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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Ein dichtender König

Die nächsten Tage waren von allerhand Festlichkeiten, Tanzunterhaltungen und Turnierkämpfen ausgefüllt.

Gleichstimmigkeit und Eintracht schien beide Parteien zu beherrschen, und die starrsinnigsten Hugenotten verloren vor den vielen Beweisen rührender Liebenswürdigkeit sogar ihren Kopf. So hatte man Vater Cotton mit dem Baron von Courtaumer gemeinschaftlich schlemmen gesehen, hatte gesehen, daß der Herzog von Guise mit dem Prinzen von Condé auf einem Boot mit festlicher Musikbegleitung die Seine hinauffuhr.

Der König Karl schien mit seiner zur Gewohnheit gewordenen Schwermut vollständig gebrochen zu haben, er konnte sich von seinem Schwager Heinrich gar nicht mehr trennen. Die Königin-Mutter endlich war besonders freudig gestimmt, dachte nicht an Schlaf und Ruhe und beschäftigte sich eifrig mit ihren gestickten Gewändern, mit Gold und Geschmeide und Federschmuck.

Von den Genüssen eines neuen Capua einigermaßen verweichlicht, begannen die Hugenotten ihre seidenen Gewänder wieder anzuziehen, ihre Wahlsprüche öffentlich zu erklären und vor gewissen Balkons so Staat zu machen, als ob sie Katholiken wären. Überall machte sich zugunsten der reformierten Religion eine derartige Rückwirkung geltend, daß man glauben konnte, der ganze Hof würde zum Protestantismus übertreten. Selbst Admiral Coligny hatte sich, trotz seiner Erfahrung, den anderen gleich gefangennehmen lassen und war so zerstreut geworden, daß er eines Abends während zweier Stunden ganz vergessen hatte, an seinem Zahnstocher zu kauen. Dieser Beschäftigung oblag er nämlich täglich von zwei Uhr nachmittags bis acht Uhr abends, also gleich nach dem Mittagessen bis zur Abendmahlzeit. An diesem Abend, an welchem der Admiral seiner Gewohnheit so untreu geworden war, hatte König Karl der Neunte Heinrich von Navarra und den Herzog von Guise zu einem ganz vertraulichen Vesperbrot zu sich geladen. Nach Beendigung der Mahlzeit hatte der König die beiden in sein Zimmer geleitet und erklärte ihnen hier eine selbsterfundene Vorrichtung an einer Wolfsfalle. Doch auf einmal unterbrach er seine Ausführungen mit folgender Frage: »Ja, kommt denn heute der Herr Admiral nicht hierher? Wer hat ihn heute gesehen und wer kann mir Nachricht über ihn geben?« »Das kann ich wohl,« sagte der König von Navarra, »und wenn Eure Majestät etwa um seine Gesundheit besorgt sein sollten, so kann ich nur versichern, daß ich ihn heute früh um sechs Uhr und heute abend gleichfalls wohlauf gesehen habe.«

»Ah!« meinte der König, und seine bis dahin zerstreut blickenden Augen richteten sich plötzlich mit wachsender Neugierde auf seinen Schwager, »ah! Sie sind wohl zu kurz verheiratet, mein lieber Henriot, um schon so früh auf den Beinen zu sein!«

»Ganz richtig!« erwiderte der König von Bearn, »doch ich wollte vom allwissenden Admiral erfahren, ob gewisse junge Edelleute, die ich hier erwarte, schon auf der Reise sind.«

»Wie? Immer noch mehr junge Leute? Achthundert waren am Tage Ihrer Hochzeit um Sie versammelt und täglich kommen noch einige neue hinzu. Wollen Sie uns denn angreifen oder überfallen?« fragte Karl der Neunte lächelnd. Der Herzog von Guise runzelte die Brauen. »Sire,« antwortete der Bearner, »man spricht von einer Unternehmung gegen Flandern, und ich berufe aus meiner Heimat und deren Umgebung alle diejenigen hierher, die Eurer Majestät etwa von Nutzen sein könnten.« Der Herzog horchte auf, denn er erinnerte sich daran, daß der Bearner am Tage seiner Hochzeit Margarete etwas von einem Plan angedeutet hatte.

