Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dürr >

König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171211
projectidbf8c399a
Schließen

Navigation:

8.

Als Herr von Hennings erfuhr, daß beide Durchsuchungen bei Lessen völlig ergebnislos geblieben waren, geriet er fast außer sich, denn er hatte mit Bestimmtheit darauf gerechnet, das Rätsel gelöst zu sehen. – Nun wurde ihm dieser Strich durch die Rechnung gemacht!

Als könne er es nicht glauben, ließ er sich von Feuerstein noch einmal alles genau berichten, wie sie es angefangen hätten, und er schien geneigt, den Beamten Vorwürfe zu machen.

Feuerstein gab auf die vielen Fragen des Staatsanwalts, ohne sich irgendwie aus der Ruhe bringen zu lassen, sachlich und kühl seine Antworten.

Vor kurzem war er wegen seiner vortrefflichen Dienstleistungen zum Oberwachtmeister befördert worden.

Äußerlich sah er nicht besonders einnehmend aus. Er war ein kurzer, aber sehr stämmiger Mann, der eine außerordentliche Körperkraft zu besitzen schien, mit einem runden dicken Kopfe und einem massiven Gesicht, mit kleinen, grauen, scharfen Augen. Ein zeitweiliges Aufblitzen dieser harten, hellen Augen ließ erkennen, daß ihr Besitzer keineswegs so stumpf veranlagt war, wie man es seinem Körperbau nach vermuten konnte. Tatsächlich galt er auch als einer der gewiegtesten, erfahrensten Kriminalbeamten, die der Staatsanwaltschaft zur Verfügung standen, und man rühmte seine besondere Findigkeit.

»Es ist keine Handbreite des Bodens und der Wände, keine Fingerbreite der Möbelstücke ohne Durchsicht geblieben, kein Kleidungs- oder Wäschestück, kein Buch, kein Bild, kein Stückchen der Tapete. Wir haben alles abgesucht, durchaus alles, bis auf das kleinste, aber es war nicht möglich, die Marke zu finden.«

»Unmöglich?« fragte Herr von Hennings in einer bösartigen Weise. »Unmöglich? ... Wieso unmöglich?«

»Weil die Marke nicht in der durchsuchten Wohnung war. Sie ist überhaupt nicht im Besitze Lessens«, erwiderte Feuerstein mit großer Ruhe.

»Ah, das ist neu! Ihre Behauptung ist außerordentlich interessant. Und wie begründet der Herr Oberwachtmeister diese Behauptung?« fragte Herr von Hennings plötzlich ungemein höflich.

Es war allerdings eine unangenehme Höflichkeit.

Erregt schob er seinen Kneifer zurecht und sah Feuerstein mit durchbohrenden Augen an, worauf er seinen gewohnten Gang durch das Zimmer fortsetzte.

Feuerstein verharrte in seiner unerschütterlichen Ruhe. Er sprach in abgemessenen Sätzen, als fiele ihm das Atmen schwer.

»Als wir uns dieses sogenannten Doktors Lessen versicherten, sah ich auf den ersten Blick, daß alles umsonst sein werde, daß die Durchsuchung keinen Erfolg haben werde und daß Lessen nicht im Besitz der Marke war. Er blieb diesmal, bei der Ankündigung der wiederholten Durchsuchung, vollkommen ruhig und bewahrte diese Ruhe während der ganzen Amtshandlung. Er ließ sie so gleichgültig über sich ergehen, daß von Anfang an mit dem Mißerfolg zu rechnen war.«

Herr von Hennings kehrte sich heftig nach ihm um. »Und das ist alles, was Sie ins Feld führen können, Herr?«

»Nein, das ist nicht alles. Die Marke konnte bei Lessen unmöglich gefunden werden, weil Lessen nicht der Täter ist, sondern der Täter ist ein anderer.«

Feuerstein erklärte dies mit solcher Sicherheit, mit solcher Bestimmtheit, daß Herr von Hennings erstaunt und betroffen stehenblieb. Mit einem heftigen, nervösen Druck befestigte er seinen Kneifer wieder auf der Nase. Aber seine Betroffenheit währte nicht lange. »Lessen ist nicht der Täter, erklären Sie, und Sie wissen es natürlich ganz genau?« sagte er mit merklichem Spott. »Aber leider wissen Sie nicht, wer der andere ist, der die Marke gestohlen hat?«

