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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Die Wiederauferstandenen

Längere Zeit hindurch behielten die beiden jungen Leute ihre Herzensgeheimnisse für sich. Eines Tages endlich kam ihnen der Gedanke, der sie so unaufhörlich beschäftigte, über die Lippen. Und jetzt stärkten sie ihre Freundschaft noch durch diese letzte Probe, ohne die es ja keine wahre Freundschaft gibt, durch gegenseitige, rückhaltlose Offenherzigkeit.

Sie waren beide bis über die Ohren verliebt, der eine in die Herzogin, der andere in die Königin.

Die beiden armen Liebhaber erkannten aber zu ihrem Schrecken, daß der Abstand, der sie vom Gegenstand ihrer Sehnsucht trennte, fast unüberwindlich war. Doch die Hoffnung ist ein Gefühl, das so tief im Herzen des Menschen wurzelt, daß beide, trotz der Unsinnigkeit ihrer Hoffnungen, doch noch immer hofften.

Beide waren in dem Maße, als sie gesundeten, eifrig auf die Pflege ihres Gesichtes bedacht. Jeder Mann, selbst wenn er auf körperliche Äußerlichkeiten gar nichts gibt, hat unter gewissen Verhältnissen mit seinem Spiegel stumme Gespräche und Auseinandersetzungen, nach denen er sich fast immer befriedigt über die Unterredung von seinem Vertrauten hinwegbegibt. Die zwei jungen Leute hatten es aber nicht nötig, daß ihnen der Spiegel zu deutliche Winke geben mußte, denn La Mole, schlank, blaß und vornehm, war von auserwählter Schönheit, während Coconas, mächtig und kräftig und mit lebhaften Gesichtsfarben, mehr die Schönheit der Kraft darstellte. Mehr noch, für den letzteren war die Krankheit sogar von Vorteil gewesen, denn er war schlanker und blässer geworden. Die prächtige Schmarre endlich, die ihm wegen ihrer farbenschillernden Beziehungen zum Regenbogen so viel Plackereien verursacht hatte, war verschwunden, vermutlich um geradeso wie die nachsintflutliche Himmelserscheinung, dadurch eine lange Reihe von schönen Tagen und sternklaren Nächten anzuzeigen.

Eine besondere Sorge und Aufmerksamkeit umgab die beiden Verwundeten. An dem Tage, als sie zum erstenmal aufgestanden waren, lag ein Schlafrock auf dem beim Bett zunächst befindlichen Stuhl, an dem Tage, an welchem sie sich schon ankleiden konnten, lag ein vollständiger Anzug da. Und jeder fand in der Tasche seines Wamses eine wohlgespickte Geldbörse, die er – wohlverstanden! – nur deshalb zurückbehielt, um sie zur richtigen Zeit und auf dem richtigen Ort dem unbekannten, wachenden Wohltäter zurückzuerstatten.

Der ungekannte Gönner konnte unmöglich der Prinz sein, bei dem sie Unterkunft gefunden hatten, denn dieser Prinz hatte sie nicht nur nicht ein einziges Mal besucht, sondern hatte nicht einmal Erkundigungen nach ihrem Befinden eingezogen.

Eine unsichere Hoffnung sagte ganz leise zu ihren beiden Herzen, daß die unbekannten Wohltäter geliebte Frauen waren.

Beide erwarteten ungeduldig den Augenblick, in dem sie zum erstenmal das Zimmer verlassen konnten. La Mole, der sich früher erholt hatte, hätte den Ausgang schon viel früher wagen können, doch eine Art stillschweigender Übereinkunft fesselte ihn an das Bett und Schicksal seines Freundes. Sie hatten vereinbart, daß ihr Ausgang vor allem drei Besuchen gelten sollte.

Zuerst wollten sie den unbekannten Arzt besuchen, dessen linder Trank die Brustentzündung Coconas so bald und gut geheilt hatte.

Der zweite Besuch sollte dem Gasthof des verstorbenen Meisters La Hurière gelten, wo sie beide ihre Pferde und ihr Gepäck zurückgelassen hatten.

Den dritten Besuch endlich wollten sie dem Florentiner René abstatten, der nicht nur Gewürzkrämer, sondern auch Zauberkünstler und Wahrsager sein sollte, der also nicht nur Salben und Gifte feilbot, sondern auch Liebestränke braute und die Zukunft vorhersagte.

Nach zwei Monaten, die der Wiedergenesung gewidmet worden waren, erschien endlich der sehnsuchtsvoll erwartete Tag.

