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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Vom Louvre im besonderen, von der Tugend im allgemeinen

Die zwei Edelleute erkundigten sich bei dem ersten Menschen, der ihnen begegnet war, nach dem Weg, durchschritten dann die Straße von Averon, die Straße Saint-Germain-l'Auxerrois, und befanden sich bald vor dem Louvre. Die Türme des Palastes versanken gerade im ersten Abendschatten.

»Was haben Sie denn nur?« fragte Coconas den Herrn von La Mole, der beim ersten Anblick des alten Schlosses stehen geblieben war. Mit heiliger Scheu betrachtete dieser die Zugbrücken, die riesigen Fenster und die spitzigen Glockentürme.

»Was weiß ich!« erwiderte La Mole. »Das Herz schlägt mir, ich bin ja sonst gerade kein Hasenfuß, doch ich weiß nicht, warum mir dieser Palast so merkwürdig düster vorkommt, fast möchte ich sagen: schreckenerregend!«

»Ich weiß wohl auch nicht, was mir bevorsteht,« meinte Coconas; »aber trotzdem beherrscht mich eine seltene Abenteuerlust. Mein äußerer Mensch ist allerdings ein wenig vernachlässigt« – und er musterte dabei seine Reisekleidung – »aber was liegt denn daran! Den Edelmann kennt man dennoch heraus. Die erhaltenen Befehle legten mir vor allem Pünktlichkeit ans Herz, und weil ich dieser Anordnung gewissenhaft gefolgt habe, werde ich auch willkommen geheißen werden.«

Die beiden jungen Leute setzten darauf ihren Weg fort, jeder von seinen besonderen Gedanken beherrscht.

Der Louvre war gut bewacht, alle Wachtposten schienen verdoppelt worden zu sein. Die zwei Kameraden gerieten daher anfangs in arge Verlegenheiten. Coconas, der längst bemerkt hatte, daß der Name des Herzogs von Guise in Paris wie ein Zauberwort wirkte, näherte sich einer Schildwache, nannte diesen allvermögenden Namen und erwartete die Erlaubnis, in den Louvre einzutreten.

Die Wirkung des Namens auf den Soldaten war, wie gewöhnlich, günstig; trotzdem verlangte er von Coconas das Losungswort. Der junge Mann mußte aber eingestehen, daß er ein solches nicht besäße.

»Also zurück, mein Herr!« rief der Posten.

In dem Augenblick kam ein Mann, der gerade mit dem Wachtoffizier gesprochen und hierbei die Erklärungen Coconas über seine Berufung in den Louvre vernommen hatte, herbei und unterbrach seine Unterredung: »Was möchten Sie denn vom Herrn von Guise?« fragte er.

»Ich möchte ihn sprechen,« antwortete Coconas lächelnd.

»Unmöglich! Der Herzog ist beim König!«

»Ich habe aber einen Geleitbrief für Paris bei mir!«

»Ah? Sie haben Geleitbrief mit?«

»Gewiß! Ich komme von sehr weit her.«

»Ah? Sie kommen von weit her?«

»Ich komme von Piemont.«

»Gut, gut! Das ist eine andere Sache! Wie heißen Sie?«

»Graf Hannibal von Coconas!«

»Gut, gut! Geben Sie den Brief, Herr Hannibal, geben Sie!«

»Das ist bei meiner Ehre einmal ein entgegenkommender Mensch!« sagte La Mole zu sich. »Könnte ich doch so einen finden, der mich zum König von Navarra brächte!«

»So geben Sie doch, geben Sie doch den Brief!« sagte der deutsche Edelmann und hielt dem zögernden Coconas die Hand hin.

»Verdammt!« meinte der Piemontese, mißtrauisch wie alle Halbitaliener. »Ich weiß nicht, ob ich das tun kann ... ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen, mein Herr.«

»Ich bin Pesme, ich gehöre zum Herzog von Guise.«

»Pesme?« brummte Coconas. »Kenne den Namen nicht.«

»Es ist Herr von Besme,« sagte der Wachtposten. »Die Aussprache täuscht Sie nur. Geben Sie dem Herrn unbesorgt Ihren Brief, ich verantworte es.«

»Ah! Herr von Besme!« rief Coconas. »Das glaube ich, daß ich ihn kenne! Natürlich ... mit dem größten Vergnügen: hier ist mein Brief! Verzeihen Sie mein Mißtrauen, aber mißtrauisch muß man einmal sein, wenn man treu bleiben will.«

