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Königin Margot. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Erster Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co.
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida1f7004a
created20070128
modified20171227
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Der Weißdorn vom Friedhof der Unschuldigen

In ihre Wohnung zurückgekehrt, versuchte Margarete vergeblich die Worte zu enträtseln, die Katharina von Medici so leise Karl dem Neunten zugeflüstert hatte und die so kurz den furchtbaren, dringlichen Entschluß über Leben und Tod unterbrochen hatten.

Ein Teil des Vormittags war mit der Pflege La Moles ausgefüllt, den anderen verwendete sie zur Lösung des Rätsels, das ihr so unverständlich schien.

Der König von Navarra wurde als Gefangener im Louvre gehalten. Die Hugenotten wurden mehr denn je verfolgt. Auf die Schreckensnacht war ein Tag gefolgt, an dem noch grauenhafter gemordet wurde. Die Glocken läuteten nicht mehr Sturm, sie läuteten ein Tedeum ein, und die feierlichen Töne des Erzes, die über Mord und Brandschatzung dahinbrausten, erweckten bei hellem Sonnenlicht viel traurigere Empfindungen, als es die Totenglocken in der vorhergegangenen finstern Nacht vermocht hatten. Doch das war noch nicht alles. Eine ganz merkwürdige Sache hatte sich ereignet. Ein Weißdorn, der im Frühling geblüht hatte, und der wie gewöhnlich im Monat Juni seinen duftenden Schmuck verloren hatte, war während der Nacht wieder aufgeblüht. Die Katholiken, die in diesem Ereignis ein Wunder erkennen wollten und die durch Verbreitung der Nachricht unter das Volk den Glauben an eine Zustimmung Gottes erweckt hatten, veranstalteten Bittgänge mit Kreuzen und Fahnen zum Friedhof der Unschuldigen, wo eben dieser Weißdorn blühte. Diese Art Beifall, der scheinbar vom Himmel dem Morden gezollt wurde, hatte die Leidenschaft der Mordgesellen noch verdoppelt. Und während sich innerhalb der Stadt, in jeder Straße, bei jeder Wegkreuzung und auf jedem Platze ein Bild der Verzweiflung bot, hatte der Louvre allen Protestanten, die sich zur Zeit des Glockenzeichens in ihm befanden, als gemeinsames Grab gedient. Der König von Navarra, der Prinz von Condé und La Mole waren die einzigen Überlebenden.

Über den Zustand La Moles beruhigt – seine Wunden waren, wie sie schon früher festgestellt hatte, gefährlich, aber nicht tödlich – war Margarete weit mehr für das Leben ihres Gemahls besorgt, das noch immer bedroht wurde. Zweifellos war das erste Gefühl, das sich der Gattin bemächtigt hatte, das Gefühl eines aufrichtigen Mitleids für den Mann, dem sie, wie es der Bearner selbst gesagt hatte, wenn nicht Liebe, so doch Bündnistreue geschworen. Aber in der Folge hatte ein anderes, weit weniger uneigennütziges Gefühl im Herzen der Königin Platz gefunden.

Margarete war ehrgeizig, Margarete hatte in ihrer Verbindung mit Heinrich von Bourbon mit Bestimmtheit den Besitz königlicher Würden vorausgesehen. Navarra war von der einen Seite von den Königen von Frankreich, von der anderen von den spanischen Königen immer hart bedrängt worden. Die letzteren hatten stückweise mit der Zeit die ganze eine Hälfte des Landes für sich gewonnen. Trotzdem konnte Navarra, wenn Heinrich von Bourbon alle Hoffnungen, die man auf seinen Mut setzte und welchen er bei den zwar seltenen Gelegenheiten des Kampfes stets bewiesen, verwirklichte, ein wahrhaftes Königreich werden, das alle Hugenotten Frankreichs als Untertanen bei sich vereinigen könnte. Mit ihrem feinen Verstand und Voraussicht hatte Margarete das alles in Betracht gezogen. Mit dem Untergang Heinrichs war nicht nur der Verlust eines Gatten, sondern der Verlust eines Thrones zu befürchten.

