Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dürr >

König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171211
projectidbf8c399a
Schließen

Navigation:

5.

Ein trüber regnerischer Tag war angebrochen, unfreundlich, stürmisch. Der Wind heulte durch die Gassen der Altstadt, Fensterläden klapperten. Die feinen Rauchfahnen der Kamine erhoben sich nicht über den First der Dächer und zerflossen rasch in der feuchten, bewegten Luft.

Zuweilen prasselten Regenschauer an die dunstbeschlagenen Fensterscheiben eines hohen, düsteren, langgestreckten Gebäudes, das sich stattlich aus den umstehenden, eng zusammengedrängten schmalen Giebelhäusern hervorhob.

Dieses Haus hieß der Justizpalast.

Auf der nassen, dunkelgeteerten, glitschigen Straße bewegten sich wenige Leute, denn wer nicht durch die Pflicht gezwungen war, das schützende Obdach zu verlassen, blieb bei dem heutigen Wetter zu Hause.

Hin und wieder bog einer dieser Menschen, indem er sich fröstelnd den Mantel zusammennahm und den Hut festhielt, von der Straße ab und stieg die breite Freitreppe zum Justizgebäude empor, um im Innern des großen, altertümlichen Baues zu verschwinden.

Das Justizgebäude war einst eine kaiserliche Pfalz gewesen und in seinen Gängen war es heute so dunkel, daß die Lampen gebrannt werden mußten.

Das war auch in einigen Kanzleien des Erdgeschosses, die nach Norden gelegen waren, der Fall und das Licht fiel auf alte, geringe, fast farblose Holztische und hohe, nüchterne Wandregale mit unzähligen Fächern. Darin lagen eng zusammengeschnürte Stöße von Akten, die einen unangenehmen Geruch von Staub und Moder ausströmten, im übrigen nach Namen und Jahr sorgfältig geordnet und mit entsprechenden Aufschriften versehen waren.

Die mit großen steinernen Fließen bedeckten, teppichlosen Korridore hallten wider von den Schritten der Angestellten und Beamten, die geschäftig, mit Schriftstücken, Büchern, Gesetzesblättern beladen, in der langen, eintönigen Reihe der Zimmer aus und ein gingen.

Aus einem der kleinen Säle, die zur Verhandlung der Prozesse vor dem Zivilrichter dienten, drang der unangenehme, mißtönige Lärm zankender, streitender, schimpfender Stimmen, und von Zeit zu Zeit öffnete sich die hohe, knarrende Flügeltüre und gewährte Menschen, denen noch die Erregung des Kampfes um Mein und Dein auf den geröteten Gesichtern lag und die selbst noch hinter der Türe fortfuhren, sich für ihr behauptetes Recht zu ereifern, den Ausgang.

Eine breite steinerne Wendeltreppe führte zu den oberen Stockwerken, in welchen Beamte der Staatsanwaltschaft untergebracht waren.

Hier war es heller und angenehmer, auch herrschte hier anscheinend größere Ruhe, da der direkte Verkehr mit dem Publikum nur gering war, aber der Eindruck dieser endlosen Gänge mit ihrer gleichförmigen Folge von bezifferten Zimmertüren war um nichts freundlicher als in den unteren Räumen dieses ungastlichen Gebäudes.

An einer der Türen stand auf kleinem Porzellantäfelchen die Aufschrift »Staatsanwalt von Hennings«. Auch aus diesem Zimmer tönte eine laute, zankende Stimme, aber es blieb bei dieser einzelnen Stimme.

Die Türe öffnete sich und ein Diener in langschößigem blauem Rock mit blanken Metallknöpfen kam heraus und entfernte sich kopfschüttelnd, mit verdrossener Miene. »Ich möchte einmal einen sehen«, sagte er, so laut, daß es vermutlich in dem soeben verlassenen Zimmer noch gehört werden konnte, »der es dem Herrn recht machen kann. Ich glaube nicht, daß es einen gibt ... Es ist ein Leben, das Gott erbarm'!«

Ein zweiter Aufwärter in der gleichen Tracht kam jetzt um die Ecke des winkligen Flurs und schleppte einen dicken Stoß Akten unter dem Arm. Er zwinkerte dem ersteren mit einem Auge zu und verzog die Mundwinkel zu einem vergnügten Schmunzeln.

»Schlechte Laune!« sagte dieser, wiederum vernehmlich genug und winkte mit dem Kopfe nach der Türe, aus der er gerade gekommen war. »Schlechte Laune! ... Und wir, wir müssen es büßen! Wozu sind wir denn sonst da? Es ist himmelschreiend! ... Man will alles recht machen, man will seine Pflicht tun, aber ...«

Der andere warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen bezeichnenden, warnenden Blick zu.

Hinter dem Rücken des Beschwerdeführers hatte sich die Türe geöffnet. Ein Kopf erschien.

Herr von Hennings mußte richtig einige Worte verstanden haben, jedenfalls vermutete er, daß über ihn losgezogen werde und er wollte der Quengelei ein rasches Ende machen. Da aber der erste Aufwärter nunmehr schweigend und ziemlich beschleunigt seinen Weg fortsetzte, zog sich Herr von Hennings selbst auch wieder, ohne etwas zu sagen, in seine Kanzlei zurück.