»Gut, gut! Entschuldigungen nicht nötig!«

»Auf Manneswort, mein Herr!« sagte da La Mole, der sich nun auch genähert hatte. »Da Sie so zuvorkommend sind ... würden Sie nicht auch meinen Brief übernehmen wollen?«

»Wie Ihr Name?«

»Graf Lerac von La Mole.«

»Kenne ich nicht ...!«

»Das ist sehr begreiflich. Ich bin von ebenso weit her, wie der Graf von Coconas, bin ein Fremder und habe deshalb nicht die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein.«

»Von wo gekommen?«

»Aus der Provence.«

»Mit Brief?«

»Gewiß!«

»Für Herrn von Guise?«

»Nein, für Seine Majestät, den König Heinrich von Navarra.«

»Ich bin nicht beim König,« sagte Herr von Besme plötzlich sehr kühl, »kann also den Brief nicht nehmen.«

Und Herr von Besme kehrte La Mole den Rücken, trat in den Louvre ein und winkte Coconas, ihm zu folgen.

La Mole blieb allein zurück.

Gleich darauf öffnete sich ein zweites Tor in gleicher Höhe und eine Schar von etwa hundert Reitern flutete hervor.

»Ah! sieh her!« sagte der eine Wachtposten zum andern. »Das ist von Mouy mit seinen Hugenotten! Sie sind ja freudestrahlend, wahrscheinlich hat ihnen der König den Kopf des Mörders versprochen, der den Admiral zu töten versuchte. Weil es derselbe ist, der auch den Vater von Mouy umgebracht hat, so freut sich der Sohn, zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen.«

»Entschuldigen Sie,« wandte sich La Mole an den Soldaten, »hatten Sie nicht gesagt, mein Lieber, daß der Offizier dort von Mouy ist?«

»Richtig, mein Herr!«

»Und seine Begleiter sind ... ?«

»Lauter Gottlose ... so sagte ich!«

»Danke!« sagte La Mole, ohne auf die verächtliche Bezeichnung einzugehen, »das ist ja schließlich alles, was ich wissen wollte.«

Er näherte sich allsogleich dem Führer der Edelleute.

»Mein Herr,« sprach er ihn an, »ich erfahre eben, daß Sie Herr von Mouy sind.«

»Gewiß!« antwortete der Offizier höflich.

»Ihr bei unsern Glaubensgenossen so bekannter Name veranlaßt mich, Sie um eine freundliche Gefälligkeit zu bitten.«

»Welche Gefälligkeit? ... Doch mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

»Mit dem Graf Lerac von La Mole.«

Die zwei jungen Leute grüßten einander.

»Ich stehe zu Ihren Diensten,« sagte Herr von Mouy. »Ich komme von Aix und bringe einen Brief vom Herrn von Auriac, Statthalter in der Provence. Der Brief ist für den König von Navarra bestimmt und enthält dringliche und wichtige Nachrichten ... wie kann ich ihm den Brief übermitteln, wie kann ich in den Louvre hineinkommen?«

»Nichts leichter als das! Ich fürchte nur, daß der König augenblicklich zu beschäftigt ist, um Sie zu empfangen. Nichtsdestoweniger ... wenn Sie mir folgen wollen, so werde ich Sie bis an seine Wohnung bringen, um das weitere müssen Sie sich dann kümmern.«

»Tausend Dank!«

»So kommen Sie, mein Herr!«

Herr von Mouy saß vom Pferde ab, übergab die Zügel des Pferdes seinem Reitknecht und schritt auf das kleinere Tor zu. Dort gab er dem Posten das Erkennungszeichen und führte La Mole in das Schloß hinein. Dann öffnete er eine Tür, die zu den Gemächern des Königs führte, und sagte: »Hier treten Sie ein, mein Herr, und forschen Sie weiter nach.«

Er grüßte noch La Mole und zog sich dann zurück.

Allein geblieben, sah sich La Mole im Vorzimmer um und fand es leer. Eine der Innentüren stand offen, gegen diese schritt er und befand sich gleich darauf in einem Verbindungsgang.

Hier klopfte er an eine weitere Tür und rief auch, ohne daß sich irgendwer meldete. Tiefe Stille herrschte in diesem Teil des Louvre.

