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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Andern Tags wartete Herr von Hennings mit höchster Spannung und Ungeduld auf das Erscheinen des Kriminalinspektors Degas, der durch den Fernsprecher die Erledigung des Auftrags gemeldet hatte.

Wieder schritt er, zur Verzweiflung des unter ihm arbeitenden Amtsrichters, mit seinen regelmäßigen, wie nach dem Sekundenzeiger abgemessenen Schritten, in seinem Zimmer auf und ab, während er von Zeit zu Zeit seinen Kneifer auf der Nase zurechtrückte.

Degas mußte auf irgendein Hindernis gestoßen sein, weil er nicht schon gestern erschienen war, wie man in Aussicht genommen hatte. Vermutlich hatte er verschiedene Personen nicht sofort angetroffen, war vielleicht der eine oder der andere über Land gegangen. Möglicherweise hatte Degas auch von sich aus noch weitere, bisher nicht vorgesehene Schritte unternehmen müssen.

Nun, wir werden ja sehen, sagte er sich und zog zum dritten Male die Uhr aus der Tasche.

Er blieb stehen und horchte. Sein Gesicht hellte sich auf. Er hörte auf dem Gang Schritte. – Es ist Degas, dachte er aufatmend. Vielleicht hat er schon eine Festnahme verfügt.

Es klopfte.

»Herein!«

»Heil Hitler!«

In seiner Spannung vergaß Herr von Hennings ganz, den Gruß zu erwidern. »Nun?« sagte er nur, voll Erwartung. »Die Sache ist also schon aufgeklärt?«

Degas sah einigermaßen unglücklich aus, ohne daß er übrigens seine gute militärische Haltung verloren hätte. »Die Sache ist nicht aufgeklärt, Herr Staatsanwalt«, erwiderte er. »Alle Mühe war umsonst.«

Herr von Hennings schien maßlos enttäuscht. »Da soll doch das Donnerwetter hineinfahren! Nicht aufgeklärt? Es schien doch die einfachste Geschichte von der Welt? Wieso nicht aufgeklärt? Haben Sie nicht alle zu hörenden Personen angetroffen?«

Degas nahm seine Ledermappe vor und suchte in den Papieren herum, überreichte dem Staatsanwalt seine schriftliche Meldung.

Unwirsch nahm Herr von Hennings den zusammengefalteten Bogen Papier, ohne ihn zu öffnen. »Sprechen Sie doch, Degas! ... Wieso nicht aufgeklärt? Ich kann nicht begreifen ...«

Degas verzog keine Miene. »Es waren achtzehn Personen, einschließlich des Bestohlenen. Ich habe sie sämtlich zu Hause getroffen und vernommen, so wie der Auftrag lautete.«

»Nun also«, unterbrach Herr von Hennings ungeduldig, »wer hat also die Marke zuletzt in den Händen gehabt?«

Degas schien diese Ungeduld nicht zu bemerken. Er blieb sachlich. »Herr Kaubisch scheidet als Eigentümer der Marke und als Bestohlener aus. Von den übrigbleibenden siebzehn Herren haben elf zugegeben, daß sie die Marke in der Hand gehabt haben, während sechs dies bestritten haben. Von den elf, welche die Marke zugestandenermaßen in der Hand gehabt haben, können sich fünf nicht mehr entsinnen, wem sie die Marke weitergegeben haben und sogar sieben entsinnen sich nicht mehr, wer ihnen die Marke gegeben hat. Die Marke ging im allgemeinen von Hand zu Hand, so daß dies schließlich gut erklärlich ist. Die Leute sagen auch, sie hätten diesem Punkte zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, als daß sie jetzt noch angeben könnten, wer ihnen die Marke gab und wem sie sie weitergeben ließen. Sie hätten ja doch nicht wissen können, daß dies von Bedeutung werden könnte. Sie haben alle angestrengt nachgedacht und dann erklärt, sie können sich mit dem besten Willen nicht mehr erinnern. Selbstverständlich habe ich die Herren energisch darauf aufmerksam gemacht, daß sie, auch schon im Vorverfahren, jedenfalls aber später, auf ihre Angaben beeidigt werden müßten, aber es war alles verlorene Mühe. Somit war auch nicht festzustellen, wer die Marke zuletzt in die Hand bekommen hat.«

