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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
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6.

Schon waren einige Tage verflossen und Kaubisch hatte die erwartete Nachricht nicht erhalten.

Da er jedoch nicht der Mann war, sich auf die Dauer von dem Verluste, der ihn betroffen, allzusehr niederdrücken zu lassen, so begann seine Stimmung, so empfindlich auch der Verlust für ihn sein mochte, wieder ausgeglichener zu werden.

Aber mit einem Male trat ein neues Ereignis ein, das seine Ruhe und damit seine Nerven bedenklich auf die Probe stellte.

Er hatte soeben die Tageszeitung zur Hand genommen und den Handelsteil sorgfältig durchgesehen, ihm auch mit einigem Vergnügen recht günstige Nachrichten entnommen. Er wollte die Zeitung zusammenfalten und zur Seite legen, als ihm der Gedanke kam, die Tagesneuigkeiten zu überfliegen, obgleich er diesem Teil der Zeitung im allgemeinen herzlich wenig Interesse schenkte. Da fiel sein Blick auf eine Lokalnachricht, die er erst kaum beachtete, aber gleich darauf mit größter Aufmerksamkeit und bedenklichem Kopfschütteln durchlas, während zugleich eine dunkle Röte in seinem Gesicht aufstieg. Sie lautete.

 

In einem der angesehensten Häuser der Stadt ist dieser Tage eine sonderbare Begebenheit vorgefallen, die allgemeines Aufsehen macht. Mitten in einer illustren Abendgesellschaft, die sich aus Herren und Damen der ersten Kreise unserer Stadt zusammensetzte, wurde das Stück einer Sammlung, das der Hausherr seinen Gästen zur Befriedigung ihrer Neugier vorzeigte und von höchstem Werte war, während des Umlaufes in ebenso frecher, wie raffinierter Weise entwendet. Nach Lage der Sache muß der Täter in der Reihe der Gäste zu suchen sein, doch fehlt bis jetzt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft hat sich des Falls angenommen. Das Pikanteste an der Sache ist aber, daß der Bestohlene, wie man uns vertraulich mitteilt, gleich einem zweiten Rhampsinit (das ist ein altägyptischer König) als Belohnung für die Entdeckung des Täters und Wiederherbeischaffung des gestohlenen kostbaren Schatzes die Hand seiner bildschönen, reichen Tochter ausgesetzt haben soll. Wir geben dies natürlich mit allem Vorbehalt wieder und wünschen, daß man den Täter bald hinter Schloß und Riegel bringen möchte, denn solches sich rührendes Untermenschentum darf bei uns keinen Boden finden.

 

Jetzt faltete Kaubisch das Blatt nachdenklich zusammen und steckte es in die Tasche. – Es ist einfach unerhört, solche Klatschereien zu verbreiten, und ich möchte wirklich wissen, wer der Einsender gewesen ist, dachte er ... Einer meiner Gäste? Das wäre eine Indiskretion sondergleichen. Aber vermutlich hat er es nur arglos weitererzählt, was an jenem Abend bei uns gesprochen wurde, ohne daran zu denken, daß ein Dritter die Geschichte veröffentlichen könnte ... Oder sollte es gar der Täter selbst sein? Der sich auf diese Weise über mich, über die Polizei, die Staatsanwaltschaft lustig macht? Bei seiner offenkundigen Frechheit wäre ihm das wohl zuzutrauen.

Er beschloß, diesen seinen Gedanken gelegentlich Herrn von Hennings mitzuteilen, im übrigen war er schon wieder beruhigt. Er war zu vernünftig, um sich viel daraus zu machen, zumal sein Name ja nicht genannt war. Er überlegte sich nur, ob er wegen des Einsenders etwas unternehmen, sich mündlich oder schriftlich an die Redaktion der Zeitung wenden sollte. Aber er sagte sich dann wieder, daß die Redaktion sich sicherlich weigern werde, ihm den Namen des Einsenders zu nennen, und eine etwaige Entgegnung die Klatschsucht nur noch mehr herausfordern würde.

