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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Die Wohnung der Frau von Sauve

Katharina hatte sich mit ihren Verdächtigungen nicht geirrt. Heinrich von Navarra hatte seine alten Gewohnheiten wieder aufgenommen und begab sich an jedem Abend zu Frau von Sauve. Anfänglich hatte er diese Besuche mit größter Heimlichkeit durchgeführt, später aber war er immer weniger mißtrauisch geworden und hatte alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen, so daß Katharina keine große Mühe hatte, festzustellen, daß die Königin von Navarra weiterhin Margarete hieß, in der Tat aber Frau von Sauve war.

Wir haben zu Beginn dieser Geschichte zwei Worte über die Wohnung der Frau von Sauve fallen lassen. Doch damals hatte sich die von Dariole geöffnete Tür sofort hinter dem König von Navarra geschlossen, weshalb uns auch diese Wohnung, der Schauplatz der heimlichen Liebe des Bearners, völlig unbekannt geblieben ist.

Diese Wohnung war von der Art, wie sie die Prinzen in ihrem Palaste den Hofbeamten zuzuteilen pflegten, damit sie diese in erreichbarer Nähe hätten. Sie war viel kleiner und unbequemer, als es eine Stadtwohnung gewesen wäre. Wie bekannt, war sie im zweiten Stockwerk beinahe oberhalb der Wohnung Heinrichs gelegen, und ihre Tür öffnete sich auf einen Gang, dessen Ende durch ein spitzbogiges, aus kleinen, von Blei eingefaßten Glasscheiben gebildetes Fenster, Licht erhielt. Selbst an den freundlichsten Tagen des Jahres ließ dieses Fenster nur ein sehr zweifelhaftes Licht eindringen. Während des Winters war man von ungefähr drei Uhr nachmittags genötigt, hier eine Lampe anzuzünden. Weil diese aber, Sommer und Winter, immer nur gleichviel Öl enthielt, löschte sie gegen zehn Uhr abends regelmäßig aus, aus welchem Grunde sich die zwei Liebenden, seit der Winter gekommen war, in größerer Sicherheit glaubten.

Die Wohnung bestand aus einem kleinen Vorzimmer, dessen Wandverkleidung aus gelbem, mit breitblättrigen Blumen verziertem Seidendamast bestand, dann aus einem Empfangszimmer, das in blauem Samt gehalten war und aus einem Schlafzimmer. Hier ließ ein Bett mit gewundenen Säulen und kirschroten Atlasvorhängen einen Raum gegen die Wand frei, in dem ein silberverzierter Spiegel stand. Diesen schmückten außerdem noch zwei Gemälde, deren Vorwurf den Liebesspielen der Venus und des Adonis entlehnt war. Das war die Einteilung der Wohnung, die man heute eher das Nest der reizenden Hofdame Katharinas von Medici nennen konnte.

Bei näherer Betrachtung konnte man noch in einer finstern Ecke des Schlafzimmers, gerade gegenüber dem wohlbestellten Spiegeltische, eine kleine Tür entdecken, die in eine Art Betraum führte. Hier erhob sich auf zwei Stufen ein Betstuhl und an den Wänden waren, gleichsam als Gegenwirkung zu den früher erwähnten zwei mythologischen Bildern, drei oder vier Gemälde mit übertriebenen Darstellungen aus der Geistlehre aufgehängt. Dazwischen waren an vergoldeten Nägeln Frauenwaffen befestigt, denn zu jener Zeit geheimnisvoller Ränke trugen auch die Frauen Waffen und bedienten sich ihrer oft ebenso geschickt, wie die Männer.

An diesem Abend, der jenem Tag gefolgt war, an dem sich die früher beschriebenen Ereignisse bei Meister René abgespielt hatten, saß Frau von Sauve in ihrem Schlafzimmer und erzählte Heinrich von ihrer Sorge und von ihrer Liebe.

Und als deren Beweis schilderte sie ihm ihre aufopfernde Handlungsweise in jener Nacht, die der berüchtigten Bartholomäusnacht gefolgt war, in der Nacht, in der bekanntlich Heinrich bei seiner Frau geweilt hatte.

Heinrich von Navarra seinerseits versicherte sie seiner aufrichtigen Dankbarkeit. Frau von Sauve sah an diesem Abend in ihrem einfachen Abendkleid aus Batist so entzückend aus, daß sich eben Heinrich besonders dankbar zeigte.

