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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Der kirschrote Mantel

Coconas hatte sich nicht getäuscht. Die Dame, die den Mann mit dem kirschroten Mantel aufgehalten hatte, war tatsächlich die Königin von Navarra gewesen. Was aber den Mann in diesem Mantel betrifft, so wird der Leser schon erraten haben, daß dies niemand anderes war, als der tapfere Herr von Mouy.

Als er die Königin von Navarra erkannt hatte, verstand der junge Hugenotte sofort, daß hier irgendein Mißverständnis vorwalten müßte, doch wagte er es nicht, etwas zu sagen, weil ein Schrei Margaretes ihn sofort verraten mußte. Er zog es also vor, sich bis in die Wohnung hineinführen zu lassen, um erst dort seiner schönen Führerin die Bedingung zu stellen: »Schweigen für Schweigen, Madame!«

Margarete hatte den Arm desjenigen, den sie im Halbdunkel für La Mole gehalten hatte, zart gedrückt, und sich zu seinem Ohr hinneigend hatte sie ganz leise folgende lateinische Worte geflüstert: »Sola sum, introito, carissime!«Ich bin allein, treten Sie ein, mein Lieber!

Wortlos hatte sich Mouy führen lassen, doch kaum hatte sich die Tür geschlossen, als Margarete im Vorzimmer, das besser beleuchtet war, als das Stiegenhaus, sofort erkannte, daß der Mann nicht La Mole war. Der kleine Schrei, den der kluge Hugenotte befürchtet hatte, entfuhr jetzt ihren Lippen, aber glücklicherweise war er hier nicht mehr gefährlich.

»Herr von Mouy!« rief sie und wich einen Schritt zurück.

»Ich selbst, Madame, und ich flehe Eure Majestät an, mich frei zu geben und mich meinen Weg fortsetzen zu lassen, niemandem aber zu sagen, daß ich mich hier im Louvre befinde.«

»Oh, Herr von Mouy,« stammelte Margarete, »ich hatte mich also geirrt!«

»Ich verstehe,« meinte Mouy, »Eure Majestät haben mich für den König von Navarra gehalten: es war dieselbe Gestalt, dieselbe weiße Feder und viele, die mir schmeicheln wollen, sagen auch, daß ich dieselbe Gangart hätte.«

Margarete sah starr Herrn von Mouy an.

»Verstehen Sie Latein, Herr von Mouy?« fragte sie.

»Einmal verstand ich Latein zu sprechen, doch habe ich es vergessen.«

Margarete lächelte.

»Herr von Mouy, Sie können meiner Verschwiegenheit sicher sein. Übrigens glaube ich den Namen der Person zu wissen, die Sie hier im Louvre aufsuchen wollen und kann mich Ihnen daher zur Führung anbieten, um Sie ganz sicher zu ihr hinzubringen.«

»Verzeihen Sie, Madame, ich glaube, daß Sie sich irren, und daß Sie im Gegenteil gar nicht wissen ...«

»Wie,« rief Margarete, »Sie suchen nicht den König von Navarra?«

»Leider, Madame, ich bedaure sogar, Sie ersuchen zu müssen, meine Anwesenheit im Louvre namentlich dem König von Navarra verschweigen zu wollen!«

»Hören Sie, Herr von Mouy,« erwiderte Margarete erstaunt, »ich habe Sie bisher für einen der tüchtigsten Führer der Hugenottenpartei, für den treuesten Gefolgsmann des Königs, meines Gatten, gehalten. Habe ich mich hierin also geirrt? »Nein, Madame, denn heute früh noch war ich alles das, was Sie eben gesagt haben.«

»Und aus welchem Grunde haben Sie Ihre Gesinnung geändert?«

»Madame,« sagte Mouy und verbeugte sich, »wollen Sie die Gnade haben, mir die Antwort darauf zu erlassen, und wollen Sie den Ausdruck meiner ehrfurchtsvollen Hochverehrung genehmigen...«

Mouy machte in ehrerbietiger Haltung, doch festen Schrittes eine Bewegung gegen die Tür zu, durch die er eingetreten war.