»Doch«, erklärte Feuerstein bestimmt, »der Täter heißt nicht Lessen, sondern er heißt Cajetan Kruth.«

Herr von Hennings war derart überrascht, daß ihm fast der Kneifer von der Nase gefallen wäre, als er ihn abnehmen wollte. »Kruth? Cajetan Kruth? ... Nein, Kruth ist es nicht. Sie sind im Irrtum.«

»Nicht im Irrtum, Herr Staatsanwalt! ... Daß Lessen die Marke in der kurzen Zeit, seit sie Herrn Kaubisch abhanden gekommen ist, schon veräußert hätte, ist unmöglich, denn bei dem Wert der Marke war ein Käufer nicht sofort aufzutreiben, zumal nicht ohne die Echtheitsurkunden, die ja im Besitz des Herrn Kaubisch geblieben sind, ganz abgesehen davon, daß Lessen es nicht gewagt hätte und nicht hätte wagen können, dem nächsten besten die Marke anzubieten, ohne nicht selbst die größte Gefahr zu laufen, ja beinahe die Gewißheit zu haben, daß es sein Verderben sein würde.«

»Stimmt«, sagte Herr von Hennings, »stimmt bis jetzt.«

»Ohne den Gegenwert zu erhalten, oder wenigstens hinreichende Sicherheit, hätte er auch die Marke nicht aus der Hand gegeben. Ein Mensch wie Lessen tut das unter keinen Umständen. Er hätte also die Marke im Besitz haben müssen, falls er sie gestohlen hätte. Folglich hätten wir die Marke bei der Durchsuchung gefunden. Die Durchsuchung hat aber ergeben, daß er nicht im Besitz der Marke ist.«

»Stimmt nicht«, sagte Herr von Hennings, »stimmt ganz und gar nicht.«

Feuerstein machte mit höchstem Gleichmute eine kleine Einschränkung. »Vielleicht kann ich das nicht mit solcher Bestimmtheit sagen, aber ich für meinen Teil habe die Gewißheit, daß wir die Marke gefunden hätten, wenn sie Lessen überhaupt gehabt hätte. Jedenfalls aber habe ich recht, wenn ich sage, daß Lessen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht im Besitz der Marke, also nicht der Täter ist, weil, wie ich schon ausführte, ein Mensch wie Lessen ein derartiges Wertobjekt nicht aus der Hand gibt.«

Herr von Hennings sagte nicht Ja und nicht Nein, aber er räusperte sich mißliebig, was gut dahin zu verstehen war, daß er starken Zweifel an der Richtigkeit dieser Erläuterungen Feuersteins habe. Im übrigen hörte er jetzt den Sprecher schweigend an.

»Es bleibt also von den Interessenten bei der Auktion, soweit sie die Abendgesellschaft des Herrn Kaubisch besuchten, nur Cajetan Kruth übrig ... Wieviel diesem an dem Besitz der Marke lag, geht aus dem ungeheuerlichen Angebot, das er gemacht hat, hervor. Ein solches Angebot macht nur ein Höchstinteressierter oder ein Verrückter. Herr Cajetan Kruth ist aber nicht verrückt, sondern ein kluger Mann.«

»Richtig«, sagte Herr von Hennings, »jetzt wieder richtig!«

»Nun kommt aber etwas, was bisher nicht genügend gewürdigt wurde«, fuhr Feuerstein in kühlem Tone, der an Grobheit grenzte, fort. »Herr Cajetan Kruth – dieser Herr«, sagte er mit Betonung – »hat in der Abendgesellschaft dem Herrn Kaubisch gegenüber kurzweg erklärt, er werde die Marke mitlaufen lassen, wenn er sie finde ... Er hat dies als Scherz gesagt, weil er überzeugt war, daß jedermann dachte, der reiche und vornehme Herr Kruth könne sich einen solchen Scherz leisten, und niemand werde so einfältig sein, anzunehmen, daß er im Ernst spreche ... In Wirklichkeit war aber der Scherz gar kein Scherz, sondern es war diesem Kruth völlig ernst, und er sagt es in der Verwegenheit des maßlos kecken Diebes, die aus ihm sprach ... Solche einem Verbrechen vorausgehenden Ankündigungen des beabsichtigten Verbrechens sind schon wiederholt vorgekommen, sie sind gar nicht so selten, besonders bei dem Typ des unter vornehmer Maske arbeitenden Berufsverbrechers, der sich, auch geistig, dem Gegner überlegen fühlt. Es bringt eine solche Vorankündigung für den Verbrecher einen nicht zu unterschätzenden Reiz mit sich, wie jedes Überlegenheitsgefühl ...«

Herr von Hennings begann mit Aufmerksamkeit zuzuhören, denn diese psychologische Erklärung Feuersteins gefiel ihm nicht übel.