»Gut!« sagte der König mit seinem unbestimmbaren Lächeln, »je mehr, desto besser! Nur herbei damit, Heinrich. Doch wer sind diese Edelleute? Tapfere Männer hoffentlich?« »Ich weiß nicht, Sire, ob meine Edelleute mit denen Eurer Majestät, des Herzogs von Anjou oder des Herzogs von Guise wetteifern können, doch eines weiß ich gewiß: sie werden ihr Bestes tun!« »Erwarten Sie viele?« »Nur noch zehn oder zwölf!« »Ihre Namen?« »Sire, die sind meinem Gedächtnis entschwunden und mit Ausnahme eines einzigen, der mir von Teligny als vollendeter Edelmann empfohlen wurde und sich La Mole nennt, könnte ich wirklich nicht sagen ...« »Von La Mole! Ist das nicht gar ein Lerac von La Mole?« rief der König, der in der Geschlechterkunde sehr bewandert war, »ist das nicht ein Provenzale?« »Sehr richtig, Sire! Wie Sie sehen, werbe ich meine Leute sogar in der Provence an!« »Und ich,« warf der Herzog von Guise spöttelnd ein, »ich komme noch viel weiter, als Seine Majestät, der König von Navarra, denn ich suche meine verläßlichen Katholiken bis über die Grenzen von Piemont hinaus!« »Katholiken oder Hugenotten,« unterbrach rasch der König, »das bleibt sich mir gleich, wenn sie nur tapfer sind!« Bei diesen Worten, die beide Religionsparteien in einen Topf warfen, hatte der König eine so gleichgültige Miene aufgesetzt, daß sogar der Herzog von Guise darüber erstaunt war. »Eure Majestät beschäftigen sich mit unseren Flamländern?« sagte in diesem Augenblick der eintretende Admiral von Coligny. Dem war längst die Begünstigung zuteil geworden, unangesagt beim König erscheinen zu dürfen, und er hatte bei der Tür eben die letzten Worte Seiner Majestät vernommen.

»Ah! Endlich Vater Admiral!« rief Karl der Neunte aus und öffnete seine Arme. »Man spricht von Krieg, von tapferen Edelleuten ... und da ist er gleich zur Stelle! Der Magnet zieht das Eisen an! Mein Schwager Navarra und mein Vetter Guise erwarten Verstärkungen für Ihre Armee, Admiral, und davon war gerade die Rede.« »Und diese Verstärkungen treffen schon in Paris ein,« sagte Coligny.

»Haben Sie zuverlässige Nachrichten?« fragte der Bearner. »Ja, und insbesondere von Herrn von La Mole. Er war gestern in Orleans und wird morgen oder übermorgen in Paris sein.«

»Teufel! Der Herr Admiral muß ein Hexenmeister sein, um zu wissen, was sich auf dreißig, oder vierzig Meilen Entfernung von hier zuträgt! Was mich anbetrifft, so würde ich allzu gerne mit gleicher Bestimmtheit wissen, was eigentlich vor Orleans geschah oder geschehen ist?« Coligny bewahrte trotz des scharfen Hiebes sein kaltes Blut. Unverkennbar hatte der Herzog auf den Tod seines Vaters, Franz von Guise, angespielt, der vor Orleans durch Poltro von Mere getötet worden war. Man hatte den Admiral im Verdacht, daß er der Urheber des Verbrechens gewesen wäre.

»Wenn es sich um Dinge handelt, die mich oder den König angehen, dann bin ich allemal gerne ein vorausdenkender Hexenmeister,« lautete die kühle und würdige Antwort. »Mein Eilbote ist ungefähr vor einer Stunde hier angekommen, er hat mit Hilfe der Post zweiunddreißig Meilen am Tage zurückgelegt. Herr von La Mole reist zu Pferd und kann demnach nur zehn Meilen täglich bewältigen. Er dürfte also erst am 24. August in Paris eintreffen. In dieser einfachen Berechnung liegt der ganze Hexenzauber!«

»Bravo, mein Vater! Gut geantwortet!« rief Karl der Neunte. »Beweisen Sie nur diesen jungen Leuten, daß nicht nur das Alter, sondern auch die Klugheit Ihren Bart und Ihr Haupthaar gebleicht hat! Ich denke, wir schicken sie jetzt fort, damit sie von ihren Turnieren und ihren Liebschaften plaudern können und bleiben allein, um uns über den Krieg zu unterhalten! Nur ein guter Berater macht einen guten König, sagt ein altes Sprichwort. Auf Wiedersehen, meine Herren, ich habe mit dem Herrn Admiral zu reden! Die zwei jungen Leute entfernten sich, voran ging der König von Navarra, der Herzog von Guise folgte. Gleich hinter der Tür aber trennten sie sich nach einer kühlen Verbeugung.