Staatsanwalt von Hennings war ein magerer Mann von mittlerer Größe und im Alter von sechsunddreißig bis vierzig Jahren, mit einer scharfen Habichtsnase, mit einem Gesicht, dem das Lachen fremd schien, streng, kühl und zurückhaltend. Er war sorgfältig gekleidet, aber auch seine dunkle Kleidung erweckte die Empfindung des Strengen, Unbehaglichen.

Seine Bewegungen waren hastig und nervös und diesen Eindruck der Überreiztheit vermehrte noch die Gewohnheit, einen schlecht sitzenden Kneifer beständig auf der Nase zurechtzurücken.

Diesen Kneifer trug Herr von Hennings schon seit seinen Studienjahren und er vermochte sich nicht von ihm zu trennen, wennschon er genau wußte, daß er unmodern war und ihn selbst manche deshalb belächeln würden. Beständig drohte der Kneifer von der Nase herabzufallen und brachte den ganzen Mann, der ihn trug, trotz seiner im übrigen gepflegten Erscheinung, in den Verdacht leichter Antiquiertheit.

Das Zimmer, das dem Staatsanwalt von Hennings als Kanzlei diente, war behaglich und mit einigen Möbeln, die er aus eigenen Mitteln beschafft hatte, nicht ohne Geschmack eingerichtet. Vor dem großen, gut gearbeiteten Schreibtisch stand ein ebensolcher bequemer Armstuhl, ein paar kleine, aber gute Ölbilder hingen an den Wänden, an der Pfeilerwand zwischen den beiden Fenstern tickte eine große Hausuhr. Eine hübsche elektrische Lampe und ein weicher, vor dem Schreibtisch liegender bunter Teppich mit orientalischem Muster vervollständigten die Ausstattung des Zimmers, und all das schuf eine gewisse Vornehmheit des Raumes, wie sie sonst in den Kanzleien dieses Hauses nicht anzutreffen war.

Herr von Hennings war Junggeselle, aber es war offenes Geheimnis, daß er sich seit einiger Zeit mit Heiratsgedanken trug und sich um Herz und Hand der schönen Beate Kaubisch bewarb, seit er sie vor einem halben Jahre bei einer musikalischen Veranstaltung kennen- und schätzengelernt hatte.

Zuerst hatte man gelächelt. – Herr von Hennings, dieser hartgesottene, schon angejahrte Junggeselle, und auf Freiersfüßen! Aber da Herr von Hennings sich nicht im mindestens darum kümmerte, was die Leute sagten, und im übrigen sich noch jung genug vorkam, so gewöhnte man sich rasch dieses Lächeln ab, zumal man vernahm, daß Frau Margarete Kaubisch diese Werbung mit Wohlgefallen aufnahm und sie stark begünstigte.

In diesem Augenblick schritt Herr von Hennings, die Hände auf den Rücken legend, unermüdlich und mit dem ihm eigentümlichen schnellen Schritte in seinem Zimmer auf und ab, immer wieder, vom Fenster bis zur Tür und von der Türe bis zum Fenster, indem er dadurch den Amtsrichter, der unter ihm im Erdgeschoß zu arbeiten hatte, in gelinde Verzweiflung brachte.

Hennings pflegte sich auf diese Weise für seine Rede in der Strafkammer vorzubereiten, diese Rede, die zwar nicht durch Wohlklang oder Schönheit des Stils den Hörern Bewunderung abnötigte, auch nicht durch Feuer sich auszeichnete und mitriß, sondern nüchtern genug war, die aber als ein Muster zwingender Logik und geschulten juristischen Denkens galt. –

Schon seit geraumer Zeit hörte Herr von Hennings, während er über seine nächste Anklagerede nachdachte, draußen in dem hallenden, steinernen Gange zögernd unsichere Schritte, die Schritte eines Mannes, der an den Türen suchte, ohne anscheinend die richtige zu finden, denn er trat bald an diese, bald an jene und las die Aufschrift.

Solches Suchen machte Herrn von Hennings jedesmal sehr nervös. Die Erwägung, wie lange dieser Mensch noch brauchen werde, bis er sich entschließen würde, endlich irgendwo einzutreten, oder bis einer der Aufwärter erschien, ihm die richtige Kanzlei zu zeigen, lähmte bei ihm, Herrn von Hennings, jede Fähigkeit, etwas anderes zu denken und besonders seine Rede zu überlegen, er verlor den Faden, fand nicht wieder das Ende, daran anzuknüpfen. Seine Nervosität wollte sich ins Ungemessene steigern. Wie oft, dachte er, habe ich schon den Antrag gestellt, daß Treppenläufer in diesem Korridor mit seinen Steinplatten gelegt werden müßten! Es ist ja unmöglich, etwas Vernünftiges zu überdenken, wenn man draußen immer von Menschen gestört wird, die unausgesetzt an den Türen suchen! Wozu hat man denn übrigens unten im Erdgeschoß den Wegweiser angebracht? Aber kein Mensch orientiert sich, alle gehen sofort die Treppe herauf und dann hat man die Geschichte, sie trampeln von einer Türe zur andern.