Sie war ganz in ihren Gedanken versunken, als plötzlich an die Tür des geheimen Ganges gepocht wurde. Sie erschrak, denn nur drei Personen hatten Zutritt zu diesem Gang, der König, die Königin-Mutter und der Herzog von Alençon. Sie öffnete die Tür zum Nebenzimmer zur Hälfte, empfahl mit dem Finger an den Lippen Gillonne und La Mole Stillschweigen und ging dann zurück, um den Besucher einzulassen.

Der Besucher war der Herzog von Alençon.

Der junge Mann war seit dem vergangenen Abend verschwunden gewesen. Eine Zeitlang hatte Margarete die Absicht gehabt, seine Vermittlung zugunsten des Königs von Navarra in Anspruch zu nehmen. Doch ein beängstigender Gedanke hatte sie davon abgehalten. Die Hochzeit hatte ganz gegen seinen Willen stattgefunden. Franz von Alençon haßte Heinrich von Navarra und hatte nur deshalb eine Unparteilichkeit zugunsten des Bearners bekundet, weil er überzeugt war, daß Heinrich und seine Frau sich immer fremd bleiben würden. Das geringste Zeichen einer Neigung Margaretes zu ihrem Gatten konnte daher die Folge haben, daß statt einer Gefahr auszuweichen, drei Dolche die Brust Heinrichs von Navarra bedrohen könnten.

Die Anwesenheit des jungen Prinzen versetzte darum Margarete in größeren Schrecken, als es die Anwesenheit Karl des Neunten, ja selbst der Königin-Mutter hätte bewirken können. Indessen hätte man bei seinem Anblick nicht glauben können, daß sich in der Stadt und auch im Louvre etwas Außergewöhnliches zugetragen habe. Er war vornehm gekleidet, wie immer, seine Kleider und seine Wäsche verrieten den Gebrauch jener Duftwässer, die Karl der Neunte so sehr mißachtete, die aber der Herzog von Anjou und er selbst stets gerne verwendete. Nur ein geübtes Auge wie das Margaretes konnte an der ungewöhnlichen Blässe, an dem leisen Zittern seiner Hände, die so schön und so gepflegt waren wie die Hände einer Frau, erkennen, daß er im Grund seines Herzens ein Gefühl der Freude verbarg.

Sein Eintritt erfolgte ganz gewohnheitsmäßig. Er näherte sich seiner Schwester, um sie zu umarmen. Doch statt ihm die Wangen zu reichen, wie sie es bei der Begrüßung ihres Bruders Karl oder des Herzogs von Anjou zu tun pflegte, verneigte sich Margarete ein wenig und bot ihm die Stirne.

Der Herzog von Alençon seufzte auf und berührte mit seinen blassen Lippen die ihm von Margarete dargebotene Stirne.

Dann ließ er sich nieder und begann der Schwester die blutigen Ereignisse der Nacht zu beschreiben, den langsamen und schrecklichen Tod des Admirals, den augenblicklichen Tod Telignys, der von einer Kugel getroffen, sofort den Geist aufgab. Hierbei hielt er sich länger auf, erzählte breit, fand Gefallen daran, die Einzelheiten der blutigen Nacht zu schildern und tat dies mit jener sonderbaren Neigung für blutige Ereignisse, wie sie auch seinen Brüdern Karl und Heinrich eigen war. Margarete ließ ihn ausreden.

Als er endlich alles berichtet hatte, schwieg er.

»Nicht nur dieses Berichtes wegen, haben Sie mich besucht, mein Bruder, nicht wahr?« fragte Margarete. Der Herzog von Alençon lächelte.