»Wer hat mir nur von den strengen Hofsitten erzählt?« dachte er. »In diesem Palast geht man ja ein und aus, wie auf einem öffentlichen Platze!«

Er rief noch einmal und erhielt wiederum keinerlei Antwort.

»Vorwärts denn!« entschloß er sich. »Ich werde so lange weitergehen, bis ich endlich jemandem begegne!«

Er ging tiefer in den Gang hinein, der sich immer mehr verfinsterte.

Plötzlich öffnete sich eine gegenüberliegende Tür, Licht floß herein, und zwei Pagen mit Armleuchtern erschienen im Türrahmen. Voll beleuchtet stand hinter ihnen eine Frau von Ehrfurcht gebietender Gestalt, von königlicher Haltung und von wunderbarer Schönheit.

Auch auf den unbeweglichen La Mole fiel das volle Licht.

Die schöne Frau blieb ebenfalls stehen.

»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte sie mit einer Stimme, die dem jungen Mann wie Musik in den Ohren klang.

»Oh, Madame,« sagte La Mole und senkte die Augen, »ich bitte mir zu verzeihen. Ich verließ eben Herrn von Mouy, der die Freundlichkeit hatte, mich bis hierher zu führen, und nun suche ich den König von Navarra.«

»Seine Majestät ist nicht hier, sie befindet sich, wie ich glaube, bei ihrem Schwager. Könnten Sie aber in seiner Abwesenheit nicht etwa der Königin ...?«

»Selbstverständlich ...« erwiderte La Mole, »wenn jemand die Güte haben würde, mich zu ihr zu führen.«

»Sie stehen vor ihr, mein Herr!«

»Wie?« rief La Mole.

»Ich bin die Königin von Navarra,« sagte Margarete.

La Mole machte eine so jähe Bewegung der Überraschung und des Erstaunens, daß die Königin lächeln mußte.

»Sprechen Sie rasch, mein Herr,« sagte sie, »denn man erwartet mich bei der Königin-Mutter.

»Oh! Wenn Eure Majestät so dringend erwartet werden, dann sei es mir gestattet, mich zu entfernen, denn ich bin augenblicklich nicht fähig, ein Wort zu sprechen oder einen Gedanken zu fassen. Der Anblick blendet mich ... ich denke nicht mehr, ich bewundere nur!«

Margarete, schön wie ein Bild der Gnade, ging auf den jungen Mann zu, der sich, ohne es zu wissen, wie ein vollendeter Höfling benommen hatte.

»Besinnen Sie sich, mein Herr,« sagte sie, »ich werde warten und man wird auf mich warten.«

»Verzeihen Eure Majestät, daß ich vorhin nicht mit der Ehrfurcht eines ganz untertänigen Dieners gegrüßt habe, doch ...«

»Aber natürlich. Sie haben mich eben für eine meiner Frauen gehalten.«

»Nein, Madame, doch für den Geist der schönen Diana von Poitiers. Man hat mir erzählt, daß er im Louvre zu erscheinen pflegt.«

»Wohlan, mein Herr,« sagte Margarete, »ich habe für Sie keine Sorge mehr, Sie werden bei Hof Ihr Glück machen. Sie hatten einen Geleitbrief zum König, sagten Sie? Das war nicht nötig. Doch immerhin, wo ist dieser Brief? Ich werde ihn dem König übergeben ... doch tummeln Sie sich, bitte!«

Im Augenblick hatte La Mole die Nadeln seines Wamses gelöst und zog einen in seidener Umhüllung verschlossenen Brief aus der Brust.

Margarete übernahm den Brief und betrachtete die Schriftzüge.

»Sind Sie nicht Herr von La Mole?« fragte sie.

»Ja, Madame! O mein Gott! Sollte ich das große Glück haben, daß mein Name Eurer Majestät schon bekannt gewesen?«

»Ich habe ihn vom König, meinem Gemahl, nennen hören, ebenso von meinem Bruder, dem Herzog von Alençon. Ich weiß, daß Sie erwartet werden!«

Und sie ließ den Brief, der eben aus dem Wams des jungen Mannes hervorgeholt worden war, dem noch die Wärme seiner Brust anhaftete, in ihr von Diamanten und Stickereien gestrafftes Mieder gleiten. Mit verlangenden Augen verfolgte La Mole jede Bewegung Margaretes.

