Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
Schließen

Navigation:

Die Hetzjagd

Der Jäger, der den Keiler bestätigt hatte, um dann dem König die Meldung zu überbringen, daß das Tier im eingekreisten Jagen fest liege, hatte sich nicht getäuscht. Denn kaum war der Spürhund auf die Fährte gelegt worden, als er sich auch schon in das Dickicht stürzte und den Keiler in einem Dornengestrüpp aus seinem Lager hoch machte. Es handelte sich hier tatsächlich um einen Eingänger, das heißt um einen besonders starken und alten Bassen, was der Jäger schon aus seiner Fährte gelesen und festgestellt hatte.

Der Keiler flüchtete geradeaus durch die Büsche und wechselte dann, keine fünfzig Schritt weit vom König, quer über den Weg, vorerst nur von dem Spürhund verfolgt, der ihn aus seinem Bett losgemacht hatte. Man löste sofort eine erste Koppel, und etwa zwanzig Hetzhunde nahmen die Verfolgung des Hauptschweines auf.

Die Jagd war König Karls größte Leidenschaft. Kaum hatte der Keiler den Weg überfallen, als er ihm schon nachsprengte und auf seinem Horn den Ruf »Jagd auf Sicht« blies. Ihm folgten der Herzog von Alençon und Heinrich von Navarra, dem Margarete mittels eines Zeichens zu verstehen gegeben hatte, daß er dem König nicht von der Seite weichen möge. Auch alle andern Jäger folgten ihrem königlichen Gebieter.

Die königlichen Wälder glichen in der Zeit, in der sich diese Geschichte hier abspielt, keineswegs den heutigen, nach allen Seiten hin von breiten, fahrbaren Wegen durchschnittenen Forsten. Damals war die Nutzung der Wälder kaum nennenswert. Die Könige dachten noch nicht an Geschäfte und Holzhandel, es fiel ihnen auch nicht ein, ihren Wald wertmäßig in hiebsreife Bestände, Schonungen und Stangenhölzer einzuteilen. Die Bäume, wohl nicht durch ein Verfahren allwissender Forstleute, sondern durch Gottes Hand gepflanzt, die den Samen nach den Launen des Windes streut, standen nicht reihenweise oder in schachbrettförmiger Ordnung da, sie wuchsen, wie es ihrer Bequemlichkeit und ihren Bedürfnissen entsprach und wie man sie noch heute in einem Urwald Amerikas wachsen und wuchern sehen kann. Kurz gesagt, ein Wald damaliger Zeiten war auch eine Heimstätte für das Wild, er beherbergte Rotwild, Schwarzwild, Wölfe bei sich und auch ... Wilddiebe. Nur etwa ein Dutzend Fußsteige durchquerten, von einem Punkt ausgehend, sternförmig den Wald von Bondy. In weitem Kreisbogen umschloß, wie der Radkranz die Speichen, ein breiterer Weg die auslaufenden Steige.

Und um den Vergleich beizubehalten: nur die in der Mitte gelegene Radnabe bildete den einzigen Wegkreuzungspunkt im ganzen Walde, so daß sich alle verirrten Jäger immer wieder hier einfinden mußten, um erst von hier aus mit der davongerittenen Jagdgesellschaft in Fühlung zu kommen.

Im Verlauf einer Viertelstunde geschah, was in solchen Fällen meistens zu geschehen pflegt. Unüberwindliche Hindernisse hatten sich den Jägern entgegengestellt, das Geläut der Hunde war in der Ferne verhallt, der König war, wie gewöhnlich, fluchend und schimpfend zum Kreuzungspunkt zurückgekommen.