»Potz Kuckuck«, sagte Herr von Hennings, »daran habe ich wirklich nicht gedacht. Das habe ich nicht in Rechnung genommen.«

»Somit kann sich der Täter unter den elf Personen befinden, welche zugegeben haben, sie haben die Marke in den Händen gehabt, wie unter den sechs Personen, welche dies bestreiten«, schloß Degas kurz und sachlich.

Herr von Hennings hatte seine kühle Haltung wiedergewonnen. »Das ist richtig. Es war ein Fehlschlag und die Sache ist nicht so einfach zu lösen ... Lassen Sie mich überlegen!«

Er drückte den Kneifer auf die Nase und begann den Marsch durch das Zimmer fortzusetzen ... Eins, zwei ... Eins, zwei.

Degas hielt es für angemessen, dieses Nachdenken nicht zu stören, aber in seinen Augen lag etwas, als hätte er noch eine Mitteilung zu machen, einen besonderen Gedanken zu äußern.

Er räusperte sich.

Herr von Hennings blieb stehen und sah den andern durchdringend an. »Sie haben Verdacht? Also! Sprechen Sie, bitte!«

»Gewiß habe ich einen Verdacht, Herr Staatsanwalt, und ich möchte sagen, daß dieser Verdacht an Gewißheit grenzt.«

»Ich auch«, erwiderte Herr von Hennings trocken. »Wen meinen Sie?«

»Den Doktor Lessen.«

»Sehr richtig«, sagte Herr von Hennings. »Doktor Lessen ist der Täter. Alles weist mit Bestimmtheit darauf hin. Es handelt sich nur darum, wie man ihm am sichersten beikommt ... Ihre Gründe? Warum ist es Lessen? Was gibt Ihnen die Gewißheit?«

»Als ich bei Doktor Lessen vorsprach, geriet er in die augenfälligste Erregung, obwohl er mich gar nicht kannte. Er vermutete zweifellos sogleich, wen er vor sich habe und warum ich komme. Sobald ich mich als Beamten der Kriminalpolizei zu erkennen gab, wurde er zuerst dunkelrot und dann leichenblaß.«

Herr von Hennings hatte erwartungsvoll zugehört. Er nickte kaum merklich, aber zustimmend mit dem Kopf. »Gut, aber noch nicht viel! Es gibt Leute, die rot werden, ohne daß sie ein schlechtes Gewissen haben. Sie sind nervenschwach und wechseln die Farbe, wenn die Polizei sich nur bei ihnen meldet, obwohl sie gar nichts Unrechtes getan haben ... Haben Sie denn nicht sofort in seiner ganzen Bude mitsamt seiner eigenen Person eine Durchsuchung vorgenommen? Nicht? Ja, um Himmels willen, wie konnten Sie denn das unterlassen?«

Degas schien etwas kleinlaut. »Ich bitte um Verzeihung, aber ich hatte hierzu keinen Auftrag. Der Auftrag lautete nur auf die Vernehmung. Und bevor ich gegen eine Persönlichkeit, die«, er zögerte ein wenig mit der Sprache, »in der Stadt immerhin Ansehen genießt, eine solch einschneidende Maßregel vornahm, wollte ich erst den Herrn Staatsanwalt um seine Ansicht bitten. Außerdem wußte ich nicht, ob ich mit dieser Durchsuchung nicht vielleicht die Pläne des Herrn Staatsanwalts durchkreuzte, namentlich, wenn die Durchsuchung ohne Erfolg blieb ... Was um so leichter sein konnte«, fügte er schnell hinzu, da er sah, daß Herr von Hennings etwas entgegnen wollte, »als ich allein war und also während der Durchsuchung des Zimmers Lessen nicht genügend im Auge behalten konnte. Derartige Durchsuchungen können mit Erfolg nur von mehreren gleichzeitig vorgenommen werden.«

