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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Der Brief aus Rom

Nach einigen Tagen erschien an einem Morgen eine von mehreren Edelleuten in den Farben des Herzogs von Guise begleitete Sänfte beim Louvre. Man meldete der Königin von Navarra, daß die Herzogin von Nevers um die Ehre einer Aufwartung ersuchen ließ.

Margarete hatte gerade Frau von Sauve empfangen, die schöne Baronin hatte zum erstenmal seit ihrer angeblichen Krankheit das Zimmer verlassen. Sie hatte vernommen, daß die Königin ihrem Gemahl wegen dieses Unwohlseins, das durch eine Woche das Tagesgespräch im Louvre gewesen war, den Ausdruck ihrer Besorgnis übermittelt hatte und war gekommen, um hierfür ihren Dank auszusprechen.

Margarete beglückwünschte sie in ihrer Gesundung und zum glücklichen Ausgang des so plötzlichen und rätselhaften Krankheitsfalles, dessen Ernst sie als Königstochter Frankreichs sehr richtig einzuschätzen wußte.

»Sie werden wohl der großen Jagd beiwohnen können, die schon einmal verschoben wurde, und die endgültig morgen stattfinden soll?« fragte Margarete. »Das Wetter ist trotz der Winterzeit sehr mild, die Sonne hat den Boden erweicht, und alle unsere Jäger behaupten, daß der morgige Tag besonders günstig werden dürfte.«

»Madame,« erwiderte die Baronin, »ich weiß aber doch nicht, ob ich soweit wiederhergestellt sein werde.«

»Bah! Sie werden sich eben etwas zusammennehmen müssen. Da ich in dergleichen Dingen Erfahrung habe, habe ich den König ermächtigt, ein kleines Bearner Pferd, das eigentlich für mich bestimmt war. Ihnen zur Verfügung zu stellen, es wird Sie sehr gut tragen. Haben Sie davon noch nichts gehört?«

»O ja! Doch ich wußte nicht, daß dieses kleine Pferd für Eure Majestät bereitgehalten wurde, sonst hätte ich selbstverständlich den Antrag nicht angenommen.«

»Aus Stolz, Baronin?«

»Nein, Madame, im Gegenteil, aus Ehrfurcht.«

»Sie werden also kommen?«

»Eure Majestät überhäufen mich mit Ehre. Ich werde kommen, wenn Eure Majestät es befehlen.«

In dem Augenblick meldete man die Ankunft der Herzogin von Nevers. Bei Nennung dieses Namens verriet Margarete solche Freude, daß Frau von Sauve begriff, daß die zwei Frauen miteinander plaudern wollten. Sie erhob sich, um sich zurückzuziehen.

»Auf morgen also?« sagte Margarete.

»Auf morgen, Madame.«

»Ja, richtig, Baronin,« setzte Margarete noch hinzu und verabschiedete sie mit einer Handreichung, »Sie wissen es doch: für die Öffentlichkeit bin ich Ihre Feindin, weil ich furchtbar eifersüchtig auf Sie bin!«

»Unter vier Augen aber, Madame?« fragte die Baronin.

»Oh, unter vier Augen verzeihe ich Ihnen nicht nur, sondern ich danke Ihnen sogar!«

»Dann werden Eure Majestät erlauben ...«

Margarete hielt ihr die Hand hin, die Baronin küßte sie ehrerbietig und ging mit einer tiefen Verbeugung hinaus. Während Frau von Sauve ihre Stiege hinaufging, wie ein Reh wankte, das gefangen war und dem man plötzlich die Fesseln zerschnitten hatte, tauschte die Herzogin von Nevers mit der Königin Margarete die nach der Hofsitte vorgeschriebenen Begrüßungen aus und gab ihrem Gefolge Zeit sich zurückzuziehen.

»Gillonne,« rief Margarete, als sich die Tür hinter dem letzten Höfling geschlossen hatte, »Gillonne, trage Sorge dafür, daß uns niemand stört!«

»Ja,« meinte die Herzogin, »denn wir haben äußerst ernste Sachen zu besprechen.«

Ohne weitere Umstände ließ sie sich nun nieder, weil sie wußte, daß jetzt niemand die zwischen der Königin und ihr vereinbarte Vertraulichkeit stören würde und nahm gleich den besten Platz beim Feuer und in der Sonne für sich in Anspruch.