»Sie haben mir noch etwas anderes zu sagen?«

»Nein,« meinte der Herzog, »ich warte nur.«

»Auf was warten Sie?«

»Sagten Sie mir nicht, liebe und herzlich geliebte Margarete,« fing der Herzog an und schob dabei seinen Stuhl näher an den der Schwester heran, »sagten Sie mir nicht, daß Sie den König von Navarra gegen ihren Willen heirateten?«

»Ja, zweifellos. Ich kannte den Prinzen von Bearn gar nicht, als man mir ihn zum Gemahl vorschlug.«

»Und seit Sie ihn kennen? Haben Sie mir nicht versichert, daß Sie nicht das geringste Gefühl für ihn empfinden?«

»Das sagte ich Ihnen, das ist richtig!«

»Mußte Ihnen nach Ihrer Meinung diese Heirat nicht Unglück bringen?«

»Mein lieber Bruder,« sagte Margarete, »wenn eine Heirat nicht das höchste Glück bringt, dann bringt sie gewöhnlich nur den tiefsten Schmerz.«

»Nun gut, liebe Margarete, wie ich schon früher sagte, ich warte!«

»So sagen Sie doch endlich, auf was Sie warten?«

»Daß Sie jetzt Freude bezeigen.«

»Über was soll ich mich freuen?«

»Doch über die unerwartete Gelegenheit, wieder die Freiheit zu erlangen!«

»Meine Freiheit?« sagte Margarete, die den Prinzen veranlassen wollte, seine geheimsten Gedanken preiszugeben.

»Zweifelsohne Ihre Freiheit! Sie werden von Heinrich von Navarra getrennt werden.«

»Getrennt?« fragte Margarete und heftete ihren Blick auf den jungen Herzog.

Franz von Alençon versuchte den Blick seiner Schwester auszuhalten, aber bald wichen ihr seine Augen verwirrt aus.

»Getrennt!« wiederholte Margarete. »Besprechen wir das, mein Bruder, denn es ist mir sehr lieb, daß Sie mich veranlassen, der Frage näherzutreten. Auf welche Art würde man uns denn trennen?«

»Aber Heinrich ist doch Hugenotte,« murmelte der Herzog.

»Gewiß! Aber er hat ja daraus kein Geheimnis gemacht. Das war allen bekannt, als man uns verheiratete.«

»Ja, was hat aber Heinrich seit dieser Hochzeit getan, liebe Schwester?« fragte der Herzog, und ohne es zu wollen, zitterte ein Strahl der Freude über sein Antlitz.

»Das müssen Sie am allerbesten wissen, da er seither alle Tage in Ihrer Gesellschaft verbracht hat, entweder auf der Jagd oder bei Spaziergängen oder beim Ballspiel.«

»Ja, die Tage, ganz richtig, die Tage! Aber die Nächte?«

Margarete schwieg und ließ jetzt ihrerseits die Augen sinken.

»Seine Nächte, seine Nächte!« wiederholte der Herzog von Alençon.

»Nun?« fragte Margarete, weil sie fühlte, daß sie irgend etwas sagen mußte.

»Nun, er hat sie bei Frau von Sauve verbracht.«

»Wieso wissen Sie das?« rief Margarete.

»Ich weiß es, weil ich eben den Wunsch hatte es zu erfahren,« antwortete der junge Prinz erbleichend und zerknüllte die Stickereien seiner Ärmel.

Margarete fing langsam an, den Sinn jener Worte zu verstehen, die Katharina von Medici Karl dem Neunten zugeraunt hatte; sie ließ sich aber nichts anmerken.