Eigentlich waren beide eingeschlossen gewesen und öfters hatten sie auch ihre Ungeduld nicht bemeistern können. So oft dies aber geschah, hatte ihnen ein Wachtposten vor der Tür standhaft den Weg versperrt und sie hatten erfahren, daß zu ihrem ersten Ausgang erst ein besonderer Erlaubnisschein des Meisters Ambrosius Paré nötig wäre.

Eines Tages also, als der geschickte Arzt festgestellt hatte, daß sich die zwei jungen Männer doch wenigstens auf dem Wege vollständiger Genesung befanden, erteilte er diese Erlaubnis eines ersten Ausganges. Um zwei Uhr nachmittags, an einem jener schönen Herbsttage, wie ihn Paris seinen erstaunten und schon in Ergebenheit für den Winter vorbereiteten Bewohnern mitunter zu schenken vermag, gingen die zwei Freunde zum erstenmal zusammen aus dem Louvre hinaus.

La Mole, der mit großer Freude auf einem Stuhl seinen kirschroten Mantel wiedergefunden hatte, denselben, den er vor dem Zweikampf mit so großer Sorgfalt zusammengelegt hatte, hatte sich Coconas als Führer angeboten und Coconas ließ sich ohne Widerstand, ja ganz gedankenlos, von ihm leiten. Er wußte, daß ihn sein Freund zu jenem unbekannten Arzt führen wollte, dessen gesetzlich nicht geschütztes Arzneimittel ihn in einer einzigen Nacht der Genesung zugeführt hatte, während die Drogen des Meisters Ambrosius Paré ihn gerade nur langsam dem Tode näher gebracht hatten. Er hatte das in der Börse vorgefundene Geld in zwei Teile geteilt, im ganzen waren zweihundert Rosennobel darin gewesen, hundert davon hatte er als Ehrengabe für den unbekannten Äskulap bestimmt, der ihm das Leben gerettet hatte. Coconas fürchtete sich nicht vor dem Tode, doch Coconas hatte auch nicht wenig Lust zu leben und wie ersichtlich, bereitete er sich vor, seinen Retter auf hochherzige Art zu belohnen.

La Mole ging durch die Straße von l'Astruce, dann durch die große Straße Saint-Honoré, die Straße von Prouvelles und befand sich bald auf dem Platze von Halles. In der Nähe des alten Brunnens, auf der Stelle, die man heute Carreau des Halles nennt, stand eine achtwinkelige Mauersäule, auf der eine sehr große Holzlaterne angebracht war. Über dieser war ein spitziges Dach aufgebaut, auf dessen Giebel eine Wetterfahne ächzte. Dieses Holzgehäuse besaß acht Öffnungen, durch die eine Art hölzernes Rad lief. Dies sah so aus, wie jene heraldischen Zeichen, die man Balkenbinde nennt, weil ein Balken ein Feld des Wappenschildes durchquert. Das in der Mitte geteilte Rad konnte in seinen Ausnehmungen den Kopf und die Füße eines Verurteilten festhalten, so daß bei den Drehungen in einer oder in mehreren oder in allen Öffnungen der zum Pranger Verurteilte zur Schau gestellt werden konnte.

Die merkwürdige Vorrichtung, die bei den ähnlichen, in der Umgebung befindlichen Prangergerüsten nicht ihresgleichen fand, wurde Drillhäuschen genannt.

Ein unförmliches Haus, höckerig, windschief, rissig und mit nur einem Fenster, mit einem Dach, das von Moospolstern so fleckig war, wie etwa die Haut eines Aussätzigen, war, einem Champignon gleich, am Fuße des Turmbaues gewachsen.

Dieses Haus wurde vom Henker bewohnt.

Ein Mann war gerade am Pranger ausgestellt und zeigte allen Vorübergehenden die Zunge. Das war einer von jenen Dieben, die im Umkreise der Richtstätte vom Montfaucon ihren Beruf ausgeübt hatten und der zufällig bei seinem Geschäft abgefaßt worden war.

Coconas glaubte zuerst, daß ihm sein Freund dieses merkwürdige Schaustück vorführen wolle, und er mischte sich in die Menge der Kunstfreunde, die das Gesichterschneiden des Dulders mit lauten Schimpfreden und Hohngeschrei beantworteten.

