereit ist, dann wird sich Mouy mit hundertundfünfzig Reitern beim Tor Saint-Marcel einfinden. Fünfhundert Reiter erwarten Sie in Fontainebleau. Von dort geht der Marsch über Blois, Angoulême und Bordeaux.«

»Madame,« sagte Heinrich und wendete sich zu seiner Gattin hin, »was meine Person anbetrifft, so werde ich morgen bereit sein, werden Sie es auch sein?«

La Mole blickte starr und ängstlich auf Margarete.

»Sie haben mein Wort!« sagte die Königin. »Ich werde Ihnen überallhin folgen. Doch Sie wissen, daß der Herzog von Alençon zu gleicher Zeit mit uns von hier fortgehen muß. Mit einer Unparteilichkeit ist bei ihm nicht zu rechnen, entweder wird er uns behilflich sein oder er wird uns verraten. Wenn er zögert, dann dürfen wir uns nicht rühren.«

»Weiß er etwas von diesem Plan, Herr von La Mole?« fragte Heinrich.

»Er muß vor einigen Tagen einen Brief von Herrn von Mouy erhalten haben.«

»Ah, ah!« rief Heinrich, »er hat mir kein Wort davon gesagt!«

»Hüten Sie sich vor ihm,« sagte Margarete, »hüten Sie sich!«

»Beruhigen Sie sich, ich bin auf der Hut! ... Wie könnte man eine Antwort an Herrn von Mouy gelangen lassen?«

»Sorgen Sie sich nicht darum, Sire! Ob rechts oder links von Eurer Majestät, sichtbar oder unsichtbar, morgen, beim Empfang der Gesandten wird er anwesend sein. Ein Wort in der Rede der Königin wird ihn wissen lassen, ob Sie ihm zustimmen oder nicht, ob er fliehen soll oder ob er Sie erwarten soll. Sollte der Herzog von Alençon ablehnen, dann verlangt er nur fünfzehn Tage Wartezeit, um alles in Ihrem Namen neu einzurichten.«

»Wahrhaftig!« sagte der König. »Herr von Mouy ist ein kostbarer Diener seines Herrn! ... Können Sie in Ihrer Anrede die verlangte und erwartete Redensart einschieben, Madame?«

»Nichts leichter als das,« antwortete Margarete.

»Ich werde morgen also den Herzog von Alençon sehen,« sagte Heinrich, »Herr von Mouy wolle auf seinem Posten stehen und möge auf jedes Wort aufpassen.«

»Er wird an Ort und Stelle sein, Sire!«

»Nun gut, Herr von La Mole, überbringen Sie ihm meine Antwort. Sie haben wohl zweifellos ein Pferd in der Nähe, einen Diener?«

»Orthon ist da und erwartet mich auf dem Kai.«

»Suchen Sie ihn wieder auf, Herr Graf. Oh, nein! Nicht durch das Fenster, das ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten zu benützen. Sie könnten doch gesehen werden, und da man ja nicht weiß, daß Sie sich für mich in Gefahr begeben, könnten Sie auf diese Art dem Ruf der Königin schaden.«

»Wie soll ich aber hinaus, Sire?«

»Wenn Sie schon nicht allein in den Louvre eintreten konnten, so können Sie mit mir den Louvre verlassen, weil ich das Losungswort kenne. Sie haben Ihren Mantel und ich habe den meinigen. Wir werden uns darin recht einhüllen und werden ohne Schwierigkeit durch die Pforte kommen. Übrigens möchte ich gerne Orthon einige besondere Aufträge geben. Warten Sie hier, ich werde nachsehen, ob sich jemand im Gang befindet.«

In der natürlichsten Art, die möglich ist, begab sich Heinrich aus dem Zimmer, um den Gang zu beobachten. La Mole blieb mit der Königin allein im Zimmer.

»Oh! Wann werde ich Sie wiedersehen?« seufzte er auf.

»Morgen abend, wenn wir fliehen sollten. An einem Abend im Haus der Straße Cloche-Percée, wenn wir nicht fliehen sollten!«

»Herr von La Mole,« sagte Heinrich zurückkehrend, »Sie können kommen, es ist niemand auf dem Gange.«

La Mole verbeugte sich ehrerbietig vor der Königin.

»Reichen Sie ihm Ihre Hand zum Kuß, Madame,« sagte Heinrich. »Herr von La Mole ist kein gewöhnlicher Diener!«

Margarete kam dem Wunsche nach.

»Ja, bei dieser Gelegenheit!« meinte Heinrich. »Ziehen Sie die Strickleiter wieder sorgfältig herauf, Madame. Sie ist für Verschwörer ein kostbares Ding, und gerade wenn man es am wenigsten vermutet, braucht man sie umso mehr. Kommen Sie, Herr von La Mole, kommen Sie!«

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