In diesem Gedankengange wurde Herr von Hennings mit einem Male dadurch unterbrochen, daß der Suchende vor seiner eigenen Tür hielt, den Namen las und dann leise anklopfte.

»Herein!« rief Herr von Hennings mit donnernder Stimme und rückte sich schnell den abrutschenden Kneifer wieder zurecht. Er richtete durchbohrende Blicke auf die Türe, weil er jede Störung seiner Vorbereitung für die Strafkammer als etwas Unangemessenes empfand.

Als er sah, daß der Eintretende ein würdiger älterer Herr war, nahm er ebenfalls eine verbindliche Haltung an.

Es war niemand anders als Herr Leonhard Kaubisch.

Obgleich Kaubisch ein weltgewandter, einflußreicher und angesehener Mann war, dem es sonst nie an dem nötigen Auftreten fehlte, der im Gegenteil trotz aller Höflichkeit und Liebenswürdigkeit etwas Herablassendes zu bewahren wußte, so war ihm doch anzusehen, daß er sich hier in der ihm ungewohnten Umgebung, im Bannbereiche der Gesetze und Paragraphen, ziemlich unbehaglich fühlte. Auch belastete ihn der Gedanke, daß er, was ihm seit vielen Jahren nicht mehr vorgekommen war, gleichsam als Gesuchsteller hier stehe, während er doch sonst überall und immer der Gebende war.

»Entschuldigen Sie, Herr Staatsanwalt«, sagte er mit einer ihm sonst völlig fremden Bescheidenheit, »ich fand keinen Menschen, der mich hätte anmelden können. Auch habe ich bisher nicht das Vergnügen gehabt, Sie im Felde Ihrer Tätigkeit zu sehen, ich betrete dieses Haus überhaupt zum ersten Male in meinem Leben ... Ich weiß nicht, ob ich nicht ungelegen komme?«

Die Erscheinung Kaubischs in seiner Kanzlei war für Herrn von Hennings so ungewöhnlich, so absonderlich, daß er ihn im ersten Augenblicke gar nicht erkannt hatte. Nachdem ihm nun klargeworden war, wen er vor sich habe, versuchte er sein Gesicht, soweit ihm dies möglich war, in freundliche Falten zu legen. »Ich bitte sehr, Herr Kaubisch«, erwiderte er höflich und reichte ihm verbindlich die Hand, »ich stehe jederzeit zu Ihren Diensten ... Was verschafft mir die Ehre?« Mit einer leichten einladenden Handbewegung bot er ihm den Platz auf einem hübschen kleinen Ledersofa an, das neben dem Schreibtische an der Wand stand, während er sich selbst in seinen Lehnstuhl setzte.

Kaubisch nahm etwas umständlich, gerade als wollte er sich vorbereiten für das, was er zu sagen hatte, den angewiesenen Platz ein. »Sie werden erstaunt sein, Herr Staatsanwalt«, sagte er, »aber ich komme, Ihnen einen Kriminalfall zu unterbreiten, der für Sie nicht ohne Interesse sein wird ...«

In den Augen des Herrn von Hennings zeigte sich etwas wie leichtes Mißfallen, denn er war in Gedanken schon wieder bei seiner Strafkammer. – Mein Gott, fuhr es ihm durch den Kopf, glauben denn die Leute, ich hätte nichts Gescheiteres zu tun und zu denken, als ihre »Räubergeschichten«, die ihnen aufstoßen, anzuhören? Dazu ist doch die Polizei da.

»... und der für mich um so bedauerlicher ist«, fuhr Kaubisch fort, ohne den Mangel der Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes zu beachten, »als er sich in meinem eigenen Hause, unter meinen eigenen Augen zugetragen hat und wahrhaftig eine schlimme, keineswegs unbedeutende Sache darstellt.«

Mit einem Male gewann Herr von Hennings Interesse. Er schlug hastig ein Bein über das andere und drückte den Kneifer fester, während er jetzt mit gespannter Erwartung seinen Besucher ansah. »In Ihrem eigenen Hause? Ein Kriminalfall?« Mehr denn je glich er jetzt einem Raubvogel, der im Begriffe ist, sich auf seine Beute zu stürzen.