Margarete hielt ihn auf.

»Immerhin, mein Herr,« sagte sie, »möchte ich Sie bitten, mir eine Erklärung zu geben, mein Wort wird Ihnen doch wohl genügen?«

»Madame,« erwiderte Mouy, »meine Pflicht gebietet mir zu schweigen und diese Pflicht muß ich so ernst nehmen, daß ich Eurer Majestät bisher auch keine richtige Antwort geben durfte.«

»Trotzdem, mein Herr ...«

»Eure Majestät können mich ins Verderben stürzen, doch Eure Majestät können von mir nicht verlangen, daß ich meine neuen Freunde preisgebe.«

»Doch die früheren Freunde, mein Herr, haben die schon alle Rechte verloren?«

»Nicht die, die der Sache treu geblieben sind, wohl aber diejenigen, die nicht nur uns, sondern auch sich selbst im Stich gelassen haben.«

Nachdenklich und besorgt, wollte Margarete gerade eine neue Frage an Mouy stellen, als plötzlich Gillonne durch die Wohnung herbeigeeilt kam.

»Der König von Navarra!« rief sie.

»Woher kommt er?«

»Durch den geheimen Gang!«

»Lassen Sie den Herrn hier durch die andere Tür hinaus!«

»Unmöglich, Madame. Hören Sie?«

»Man klopft an?«

»Ja, und zwar an der Tür, durch die der Herr hinausgehen soll!«

»Wer ist es?«

»Ich weiß es nicht!«

»Gehen Sie nachsehen und berichten Sie mir dann!«

»Madame,« sagte Mouy, »dürfte ich Eure Majestät darauf aufmerksam machen, daß ich verloren bin, wenn mich der König von Navarra zu dieser Stunde und in dieser Verkleidung im Louvre sieht?«

Margarete faßte Mouy bei der Hand und führte ihn in das bekannte Nebenzimmer.

»Treten Sie hier ein, mein Herr,« sagte sie, »Sie sind hier genau so gut verborgen und genau so in Sicherheit, als ob Sie in Ihrem eigenen Hause wären, denn Sie stehen hier unter dem Schutze meines Wortes!«

Herr von Mouy stürzte sich in das Zimmer, und kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, als schon Heinrich von Navarra erschien.

Diesmal brauchte Margarete eine Erregung nicht zu verbergen, sie war nur tiefsinnig und ihre Gedanken waren wohl hundert Meilen von der Liebe entfernt.

Heinrich trat aber mit jenem kleinlichen Mißtrauen ein, das ihn in weniger gefährlichen Augenblicken die geringsten Einzelheiten bemerken ließ, während er hingegen bei ernsten Anlässen ein tiefer und unfehlbarer Beobachter seiner Umgebung war.

Sofort nahm er wahr, daß, eine Wolke Margaretes Stirne beschattete.

»Sie waren beschäftigt, Madame,« sagte er.

»Ich? Ja doch, Sire, ich träumte gerade!«

»Und Sie taten recht daran, Madame, denn das Träumen steht Ihnen vortrefflich. Auch ich träumte. Doch im Gegensatz zu Ihnen, die Einsamkeit suchte, bin ich absichtlich zu Ihnen heruntergekommen, um Sie an meinen Träumen teilnehmen zu lassen.«

Margarete machte dem König mit der Hand ein Zeichen der Bewillkommnung und deutete dann auf einen Stuhl. Sie selbst ließ sich auf einen Sessel aus geschnitztem Ebenholz nieder, der fein und fest war wie Stahl. Anfänglich herrschte Schweigen zwischen den beiden Ehegatten, bis endlich Heinrich die Stille unterbrach: »Ich habe mich erinnert, Madame,« sagte er, »daß meine Zukunftsträume mit den Ihrigen das gemeinsame hatten, daß wir, obwohl wir uns als Ehegatten fremd bleiben sollten, immerhin unser anderweitiges Lebensglück miteinander vereinigen wollten?«