»Nun,« fragte Margarete lächelnd, »was treiben wir mit unserm berüchtigten Leuteschinder?«

»Meine liebe Königin,« begann die Herzogin, »der ist bei meiner Seele ein mythologisches Wesen! Sein Verstand ist unvergleichlich und versagt niemals. Über seine witzigen Einfälle könnte ein Heiliger m seinem Reliquienschrank noch vor Lachen bersten. Im übrigen ist er der rasendste Heide, der jemals in einer Katholikenhaut eingenäht war! Ich bin ganz vernarrt in ihn! Und du? Was treibst du mit deinem Apollo?«

»Ach Gott!« seufzte Margarete.

»Oh, mich beängstigt das Seufzen, liebe Königin! Ist denn dieser nette Herr von La Mole zu ehrfurchtsvoll oder zu träumerisch? Der wäre, ich muß es eingestehen, ein reiner Gegensatz zu seinem Freunde Coconas.«

»Aber nein, er hat schon auch seine guten Seiten, und dieser Seufzer bezog sich nur auf mich.«

»Was soll er bedeuten?«

»Er soll sagen, liebe Herzogin, daß ich mich schrecklich davor ängstige, ihn wirklich aus vollem Herzen zu lieben.«

»Du liebst ihn wirklich so sehr?«

»So wahr ich Margarete heiße!«

»Ach, umso besser! Was für ein frohes Leben werden wir führen!« rief Henriette. »Ein wenig zu lieben, das war immer mein Traum, viel zu lieben, das war der deine. Es ist so süß, liebe und weise Königin, den Geist einmal ruhen und nur das Herz sprechen zu lassen, nicht wahr? Nach einer Verrücktheit die Beglücktheit zu genießen ... Ah, Margarete, ich habe die Vorahnung, daß wir ein recht schönes Jahr erleben werden.«

»Glaubst du?« sagte die Königin. »Ich habe wieder gegenteilige Ahnungen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich sehe alle Dinge der Zukunft durch einen trüben Schleier. Diese Staatsangelegenheiten beschäftigen mich zu sehr. Übrigens, bei dieser Gelegenheit trachte zu erfahren, ob dein Hannibal meinem Bruder wirklich so ergeben ist, wie es den Anschein hat. Lasse dich darüber aufklären, es ist sehr wichtig!«

»Er, einer Person oder einer Sache ergeben? Daraus erkennt man wohl, daß du ihn nicht so kennst, wie ich! Wenn er sich jemals einer Sache geweiht hat, so nur seinem Ehrgeiz, und das ist auch alles. Ist dein Bruder vermögend genug, um ihm große Versprechungen zu machen, oh, dann ist alles gut, er wird deinem Bruder ergeben sein. Doch dein Bruder, wenn er auch ein Königssohn Frankreichs ist, soll sich hüten, diese Versprechen nicht zu halten, denn dann, meiner Treu, wehe deinem Bruder!«

»Ist das wahr?«

»Das ist so, wie ich es sage. Wahrlich, Margarete, es gibt Augenblicke, in denen dieser Tiger, den ich da gezähmt habe, mir selbst Schrecken einflößt. Ein anderesmal sagte ich zu ihm: Hannibal, nehmen Sie sich in acht und betrügen Sie mich nicht, denn wenn Sie mich betrügen würden ...! Ich sagte ihm das übrigens mit einem smaragdfarbenen Blick, der einstmals Ronsard veranlaßt hat, die Verse zu machen:

Die Herzogin von Nevers
Hat Augen grün, wie ein Meer.
Durch die Wimpern, die wundervollen,
Schleudert der Blitze sie mehr,
Als zwanzigmal Jupiter Im Wolkenheer,
Wenn die Donner rollen und grollen.«

»Nun und?«

»Nun gut, ich dachte, er würde mir antworten: Ich Sie betrügen? Ich, niemals! und so weiter ... Weißt du, was er mir geantwortet hat?«

»Nein.«

»Höre und beurteile den Mann! ›Und Sie, sagte er, wenn Sie mich hintergehen würden, nehmen Sie sich umso mehr in acht, denn obgleich Sie eine Prinzessin sind ...‹ Und während er so sprach, drohte er mir nicht nur mit den Augen, sondern auch mit seinem magern und spitzigen Finger, der noch dazu mit einem nach Art einer Eisenlanze geschnittenen Nagel bewehrt ist. Den hielt er mir fast unter die Nase, und in diesem Augenblick, ich muß es zugeben, hatte er ein so wenig vertrauenerregendes Gesicht, daß ich erschrak, und du weißt es doch, ich gehöre gerade nicht zu den Furchtsamen.«

