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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Schlüssel, die Türen öffnen, für die sie nicht bestimmt sind

Als die Königin von Navarra in den Louvre zurückgekehrt war, fand sie Gillonne in großer Aufregung. Frau von Sauve war in der Zwischenzeit dagewesen. Sie hatte einen Schlüssel überbracht, den ihr die Königin-Mutter hatte übermitteln lassen. Es war der Schlüssel, der das Zimmer des gefangenen Heinrich von Navarra sperrte. Augenscheinlich wünschte die Königin-Mutter aus irgendeinem Grunde, daß der Bearner die kommende Nacht bei Frau von Sauve verbringen sollte.

Margarete übernahm den Schlüssel und besah ihn nachdenklich von allen Seiten. Sie ließ sich dann eingehenden Bericht über die Bemerkungen der Frau von Sauve erstatten, erwog sie Wort für Wort und glaubte, den ganzen Plan Katharinas verstanden zu haben.

Sie nahm Tinte und Feder zur Hand und schrieb folgendes auf ein Papier: »Statt heute abend zu Frau von Sauve zu gehen, begeben Sie sich zur Königin von Navarra. Margarete.«

Dann rollte sie das Papier ein, steckte es in die Höhlung des Schlüssels und beauftragte Gillonne, diesen Schlüssel, sobald die Nacht eingebrochen sein würde, unter der Türe des Gefangenen durchzuschieben. Nach Erledigung dieser Sorge, dachte Margarete an ihren armen Verwundeten, schloß alle Türen und trat in das Nebenzimmer ein. Zu ihrem großen Erstaunen sah sie, daß La Mole die noch blutbefleckten und zerrissenen Kleider wieder angezogen hatte.

Er versuchte sich zu erheben, als er die Königin bemerkte. Er wankte, konnte sich nicht aufrechthalten und fiel wieder auf den Liegestuhl zurück, den man zum Bett umgewandelt hatte.

»Was geht hier vor, mein Herr?« fragte Margarete. »Warum folgen Sie den Anordnungen Ihres Arztes nicht? Ich habe Ihnen Ruhe verordnet, und statt zu gehorchen, machen Sie gerade das Gegenteil hiervon.«

»Ach, Madame,« sagte Gillonne, »meine Schuld ist es nicht, daß es so weit kam. Ich habe den Herrn Grafen gebeten, ihn sogar inständigst darum ersucht, keine Tollheiten zu begehen, aber er erklärte, daß ihn nichts im Louvre zurückhalten könne.«

»Den Louvre verlassen!« rief Margarete erstaunt und maß den jungen Mann, der die Augen zu Boden schlug. »Das ist ja unmöglich! Sie können ja noch kaum einen Schritt gehen, Sie sind kraftlos und blaß, man sieht, wie Ihre Knie zittern. Heute früh hat die Wunde an Ihrer Schulter noch geblutet.« »Madame,« antwortete der junge Mann, »so sehr ich Ihnen zu Dank dafür verpflichtet bin, mir gestern abend einen Zufluchtsort gewährt zu haben, so sehr muß ich Eure Majestät jetzt bitten, mir erlauben zu wollen, daß ich mich heute entferne.«

»Aber,« staunte Margarete, »ich weiß wirklich nicht, wofür ich diesen wahnsinnigen Entschluß halten soll. Das ist ärger als Undankbarkeit!« »Oh, Madame!« rief La Mole und rang die Hände, »weit davon entfernt undankbar zu sein, bleibt im Gegenteil in meinem Herzen ein lebenslängliches Gefühl der Dankbarkeit bestehen.«

»Dann wird dieses Gefühl nicht zu lange währen!« sagte Margarete. Sie war von dem Ton dieser Worte, die an ihrer Aufrichtigkeit nicht zweifeln ließen, ergriffen. »Denn Ihre Wunden werden sich wieder öffnen, Sie werden verbluten und sterben oder man wird Sie als Hugenotten erkennen. Sie werden keine hundert Schritte in der Straße gemacht haben und man wird Sie schon umgebracht haben. »Und doch muß ich den Louvre verlassen,« murmelte La Mole.

»Sie müssen?« sagte Margarete und blickte ihn tief und durchdringend an. Ein wenig erblassend setzte sie dann fort: »O ja! Ich begreife alles, verzeihen Sie, mein Herr! Zweifelsohne befindet sich außerhalb des Louvre eine Person, welcher Ihre Abwesenheit ernste Sorge bereitet. Das ist selbstverständlich, Herr von La Mole, und auch ganz natürlich, ich verstehe es. Daß Sie das aber nicht gleich gesagt haben, oder vielmehr, daß ich das nicht selbst schon überlegte! Wenn man Gastfreundschaft übt, wird es Pflicht, auch die Empfindungen seiner Gastes zu schonen, genau so, wie man seine Wunden behandeln muß, wird es Pflicht, seinem seelischen Zustand die gleiche Pflege angedeihen zu lassen wie seinem Körper.« »Leider, Madame,« antwortete La Mole, »leider irren Sie sich sehr. Ich stehe fast allein auf dieser Welt und schon ganz allein in Paris, wo mich niemand kennt. Mein Verfolger ist der erste Mann, mit dem ich hier gesprochen habe, und Eure Majestät sind die erste Frau, die mich angeredet hat.« »Warum wollen Sie dann fort von hier?« fragte Margarete erstaunt.

»Weil Eure Majestät in der vergangenen Nacht nicht zur Ruhe gekommen sind, und weil in dieser Nacht ...« Margarete errötete. »Gillonne,« sagte sie, »die Nacht ist hereingebrochen, ich glaube, daß es Zeit wird, den Schlüssel an seine Stelle zu bringen.«

Gillonne lächelte und zog sich zurück.

»Wenn Sie aber allein in Paris sind,« begann Margarete wieder, »keine Freunde haben, was wollen Sie dann nur anfangen?«

»Ich werde bald genug Freunde haben, Madame. Während ich verfolgt wurde, da dachte ich an meine Mutter, die eine Katholikin war. Ich sah sie vor mir, wie sie, ein Kreuz in der Hand, vor mir herschwebte und mir den Weg zum Louvre wies. Da tat ich den Schwur, daß, wenn Gott mir das Leben schenken sollte, ich den Glauben meiner Mutter annehmen würde. Gott hat noch mehr getan, als mir das Leben zu retten, Madame, er hat mir einen seiner Engel gesandt, um mich dieses Leben auch lieben zu lehren.« »Sie werden aber keinen Schritt gehen können, nach einer kurzen Wegstrecke werden Sie ohnmächtig zusammensinken.« »Ich habe mich hier im Zimmer ein wenig im Gehen geübt, Madame. Es geht zwar nur langsam und mit Schmerzen, das ist richtig. Wenn ich aber einmal auf dem Platz vor dem Louvre bin, wird geschehen, was möglich ist.« Margarete stützte ihren Kopf in die Hand und dachte ernst nach.

