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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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4.

Eine starke, durchdringende Stimme tönte durch das lange Zimmer. »Einen Augenblick Ruhe, bitte! ... Hat jemand das Zimmer verlassen? – Nein, es hat niemand das Zimmer verlassen!«

Derjenige, der mitten in dem Durcheinander der Suchenden diese Feststellung traf, war Cajetan Kruth.

Der Ruf durchzuckte alle wie ein elektrischer Schlag.

Was soll diese Frage? dachten alle.

Aber man wußte ganz genau, was sie zu bedeuten hatte und war sehr unangenehm berührt, sah sich scheu, wie schuldbewußt an.

Dann suchte man weiter, aber schon weniger emsig, schon widerwilliger, gezwungener. Das Suchen hat doch keinen Wert, dachte man, man wird die Marke nicht finden.

Aufs neue hörte man eine Stimme, welche die Unruhe übertönte. Es war Kaubisch, der mitten im Zimmer unter seinen Gästen stand.

Er war blässer geworden und dies fiel bei seinem sonstigen mit dem weißen Barte in Widerspruch stehenden gesunden Aussehen sofort auf.

Seine Augen flimmerten eigentümlich und seine Stimme klang gepreßt.

»Aber meine Herren«, sagte er, »beruhigen Sie sich, haben Sie keine Angst! Die Marke findet sich jedenfalls sofort wieder, das ist doch selbstverständlich. Sie ist nur verlegt oder hat sie jemand versehentlich heruntergestreift ... Ich selbst habe sie nicht zurückbekommen, ich weiß es bestimmt ... Mir hat sie niemand zurückgegeben, das ist außer Zweifel.«

Nun begann das Suchen, das eingestellt worden war, solange Kaubisch sprach, aufs neue und wurde wieder sorgfältiger, hastiger. Man sah auf den Rauch- und Spieltischen nach, prüfte die Karten und ihre Behältnisse, hob die Stehlampen auf, suchte auf den Wandbrettern, indem man die Prunkteller, die Kannen und Gläser aufhob und zur Seite rückte, man leuchtete den Boden des Zimmers ab und rückte Stühle und Tische zur Seite, man schlug den großen, buntfarbigen Teppich, der den Boden bedeckte, zurück und durchstöberte alle Ecken.

Alles mit einem nervösen, verzweifelten Eifer.

Einige Minuten lang schien sich in dem Zimmer alles um sich selbst zu drehen. Dabei sprach sonderbarerweise jetzt niemand mehr ein Wort. Es war gerade, als ob schon jetzt jeder dem andern mißtraute.

Kaubisch suchte selbst auch mit den andern, er murmelte leise vor sich hin und schüttelte immer wieder den Kopf, als wenn er sagen wollte, »es ist doch ganz unmöglich! Die Marke muß sich doch finden! Wo kann sie nur hingekommen sein?«

Aber nach einiger Zeit stellte alles, wie auf gemeinsame Verabredung, während doch niemand etwas sprach, das Suchen ein.

Man sah sich mit zweifelhaften, unsicheren Blicken an.

Man wußte, man war sich darüber einig, daß es zwecklos sein werde, noch weiter zu suchen, daß jede weitere Mühe vergeblich wäre.

Die Marke war und blieb verschwunden.

Die Unruhe, die durch das Suchen hervorgerufen wurde, durch das Hin- und Hergehen im Zimmer, durch das Rücken der Tische und Stühle, war bis zu den Frauen im Musikzimmer hinübergedrungen.

Erstaunt über diese eigentümliche Unruhe kam Frau Margarete Kaubisch mit einigen anderen Damen durch das Speisezimmer herüber und blieb unter der geöffneten Türe stehen. Voll Verwunderung sah sie das sonderbare Bild, das sich ihr bot, und sie begriff nicht, was das zu bedeuten habe.

»Was gibt es denn? Was treiben Sie denn, meine Herren?« fragte sie lachend, da sie nichts Schlimmes ahnte.

Auch die andern Frauen sahen mit staunenden Augen.

»Ich glaube, die Herren machen, ohne uns, ein Spiel?«

»Sie suchen den Osterhasen«, sagte Frau Bareis fröhlich.

»Ostern ist vorüber«, erwiderte Frau Margarete Kaubisch. »Mir kommt es eher vor, als ob die Herren das Zimmer zum Tanzen ausräumen. – Was soll denn das heißen?« fragte sie jetzt laut, sich an ihren Gatten wendend. »Man hört ja den Lärm bis hinüber in das Musikzimmer ...« Aber jetzt erst gewahrte sie die ernsten, fast verstörten Gesichter der Männer, deren keiner ihr Antwort gab, und bemerkte die steinerne Blässe ihres Gatten und den angstvollen, unheilverkündenden Ausdruck seiner Augen.