»Das ist richtig, Sire.«

»Ich glaubte auch verstanden zu haben, daß ich bei allen Plänen, die ich für unseren gemeinsamen Aufstieg schmieden würde, jederzeit in Ihnen nicht nur einen treuen Genossen, sondern auch einen tätigen Helfer finden könnte.«

»Ja, Sire, und ich verlange nur eines, und das ist, daß Sie Ihre Arbeit möglichst bald in Angriff nehmen, damit Sie mir damit auch die Gelegenheit schaffen, selbst an die Arbeit zu gehen.«

»Ich bin glücklich, Madame, Sie in dieser Stimmung zu finden und ich glaube, daß Sie nicht einen Augenblick daran gezweifelt haben dürften, daß ich den Plan, zu dessen Durchführung ich entschlossen bin, aus den Augen verloren habe. Seit dem Tage, da ich infolge Ihres mutigen Eingreifens meines Lebens so gut wie sicher war, denke ich an unseren Vertrag.«

»Mein Herr, ich glaube, daß Ihre Gleichgültigkeit nur Maske war und ist. Ich vertraue nicht nur den Vorhersagungen der Sterndeuter, ich vertraue auch Ihrer großen Begabung.«

»Was würden Sie also sagen, Madame, wenn sich jemand finden würde, der unsere Pläne durchkreuzt, der uns drohen würde, uns beide, Sie und mich, auf eine sehr mittelmäßige Stellung herabzusetzen?«

»Ich würde sagen, daß ich bereit bin, mit Ihnen gegen diesen Jemand, wer er auch immer sei, zu kämpfen, mit geschlossenem oder mit offenem Visier!«

»Madame,« setzte Heinrich fort, »es ist Ihnen erlaubt, zu jeder Stunde bei Ihrem Bruder, dem Herzog von Alençon, vorzusprechen, nicht wahr? Sie genießen sein Vertrauen und er bringt Ihnen eine herzliche Freundschaft entgegen. Dürfte ich Sie bitten, irgendwie herauszubekommen, ob sich der Herzog gegenwärtig nicht mit einer Person in geheimer Angelegenheit beratschlagt?«

Margarete erschrak. »Mit wem; mein Herr?« fragte sie.

»Mit Mouy!«

»Zu welchem Zweck?« fragte Margarete weiter und unterdrückte ihre Erregung.

»Wenn diese Zusammenkunft tatsächlich stattfindet, Madame, dann sind unsere Pläne alle hinfällig, wenigstens meine ganz sicherlich!«

»Sire, reden Sie leise!« mahnte Margarete und machte gleichzeitig mit den Augen und mit den Lippen ein Zeichen, deutete auch auf das Nebenzimmer hin.

»Oh, oh!« meinte Heinrich. »Noch einer? Wahrhaftig, Ihr Nebenzimmer ist so oft besetzt, daß eigentlich Ihr eigenes Zimmer dadurch unwohnlich wird.« Margarete lächelte.

»Ist es wenigstens immer noch dieser Herr von La Mole?« fragte der König.

»Nein, Sire, es ist Herr von Mouy!«

»Er?« rief Heinrich freudig erstaunt. »Er ist also nicht beim Herzog von Alençon? Oh, lassen Sie ihn doch kommen, damit ich ihn sprechen kann.«

Margarete lief zum Nebenzimmer, öffnete, nahm Herrn von Mouy bei der Hand und führte ihn ohne Umschweife zum König von Navarra hin.