»Und der König von Navarra?« fragte sie mit einer gewissen Absicht. »Sie reden gar nicht mehr von ihm. Haben Sie denn die Lust verloren, ihm weiter zu dienen, weil Sie Ihren Glauben wechseln wollen?«

»Madame,« sagte La Mole erbleichend, »Sie nennen gerade die wahre Ursache meines Abschiedes ... Ich weiß, daß der König in höchster Gefahr schwebt, und daß ihm der ganze Einfluß Eurer Majestät als Königstochter von Frankreich kaum zur Rettung genügen wird.«

»Wie, mein Herr? Was wollen Sie damit sagen und von welcher Gefahr sprechen Sie?«

»Madame,« erwiderte La Mole zögernd, »man hört aus diesem Zimmer alles.«

»Das ist wahr,« sagte Margarete mehr zu sich selbst, »das gleiche hat mir auch der Herzog von Guise mitgeteilt.« Dann sagte sie laut: »Was haben Sie also gehört?«

»Zuerst die Besprechung, die Eure Majestät heute morgen mit Ihrem Bruder gehabt haben.«

»Mit meinem Bruder Franz?« rief Margarete und errötete.

»Mit dem Herzog von Alençon, jawohl! Dann während Ihrer Abwesenheit die Unterredung der Frau von Sauve mit Gillonne.«

»Und diese zwei Gespräche ... ?«

»Ja, Madame! Seit kaum acht Tagen verheiratet, lieben Sie Ihren Gemahl. Ihr Gatte wird herkommen, gerade so wie der Herzog von Alençon und Frau von Sauve gekommen sind. Er wird mit Ihnen über seine Geheimnisse sprechen. Nun gut, ich darf sie nicht hören ... das wäre unbescheiden von mir ... ich kann nicht zudringlich sein, darf es nicht sein ... und vor allem anderen, ich will es nicht sein.« Der Ton, in dem La Mole die letzten Worte gesprochen hatte, seine unsichere Stimme, der Verlust seiner Selbstbeherrschung, erleuchteten Margaretes Verstand in plötzlicher Erkenntnis.

»Ah,« sagte sie, »Sie haben also alles gehört, was bisher in diesem Zimmer gesagt wurde?«

»Ja, Madame!«

Diese Worte waren nur gehaucht.

»Und Sie wollen in dieser Nacht, noch am Abend weg, um nicht noch mehr zu hören?«

»Sogleich, wenn Eure Majestät es mir erlauben.«

»Armer Junge!« sagte Margarete mit einem sonderbaren Ton innigen Mitleids.

Erstaunt über die sanfte Antwort, da er doch eher eine strenge Erwiderung erwartet hatte, hob La Mole bescheiden sein Haupt. Seine Augen begegneten denen Margaretes und blieben gebannt wie durch magnetische Kraft an dem durchdringenden, tiefen Blick der Königin hängen.

»Sie halten sich also für unfähig, ein Geheimnis zu wahren, Herr von La Mole?« fragte die Königin leise. An die Rückseite ihres Stuhles gelehnt, durch den Schatten eines dichten Vorhanges halb verdeckt, freute sie sich daran, in der Seele des jungen Mannes so deutlich zu lesen und dabei selbst unerforschlich zu bleiben.

»Madame,« sagte La Mole, »ich bin von unglücklicher Veranlagung, ich mißtraue mir selbst und das Glück anderer peinigt mich.«

»Wessen Glück?« sagte Margarete lächelnd. »Ach ja. das Glück des Königs von Navarra ... armer Heinrich!« »Sie sehen es selbst ein, daß er glücklich ist!« rief lebhaft La Mole.

»Glücklich?«

»Ja, weil Eure Majestät ihn bedauern.« Margarete zerknitterte die Seide ihrer Geldbörse und zerfaserte die goldenen Fransen.

»Sie weigern sich also, den König von Navarra zu sehen?« fragte sie. »Das haben Sie bei sich bestimmt und beschlossen?«

»Ich fürchte, Seiner Majestät in einem solchen Augenblick lästig zu fallen.«

»Und dem Herzog von Alençon, meinem Bruder?«

»Oh, Madame,« rief La Mole aus, »der Herr Herzog von Alençon! Nein, nein, mehr noch dem Herzog von Alençon, als dem König von Navarra.«

»Warum das?« fragte Margarete so erregt, daß ihre Stimme fast zitterte.

»Weil ich, obwohl ich schon ein zu schlechter Hugenotte bin, um Seiner Majestät, dem König von Navarra, treu zu dienen, doch noch kein so guter Katholik bin, um mich zu den Freunden des Herzogs von Alençon und des Herzogs von Guise zählen zu dürfen.«

Es war jetzt an Margarete, die Augen niederzuschlagen. Den Hieb fühlte sie bis auf den tiefsten Grund ihres Herzens. Sie hätte nicht sagen können, ob die Worte La Moles für sie eine Schmeichelei oder einen Schmerz bedeuteten. In dem Augenblick trat Gillonne ein und Margarete befragte sie mit den Augen. Die Antwort Gillonnes fiel auf die gleiche Art bejahend aus. Es war ihr gelungen, den Schlüssel in die Hände des Königs von Navarra zu bringen. Margarete blickte wieder auf La Mole. Der stand unentschlossen vor ihr, ließ den Kopf auf die Brust sinken und war blaß wie einer, der seelisch und körperlich leidet. »Herr von La Mole ist stolz,« sagte sie, »und ich zögere, ihm den Vorschlag zu machen, den er zweifellos ablehnen wird.« La Mole raffte sich zusammen und machte einen Schritt auf die Königin zu. Er wollte sich zum Zeichen, daß er bereit sei, ihre Befehle entgegenzunehmen, vor ihr verbeugen. Aber ein beißender, quälender Schmerz trieb ihm plötzlich die Tränen in die Augen, er fühlte, daß er niedersinken müßte und griff rasch nach dem Vorhang, um sich festzuhalten. »Sehen Sie,« rief Margarete, lief auf ihn zu und fing ihn mit den Armen auf, »sehen Sie, mein Herr, wie Sie mich noch brauchen!«

Kaum merkbar bewegten sich die Lippen La Moles. »O ja!« murmelte er. »Wie die Luft, die ich atme, wie den Tag und sein Licht!«

In dem Augenblick ertönten drei Schläge an der Tür. »Hören Sie, Madame?« sagte Gillonne erschrocken. »Schon?« murmelte Margarete. »Soll ich öffnen?«