»Ich habe mir tatsächlich fast die ganze Nacht überlegt ... es ist nämlich erst gestern abend geschehen ..., ob ich die Geschichte nicht totschweigen soll, zumal eine Reihe von Bekannten, ja ich möchte sagen, auch von Freunden in unangenehmster Weise darin verwickelt sind. Aber ich bin überzeugt, daß die Sache doch nicht verborgen bleibt, nicht verborgen bleiben kann. Auch muß ich ehrlich gestehen, daß ich allmählich, je mehr ich darüber nachdenke, geradezu empört bin über die Infamie, die Niedertracht eines dieser Menschen, der mein Gast war und mein Vertrauen auf Anstand und Ehrlichkeit so unglaublich mißbrauchte. Außerdem handelt es sich um eine Kostbarkeit im Werte von 100 000 Reichsmark, die mir gestohlen wurde, und das ist denn doch keine Kleinigkeit, wie Sie mir zugeben werden, Herr Staatsanwalt.«

»100 000 Reichsmark sagen Sie? Gestohlen?« Die Augen des Herrn von Hennings funkelten durch den Kneifer. »Und wenn es nur hundert Mark wären, Herr Kaubisch! In solchen Fällen gibt es keine Rücksicht und muß die Verfolgung durch den Staatsanwalt eintreten, selbst wenn es gegen den Willen des Bestohlenen wäre.«

Kaubisch neigte den Kopf. Er war jetzt völlig ruhig und gesammelt. »Sie haben wohl recht, Herr Staatsanwalt, Rücksichten sind, mindestens in diesem Fall, nicht angebracht ... Soll ich Ihnen die Sache erzählen?«

»Sie werden mich verbinden, Herr Kaubisch.«

Mit bedächtiger Genauigkeit schilderte Kaubisch den Vorfall, das Geschehen vom gestrigen Abend.

Herr von Hennings hatte, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen, mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Erst als Kaubisch zu Ende war, stellte er zwei Fragen.

»Der hohe Wert der Marke war also allen Ihren Gästen bekannt?«

»Ja freilich. Man sprach ja allgemein davon, daß ich selbst hunderttausend Mark dafür bezahlt habe.«

»Aber Briefmarkensammler waren unter Ihren Gästen nur zwei? Nur Doktor Lessen und Herr Cajetan Kruth? Ich meine natürlich nicht gelegentliche Liebhaber, sondern ernsthafte Sammler, sozusagen wissenschaftliche, berufsmäßige Sammler? Sie müßten das doch wissen, wenn auch noch andere, als diese beiden Herren, eine größere Briefmarkensammlung besäßen?«

»Natürlich wäre mir das bekannt. Nur Lessen und Kruth sind unter meinen Gästen vom gestrigen Abend wirkliche Sammler.«

Herr von Hennings sprang auf. »Es ist unerhört! Diese Tat ist mit einer unglaublichen Kühnheit begangen. Es ist nicht nur an sich fast einzig dastehend, unter den Augen so vieler Gäste und des Eigentümers selbst ein solch außerordentliches Wertobjekt zu stehlen, von Interesse ist besonders auch die Persönlichkeit des Täters, weil er im Kreise angesehener und wohl auch begüterter Männer zu suchen ist ... Wenn nicht mit Rücksicht auf diese Eigenschaft Ihrer Gäste das Gegenteil schon als erwiesen gelten könnte, sollte man meinen, nur ein Berufsverbrecher sei hier am Werk gewesen ... Aber Sie entschuldigen einige Minuten, Herr Kaubisch, ich werde Ihre Angaben kurz niederschreiben lassen, um eine Grundlage zu haben.« Er drückte den neben dem Schreibtisch angebrachten Klingelknopf.

Kaubisch richtete sich etwas verwirrt auf. Ihm war alles peinlich und unangenehm, was mit einem Protokoll zusammenhing. »Ohne das ... geht es nicht?« fragte er fast bittend. »Ich möchte nicht gerne als handelnder Darsteller in dieser üblen Affäre auftreten ... Darum habe ich auch schon daran gedacht, einen Detektiv mit der geheimen Nachforschung zu beauftragen. Was meinen Sie dazu?«

Hastig wandte sich Herr von Hennings nach ihm um, den Kneifer auf die Nase drückend. »Ach mein bester Herr Kaubisch«, sagte er, beinahe grob, »lassen Sie diese Herren beiseite, sie wären nicht nach meinem Geschmack. Ich halte sehr wenig von ihrer Tätigkeit, wenigstens dann, wenn es sich um einen Kriminalfall handelt. Als Vermögensauskunftei können sie am Platze sein, das ist etwas anderes. Detektive auf der Spur von Verbrechern eignen sich besser für die Romane, als für die rauhe Wirklichkeit, wie sie uns gegenüberliegt. Verbieten kann ich Ihnen natürlich nicht, einen solchen Herrn zu beauftragen. Aber ich muß, nachdem Sie mir einmal in meiner Eigenschaft als Staatsanwalt Kenntnis von einer strafbaren Handlung – und zwar einer solchen von Klasse! – gegeben haben, für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens Sorge tragen und Sie können die Angelegenheit überhaupt nicht mehr rückgängig machen ... Es ist jedenfalls nicht von Vorteil, wenn sich andere Leute, die notabene zumeist keine Gewähr ihrer Erfahrung und Geschicklichkeit bieten, in das bestehende Verfahren einmischen und dadurch nur störend wirken können, vielleicht die Maßregeln und Absichten der Staatsanwaltschaft durch Unkenntnis und Unvorsichtigkeit zunichte machen, sie durchkreuzen und mindestens erschweren ... Ich denke, es liegt Ihnen daran, daß der Täter ermittelt wird?«