»Ah, Madame,« sagte der junge Hugenotte im Ton eines mehr traurigen, als bitteren Vorwurfes, »Sie verraten mich trotz Ihres Versprechens, das ist schlimm. Was würden Sie sagen, wenn ich mich jetzt rächen wollte und erzählen würde, daß...«

»Sie werden sich gar nicht rächen, Mouy,« unterbrach Heinrich den jungen Mann und drückte seine Hand, »oder hören Sie mich wenigstens vorher an. Madame,« Heinrich wandte sich an die Königin, »wollen Sie die Gnade haben, darüber zu wachen, daß uns niemand vernimmt.«

Kaum waren diese Worte gesagt, als plötzlich Gillonne aufgeregt herbeieilte und Margarete einige Worte ins Ohr flüsterte. Die Königin erhob sich rasch von ihrem Sitz und lief mit Gillonne in das Vorzimmer. Unterdessen untersuchte Heinrich, ohne sich über die Ursache, die das Davoneilen der beiden Frauen zur Folge hatte, irgendwie zu beunruhigen, das Bett, die Vorhänge, den Gang zwischen Bett und Mauer und klopfte schließlich mit dem Finger prüfend auf die Mauer selbst. Herr von Mouy, durch alle Einleitungen verblüfft, überzeugte sich zuvörderst davon, daß sein Degen nicht zu fest in der Scheide steckte.

Margarete war aus ihrem Schlafzimmer in das Vorzimmer geeilt und stand hier La Mole gegenüber, der trotz aller Bitten Gillonnes unbedingt in das Schlafzimmer der Königin hatte eindringen wollen.

Coconas hielt sich rückwärts und in Bereitschaft, seinen Freund entweder vorzustoßen öder ihn zurückzuhalten.

»Ah, Sie sind es, Herr von La Mole?« rief die Königin.

»Was ist Ihnen denn, warum sind Sie so blaß, warum zittern Sie so?«

»Madame,« sagte Gillonne, »Herr von La Mole hat derart an die Tür geschlagen, daß ich trotz aller Gegenbefehle Eurer Majestät öffnen mußte.«

»Oh, was soll denn das heißen?« fragte die Königin streng. »Ist das richtig, was man mir hier meldet. Herr von La Mole?«

»Madame, ich wollte Eurer Majestät nur vorbeugend berichten, daß ein Fremder, ein Unbekannter, ein Dieb vielleicht sich hier mit meinem Mantel und mit meinem Hut eingeschlichen hat!«

»Sie sind verrückt, mein Herr!« sagte Margarete. »Denn ich sehe ja Ihren Mantel auf Ihren Schultern, und ich glaube, Gott verzeihe es mir, auch Ihren Hut auf dem Kopfe zu sehen, während Sie mit einer Königin reden!«

»Oh, Verzeihung, Madame, Verzeihung!« rief La Mole und riß den Hut vom Kopf herunter. »Es war, Gott ist mein Zeuge, sicherlich nicht der Mangel an Ehrfurcht, der mich dies vergessen ließ!«

»Nein, das war im guten Glauben gehandelt, nicht wahr?«

»Wie soll es anders sein?« rief La Mole. »Wenn ein Mann bei Eurer Majestät ist, wenn er sich in meiner Kleidung einschleicht, vielleicht auch unter meinem Namen ... wer kann es wissen?«

»Ein Mann?« sagte Margarete und drückte zart den Arm des armen Verliebten, »ein Mann? ... Sie sind bescheiden, Herr von La Mole! Nähern Sie Ihren Kopf der Spalte des Vorhanges und Sie werden sogar zwei Männer sehen!« Margarete öffnete wirklich den goldverzierten Samtvorhang und La Mole erkannte den König von Navarra, der mit dem Mann im roten Mantel sprach. Coconas, neugierig, als ob es sich dabei auch um seine Person handeln würde, sah ebenfalls durch den Spalt und erkannte Herrn von Mouy. Die zwei jungen Leute waren geradezu verblüfft.

»Jetzt, da Sie sich, wie ich hoffe, beruhigt haben werden,« meinte Margarete, »stellen Sie sich bei der Tür meiner Wohnung auf und lassen Sie mir bei Ihrem Leben, lieber La Mole, niemand herein. Selbst wenn sich jemand dem Treppenabsatz nähern sollte, geben Sie sofort Nachricht!«

La Mole, schwach und folgsam wie ein Kind, ging hinaus, sah Coconas an, der ihn seinerseits auch betrachtete, und auf einmal befanden sich beide draußen, ohne daß sie sich noch von ihrer Verblüffung erholt hatten.