»Warum sagen Sie mir das, mein Bruder?« erwiderte sie mit vollendet gespielter Schwermut. »Tun Sie das, um mich daran zu erinnern, daß mich hier niemand liebt, niemand zu mir hält? ... Nicht die, die von Natur aus meine Beschützer sein sollen und nicht der, den mir die Kirche als Gemahl bestimmt hat?«

»Sie sind ungerecht!« rief der Herzog von Alençon und rückte noch näher an Margarete heran. »Ich liebe Sie und ich beschütze Sie!«

»Mein Bruder,« sagte Margarete und sah ihm geradeaus in die Augen, »Sie haben von der Königin-Mutter den Auftrag bekommen, mir etwas auszurichten?«

»Ich? Sie irren sich, liebe Schwester, ich schwöre es Ihnen! Wer konnte Ihnen diesen Gedanken beibringen?«

»Sie lösen das Freundschaftsverhältnis, das Sie bisher an meinen Gatten gekettet, Sie lassen den König von Navarra im Stich ... darum kann ich dergleichen vermuten.«

»Den König von Navarra im Stich ...,« murmelte ganz bestürzt der Herzog.

»Zweifellos! Hören Sie, wir wollen ganz offen miteinander reden. Sie haben mit ihm vielleicht zwanzigmal Übereinkommen geschlossen, ihr könnt euch nicht halten und stützen, als einer durch den andern ... dieses Bündnis ...«

»Ist unhaltbar geworden, liebe Schwester,« unterbrach der Herzog.

»Warum das?«

»Weil der König gewisse Absichten betreffs Ihres Gatten hat. Verzeihung! Ich irrte mich, wenn ich sagte: betreffs Ihres Gatten! Ich wollte sagen: betreffs Heinrichs von Navarra! Unsere Mutter hat alles erraten. Ich hatte mich mit den Hugenotten verbündet, weil ich sie für gut angeschrieben hielt. Doch da auf einmal schlägt man alle Hugenotten nieder, so daß in acht Tagen keine fünfzig im ganzen Königreich übrig bleiben werden. Ich reichte dem König von Navarra meine Hand hin, weil er ... Ihr Gatte war! Doch jetzt ist er das nicht mehr! Was haben Sie zu allem zu sagen, Sie, die Sie nicht nur die schönste Frau Frankreichs sind, sondern gleichzeitig auch den geistreichsten Kopf des Königreiches auf Ihren Schultern tragen?«

»Ich kenne unseren Bruder Karl, das habe ich zu sagen! Ich habe ihn gestern in einem Zustand von Raserei angetroffen, der jedem mindestens zehn Jahre seines Lebens kosten mag. Ich muß hinzufügen, daß sich diese Anfälle unglücklicherweise in der letzten Zeit sehr oft wiederholen, so daß aller Wahrscheinlichkeit nach unser Bruder Karl nicht lange mehr leben wird. Ich weise ferner darauf hin, daß der König von Polen vor kurzem gestorben ist und daß viel davon gesprochen wird, einen Prinzen des königlichen Hauses Frankreich an seine Stelle zu setzen. Endlich aber will ich bemerken, daß unter solchen Umständen der Augenblick nicht günstig ist, Verbündete im Stich zu lassen, Freunde, die uns im Falle eines Kampfes mit der Hilfskraft eines ganzen Volkes, mit dem Beistand eines ganzen Königreiches unterstützen können.«

»Und Sie,« rief der Herzog, »verüben Sie nicht noch einen viel größeren Verrat, indem Sie einen Fremden Ihrem Bruder vorziehen?«

»Erklären Sie sich deutlicher, inwiefern und weshalb hätte ich Sie verraten?«

»Sie haben gestern beim König um das Leben des Königs von Navarra gebeten!«

»Nun und?« fragte Margarete mit verstellter Harmlosigkeit.

Der Herzog stand jäh auf und ging zwei- oder dreimal mit verstörten Blicken um das Zimmer herum. Dann kam er zu Margarete zurück und faßte sie bei der Hand.

Diese Hand war starr und eisig.