Coligny war ihnen mit den Augen gefolgt. Immer bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe, wenn sich die zwei Prinzen mit ihrem glühenden Haß in die Nähe kamen, immer befürchtete er die Entladung eines furchtbaren Gewitters. Karl der Neunte erriet seine Gedanken, trat an den Admiral heran und legte seine Hand auf dessen Arm. »Beruhigen Sie sich, mein Vater, ich bin Manns genug, um jeden im nötigen Falle in die Schranken des Gehorsams und der Achtung zurückzuweisen. Seit meine Mutter nicht mehr regierende Königin ist, bin ich wahrhaftig der König, und sie ist nicht mehr Königin, seit Coligny mein Vater ist!« »Oh! Sire, die Königin Katharina ...« »... mischt sich in alles hinein, mit ihr kann man nicht friedlich auskommen! Diese italienischen Katholiken sind geradezu blindwütig und beabsichtigen nichts anderes als Ausrottung. Ich dagegen will nicht nur Frieden stiften, sondern will auch den Anhängern der anderen Religion gewisse Machtvollkommenheiten geben. Viel zu ausschweifend leben die Katholiken, mein Vater, und schaffen mir mit ihren Liebeshändeln und ihrer Liederlichkeit nur Ärger. Und soll ich ganz offenherzig reden?« setzte Karl der Neunte fort, als wollte er sein Herz nun gänzlich ausschütten, »ich mißtraue meiner ganzen Umgebung und kann hiervon nur bei meinen neuen Freunden eine Ausnahme machen. Tavannes Ehrsucht zum Beispiel ist mir höchst verdächtig. Vieilleville liebt nur guten Wein und wäre fähig, um ein Faß Malvasier seinen König zu verraten. Montmorency sorgt sich nur um seine Jagd und lebt zwischen seinen Hunden und Falken. Der Graf von Retz ist Spanier, die Guisen sind Lothringer. Es gibt keinen wahren Franzosen mehr in Frankreich, Gott sei mir gnädig! Vielleicht sind wir gar die einzigen, ich, der König von Navarra und du! Aber ich bin leider an den Thron gekettet und darf keine Armeen befehligen. Es ist mehr als genug, daß man mich zu meiner Zufriedenheit in Saint-Germain und in Rambouillet jagen läßt! Mein Schwager Navarra ist zu jung und zu wenig erprobt»Im übrigen scheint er mir seinem Vater Anton von Navarra nachzugeraten, den die Weiber zugrunde gerichtet haben. So bleibst nur du übrig, mein Vater, der du mutig bist wie Julius Cäsar und weise wie Plato. Und darum weiß ich ja gar nicht, was ich tun soll: soll ich dich hier als meinen Berater festhalten oder dich als Befehlshaber nach Flandern schicken? Wer wird die Armee befehligen, wenn du mich beratest, wer wird mich beraten, wenn du befehligst?« »Sire,« sagte Coligny, »zuerst heißt es siegen! Und nach dem Sieg wird der Rat von selbst kommen!« »So lautet dein Gutachten, mein Vater? Gut, so soll es auch sein! Montag wirst du nach Flandern reisen und ich ... nach Amboise.«

»Eure Majestät verlassen Paris?« »Ja. Ich bin müde nach dem vielen Lärm, nach den vielen Festen. Ich bin nun einmal kein Mann der Tat, ich bin ein Träumer, bin nicht zum König geboren, hätte als Dichter leben sollen! Du wirst eine Art Ratsversammlung zusammenstellen, die regieren soll, solange du im Feld weilst. Die Hauptsache ist, daß meine Mutter hierbei nichts zu tun hat, dann wird alles gut gehen. Ich habe schon Ronsard verständigt, daß er zu mir kommt. Weit weg von allem Lärm, weit weg von der Welt, von den schlechten Menschen, in der Hut unserer gewaltigen Wälder, an den Ufern des Flusses oder beim Gemurmel des Baches, werden wir zwei dann von Gott reden, die einzige Entschädigung, die in dieser Menschenwelt möglich ist! Doch warte, höre dir einmal die Verse an, mit welchen ich ihn zu mir einlud, heute morgen habe ich sie geschmiedet.« Coligny lächelte. Karl der Neunte rieb sich mit der Hand die gelbe, wie Elfenbein glänzende Stirne und sprach in einer singenden, taktmäßigen Art folgende Verse:

Wohl weiß ich es, Ronsard, vergessen hast du leicht
Des Königs Stimme, wenn dein Aug' ihn nicht erreicht!
Im Eifer aber stets, der Dichtkunst mich zu weih'n,
Kannst du mir, Meister, nie so schnell vergessen sein!
Den einfallsreichen Geist dir zu beleben neu,
Sandt' ich die Zeilen dir in alter Schwärmerei.