»Mouy!« rief Coconas.

»Heinrich!« murmelte La Mole.

»Herr von Mouy mit deinem kirschroten Mantel, mit deiner weißen Feder, mit deinem pendelnden Arm ...«

»Ach was ...,« erklärte La Mole, »im Augenblick, wo es sich nicht um Liebe handelt, handelt es sich sicherlich um eine Verschwörung.«

»Verdammt! Da haben wir es, jetzt stecken wir in einer staatsgefährlichen Geschichte,« murrte Coconas. »Glücklicherweise sehe ich nicht die Herzogin von Nevers darin verwickelt!«

Margarete hatte sich wieder zu ihren zwei Besuchern hingesetzt, ihre Abwesenheit hatte nur eine Minute gedauert und sie hatte ihre Zeit gut ausgenützt. Gillonne in Beobachtung des geheimen Ganges, die zwei jungen Edelleute als Posten beim Haupteingang, das gab ihr vollständige Sicherheit.

»Madame,« sagte Heinrich, »glauben Sie, daß es durch irgendein Mittel möglich ist, uns hier zu belauschen und uns zu verstehen?«

»Mein Herr,« erwiderte Margarete, »die Wände des Zimmers sind gefüttert und eine doppelte Verkleidung bürgt für die Dämpfung jedes Gespräches.«

»Ich verlasse mich auf Sie,« erwiderte Heinrich lächelnd.

Dann wandte, er sich wieder Herrn von Mouy zu: »Also,« sagte er mit dumpfer Stimme und so, als ob die Versicherungen Margaretes seine Besorgnisse doch nicht ganz zerstreut hätten, »was wollten Sie hier tun?«

»Hier?«

»Ja, hier in diesem Zimmer!«

»Hier hatte er nichts vor, sondern ich habe ihn hereingezogen,« unterbrach Margarete.

»Sie wußten also etwas, Madame?«

»Ich hatte alles erraten!«

»Sie sehen demnach, Herr von Mouy, man kann auch erraten.«

»Herr von Mouy,« setzte Margarete fort, »war heute morgen mit dem Herzog Franz im Zimmer seiner zwei Edelleute.«

»Sie sehen demnach, Herr von Mouy, man weiß sogar alles.«

»Das ist richtig,« erwiderte Mouy.

»Ich war überzeugt davon, daß sich der Herzog von Alençon Ihrer bemächtigen würde.«

»Das ist Ihre Schuld; Sire, warum haben Sie auch so hartnäckig zurückgewiesen, was ich Ihnen beantragte?«

»Sie haben zurückgewiesen?« rief Margarete. »Diese Absage, die ich ahnte, ist also doch wahr?«

»Madame,« sagte Heinrich und ließ den Kopf sinken, »und auch du, mein tapferer Mouy, Sie machen mich wahrhaftig über Ihre Ausrufe lachen! Was wollen Sie nur? Ein Mann tritt da so plötzlich bei mir ein, erzählt mir was von Thronen, von Aufruhr, von Umstürzen ... mir, mir Heinrich, einem Prinzen, der nur geduldet wird, wenn er die Stirne demütig senkt, einem Hugenotten, der nur unter der Bedingung geschont wird, daß er den Katholiken spielt! Und ich soll mich in einem Zimmer, das weder gefüttert, noch doppelt verkleidet ist, in so etwas einlassen? Himmel und Hölle! Sie sind entweder Kinder oder Narren!«

»Aber, Sire, konnten mir Eure Majestät nicht Hoffnung geben, wenn nicht mit Worten, so doch durch eine Bewegung, durch ein Zeichen?«

»Was hat Ihnen mein Schwager gesagt, Herr von Mouy?« fragte Heinrich.