Coconas war etwas grausam veranlagt, und der Anblick erheiterte ihn ungemein. Statt des Geschreies und statt der Schimpfworte hätte er aber dem Verurteilten lieber Steine hinaufgeworfen, diesem Frechling, der den vornehmen Herrn, die ihn besuchten, nur fortwährend die Zunge zeigte.

Und als sich die bewegliche Laterne um ihre Achse drehte, um auch einen anderen Teil der Volksmenge mit dem Anblick des Geschändeten zu beglücken, die Leute aber dieser Bewegung des Holzgerüstes folgten, wollte Coconas gleichfalls mit der Menge weiterziehen, doch La Mole hielt ihn auf und sagte ihm mit gedämpfter Stimme: »Deshalb sind wir nicht hergekommen.«

»Also weswegen sind wir dann hierhergekommen?«

»Das wirst du gleich sehen!« antwortete La Mole.

Die zwei jungen Leute duzten sich seit jener gelungenen Nacht, in welcher Coconas La Mole den Bauch aufschlitzen wollte.

La Mole führte Coconas geradeswegs auf das Fenster des am Turm befindlichen Häuschens zu. Auf dessen Brüstung hatte sich ein Mann mit beiden Ellbogen aufgestützt.

»Ah, ah! Sie sind es, meine Herren!« sagte der Mann und zog seine blutrote Mütze vom Kopf. Seine dichten, schwarzen Haare fielen ihm bis auf die Augenbrauen herab. »Seien Sie mir willkommen!«

»Wer ist der Mann?« fragte Coconas und suchte in seinen Erinnerungen nach, denn ihm kam vor, als ob er ihn während seines Fieberzustandes gesehen hätte.

»Dein Lebensretter, mein lieber Freund!« sagte La Mole, »derselbe, der dir im Louvre den erfrischenden Trunk übermittelt hat, der dir damals so wohlgetan.«

»Oh, oh! In dem Fall, mein Freund ...«

Und Coconas hielt dem Mann die Hand hin.

Statt aber diesem Zuvorkommen mit einer gleichen Bewegung zu begegnen, fuhr der Mann zurück und entfernte sich von den zwei Freunden in dem Maß, als sein Körper vorher über das Fenster gebeugt war.

»Mein Herr,« sagte er zu Coconas, »ich danke für die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, doch es ist zu vermuten, daß Sie, wenn Sie mich kennen würden, diese Absicht fallen lassen würden.«

»Meiner Treu!« rief Coconas. »Ich erkläre hier, daß ich mich Ihnen verpflichtet fühle und wenn Sie auch der Teufel in eigener Person wären. Ohne Sie wäre ich zu dieser Stunde nicht mehr unter den Lebenden!«

»So ganz bin ich der Teufel nicht,« erklärte der Mann mit der roten Mütze, »doch oft möchten viele Menschen lieber den Teufel sehen als mich!«

»Wer sind Sie denn?« fragte Coconas.

»Mein Herr,« antwortete der Mann, »ich bin der Meister Caboche, Henker des Pariser Obergerichtes ...«

»Ah!« sagte Coconas und zog seine Hand zurück.

»Sehen Sie wohl!« meinte Meister Caboche.

»Keineswegs! Ich will Ihre Hand ergreifen oder hole mich gleich der Teufel! Geben Sie mir sie ...«

»Wahrhaftig?«

»Äußerst wahrhaftig!«

»Hier ist sie!«

»Ganz wahrhaftig ... und nochmals ... gut!« Und Coconas langte in seine Tasche, zog eine Handvoll Goldstücke heraus, die er schon für seinen unbekannten Arzt vorbereitet hatte, und drückte sie ihm in die dargebotene Rechte.

»Ich hätte wohl gerne Ihre bloße Hand drücken wollen,« sagte Meister Caboche und senkte den Kopf, »denn Gold fehlt mir ja nicht. Doch die Hände, die meine Hände berühren, die haben, ganz im Gegenteil, immer Mangel an Geld. Aber was tut das! Gott segne Sie, mein Herr!«

»Nun also, mein Freund,« meinte Coconas und sah den Henker aufmerksam an, »Sie sind demnach derjenige, der auf die Folter spannt, der rädert, der vierteilt, der die Köpfe abschneidet und die Knochen zerbricht? Ah, ah! Ich bin sehr froh, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Das besorge ich nicht alles allein, mein Herr,« antwortete der Meister Caboche, »denn geradeso wie Sie als große Herren Ihre Diener haben, Diener, die das tun, was Sie nicht selbst tun wollen, so habe ich auch meine Hilfskräfte, die die Hauptsache der Arbeit verrichten und die alle Lümmel in das bessere Jenseits abschieben. Nur wenn ich zufällig mit Edelleuten zu tun bekomme, wie Sie einer zum Beispiel sind oder Ihr Begleiter ... oh!, dann steht die Sache anders, dann mache ich mir eine Ehre daraus, meine Pflicht in allen Einzelheiten der Urteilsvollstreckung selbst zu erfüllen, und zwar vom ersten bis zum letzten, das heißt: von der Folter bis zur Enthauptung.«