»Warte noch, vielleicht ist es der König von Navarra!« »Oh, Madame!« rief La Mole, den diese wenigen Worte, obwohl sie die Königin so leise und nur an Gillonne gerichtet geflüstert hatte, wieder aufrichteten. »Oh, Madame, ich flehe Sie auf den Knien an: lassen Sie mich fort, ja, tot oder lebend, Madame! Haben Sie Mitleid mit mir! Ach, Sie antworten mir nicht... nun gut! Dann will ich reden und wenn ich gesprochen haben werde, dann werden Sie mich, wie ich hoffe, davonjagen!«

»Schweigen Sie, Unglücklicher!« sagte Margarete, und doch empfand sie einen unendlichen Reiz, den vorwurfsvollen Worten des jungen Mannes zuzuhören. ..Schweigen Sie doch!«

»Madame,« erwiderte La Mole, der im Ton Margaretes nicht die Strenge heraushörte, die er unzweifelhaft erwartet hatte, »Madame, ich wiederhole es: aus diesem Zimmer vernimmt man alles! Ach, lassen Sie mich doch nicht eines Todes sterben, den die grausamsten Henker nicht erfinden würden!« »Still, still!« sagte Margarete.

»Oh! Madame, Sie haben kein Mitleid! Sie wollen nichts hören. Sie wollen nichts verstehen. Begreifen Sie doch ... daß ich Sie liebe ...«

»Ruhe doch, wenn ich es schon sage!« unterbrach ihn Margarete. Sie legte ihre warme, duftige Hand auf den Mund des jungen Mannes, und er ergriff sie und preßte seine Lippen darauf.

»Aber ...,« flüsterte La Mole.

»Aber schweigen Sie doch. Sie Kind! Wollen Sie sich gegen die Befehle Ihrer Königin auflehnen?«

Dann eilte sie aus dem Zimmer, schloß die Tür ab und lehnte sich an die Wand, um mit beiden Händen an der Brust das wildschlagende Herz zu beruhigen. »Öffne, Gillonne!«

Gillonne verließ das Zimmer und einen Augenblick später erschien der feine, geistreiche Kopf des Königs von Navarra unter dem Vorhang. Seine Miene drückte ein wenig Besorgnis aus.

»Sie haben mich zu sich bestellt, Madame?« fragte der König.

»Ja, haben Eure Majestät meinen Brief erhalten?« »Nicht ohne Staunen, das muß ich gestehen,« sagte Heinrich und blickte mit Mißtrauen um sich herum, beruhigte sich aber gleich wieder.

»Und nicht ohne eine gewisse Besorgnis, nicht wahr?« meinte Margarete.

»Das müßte ich zugeben, jedoch, Madame, umgeben von erbitterten Feinden, wie ich bin, umgeben von vielleicht noch gefährlicheren Freunden, erinnerte ich mich, daß ich an einem Abend in Ihren Augen das Gefühl der Großmut aufleuchten gesehen. Das war am Abend nach unserer Hochzeit. Ich erinnerte mich, daß ich an einem anderen Tag in Ihren Augen auch Mut und Entschlossenheit blitzen sah, und dieser andere Tag war gestern, der Tag, für den mein Tod festgesetzt war.«

»Und, mein Herr?« fragte Margarete lächelnd, während Heinrich anscheinend im Grunde Ihres Herzens zu lesen versuchte.

»Und in Anbetracht dessen, Madame, sagte ich mir, als ich Ihren Brief in die Hand bekam, sofort: Aller Freunde beraubt, gefangen, entwaffnet, hat der König von Navarra nur eine Möglichkeit, eines wirkungsvollen Todes zu sterben, eines Todes, den wenigstens die Geschichte verzeichnen muß, das ist der Tod durch Verrat seiner Frau. Darum bin ich gekommen.«

»Sire,« gab Margarete zur Antwort, »Sie werden Ihre Sprache sogleich ändern, wenn Sie erfahren werden, daß jetzt alles das Werk einer Person ist, welche Sie liebt ... und die Sie ebenso lieben.«

Heinrich wich vor diesen Worten zurück, sein graues, scharfes Äuge beobachtete unter den schwarzen Wimpern die Königin mit Neugierde.

»Ach, beruhigen Sie sich, Sire!« sagte die Königin lächelnd, »fern liegt mir die Anmaßung, behaupten zu wollen, daß ich diese Person bin.«

»Trotzdem sind Sie es gewesen, die mir diesen Schlüssel übermittelt hat, diese Schrift ist doch die Ihre!«

»Die Schrift ist allerdings die meinige, das gebe ich zu, und der Brief kam von mir, das leugne ich nicht, aber mit dem Schlüssel hat es eine andere Bewandtnis. Es mag Ihnen genügen zu erfahren, daß der Schlüssel durch die Hände von vier Frauen gegangen ist, bevor er in Ihre Hände gelangte.«

»Von vier Frauen!« rief Heinrich erstaunt. »Ja, durch die Hände der Königin-Mutter, durch die Hände der Frau von Sauve, die Hände Gillonnes und durch meine Hände.«

Heinrich beschäftigte sich mit der Lösung dieses Rätsels. »Jetzt reden wir vernünftig, mein Herr, und vor allem andern reden wir aufrichtig miteinander. Ist es wahr – heute wird bereits öffentlich darüber gesprochen – daß Eure Majestät Ihrem Glauben abschwören wollen?« »Die öffentliche Meinung irrt sich, Madame; ich habe noch in keiner Weise meine Zustimmung gegeben.« »Doch Sie sind schon dazu entschlossen?« »Das heißt, ich überlege noch! Was wollen Sie denn auch? Wenn man zwanzig Jahre alt ist, schon nahezu ein König ist ... Himmel und Hölle, dann steht das Leben schon um eine Messe dafür!«

»Gewiß, vor allen andern Dingen das Leben selbst.« Heinrich konnte ein feines Lächeln nicht unterdrücken. »Sie sagen nicht alles, was Sie denken, Sire,« sagte Margarete.

»Für meine Verbündeten habe ich immer noch geheime Vorbehalte, die sie nicht zu erfahren brauchen ... und da wir ja bloß Verbündete sind ... wenn Sie zugleich Bundesgenosse und...«

»... ich, Ihre Frau wäre, nicht wahr, Sire?« »Meiner Treu, ja ... meine Frau.« »Dann?«

»Dann könnte eine andere Auffassung die vorherrschende werden ... und vielleicht würde ich viel darum geben, der König der Hugenotten zu bleiben, wie man sagt... jetzt aber muß ich mich damit zufrieden geben, am Leben zu bleiben.«

Margarete sah Heinrich so eigentümlich an, daß ein weniger feiner Geist, als der des Königs von Navarra, irgend einen Verdacht hätte schöpfen müssen.

»Und sind Sie wenigstens sicher, diesen Erfolg zu haben?« fragte sie.