Herr von Hennings schien diese Einwendungen des Kriminalinspektors nicht für unberechtigt zu halten, aber er war nun einmal ärgerlich. »Ich halte es für einen Fehler, daß Sie es nicht sogleich gemacht haben. Sie behaupten selbst, daß ihr Verdacht an Gewißheit grenze und unterlassen das Nächstliegende.« Er hob bedauernd die Schultern. »Aber geschehen ist geschehen, und ich will zugeben, daß die Möglichkeit, die Marke werde außerhalb der Wohnräume des Täters verborgen gehalten, nicht abgestritten werden kann ... Aber sagen Sie mir jetzt wenigstens Ihre weiteren Verdachtsgründe!«

Degas hatte schweigend die offenen Vorwürfe über sich ergehen lassen, aber man sah ihm an, daß er gekränkt war. Indessen hatte er sich in der Gewalt, ruhig und sachlich fuhr er in seiner Meldung fort. »Ich habe den gestrigen Tag nicht ungenützt vorübergehen lassen und weitere Erhebungen vorgenommen. Wie man fast mit Gewißheit annehmen kann ...«

»Wieder mit Gewißheit«, sagte Herr von Hennings mit trockener Ironie. »Fahren Sie fort!«

»Wie man wohl sicher annehmen kann«, verbesserte sich Degas, »hatten von sämtlichen damals anwesenden Herren nur drei ein wirkliches Interesse an der gestohlenen Marke, nämlich der Bestohlene selbst, Herr Kaubisch, sodann Herr Cajetan Kruth und Doktor Lessen. Sie haben ja auch ihr Interesse, das an Leidenschaft grenzt, bei der Versteigerung der Marke und dem gebotenen Preis deutlich genug zu erkennen gegeben. Alle anderen von den geladenen Gästen sind keine Briefmarkensammler und verstehen, wie sie glaubhaft versichern, überhaupt nichts von der Briefmarkenkunde. Warum sollten sie die Marke, deren Wert für sie problematisch ist, stehlen und sich der Gefahr aussetzen, ihre ganze Existenz zu ruinieren. Sodann sind sie teils sehr vermöglich, teils wenigstens wohlhabend oder doch nach ihrer Persönlichkeit so angesehen – erprobt, möchte ich sagen – und in solchen Stellungen, daß nicht angenommen werden kann, sie hätten des Verkaufswertes der Marke halber die Tat begangen. Eine solche Annahme würde einfach abwegig sein.«

»Ist in dieser Bestimmtheit unrichtig«, warf Herr von Hennings ungeduldig ein, »aber ich will es trotzdem gelten lassen, was Sie da sagen.«

Degas fuhr unbeirrt fort. »Die Tat ist nur aus Sammlerleidenschaft zu erklären, andernfalls war das Risiko für eine solche Tat zu hoch. Dagegen ist schon öfter beobachtet worden, daß Sammlerleidenschaft selbst sonst unbescholtene Leute in Versuchung geführt hat ... Von den an jenem Abend anwesenden Sammlern, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, scheidet Herr Kaubisch als der Bestohlene aus. Herrn Kruth halte ich nicht für verdächtig, weil er derjenige war, der sich am ersten dabei beteiligt hat, die Sache aufzuklären und der zuerst von Diebstahl gesprochen hat. Insbesondere aber war er es, der verhinderte, daß sich jemand entfernte.«

Herr von Hennings, der seinen ruhelosen Gang durch das Zimmer wieder aufgenommen hatte, während er jedoch den Vortrag des Kriminalinspektors aufmerksam verfolgte, hielt inne. »Gerade das konnte eine Finte sein«, sagte er, diesmal ohne Ironie, denn im allgemeinen mußte er die Richtigkeit der Ausführungen des Beamten anerkennen. »Der Täter ist zweifellos ein schlauer Kamerad und einem solchen ist ohne weiteres zuzutrauen, daß er diese Finte anwendet, um im ersten Augenblick den Verdacht von seiner Person abzulenken. Glauben Sie nicht?«