Sie erschrak, ließ den scherzhaften Ton fallen. »Was ist geschehen?« wiederholte sie ängstlich ihre Frage und schickte sich an, über die Schwelle zu treten. »So rede doch, Leonhard!«

Cajetan Kruth stellte sich ihr schnell entgegen und verhinderte sie. »Ich bitte die Damen, bleiben Sie draußen«, erklärte er eilfertig und mit großer Bestimmtheit, »es geht nicht, daß Sie jetzt eintreten. Es ist etwas verlorengegangen und wir sind gerade im Begriff, darnach zu suchen. Sie werden selbst einsehen, daß wir es, je weniger hier anwesend sind, um so leichter finden werden, und wir Männer suchen es besser allein.« Unter diesen Worten griff er mit rücksichtsloser Energie nach der Türklinke und schloß das Zimmer, ohne Frau Margarete auch nur eine Silbe des Widerspruchs zu ermöglichen, und man hörte von außen her, wie sich die Frauen mit Worten verständnislosen Staunens, in das sich Unmut zu mischen schien, entfernten.

Dieser Vorgang, so unbedeutend er an sich war, begann noch schwerer auf den Zurückgebliebenen zu lasten. Jeder ahnte, was das Vorgehen Kruths in Wirklichkeit zu bedeuten hatte. Man suchte aufs neue in hastiger Erregung und drehte immer wieder jeden einzelnen Gegenstand um, aber schon wurden die Bewegungen wieder schleppender, hoffnungsloser.

Da hörte man wieder Kruths energische, tiefe und doch klare Stimme. »Ich bitte, meine Herren, hören Sie mich an! Ich spreche jetzt in aller Namen.«

Sogleich wurde das Suchen beendet und man wandte sich nach dem Sprecher um. Überall sah man ernste, gefurchte Mienen und niedergeschlagene Augen.

Auch Leonhard Kaubisch, der mit zusammengepreßten Lippen und fahlem Gesicht nur noch in oberflächlicher Weise hier und dort einen Gegenstand zur Seite schob, einen Aschenteller aufhob, eine Spielkartendose öffnete, blieb stehen und blickte auf Kruth, um den sich unwillkürlich ein Halbkreis bildete, während doch keiner mit dem andern sprach.

»Meine Herren«, begann Kruth wieder, »es hilft alles nichts, wir müssen es aussprechen. Die Marke ist nicht mehr da und jeder von uns wird meine Überzeugung teilen, daß alles weitere Suchen umsonst ist, wir müßten sie längst gefunden haben, das werden Sie mir zugeben. Ich ersuche jeden der Herren, nachzusehen, sich zu vergewissern, ob er die kleine Kapsel nicht aus Versehen, aus Zerstreutheit, ohne etwas zu denken, eingesteckt hat. Bitte, glauben Sie mir, das kann jedem Menschen passieren, dagegen ist keiner gefeit. Man glaubt, während man gerade mit seinem Nachbar irgend etwas Interessantes bespricht, sein Taschenmesser, seine Zündholzschachtel, sein Augenglasetui wegzutun und steckt, ohne recht hinzusehen, einen fremden Gegenstand ein ... Also bitte, meine Herren, lassen Sie sich es nicht verdrießen und sehen Sie nach. Man muß methodisch vorgehen. Vielleicht hat sich auch einer der Herrn einen Scherz erlaubt, der allerdings meiner Ansicht nach zu weit gegangen wäre, und ich bitte in diesem Falle dringend, diesem Scherze jetzt ein Ende zu machen, wir waren alle genügend auf die Folter gespannt und besonders unser verehrter Herr Gastgeber könnte begreiflicherweise kein Verständnis dafür haben, wenn der Scherz noch länger fortgesetzt würde.«

Darauf folgte tiefes Schweigen. Man sah einander an, mit hoffnungsloser Gebärde und fast unmerklichem Kopfschütteln. Aber alle begannen mechanisch, sich abzutasten und ihre sämtlichen Taschen zu durchsuchen. Doch trugen ihre Bewegungen den Stempel des Widerwillens und zeigten die Hoffnungslosigkeit dieses Tuns.

Nur im Gesicht Kaubischs konnte man das Aufleuchten einer Erwartung erkennen, es dauerte aber nur kurz, denn ringsum sah man verneinendes Kopfschütteln und bedauerndes Achselzucken.