König Rhampsinit? Er schmunzelte. – Man muß die Sache mit Humor auffassen. König Rhampsinit? Wäre eigentlich gar nicht so übel, obgleich ich ja selbstverständlich als Preis die Hand meiner Tochter nicht einmal im Scherze erwähnt habe ... Der Gedanke ist aber doch drollig: Ich und ein König Rhampsinit!

Da hörte er Frau Margarete, wie sie eiligen Schrittes sich der Türe seines Arbeitszimmers näherte.

Offenbar war sie schon unterrichtet, denn ihre Augen funkelten vor Zorn und Erregung. »Leonhard«, sagte sie hastig, fast sich überstürzend, »dieser Skandal! Diese Schande! Schon in der ganzen Stadt, überall, wo man hinkommt, spricht man davon, daß bei uns gestohlen worden sei, daß man bei uns die Marke, diese unglückselige Marke, die dich ein ganzes Vermögen gekostet hat, gestohlen habe ... Herr Hilpert ist ganz verzweifelt. Er sagt, er könne sich gar nicht mehr sehen lassen. Die Leute wissen, daß er an jenem Abend auch bei uns gewesen sei, und ziehen sich vor ihm zurück. Er habe es jetzt schon ein paarmal bemerkt ... Herr Burgmaier sagt, ihm sei das Lachen vergangen. Überall frage man ihn: Weiß man jetzt, wer die Marke gestohlen hat? Es sind an diesem Abend doch lauter Bekannte von Ihnen dagewesen, oder nicht? ... Und was das schlimmste ist, man fügt hämische Bemerkungen hinzu und lacht uns noch aus. Irgendeiner, ein gemeiner Mensch, hat das einfältige Gerücht ausgestreut, du seiest so empört, so niedergeschlagen über den Verlust dieser Marke, daß du unsere Beate als Preis für die Entdeckung des Täters ausgesetzt habest! ... Also kommt sogar unsere Beate noch ins Gerede ... Johanna hat alles von ihren Einkäufen in der Stadt heimgebracht, das Mädchen war ganz aufgeregt ... Soeben war auch Frau Charlotte Hempel bei mir und hat mir das Geschwätz als Neuestes hinterbracht ... Sie sagt, man heißt dich hier in der Stadt schon den König Rhampsinit den Zweiten.

Frau Margarete hatte gedacht, ihren Gatten aufs höchste und unangenehmste zu überraschen.

Sie stand erstarrt, war sprachlos, als er sogar ein wenig lächelte.

»Ich verstehe dich nicht! Wie kannst du lachen? ... Das ist wahrhaftig doch nicht zum Lachen! Weißt du es denn schon?«

Statt einer Antwort holte Kaubisch das Zeitungsblatt aus der Tasche, faltete es, immer noch lächelnd, auseinander, wies auf eine Stelle.

Als Frau Margarete ahnend, erstaunt, dann bestürzt, erst langsam, dann in fliegender Hast die Stelle gelesen hatte, brach sie sogar in Tränen aus. »Das ist doch abscheulich! Wie die Menschen schlecht sind! Zu allem Schaden hin sind wir der Gegenstand des Spottes in der ganzen Stadt«, sagte sie weinend. »Man wird mit den Fingern auf uns deuten ... Sogar der gute Ruf unserer Tochter steht auf dem Spiel.«

Nun wurde Kaubisch ernst. »Beruhige dich«, erwiderte er. »Zuerst war ich natürlich auch empört. Aber ich sage mir, die Sache ist gar zu einfältig. Kein vernünftiger Mensch und keiner, der uns kennt, wird mehr dahinter suchen, als eine hämische Bosheit und die Taktlosigkeit eines Fernstehenden, der uns insgeheim beneidet, vielleicht eines jungen Menschen, dessen Annäherung Beate zurückgewiesen hat ... Es ist ärgerlich, sich dergestalt in der Leute Mund zu wissen, aber nicht mehr. Das Ganze kommt davon her, daß Herr Andersen von der Geschichte des Königs Rhampsinit anfing und einer unserer Gäste meine Bemerkung darüber ausgeplaudert hat, als hinterdrein die leidige Markengeschichte zu einer Vergleichung aufforderte. – König Rhampsinit der Zweite! Die Leute wissen ja gar nicht, wer dieser Rhampsinit war, und morgen oder übermorgen ist alles schon wieder vergessen, redet kein Mensch mehr davon ... Nur der Diebstahl selbst bleibt natürlich hängen«, setzte er seufzend hinzu, »und wird müßige Köpfe und törichte Schwätzer noch lange beschäftigen.«