»Ei gewiß«, sagte Kaubisch schnell. Er sah ein, daß er einen Fehler begangen hatte und Herrn von Hennings, wenn auch ganz gegen seine Absicht, kränkte, indem er durch Beiziehung eines Detektivs Zweifel in seine berufliche Geschicklichkeit und Erfahrung zu setzen schien. »Es war nur ein Gedanke, der mir gerade in den Kopf gekommen ist, weil ich glaubte, durch dieses Mittel mit meiner eigenen Person vielleicht im Hintergrund bleiben zu können. Man hört so mancherlei, was die Leute sagen, und liest auch so vieles, was gewiß nicht wahr sein mag, und ich selbst bin ja in solchen Gerichtssachen völlig unbewandert, ich habe, Gott sei Dank, keinerlei Praxis darin ... Sie glauben also, Herr Staatsanwalt, eines Erfolges sicher zu sein? Sie haben natürlich die Erfahrung, die unsereinem gänzlich abgeht, und sehen viel schärfer.«

»Für einen Erfolg zu garantieren, vermag ich, wie Sie verstehen werden, nicht«, erwiderte Herr von Hennings ernsthaft. »Das kann kein Mensch in einer solchen Angelegenheit. Aber ich denke, daß wir schon schwierigere Fälle zur Aufklärung gebracht haben. Unter Benutzung der uns zur Verfügung stehenden Hilfsmittel scheint mir der von Ihnen vorgetragene Fall gar nicht so besonders schwierig, zumal der Kreis der für die Täterschaft in Frage kommenden Personen begrenzt ist und diese Personen sämtlich auch bekannt sind.«

Ein Kanzlist trat ein und Herr von Hennings gab ihm sein Diktat in gedrängter Kürze.

Kaubisch hatte ja eigentlich gar keine Anzeige erstatten, sondern nur den Rat eines ihm doch bekannten und erfahrenen Kriminalisten einholen wollen, und er fand sich nur schwer mit dem Gedanken ab, in diesem sich entfaltenden Gerichtsverfahren als Hauptperson auftreten zu müssen. Er war ein wenig ärgerlich darüber, daß die Sache jetzt ganz anders verlief, als er dachte. Aber dennoch konnte er nicht umhin, die Geschicklichkeit und den Scharfsinn, mit der Herr von Hennings den Vorfall skizzierte, zu bewundern. Nichts wurde vergessen, nichts wurde durch Weitschweifigkeit verschwommen gemacht. Klar und präzis lautete die Schilderung. Auch fiel Kaubisch auf, daß in dieser Schilderung jede Stellungnahme gegen irgendeine Person sorgfältig vermieden schien, kein Verdacht gegen diesen oder jenen wurde ausgesprochen, der ganze Hergang wurde rein sachlich, den Tatsachen entsprechend, wiedererzählt, ohne daß irgendwelche Schlüsse gezogen wurden.

Schon wollte Kaubisch einige schmeichelhafte Worte der Anerkennung sagen, als er durch eine neue Wendung des Verfahrens beunruhigt und wiederum peinlich berührt wurde.

»Rufen Sie die Kriminalpolizei an«, sagte Herr von Hennings zu dem Kanzlisten. »Fragen Sie an, ob der Inspektor Degas da ist. Er solle sofort hierher kommen, wenn er irgendwie abkömmlich ist, da ich mich mit ihm persönlich besprechen möchte.«

Der Kanzlist legte sorgfältig seine Niederschrift zur Seite. »Ich habe Herrn Degas gerade vorhin noch hier im Hause gesehen. Er hatte Verschiedenes zu besorgen. Es ist gut möglich, daß er noch nicht weg ist. Ich will eilig nachsehen und ihn heraufschicken, wenn er noch hier ist.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er.

Schon wenige Minuten später hörte man im Gange draußen Schritte. Es wurde angeklopft. Ein militärisch aussehender Herr mit pechschwarzem Haar, groß und hager, trat ein, meldete sich.

Es war Degas.

Sofort ging ihm Herr von Hennings entgegen, nahm ihn abseits und beredete sich längere Zeit mit ihm, ohne sich weiter um Kaubisch zu kümmern, der in peinlicher Verlegenheit und in gezwungener Haltung, seiner Hilflosigkeit bewußt, auf dem kleinen Sofa saß.

Endlich wandte sich Herr von Hennings ihm wieder zu.