»Dir drohen, Henriette? Er hat es gewagt?«

»Ach, verdammt! Ich habe ihm ja auch gedroht, aber im Grunde genommen, hatte er ja recht. Aus dem ersiehst du: ergeben bis zu einem gewissen Grade, oder besser gesagt, bis zu einem ungewissen Grad.«

»Gut, es wird sich alles finden,« sagte Margarete nachdenklich, »ich werde mit La Mole darüber sprechen. Hattest du mir nicht noch etwas anderes zu sagen?«

»Gewiß! Eine sehr bedeutsame Sache; ihretwegen bin ich eigentlich gekommen. Doch was willst du denn? Du warst vielleicht im Begriff, mir noch Eindrucksvolleres zu erzählen! Ich habe Nachrichten erhalten.«

»Aus Rom?«

»Ja, es kam ein Eilbote meines Gatten.«

»Nun? Die Angelegenheit in Polen?«

»Alles ist im richtigen Fahrwasser, und du wirst vermutlich in wenigen Tagen deinen Bruder Anjou los und ledig sein.«

»Der Papst hat also seine Wahl zum König unterzeichnet?«

»Ja, meine Liebe!«

»Und das sagst du mir nicht gleich?« rief Margarete. »Eh, schnell, schnell, berichte mir von den Einzelheiten!«

»Oh, meiner Treu! Viel mehr weiß ich nicht, als das, was ich schon gesagt habe. Übrigens ich werde dir den Brief vom Herzog von Nevers übergeben. So, da ist er! ... Eh! Nein, nein, das sind ja die Verse von Hannibal ... gräßliche Verse, meine arme Margarete, er tut es nicht anders! So, diesmal ist es richtig, da ist der Brief! ... Nein, wieder nicht! Das ist nämlich ein kleines Briefchen, das ich mitbrachte, damit du es ihm durch Herrn von La Mole übermitteln läßt. Ah, endlich, diesmal ist es wirklich der fragliche Brief!«

Die Herzogin händigte der Königin von Navarra das Schreiben ein.

Margarete öffnete den Umschlag und überflog dann die Zeilen. Doch tatsächlich stand nichts anderes im Briefe, als das, was die Freundin schon erwähnt hatte. »Auf welche Art ist dir dieser Brief zugekommen?« »Durch einen Boten meines Mannes, der den Befehl hatte, zuerst im Palast Guise den Brief für mich abzugeben, bevor er den Brief für den König im Louvre übergeben würde. Ich kannte ja die Bedeutung, welche meine Königin dieser Nachricht beimaß, hatte daher dem Herrn von Revers geschrieben, diese Mitteilung auf die erwähnte Art zu veranlassen. Du siehst, er gehorchte! Der ist nicht so, wie das Ungeheuer, der Coconas! Augenblicklich gibt es also in ganz Paris, außer dem König, dir und mir, niemand, der diese Neuigkeit kennt. Höchstens noch der Mann, der unsern Boten verfolgt hat...« »Was für ein Mann?«

»Oh, ein undankbares Geschäft! Stelle dir nur vor, daß unser Bote ganz verstaubt und erschöpft hier angekommen ist. Er ist sieben Tage gereist, Tag und Nacht geritten, ohne sich nur einen Augenblick aufzuhalten.«

»Aber was ist mit dem Mann, von dem du eben gesprochen hast?«

»So warte doch! Der arme Bote wurde ununterbrochen von einem Mann von wildem Aussehen verfolgt. Der hatte die Reisestaffel genau so eingestellt, wie er, und ritt während dieser vierhundert Meilen ebenso schnell, wie der Bote, der in jedem Augenblick befürchtete, eine Kugel in den Rücken zu bekommen. Beide sind beim Schranken Saint-Marcell fast zu gleicher Zeit angelangt, beide sind dann durch die Straße Moussetard im stärksten Galopp hinuntergeritten und beide haben die innere Stadt durchquert. Beim Ende der Notre-Dame-Brücke aber ritt unser Eilbote nach rechts, während der andere nach links abbog, über den Platz du Chatelet ritt, um dann pfeilschnell bei den Kais nach der Seite des Louvre hin zu verschwinden.« »Danke, meine gute Henriette, danke!« rief Margarete. »Du hattest recht, das sind ja ganz besondere Neuigkeiten. Für wen war wohl dieser andere Bote bestimmt? Ich werde es schon erfahren! Doch jetzt mußt du mich allein lassen. Also heute abend in der Straße Tizon, nicht wahr? Und morgen die Jagd! Nimm nur ein recht unangenehmes Pferd, das dir nicht folgt, damit wir uns seitlich irgendwo miteinander unterhalten können. Ich werde dir heute abend noch sagen, was du von deinem Coconas herausbekommen mußt.« »Du wirst mein kleines Briefchen nicht vergessen?« fragte die Herzogin lachend.