Lass' nun die Sorgen sein um deinen Hof und Haus,
Auch Gartenfreuden macht der Herbst bald den Garaus.
Folg' deinem König nur, dem du der liebste bist,
Weil von den Lippen dir manch süßer Verslaut fließt.
Kommst du nicht nach Amboise, zu Sang und Klang bereit,
So reißt das Freundschaftsband im Hader und im Streit!

»Bravo, Sire, bravo!« urteilte Coligny, »ich verstehe mich zwar auf Kriegskünste besser als auf die Dichtkunst, doch mir scheint, daß diese Verse den besten von Ronsard, Dorat und Michael Hospital, Kanzlers von Frankreich, gleichkommen!«

»Ach, mein Vater!« rief der König, »daß du doch die Wahrheit sprächest! Denn vor allem anderen eifere ich darum, ein Dichter genannt zu werden, genau so, wie ich es vor ein paar Tagen meinem Lehrmeister schrieb:

Die Staatskunst stell' ich hoch, wer soll's mir nicht verzeih'n:
Viel höher immer noch schätz' ich die Dichtkunst ein!
Wir tragen beide wohl der Krone goldnes Rot ...
Mir war sie Gottgeschenk – du schenkst sie wie ein Gott!
Dein Geist erstrahlt von selbst, himmlisch gebenedeit,
Die hohe Stellung nur mir Glanz und Pracht verleiht!
Buhl' ich um Göttergunst, faßt die Erkenntnis mich:
Ihr Liebling ist Ronsard, ihr Abbild nur bin ich!
Und deiner Leier Ton, mit Zauberkraft er bannt
Dir Geist und Seele doch – mir nur die schwache Hand!
Als Meister hat die Kunst dich in ein Reich geführt,
Das kein Tyrannenfuß jemals betreten wird!

»Sire,« sagte Coligny, »ich wußte wohl, daß sich Eure Majestät gerne mit den Musen beschäftigen, doch ich ahnte nicht, daß sie so einflußreiche Ratgeber Eurer Majestät seien.«

»Nach dir, mein Vater, erst nach dir! Und weil ich meine augenblicklichen Beziehungen zu ihnen nicht stören will, darum will ich dich zum Herrn über alles machen. Höre also: ich muß gerade jetzt meinem lieben und großen Dichterfürsten ein neues zugeschicktes Madrigal beantworten ... ich kann dir demnach nicht gleich alle Schriftstücke übermitteln, die dich über die großen Streitfragen, die zwischen mir und Philipp dem Zweiten bestehen, aufklären sollen. Bei diesen befindet sich außerdem auch eine Art Feldzugsplan, den meine Minister ausgearbeitet haben. Ich werde dir das alles zusammensuchen und dir morgen früh übergeben.«

»Um welche Stunde, Sire?«

»Sagen wir: um zehn Uhr! Sollte ich aber zufällig mit meinen Versen beschäftigt sein, sollte ich mich in meinem Arbeitszimmer abgesperrt haben, dann wirst du desungeachtet hier eintreten und wirst alle Papiere, die du auf diesem Tische vorfindest, an dich nehmen. Sie werden sich in einer roten Brieftasche befinden, die Farbe ist so auffallend, daß du dich nicht irren kannst. Und nun will ich Ronsard schreiben ...«

»Adieu, Sire.«

»Adieu, mein Vater!«

»Ihre Hand?«

»Was sagst du? Meine Hand? In meine Arme! An mein Herz! Denn das ist allein der richtige Platz für dich. Komm, mein alter Krieger, komm!«

König Karl der Neunte zog den Admiral an seine Brust und als sich dieser tief verneigte, küßte er ihm das weiße Haupthaar.

Coligny entfernte sich gerührt und mit einer Träne im Auge. Der König folgte ihm mit den Blicken, solange dies möglich war und lauschte noch lange seinen Schritten. Dann ließ er wie gewöhnlich seinen Kopf auf die eine Schulter sinken. Bleichen Antlitzes verließ er das Zimmer, um sich in seinen Waffensaal zu begeben.