»Die Keckheit der Vorankündigung des geplanten Diebstahls«, fuhr Feuerstein fort, »stimmt mit dem übrigen Auftreten des Herrn Kruth und mit seinem Verhalten nach der Entdeckung des Diebstahls vollkommen überein. Er veranlaßte die Durchsuchung der Gäste, er beharrte, trotz dem Widerspruch des Herrn Kaubisch, darauf, er übernahm die Aufgabe der Durchsuchung unter dem Anschein, damit ein Opfer zu bringen. In Wirklichkeit lenkte er dadurch, daß er diese scheinbar scharfe Maßregel vorschlug und angewendet haben wollte, den Verdacht natürlich in erster Linie von sich selbst ab, während er auf der andern Seite sicher sein konnte, daß die Durchsuchung seiner Person bei der Kleinheit des Objekts, bei seiner eigenen Unverdächtigkeit und bei der geringen Geschicklichkeit und – Geniertheit des Durchsuchenden, dem zweifellos jede Erfahrung abging, erfolglos bleiben mußte. Er durfte ohne weiteres annehmen, daß das Ansinnen auf Durchsuchen der Taschen höchstenfalls äußerliches Abtasten, beschränkt bleiben werde, während die Durchsuchung nach einem solch kleinen Gegenstand Erfolg überhaupt nur haben konnte, wenn der Durchsuchte sich entkleiden mußte. Letzteres vorzuschlagen hat Kruth wohlweislich unterlassen. Dazu kommt, daß er bestimmt die ganze Komödie vorbereitet hatte. Er wußte genau, daß Herr Kaubisch an diesem Abend die Marke vorzeigen werde und daß sie herumgereicht werde. Nötigenfalls konnte er, wenn Herr Kaubisch nicht selbst davon anfing, dies erreichen, indem er das Gespräch auf die Marke lenkte. Er hatte sich also schon den Plan ausgedacht, bei dieser Gelegenheit die Marke zu entwenden und sich ein geeignetes Versteck in seiner Kleidung geschaffen, in dem er die Marke unverdächtig auf die Seite bringen konnte, an einer Stelle, wo sie bei oberflächlicher Durchsuchung niemand vermutete, zum Beispiel in den Schößen der Weste, hinter dem Hosenbund, in den Halbschuhen, die er trug. Dazu kommt, daß ein Dritter, etwa Lessen, wenn er nur durch die gerade sich bietende günstige Gelegenheit auf den Gedanken kam, die Marke zu entwenden, sie schwerlich hätte so verbergen können, daß sie bei der Durchsuchung nicht gefunden worden wäre.«

Herr von Hennings machte eine leichte Bewegung mit der Hand, aus der man, wie man auch aus seiner erregten Miene, entnehmen konnte, daß ihm der Gedankengang Feuersteins immer mehr einleuchtete.

»Kruth hat also nach einem schon vorbereiteten Plane die Marke gestohlen und verborgen, und die Vorankündigung des Diebstahls gewährte ihm den schon angedeuteten Genuß, die ganze Gesellschaft an der Nase herumzuführen ... Dann schlug er vor, indem er einen Appell an die Ehre des Täters richtete, der Dieb solle die Marke reuig – und unverdächtig für ihn selbst! – in eine Schale legen, bevor er sich entfernte. Dies war nur ein ganz besonders geschickter Kniff Kruths, denn es ist ganz menschlich, daß er mit einem solchen Vorschlag, der sich an die Ehre eines andern richtete, für seine Person als Dieb ausscheiden mußte. Außerdem verschaffte er sich durch dieses einfache Mittel die Möglichkeit, sich ungehindert mit seinem Raube zu entfernen, und er verhinderte, wie es tatsächlich der Fall war, daß der Bestohlene sich etwa vor Entfernung der Gäste an die Kriminalpolizei oder die Staatsanwaltschaft wendete.«