»Nein, nein, Sei unbesorgt! Er wird es erhalten, und zwar rechtzeitig.«

Die Herzogin ging davon und sofort ließ Margarete den König von Navarra holen. Heinrich kam eilends zu seiner Gemahlin und sie übergab ihm den Brief des Herzogs von Nevers. »Oh, oh!« staunte er während des Lesens. Dann erzählte ihm Margarete die Geschichte von dem zweiten Eilboten.

»Tatsächlich habe ich den Mann in den Louvre eintreten sehen,« sagte Heinrich.

»Vielleicht war er für die Königin-Mutter bestimmt?« »Das kann nicht stimmen, ich bin dessen sogar sicher, weil ich mich für alle Fälle im Gang aufgehalten habe, und dort habe ich niemand vorbeikommen sehen.« »Dann,« meinte Margarete und sah ihren Gatten an, »muß der Bote wohl für..«

»Ihren Bruder Alençon gewesen sein, nicht wahr?« »Ja, aber wie könnte man das erfahren?« »Könnte man nicht nach einem dieser zwei Edelleute schicken,« fragte Heinrich mit einer gewissen Nachlässigkeit im Ton, »und vielleicht durch ihn erfahren ...« »Sie haben recht, Sire,« rief Margarete, die durch den Vorschlag ihres Gatten in das richtige Fahrwasser gekommen zu sein schien, »ich werde Herrn von La Mole herbeirufen lassen ... Gillonne, Gillonne!«

Das junge Mädchen erschien.

»Ich muß dringend Herrn von La Mole sprechen,« sagte die Königin, »trachten Sie ihn zu finden und bringen Sie ihn sofort hierher!«

Gillonne eilte davon. Heinrich ließ sich an einen Tisch nieder, auf dem ein deutsches Buch mit Holzschnitten von Albrecht Dürer lag. Er nahm es in die Hand und blätterte darin so aufmerksam herum, daß er den eintretenden La Mole gar nicht zu hören schien, wenigstens sah er gar nicht vom Buche auf.

Der junge Mann erblickte den König, blieb aufrecht auf der Türschwelle stehen, stumm, überrascht und bleich vor Unruhe.

Margarete ging auf ihn zu.

»Herr von La Mole,« fragte sie, »könnten Sie mir sagen, wer heute Wachtdienst beim Herrn Herzog von Alençon hat?«

»Coconas, Madame ...« erwiderte La Mole.

»Trachten Sie von ihm zu erfahren, ob er einen staubbedeckten Mann, der so aussah, als ob er einen sehr langen Ritt mit verhängten Zügeln hinter sich hätte, zu seinem Herrn eingelassen hat?«

»Ah, Madame, ich fürchte sehr, daß er es mir nicht sagen wird. Seit einigen Tagen ist er sehr schweigsam geworden.«

»Wirklich? Doch wenn Sie ihm diesen kleinen Brief übergeben werden, so wird er Ihnen doch einen kleinen Gegendienst erweisen wollen?«

»Von der Herzogin? ... Ah, mit diesem Brief kann ich es versuchen.«

»Fügen Sie hinzu,« sagte Margarete und mäßigte ihre Stimme, »daß dieser Brief ihm zugleich als Erkennungszeichen dienen wird, wenn er in das auch Ihnen bekannte Haus wird eintreten wollen.«

»Und welches wird mein Erkennungszeichen sein?« fragte La Mole ganz leise.

»Sie werden Ihren Namen nennen und das wird genügen!«

»Geben Sie mir den Brief, Madame, geben Sie mir ihn!« sagte La Mole bebend vor Liebe, »Ich stehe für alles ein!«

Er entfernte sich.

»Wir werden morgen wissen, ob der Herzog von Alençon über die Angelegenheiten in Polen unterrichtet ist,« sagte Margarete ruhig und sah sich nach ihrem Gatten um.