»Und nun,« sagte sie, »begeben Sie sich in die untere Galerie und erwarten Sie dort jemanden aus dem Gefolge des Königs oder des Herzogs von Alençon. Einer meiner Pagen wird Sie hingeleiten.«

Nach diesen Worten setzte Margarete ihren Weg fort. La Mole stellte sich an die Wand. Doch der Gang war so eng und das Seidenkleid der Königin von Navarra so üppig, daß es den jungen Mann streifte. Ein schwerer Duft verbreitete sich über die Stelle, die sie durchschritten. Ein Beben bemächtigte sich La Moles, und als er fühlte, daß er hinsinken müßte, suchte er eine Stütze an der Wand.

Margarete verschwand wie ein Traumbild.

»Wollen Sie mir folgen, mein Herr?« fragte der Page, der mit der Führung La Moles zu den unteren Galerien beauftragt worden war.

»Ja, ich komme schon,« rief La Mole noch ganz berauscht, denn wie der Jüngling ihm denselben Weg wies, auf welchem sich die Königin entfernt hatte, stieg die Hoffnung in ihm auf, daß er die bewunderte Frau bei einiger Eile noch einmal sehen könnte.

Als er auf die Höhe der Treppe kam, erblickte er sie wirklich nochmals im unteren Stockwerk. Sei es aus Zufall, sei es, daß der Schall seiner Schritte bis an ihr Ohr gelangt war, Margarete hob ihren Kopf, und so konnte er ihr noch einmal in die Augen sehen.

»Oh!« seufzte er, und folgte dem Pagen. »Sie ist keine Sterbliche, sie ist eine Göttin! Wie Virgilius Maro singt: Et vera incessu patuit dea

»Nun?« fragte der junge Page.

»Da bin ich schon,« sagte La Mole, »Verzeihung, da bin ich!«

Der Page ging jetzt voraus, stieg um ein Stockwerk tiefer hinab, öffnete eine Tür und dann noch eine zweite und blieb schließlich auf deren Schwelle stehen: »Das ist der Raum, in dem Sie warten sollen,« sagte er.

La Mole trat in die Galerie ein, hinter ihm schloß sich wieder die Tür.

Die Halle war leer bis auf einen Edelmann, der hin und her spazierte und ebenfalls auf jemand zu warten schien.

Die Schatten des Abends lagen schon im hochgewölbten Raume, daher konnten die zwei Männer, obwohl sie kaum zwanzig Schritte voneinander entfernt waren, einander anfänglich nicht erkennen. La Mole näherte sich dem Unbekannten.

»Gott verzeih mir!« murmelte er vor sich hin, als er nur mehr wenige Schritte vor dem zweiten Edelmann stand. »Das ist ja der Graf von Coconas, den ich da vor mir habe!«

Schon hatte sich der Piemontese umgedreht und erkannte mit gleichem Erstaunen sein Gegenüber.

»Verdammt!« rief er aus. »Das ist La Mole oder mich holt der Teufel auf der Stelle! Uff! Was fällt mir denn ein? Ich fluche hier im Palaste des Königs! ... Ach was! Mir scheint, der König selbst kann noch ganz anders fluchen als ich, und das, wie man sagt, sogar in der Kirche! Na also, da wären wir jetzt im Louvre?«

»Wie Sie sehen! Herr von Besme hat Sie wohl hereingeführt?«

»Ja. Dieser Herr von Besme ist ein sehr liebenswürdiger Deutscher ... doch wer hat denn Ihnen als Führer gedient?«

»Herr von Mouy. Ich sagte Ihnen gleich, daß auch die Hugenotten nicht schlecht bei Hofe angeschrieben sind ... Haben Sie den Herzog von Guise gesehen?«

»Noch immer nicht ... und haben Sie beim König von Navarra Zutritt erhalten?«

»Nein. Das kann aber nicht lange auf sich warten lassen. Man hat mich bis hierher geführt und mich angewiesen, hier zu warten.«

»Wahrscheinlich handelt es sich um ein großes Gelage und – Sie werden sehen – wir sitzen noch Seite an Seite bei einem Gastmahl. Wahrhaftig, ein merkwürdiger Zufall! Seit zwei Stunden führt uns das Schicksal immer wieder zusammen ... doch was ist mit Ihnen los? Sie scheinen besorgt zu sein?«