Dieser Raum war ein vom König bevorzugter Aufenthaltsort. Hier nahm er mit Meister Pompée seine Fechtübungen vor und hier widmete er sich auch mit Ronsard der Dichtkunst. Er hatte hier eine große und auserlesene Sammlung verschiedener Angriffs- und Verteidigungswaffen untergebracht, alles Beste und Schönste, was aufzutreiben war. Die Wände des Saales waren mit Streitäxten, mit Schilden und Lanzen geschmückt, mit Hellebarden, Pistolen und Reiterflinten. Am gleichen Tage hatte ein berühmter Büchsenmacher dem König eine prachtvolle Hakenbüchse gebracht, auf deren Lauf vier vom König selbst verfaßte Verse in Silberbuchstaben eingestochen waren.

Schön bin ich und treu
Dem Glauben zum Schutz,
Doch grausam dabei
Den Feinden zum Trutz!

Karl der Neunte betrat nun diesen Waffenraum, schloß sorgfältig die Haupttüre, durch die er gekommen war, und hob dann vorsichtig einen Teil der Wandverkleidung des Zimmers in die Höhe. Durch eine Türöffnung bot sich nun hier der Einblick in einen anstoßenden Raum, in welchem eine vor einem Betpult kniende Frau zu bemerken war, die scheinbar ihre Andacht verrichtete.

Da der König so behutsam vorgegangen war, seine durch den Teppich gedämpften Schritte gar kein Geräusch verursacht hatten, wandte sich die Frau nicht um, sondern verblieb in ihrer andächtigen Stellung.

Einen Augenblick lang verharrte auch der König in seiner Stellung und sah die Frau nachdenklich und ernst an.

Die Kniende mochte eine Frau von dreißig oder fünfunddreißig Jahren sein, deren kraftvolle Schönheit und Gestalt durch die sie vorteilhaft kleidende Bauerntracht aus der Umgebung von Caux noch erhöht wurde. Sie trug eine hohe Haube, wie sie in der Regierungszeit Isabellas von Bayern am französischen Hofe so beliebt waren, und ein rotes, goldgesticktes Schnürleibchen, wie es noch heute die Bäuerinnen von Nettuno und von Sora tragen. Das Zimmer, das sie nun bald seit zwanzig Jahren bewohnte, grenzte an das Schlafzimmer des Königs und war teilweise mit sehr vornehmen, teilweise sehr bäuerlichen Einrichtungsstücken ausgestattet. In fast gleichem Verhältnis hatten sich hier Palast und Strohhütte zusammengefunden, die Einfachheit eines Landmädchens und die Prunkliebe einer Weltdame waren in dem Zimmer aneinandergeraten. Der Betstuhl, auf welchem die Frau kniete, war aus prachtvoll geschnitztem Eichenholz, eine Samtdecke mit Goldfransen bedeckte das Pult, während das Buch, aus welchem die Frau ihre Gebete las, halb zerfetzt und zerrissen war, wie eben Bücher auf dem Lande auszusehen pflegen. Dieses beschädigte Buch war eine Bibel, denn die Frau gehörte der reformierten Religion an.

»Eh! Madelon!« rief der König.

Die Kniende hob den Kopf und lächelte, als sie den vertraulichen Anruf vernahm. Indem sie sich erhob, sagte sie: »Ach, du bist es, mein Sohn!«

»Komm zu mir her, Amme!«

Die Amme näherte sich zwanglos, wie es eben die Frau tut, die mit mütterlicher Zärtlichkeit an dem Kinde hängt, das sie einstmals gestillt. Diese Regung war bei ihr echt, wenn auch die schlechte Menschheit derlei Anhänglichkeit auf unlautere Weise zu begründen sucht.

»Hier bin ich,« murmelte die Frau, »sprich!«

»Ist der Mensch, nach dem ich verlangt habe, hier?«

»Seit einer halben Stunde.«

Der König trat an das Fenster heran, überzeugte sich davon, daß dort niemand verborgen war, ging dann zur Tür hin und fahndete vergeblich nach unwillkommenen Lauschern. Dann schüttelte er zerstreut den Staub von einigen Waffen ab und streichelte einen großen Windhund, der ihm auf Schritt und Tritt gefolgt war. Endlich kam er wieder auf die Amme zu und sagte: »Gut, er soll eintreten!«

Die brave Frau zog sich wieder durch die heimliche Türöffnung zurück, während sich der König an einen Tisch lehnte, auf welchem allerhand Waffen bereitlagen.