»So beiläufig schon!« antwortete Heinrich. »Wissen Sie doch, Madame, daß man in dieser Welt keiner Sache so sicher sein darf.«

»Es ist richtig,« meinte Margarete, »Eure Majestät bekunden eine derartige Zurückhaltung, bringen eine derartige Gleichgültigkeit zum Ausdruck, daß Eure Majestät nach einer Thronentsagung, nach Abschwörung des Glaubens, ebenso der Verbindung mit einer Königstochter Frankreichs – so hofft man wenigstens – entsagen werden.«

In diesen Worten lag eine so tiefe Bedeutung, daß Heinrich unwillkürlich stutzte. Doch die Verblüffung war blitzartig überwunden.

»Geruhen, Madame, sich daran zu erinnern, daß ich gegenwärtig keinen freien Willen habe. Demnach muß ich tun, was mir der König von Frankreich anbefehlen wird. Wenn man mich aber in dieser Frage, bei der es sich ja um nichts weniger handelt als um meine Krone, meine Ehre und mein Leben, zu Rate ziehen würde, dann würde ich es, statt meine Zukunft auf die Vorteile unserer erzwungenen Heirat aufzubauen, allerdings vorziehen, mich als Jäger in irgendeinem Schlosse oder als Büßer in irgendeinem Kloster begraben zu lassen.«

Diese ruhige Entsagungsbereitschaft, dieser Verzicht auf die Freuden der Welt, erschreckten Margarete. Sie dachte schon, daß die Trennung ihrer Ehe eine zwischen dem König Karl dem Neunten, der Königin-Mutter und dem König von Navarra abgemachte und vereinbarte Sache wäre. Warum würde man nicht auch sie betrügen und der Politik zum Opfer bringen? Deshalb vielleicht nicht, weil sie die Schwester des einen oder die Tochter der anderen war? Die Erfahrung hatte sie gelehrt, daß dies niemals Grund genug sein könnte, um sich in Sicherheit zu wiegen. Nun stachelte ein Ehrgeiz die junge Frau oder vielmehr die Königin auf, ein Ehrgeiz, der viel zu erhaben war, um etwa in den Fehler gekränkter Eitelkeit zu verfallen. Denn jede Frau, selbst eine von nur mittelmäßiger Veranlagung, unterliegt, sobald sie wahrhaft zu lieben imstande ist, niemals den erbärmlichen menschlichen Schwächen, weil ja die wahre Liebe nichts anderes ist, als eine Art von Ehrgeiz.

»Eure Majestät,« sagte Margarete wie in spöttischer Verachtung, »haben, wie mir scheint, kein zu großes Zutrauen zu dem Stern, der über dem Haupt eines jeden Königs schwebt.«

»Ah,« entgegnete Heinrich, »ich kann jetzt meinen Stern suchen! Der ist von den Gewitterwolken verdeckt, die zur Stunde grollend gegen mich heraufsteigen.« »Und wenn nun der Hauch einer Frau dieses Gewitter in alle Richtungen zerstreuen würde, daß der Stern glanzvoller leuchten könnte denn jemals?« »Das ist wohl recht schwer möglich,« meinte Heinrich. »Leugnen Sie das Vorhandensein einer solchen Frau, mein Herr?«

»Nein, aber ich spreche ihr das Können ab.« »Vielleicht wollten Sie sagen: ihren Willen?« »Ich sagte: ihr Können, und ich wiederhole dieses Wort. Eine Frau ist nur dann mit Erfolg zu Leistungen fähig, wenn sich die Liebe und der Eigennutz in ihr im gleichen Maße vereinigen. Wenn eine dieser Eigenschaften allein vorherrscht, dann ist sie verwundbar, wie Achilles. Täusche ich mich nicht, so kann ich bei dieser ehrgeizigen Frau auf Liebe nicht rechnen.«

Margarete schwieg.

»Hören Sie,« setzte Heinrich fort, »bei den letzten Glockenschlägen von Saint-Germain-l'Auxerrois mußten Sie doch daran denken, sich die Freiheit wiederzuerobern, Ihre Freiheit, die man auf das Spiel gesetzt hatte, um meine Partei zu vernichten. Ich mußte daran denken, mein Leben zu retten. Das war eine dringende Sorge... Ich verliere mein Königreich Navarra, ich weiß es wohl, doch das ist ein geringfügiger Verlust, dieses Navarra, wenn ich dagegen Ihre wiedergewonnene Freiheit in Betracht ziehe. Die Freiheit besteht schon darin, ganz laut im eigenen Zimmer reden zu dürfen, was Sie ja früher nie tun durften, weil immer einer da war, der Sie aus diesem Nebenzimmer belauschte.« Obwohl ausschließlich mit eigenen Gedanken beschäftigt, konnte sich Margarete nicht enthalten zu lächeln. Der König von Navarra hatte sich schon erhoben, um in seine Wohnung zurückzukehren. Vor einiger Zeit hatten die Glocken schon elf Uhr geschlagen, und im Louvre schlief schon alles oder es schien wenigstens schon alles schlafen gegangen zu sein. Heinrich machte drei Schritte gegen die Ausgangstür. Doch plötzlich blieb er stehen, und als ob er sich jetzt erst des Umstandes erinnerte, der ihn in das Zimmer der Königin geführt, sagte er: »Richtig, Madame, hatten Sie mir nicht bestimmte Mitteilungen zu machen? Oder wollten Sie mir nur Gelegenheit geben, mich bei Ihnen für Ihr tapferes Einschreiten im Waffensaal des Königs zu bedanken, das mir gestern eine Galgenfrist gewährt hat? Wahrhaftig, Madame, es war höchste Zeit gewesen, das kann ich nicht leugnen, und Sie sind wie eine antike Gottheit auf die Schaubühne herabgestiegen, gerade zum rechten Zeitpunkt, um mir das Leben zu retten.

»Unglücklicher!« rief Margarete mit dumpfer Stimme aus und faßte ihren Gemahl bei beiden Armen. »Sehen Sie denn nicht, daß nichts gerettet wurde, nicht Ihre Freiheit, nicht Ihre Krone und nicht Ihr Leben!... Blinder! Narr, armer Narr! Sie haben aus meinem Brief nichts anderes herausgelesen, als ein Stelldichein, nicht wahr? Sie haben gedacht, daß Margarete, durch Ihren kalten Hochmut zum äußersten gereizt, Genugtuung von Ihnen verlangen wollte?«

»Aber, Madame,« sagte Heinrich erstaunt, »ich versichere ...«

Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck zuckte Margarete die Achseln.

Im gleichen Augenblick wurde an der heimlichen Tür ein sonderbares Geräusch hörbar, ein scharfes, eiliges Kratzen. Margarete führte den König in die Richtung der kleinen Pforte.

»Hören Sie?« sagte sie.