»Leben Sie wohl, meine liebe Schwester,« sagte er, »Sie wollten mich nicht verstehen, schreiben Sie das Unglück, das Ihnen widerfahren kann, sich selbst zu!«

Margarete erblaßte, blieb aber unbeweglich auf ihrem Platze sitzen. Sie sah, wie der Herzog von Alençon zur Tür ging, ohne ihn auch nur mit einem Zeichen zurückhalten zu wollen. Doch kaum war er im Geheimgang außer Sicht gekommen, als er plötzlich wieder auf demselben Wege zurückkam.

»Hören Sie, Margarete, ich vergaß Ihnen etwas mitzuteilen: morgen, zur gleichen Stunde, wird der König von Navarra tot sein!«

Margarete stieß einen Schrei aus. Der Gedanke, daß sie das Werkzeug zu einem Mordanschlag sein sollte, versetzte sie in eine Angst, die sie nicht überwinden konnte.

»Und Sie werden diesen Mord nicht verhindern?« sagte sie, »Sie wollen Ihren besten und treuesten Verbündeten nicht retten?«

»Mein Verbündeter heißt seit gestern nicht mehr Heinrich von Navarra.«

»Wer ist also der Verbündete?«

»Der Herzog von Guise. Indem man die Hugenotten vernichtete, hat man den Herzog von Guise zum König der Katholiken gemacht.«

»Und der leibliche Sohn Heinrichs des Zweiten anerkennt einen Herzog von Lothringen als seinen König?«

»Sie haben heute einen schlechten Tag, Margarete, und wollen nichts verstehen.«

»Ich gestehe, daß ich vergeblich versuche, Ihre Gedanken richtig zu verstehen.«

»Meine liebe Schwester, Sie sind nicht von schlechterer Geburt, als die Frau Prinzessin von Porcian, und Guise ist nicht unsterblicher, als der König von Navarra. Nehmen Sie also drei Möglichkeiten an, Margarete: Erstens, daß mein älterer Bruder Heinrich zum König von Polen erwählt wird, zweitens, daß Sie mich so liebten, wie ich Sie liebe und ... nun gut! Ich bin dann König von Frankreich und Sie ... Sie ... die Königin der Katholiken!«

Margarete verbarg ihr Haupt in beiden Händen, erschrocken über die ungeheuerlichen Gehirngespinste dieses Jünglings, den niemand bei Hofe für besonders begabt halten wollte.

»Aber,« so fragte sie nach einem Augenblick größten Stillschweigens, »sind Sie denn nicht auf den Herzog von Guise ebenso eifersüchtig, wie auf den König von Navarra?«

»Was geschehen ist, ist geschehen!« antwortete der Herzog von Alençon mit dumpfer Stimme. »Wenn es sich darum handelt, ob ich auf den Herzog von Guise eifersüchtig bin ... nun gut, ich war eifersüchtig!«

»Es gibt nur einen Umstand, der Ihren ganzen schönen Plan zunichte machen kann.«

»Und der ist?«

»Daß ich den Herzog von Guise nicht mehr liebe.«

»Wen lieben Sie also?«

»Niemand!«

Der Herzog von Alençon betrachtete Margarete mit dem Erstaunen eines Menschen, der nichts mehr begreift, verließ seufzend das Zimmer und preßte seine eisige Hand an die Stirne. Der Kopf drohte ihm zu zerspringen.

Margarete blieb allein zurück. Sie dachte über alles nach. Die gegenwärtige Lage entrollte sich klar und deutlich vor ihren Augen. Der König hatte die Sankt Bartholomäusnacht geduldet, die Königin Katharina und der Herzog von Guise hatten sie veranstaltet. Der Herzog von Guise und der Herzog von Alençon waren im Begriffe sich zu verbrüdern, um aus der Angelegenheit größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Der Tod des Königs von Navarra war eine natürliche Folge des großen Schicksalsschlages. War er einmal tot, dann konnte man sich seines Königreiches bemächtigen. Margarete wäre eine Witwe, ohne Thron, ohne jeglichen Einfluß, hätte nur die traurige Aussicht in ein Kloster zu gehen, wo sie nicht einmal in tiefem Schmerz ihren Gemahl beweinen könnte, weil er ja nie ihr richtiger Ehemann gewesen.