Trotz seiner aufrichtig verliebten Stimmung, war Heinrich nachdenklich. Frau von Sauve, die diese anfänglich von Katharina befohlene Liebe als wahres Gefühl ihres Herzens empfand, beobachtete Heinrich und versuchte zu ergründen, ob seine Blicke mit seinen Gedanken auch im Einklang stünden.

»Wir wollen aufrichtig miteinander reden,« sagte Frau von Sauve. »Haben Sie nicht in jener Nacht, die Sie im Nebenzimmer der Königin von Navarra verbrachten, als Herr von La Mole zu Ihren Füßen schlief, haben Sie nicht bedauert, daß sich dieser brave Edelmann zwischen Ihnen und dem Schlafzimmer der Königin befand?«

»Ja, wahrhaftig, meine Liebste,« sagte Heinrich. »Denn ich hätte unbedingt durch dieses Schlafzimmer gehen müssen, um an den Ort zu gelangen, an dem ich mich jetzt so wohl befinde und so glücklich bin.«

Frau von Sauve lächelte.

»Und Sie sind niemals mehr dorthin gegangen?«

»Nur so oft, als ich es Ihnen sagte.«

»Sie werden niemals mehr hingehen, ohne es mir zu sagen?«

»Niemals!«

»Möchten Sie das beschwören?«

»Ja, selbstverständlich, wenn ich noch Hugenotte wäre, aber so...«

»Aber so?«

»Die katholische Religion, deren Glaubensgrundsätze ich eben lerne, verbietet das Schwören.«

»Gascogner!« sagte Frau von Sauve und senkte das Haupt.

»Doch Sie, Charlotte, wenn ich Sie nun auf Ehre und Gewissen einiges fragen wollte, würden Sie mir antworten?«

»Zweifellos,« antwortete die junge Frau, »ich habe Ihnen nichts zu verheimlichen.«

»Sehen Sie, Charlotte,« sagte der König, »ich würde Sie um folgende Aufklärung bitten: wieso kommt es, daß Sie, nachdem Sie mir vor meiner Hochzeit verzweifelten Widerstand leisteten, jetzt auf einmal weniger grausam gegen mich sind, gegen mich, der ich nur ein ungeschickter Bearner bin, ein lächerlicher Provinzbewohner, ein Prinz, der zu arm ist, um die Juwelen seiner Krone glänzend zu erhalten?«

»Heinrich,« erwiderte Charlotte, »Sie fordern von mir die Lösung eines Rätsels, nach der die Gelehrten aller Länder schon seit dreitausend Jahren forschen! Heinrich, fragen Sie nie eine Frau, warum sie Sie liebt! Begnügen Sie sich damit, sie zu fragen: Lieben Sie mich?«

»Lieben Sie mich, Charlotte?« fragte Heinrich.

»Ich liebe Sie!« antwortete Charlotte mit einem reizenden Lächeln und ließ ihre schöne Hand in die ihres Geliebten sinken.

Heinrich behielt die Hand fest in der seinen.

»Doch,« setzte er seinen früheren Gedanken fort, »wenn ich nun die Lösung des Rätsels, um das sich die Gelehrten seit dreitausend Jahren vergeblich bemühen, gefunden hätte, wenigstens in Beziehung auf Sie, Charlotte?«

Frau von Sauve errötete.

»Sie lieben mich,« meinte Heinrich, »nach mehr habe ich Sie nicht zu fragen und mehr kann ich mir nicht wünschen, ich halte mich für den glücklichsten Mann der Welt. Aber Sie wissen, dem Glück fehlt noch immer etwas, damit es ganz vollständig ist. Adam hat sich mitten im Paradies nicht ganz glücklich gefunden und er hat in den unseligen Apfel gebissen, was uns alle der Neugierde überantwortete und zur Folge hat, daß jeder sein ganzes Leben hindurch nach einem unbekannten Etwas sucht. Sagen Sie mir. Liebste, um mir bei meiner Suche zu helfen, war es nicht die Königin Katharina, die Ihnen früher nahegelegt hatte, mich zu lieben?«

»Heinrich,« sagte Frau von Sauve, »sprechen Sie leise, wenn Sie von der Königin-Mutter sprechen.«