Gleich darauf hob sich der Vorhang abermals, und der Erwartete trat ein. Der etwa vierzigjährige Mann hatte graue, falsche Augen und eine Nase, die dem herabgebogenen Schnabel einer Nachteule glich. Sein Gesicht war breit auseinandergezogen und die Backenknochen standen stark hervor. Er wollte scheinbar eine ehrfürchtige Miene aufsetzen, brachte aber nur ein heuchlerisches Lächeln zustande, das ängstlich um seine bleichen Lippen spielte.

Vorsichtig langte der König mit der einen Hand hinter seinen Rücken nach dem Kolben einer ganz neu erfundenen Pistole. Die Entladung erfolgte bei dieser im Gegensatz zu der früher verwendeten Lunte mittels eines Steines und eines Radschlosses. Hiebei beobachtete er mit trüben Blicken unentwegt die neue Persönlichkeit, die vor ihm hingetreten war und pfiff tonrichtig eine seiner geliebten, bekannten Jagdweisen vor sich hin.

Nach wenigen Sekunden, in denen sich die Miene des Fremden immer mehr und mehr veränderte, sprach ihn der König an: »Sind Sie es, den man Franz von Louviers Maurevel nennt?«

»Jawohl, Sire.«

»Kommandant der Petarden-Abteilungen?«

»Jawohl, Sire.«

»Ich wollte Sie sehen.«

Maurevel verneigte sich.

»Sie wissen.« begann Karl und betonte jedes Wort, »daß ich alle meine Untertanen auf gleiche Weise liebe.«

»Ich weiß,« stammelte Maurevel, »daß Eure Majestät der Vater des gesamten Volkes sind.«

»Und daß die Hugenotten und die Katholiken ohne Unterschied meine Kinder sind!«

Maurevel blieb stumm. Obwohl er im Schatten stand, bemerkte der König mit durchdringenden Blicken sehr gut, daß ein plötzliches Zittern durch den Körper des Angesprochenen lief.

»Das ist Ihnen hinderlich,« setzte der König fort, »weil Sie die Hugenotten auf so rücksichtslose Art bekriegen wollen?«

Maurevel fiel auf die Knie nieder.

»Sire,« stotterte er, »wollen Sie überzeugt sein ...«

»Ich bin überzeugt davon,« sagte Karl der Neunte und heftete seinen bisher so glasigen Blick mit plötzlichem Feuer auf Maurevel, »ich bin überzeugt davon, daß Sie in Moncontour den Herrn Admiral, der eben von mir wegging, zu töten beabsichtigten. Ich bin überzeugt davon, daß Ihr Anschlag mißlang und daß Sie daraufhin in die Armee meines Bruders, des Herzogs von Anjou, eintraten. Schließlich wechselten Sie nochmals die Herrn und nahmen Dienste in der Kompanie des Herrn von Mouy von Saint-Phale ...«

»Oh! Sire!«

»... eines geraden, ehrlichen Edelmanns aus der Picardie?«

»Sire, Sire,« schrie Mauvevel auf, »Sie drücken mich zu Boden nieder!«

»Das war ein tüchtiger Offizier!« fuhr Karl der Neunte weiter fort; in dem Maß, als er weiter sprach, steigerte sich sein Gesichtsausdruck von der Grausamkeit beinahe zur Wildheit. »Der hat Sie wie einen Sohn bewillkommt, hat Ihnen

Wohnung, Kleidung und Nahrung gegeben ...«

Maurevel stieß einen verzweifelten Seufzer aus.

»Sie hatten ihn, glaube ich, Ihren Vater genannt,« sprach der König unbarmherzig weiter, »und treue Freundschaft hat Sie mit dem jungen Mouy, seinem Sohn, verbunden, nicht wahr?«

Der kniende Maurevel krümmte sich immer mehr und mehr unter den niederschmetternden Worten des Königs, der aufrecht und unbewegt wie eine Statue vor ihm stand, ein starres Steinbild, dessen Lippen allein Leben verrieten.

»Ja richtig, bei der Gelegenheit ...« fragte plötzlich der König, »waren es nicht zehntausend Taler, die Sie für den Fall, daß der Mord gelungen wäre, vom Herzog von Guise hätten bekommen sollen?«

Bestürzt schlug der Mörder mit seiner Stirne den Boden.