»Ich?« meinte La Mole auffahrend, weil er noch immer in Gedanken der Erscheinung nachhing, die vor ihm gestanden war, »keineswegs! Nur der Ort, in dem wir uns befinden, veranlaßt mich, über verschiedenes nachzudenken.«

»Philosophische Betrachtungen, nicht wahr? Die stellen sich bei mir gerade so ein! Wie Sie eingetreten sind, ist mir alles durch den Kopf gegangen, was mir mein Lehrmeister einst anempfohlen hat. Übrigens kennen Sie Plutarch, Herr Graf?«

»Welche Frage!« meinte La Mole lächelnd. »Er ist ja einer meiner Lieblingsschriftsteller.«

»Dieser große Mann,« begann Coconas ganz ernsthaft, »scheint sich nicht getäuscht zu haben, wenn er die Gaben der Natur mit prachtvollen Blüten von jedoch nur eintägiger Dauer verglich, die Tugend aber einer Balsampflanze von unvergänglichem Duft gleichstellte, die eine unübertreffliche Wirkung auf die Heilung aller Wunden besitzt.«

»Können Sie Griechisch sprechen, Herr von Coconas?« fragte La Mole und betrachtete aufmerksam den philosophierenden Kameraden.

»Leider nicht, aber mein Lehrmeister beherrschte diese Sprache, und er hat mir ans Herz gelegt, viel über die Tugend zu sprechen, wenn ich einmal bei Hofe sein sollte. ›Das macht sich gut,‹ hatte er gemeint. Übrigens warne ich Sie, ich bin für diesen Gegenstand ganz besonders gut gewappnet! ... Doch, sagen Sie, haben Sie eigentlich gar keinen Hunger?«

»Nein.«

»Trotzdem scheint es mir, daß Sie von dem aufgespießten Hühnchen ›Zum schönen Sternbild‹ sehr viel gehalten haben ... ich muß schon sagen, ich sterbe vor Erschöpfung!«

»Gut denn, Herr von Coconas, jetzt haben Sie eine schöne Gelegenheit, Ihre Betrachtungen über den Wert der Tugend in das Nützliche umzusetzen und hierbei Ihrer Bewunderung für Plutarch entsprechend Ausdruck zu geben. Sagt doch der große Schriftsteller irgendwo: es ist gut, seine Seele im Schmerz, den Magen aber im Hunger zu üben! Prepon esti, ten men psychen odyne, ton de gastera semo askein!«

»Da sieh mal her! Sie verstehen also Griechisch?« rief Coconas erstaunt.

»Das will ich glauben! Mich hat es eben mein Lehrmeister gelehrt!«

»Verdammt, Graf! Ihr Glück ist in diesem Fall gesichert. Sie können mit König Karl dem Neunten Verse schmieden und Sie können mit der Königin Margarete Griechisch sprechen.«

»Ohne damit zu rechnen, daß ich mich mit dem König von Navarra auf gut Gaskognisch unterhalten kann!« rief La Mole lachend.

In dem Augenblick öffnete sich der eine Ausgang der Galerie, der zur Wohnung des Königs führte. Schritte wurden hörbar, ein Schatten näherte sich im Dunkel. Der Schatten vervollständigte sich allmählich zu einer Gestalt, und die Gestalt war Herr von Besme in eigener Person.

Er blickte den beiden jungen Leuten fast unter die Nase, um den richtigen zu erkennen, dann machte er Coconas ein Zeichen, ihm zu folgen.

Coconas grüßte La Mole mit der Hand.

Besme führte den Piemontesen bis an das Ende der Galerie, öffnete dort eine Tür und befand sich gleich darauf mit ihm auf der ersten Schwelle einer Treppe.

Angekommen, sah er sich zuerst nach allen Seiten um, blickte bald zur Treppe hinauf, bald hinunter.

»Herr von Coconas,« fragte er, »wo wohnen Sie?«

»Im Gasthof ›Zum schönen Sternbild‹, Straße von Arbre-Sec.«

»Gut, gut! Zwei Schritte von hier! Also schnell zurück in das Hotel und diese Nacht ...«

Er sah sich abermals nach allen Seiten um.

»Was in dieser Nacht?« fragte Coconas.