»Nun, Alençon, nun, Henriot,« rief er, »da sind Sie ja! Verdammt! Sie stehen ja so ruhig und still da, wie Nonnen hinter ihrer Äbtissin! Sehen Sie, so etwas kann man nicht Jagd nennen! Sie, Alençon, Sie sehen aus, als ob man Sie aus einer Schachtel genommen hätte, und außerdem verbreiten Sie solche Wohlgerüche um sich her, daß, wenn Sie zufällig zwischen Wild und Hunde geraten würden, meine Hetzrüden sofort die Fährten verlieren müßten. Und Sie, Henriot, wo haben Sie Ihre Saufeder, wo ist Ihre, Büchse?«

»Sire,« erwiderte Heinrich, »zu was sollte ich eine Büchse brauchen? Ich weiß, daß Eure Majestät gerne selbst dem Keiler den Fangschuß geben, wenn er von den Hunden gehalten wird. Und was die Saufeder anbetrifft, so handhabe ich diese Waffe, die bei uns in den Bergen nicht gebräuchlich ist, sehr ungeschickt. Wir jagen die Bären mit dem einfachen Dolch.«

»Verdammte Geschichte! Heinrich, wenn Sie wieder in Ihre Pyrenäen zurückgekehrt sein werden, müssen Sie mir gleich eine ganze Ladung voll Bären herschicken, denn die Jagd und der Kampf, Brust an Brust, mit einem Tier, das uns umarmen und erdrücken kann, muß ja etwas ganz Prachtvolles sein. Doch, horchen Sie ... ich glaube, ich höre die Hunde!... Nein, doch nicht, es war eine Täuschung.«

Der König nahm sein Horn in die Hand, setzte es an und blies eine Fanfare. Von mehreren Seiten hallte aus dem Walde die gleiche Antwort. Plötzlich erschien aber ein Pikenreiter und blies einen anderen Ruf.

»Das Wild in Sicht!« rief der König.

Schon sprengte er im Galopp davon, die Jäger, die sich bei ihm eingefunden hatten, galoppierten ihm nach.

Der Pikenreiter hatte in der Tat ein richtiges Zeichen gegeben. Je weiter der König kam, desto deutlicher wurde das Geläut der Meute vernehmbar, die jetzt schon aus mehr als sechzig Hunden bestand. Allmählich hatte man nämlich alle Koppeln, die bei den Stellen, durch die der Keiler gewechselt war, in Bereitschaft gestanden waren, losgelassen. Zum zweitenmal sah der König den alten Eingänger vorbeiflüchten, und weil er sich gerade bei einem hochstämmigen Holz befand, jagte er dem Flüchtigen quer durch den Wald nach und stieß hierbei mit ganzer Kraft in sein Horn.

Eine kurze Zeitlang folgten ihm die Prinzen. Karl der Neunte ritt aber ein ausdauerndes Pferd. Er setzte mit dem feurigen Tier über abschüssige Wegböschungen hinüber, durchquerte so dichtes Gestrüpp, daß zuerst die Damen, dann der Herzog von Guise mit seinen Edelleuten und schließlich auch die zwei Prinzen gezwungen waren, zurückzubleiben. Tavannes allein vermochte noch kurze Zeit in der Nähe des Königs zu bleiben, dann mußte er gleichfalls den Ritt aufgeben.

Allmählich fand sich die ganze Jagdgesellschaft mit Ausnahme Karls und einiger Pikenreiter, die in der Aussicht auf eine Belohnung den König nicht verlassen wollten, wieder in der Umgebung des Kreuzungspunktes ein.

Die zwei Prinzen hielten mit ihren Pferden knapp nebeneinander in einem langen geradlinigen Durchhau, und etwa hundert Schritte von ihnen entfernt hatte der Herzog von Guise mit seinem Gefolge halt gemacht. Bei der Wegkreuzung standen die Damen.

»Kommt es Ihnen nicht manchmal vor,« sagte der Herzog von Alençon zu Heinrich und schielte dabei mit einem Auge zum Herzog von Guise hinüber,«als ob der Mann dort mit seinen Eisenreitern der wirkliche König wäre? Arme Prinzen, die wir sind, er würdigt uns ja kaum eines Blickes!«

»Warum soll er uns besser behandeln, als uns die eigenen Verwandten behandeln?« erwiderte Heinrich. »Eh, mein Herr Bruder, sind wir nicht, Sie und ich, eigentlich Gefangene am Hofe Frankreichs, Geiseln für unsere Parteien?«

Der Herzog Franz stutzte bei diesen Worten und sah Heinrich so an, als ob er eine verständlichere Erklärung seiner Ansicht erwarten würde. Doch Heinrich hatte mehr gesagt, als es sonst seine Gewohnheit war, und hüllte sich darum in Schweigen.