»Dieser Herr von La Mole ist wirklich eine prächtige Stütze!« meinte der Bearner mit jenem Lächeln, das ihm allein eigen war, »und ... bei der heiligen Messe, ich werde einmal sein Glück machen!«

Der Aufbruch zur Jagd

Als am nächsten Morgen eine schöne, rote, doch strahlenlose Sonne, wie sie an besonders prächtigen Wintertagen am Himmel zu erscheinen pflegt, sich hinter den Hügeln von Paris in die Höhe hob, war der Hof des Louvre schon seit zwei Stunden voll Leben und Bewegung.

Ein prächtiger Berberhengst, erregt und hoch aufgerichtet, mit Beinen, auf denen sich die Adern, wie bei einem Hirsch, netzartig kreuzten, mit gespitzten Ohren, scharrte den Boden des Hofes, blies Feuer aus seinen Nüstern und wartete auf Karl den Neunten. Immerhin war das Tier noch weniger ungeduldig, als sein Herr, den die Königin-Mutter auf seinem Wege aufgehalten hatte, um ihm, wie sie sagte, von sehr wichtigen Dingen Mitteilung zu machen.

Beide standen in der verglasten Galerie, Katharina kühl, blaß und unbeweglich wie immer, Karl der Neunte war zappelig, kaute an seinen Fingernägeln und hieb mit der Gerte auf seine zwei Lieblingshunde ein. Die waren von einem Ringelpanzer umkleidet, als Schutz gegen die Waffen des Keilers und damit sie so das mächtige Tier gefahrlos stellen könnten. Am Brustteil des Panzers war ein kleines Schild mit dem Reichswappen Frankreichs aufgenäht und sah genau so aus, wie das Brustschild, das die Pagen trugen, die diese bevorzugten vierbeinigen Lieblinge des Hofes nicht selten um ihre Vorrechte beneideten.

»Nehmen Sie sich nur in acht, Karl,« sagte die Königin Katharina, »niemand, als Sie und ich, wissen um die demnächst zu gewärtigende Ankunft der Polen. Der König von Navarra aber, Gott verzeih mir, benimmt sich so, als ob auch er von diesem Ereignis etwas wissen würde. Trotz seines Abschwörens, dem ich übrigens immer mißtraute, setzt er seinen Verkehr mit den Hugenotten fort. Haben Sie vielleicht nicht bemerkt, daß er in den letzten Tagen sehr viel ausgeht? Er hat auf einmal Geld, er, der niemals welches hatte! Er kauft sich Pferde, Waffen, und an Regentagen übt er sich von früh bis abends im Fechten!«

»Eh, mein Gott, liebe Mutter,« sagte Karl der Neunte mit großer Ungeduld, »glauben Sie denn, daß er am Ende gar die Absicht hätte, mich oder meinen Bruder Anjou zu töten? In diesem Falle müßte er jedoch noch einige Unterrichtsstunden im Fechten nehmen, denn erst gestern habe ich ihm elf Knopflöcher in sein Wams gebohrt, das nur sechs Löcher braucht. Und mein Bruder Anjou? Von ihm wissen Sie ja doch, daß er den Degen noch besser zu führen weiß als ich oder, wie er es behauptet, wenigstens ebenso gut wie ich!«

»Hören Sie mich an, Karl, und nehmen Sie die Ratschläge Ihrer Mutter nicht auf die leichte Achsel. Die polnischen Gesandten werden erscheinen ... und dann, dann werden Sie es erleben! Wenn die einmal in Paris sind, wird Heinrich alles tun, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er ist ein Schmeichler, er ist ein Duckmäuser! Und auch mit seiner Frau muß man rechnen, die, ich weiß nicht aus welchem Grunde, unbedingt zu ihm hält. Sie wird mit den Gesandten schwatzen, wird mit ihnen lateinisch, griechisch, ungarisch und ich weiß nicht noch welche Sprache reden! Oh, ich sage Ihnen, Karl, und Sie wissen es wohl, ich irre mich niemals, ich sage Ihnen, daß hier ein abgekartetes Spiel getrieben wird!«

In dem Augenblick schlug die Uhr, Karl hörte nicht mehr auf seine Mutter, weil er die Schläge zählte.