»Oh, Sire, das ist nicht nur mein Geheimnis!«

»Ach, mein Gott!« meinte Heinrich mit einer gewissen Ungeduld, weil er merkte, daß er es hier mit einem Mann zu tun hatte, der seine Worte so schlecht begriff. »Ich frage ja nicht nach den Vorschlägen, die er Ihnen gemacht hat, ich frage nur, ob er gelauscht hat, ob er verstanden hat?«

»Er hat gelauscht, Sire, er hat verstanden.«

»Hat gelauscht, hat verstanden ... Sie sagen es jetzt selbst, Mouy! Armer Verschwörer, der Sie sind! Wenn ich nur ein Wort gesagt hätte, wären Sie verloren gewesen, denn ich wußte es wohl nicht bestimmt, doch ich ahnte es, daß er in der Nähe war und wenn nicht er selbst, so jemand anderes, der Herzog von Anjou, Karl der Neunte oder die Königin-Mutter. Sie kennen die Mauern des Louvre nicht, Herr von Mouy! Für sie ist das Sprichwort geprägt worden, daß die Mauern Ohren haben, und unter solchen Umständen hätte ich reden sollen! Gehen Sie, Herr von Mouy, Sie tun dem Sinnvermögen des Königs von Navarra keine allzugroße Ehre an, und ich wundere mich nur, daß Sie, obgleich Sie es so niedrig einschätzten, gekommen sind, um ihm eine Krone anzutragen.«

»Aber, Sire,« sagte Mouy noch einmal, »konnten Sie mir nicht, wenn Sie auch die Krone ablehnten, ein Zeichen geben? Ich hätte dann nicht alles verloren geglaubt, hätte meine Lage nicht für verzweifelt gehalten!«

»Eh, Himmel und Hölle!« rief Heinrich. »Wenn der Betreffende schon lauschte, konnte er nicht ebenso gut sehen, und ist man nicht durch ein Zeichen genau so überführt, wie durch ein Wort? Also, Mouy,« sprach der König weiter und sah sich nach allen Seiten um, »so nahe ich mich bei Ihnen befinde, so sehr wir auch der Meinung sein müssen, daß meine Worte nicht über den Umkreis dieser drei Stühle hörbar sind, so sehr befürchte ich trotzdem auch zu dieser Stunde vernommen zu werden, wenn ich sage: Mouy, wiederhole mir deine Vorschläge!«

»Aber, Sire,« schrie Mouy verzweifelt, »jetzt bin ich ja dem Herzog von Alençon verpflichtet!«

Margarete schlug ihre schönen Hände verdrießlich gegeneinander.

»Es ist also zu allem zu spät!« sagte sie.

»Im Gegenteil,« murmelte Heinrich, »begreifen Sie doch, daß auch in solchen Dingen die Gunst Gottes fühlbar wird. Bleiben Sie verpflichtet, Mouy, denn der Herzog Franz ist uns sogar zum Heil. Glauben Sie denn, daß der König von Navarra für Ihre Köpfe einstehen könnte? Ganz im Gegenteil, Unglücklicher! Ich bin höchstens der Anlaß, daß Ihr alle getötet werdet vom ersten bis zum letzten, und das auf den geringsten Verdacht hin. Doch ein Sohn des französischen Königshauses ... das ist etwas ganz anderes! Erlange Beweise, Mouy, verlange Sicherstellungen! Doch Tropf, der du bist, wirst du dich wahrscheinlich mit deinem Herzen beteiligt haben und ein bloßes Wort wird dir genug gewesen sein!«

»Oh, Sire, es war die Verzweiflung über Ihre Absage, glauben Sie mir, die mich dem Herzog in die Arme getrieben hat. Auch war es die Sorge, verraten zu sein, weil er doch unser Geheimnis kannte!«