»Was wollen Sie damit sagen, Heinrich?« fragte der Herzog und war sichtlich darüber verärgert, daß sein Schwager nicht fortfuhr, sondern ihn zwang, weitere Aufklärung zu verlangen.

»Damit soll gesagt sein, mein Bruder, daß diese so gut bewaffneten Männer da drüben, deren Aufgabe es scheinbar ist, uns nicht aus den Augen zu verlieren, ganz nach Wache aussehen, nach einer Geleitmannschaft, die eine allfällige Flucht zweier Personen verhindern soll.«

»Fliehen, warum, wie ist das zu verstehen?« fragte der Herzog und spielte mit bewundernswerter Fertigkeit den harmlos Erstaunten.

»Sie haben hier ein prachtvolles spanisches Pferd, Franz,« meinte Heinrich, verfolgte seinen Gedanken weiter, tat aber so, als ob er auf einen andern Gesprächsstoff übergehen wollte, »das macht sicherlich seine sieben Meilen in der Stunde. Von jetzt bis zu Mittag würde es also gut zwanzig Meilen zurücklegen. Wir haben schönes Wetter. Das könnte einen wahrhaftig dazu reizen, dem Pferd ein wenig die Zügel schießen zu lassen. Sehen Sie sich doch diesen netten Querweg da an, führt er Sie nicht in Versuchung, Franz? Was mich anbetrifft, so juckt es mich, dem Pferd die Sporen zu geben.«

Der Herzog antwortete nicht. Er wurde abwechselnd rot und blaß und neigte sich vor, als ob er angestrengt lauschen wollte, in welcher Richtung die jagenden Hunde sein könnten.

»Die Neuigkeit und Nachricht aus Polen hat ihre Wirkung,« sagte sich Heinrich. »Mein lieber Schwager macht sich einen Plan zurecht, er würde gegen meine Flucht nichts dagegen haben ... aber ich werde nicht allein fliehen!«

Er hatte sein Selbstgespräch kaum beendigt, als mehrere neue Glaubenswechsler, die erst seit zwei oder drei Monaten wieder bei Hof waren, im kurzen Galopp ankamen und die zwei Prinzen mit dem verbindlichsten Lächeln grüßten.

Es war klar, daß der Herzog von Alençon, durch die Eröffnungen Heinrichs bewogen, jetzt nur ein Wort zu sagen, nur ein Zeichen mit der Hand zu geben gebraucht hätte, damit diese dreißig oder vierzig Edelleute, die sich wie in Herausforderung des Herzogs von Guise um die beiden Prinzen versammelt hatten, seine Flucht begünstigt hätten. Aber er wendete seinen Kopf zur Seite, setzte sein Hifthorn an die Lippen und blies den Ruf zur Sammlung.

Mittlerweile hatten sich die Ankömmlinge allmählich zwischen die zwei Prinzen und den Herzog von Guise eingeschoben und hatten sich mit planmäßigem Geschick, das jedenfalls Übung in militärischen Maßnahmen verriet, in diesem Raum staffelförmig aufgestellt. Sie mochten wahrscheinlich geglaubt haben, daß die Unschlüssigkeit des Herzogs von Alençon ihre Ursache in der Anwesenheit und Nähe des Herzogs von Guise und seiner Leute gehabt hätte. Jetzt standen sie aber so, daß diese, um zum Herzog von Alençon und zum König von Navarra gelangen zu können, geradewegs über sie hätten hinwegschreiten müssen, während sich in Sehweite von den zwei Brüdern ein unbesetzter, freier Weg befand.

Zwischen den Bäumen, ungefähr zehn Schritte vom König von Navarra, erschien plötzlich noch ein anderer Edelmann, den die zwei Prinzen bisher noch nicht gesehen hatten. Heinrich versuchte ihn zu erkennen, als der Edelmann auch schon seinen Hut zog und sich dem König als Vicomte von Turenne vorstellte. Er war ein Führer der protestantischen Partei, den man aber in Poitou glaubte.