»Die Königin-Mutter verläßt ihre Gemächer!« murmelte eine ängstliche, hastige Stimme hinter der Tür. Heinrich erkannte sofort die Stimme der Frau von Sauve.

»Wohin begibt sie sich?« fragte Margarete.

»Sie kommt zu Eurer Majestät!«

Und schon war auch das Rauschen eines Seidenkleides zu vernehmen, das sich immer mehr entfernte. Frau von Sauve war davongeflüchtet.

»Oh, oh!« rief Heinrich von Navarra aus.

»Ich war fest überzeugt davon, daß sie kommen würde,« sagte Margarete.

»Und ich befürchtete es, da ist der Beweis!«

Mit einer raschen Bewegung öffnete Heinrich sein Wams aus schwarzem Samt und ließ Margarete ein Panzerhemd sehen, das an seiner Brust funkelte, gleichzeitig auch einen langen Mailänder Dolch, der in seiner Hand wie eine Viper im Sonnenschein glänzte.

»Mit Panzer und Eisen ist hier Vorsorge getroffen!« rief Margarete. »Doch lassen Sie das, Sire, stecken Sie den Dolch wieder ein, die Königin-Mutter ist es, das ist richtig ... aber die Königin-Mutter ganz allein.«

»Immerhin ...«

»Sie ist es, ich höre sie kommen, Ruhe!«

Indem sich Margarete zum Ohr Heinrichs hinneigte, flüsterte sie ihm mit leiser Stimme einige Worte zu. Der junge König vernahm sie mit Aufmerksamkeit und mit Staunen. Im nächsten Augenblick verbarg sich Heinrich hinter den Bettvorhängen.

Mit der Geschicklichkeit eines Panthers sprang Margarete in das Nebenzimmer, wo La Mole erregt wartete, fand den jungen Mann in der Dunkelheit, preßte ihm die Hand und raunte ihm zu: »Ruhig bleiben!« Sie stand so nahe bei ihm, daß er fühlte, wie ihr warmer, duftiger Atem mild sein Gesicht streifte. »Ruhe!«

Dann eilte sie in ihr Zimmer zurück, verschloß die Tür und begann sich das Haar rasch aufzuknoten. Mit einem Dolch schnitt sie ebenso schnell alle Schnürbänder ihres Kleides durch und warf sich in das Bett.

Es war höchste Zeit gewesen, schon drehte sich der Schlüssel im Türschloß.

Katharina besaß einen Hauptschlüssel für alle Türen im Louvre.

»Wer da?« rief Margarete, während Katharina einem Gefolge von vier Edelleuten den Posten an der Türe anwies. Als ob sie über den so plötzlichen Eintritt in ihr Zimmer erschrocken wäre, sprang Margarete im weißen Schlafrock unter den Vorhängen aus dem Bett heraus. Sie erkannte Katharina und spielte ihr Erstaunen so gut, daß sich selbst die Florentinerin täuschen ließ. Dann küßte Margarete die Hand ihrer Mutter.

die zweite Hochzeitsnacht

Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit ließ die Königin-Mutter ihre Blicke im Zimmer umhergleiten. Die Samtpantoffel am Fußende des Bettes, die auf den Stühlen verstreuten Kleider, die Augen Margaretes, aus denen sie sich den Schlaf zu reiben versuchte, überzeugten Katharina davon, daß sie ihre Tochter aufgeweckt hätte.

Dann lächelte sie wie eine Frau, die ihre Pläne gelingen sieht, und zog sich einen Stuhl heran.

»Setzen wir uns, Margarete, und plaudern wir ein wenig.«

»Madame, ich höre.«

»Es ist Zeit, meine Tochter,« begann Katharina und schloß ihre Augen mit jener Gelassenheit, wie es tiefe Denker oder vollendete Heuchler zu tun pflegen, »es ist Zeit, daß Sie erkennen, wie Ihr Bruder und ich auf Ihr Glück bedacht sind.«

Wenn man Katharina kannte, war dieser Eingang der Rede gerade nicht beruhigend.

Was will sie mir sagen? dachte Margarete.

»Als wir Sie verheirateten,« setzte die Florentinerin fort, »haben wir eine jener politischen Notwendigkeiten durchgeführt, wie sie so oft eine begründete Sorge der Regierung bilden. Aber wir müssen eingestehen, mein armes Kind, daß wir nie für möglich halten konnten, den Widerwillen des Königs von Navarra gegen Sie, die Sie so hübsch, so jung und verführerisch sind, bis zur Halsstarrigkeit gesteigert zu sehen.«

Margarete erhob sich, und indem sie ihr Nachtkleid zusammennahm, machte sie vor ihrer Mutter eine tiefe, feierliche Verbeugung.

»Ich erfuhr es erst heute abend – denn sonst hätte ich Sie ja früher besucht –« sprach Katharina weiter, »daß Ihr Gemahl weit davon entfernt ist, für Sie jene Aufmerksamkeiten zu haben, die nicht nur einer schönen Frau gebühren, sondern auch namentlich einer Königstochter Frankreichs erwiesen werden müssen.«

Margarete seufzte auf und Katharina, durch die stumme Zustimmung angeeifert, fuhr fort: »Bezüglich dieses Königs von Navarra, der eines meiner Hoffräulein öffentlich aushält, in das er auch so vernarrt ist, daß es unliebsames Aufsehen erregt und mit Rücksicht darauf, daß er die Frau, die man ihm angetraut, verachtet, können wir, wir ohnmächtigen Allmächtigen, unglücklicherweise keine Abhilfe schaffen. Der kleinste Edelmann unseres Königreiches kann seinen Schwiegersohn fordern oder ihn durch seinen Sohn fordern lassen.« Margarete ließ den Kopf sinken.

»Ihre geröteten Augen, meine liebe Tochter, Ihre heftigen Ausfälle gegen die Sauve, beweisen mir schon seit genug langer Zeit, daß die Wunde Ihres Herzens, trotz aller Beherrschung, nicht weiterhin nach innen bluten darf.« Die Vorhänge bewegten sich leise, Margarete zitterte vor Angst, doch glücklicherweise hatte Katharina nichts bemerkt. »Diese Wunde, Mein Kind,« sagte sie und verdoppelte ihr herzliches Wohlwollen, »diese Wunde hat die Hand der Mutter zu heilen. Diejenigen, die Ihr Glück begründen wollten, die Ihre Hochzeit zugegeben haben, bemerken mit Besorgnis, daß sich Heinrich von Navarra noch jede Nacht in eine andere Wohnung verirrt. Sie können nicht erlauben, daß ein Schattenkönig, wie er, Ihre Schönheit, Ihre Stellung, Ihre Verdienste, stündlich beleidigt, indem er Ihre Persönlichkeit anscheinend geringschätzt und seine Nachkommenschaft vernachlässigt. Sie ahnen endlich, daß sich beim ersten günstigen Wind der tolle und freche Hartkopf gegen unsere Familie wenden wird, ja daß er Sie aus seinem Hause davonjagen wird. Und haben die nicht das Recht, Ihre Zukunft von seinem Schicksal zu trennen, sie sicherzustellen und würdiger zu gestalten?« »Trotz allem, Madame,« erwiderte Margarete, »und trotz der Erwägungen der liebenden Mutter, die mich sicherlich mit Freude und Ehre überhäufen, muß ich mir die Kühnheit herausnehmen, Eurer Majestät vorzuhalten, daß der König von Navarra mein angetrauter Gatte ist.« Katharina fuhr in einer zornigen Bewegung auf und rückte an ihre Tochter heran.