»Gewiß, Herr Staatsanwalt. Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber das eine steht fest, daß Herr Kruth derjenige war, welcher vor allem eine Durchsuchung der ganzen Gesellschaft vorschlug und daß ohne sein Verlangen eine solche nicht vorgenommen worden wäre.«

»Gott«, sagte Herr von Hennings wieder etwas ärgerlich, »das konnte doch die gleiche Finte sein, von der ich vorhin sprach.«

»Herr Staatsanwalt, ich bitte zu beachten, daß er, wenn er der Täter war, keinen Grund gehabt hätte, die Durchsuchung geradezu zu fordern. Seinen Zweck hätte er ja schon erreicht gehabt, indem er die Durchsuchung vorschlug, ohne mit seinem Vorschlag Anklang zu finden. Außerdem war es für ihn, wenn sein Eifer bei der Nachforschung nach dem Dieb nur erdichtet gewesen wäre, weit vorteilhafter, die Gesellschaft auseinandergehen zu lassen.«

»Hm!« machte Herr von Hennings zweifelnd. »Hm! ... Aber immerhin! ... Machen Sie weiter, Sie haben doch noch weitere Verdachtsgründe gegen Lessen?«

»Es kommt dazu«, fuhr Degas mit ruhiger Sicherheit fort, »daß Kruth nachweislich als erster die Marke von Herrn Kaubisch erhalten und sie zusammen mit ihm besehen hat. Kruth ist, nachdem die Marke schon weitergegeben und in Umlauf gekommen war, noch bei Herrn Kaubisch geblieben und hat längere Zeit mit ihm gesprochen, und zwar bis ganz kurz vor der Entdeckung des Diebstahls. Man hat keine Anhaltspunkte dafür und es ist auch gar nicht glaubhaft, daß die Marke noch einmal an Kruth zurückgekommen wäre. Hätte er sie noch einmal von einem der Herren zurückgefordert, so wäre das so auffallend gewesen, daß es dem betreffenden Herrn im Gedächtnis geblieben wäre. Er hätte doch sagen müssen, warum er sich die Marke noch einmal geben ließ.«

»Das ist richtig«, sagte Herr von Hennings plötzlich. »Kruth scheidet als Täter aus.«

»Also bleibt nur Lessen übrig. Wie leidenschaftlich aber Lessen nach dem Besitz der Marke verlangte, wie er auf diesen Besitz erpicht war, geht aus seinem Verhalten bei der Versteigerung hervor. Das war geradezu pathologisch. Man hat mir gesagt – ich habe einige Bekannte gehört, die bei der Versteigerung anwesend waren –, er habe gebebt, als er sah, daß die Marke ihm zu entgehen drohte. Er soll dabei in größter Erregung gesagt haben: Ich muß sie haben! ... Nicht nur, daß er, wie bezeugt ist, sich schon in der Vorahnung der Konkurrenz Kaubischs feindselig von ihm zurückzog, als Kaubisch vor der Versteigerung sich ihm anschließen wollte, während sie doch sonst ziemlich viel miteinander verkehrten, er haßte Herrn Kaubisch, weil dieser ihm die Marke vorwegnahm. Er gab in der Abendgesellschaft Kaubischs selbst zu, er sei böse auf ihn gewesen. Dazu kommt aber noch, daß Lessen sein ganzes Vermögen an den Besitz dieser Marke setzen wollte ... Ich werde noch darauf zurückkommen, Herr Staatsanwalt ... Als er vom Steigern abstehen mußte, weil sich Herr Kruth einmischte, soll er grau vor Ärger gewesen sein, sagen einige Zeugen ... Nimmt man dies alles zusammen, und dazu, wie er sich auffällig benahm, als ich ihn aufsuchte ...«