Wieder sah ein Nachbar den andern an. Man hörte nur verdrossenes, verlegen und unschlüssig klingendes Gemurmel.

»Eine schändliche Geschichte!«

»Eine peinliche Verlegenheit!«

»Das ist doch geradezu toll! Man könnte ja in den Verdacht kommen ...«

Inzwischen hatte Cajetan Kruth den niedergeschlagenen, anscheinend völlig entmutigten Herrn Kaubisch zur Seite gezogen, und man sah, wie er auf ihn einsprach, während er seine Worte mit entschiedenen, kurzen Bewegungen der Hand begleitete.

Kruth wollte ihm anscheinend etwas aufdrängen, gegen das sich Kaubisch wehrte.

»Es muß sein«, sagte Kruth. »Sie haben gar keine andere Wahl!«

»Nein, nein, nein«, rief Kaubisch schnell und zugleich erschrocken. »Stellen Sie sich vor in meinem Hause ... Nein, das wird niemals geschehen! ... Bedenken Sie nur, wen Sie vor sich haben! Schon der Gedanke daran ist mir unfaßlich!«

Aber Kruth beachtete seine lebhaften Einwendungen nicht. Er ließ von Kaubisch ab und wandte sich an die andern. Sich hoch aufrichtend sagte er mit gedämpfter und doch eindringlicher Stimme, während seine Züge kalte Entschlossenheit zeigten. »Meine Herren, einmal muß es doch ausgesprochen werden, jetzt oder später. Es ist hart zu sagen, aber es ist so: die Marke ist gestohlen

Obgleich sich alle diese Herren zur guten Gesellschaft rechneten, obwohl sie alle dieses Wort wie einen Peitschenhieb empfinden mußten, wagte doch niemand eine Entgegnung oder auch nur eine Gebärde der Empörung zu machen. Verlegen, den Blick zu Boden gesenkt, die Arme herabhängend, standen sie alle da. Kruth sprach ja nur aus, was jeder insgeheim schon lange dachte.

Es lag ein widerwärtiger Verdacht vor, von allen gegen alle, keiner traute mehr dem andern. Jedermann war über das unerwartete und überaus häßliche Ereignis, dessen Bedeutung, dessen unangenehme, peinliche Folgen unter ihnen kaum zweifelhaft waren, so bestürzt und entmutigt, daß eine Auflehnung gegen diesen brutalen Vorwurf, der auf jedes einzelnen Ehre einen Makel warf, unmöglich erschien.

Zumal dieser Cajetan Kruth nur die unerbittliche Wahrheit sprach.

Eine drückende Schwüle herrschte in dem sonst so luftigen Zimmer. Jeder schien einen Teil des Schuldbewußtseins mit sich zu tragen.

Da klang immer noch die gedämpfte, aber doch allen deutlich genug hörbare Stimme Kruths und widerspruchslos horchten alle wieder auf.

»Sie kennen mich zu gut«, sagte er, »als daß Sie annehmen werden, ich wollte irgend jemand von uns zu nahe treten. Ich spreche gegen niemand einen Verdacht aus, denn ich habe gegen niemand Verdacht. Aber nach meiner Überzeugung ist es für jeden unter uns auch nur ein Vorteil, wenn wir uns dem Vorschlag unterwerfen, den ich Ihnen unterbreiten werde. So peinlich es ist, es ist eine Notwendigkeit. Sie werden mir bei näherer Überlegung recht geben ... Es hat noch niemand das Zimmer verlassen, jeder unterziehe sich freiwillig einer Durchsuchung!«

»Nein, nein«, rief jetzt wiederum Kaubisch dazwischen und sein blasses Gesicht überzog eine plötzliche helle Röte, »ich werde das niemals dulden, ich werde nicht zulassen, daß meine Gäste auch nur durch den Schatten eines Verdachts, der aus dieser entwürdigenden Maßregel entstehen würde, beleidigt und gekränkt werden ... Ich bin überzeugt, die Marke wird sich wiederfinden ... Glauben Sie mir, es ist mir überaus schmerzlich, daß solche Worte gefallen sind. Lassen Sie mich für dieses Vorkommnis nicht büßen! Meiner Lebtage ist mir etwas Ähnliches noch nicht vorgekommen. Es scheint heute wirklich ein Unglückstag ... Aber regen Sie sich nicht auf, meine Herren, bis morgen früh erhalten Sie sicherlich die Nachricht, wann und wo sich die Marke gefunden hat.«

Man sah, wie Kaubisch mit Überwindung aller seiner schmerzlichen Gefühle sprach, aber seine Worte klangen nicht befreiend.