»Er« rief sie, »er Ihr Gatte! Genügt denn der Segen der Kirche allein, um Mann und Frau zu sein? Wird die Ehe nur durch die Worte des Priesters geheiligt? Er Ihr Gatte! Nein, meine Tochter, wenn Sie Frau von Sauve wären, dann hätten Sie mir diese Antwort geben können. Er hat ganz das Gegenteil von dem getan, was wir von ihm erwarten mußten, und seit Sie Heinrich von Navarra die Ehre erwiesen haben, seine Gemahlin zu sein, gibt er einer anderen das Recht hierzu. Und selbst jetzt, in diesem Augenblick,« Katharina zuckte die Achseln, »tut er das! Kommen Sie doch mit mir, dieser Schlüssel öffnet die Wohnung der Frau von Sauve und Sie werden sehen!«

»Leiser, ach, leiser, Madame, ich bitte darum!« sagte Margarete. »Denn Sie irren sich nicht nur, sondern ...« »Sondern?«

»Sondern Sie wecken mir meinen Mann auf!« Nach diesen Worten erhob sich Margarete anmutig. Während sie ein rosenfarbenes Wachslicht holte, flatterte ihr halboffener Schlafrock, die kurzen Ärmel ließen einen wundervoll geformten Arm und wahrhaft königliche Hände sehen. Sie näherte sich dem Bett und hob die Vorhänge in die Höhe. Und nun zeigte sie lächelnd ihrer Mutter den König von Navarra, der mit seinem stolzen Antlitz, seinen schwarzen Haaren und halbgeöffnetem Munde auf den ungeordneten Kissen lag und in tiefen, ruhigen Schlaf versunken zu sein schien. Bleich, mit verstörten Augen und nach rückwärts gebogenem Leibe, als ob sich jäh ein Abgrund vor ihren Füßen aufgetan hätte, stand Katharina da und stieß ein dumpfes Gemurmel aus.

»Sehen Sie, Madame, daß Sie schlecht unterrichtet waren?« sagte Margarete.

Katharina warf einen Blick auf Margarete, dann einen auf Heinrich von Navarra. Sie brachte in ihrem lebhaften Gedankengang die bleiche, feuchte Stirne und die von dunklen Ringen umgebenen Augen des Ruhenden mit dem Lächeln Margaretes in Verbindung und biß sich in stillem Ingrimm auf die schmalen Lippen.

Margarete gestattete ihrer Mutter dieses Bild, das auf sie die Wirkung eines Medusenhauptes ausübte, länger zu betrachten, dann ließ sie den Vorhang fallen, begab sich auf den Fußspitzen zu Katharina und ließ sich wieder neben sie nieder.

»Sie sagten also, Madame?«

Die Florentinerin versuchte einige Sekunden lang die Harmlosigkeit der jungen Frau zu prüfen, dann, als sich ihre gespannten Blicke unter der natürlichen Ruhe Margaretes gemäßigt hatten, sagte sie kurz und einfach: »Nichts!«

Und mit großen Schritten entfernte sie sich aus dem Gemache.

Sofort nachdem sich der Hall der Schritte im geheimen Gang verflüchtigt hatte, öffnete sich der Vorhang des Bettes abermals, und mit strahlenden Augen, mit verhaltenem Atem und bebenden Händen erschien Heinrich von Navarra und ließ sich vor Margarete auf die Knie nieder. Er war nur mit Strumpfhosen und Panzer bekleidet, so daß Margarete, obwohl sie ihm herzlich die Hand reichte, über den sonderbaren Anzug laut auflachen mußte.

»Oh, Madame, oh, Margarete,« rief er, »wie werde ich mich Ihnen je erkenntlich erweisen können!«

Er bedeckte ihre Hand mit Küssen, unmerklich liefen seine Lippen an Ihrem Arm hinauf.

»Sire,« sagte die Königin und entzog sich sacht der Liebkosung, »vergessen Sie, daß zu dieser Stunde eine arme Frau, der Sie das Leben verdanken, sich um Sie sorgt und um Sie weint? Frau von Sauve,« fügte sie ganz leise bei, »hat Ihnen ein Opfer gebracht, indem sie Sie zu mir hersandte und sie wird Ihnen nebst dem Opfer eifersüchtiger Liebe auch vielleicht noch das Opfer ihres eigenen Lebens bringen müssen, denn niemand weiß es besser als Sie, wie verderbenbringend der Zorn meiner Mutter ist!«

Heinrich erbebte, und während er sich rasch erhob, machte er eine Bewegung, wie um aus dem Zimmer zu stürzen.

»Aber,« sagte Margarete mit bewundernswertem Liebreiz, »ich habe mir alles überlegt und habe mich beruhigt. Der Schlüssel wurde Ihnen ohne Bezeichnung übergeben und Sie werden einfach dahin beurteilt werden, an dem heutigen Abend mir den Vorzug gegeben zu haben.« »Und diesen Vorzug gebe ich Ihnen, Margarete! Wollen Sie nur vergessen ...

»Leiser, Sire, leiser!« antwortete die Königin und dichtete scherzhaft die Worte um, die sie zehn Minuten früher ihrer Mutter zugeraunt hatte. »Man hört Sie vom Nebenzimmer aus sprechen und weil ich noch nicht ganz frei bin, würde ich Sie ersuchen weniger laut zu sprechen.« »Ach ja,« meinte Heinrich halb lachend, halb ärgerlich, »das ist ja wahr! Ich hatte ganz vergessen, daß ich nicht derjenige bin, der bestimmt ist, den Schlußakt dieses schönen Schauspieles zu spielen. Dieses Nebenzimmer ...« »Treten wir ein, Sire,« sagte Margarete, »denn ich möchte mir die Ehre geben. Eurer Majestät einen tapferen Edelmann vorzustellen, der während des Gemetzels, verwundet wurde, der im Begriffe war, in den Louvre zu eilen, um Eure Majestät von der Gefahr zu benachrichtigen, die Eure Majestät bedrohte.«

Die Königin näherte sich der Tür, Heinrich von Navarra folgte.