»Tod meines Lebens, sieben Uhr!« rief er aus, »eine Stunde für das Hinreiten, das macht acht Uhr, eine Stunde für das Ankommen auf dem Sammelplatz und für das Loslassen der Hunde ... wir werden mit der Jagd erst um neun Uhr beginnen können! Wahrhaftig, liebe Mutter, Sie haben mich recht viel Zeit verlieren lassen! ... herunter, Risquetout! ... Tod meines Lebens! Herunter, sage ich, du Räuberseele!«

Ein heftiger Gertenhieb fuhr auf den Rücken des Hundes nieder; das arme Tier, das erstaunt statt einer Liebkosung eine Züchtigung hinnehmen mußte, heulte laut auf.

»Karl,« begann abermals Katharina, »hören Sie mich doch um Gottes willen an! Werfen Sie nicht Ihr Glück und Frankreichs Glück einem zufälligen Schicksal vor die Füße. Die Jagd, die Jagd und wiederum die Jagd ... das ist Ihr Ein und Alles! Eh, Sie werden noch immer Zeit genug zum Jagen haben, wenn Sie Ihren Pflichten als König nachgekommen sein werden!«

»Aber, aber, liebe Mutter!« sagte Karl, blaß vor Ungeduld. »Sprechen Sie doch kurz und bündig, Sie bringen mich ja in Verzweiflung. Wahrhaftig, es gibt Tage, an denen ich Sie durchaus nicht verstehen kann!«

Er hielt inne und schlug mit der Reitpeitsche auf die Stulpen seiner Stiefel.

Katharina merkte, daß ein günstiger Augenblick gekommen sei, den sie nicht vorübergehen lassen durfte.

»Mein Sohn,« sagte sie, »wir haben Beweise dafür, daß Mouy wieder nach Paris gekommen ist. Herr von Maurevel, den Sie ja gut kennen, hat ihn gesehen. Dieser Umstand kann nur zum König von Navarra in Beziehung stehen. Das genügt wohl, wie ich hoffe, daß uns der König verdächtiger sein muß, als es jemals früher der Fall war.«

»Also, jetzt sind Sie wieder bei meinem armen Henriot angelangt! Sie wollen mir ihn töten lassen, nicht wahr?«

»Oh, nein!«

»Verbannen? Ja, verstehen Sie denn nicht, daß er uns in der Verbannung viel gefährlicher werden kann als hier, unter unseren Augen, im Louvre, wo er nichts unternehmen kann, was uns nicht sofort zur Kenntnis gelangt?« »Ich will auch gar nicht, daß er verbannt wird.« »Was wollen Sie also? Sagen Sie es rasch!« »Ich will, daß man ihn in Gewahrsam hält, wenn die Polen da sein werden ... in der Bastille zum Beispiel!« »Ah, meiner Treu, nein!« rief Karl der Neunte. »Wir jagen heute einen Keiler, Henriot ist einer meiner besten Jagdgenossen, ohne ihn ist die ganze Jagd verfehlt, verdammt, liebe Mutter! Sie denken wirklich an nichts anderes, als mich fortwährend zu ärgern!«

»Eh, mein Sohn, ich sprach ja nicht von heute früh! Die Gesandten werden nicht vor morgen oder übermorgen da sein. Nehmen wir ihn erst nach der Jagd fest ... vielleicht am Abend ... oder in der Nacht...« »Na, ja, das ist etwas anderes! Wir werden darüber noch reden, wir werden ja sehen ... nach der Jagd, meinetwegen! Adieu!... Vorwärts, zu mir, Risquetout, willst du mir jetzt trotzig werden?«

»Karl,« sagte Katharina und hielt den König beim Arm fest, obwohl sie wegen dieser neuen Verzögerung einen Zornausbruch erwarten konnte, »ich glaube, es wäre am besten, einerlei ob die Durchführung heute abend oder heute in der Nacht erfolgen wird, gleich jetzt den schriftlichen Befehl zur Festnahme zu unterfertigen.«

»Unterschreiben, den Befehl ausfertigen, das Urkundensiegel holen, wo man mich jetzt zur Jagd erwartet, mich, der nie auf sich warten läßt? Zum Teufel noch einmal!« »Aber nein! Ich liebe Sie zu sehr, um Sie in Ihrem Vergnügen aufzuhalten, ich habe alles vorhergesehen. Treten Sie hier ein, zu mir herein, wollen Sie?« Und Katharina, flink, als ob sie erst zwanzig Jahre zählte, öffnete eine Tür, die zu ihrem Schreibzimmer führte, und zeigte dort dem König ein bereitgestelltes Tintenfaß, eine Feder, eine Urkunde, das Siegel und eine brennende Kerze. Der König nahm den schriftlichen Befehl in die Hand und durchflog die Zeilen.