Sie dachte gerade hierüber nach, als ihr die Königin Katharina die Frage zukommen ließ, ob sie nicht kommen wollte, um mit dem ganzen Hof eine Wallfahrt zum Weißdorn auf dem Friedhof der Unschuldigen mitzumachen.

Die erste Bewegung Margaretes war verneinend, sie wollte nicht an dem Aufzug teilnehmen. Doch der Gedanke, daß ihr dieser Ausgang vielleicht Gelegenheit schaffen könnte, neues über das Los des Königs von Navarra zu erfahren, wurde für sie entscheidend. Sie ließ melden, daß sie, wenn ihr ein Pferd bereitgehalten werden würde, sehr gerne Ihre Majestäten begleiten werde.

Fünf Minuten später meldete ein Page, daß das Gefolge unten ihre Ankunft erwarte. Sie gab Gillonne ein Zeichen mit der Hand, um ihr die Pflege des Verwundeten zu empfehlen und stieg dann die Treppen hinunter.

Der König, die Königin-Mutter, Tavannes und die vornehmsten Katholiken saßen schon zu Pferde. Margarete warf einen raschen Blick über die ganze Gruppe, die sich beiläufig aus zwanzig Personen zusammensetzte, der König von Navarra war nicht dabei.

Doch Frau von Sauve war anwesend. Sie wechselte einen Blick mit ihr und Margarete verstand, daß die Geliebte ihres Mannes ihr etwas zu sagen hätte.

Die Reitergruppe setzte sich in Bewegung und gelangte durch die Straße von l'Astruce in die Straße Saint-Honoré. Als das Volk den König, die Königin Katharina und die Häupter der Katholiken erblickte, sammelte es sich und begleitete den Reiteraufzug wie eine brausende Flut. Ununterbrochen wurden die Rufe laut: »Es lebe der König! Es lebe die Messe! Tod den Hugenotten!«

Bei diesen Rufen wurden die geröteten Degen und die rauchenden Büchsen geschwungen. Jeder wollte zeigen, welchen Anteil er an dem düstern Ereignis genommen.

Als man in die Höhe der Straße von Prouvelles gekommen war, begegnete man einigen Männern, die einen kopflosen Leichnam daherschleppten. Das war der Leichnam des Admirals, und die Männer zogen nach Montfaucon, um ihn dort mit den Füßen an einen Galgen zu hängen.

Man gelangte durch das der Straße von Chaps – heute Straße der Dechargeurs – gegenüberliegende Tor in den Friedhof der Unschuldigen. Die vom Besuch des Königs und der Königin-Mutter vorher verständigte Geistlichkeit erwartete Ihre Majestäten, um sie feierlichst anzusprechen.

Frau von Sauve benützte den Augenblick, in welchem Katharina der Ansprache ihre Aufmerksamkeit schenkte, um sich der Königin von Navarra zu nähern und sich einen Handkuß zu erbitten. Margarete streckte ihren Arm aus, Frau von Sauve berührte mit den Lippen die Hand der Königin und ließ hiebei ein kleines Stück gerollten Papiers in ihren Ärmel gleiten.

So schnell und unauffällig Frau von Sauve sich auch zurückgezogen hatte, Katharina hatte es doch bemerkt, und sie drehte sich in dem Augenblick um, als ihre Hofdame die Hand der Königin küßte.

Beide Frauen hatten den Blick bemerkt, der sie wie ein Blitz gestreift hatte, doch beide taten nicht dergleichen. Frau von Sauve entfernte sich von Margarete und nahm wieder ihren Platz bei der Königin-Mutter ein.

Als diese die Anrede, die ihr gehalten worden war, beantwortet hatte, machte sie der Königin von Navarra lächelnd mit dem Finger ein Zeichen, zu ihr zu kommen.