Die Tür öffnete sich und Heinrich erblickte staunend einen Mann in diesem Zimmer, das für Überraschungen förmlich ausersehen war.

Noch überraschter war La Mole, als er sich so unerwartet dem König von Navarra gegenüber sah. Schließlich warf Heinrich Margarete einen spöttischen Blick zu, den diese aber unbefangen erwiderte.

»Sire,« sagte sie, »ich muß befürchten, daß man diesen jungen Mann, der Eurer Majestät vollständig ergeben ist, selbst in meiner Wohnung zu töten versucht. Ich überantworte ihn Ihrem Schutz!«

»Sire,« berichtete der junge Mann, »ich bin der Graf Lerac von La Mole, den Eure Majestät erwartet haben und der Ihnen vom armen Herrn von Teligny anempfohlen wurde. Herr von Teligny ist an meiner Seite getötet worden.«

»Ah, richtig, mein Herr!« sagte Heinrich. »Die Königin hat mir den Brief übergeben. Aber hatten Sie nicht auch ein Schreiben vom Herrn Statthalter von Languedoc?«

»Jawohl, Sire, und dazu den Befehl, es Eurer Majestät sofort nach meiner Ankunft persönlich zu übergeben.«

»Und warum ist das nicht geschehen?«

»Ich habe mich gestern abend sofort in den Louvre begeben, Sire, doch Eure Majestät waren so beschäftigt, daß Sie mich nicht empfangen konnten.«

»Das stimmt!« sagte der König. »Aber Sie hätten mir, wie ich glaube, immerhin den Brief übermitteln lassen können.«

»Ich hatte von Herrn von Auriac den ausdrücklichen Befehl, den Brief Eurer Majestät nur persönlich in die Hände zu übergeben. Er enthielt, wie mir Herr von Auriac versicherte, eine so wichtige Anzeige, daß er ihn einem gewöhnlichen Boten nicht anvertrauen konnte.«

»Ja, wirklich,« sagte der König und durchflog die Zeilen, »es war die Mahnung, den Hof sofort zu verlassen und sich nach Bearn zurückzuziehen. Herr von Auriac, obwohl Katholik, zählt zu meinen besten Freunden, und als Landesverwalter der Provinz hatte er wahrscheinlich von den kommenden Ereignissen rechtzeitig Wind bekommen. Himmel und Hölle! Mein Herr, warum konnten Sie mir diesen Brief nicht schon vor drei Tagen übergeben, heute ist es zu spät!«

»Weil ich, wie ich Eurer Majestät schon berichtet habe, bei allergrößter Eile nicht früher ankommen konnte als gestern abend.«

»Ärgerlich, sehr ärgerlich!« murmelte der König. »Denn zu dieser Stunde wären wir dann schon in Sicherheit gewesen, sei es in Rochelle, sei es an irgend einem anderen günstigen Orte. Wir hätten zwei- oder dreitausend Reiter um uns versammeln können!«

»Sire, was geschehen ist, läßt sich nicht ändern,« sagte Margarete halblaut, »und anstatt die Zeit mit der Beurteilung der vergangenen Ereignisse zu vergeuden, wäre es vorteilhafter, einen Entschluß für die Zukunft zu fassen.«

»Hätten Sie an meiner Stelle noch irgendeine Hoffnung, Madame?« fragte Heinrich und betrachtete die junge Frau mit forschendem Blick.

»Ganz bestimmt! Ich würde das begonnene Spiel als ein Kartenspiel mit drei Runden beurteilen, bei welchem ich nicht mehr als die erste Partie verloren habe.«

»Ah, Madame,« raunte Heinrich, »wenn ich wüßte, daß Sie halbpart mit mir machen würden ...«

»Wenn ich mich auf die Seite Ihrer Gegner hätte schlagen wollen, so hätte ich vermutlich nicht so lange damit gewartet.«

»Das ist wahr! Ich bin undankbar, und alles kann sich, wie Sie schon erwähnten, heute noch in das rechte Geleise bringen lassen.«

»Leider, Sire,« warf La Mole ein, »obwohl ich Eurer Majestät Glück auf allen Wegen wünsche ... leider haben wir heute keinen Admiral mehr!«

Heinrich lächelte in der Art pfiffiger Bauern, ein Lächeln, das man bei Hof erst mit dem Tage verstand und zu deuten wußte, als er König von Frankreich war.

»Madame,« begann er und betrachtete aufmerksam den jungen Edelmann, »der Graf von La Mole kann doch bei Ihnen nicht wohnen, ohne Sie fortwährend zu stören; außerdem würden Sie stets den unangenehmsten Überraschungen ausgesetzt sein! Was gedenken Sie zu tun?«

»Können wir ihn aber aus dem Louvre hinauslassen?« fragte Margarete. »Ich füge mich gerne Ihren Ratschlägen.«

»Es ist allerdings schwer.«

»Wäre es möglich, Sire, daß Herr von La Mole ein wenig Platz in Ihrem Hause finden könnte?«

»Es tut mir sehr leid, Madame, doch Sie behandeln mich noch immer als König der Hugenotten und so, als ob ich noch ein Volk hinter mir hätte. Sie wissen, daß ich schon halb bekehrt bin und daß ich nicht über einen Mann mehr verfüge.«

Eine andere als Margarete hätte sich nun damit beeilt, dem König auf der Stelle zu eröffnen: auch er ist Katholik! Doch die Königin wollte sich von Heinrich um die Angelegenheit fragen lassen, die sie von ihm bereinigt zu sehen wünschte. La Mole hingegen, der die Zurückhaltung seiner Beschützerin bemerkte und noch gar nicht wußte, auf welche Art er auf dem schlüpfrigen Boden eines so gefährlichen Hofes, wie es zur Zeit der von Frankreich war, festen Fuß fassen sollte, schwieg sich ebenfalls aus.

»Doch was schreibt mir denn der Herr Statthalter von der Provinz,« sagte Heinrich und las noch einmal im Briefe nach, den La Mole überbracht hatte, »Ihre Mutter war eine Katholikin und daher stammt das Wohlwollen, das er Ihnen schenkt.«

»Und von was für einem Gelübde haben Sie mir vorhin gesprochen, Herr von La Mole?« fragte Margarete. »Betraf es nicht einen Glaubenswechsel? Meine Gedanken verwirren sich in dieser Richtung, Sie müssen mir, zu Hilfe kommen, Herr von La Mole! Handelte es sich nicht um etwas Ähnliches, wie es auch der König wünscht?«

»Leider ja! Doch Eure Majestät haben meine bezüglichen Erklärungen so kühl aufgenommen, daß ich nicht wagte ...«

»Das ging mich eben alles nichts an, mein Herr. Berichten Sie dem König, berichten Sie es ihm!«

»Nun also, was ist das für ein Gelübde?« fragte Heinrich.