»Befehl... und so weiter und so weiter... meinen Bruder Heinrich von Navarra festnehmen und in die Bastille abführen zu lassen ...«

»So, das wäre erledigt!« sagte er und unterschrieb mit einem Federzug. »Adieu, liebe Mutter!« Er eilte aus dem Schreibzimmer hinaus, seine Hunde folgten ihm, und er schien erleichtert und befriedigt darüber zu sein, sich seiner Mutter auf so glimpfliche Art entledigt zu haben. Der König war schon mit Ungeduld erwartet worden. Da man seine Pünktlichkeit bei Jagdgelegenheiten kannte, so wunderte sich jeder über diese Verspätung. Als er erschien, grüßten ihn die Jäger mit Vivatrufen, die Pikenreiter mit Fanfaren, die Pferde mit Wiehern und die Hunde mit ihrem Geläut. Der Lärm und das Getöse bewirkten, daß eine leichte Röte die blassen Wangen des Königs färbte, sein Herz schwoll, Karl wurde eine Sekunde lang jung und glücklich.

Der König hatte kaum Zeit, die glänzende Gesellschaft, die sich im Hofe versammelt hatte, zu begrüßen. Er nickte dem Herzog von Alençon zu, winkte seiner Schwester Margarete mit der Hand, ging bei Heinrich vorüber, als ob er ihn nicht bemerke und schwang sich auf seinen Berberhengst, der ungeduldig unter ihm in die Höhe stieg. Doch nach zwei oder drei Bocksprüngen merkte der Hengst, mit wem er es zu tun hatte und beruhigte sich.

Gleich darauf ertönten wieder Fanfaren, der König ritt aus dem Louvre hinaus. Es folgten ihm der Herzog von Alençon, der König von Navarra, die Königin Margarete, die Herzogin von Nevers, Frau von Sauve, Herr von Tavennes und die anderen vornehmsten Herren vom Hofe.

Selbstverständlich waren auch Herr von La Mole und Herr von Coconas Teilnehmer an der Jagd, Der Herzog von Anjou befand sich schon seit drei Monaten bei der Belagerung von La Rochelle. Während man auf den König gewartet hatte, hatte Heinrich seine Frau begrüßt. Seinen Gruß erwidernd, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert: »Der gewisse Bote aus Rom ist von Herrn von Coconas persönlich zum Herzog von Alençon hineingeführt worden, und zwar eine Viertelstunde früher, als der Bote des Herzogs von Nevers beim König eingetreten ist.« »Er weiß also alles?« sagte Heinrich. »Er muß alles wissen, erwiderte Margarete; »übrigens brauchen Sie nur einen Blick auf ihn zu werfen, um zu erkennen, daß trotz seiner Verstellungsgabe seine Augen förmlich leuchten.«

»Himmel und Hölle!« brummte der Bearner. »Das glaube ich gern; er will heute eine dreifache Beute erjagen: Frankreich, Polen und Navarra, ohne das Wildschwein zu rechnen! Er grüßte seine Gemahlin, ritt in seine Einteilung zurück und rief einen seiner Leute zu sich heran. Das war ein gebürtiger Bearner, dessen Ahnen schon seit einem Jahrhundert immer bei der Königsfamilie bedienstet gewesen waren und den Heinrich von Navarra gewöhnlich als Boten in seinen Liebesangelegenheiten zu verwenden pflegte. »Orthon,« sagte er ihm, »nimm diesen Schlüssel und trage ihn zu dem Vetter der Frau von Sauve, der, wie du ja weißt, bei seiner Geliebten wohnt, an der Ecke der Straße des Quatre-Fils. Du wirst ihm sagen, daß seine Base ihn heute abend zu sprechen wünscht. Er soll in mein Zimmer eintreten, und wenn ich nicht da bin, möge er dort warten. Wenn ich mich aber sehr verspäte, kann er sich auf mein Bett werfen und schlafend auf mich warten.« »Keine Antwort darauf, Sire?«

»Nein. Du kannst mir nur dann melden, ob du ihn angetroffen hast. Der Schlüssel ist für ihn allein, du verstehst mich?«

»Jawohl, Sire.«

»Warte doch, reite nicht von hier weg, zum Teufel! Bevor wir aus Paris herauskommen, werde ich dich zu mir heranrufen, als ob ich mein Pferd übersatteln lassen wollte; du wirst dann wie selbstverständlich etwas zurückbleiben, kannst hierauf deine Besorgung machen und in Bondy wieder zu uns stoßen.«

Der Diener machte ein Zeichen, daß er verstanden habe, und zog sich gehorsam zurück.