Unwillkürlich fühlte Coconas einen Schauer durch seinen Körper rieseln, so, als ob das grobe Winkelholz seine Beine drückte, als ob das scharfe Stahlmesser seinen Hals streifte. Ohne sich den Grund erklären zu können, fühlte La Mole ähnliches.

Coconas wurde aber der Erregung gleich Herr, weil er sich ihrer schämte und wollte sich vom Meister Caboche mit einem letzten Scherz verabschieden.

»Gut, Meister,« sagte er, »ich bitte mir Ihr Ehrenwort aus, daß, wenn einmal die Reihe an mich kommen sollte, den Galgen des Herrn Enguerrand von Marigny oder das Schafott des Herrn von Nemours zu besteigen, nur Sie allein Hand an mich legen werden!«

»Das verspreche ich Ihnen!«

»Diesmal, hier meine Hand als Pfand dafür, daß ich Ihr Versprechen annehme!« rief Coconas.

Er streckte dem Henker die Hand hin, die der ganz schüchtern ergriff, obgleich man ihm ansah, daß er recht herzhaft hatte zugreifen wollen.

Bei dieser Berührung erbleichte Coconas ein wenig, doch das gleiche Lächeln blieb auf seinen Lippen. La Mole aber, dem nicht wohl zumute war, bemerkte, wie die Volksmenge mit der Drehung der Laterne zurückkam und sich ihnen näherte. Er zog Coconas beim Mantel, um ihn zum Fortgehen zu bewegen.

Coconas, der eigentlich genau so wie La Mole große Lust hatte, dem Gespräch, in das er sich zufolge seiner Wesensart zu sehr eingelassen hatte, ein Ende zu machen, winkte mit dem Kopfe und entfernte sich.

»Meiner Treu,« sagte La Mole, als er und sein Genosse beim Kreuz von Trahoir angekommen waren, »hier atmet sich die Luft besser, als auf dem Platz von Halles, das mußt du wohl zugeben!«

»Stimmt!« sagte Coconas. »Trotzdem bin ich nicht böse darüber, die Bekanntschaft mit Meister Caboche gemacht zu haben. Es ist gut, überall Freunde zu haben.«

»Selbst beim Aushängeschild des ›schönen Sternbildes‹!« sagte La Mole lachend.

»Ach, was den armen La Hurière betrifft, der ist tot, der ist bestimmt tot! Ich habe das Feuer der Büchse aufblitzen sehen, ich habe den Kugelschlag gehört, der fast so laut geklungen hat, wie ein Glockenschlag von Notre-Dame, und ich habe ihn dann in dem Blutstrom liegen lassen, der ihm aus Nase und Mund kam. Unter der Voraussetzung, daß er ein Freund war, ist er eben nur mehr ein Freund in der anderen Welt.«

Plaudernd erreichten die zwei Freunde die Straße von Arbre-Sec und nahmen den Weg gegen das Aushängeschild des »schönen Sternbildes«. Das knarrte und knirschte noch immer an der gleichen Stelle und bot den Reisenden mit seiner Umschrift und seinem appetitreizenden Bild die wohlschmeckenden Vorzüge des Wirtshausherdes an.

Coconas und La Mole hatten erwartet, das Haus in einem verzweifelten Zustand zu finden, die Witwe in Trauerkleidung und die Küchenjungen mit schwarzen Schleifen um den Arm. Zu ihrem großen Erstaunen fanden sie aber die Gastwirtschaft in voller Tätigkeit, Frau La Hurière in strahlender Laune und die Burschen lustiger denn je.