Margarete folgte.

»Eh! meine liebe Tochter,« meinte Katharina in ihrem welschen Französisch, »Sie halten gute Freundschaft mit Frau von Sauve?«

Margarete lächelte und versuchte ihrem schönen Gesicht den bittersten Ausdruck zu geben.

»Jawohl, liebe Mutter, die Schlange ist gekommen, um mich in die Hand zu beißen.«

»Ah, ah! Sie sind eifersüchtig, wie mir vorkommt!«

»Sie irren sich, Madame, ich bin auf den König von Navarra nicht mehr eifersüchtig, als er in mich verliebt ist. Nur weiß ich die Freunde von den Feinden wohl zu unterscheiden. Ich liebe den, der mich liebt, und ich verachte den, der mich haßt. Wäre ich ohne diese Eigenschaft noch Ihre richtige Tochter, Madame?«

Katharina lächelte in einer Weise, daß Margarete erkennen mußte, daß ihr Verdacht geschwunden war, wenn überhaupt ein solcher bestanden hatte.

Übrigens fesselten in dem Augenblick neuangekommene Wallfahrer die Aufmerksamkeit der hoheitlichen Versammlung. Noch erhitzt von einem neuen Gemetzel war der Herzog von Guise in Begleitung einiger Edelleute angekommen. Sie bildeten die Bedeckung einer reichlich ausgestatteten Sänfte, die gerade gegenüber dem König zur Erde gestellt wurde.

»Die Herzogin von Nevers!« rief Karl der Neunte. »Da sieh mal her! Sie komme nur herbei, die schöne und strenge Katholikin, damit wir ihr unsere Anerkennung zollen können! Was hat man mir nur erzählt, liebe Base? Daß Sie von Ihrem eigenen Fenster auf die Hugenotten Jagd gemacht haben und daß Sie sogar einen durch einen Steinwurf getötet haben?«

Die Herzogin von Nevers errötete auffallend.

»Sire,« sagte sie mit leiser Stimme und kniete sich vor dem König nieder, »im Gegenteil! Ich habe nur das Glück gehabt, einen verwundeten Katholiken aufzulesen.«

»Wohl, wohl, liebe Base, es gibt zwei Arten eines Dienstes: die eine besteht darin, meine Feinde zu vernichten, die andere, meinen Freunden zu helfen. Man tut, was man kann, und ich bin überzeugt, daß Sie gewiß mehr geleistet hätten, wenn es Ihnen möglich gewesen wäre.«

Unterdessen schrie das Volk, weil es das gute Einvernehmen zwischen dem Haus Lothringen und Karl dem Neunten bemerkt hatte, aus vollem Halse: »Es lebe der König! Es lebe der Herzog von Guise! Es lebe die Messe!«

»Kehren Sie mit uns zum Louvre zurück, Henriette?« fragte die Königin-Mutter die schöne Herzogin.

Margarete berührte die Freundin mit dem Ellbogen. Die verstand das Zeichen sofort und gab zur Antwort: »Nein, Madame, wenigstens dann nicht, wenn es Eure Majestät nicht befehlen. Ich habe mit Ihrer Majestät, der Königin von Navarra, in der Stadt etwas zu besorgen.«

»Was haben Sie zusammen zu tun?« fragte Katharina.

»Wir wollen einige seltene und außergewöhnliche griechische Werke besichtigen, die man bei einem alten protestantischen Pastor gefunden und in den Turm Saint-Jacques-la-Boucherie gebracht hat,« erwiderte Margarete.

»Sie würden besser daran tun, sich anzusehen, wie man die letzten Hugenotten von der Höhe der Brücke Meuniers in die Seine hinabwirft,« sagte Karl der Neunte. »Dort soll jetzt jeder gute Franzose anwesend sein!«

»Wir werden hingehen, wenn es Eurer Majestät so gefällt!« antwortete die Herzogin von Nevers.