Feuerstein schloß zusammenfassend: »Daß der Dieb eine außerordentliche Kühnheit besessen haben muß, ist nach der Art der Ausführung des Diebstahls einleuchtend, und es steht, für mich wenigstens, absolut fest, daß nur ein gewohnheitsmäßiger, aber gerade auch ein gewohnheitsmäßiger Verbrecher so und nicht anders vorgehen konnte, als Cajetan Kruth an jenem Abend vorzugehen beliebte.«

»Halt«, sagte Herr von Hennings, »nicht übel, was Sie da sagen! Ich gestehe, ihre Darlegungen haben etwas für sich und bald hätten Sie mich überzeugt ... Aber jetzt kommt die schwache Seite Ihrer Beweisführung. Sie haben sie zu guter Letzt selbst hervorgehoben, ohne es zu ahnen. Auch ich bin nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß nur ein Berufsverbrecher so handeln konnte, wie Sie es dargelegt haben, und Herr Cajetan Kruth ist kein solcher, sondern ein sehr begütertes und auch sonst höchst achtbares Mitglied der guten Gesellschaft unserer Stadt ... Damit fällt aber Ihre ganze Beweisführung zusammen.«

Bei diesen Worten des Herrn von Hennings blitzten die kleinen, scharfen und hellen Augen Feuersteins kurz auf. »Verzeihen Sie, Herr Staatsanwalt«, erwiderte er, seinerseits nicht ohne sichtbare Ironie, »ich habe mir erlaubt, inzwischen Erkundigungen einzuziehen, die nicht einmal schwierig waren, und habe dabei merkwürdige Sachen entdeckt. Das erste ist, daß Herr Kruth, was anscheinend bisher jedermann einfach vorausgesetzt hat, eine Briefmarkensammlung überhaupt nicht besitzt ... Es ist so«, wiederholte er, als er das ungläubige Gesicht des Staatsanwalts sah. »Herr Kruth hat weder eine Briefmarkensammlung noch sonstige Vorräte von Marken. Er besitzt zur Zeit überhaupt keine Postwertzeichen, sofern man nicht einige ungebrauchte Zwölfer- und Sechsermarken für Briefe und Postkarten ausnehmen will.«

Feuerstein machte eine Pause, wie um seine Worte besser wirken zu lassen. Aus seiner Stimme klang der Triumph heraus.

Wirklich war auch Herr von Hennings über diese einfache, aber gänzlich unvorhergesehene Tatsache völlig verblüfft, wennschon er sich Mühe gab, seine Verwirrung nicht merken zu lassen.

»Und warum halten Sie das für wichtig?« fragte er, immer noch betroffen.

»Weil das Interesse Kruths an dieser Marke doch recht auffallend, recht sonderbar ist, wenn er doch nicht Sammler ist. Diesem hochachtbaren Herrn war es also nicht um den idealen Wert des Besitzes der Marke zu tun, sondern er sah in ihr allein das gewaltige Vermögensobjekt, das ihm die Möglichkeit bot, durch den Weitervertrieb sich einen beträchtlichen Gewinn zu sichern. Dabei scheute er kein Mittel, selbst kein unerlaubtes Mittel, wie die Auktion zeigt.«

»Wieso?« fragte Herr von Hennings, diesmal völlig verständnislos.

»Weil Kruth ebensowenig in der Lage war wie Lessen, sein Angebot zu verwirklichen, das heißt zu bezahlen. Da er aber nicht Sammler ist, waren seine Motive weitaus schlimmer, als bei Lessen angenommen wurde, der nicht ausschließlich in gewinnsüchtiger Absicht handelte. Bei Kruth kommt sogar, da er nicht in der Lage war, die Marke zu bezahlen, der Versuch eines ungeheuren Betrugs in Frage.«

Herr von Hennings geriet von einem Erstaunen in das andere. Es war alles so neu und eigenartig, was er da zu hören bekam, abweichend von dem, was er bisher nach der allgemeinen Annahme ebenfalls stillschweigend vorausgesetzt hatte. »Kruth war nicht in der Lage zu bezahlen? Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«

»Ich habe weiter erhoben, daß Cajetan Kruth in letzter Zeit wiederholt den vergeblichen Versuch gemacht hat, größere Darlehen aufzunehmen, Versuche, auf die man noch zurückkommen muß, da er keinerlei Sicherheit bieten konnte, weshalb seine Versuche auch gescheitert sind.«

»Größere Darlehen?« sagte Herr von Hennings ungläubig. »Die Sache wird immer merkwürdiger ... Mir hat alles versichert, daß Kurth schwer reich sein müsse.«