»Sire,« erzählte La Mole, »verfolgt von den Mördern, waffenlos, blutete ich aus zwei Wunden, da erschien mir auf meinem Wege der Geist meiner Mutter und hielt ein Kreuz in der Hand und leitete mich zum Louvre. Da tat ich das Gelübde, daß wenn ich gerettet werden würde, ich den Glauben meiner Mutter annehmen würde. Denn Gott hatte ihr erlaubt, das Grab zu verlassen und mir während der fürchterlichen Nacht als Führerin zu dienen. So hat Gott mich bis hierher geführt, Sire. Ich sehe mich unter doppelten Schutz gestellt, unter den einer Königstochter Frankreichs und unter den des Königs von Navarra. Mein Leben wurde auf wunderbare Weise gerettet, ich habe nur mehr mein Gelübde zu erfüllen, Sire. Ich bin bereit den katholischen Glauben anzunehmen.«

Heinrich zog seine Augenbrauen zusammen. Zweifler, der er war, verstand er wohl das Abschwören aus Eigennutz, doch er mißtraute dem Glaubenswechsel aus Schicksalsgründen.

»Der König will sich meines Schützlings nicht annehmen,« dachte Margarete.

La Mole indessen wartete bescheiden und fühlte sich als Gegenstand zweier entgegengesetzter Meinungen unbehaglich. Er merkte, ohne es sich recht erklären zu können, das Lächerliche seiner Lage. Margarete war es, die ihm mit echt weiblichem Zartgefühl aus dieser Enge half.

»Sire!« sagte sie, »wir vergessen ganz, daß der arme Verwundete Ruhe benötigt. Ich selbst falle schon vor Schlafbedürfnis um, doch da sehen Sie!«

La Mole erbleichte tatsächlich. Aber nur die letzten Worte Margaretes, die er in seiner Art deutete, hatten die Blässe zur Folge gehabt.

»Natürlich, Madame, nichts ist doch einfacher!« sagte Heinrich. »Warum können wir Herrn von La Mole nicht Ruhe gönnen?«

Der junge Mann warf einen flehenden Blick auf Margarete und ließ sich trotz der Anwesenheit beider Majestäten, gebrochen von Schmerz und Müdigkeit, auf einen Stuhl niederfallen.

Margarete verstand, wie viel Liebe in diesem Blick gewesen war und wieviel Verzweiflung in der Schwäche lag.

»Sire,« sagte sie, »es ziemt sich Eurer Majestät, diesem jungen Mann eine Wohltat zu erweisen, für die er Eurer Majestät sein ganzes Leben lang dankbar sein wird. Er hat sein Leben für seinen König eingesetzt, weil er, verwundet wie er war, noch hierher geeilt ist, um Ihnen den Tod des Admirals und Telignys zu melden.«

»Was für eine Wohltat?« fragte Heinrich. »Befehlen Sie nur, ich bin bereit!«

»Herr von La Mole wird in dieser Nacht zu Füßen Eurer Majestät schlafen. Eure Majestät selbst werden mit diesem Ruhebett vorliebnehmen. Mit der Erlaubnis meines durchlauchtigsten Gemahls werde ich Gillonne rufen und mich in meinem Zimmer zu Bett begeben, denn ich schwöre Ihnen, Sire,« und Margarete lächelte zu diesen Worten, »daß ich von uns dreien nicht diejenige bin, die der Ruhe am wenigsten bedarf.«

Heinrich besaß Verstand, vielleicht sogar ein bißchen zu viel Verstand. Seine Freunde und seine Feinde warfen ihm das wenigstens später einmal vor. Er begriff, daß diejenige, die ihm jetzt das Ehebett versagte, das Recht hierzu aus der Gleichgültigkeit erworben hatte, die er ihr bisher geoffenbart. Außerdem hatte Margarete sich für seine Gleichgültigkeit gerächt, indem sie sein Leben rettete. Seine Antwort blieb also frei von jeglicher Eifersucht.

»Madame,« sagte er, »wenn Herr von La Mole imstande wäre, in meine Wohnung zu kommen, würde ich ihm mein eigenes Bett zur Verfügung stellen.«

»Wohl,« antwortete Margarete, »aber Ihre Wohnung kann heute weder Sie noch ihn schützen, und die Vorsicht gebietet es, daß Eure Majestät bis morgen früh hier bleiben.«

Ohne die Antwort des Königs abzuwarten, rief sie Gillonne, ließ die Polster für des Königs Lager zurechtrichten und zu Füßen dieses Lagers ein Bett für La Mole bereitstellen. Der schien von dieser Ehre beglückt und befriedigt, man hätte schwören können, daß er keinerlei Schmerzen mehr verspürte.

Margarete machte vor dem König eine höfische Verbeugung, zog sich dann in ihr von allen Seiten wohlverriegeltes Zimmer zurück und begab sich zu Bett.

»Und nun,« sagte sich Margarete, »ist es nötig, daß Herr von La Mole morgen im Louvre einen Beschützer hat. Heute abend spielt sich der auf den Beschützer, der sich sonst taub stellt und der das morgen sicherlich bereuen wird!«

Dann machte sie Gillonne, die auf die letzten Befehle der Herrin wartete, ein Zeichen.

Gillonne kam herbei.

»Gillonne,« sagte sie leise, »morgen muß der Herzog von Alençon, mein Bruder, aus irgendeinem Grunde das Verlangen haben, vor acht Uhr früh bei mir zu erscheinen. Das ist so einzurichten.«

Es schlug zwei Uhr nachts im Louvre.

Eine Weile sprach La Mole mit dem König noch über Politik, dann schlief Heinrich allmählich ein und schnarchte gleich darauf so anhaltend, als ob er ruhig in seinem Lederbett in Bearn läge.

La Mole hätte vielleicht ebenso gut geschlafen wie der König, doch Margarete schlief ja nicht. Sie wälzte sich in ihrem Bett herum und dieses Geräusch verwirrte die Gedanken des jungen Mannes und verscheuchte seinen Schlaf.

»Er ist wohl noch jung,« murmelte Margarete in ihrer Schlaflosigkeit, »er ist sehr schüchtern. Vielleicht muß man das erst abwarten, vielleicht wird er sogar lächerlich werden. Immerhin, er hat hübsche Augen ... eine gut gemachte Gestalt ... viel Reiz ... Doch, wenn er nicht tapfer sein sollte? ... er ist geflohen ... er schwört ab ... das ist ärgerlich, der Traum hatte so schön begonnen! Ach, was! Lassen wir die Dinge laufen und überlassen wir alles dem dreifachen Gott der närrischen Henriette!«

Erst bei Tagesanbruch schlief Margarete ein, sie hatte drei Worte auf den Lippen: Eros–Kupido–Amor.

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