»Oh, die untreue Frau!« rief La Mole. »Sie wird sich wieder verheiratet haben!«

Dann wandte er sich an die neue Artemisia: »Madame, wir sind zwei Bekannte des armen Herrn La Hurière. Wir haben hier zwei Pferde und zwei Gepäckstücke zurückgelassen, die wir uns wieder holen möchten.«

»Meine Herren,« antwortete die Herrin des Hauses und versuchte sich zu erinnern, »da ich nicht die Ehre habe, Sie wiederzuerkennen, so will ich, wenn es Ihnen recht ist, meinen Mann herbeirufen ... Gregor, rufen Sie den Herrn!«

Gregor lief erstlich durch eine Küche, die der gewöhnliche Aufenthaltsort aller Küchengeister war und gelangte dann in eine zweite Küche, einem Arbeitsraum, in welchem La Hurière bei seinen Lebzeiten jene besonderen Speisen zubereitet hatte, die nur durch seine geübten Hände tadellos fertiggestellt werden konnten.

»Hol mich der Teufel!« brummte Coconas. »Es ist mir peinlich, dieses Haus in so freudiger Stimmung zu finden, wo es doch in tiefer Trauer stecken sollte. Armer La Hurière, so ist es!«

»Er wollte mich töten,« sagte La Mole, »doch ich verzeihe ihm großmütig.«

Kaum hatte er aber diese Worte gesprochen, als plötzlich ein Mann erschien, der eine Schüssel in der Hand hielt. Auf dem Grunde der Schüssel lagen braun angelaufene Bratzwiebeln, die er mit einem Holzlöffel umrührte.

La Mole und Coconas stießen einen Ruf des Erstaunens aus. Der Mann hob den Kopf und antwortete gleich mit einem ähnlichen Ruf. Er ließ die Schüssel fallen und behielt nur den Holzlöffel in der Hand.

»In nomine patris«,« sagte der Erschrockene und bewegte dabei den Löffel wie einen Weihwedel, »et filii et spiritus sancti ...«

»Meister La Hurière!« riefen die beiden jungen Männer aus.

»Herr von Coconas und von La Mole!« schrie der Wirt.

»Sie sind also nicht tot?« fragte Coconas.

»Und auch Sie sind am Leben?« fragte La Hurière.

»Aber ich habe Sie doch fallen sehen, ich habe den Schlag der Kugel vernommen, die Ihnen doch, ich weiß nicht was, zerschmettert haben muß! Ich habe Sie in einer Blutlache liegen lassen, das Blut kam Ihnen aus der Nase, aus dem Mund und sogar aus den Augen.«

»Das alles ist wahr, wie das Evangelium, Herr von Coconas! Doch der Lärm, den Sie hörten, das war der Kugelschlag auf meinem Helm, an dem sich die Kugel plattdrückte. Aber deswegen war der Schuß nicht gar so ungefährlich, und der Beweis ...«, La Hurière nahm seine Mütze ab und zeigte auf seinen Kopf, der glatt und kahl war, wie ein nacktes Knie, »der Beweis davon ist, daß mir nicht ein Haar auf dem Kopfe geblieben ist.«

Die jungen Leute brachen in ein Gelächter aus, als sie den drolligen Kopf sahen.

»Ah, Sie lachen!« sagte La Hurière etwas sicherer, »Sie kommen also nicht mit bösen Absichten?«

»Und Sie, Meister La Hurière? Sind auch Sie von Ihren kriegerischen Gelüsten geheilt?«

»Ja, meiner Treu! Meine Herren, und jetzt ...«

»Nun und jetzt?«

»Jetzt schwöre ich, daß ich kein anderes Feuer mehr sehen will, als das in meiner Küche!«

»Bravo,« rief Coconas, »das ist einmal klug! Und nun, Meister La Hurière, wir haben damals zwei Pferde und Gepäck bei Ihnen zurückgelassen!«

»Oh, der Teufel!« antwortete der Wirt und kratzte sich beim Ohr.

»Nun?«

»Sie sagten zwei Pferde?«

»Ja, sie blieben im Stall!«

»Und zwei Gepäckstücke?«

»Ja, im Zimmer!«

»Das heißt... Sie glaubten mich also tot, nicht wahr?«

»Ganz gewiß!«

»Sie geben wohl zu, daß, da Sie sich geirrt haben, ich mich wohl auch irren konnte, nicht wahr?«

»Wenn Sie uns für tot gehalten haben, ja, da hätten Sie machen können, was Sie nur wollten!«

»Ah, sehen Sie!... da Sie also ohne Erben gestorben...« setzte Meister La Hurière fort...

»Was dann?«

»... glaubte ich ... na, ich hatte ja unrecht, das sehe ich jetzt!«

»Was glaubten Sie? Lassen Sie hören!«

»Ich glaubte, daß ich Ihr Erbe wäre.«

»Ah!« riefen die beiden jungen Leute.