»Bewahre nun sein Geheimnis, Mouy, das hängt nur von dir ab! Was verlangt er? König von Navarra zu werden? Versprich ihm diese Krone! Was will er noch? Den Hof verlassen? Gib ihm die Möglichkeit, zu fliehen ... arbeite für ihn, Mouy, wie wenn du für mich arbeiten würdest, führe diesen Schild, der alle Hiebe auffangen soll, die uns gelten werden. Wenn wir fliehen müssen, dann werden wir zu zweit fliehen, wenn es heißt: kämpfen und regieren, dann werde ich allein regieren!«

»Mißtrauen Sie dem Herzog,« sagte Margarete, »er ist von argwöhnischer Gemütsart, kalt und gefühllos, ohne Haß und ohne Freundschaft, und immer dazu bereit, seine Freunde als Feinde und seine Feinde als Freunde zu behandeln.«

»Und erwartet er Sie, Mouy?« fragte Heinrich.

»Ja, Sire!«

»Wo?«

»In dem Zimmer seiner Edelleute.«

»Um welche Zeit?«

»Bis um Mitternacht.«

»Es ist jetzt noch nicht elf Uhr,« meinte Heinrich, »noch ist keine Zeit verloren! Gehen Sie, Mouy!«

»Wir haben Ihr Wort, mein Herr!« sagte Margarete.

»Aber, Madame,« erklärte Heinrich mit dem Vertrauen, dem er gewissen Personen gegenüber und bei gewissen Gelegenheiten so vortrefflich Ausdruck zu geben verstand, »bei Herrn von Mouy kommen derlei Dinge überhaupt nicht in Frage!«

»Sie haben recht, Sire,« erwiderte der junge Mann, »doch ich brauche das Ihre, denn ich muß unseren Führern melden, daß ich es erhalten habe. Sie sind nicht Katholik, nicht wahr?«

Heinrich zuckte mit den Schultern.

»Sie entsagen nicht der Krone von Navarra?«

»Ich entsage keiner Krone, Mouy! Nur behalte ich mir vor, die beste zu wählen, das heißt, mir diejenige auszusuchen, die mir und auch Ihnen am besten paßt!«

»Und falls Eure Majestät unterdessen gefangen genommen werden würden, versprechen Eure Majestät nichts zu verraten, auch dann nicht, wenn Ihre königliche Majestät durch die Qual der Folter entehrt werden sollte?«

»Mouy, das schwöre ich bei Gott!«

»Ein Wort noch, Sire ... Wie und wo werde ich Sie wiedersehen?«

»Sie werden morgen einen Schlüssel zu meinem Zimmer erhalten. Sie können dann zu mir kommen, Mouy, so oft es nötig sein wird und zu einer Zeit, die Ihnen passen wird. Die Verantwortung für Ihre Anwesenheit im Louvre wird der Herzog von Alençon tragen müssen. Indessen aber gehen Sie jetzt über die kleine Stiege hinauf, ich werde Sie führen. Während dieser Zeit wird die Königin den roten Mantel hier einlassen, der dem Ihrigen ähnlich ist, und der gerade früher im Vorzimmer war. Man darf diese zwei nicht unterscheiden, darf nicht wissen, daß es zwei sind, nicht wahr, Herr von Mouy? Nicht wahr, Madame?«

Die letzten Worte betonte Heinrich lachend und sah Margarete dabei an.

»Gewiß,« sagte sie ohne sich getroffen zu fühlen, »denn dieser Herr von La Mole gehört ja schließlich dem Hofstaat meines Bruders, des Herzogs, an.«

»Gut, versuchen Sie ihn für uns zu gewinnen, Madame,« sagte Heinrich mit unbedingtem Ernst, »sparen Sie kein Gold und keine Versprechungen. Ich stelle ihm meine ganzen Schätze zur Verfügung!«

»Dann,« meinte Margarete mit einem Lächeln, das nur den Frauen des Boccaccio eigen war, »dann werde ich Ihrem Wunsche gemäß mein Bestes tun, um ihn zu fördern.«

»Schön, schön, Madame! Und Sie, Herr von Mouy, kehren Sie zum Herzog zurück und fangen Sie ihn in der Schlinge!«

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