»Entschuldigen Sie, Herr Kaubisch, aber ich mußte erst den Herrn Kriminalinspektor aufklären und einiges mit ihm besprechen. Es ist nötig, zuerst die Örtlichkeit genau zu kennen, und wir wollen darum alle zusammen jetzt mit Ihnen nach Hause fahren.«

»Ach, ach«, sagte Kaubisch sehr kleinlaut, fast kläglich, das wird aber schreckliches Aufsehen machen und meine Frau wird furchtbar erschrecken, denn sie weiß noch nicht, daß ich mich an Sie gewendet habe oder daß ich die Sache anzeige.«

Herr von Hennings zuckte die Achseln. »Ich bedaure, aber Sie machen sich wohl unnötige Sorgen, Herr Kaubisch. Wir werden in geschlossenem Wagen fahren ... Oder haben Sie vielleicht Ihren eigenen Wagen da? Können Sie uns mitnehmen? Um so besser! Für Ihre Frau Gemahlin wird dann um so weniger Grund sein, zu erschrecken ... Wir sind auch keine Barbaren«, fügte er lächelnd hinzu, »und werden uns ganz manierlich benehmen und uns nicht länger aufhalten, als es unbedingt nötig ist ... Wissen Sie, Herr Kaubisch, ich sehe mir grundsätzlich die Örtlichkeit an, wenn etwas vorkommt. Würde das jeder tun, der mit solchen Sachen zu schaffen hat, so würden zahlreiche Irrtümer und Fehlgriffe vermieden, würde manches sogenannte rätselhafte und dunkel gebliebene Verbrechen aufgeklärt sein. Kein Mensch kann sich nur aus der Beschreibung ein vollkommen ausreichendes Bild machen ... Also noch einmal, haben Sie keine Angst, wir werden alles so unauffällig, so diskret, so kurz als nur möglich machen.«

Wenige Minuten später fuhren die drei Herrn in dem eleganten Wagen des Industriellen über das etwas holperige Pflaster der Altstadt in die vornehme neue Gartenstadt zum Hause Kaubisch.

Herr von Hennings saß mit Kaubisch im Rücksitz des Wagens, während Degas ruhig und gemessen neben dem Chauffeur Platz genommen hatte.

Zur Verwunderung Kaubischs sprach Herr von Hennings nur über ganz alltägliche, gleichgültige Dinge, gerade als ob sie auf einer Vergnügungsfahrt begriffen wären, während er selbst, Kaubisch, jetzt, nachdem man das entsetzliche Justizgebäude hinter sich gelassen hatte und wieder freie Luft atmete, von einem geradezu unbezähmbaren Trieb, einem fiebrigen Verlangen erfüllt war, den Verbrecher, der den Frieden seines Hauses gestört und entweiht hatte, zu entdecken, zu überführen, in Haft zu nehmen, zur Aburteilung zu bringen. Jetzt, nachdem die Scheu vor der Göttin der Gerechtigkeit und ihrer Umgebung überwunden war, erschien ihm dieser sein »Rechtsfall« als etwas, was jeden Menschen vor allem anderen interessieren müßte, und er verstand nicht, wie Hennings von gleichgültigen Dingen reden konnte, wenn er im Begriffe war, einen Verbrecher zu entlarven und die Mitmenschen von ihm zu befreien. »Haben Sie schon einen bestimmten Verdacht, Herr Staatsanwalt?« fragte er endlich, da Herr von Hennings keine Miene machte, das begonnene Gespräch über Wiederbelebung der Bautätigkeit zu ändern und wieder auf den Diebstahl der Marke einzugehen.

»Das wohl«, erwiderte Herr von Hennings kühl, aber Sie verübeln es mir sicherlich nicht, wenn ich darüber vorerst noch schweige. Ich pflege einen Verdacht nie voreilig auszusprechen und halte das für das einzig richtige. Ist der Verdacht unbegründet, so wird der Beschuldigte unnötigerweise beschwert und gekränkt. Ist der Verdacht richtig, so wird der Verbrecher vorzeitig in die Lage versetzt, Gegenmaßregeln zu ergreifen, sobald er von diesem Verdacht erfährt ... Und ein ausgesprochener Verdacht verbreitet sich stets mit Windeseile.«

»Nun, nun«, sagte Kaubisch, »ich hätte nur gedacht, ich als Hauptbeteiligter hätte einen gewissen Anspruch darauf, über den Gang der Untersuchung auf dem laufenden gehalten zu werden ... Es ist nie etwas Angenehmes, Herr Staatsanwalt, im Dunkeln tappen zu müssen. Und mich dünkt diese Sache reichlich dunkel und verwirrt, ich bin voll Spannung, wie sie sich aufklären wird. Sodann können Sie sich kaum vorstellen, welcher Grad von Erbitterung sich allmählich meiner bemächtigt gegen einen Menschen, der unter der Maske der Wohlanständigkeit oder gar der Freundschaft mir diese Unannehmlichkeiten zufügt. Denn daß es nicht zu den Freuden des Lebens gehört, als Beteiligter an einem Prozesse mit den Gerichten oder der Staatsanwaltschaft zu schaffen zu haben, werden Sie wohl selbst zugeben. Die Sache steht doch so, daß ich mit allen meinen Freunden und Bekannten, die am gestrigen Abend bei mir waren, nicht mehr auf dem alten Fuße verkehren kann, denn bei jedem einzelnen muß mir immer wieder der Gedanke kommen: wenn er es wäre? Umgekehrt werden sich alle diese alten Freunde und Bekannten von mir zurückziehen, nachdem ihnen in meinem Hause die Widerwärtigkeit widerfahren ist, daß sie selbst in den Verdacht gerieten, das Verbrechen begangen zu haben. Glauben Sie nicht? – Ganz abgesehen davon, daß ich einen Gegenstand verloren habe; der mein Stolz und meine Freude war, wie nur ein alter, erfahrener Sammler verstehen kann, und daß mein Vermögen eine spürbare Einbuße erlitten hat.«

»Sie haben durchaus recht«, erwiderte Herr von Hennings, »und ich verstehe Ihre Gefühle ganz wohl, aber Sie müssen sich eben einige Geduld auferlegen. Sobald es ohne Schaden für die Untersuchung geschehen kann, werde ich Sie unverzüglich über den Stand der Sache in Kenntnis setzen.«

Schweigsam setzte man den Weg fort, bis der Wagen in das Tor des Hauses Kaubisch einfuhr.