Herr von Hennings lächelte fein. »Alle diese Erwägungen müssen zu dem Schlusse führen, daß Lessen der Dieb ist. Aber ich will sie noch ein bißchen ergänzen, ich weiß noch etwas ... Haben Sie nicht beachtet, daß Lessen es war, der bei jener Abendgesellschaft Herrn Kaubisch fragte, wo er die Marke aufbewahre? Er trug sich schon in diesem Zeitpunkte mit dem Gedanken an eine Entwendung der Marke. Auch hat mir Herr Kaubisch, was Sie noch nicht wissen werden, nachträglich erzählt, dieser Lessen habe, nachdem Kruth den verrückten Vorschlag machte, die Marke freiwillig wieder zurückzugeben und in die aufgestellte Schale zu legen, beim Weggang die Hand reichend, die Äugen niedergeschlagen, und nicht gewagt, Herrn Kaubisch anzusehen.«

Siegesgewiß sah Herr von Hennings den Kriminalbeamten an.

»Herr Staatsanwalt«, sagte Degas jetzt mit starker Stimme, »die Hauptsache kommt noch. Ich habe erhoben, daß dieser Lessen seinen Doktortitel völlig unberechtigt führt. Ein Herr, der mit Lessen auf der Universität war, hat es mir im Vertrauen mitgeteilt. Als ich Lessen in die Enge trieb, hat er mir auch selbst eingestanden, daß er nicht Doktor sei, sondern nur von den Leuten so genannt werde. Er ist ein verbummelter Student, hat kein Examen und keinen Doktor gemacht – wie ich mir habe sagen lassen, gerade wegen seiner Briefmarkensammelleidenschaft, mit der er seine Studienzeit vertrödelte –, er hat auch zugestanden, daß er überhaupt kein nennenswertes Vermögen besitzt. Er lebt anscheinend ausschließlich von seinem stillen Markenhandel, und man darf ihn somit, ohne ihm unrecht zu tun, als eine zweifelhafte, verdächtige Persönlichkeit bezeichnen, wie er auch nach meinen Erkundigungen auf dem Finanzamt ein Steuerdefraudant ist, denn er hat seinen Handel, den er seit Jahren betreibt, in keiner Weise zur Anmeldung gebracht. Er lebt auch in ärmlichen Verhältnissen, die er nur in geschickter Weise zu verschleiern verstand. Er bewohnt ein einziges, billiges, schlechtmöbliertes Zimmer in einem unscheinbaren, dürftigen Hause und wäre niemals in der Lage gewesen, sein Angebot für die Briefmarke zu bezahlen ... Ich hielt ihm dies natürlich vor, worauf er in die größte Verlegenheit geriet und auch dies zugestand. Er wisse selbst nicht, erklärte er, wie er dazugekommen sei, diese Summe zu bieten, er habe sich einfach von seiner Sammlerleidenschaft hinreißen lassen. Er raffte sich schließlich auf und sagte zu seiner Verteidigung, ein Schaden wäre ja dem Verkäufer niemals entstanden, weil er die Marke ohne Bezahlung oder Sicherstellung des Kaufpreises nie erhalten hätte.«

Herr von Hennings drückte seinen Kneifer fester auf die Nase, seine Augen funkelten durch die Gläser. Er war sichtlich erregt, beherrschte sich aber vollkommen.

»Herr Kriminalinspektor«, sagte er ruhig und gemessen, »ich ersuche Sie, zusammen mit dem Oberwachtmeister Feuerstein unverzüglich zu Lessen zurückzugehen und eine gründliche Durchsuchung der Mietsräume vorzunehmen ... Selbstverständlich auch genaueste körperliche Durchsuchung! ... Feuerstein ist gewandt und wird Sie zuverlässig unterstützen.«