»Was nun den Herrn von Mouy betrifft, Ihren guten Vater, wie Sie ihn nannten, so geleiteten Sie ihn eines Tages bei einem Rekognoszierungsritt, der ihn nach Chevraux führte. Zufällig fiel ihm die Reitgerte zu Boden und er mußte vom Pferde steigen, um sie aufzuheben. Sie waren ganz allein mit ihm und zogen eine Pistole aus den Halftern. Als er sich bückte, zerschmetterten Sie ihm mit einem Schuß das Kreuz. Nachdem Sie seinen Tod festgestellt hatten – er war ja im Feuer gestürzt – ergriffen Sie die Flucht mit dem Pferde, das er Ihnen geschenkt hatte. Das ist die ganze Geschichte, wie ich glaube?«

Während Maurevel unter der Wucht dieser Anklage, die in allem die Wahrheit enthielt, verstummte, begann Karl der Neunte mit der gleichen Richtigkeit und in derselben Tonart die Jagdweise von früher vor sich hinzupfeifen.

»Nun aber, Meister Mörder,« fügte er gleich darauf hinzu, »wissen Sie, daß ich große Lust hätte, Sie hängen zu lassen?«

»Oh! Majestät!« schrie Maurevel auf.

»Der junge Herr von Mouy hat mich erst gestern darum gebeten und wahrhaftig, ich wußte ihm darauf keine Antwort zu geben, denn seine Bitte scheint mir mehr als berechtigt zu sein«

Maurevel rang die Hände.

»Umso mehr berechtigt, als ich, wie Sie vorhin richtig sagten, der Vater meines Volkes bin und als ich, wie ich Ihnen antwortete, jetzt mit den Hugenotten Frieden geschlossen habe und sie daher geradeso meine Kinder sind wie die Katholiken.«

»Sire,« sagte Maurevel vollständig mutlos geworden, »mein Leben ist in Eurer Hand, tut damit, was Ihr wollt!«

»Sie haben ganz recht, ich würde dafür keinen Heller mehr geben!«

»Doch, Sire,« fragte trotzdem der Verbrecher, »gibt es keine Möglichkeit, mich von meinem Verbrechen loszukaufen?«

»Ich wüßte kaum eine! Immerhin, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, doch Gott sei Dank! Das ist ja ausgeschlossen...«

»Gut, Sire, wenn Sie an meiner Stelle wären...« murmelte der Verbrecher und hing mit den Augen an den Lippen des Königs.

»... glaubte ich, meinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können ...«

Maurevel erhob sich auf ein Knie und stützte sich auf eine Hand. Er heftete seine Augen auf Karl, wie um sich zu überzeugen, daß der ihn nicht nur zum Narren hielt.

»Ich schätze den jungen Mouy ohne Zweifel gar sehr,« fuhr der König fort, »aber ebenso schätze ich auch meinen Vetter, den Herzog von Guise. Und wenn dieser um das Leben eines Menschen bäte, dessen Tod der andere verlangte, dann würde ich mich in einer argen Verlegenheit befinden. Gleichwohl müßte ich, in Ansehung der Politik und auch der Religion, das tun, worum mich mein Vetter Guise bitten würde, denn von Mouy, ansonsten ein sehr tapferer Kapitän, ist doch im Vergleich zu einem Lothringer Prinzen ein recht kleiner Geselle!«

Während der König sprach, richtete sich Maurevel, wie ein Mensch, der langsam wieder zum Bewußtsein kommt, auf. »In der verzweifelten Lage, in der Sie sich befinden, wäre es also unbedingt von Nutzen, das Wohlwollen meines Vetters Guise zu erlangen und bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich eben an eine Sache, die er mir gestern erzählte.«

Maurevel näherte sich mit einem Schritte dem König.

›Stellen Sie sich vor, Sire,‹ meinte der Herzog, ›daß ich meinen Todfeind an jedem Morgen um zehn Uhr sehe. Er kommt um diese Zeit immer vom Louvre her und durchschreitet die Straße Saint-Germain-l'Auxerrois. Ich beobachte ihn stets durch ein vergittertes Fenster aus der ebenerdigen Wohnung meines ehemaligen Lehrers, des Stiftsherrn Pierre Piles, und jedesmal rufe ich den Teufel mit der Bitte an, er möge den unausstehlichen Menschen bis in das tiefste Erdinnere hinabversenken.‹