Der Edelmann wagte sogar ein Zeichen, das klar und deutlich die Frage: »Kommen Sie?« zum Ausdruck brachte.

Doch Heinrich, der das unbewegliche Antlitz und das glanzlose Auge des Herzogs von Alençon beobachtet hatte, drehte zwei- oder dreimal seinen Kopf gegen beide Schultern, so, als ob ihn etwas im Kragen seines Wamses belästige.

Das war eine verneinende Antwort. Herr von Turenne hatte sie verstanden, gab seinem Pferd beide Sporen und verschwand im Dickicht.

Gleich darauf hörte man die immer näherkommenden Hunde. Einen Augenblick später sah man am anderen Ende der Schneise, auf der man stand, den flüchtigen Keiler über die Lichtung wechseln, hinterdrein jagten die Hunde und hinter diesen erschien Karl der Neunte, wie der wilde Jäger in eigener Person. Er hatte seinen Hut verloren, hielt das Hifthorn an die Lippen und blies, als ob ihm die Lungen bersten müßten. Drei oder vier Pikenreiter folgten, Tavannes war verschwunden.

»Der König!« rief der Herzog von Alençon, und er ritt sofort in die Richtung der entschwundenen Jäger davon. Heinrich, der durch die Anwesenheit seiner treuen Freunde beruhigt war, gab ihnen ein Zeichen, daß sie an Ort und Stelle bleiben sollten, und begab sich zu den Damen.

»Nun?« fragte Margarete und kam ihm einige Schritte entgegen.

»Nun, Madame, wir jagen auf Wildschweine!« antwortete Heinrich.

»Ist das alles?«

»Ja, der Wind hat sich seit gestern früh gedreht. Doch ich glaube, Ihnen das so vorausgesagt zu haben.«

»Das Wechseln des Windes ist für die Jagd nicht günstig, nicht wahr, mein Herr?«

»Gewiß, das wirft manchmal alle getroffenen Verfügungen über den Haufen, man muß dann die ganzen Pläne umarbeiten,« meinte Heinrich.

Wieder ließ sich jetzt das Kläffen der Hunde vernehmen, der Lärm näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Heftige Erregung bemächtigte sich der anwesenden Jäger und veranlaßte sie, sich für jeden nächsten Augenblick bereitzuhalten, jeder hob nun den Kopf und horchte gespannt in den Wald hinein.

Schon flüchtete auch der Keiler aus der Deckung auf die Blöße heraus; statt aber wieder in die gegenüberliegende Dickung zu wechseln, kam er geradeaus über die Schneise auf die Wegkreuzung zu, wo sich die Damen befanden, dann die Herren, die ihnen den Hof machten und endlich die Jäger, die die Richtung der Hatz verloren hatten.

Hinter dem Keiler und an seiner Seite, so nahe, daß ihr heißer Atem seine Grannen streifte, kamen an die dreißig oder vierzig der stärksten Hetzrüden, und kaum zwanzig Schritte hinter der Meute galoppierte König Karl daher, ohne Barett, ohne Mantel, die Kleider von Dornen zerfetzt und zerrissen, Blut im Gesicht und Blut an den Händen.

Nur zwei Pikenreiter waren bei ihm geblieben.

Der König setzte sein Horn nur ab, um die Hunde anzueifern, und er hörte nur damit auf, um wieder in sein Horn zu stoßen. Er hatte die ganze Welt um sich herum aus den Augen verloren, und wenn sein Pferd gestürzt wäre, hätte er sicher wie Richard der Dritte von England gerufen: ein Königreich für ein Pferd!

Doch das Pferd war ebenso ungestüm wie sein Herr, es berührte mit seinen Hufen kaum den Boden, aus seinen Nüstern sah man förmlich das Feuer sprühen.

Der Keiler, die Meute, der König, alles flüchtete fast wie ein Traumgebilde vorbei.