Katharina warf einen mißtrauischen Blick auf die beiden jungen Frauen. Die aufmerksame Margarete hatte den Blick aufgefangen und wendete sich sofort in geschäftiger Art nach allen Seiten um und sah besorgt im Kreis umher.

Diese gespielte oder echte Besorgnis entging Katharina nicht.

»Was suchen Sie?«

»Ich suche ... ich sehe nicht mehr ...«

»Wen suchen Sie? Wen sehen Sie nicht mehr?«

»Frau von Sauve,« sagte Margarete, »wäre sie am Ende in den Louvre zurückgekehrt?«

»Ich habe dir doch gesagt, daß du eifersüchtig bist!« zischelte Katharina der Tochter in die Ohren, »o Bestie! ... gehen Sie, gehen Sie, Henriette,« fuhr sie fort und zuckte mit den Schultern, »entführen Sie uns die Königin von Navarra!« Margarete blickte noch fort um sich herum, dann beugte sie sich zum Ohr ihrer Freundin nieder und sagte: »Bringen Sie mich rasch fort, ich habe Ihnen etwas von größter Wichtigkeit zu sagen.«

Die Herzogin machte vor Karl dem Neunten und vor Katharina eine tiefe Verbeugung, dann verneigte sie sich vor der Königin von Navarra: »Werden Eure Majestät geruhen, in meine Sänfte zu steigen?«

»Mit großem Vergnügen! Nur werden Sie genötigt sein, mich zum Louvre zurückzubringen.«

»Meine Sänfte, meine Leute und ich selbst stehen Eurer Majestät ganz zur Verfügung,« antwortete die Herzogin.

Die Königin Margarete stieg in die Sänfte ein, und auf ihr Zeichen nahm auch die Herzogin von Nevers in dieser Platz, nur setzte sie sich ehrfurchtsvoll auf einen vorderen Sitz.

Katharina und ihre Höflinge kehrten zum Louvre zurück und nahmen den gleichen Weg, den sie gekommen waren. Man bemerkte, wie die Königin-Mutter während des ganzen Weges ununterbrochen Karl dem Neunten in den Ohren lag und hierbei öfters auf Frau von Sauve deutete.

Und jedesmal lachte Karl der Neunte auf, wie eben dieser König lachen konnte, so unheimlich, daß sich das Gelächter wie eine Drohung anhörte.

Margarete hatte, als sie merkte, daß sich die Sänfte in Bewegung setzte, daß sie demnach die durchdringende Beobachtung Katharinas nicht mehr zu fürchten hatte, lebhaft aus ihrem Ärmel den Zettel gezogen, den ihr Frau von Sauve übermittelt hatte, und las nun folgendes: »Ich habe den Befehl erhalten, dem König von Navarra heute abend zwei Schlüssel zu schicken. Der eine Schlüssel ist für das Zimmer bestimmt, in welchem er in Gewahrsam gehalten wird, der andere sperrt meine eigene Wohnung. Ist er einmal bei mir eingetreten, dann zwingt mich der ausdrückliche Befehl, ihn bei mir bis sechs Uhr früh festzuhalten. Wollen Eure Majestät überlegen, wollen Eure Majestät entscheiden, mein eigenes Leben fällt nicht in die Wagschale!«

»Kein Zweifel,« murmelte Margarete, »die arme Frau ist als Mittel ausersehen, um uns alle zu verderben. Doch wir wollen sehen, ob man die Königin Margot, wie mein Bruder Karl mich nennt, so leicht in eine Klosterfrau verwandelt!«

»Von wem ist das Schreiben?« fragte die Herzogin und deutete auf den Brief, den Margarete immer wieder mit großer Aufmerksamkeit las.

»Ach, liebe Herzogin, ich habe dir viel, sehr viel zu sagen!« rief die Königin und zerriß das Papier in tausend Stücke.

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