»Sein müsse«, erwiderte Feuerstein wieder mit ironischer Betonung. »Nach seinem Auftreten sollte man es glauben. Ich weiß aber noch mehr. Ich habe nämlich festgestellt, daß er hier beträchtliche Schulden hat.«

»Cajetan Kruth? Schulden?« Herr von Hennings atmete stark. »Das wäre!«

»Er ist die beiden letzten verfallenen Mietzinse schuldig geblieben, und der Metzger ebenso wie der Bäcker wollen nicht mehr kreditieren, weil zuviel im Rückstande ist. Es ist kein Zweifel, daß Kruth, der erst sieben Monate in unserer Stadt weilt, keineswegs das hochachtbare Mitglied unserer Volksgemeinschaft ist, als das er gerne gelten möchte, es dürfte ihm vielmehr nicht gar zu großes Unrecht geschehen, wenn man ihn einen Hochstapler nennt.«

Nun war das Wort gefallen, ein Wort, das dem Herrn von Hennings auf der Zunge lag, je mehr Feuerstein enthüllte, die Schleier zerriß, die dieser Mensch um seine Persönlichkeit zu legen wußte.

Herr von Hennings verbarg seine innere Erregung nicht mehr.

Er überdachte blitzschnell alles noch einmal, was ei hier Neues gehört hatte.

Bevor er noch damit zu Ende war, kam der letzte Trumpf Feuersteins.

»Es liegt dringender Verdacht vor«, sagte er wiederum kaltblütig, »daß der Mann sich hier unter falschem Namen aufhält. Noch konnte ich hiergegen nicht vorgehen, aber ich habe schon die nötigen Schritte getan, um dies festzustellen, und das Ergebnis muß in wenigen Tagen hier eintreffen.«

Herr von Hennings, er, der logischste Denker, wurde hitzig. Das Bild, das ihm Feuerstein von dem Verbrecher entworfen hatte, bestach ihn mit seiner psychologisch richtigen Ausmalung. Es erschien ihm mit einem Male alles so klar, so naheliegend, so unzweifelhaft. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, er sah die ganze Tat, die Ausführung des frechen Diebstahls in seinen Gedanken fest umrissen vor sich. »Herr Feuerstein«, sagte er, »ich habe Ihnen unrecht getan, ich kann nicht umhin, dies zu bedauern. Auch Herrn Degas habe ich in meinem Ärger über den Fehlschlag für die von ihm aufgewendete Mühe schlecht gedankt. Er hat seine Pflicht getan, ebenso wie Sie selbst ... Aber gehen Sie, beeilen Sie sich, fassen Sie mir diesen Cajetan Kruth! Nehmen Sie Unterstützung mit, denn dem Mann ist alles zuzutrauen! Die Durchsuchung, die Sie natürlich auch dort vornehmen müssen, wird zwar bei ihm, einem Hochstapler, noch wesentlich schwieriger und umständlicher sein als bei Lessen, da Kruth eine große, geräumige und reich ausgestattete Wohnung innehat. Ich fürchte, daß auch diese Durchsuchung zu keinem Ergebnis führen wird, daß Sie die Marke nicht finden werden, denn dieser Kruth ist zweifellos ein durchtriebener Bursche, der richtige Verbrecher. Aber ich schließe mich Ihrer Ansicht jetzt völlig an, es liegt so viel Verdacht gegen Kruth vor, daß Sie ihn unbedenklich festnehmen können, auch wenn Sie die Marke nicht finden sollten ... Nötigenfalls berufen Sie sich auf meine Weisung ... Stellt sich vollends gar heraus, daß er einen falschen Namen führt, so wird seine Verurteilung wegen des Markendiebstahls nicht zweifelhaft sein. Er wird sich dann dazu bequemen müssen, die Marke herauszugeben und den rechtmäßigen Eigentümer zufriedenzustellen.«

In den Augen Feuersteins blitzte es wieder auf. Er reckte seine kräftige gedrungene Gestalt, sah dem Staatsanwalt mit kühnem, festem Blick in die Augen. Er schien mit einem Male größer geworden zu sein. »Ich werde mit ihm fertig werden. Ich glaube, daß es einen guten Fang gibt, Herr Staatsanwalt.« Er nahm militärische Haltung an. »Heil Hitler!«

»Heil Hitler! Machen Sie Ihre Sache gut!«

Als Herr von Hennings allein war, rieb er sich unwillkürlich die Hände, er frohlockte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.