Frau Margarete trocknete ihre Tränen. Sie begann sich ihrer zu schämen und ließ darum ihren Ärger an Andersen aus. »Ach, dieser Andersen«, sagte sie, immer noch heftig, »ich glaube, er ist an allem schuld. Mit seiner einfältigen Erzählung von dem König Rhampsinit. Was braucht er auch dieses alte Zeug auszukramen. Es ist gar nicht unmöglich, daß er mit dieser Erzählung den Dieb erst darauf gebracht, ihm den Gedanken geweckt hat, wenn er nicht am Ende selbst die Marke gestohlen hat? Er sieht zwar ehrlich aus, aber man sieht einem Menschen nicht in das Innere. Es hat mir nie gefallen, wenn er mit unserer Beate dahermacht, jetzt ist er mir bald verhaßt. Unsympathisch war er mir jedenfalls schon immer.«

Kaubisch begütigte seine Frau. »Sei nicht ungerecht gegen Herrn Andersen. Abgesehen davon, daß er eine kümmerliche Jugend gehabt haben soll und auch heute noch ein Habenichts ist, können wir ihm doch eigentlich nichts vorwerfen. Insbesondere kann er nichts dafür, was hier in der Zeitung steht ...«

»Wenn er den Artikel nicht selbst eingesandt hat«, warf Frau Margarete, die immer noch gegen Andersen aufgebracht war, böse ein.

»Daß er dies nicht getan hat, glaube ich sicher, bin ich sogar überzeugt. Dazu ist er viel zu anständig. Ich sage dies, obgleich Andersen wahrhaftig auch mein Liebling nicht ist. Denn es ist wahr, er scharwenzelt mir viel zuviel um Beate herum, fortgesetzt ist er bei ihr, sobald sich Gelegenheit bietet, und er hat auch offenbar Eindruck auf Beate gemacht, und sie sieht ihn nicht ungern. Ich habe wohl bemerkt, daß sich die beiden zu viel in die Augen sehen und daß er versucht, ihr den Kopf zu verdrehen.«

Darüber vergaß Frau Margarete selbst die bittere Kränkung, die sie soeben aus der Zeitung erfahren hatte. »Es ist so«, gab sie zu, »du hast ganz recht. Und was du beobachtet hast, bleibt natürlich einer Mutter noch weniger verborgen. Daß Beate ihm zugetan ist, daß sie ihn bevorzugt, ist ganz außer Zweifel. Er ist verliebt in sie und das schmeichelt ihr und schließlich sieht sie ihn sogar gerne. Aber ich bin überzeugt, daß diese Neigung Beates eine vorübergehende ist. Der Richtige muß erst noch kommen. Ich muß selbst auch sagen, daß an Andersen sonst nichts auszusetzen ist. Er ist ein wohlerzogener junger Mann von unbescholtenem Ruf, er ist sicherlich nicht so leichtsinnig wie mancher andere, denen man alles nachsieht, er hat schließlich auch studiert und seine Examina gemacht, also auch die Aussicht, eine bedeutendere Stellung zu erwerben. Aber ob es ihm gelingt? Und wann? Für heute hat er als Bewerber weder Rang noch Namen und scheidet also bei mir aus ... Doch gerade weil er Beate ganz offen den Hof macht und weil Beate anscheinend von ihm eingenommen ist, habe ich erwogen und daran gedacht, Beate in Bälde zu verheiraten und ihr jemanden zu sichern, bevor sie mit Andersen in das Gerede der Leute kommt, denn wie schnell das geschehen ist, haben wir ja heute an dem dummen Geschwätz vom König Rhampsinit gesehen ... Da wäre zum Beispiel Herr von Hennings! Er hat einen Namen und Stand, wohlgemerkt! Und ich weiß ganz sicher, daß er sich mit ernsten Absichten trägt. Wenn ihn Beate auch nur ein wenig ermutigen würde, würde er sofort um sie anhalten.«

Sie schwieg, hatte die Augen niedergeschlagen, denn sie fürchtete, dem Blick ihres Mannes zu begegnen. Sie wußte ja, daß er andere Pläne hatte.