»Oh!« erwiderte der König mit einer Sorglosigkeit und einem Vertrauen, die selbst Frau von Sauve täuschten. »Das war früher angezeigt, früher konnte ich ihr mißtrauen, dieser braven Mutter, damals, als wir noch schlecht miteinander standen. Doch jetzt, jetzt bin ich der Gatte ihrer Tochter ...«

»Der Gatte der Prinzessin Margarete!« sagte Charlotte und ward rot vor Eifersucht. »Sprechen Sie jetzt leise!« sagte Heinrich. »Nun, da ich der Gatte ihrer Tochter bin, sind wir ja die besten Freunde von der Welt. Was wollte man eigentlich von mir? Scheinbar, daß ich Katholik würde. Gut, ich wurde der Gnade teilhaftig und durch die Vermittlung des heiligen Bartholomäus bin ich Katholik geworden. Wir leben jetzt alle wie die guten Brüder, wie gute Christen.«

»Und die Königin Margarete?«

»Nun, die Königin Margarete ist das Band, das uns alle miteinander verknüpft.«

»Sie sagten mir, Heinrich, daß die Königin von Navarra aus Dankbarkeit dafür, daß ich ihr ergeben war, mir gegenüber hochherzig gewesen ist. Wenn Sie mir damit die Wahrheit sagten, wenn diese Hochherzigkeit, für welche ich ihr so große Erkenntlichkeit bezeige, echt ist, dann ist sie nur ein herkömmliches und leicht zerreißbares Band. Sie können sich daher auf diese Stütze nicht verlassen, denn Sie haben mit der angeblichen Innigkeit auf niemand Eindruck gemacht.«

»Und trotzdem verlasse ich mich darauf, seit drei Monaten ist diese Innigkeit das Ruhekissen, auf das ich meinen Kopf lege.«

»Dann, Heinrich,« rief Frau von Sauve aus, »dann haben Sie mich betrogen und Margarete ist tatsächlich Ihre Gattin.«

Heinrich lächelte.

»Sehen Sie!« sagte Charlotte. »Das ist wieder Ihr Lächeln, das mich immer so reizt; seinetwegen erfaßt mich oft die grausame Lust, Ihnen, obwohl Sie ein König sind, die Augen auszukratzen.«

»Nun also!« meinte Heinrich. »Ich fange ja an, mit meiner angeblichen Innigkeit Eindruck zu machen, weil es immerhin Augenblicke zu geben scheint, in denen Sie mir, obgleich ich ein ganzer König bin, die Augen auskratzen wollen. Sie glauben eben an den Bestand dieser Innigkeit!«

»Heinrich, Heinrich!« rief Frau von Sauve. »Ich glaube, daß Gott selbst oft nicht weiß, was Sie sich denken.

»Ich denke, meine Liebste, daß zuerst Katharina Ihnen sagte, daß Sie mich lieben sollten, daß es Ihnen dann Ihr Herz sagte und daß, wenn diese zwei Stimmen laut werden, Sie doch nur auf die Stimme Ihres Herzens achten. Und jetzt liebe ich Sie ja auch, und zwar aus ganzer Seele und gerade darum würde ich Ihnen niemals meine Geheimnisse, wenn ich solche hätte, anvertrauen, nur aus purer Angst, Sie damit bloßzustellen ... wohl verstanden! ... Denn die Freundschaft der Königin-Mutter ist veränderlich und ist die Freundschaft einer Schwiegermutter.«

So kam Charlotte nicht auf ihre Rechnung. Es schien ihr, daß der Schleier, der sich zwischen ihr und ihrem Geliebten verdichtete, immer dann, wenn Sie den Grund seines oberflächlichen Herzens erforschen wollte, die Festigkeit einer Mauer bekam, die den einen vom andern trennte. Auf diese Antwort hin fühlte sie Tränen in ihren Augen aufsteigen und, wie es in diesem Augenblick zehn Uhr schlug, sagte sie: »Sire, die Stunde ist gekommen, in der ich mich zur Ruhe begeben will. Mein Dienst ruft mich morgen in sehr früher Stunde zur Königin-Mutter.«