Man nahm den Weg durch die Straße Saint-Honors und die Straße Saint-Denis und kam in die Vorstadt. In der Straße Saint-Laurent wurden plötzlich die Gurten des Pferdes des Königs locker, Orthon ritt herbei und nun spielte sich alles so ab, wie es zwischen ihm und seinem Herrn vereinbart worden war. Heinrich von Navarra ritt dann dem Gefolge des Königs Karl nach und holte es in der Straße des Recollets ein, während der treue Diener die Straße du Temple benützte.

Als Heinrich den König wieder erreicht hatte, war Karl gerade mit dem Herzog von Alençon in ein so fesselndes und zeitgemäßes Gespräch über das vermutliche Alter des bestätigten Keilers und über den Ort, wo der alte Eingänger sein Lager geschlagen hatte, verwickelt, daß er es gar nicht bemerkt hatte oder nicht hatte bemerken wollen, daß Heinrich für einen Augenblick zurückgeblieben war.

Während der ganzen Zeit hatte Margarete beobachtet, wie sich der eine oder der andere zu beherrschen verstand, bestimmt glaubte sie aber bemerkt zu haben, daß sich ihres Bruders jedesmal eine gewisse Verlegenheit bemächtigte, wenn er seinen Blick auf Heinrich richtete. Die Herzogin von Nevers war lustig und ausgelassen, weil Coconas, ebenso besonders gut aufgelegt, in ihrer Nähe allerlei Hanswurstwitze zum Besten gab und alle Damen lachen machte. La Mole hingegen hatte schon zweimal die Gelegenheit wahrgenommen, Margaretes weiße Schärpe mit den Goldfransen zu küssen, ohne daß diese Bewegung, die mit der üblichen Geschicklichkeit eines Liebhabers ausgeführt wurde, von mehr als drei oder vier Personen bemerkt worden war. Um viertel auf neun Uhr kam man in Bondy an. Die erste Sorge Karls des Neunten war, sich zu erkundigen, ob der Keiler seinen Stand gehalten hatte. Der Keiler war in seinem Lager geblieben, und der Pikenreiter, der ihn ausgemacht hatte, bürgte für sein Verbleiben. Ein Frühstück war bereitgestellt. Der König trank ein Glas ungarischen Weines. Dann lud er die Damen ein, sich zu Tisch zu setzen, und entfernte sich, in Ungeduld und bestrebt, seine Zeit auszunützen. Er besichtigte die Hundeställe und die Falkenkäfige und befahl, daß man sein Pferd nicht absattle, weil er, wie er betonte, noch niemals ein so ausdauerndes, starkes Pferd geritten habe.

Während der König seinen Rundgang machte, erschien der Herzog von Guise. Er war eher kriegsmäßig als jagdmäßig gekleidet, und zwanzig oder dreißig Edelleute, ausgerüstet wie ihr Herr, begleiteten ihn. Er erkundigte sich sofort nach dem König, ging ihm nach und kehrte dann plaudernd mit ihm zurück.

Punkt neun Uhr gab der König selbst das Hornzeichen zum Loskoppeln der Hunde, man bestieg die Pferde und begab sich auf den Weg zum Versammlungsort. Heinrich von Navarra fand auf diesem Weg wieder Gelegenheit, sich seiner Gemahlin zu nähern. »Nun,« fragte er, »etwas Neues erfahren?« »Nein,« antwortete Margarete, »nur: mein Bruder Karl betrachtet Sie mit so merkwürdigen Blicken!« »Das habe ich schon bemerkt.«

»Haben Sie irgendwelche Vorsichtsmaßregeln ergriffen?« »Auf meiner Brust trage ich ein Panzerhemd und an meiner Seite ein ausgezeichnetes spanisches Jagdmesser, haarscharf wie ein Rasiermesser, spitzig wie eine Nadel, mit der Spitze kann ich Goldmünzen durchbohren.«

»Also,« sagte Margarete, »Gott schütze Sie!«

Der Pikenreiter, der die Reitergruppe führte, machte ein

Zeichen, man war in die Nähe des Lagers gekommen.

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