»Hallali, hallali!« schrie Karl der Neunte im Vorbeisausen und führte wieder gleich sein Hifthorn an die blutigen Lippen. Einige Schritte hinter ihm kamen der Herzog von Alençon und zwei Pikenreiter angaloppiert, die Pferde der andern Reiter hatten teilweise nicht mehr mitkommen können, teilweise hatten sie sich irgendwie verloren.

Alle anderen Jäger und Damen folgten nun dem Geläuf, denn es war vorauszusehen, daß der Keiler nicht länger säumen werde, sich den Hunden zu stellen.

Nach kaum zehn Minuten bog er tatsächlich von seinem bisherigen Wechsel ab und sprang in eine Dickung ab. Bei einer kleinen Waldblöße drehte er sich plötzlich um seine eigene Achse, nahm Rückendeckung bei einem Felsen und wies den Hunden seine furchtbaren Gewehre. Auf die Rufe des Königs, der den Keiler bis zum Felsen verfolgt hatte, strömte alles zusammen.

Der spannendste Augenblick der ganzen Jagd war gekommen. Der alte Basse schien sein Leben blindwütig und bis zum äußersten verteidigen zu wollen. Die dreistündige Hatz hatte die Hunde gereizt, mit Eifer und Gier stürzten sie sich auf den Keiler, die Rufe und Flüche des Königs verdoppelten ihre Angriffslust.

Die anderen Jäger bildeten nun einen Kreis. Der König stand etwas weiter vorne, hinter ihm kam, mit einer Büchse bewaffnet, der Herzog von Alençon, dann Heinrich von Navarra, der nichts, als sein gewöhnliches Jagdmesser an der Seite trug.

Franz von Alençon machte seine Büchse fertig und entzündete die Lunte, Heinrich lockerte sein Jagdmesser in der Scheide.

Der Herzog von Guise, der das Weidwerk und seine Gebräuche ziemlich geringschätzte, hielt sich mit allen seinen Edelleuten abseits von der Waldlichtung auf.

Alle andern, die hingegen richtiges Jägerblut in den Adern hatten, richteten ihre gespannten Blicke auf das gestellte Wild und erwarteten mit Ungeduld den Ausgang des Kampfes.

Abseits hielt sich auch der Jäger, der des Königs Jagdhunde führte. Er mußte seine Füße gegen den Boden stemmen, um sie so besser halten zu können, denn sie sprangen und eiferten samt ihren Panzerjacken heulend gegen den Keiler hin, so daß man glauben konnte, sie würden ihre Ketten zerreißen. Sie konnten es nicht mehr erwarten, ihn bei den Gehören zu packen.

Der Keiler hielt sich sehr tapfer. Er wurde gleichzeitig von vierzig Hunden angegriffen, die ihn wie eine heulende Brandung umgaben, die ihn mit ihren buntscheckigen Überzügen fast bedeckten und die von allen Seiten seine grobe Schwarte, seine borstige Decke anzuschneiden versuchten. Mit jedem Hieb seiner Waffen schlug er einen Hund an die zehn Fuß in die Höhe. Mit aufgeschlitztem Bauch und schleppenden Eingeweiden warfen sich die wieder in das wilde Durcheinander, während der König sich mit gesträubten Haaren, flammenden Augen und weit geöffneten Nasenlöchern über den Hals seines schweißtriefenden Pferdes beugte und wie rasend ein Hallali blies.

In weniger als zehn Minuten waren zwanzig Hunde außer Gefecht gesetzt.

»Die Doggen,« rief Karl, »die Doggen!...«

Auf diesen Befehl hin löste der Jäger die Karabinerhaken der Seile und die zwei Jagdhunde stürzten sich mitten in das Blutbad hinein. Sie warfen alles über den Haufen, drängten alles zur Seite und bahnten sich mit ihren Eisenpanzern einen Weg bis zum Keiler hin, den sie sofort bei beiden Gehören faßten.

Als sich der Keiler so gepackt fühlte, wetzte er seine Gewehre aus Wut und Schmerz zugleich.

»Bravo, Duredent! Bravo, Risquetout!« schrie Karl. »Mut, meine Hunde, eine Saufeder, eine Saufeder!«

»Wollen Sie nicht meine Büchse?« rief der Herzog von Alençon.