»Nun also, Meister Maurevel,« setzte der König fort, »was meinten Sie dazu, wenn Sie zum Beispiel einmal dieser Teufel sein könnten oder wenigstens für einen Augenblick sein Stellvertreter sein würden, dergleichen müßte doch dem Vetter Guise gewiß sehr willkommen sein?«

Maurevel hatte sein unheimliches Lächeln wieder gefunden und langsam kam es über seine, vom ausgestandenen Schrecken noch bleichen Lippen: »Leider, Sire, fehlt mir die Kraft, die Erde zu öffnen.«

»Wenn ich mich richtig erinnere, so haben Sie dem braven von Mouy die Erde ganz gut geöffnet. Sie werden mir sagen, daß dies mit einer Pistole... übrigens haben Sie die Pistole noch?«

»Verzeihung, Sire,« erwiderte der Gewaltmensch, der wieder festen Boden unter den Füßen fühlte, »ich schieße viel besser mit der Hakenbüchse als mit der Pistole.«

»Oh!« rief Karl der Neunte, »Hakenbüchse oder Pistole, das hat nichts zur Sache! Ganz gewiß wird mein Vetter Guise bei der Wahl der Mittel keine Schwierigkeiten machen.«

»Immerhin,« meinte Maurevel, »würde ich in diesem Fall eine vorzügliche und genaue Waffe brauchen, denn es scheint nicht ausgeschlossen, daß ich einen weiten Schuß werde wagen müssen.«

»Ich habe hier zehn Hakenbüchsen in dem Zimmer hängen,« sagte der König, »und mit jeder von ihnen treffe ich auf fünfzig Schritte einen Goldtaler. Wollen Sie vielleicht eine davon versuchen?«

»Ach, Sire, mit dem größten Vergnügen,« rief Maurevel und ging auf die Büchse zu, die Karl der Neunte eben erst erhalten hatte.

»Nein, nein, die nicht!« rief der König, »die habe ich mir selbst vorbehalten. In den nächsten Tagen dürfte eine größere Jagd stattfinden, bei welcher ich diese Büchse persönlich verwenden will. Jede andere steht aber zu Ihrer Verfügung. Maurevel nahm eine andere von einem Wandhaken herunter.

»Jetzt würde ich nur gerne wissen, wer der genannte Feind ist, Sire?« forschte der Mörder.

»Was weiß ich?« erwiderte Karl und maß den Elenden mit vernichtenden Blicken.

»Ich werde mir demnach bei dem Herrn Herzog Rat holen,« stammelte Maurevel.

Der König zuckte mit den Schultern.

»Fragen Sie nur nicht zu viel, Herr von Guise wird Ihnen keine Antwort geben. Kann man überhaupt auf derlei Fragen antworten? Die, die nicht gehängt werden wollen, haben alles zu erraten!«

»Doch irgend ein Erkennungszeichen muß ich doch schließlich bekommen.«

»Ich sagte schon, daß er an jedem Vormittage um zehn Uhr bei den Fenstern des Stiftsherrn vorbeigeht.«

»Da gehen aber sicherlich so viele vorüber! Geruhen Eure Majestät, mir nur irgend ein kleines Merkzeichen zu geben.«

»Das ist nicht schwer. Morgen zum Beispiel wird der Betreffende eine Brieftasche aus rotem Saffianleder unter dem Arm tragen.«

»Sire, das genügt.«

»Besitzen Sie noch immer jenes Pferd, das Ihnen Herr von Mouy gegeben und das so schnell sein soll?«

»Sire, ich verfüge über den flüchtigsten Berberschimmel!«

»Oh! Ich besorge nichts für Sie, doch ist es immer gut, wenn man weiß, wo man sein Hintertürchen zu suchen hat!«

»Vielen Dank, Sire, und jetzt darf ich nur um ein Gebet für mich bitten.«

»Tausend Teufel! Bringen Sie dem Satan Ihre Bitte vor, denn nur durch seine Hilfe können Sie dem Strick entkommen!«

»Adieu, Sire.« »Adieu. Und wohlgemerkt, Herr von Maurevel, wenn man vor morgen zehn Uhr vormittags in irgend einer Art von Ihnen reden hört oder wenn man nach dieser Stunde nichts von Ihnen hört, dann bitte ich nicht zu vergessen, daß es im Louvre ein Verließ, einen Ort der Vergessenheit gibt!«

Und nach diesen Worten begann Karl der Neunte abermals sein Lieblingslied zu pfeifen, seelenruhiger und richtiger denn je.

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