»Ich bin ja trotz allem sehr befriedigt darüber, daß Sie leben!«

»Sie haben also auf die Art unsere Pferde verkauft?« fragte Coconas.

»Ja, leider!« meinte der Wirt.

»Und unsere Gepäckstücke?« forschte La Mole.

»Oh, die Gepäckstücke! Nein...« rief La Hurière, »nur das, was darinnen war...«

»Sag doch, La Mole,« fragte Coconas, »das scheint mir ein durchtriebener Gauner zu sein ... wenn wir ihm seinen Bauch aufschneiden würden, wie?«

Diese Drohung schien einen großen Eindruck auf La Hurière zu machen, denn er wagte sogleich die Worte: »Aber meine Herren, man kann sich ja ausgleichen, wie mir scheint.«

»Höre!« sagte La Mole. »Ich bin es, der sich über dich am meisten zu beklagen hat!«

»Sicherlich, Herr Graf, denn ich erinnere mich, daß ich in einem Augenblick des Wahnsinns die Kühnheit hatte, Ihnen zu drohen.«

»Ja, mit einer Kugel, die zwei Zoll über meinem Kopf hinweggegangen ist!«

»Das glauben Sie?«

»Das weiß ich!«

»Wenn Sie das so bestimmt wissen, Herr von La Mole,« meinte La Hurière und hob mit unschuldiger Miene die Schüssel vom Boden auf, »dann wage ich als Ihr ganz ergebener Diener gewiß nicht, das Gegenteil zu behaupten.«

»Nun gut!« erwiderte La Mole. »Was mich betrifft, ich verlange von dir nichts zurück.«

»Wie soll ich das verstehen, mein verehrter Herr?«

»Außer ...«

»O weh!« rief La Hurière.

»Außer, daß du mir und meinen Freunden, so oft ich mich in deinem Gasthof einfinde, unentgeltlich ein vorzügliches Mahl vorsetzest ...«

»Wie?« rief La Hurière entzückt. »Zu Befehl, mein verehrter Herr, selbstverständlich zu Befehl!«

»Also abgemacht?«

»Abgemacht aus vollem Herzen! ... Und Sie, Herr von Coconas, unterschreiben auch Sie diesen Handel?«

»Ja, doch stelle ich wie mein Freund auch eine kleine Bedingung.«

»Welche, wenn ich bitten darf?«

»Daß Sie dem Herrn von La Mole die fünfzig Taler zurückerstatten, die ich ihm schuldig bin und die ich Ihnen anvertraut habe.«

»Das ist selbstredend meine Pflicht, mein Herr! Wann darf das sein?«

»Eine Viertelstunde vor dem Verkauf meines Pferdes und meines Gepäckes.«

La Hurière machte ein Zeichen des Verstehens.

»Ist mir vollkommen klar!« sagte er.

Er lief zu einem Schrank und holte Stück für Stück fünfzig Taler aus einer Lade heraus und übergab sie La Mole.

»Gut,«, sagte der junge Edelmann, »gut! Jetzt stellen Sie uns einen Eierkuchen auf den Tisch, die fünfzig Taler bekommt Gregor!«

»Oh,« rief La Hurière, »wahrhaftig! Sie sind großherzig wie die Fürsten, meine Herren, und Sie können auf mich auf Tod und Leben rechnen!«

»In solchem Fall,« meinte Coconas, »bereiten Sie uns gleich den Eierkuchen zu und sparen Sie nicht an Butter und Speck!«

Dann drehte er sich der Wanduhr zu.

»Wahrhaftig, du hast recht, La Mole,« sagte er; »wir haben noch drei Stunden lang zu warten, und da ist es wohl am besten, die Wartezeit hier zu verbringen. Das umsomehr, als, wenn ich mich nicht irre, wir uns hier auf dem halben Wege gegen die Brücke Saint-Michel befinden.«

Und die zwei jungen Edelleute nahmen wieder an demselben Tische und in der gleichen Zimmerecke Platz, wo sie an jenem denkwürdigen Abend des 24. August 1572 Platz genommen hatten. Hier hatte damals Coconas La Mole aufgefordert, die erste Geliebte, die ihnen in die Arme fallen würde, auf das Spiel zu setzen.

Es muß aber hier zu Ehren der Sittsamkeit beider junger Männer festgestellt werden, daß es an diesem Abend weder dem einen noch dem andern einfiel, einen ähnlichen Vorschlag anzuregen.

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