»Nein,« schrie der König zurück, »nein! Man fühlt nicht, wie die Kugel eindringt, da ist kein Vergnügen dabei, während man fühlt, wie das Eisen den Körper durchbohrt ... eine Saufeder, eine Saufeder her!«

Man überreichte dem König einen Jagdspieß, der im Feuer gehärtet war und in einer Stahlspitze auslief.

»Vorsicht, lieber Bruder!« rief Margarete.

»Nur darauf los!« ermunterte die Herzogin von Nevers.

»Stoßen Sie gut zu, Sire! Hieb und Stich dem Ruchlosen!«

»Seien Sie nur ruhig, Herzogin!« sagte Karl.

Er legte den Spieß ein und stürzte auf den Keiler los, der von den zwei Hunden festgehalten, dem Stoß nicht ausweichen konnte. Trotzdem gelang es ihm angesichts des schimmernden Stahles eine kleine Bewegung zur Seite zu machen, so daß die Waffe, statt in die Brust zu dringen, bei der Schulter vorbeifuhr und an den Felsen prallte, bei dem der Angegriffene stand. An dem Stein stumpfte sich die Spitze des Jagdspeeres ab.

»Tausend Teufel!« schrie der König. »Das ist vorbeigegangen ... eine andere Saufeder her, eine Saufeder!«

Und er ritt zurück, wie die Reiter, wenn sie zum Sprung Anlauf nehmen wollen, die wertlos gewordene Waffe aber warf er auf zehn Schritt von sich weg.

Ein Pikenreiter sprengte heran und überreichte dem König eine andere Saufeder.

Doch als ob er in diesem Augenblick sein Schicksal vorausgesehen und sich ihm hätte entziehen wollen, entriß der Keiler mit einem gewaltigen Ruck seine zerfetzten Gehöre den Zähnen der Hunde und klappte und wetzte, schnaubend wie der Blasbalg einer Schmiede, furchtbar anzusehen mit seinen blutunterlaufenen Lichtern und gesträubten Rückenborsten, mit seinen blanken Waffen. Dann senkte er sein wehrhaftes Haupt und nahm das Pferd des Königs an.

Karl war ein zu tüchtiger Jäger, um auf diesen Angriff nicht längst vorbereitet zu sein. Er vollführte eine so kurze und rasche Wendung, daß sich sein Pferd aufbäumte. Hierbei hatte er jedoch seine Schenkel und Zügelhilfe schlecht berechnet. Weil ihm offenbar das Gebiß zu schwer im Maule lag oder weit es der Schrecken lähmte, überschlug sich das Pferd plötzlich nach rückwärts.

Von allen Seiten waren ängstliche Rufe zu hören, das Pferd wälzte sich auf dem Boden, der König lag aber mit einem Schenkel unter seiner Flanke.

»Die Hand, Sire, reichen Sie mir die Hand!« rief Heinrich.

Der König warf die Zügel weg, packte mit der linken Hand den Sattel und versuchte mit der rechten Hand sein Jagdmesser zu ziehen. Doch durch die Schwere seines Körpers an den Boden gepreßt, wollte sich die Klinge nicht aus der Scheide lösen.

»Der Keiler, der Keiler!« rief der König. »Zu mir, Alençon!« Unterdessen hatte sich das Pferd erholt, und als ob es die Gefahr, in die sein Herr geraten, begriffe, spannte es seine Muskeln und war eben im Begriff mit drei Beinen Boden unter sich zu fassen, als Heinrich bemerkte, wie der Herzog Franz, der auf den Hilferuf seines Bruders hin furchtbar erbleicht war, seine Büchse in die Schulter einlegte. Der Schuß krachte, die Kugel traf aber statt des Keilers, der schon zwei Schritte vor dem König stand, das vordere Knie des Pferdes. Es stürzte sofort mit der Nase voran zu Boden. Im nächsten Augenblick zerriß der Keiler mit einem Hauzahn den Stiefel des Königs.