»Sie jagen mich also heute abend fort, meine Liebste?«

»Heinrich, ich bin so traurig. Sie könnten mich in dieser Stimmung verdrießlich finden und dann würden Sie mich nicht lieben. Sie werden einsehen, daß es besser wäre, wenn Sie sich zurückzögen!«

»Sei es!« sagte Heinrich. »Ich werde mich entfernen, wenn Sie es so wünschen, Charlotte. Nur, Himmel und Hölle, werden Sie mir wohl noch die Gunst erweisen, bei Ihrer Toilette anwesend sein zu dürfen?«

»Sire, werden Sie aber durch Ihr Bleiben die Königin Margarete nicht zu lange warten lassen?«

»Charlotte,« erwiderte Heinrich ernst, »es war zwischen uns abgemacht worden, daß wir, wenn wir unter uns sind, niemals von der Königin von Navarra reden, doch an diesem Abend, so kommt mir vor, haben wir ausschließlich von ihr gesprochen!«

Frau von Sauve seufzte auf und ließ sich an ihrem Spiegeltisch nieder. Heinrich zog einen Stuhl bis an den Tisch heran, legte ein Knie auf ihn und stützte sich auf dessen Lehne.

»Nun, meine kleine, liebe Charlotte,« sagte er, »ich sehe, daß Sie sich schön machen, schön für mich, was Sie auch immer dagegen sagen mögen! Mein Gott, was für Sachen da herumliegen, Schalen für allerlei Wohlgerüche, Puderbeutel, Fläschchen und Räucherpfannen!« »Es scheint viel zu sein,« sagte Charlotte seufzend, »und ist doch zu wenig, weil ich mit allen diesen Mitteln trotzdem das Herz Eurer Majestät nicht erobern konnte.«

»Ach,« erwiderte Heinrich, »fallen wir nicht wieder in unser Staatsgespräch zurück! ... Was ist denn das für ein kleiner, zarter Pinsel? Könnte er nicht dazu verwendet werden, um meinem olympischen Jupiter die Augenbrauen zu färben?«

»Ja, Sire,« erwiderte Frau von Sauve lächelnd, »Sie haben das mit dem ersten Blick richtig erkannt.«

»Und dieser kleine, herzige Rechen aus Elfenbein?«

»Dient dazu, den Haaren die entsprechende Richtung zu geben.«

»Und diese zierliche, kleine Silberdose mit dem gemeißelten Deckel?«

»Oh, das! Das ist eine Sendung von René, Sire, die berühmte Salbe, die er mir schon seit so langer Zeit versprochen hat. Sie soll die Lippen noch zarter machen, jene Lippen, die Eure Majestät schon zart genug zu finden geruhen.«

Wie um die Behauptung der reizenden Frau, deren Züge sich in dem Maße aufgeheitert hatten, als eine Frage der Eitelkeit zur Erörterung gekommen war, zu prüfen, legte Heinrich seine Lippen auf die der Baronin, die sie mit großer Aufmerksamkeit im Spiegel betrachtet hatte.

Charlotte streckte die Hand nach der Dose aus, die den Gegenstand einer Aufklärung gebildet hatte und wollte zweifelsohne Heinrich zeigen, auf welche Art man sich der purpurnen Salbe bediente, als plötzlich ein kurzes Klopfen an der Tür des Vorzimmers beide Liebenden erschrecken ließ.

»Man klopft, Madame,« meldete Dariole und steckte den Kopf durch den Spalt des Vorhanges.

»Erkundige dich, wer es ist und komm dann zurück!« sagte Frau von Sauve. Unruhig sahen sich Heinrich und Charlotte an und Heinrich überlegte gerade, ob er sich nicht in das Betzimmer zurückziehen sollte, das ihm schon so oft als Versteck gedient hatte, als Dariole wieder erschien»

»Madame,« sagte sie, »es ist Meister René, der Gewürzhändler.«

Heinrich runzelte die Brauen und biß sich unwillkürlich in die Lippen, als er diesen Namen hörte.

»Wollen Sie, daß ich ihm den Eintritt verweigere?« fragte Charlotte.