Degas zögerte. Er schien Bedenken gegen diese Anordnung zu haben. Er sah den Staatsanwalt mit ernster Miene an. »Verzeihung«, sagte er, »dieser Punkt ist es, was mir am meisten Kopfzerbrechen macht. Wie ich mir schon zuvor anzudeuten erlaubte, habe ich zwar keinen Zweifel, daß Lessen der Dieb ist, daß er die Marke gestohlen hat, aber sollte er des Besitzes des gestohlenen Objektes nicht überführt werden, dann würde sich die Sachlage vielleicht nicht unbedenklich zu seinen Gunsten verschieben. Es ist ja anzunehmen, daß er die Marke noch bei sich zu Hause hat, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß er einen Helfershelfer hatte, geschweige denn, daß er sich nachträglich einem andern anvertrauen würde, nachdem er doch weiß, daß die Behörde hinter ihm her ist. Der Kostbarkeit der Marke halber und bei seiner offenkundigen Sammlerleidenschaft, bei seinem Mißtrauen gegenüber allen andern Menschen, das ja bekannt ist, wird er sie ohne Überlassung des Gegenwertes nie aus der Hand geben wollen. Aber ich nehme an, daß er die Marke aus der Kapsel genommen hat, die ja leicht zum Verräter werden könnte, diese vernichtet oder wenigstens außerhalb seines Zimmers verborgen hat. Die Marke allein aber kann er zwischen zwei Seiten eines Buches legen, er kann sie unter dem Schutz einer Papierhülle, eines Blättchens Papier, hinter der Tapete verbergen, kurz er hat hundert Möglichkeiten, sie so zu verstecken, daß geradezu nur ein Zufall zu ihrer Auffindung führen würde.«

»Durchsuchen Sie seine Markensammlungen, seine sämtlichen Vorräte an Dubletten und Tauschwaren! Durchsuchen Sie seine sämtlichen Briefschaften, sein unbenutztes Briefpapier, seine sämtlichen Bücher, Blatt für Blatt, sämtliche Gerätschaften, das ganze Zimmer, Zoll für Zoll, alles was zur Wohnung gehört, und wenn Sie einen vollen Tag und noch mehr darauf verwenden müssen!«

»Trotzdem werden wir die Marke nicht finden«, wagte Degas bescheiden einzuwenden, »und dann – noch ein Punkt, der mir zu schaffen macht! – wird die Festnahme Lessens nicht zu rechtfertigen sein. Wenn man die Marke nicht findet, ist auch keine Aussicht vorhanden, einen Haftbefehl zu erreichen.«

»Sicherlich werden Sie bei dieser Durchsuchung die Marke nicht finden«, sagte Herr von Hennings gelassen. »Und festnehmen werden Sie diesen Menschen, den Lessen, auch nicht.«

Degas sah mit Staunen zu ihm auf, denn die Worte des Staatsanwalts waren offenbar nicht ironisch gemeint, auch nicht tadelnd, sie klangen vielmehr völlig ernst. »Aber was soll dann ...« Er vollendete den Satz nicht. »Verzeihen Sie, das verstehe ich nicht.«

»Sie werden die genaueste Durchsuchung vornehmen«, erwiderte Herr von Hennings noch einmal sehr ruhig, »so, wie ich es vorhin gesagt habe. Und wenn Sie einen vollen Tag darauf verwenden müssen! Und innerhalb einer Woche« – hier verstärkte er seine Stimme – »werden Sie die Durchsuchung aufs neue vornehmen und dann werden Sie die Marke finden. Ich garantiere Ihnen, Herr Kriminalinspektor! ... Sie müssen die erste Durchsuchung so erschöpfend, so gründlich vornehmen, daß Lessen zu der Überzeugung kommt, er sei nunmehr im Besitze der Marke sicher. Er wird sie aus dem Versteck holen, um sie gelegentlich zu verwerten, das heißt, um sie in seine Sammlung, seine Albums, aufzunehmen, um sie alle Tage zu sehen, zu liebkosen, was weiß ich? ... Nur müssen Sie schnell und geschickt zugreifen, Lessen, bevor Sie die zweite Durchsuchung vornehmen, auf der Straße anhalten, ihn in seine Wohnung mitnehmen, so daß er nichts ändern und keine Anordnung treffen kann, bei der Durchsuchung ihn selbst zuerst erledigen und ihn dann unter genauester Bewachung halten, wozu Sie einen dritten, zuverlässigen Mann brauchen ... Haben Sie jetzt verstanden?«

»Sehr wohl«, sagte Degas. »Es wird alles pünktlich ausgeführt werden.«

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