Frau Margarete Kaubisch empfing die Eintretenden mit einem Gemisch von Freude und ängstlicher Unruhe. »Es wäre mir ein wirkliches Vergnügen gewesen, Herr Staatsanwalt, wenn ich Sie bei einem anderen Anlasse in meinem Hause hätte begrüßen dürfen«, sagte sie. »Aber das ist nun einmal so. Hätten Sie uns gestern die Ehre gegeben, so wäre uns und unseren Gästen vermutlich diese peinliche Geschichte erspart geblieben ... Und Ihnen die Arbeit«, fügte sie mit leichtem Scherze hinzu.

Herr von Hennings küßte ihr höflich die Hand, »Das mag wohl sein, gnädige Frau«, erwiderte er launiger, als er sonst zu sein pflegte. »Ich habe es wenigstens bisher noch nicht erlebt, daß sich ein Meisterdieb, denn um einen solchen wird es sich handeln, sich in Anwesenheit der Staatsanwaltschaft betätigte.« Dann aber nahm er sofort wieder die ernsthafte, dienstliche Haltung an und bat Frau Margarete nach einigen höflichen Worten, die er noch mit ihr wechselte, mit der Amtshandlung beginnen zu dürfen.

Frau Kaubisch begriff, daß sie hier überflüssig sei, und entfernte sich.

Sie war übrigens recht ungehalten über Beate, denn diese war unsichtbar geblieben, obwohl Frau Margarete sogleich Johanna, das Zimmermädchen, in das obere Stockwerk hinaufgeschickt hatte, um sie von dem Eintreffen Herrn von Hennings in Kenntnis zu setzen, mit der Bitte, ihn doch wenigstens zu begrüßen.

Hennings hatte nicht nur den Auftrag gehört, den Johanna bekommen hatte, er nahm auch wahr, daß Frau Margarete ärgerlich war, weil Beate ihr nicht gehorchte, er schien aber diese Mißachtung seiner eigenen Person durch Beate nicht zu bemerken.

»Wollen Sie uns jetzt das Zimmer zeigen«, sagte er zu Kaubisch, »in welchem der Diebstahl verübt wurde.«

Sofort führte ihn Kaubisch hinüber in das Spielzimmer, während Degas ihnen schweigend folgte.

Mit einer gewissen schnüffelnden Neugier sah sich Herr von Hennings in dem Raume um, der noch die Spuren der Unordnung des gestrigen Abends aufwies. Er summte leise vor sich hin, nachdenkend, sich die Örtlichkeit einprägend. »Also hier«, sagte er dann bloß.

Er wandte sich an Degas. »Das Zimmer ist lang und schmal. Dieser Umstand begünstigte den Diebstahl wesentlich, er erschwerte die Beobachtung des Diebes.«

Kaubisch trat herzu. »Ich bemerke, daß das Zimmer, seit der letzte Gast es gestern verlassen hat, von niemand mehr betreten wurde. Ich habe es selbst abgeschlossen und den Schlüssel auf den Flur wie zum anstoßenden Zimmer abgezogen und zu mir genommen. Sie sehen also das Zimmer noch genau in dem Zustande, wie zur Zeit der Tat ... Ich habe sogar vorsorglich unterlassen, das Zimmer nach Weggang der Gäste noch einmal von meinen Hausgehilfen durchsuchen oder es reinigen zu lassen. Nicht einmal meine Frau und meine Tochter durften das Zimmer mehr betreten. Ich sagte mir, wenn ich die Hilfe der Justiz in Anspruch nehme, so soll man das Zimmer so sehen, wie es gewesen ist.«

»Das haben Sie vortrefflich gemacht«, erwiderte Herr von Hennings mit lebhafter Zufriedenheit. »Nichts stört eine Untersuchung mehr, als wenn Unbefugte sich am Tatort zu schaffen machen. Nicht wenige Fehlschläge kommen vor, weil Unberufene, meistens unabsichtlich, Spuren des Täters verwischt haben oder aber durch eigene hinterlassene Spuren die Untersuchung auf falsche Bahn lenkten.«

Das sonst so behagliche Zimmer bot jetzt, bei Tageslicht, zumal bei der trüben Witterung und in seinem ungeordneten Zustande, einen nüchternen, beinahe häßlichen Anblick.