»Keineswegs!« erwiderte Heinrich. »Meister René unternimmt nichts, was er sich vorher nicht genau überlegt hat. Wenn er Sie besucht, so muß er einen besonderen Grund dazu haben.«

»Wollen Sie sich verbergen?«

»Werde mich hüten! Denn Meister René weiß alles und Meister René weiß auch, daß ich hier bin.«

»Doch haben Eure Majestät nicht einen Grund, seine Anwesenheit unangenehm zu empfinden?«

»Ich?« meinte Heinrich und konnte sich trotz seiner Selbstbeherrschung doch nicht ganz verstellen. »Ich? nein! Ich habe keinen Grund. Wir waren stets kühl miteinander, das ist richtig, doch seit dem Abend vor der Bartholomäusnacht haben wir uns ausgesöhnt.«

»Lassen Sie ihn eintreten!« befahl Frau von Sauve und winkte Dariole.

Einen Augenblick später stand Meister René im Zimmer und übersah es sofort mit einem Blick.

Frau von Sauve saß noch immer vor ihrem Spiegeltisch.

Heinrich hatte sich auf ein Ruhebett gesetzt.

Charlotte war voll beleuchtet, während Heinrich im Schatten saß.

»Madame,« sagte René mit ehrerbietiger Vertraulichkeit, »ich komme, um Sie um Entschuldigung zu bitten.«

»Was haben Sie für einen Grund hierzu, René?« fragte die junge Frau mit jener gnädigen Herablassung, welcher sich schöne Frauen im Verkehr mit den Leuten, die um ihre Schönheit besorgt sind, gerne bedienen.

»Solange hatte ich schon versprochen, für diese schönen Lippen zu arbeiten und ...«

»Und Sie haben Ihr Versprechen erst heute eingehalten, nicht wahr?«

»Jawohl, erst heute!« wiederholte Rens.

»Erst heute und sogar erst heute abend bekam ich diese Dose, die Sie mir hergeschickt haben.«

»Ah, tatsächlich!« sagte René und betrachtete die Salbendose auf dem Tisch der Frau von Sauve mit merkwürdigen Blicken. Sie glich den Dosen in seinem Laden auf ein Haar.

»Ich hatte es erraten!« murmelte er ganz leise vor sich hin. »Haben Sie die Salbe schon benützt?«

»Nein, noch nicht! Ich war gerade im Begriff sie zu verwenden, als Sie bei mir eintraten.«

Der Gesichtsausdruck Renés wurde plötzlich sehr nachdenklich, was Heinrich nicht entging, wie er überhaupt immer alles gleich bemerkte.

»Also, René,« fragte er, »was ist Ihnen denn?«

»Mir? Nichts, Sire, ich hatte nur ehrfurchtsvoll darauf gewartet, daß mich Eure Majestät ansprechen, bevor ich mich von der Frau Baronin verabschiede.«

»Aber,« meinte Heinrich lächelnd, »muß ich Sie immer ansprechen, damit Sie überzeugt davon sind, daß es mir ein Vergnügen ist, Sie zu sehen?

René sah um sich herum, ging dann um das Zimmer, als ob er so mit Aug' und Ohr die Wände und Türen prüfen wollte, blieb stehen, und zwar so, daß er Frau von Sauve und Heinrich zugleich sehen konnte.

»Das weiß ich nicht!« war seine Antwort.

Mittels eines bewunderungswürdigen Gefühls, das einem sechsten Sinne glich und das ihn während seiner ganzen ersten Lebenshälfte mitten durch die vielen drohenden Gefahren glücklich geleitet hatte, merkte Heinrich auch jetzt, daß irgendeine seltsame Sache vorging. Er merkte, daß sich im Innern des Gewürzkrämers ein Kampf abspielte, wandte sich gegen ihn, blieb aber im Schatten, während René mitten im Licht stand.

»Zu dieser Stunde kommen Sie hierher, René?« fragte er.

»Hatte ich das Unglück, Eure Majestät zu stören?« erwiderte der Gewürzhändler und trat einen Schritt zurück.

»Keinesfalls! Nur würde ich etwas gerne wissen?«

»Um was handelt es sich, Sire?«

»Dachten Sie, mich hier anzutreffen?«

»Ich war dessen ganz sicher!«

»Sie suchten mich also?«

»Ich bin wenigstens glücklich, Ihnen begegnet zu sein.«

»Sie haben mir etwas zu sagen?« forschte Heinrich hartnäckig weiter.