Auch Kaubisch schwieg und sah zu Boden, zündete sich umständlich die ausgegangene Zigarre wieder an, setzte sich, wie nachdenkend, in seinem Stuhle zurecht und streckte die Beine von sich. »Schon recht«, sagte er. »Für das Verheiraten bin ich auch, es wird jetzt Zeit für Beate. Nur der Herr von Hennings ist nicht der richtige Mann für sie. Der Mensch ist ein gar zu trockener Jurist. Seit ich mit dem Gericht zu tun habe, ist mir Herr von Hennings noch weniger angenehm ... Lieber ahme ich tatsächlich noch dem König Rhampsinit nach«, schloß er mit einem Versuch zu scherzen.

*

Gleichen Tags erhielt der Assessor Theodor Andersen einen kurzen und in Eile geschriebenen Brief:

Mein liebster, guter Theo!

Ganz gewiß, Du darfst mir glauben, ich habe nicht gehorcht! Aber was kann ich dafür, wenn Mama die Türe aufläßt und ich bin im andern Zimmer und muß Wort für Wort hören? Ich habe fast gar lachen müssen, was Papa und Mama für Pläne mit mir haben. Und auch von Dir haben sie gesprochen. Ich erzähle Dir alles genauer, wenn wir wieder beieinander sind. Wenn Du die Marke wieder zur Stelle bringen könntest, wäre alles gut, alles gewonnen. Dann brächten wir Papa mit Bestimmtheit auf unsere Seite ... Du bist ja so klug, und ich bin auch nicht die Dümmste, wenn es gilt, Dir zu helfen. Vater gewöhnt sich an den Gedanken, den Rhampsinit zu spielen. Er ist der König Rhampsinit, ich bin die Prinzessin, oder, wie ich lieber aus Bescheidenheit sagen will und wie man mich in der Stadt anscheinend schon zu nennen beliebt, Fräulein Rhampsinit. Und Du bist ... nein, das stimmt nicht zu der Geschichte, Du bist nicht der Dieb, liebster Theo! Oder stimmt es doch? Du bist der Dieb meines armen, gemarterten, liebenden Herzens!

In aller Eile, aber mit tausend Küssen

Deine nach Dir sich sehnende
B.

Nach ihm oder gleichzeitig mit ihm erhielt auch Herr Kaubisch zwei kurze Briefe.

Der erste enthielt die Antwort der Schriftleitung der Zeitung, an die Kaubisch sich auf Wunsch der Frau Margarete doch noch gewendet hatte und lautete:

Sehr geehrter Herr!

Wir bedauern außerordentlich, bei aller Wertschätzung, die wir Ihnen entgegenbringen, den Namen unseres Gewährsmannes des von Ihnen beanstandeten Artikels, den wir im übrigen für völlig harmlos erklären müssen, verraten zu können. Die Konsequenzen wären zu große, auch sind wir zur Geheimhaltung verpflichtet.

Mit vorzüglicher Hochachtung und Heil Hitler!

(unleserlicher Name.)

Also eine höfliche Absage! So habe ich es mir gleich gedacht, sagte Herr Kaubisch und legte den Brief gleichgültig zur Seite.

Der andere Brief kam von Herrn von Hennings.

Sehr geehrter Herr Kaubisch, lautete er. Ich bin bestürzt über die Indiskretion, um nicht zu sagen Taktlosigkeit dieser Zeitung mit ihrer bewußten Mitteilung. Empfangen Sie meine Versicherung, daß ich sofort die genaueste Nachforschung auf der Kanzlei angestellt habe und daß die Staatsanwaltschaft nichts mit der Sache zu tun hat und völlig schuldlos ist an dieser ärgerlichen Veröffentlichung, deren Zustandekommen mir ein Rätsel ist. – Die Untersuchung an sich geht gut voran. Heil Hitler!

v. Hennings, Staatsanwalt.

Ich bitte auch, meine höfliche Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin und Fräulein Tochter aussprechen zu dürfen.

D. O.

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