»Oh,« murmelte der Herzog von Alençon mit fahlen Lippen, »ich glaube, der Herzog von Anjou ist König von Frankreich und ich bin König in Polen.«

Tatsächlich fing der Keiler bereits an, den einen Fuß des Königs zu bearbeiten, doch plötzlich fühlte Karl, wie ihm jemand die Arme hochhielt. Dann sah er eine spitze und scharfe Klinge aufblitzen, die sich bis zum Stichblatt zwischen Schulter und Rippe des Tieres bohrte und darin verschwand. Eine mit einem Eisenhandschuh bewehrte Hand schlug das schon unter den Kleidern des Königs dampfende Gebräch des Keilers zur Seite.

Karl, dem es gelungen war, bei der Bewegung des Pferdes seinen Fuß unter dessen Leib hervorzuziehen, richtete sich schwer auf. Als er sich ganz mit Blut befleckt sah, wurde er blaß wie ein Toter.

»Sire,« sagte Heinrich, der, noch immer auf den Knien, den ins Herz getroffenen Keiler festhielt, »Sire, es ist nichts geschehen, ich habe seine Hauzähne zur Seite geschlagen und Eure Majestät sind nicht verwundet.«

Dann erhob er sich von der Erde, ließ sein Jagdmesser aus und der Keiler fiel zurück. Aus seinem Gebräch floß der Schweiß noch reichlicher als aus seiner Wunde. Die ganze, noch atemlose Menge hatte sich an Karl herangedrängt, verwirrt durch das Angstgeschrei, das auch den kaltblütigsten Mann aus der Ruhe hätte bringen müssen, wankte er hin und her und wäre fast auf den im Todeskampf zuckenden Keiler gefallen. Doch er nahm sich zusammen. Und dann wendete er sich zum König von Navarra und drückte ihm die Hand und sah ihn mit Augen an, in denen das Zeichen einer warmen Empfindung aufleuchtete, das erste, das in den vierundzwanzig Jahren seines Lebens sein Herz höher schlagen ließ.

»Ich danke, Henriot!« sagte er.

»Mein armer Bruder!« rief der Herzog von Alençon und näherte sich dem König.

»Ah, du bist es, Alençon!« erwiderte Karl. »Nun, du vortrefflicher Schütze, was ist denn aus deiner Kugel geworden?«

»Sie wird sich vermutlich auf dem Keiler plattgedrückt haben?« stammelte der Herzog.

»Eh, du lieber Gott!« rief da plötzlich Heinrich mit prachtvoll gespieltem Erstaunen. »Sehen Sie doch einmal her, Franz, Ihre Kugel hat dem Pferd Seiner Majestät das eine Bein zerschmettert. Das ist doch sonderbar!«

»Wie?« fragte der König. »Ist das so richtig?«

»Es ist möglich,« antwortete der Herzog verlegen, »meine Hand zitterte zu stark.«

»Tatsache ist, daß Sie da als sonst guter Schütze einen merkwürdigen Schuß getan haben, Franz?« meinte der König und runzelte die Brauen. »Ein zweites Mal, Dank, Henriot!... Meine Herrn, wir reiten nun nach Paris zurück, denn ich habe heute gerade genug!«

Margarete näherte sich Heinrich, um ihn zu beglückwünschen. »Ja, meiner Treu, Margot!« rief ihr der König zu. »Sprich ihm nur deine Bewunderung aus, deine aufrichtigste sogar, denn ohne ihn würde der König von Frankreich jetzt schon Heinrich der Dritte heißen.«

»Leider, leider, Madame!« sagte der Bearner leise zu Margarete. »Der Herr Herzog von Anjou, der ohnedies schon mein Feind ist, wird sich über meinen Vorteil wohl sehr ärgern, doch was weiter? Jeder tut eben so viel wie er kann! Fragen Sie nur den Herzog von Alençon!«

Und indem er sich bückte, zog er sein Jagdmesser aus dem Körper des verendeten Keilers heraus und stach es dann zwei- oder dreimal in die feuchte Erde, um die Klinge vom Schweiß zu reinigen.

 << Kapitel 29 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.