»Vielleicht, Sire!«

Charlotte errötete, denn sie fürchtete, daß die Enthüllung, die dem Gewürzkrämer scheinbar auf der Zunge lag, ihr früheres Benehmen Heinrich gegenüber betreffen könnte. Sie tat also, ihren Verrichtungen am Spiegeltisch ganz hingegeben, nicht dergleichen und versuchte nur den Gang der Unterredung zu unterbrechen.

»Ah, wahrhaftig, René!« rief sie aus und öffnete die Dose mit der Lippensalbe. »Sie sind ein liebenswürdiger Mensch! Die Salbe ist von einer prächtigen Farbe, und da Sie gerade da sind, will ich Ihnen zu Ehren Ihre Erfindung auch gleich vor Ihnen versuchen!«

Sie nahm die Dose in die eine Hand und streifte mit einer Fingerspitze der anderen ein wenig von der rosigen Salbe ab, um sie an die Lippen zu führen.

René erschrak.

Die Baronin näherte lächelnd den Finger ihren Lippen.

René erbleichte.

Heinrich, der noch immer im Schatten stand, verlor mit seinen aufmerksamen und gespannten Blicken nicht eine Bewegung der einen und nichts von der Ängstlichkeit des anderen.

Die Hand Charlottes hatte fast die Lippen erreicht, als René sie plötzlich faßte und zurückhielt, gerade in dem Augenblick, als Heinrich das gleiche tun wollte.

Heinrich sank lautlos auf sein Ruhebett zurück.

»Einen Augenblick, Madame!« sagte René mit erzwungenem Lächeln. »Man darf diese Salbe nicht ohne besondere Gebrauchsanweisungen verwenden.«

»Wer soll sie mir geben?«

»Ich selbst!«

»Und wann?«

»Gleich dann, wenn ich meine Besprechung mit Seiner Majestät, dem König von Navarra, beendigt haben werde.«

Charlotte machte große Augen. Sie verstand die rätselhaften Bemerkungen nicht. Sie behielt die Salbendose in der Hand und betrachtete die von deren Inhalt gerötete Fingerspitze.

Heinrich erhob sich. Ein Gedanke, der wie alle Gedanken des jungen Königs seine zwei Seiten hatte und teils oberflächlich, teils tiefgründig schien, beschäftigte ihn augenblicklich. Schweigend ging er auf Charlotte zu, nahm ihre rotgefärbte Hand und machte eine Bewegung, sie an seine Lippen zu führen.

»Einen Augenblick,« rief lebhaft René, »einen Augenblick! Madame, wollen Sie die Güte haben, sich die schönen Hände mit dieser neapolitanischen Seife zu waschen. Ich hatte vergessen sie mitzuschicken und nahm mir die Ehre, sie nun selbst zu überbringen.«

Er zog aus seinem silbernen Kästchen ein Stück Seife von grünlicher Farbe heraus, legte es in ein Silberbecken, goß Wasser darüber und reichte mit einem Knie auf der Erde die Schüssel der Frau von Sauve.

»Aber, bei allem, was wahr ist! Meister René, ich erkenne Sie gar nicht wieder!« sagte Heinrich. »Sie sind von einer Artigkeit, daß alle die süßesten Herrchen vom Hofe weit hinter Ihnen zurückstehen müssen.«

»Oh, welch vorzüglicher Duft!« rief Charlotte und badete ihre schönen Hände in dem schillernden Schaum, der sich aus der wohlriechenden Seife entwickelte.

René führte den Dienst einer unterwürfigen Hofschranze bis zum Ende durch. Er reichte der jungen Frau ein Handtuch aus friesländischem Leinen, um sich die Hände zu trocknen.

»Und jetzt,« meinte der Florentiner zu Heinrich, »tun Sie nach Ihrem Belieben, mein gnädigster Herr!«

Charlotte hielt Heinrich ihre Hand hin, er küßte sie, und während sich nun die junge Frau auf ihrem Sitz umdrehte, um den Worten Renés zuzuhören, begab er sich wieder zu seinem alten Platz hin, mehr denn je überzeugt davon, daß sich im Kopfe des Gewürzhändlers sehr sonderbare Gedanken entwickelt haben mußten.

»Nun also?« fragte Charlotte.

Der Florentiner, der seine ganze Beherrschung wiedergewonnen hatte, wandte sich jetzt zum König von Navarra.

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