Noch standen die kleinen Likörgläser mit Resten des Inhaltes, die benützten Aschenschalen mit halbgerauchten Zigaretten auf den Tischen. Einige ausgebreitete Kartenspiele verstärkten den Eindruck der jäh abgebrochenen Abendgesellschaft.

Außer den in Mannshöhe angebrachten Wandbrettern mit dem darauf aufgestellten Zinngeschirr und einigen kleinen bunten Stahlstichen wies das Zimmer keinerlei Schmuck auf. Nur die blanke Täfelung der Wände und der Decke war dazu bestimmt, die Besonderheit des Raumes zu wahren. Desgleichen barg das Zimmer außer den Stühlen und den kleinen Tischen keinerlei Hausgerät und der Boden war mit einem einzigen großen und schweren Teppich, der die ganze Fläche einnahm, bedeckt.

Die Durchsuchung, die Herr von Hennings mit dem Kriminalinspektor trotzdem mit größter Gewissenhaftigkeit und genauer Methode vornahm, um die absolute Gewißheit zu haben, daß der vermißte Gegenstand nicht bloß verloren war, war demgemäß sehr einfach und wenig zeitraubend.

Kaubisch sah mit einer fast an Schadenfreude grenzenden Neugier zu, wie Degas jeden einzelnen der Stühle und Tische umdrehte, die Gefäße von den Wandbrettern stellte und sogar letztere von der Wand abnahm.

»Glauben Sie denn«, sagte er schließlich ironisch zu Degas, während Herr von Hennings gerade eigenhändig die Stahlstiche von den Wänden nahm und ihre Rückseite untersuchte, »ich hätte eingewilligt, meine Gäste belästigen oder gar durch eine Durchsuchung kränken zu lassen, wenn irgendeine Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, daß die Marke nur verlorenging?«

Herr von Hennings hatte seine Worte, die ja wohl auch für ihn, Hennings, bestimmt waren, gehört und er wandte sich um. Er und Degas tauschten einen verständnisvollen Blick. »Ja, diese Durchsuchung, Herr Kaubisch! Nehmen Sie mir es nicht übel, aber Sie haben gestern zwei schlimme Fehler begangen, ohne die vermutlich die Aufklärung des Falls schon erfolgt und der Täter hinter Schloß und Riegel gebracht wäre. Einmal, daß Sie nicht, bevor jemand das Zimmer verließ und nach Hause ging, die Staatsanwaltschaft oder die Kriminalpolizei von der Sache in Kenntnis setzten, und zum zweiten, daß Sie diese famose Durchsuchung vornehmen ließen. Wäre diese Maßregel, die unbedingt notwendig war, von sachverständiger Seite vorgenommen worden, so wäre sie, das kann ich Ihnen versichern und dürfen Sie mir glauben, auch von Erfolg begleitet gewesen. So aber wie die Durchsuchung vorgenommen wurde, erschwert sie die Untersuchung und bestärkt sie den Dieb, der sich auf die Durchsuchung berufen wird, in seinem Leugnen. Nachdem der Karren jetzt schon verfahren ist, wird die Aufklärung des Falls immerhin einige Zeit für sich in Anspruch nehmen ... Übrigens eine Frage: Sie wissen doch natürlich ganz genau, welche Gäste am gestrigen Abend bei Ihnen versammelt waren und können mir eine Liste derselben übermitteln?«

»Gewiß«, erwiderte Kaubisch einigermaßen betroffen. »Ich habe diese Liste schon heute morgen herausgeschrieben, nachdem ich sie noch einmal zusammen mit meiner Frau auf ihre Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft habe. Ich hatte sie schon bei mir, als ich zu Ihnen kam. Hier ist sie.«

Herr von Hennings warf einen kurzen Blick auf das Blatt Papier, dankte und schob es in die Tasche. »Ich denke«, sagte er kalt und gemessen, »die Entdeckung des Täters wird immerhin nicht allzu schwierig sein und ich kann Ihnen vielleicht schon in den nächsten Tagen entsprechende Nachricht zukommen lassen. Sie haben, was allerdings bei dem Schrecken und der Bestürzung des gestrigen Abends wohl verständlich ist, das einfachste Mittel vergessen, das Ihnen und Ihren Gästen wohl viel Widerwärtigkeiten erspart hätte.«

»Glauben Sie wirklich«, fragte Kaubisch erstaunt. »Und dieses Mittel wäre?«

»Sie hätten nur«, fuhr Herr von Hennings mit Betonung fort, »jeden der Herrn befragen müssen, wem er die Marke, die ja von Hand zu Hand ging, weitergab. Einer muß ja doch der Letzte gewesen sein, der sie in der Hand hatte, und dieser hätte Aufschluß geben müssen oder ... war er derjenige, bei dem die sorgfältigste Durchsuchung sicherlich angebracht war. Es wird übrigens auch heute noch nicht zu spät sein, dies nachzuholen ... Herr Degas, ich bitte Sie, noch heute an der Hand dieses Verzeichnisses festzustellen, wer als letzter in der Reihe der Gäste die Marke erhalten hat. Das Weitere wird sich dann finden.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.