»Gut also, diese Nacht kommen Sie wieder her ... mit großem Schild auf der Brust. Losungswort wird sein: Guise!... Pst! Reinen Mund halten!«

»Und zu welcher Stunde soll ich kommen?«

»Wenn Sie hören den Sturm ...«

»Was heißt das den Sturm?«

»Ja, den Sturm: bim, bam, bum!«

»Ach, Sie meinen das Sturmläuten?«

»Gut, gut, das wollte ich sagen.«

»Verstanden, wird gemacht!« sagte Coconas.

Dann grüßte er Herrn von Besme, entfernte sich und fragte sich mit leiser Stimme: »Der Teufel! Was meint der eigentlich, und zu was soll denn Sturm geläutet werden? Na, gleichviel! Ich bleibe bei meiner Ansicht: dieser Herr von Besme ist ein ganz prächtiger Tedesco ...! Wie wäre es, wenn ich jetzt auf Herrn von La Mole warten würde? ... Nein, lieber nicht! Es ist ja doch anzunehmen, daß er mit dem König von Navarra nachtmahlen wird.«

Coconas begab sich in die Straße von Arbre-Sec, wo ihn das berühmte Aushängeschild »Zum schönen Sternbild« wie eine Geliebte an sich lockte.

Während Coconas von Herrn von Besme belehrt wurde, hatte sich in der Galerie auch eine Tür geöffnet, die zu den Gemächern des Königs von Navarra führte. Ein Page war auf Herrn von La Mole zugegangen.

»Sind Sie wohl der Herr Graf von La Mole?«

»Das bin ich!«

»Ihre Wohnung?«

»Straße von Arbre-Sec, ›Zum schönen Sternbild‹.«

»Gut, das ist bei den Toren des Louvre ... hören Sie: Seine Majestät läßt Ihnen sagen, daß er Sie augenblicklich nicht empfangen könne, doch wird er Sie vielleicht noch in dieser Nacht holen lassen. Auf jeden Fall haben Sie, wenn Sie vorher keine Nachrichten erhalten hätten, morgen früh in den Louvre zu kommen.«

»Und wenn die Wache mir den Eintritt verweigert?«

»Richtig! ›Navarra‹ ist das Losungswort, gebrauchen Sie es, und alle Türen werden sich Ihnen öffnen.«

»Danke!«

»Warten Sie noch ein wenig: ich habe den Auftrag, Sie bis an die kleine Pforte zu führen ... sonst könnten Sie sich noch im Louvre verirren.«

Als dann La Mole glücklich auf der Straße gelandet war, fragte er sich sogleich, wo Coconas hingekommen sein könnte.

»Er wird vom Herzog von Guise zum Abendessen eingeladen worden sein!«

Die erste Person, die La Mole aber bei seinem Eintritt in den Gasthof des Meisters La Huriére erblickte, war Coconas. Der saß vor einem mächtigen Eierkuchen mit Speck.

»Oh! oh!« Coconas brach in ein lautes Gelächter aus. »Es scheint, daß Sie beim König von Navarra nicht mehr zu essen bekommen haben, als ich beim Herzog von Guise!«

»Meiner Treu, nein!«

»Und haben Sie jetzt endlich Hunger?«

»Ich glaube wohl!«

»Trotz Plutarchs?«

»Verehrter Graf,« sagte La Mole heiter; »Plutarch sagt an einer anderen Stelle folgendes: Teilen soll stets, wer etwas zu teilen hat. Wollen Sie Plutarch zuliebe die Güte haben, Ihren Eierkuchen mit mir zu teilen? Wir wollen uns während des Essens über die Tugend unterhalten.«

»Oh, nein! Das letztere nicht!« rief Coconas. »Das ist nur im Louvre angezeigt, wenn man dort belauscht zu werden fürchtet und dabei einen leeren Magen hat. Nehmen Sie Platz und essen wir lieber!«

»Das Schicksal hat uns tatsächlich zusammengekoppelt! Schlafen Sie auch hier?«

»Ich weiß noch gar nichts.«

»Ich ebenso nichts.«

»Aber denken kann ich mir, wo ich die Nacht zubringen werde.«

»Wo denn?«

»Zweifellos dort, wo Sie selbst die Nacht zubringen werden.«

Und die zwei Edelleute begannen herzlich zu lachen und verabsäumten nicht, dem Eierkuchen des Meisters La Huriére alle Ehre anzutun.

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