Kruth winkte mit matter, ungläubiger Gebärde ab. »Es tut mir leid, Herr Kaubisch, aber nach der Art, wie die Marke abhanden gekommen ist, wird sie sich nicht wiederfinden und würden Sie uns morgen die Nachricht zukommen lassen müssen, daß alle Ihre Bemühungen vergeblich waren. Die Folge davon wäre indessen, daß jeder von uns, vielleicht sein ganzes Leben lang unter dem schändlichsten Verdacht zu leiden hätte. Nein, meine Herren, nach meiner Ansicht haben wir nicht nur die uns durch den gewaltigen Vermögenswert der Marke auferlegte Pflicht, uns durchsuchen zu lassen, sondern wir haben auch das Recht, in unserem eigenen Interesse diese Durchsuchung zu verlangen. So widrig und schmachvoll sie an sich ist, wird sie das Verdienst haben, ja das einzige Mittel sein, unsere Ehre wiederherzustellen und uns von dem Verdacht, der auf jedem von uns lastet, zu reinigen. Glauben Sie denn, die leidige Sache könnte verborgen bleiben? Gewiß nicht! Und wenn wir uns ehrenwörtlich verpflichteten, Stillschweigen zu bewahren, muß sie schon aus dem Grunde offenkundig werden, weil Herr Kaubisch nicht mehr in der Lage ist, Interessenten, die sicherlich bei ihm vorsprechen werden, die Marke zu zeigen. Ganz allein, wenn diese unangenehme Maßregel von Erfolg begleitet ist, wie ich bestimmt erwarte, können wir hoffen, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Derjenige aber, der die Güte und das Vertrauen unseres allseits verehrten Herrn Kaubisch in so schändlicher Weise mißbraucht und uns alle in diese schmähliche Lage gebracht hat, verdient auch – darüber werden wir alle einig sein und wird ein Zweifel nicht bestehen können! – keinerlei Schonung ... Habe ich recht oder unrecht?«

Eine erregte, kurze Auseinandersetzung entstand.

Eigentlich konnte sich niemand der Richtigkeit dieser Ausführungen Kruths verschließen und so zeigte sich, daß weitaus die Mehrheit der Anwesenden ihm zustimmten. Nur Kaubisch selbst verwahrte sich immer noch entschieden gegen das Ansinnen Kruths und einige andere schlossen sich ihm an.

»Ich kann nicht glauben, daß einer von uns imstande wäre ...«

»Die Marke wird sich wiederfinden ...«

»Ich bin selbstverständlich bereit, aber ich halte es nicht für notwendig ...«

So und ähnlich lauteten die zögernden, halben Einwendungen, die man gegen das Verlangen der Durchsuchung hören konnte.

Einer von denjenigen, die sich ablehnend verhielten, war anscheinend auch Doktor Lessen. »Unsinn! ... Ich lasse mich doch nicht aussuchen wie ein Vagabund! ... Wenn es natürlich alle tun, will ich auch nicht ...«, knurrte er und beteiligte sich nicht weiter an der Auseinandersetzung, indem er zu erkennen gab, er sei an der Sache nicht interessiert.

Robert Bareis machte übrigens jedem weiteren Streit ein Ende, indem er vortrat und ebenso kalt, als bestimmt verlangte, daß man ihn durchsuche, denn er habe nicht Lust, sich als Verbrecher ansehen zu lassen.

Auf dies hin schlossen sich unter dem Schweigen Kaubischs auch die letzten Zögernden dem Verlangen Kruths mit widerwilligen und mißmutigen Gesichtern an.

Die Erregung war aufs höchste gestiegen.

Der so fröhlich begonnene Abend endete vorzeitig mit einem schneidenden Mißklang.

Noch einmal erhob Kruth seine Stimme. »Da ich den Vorschlag einer Durchsuchung gemacht habe, erbiete ich mich, das Einverständnis der Herren vorausgesetzt, die Durchsuchung auch auszuführen. Zuvor aber ersuche ich Herrn Bareis, bei mir selbst den Anfang zu machen.«

Er stellte sich vor Bareis, hielt die Arme steif vom Körper weg.

Jetzt machte Kaubisch noch einmal den Versuch, Kruth und Bareis abzuhalten. »Lassen Sie doch, ich bitte Sie inständig«, sagte er mit bewegter Stimme. »Lieber würde ich diesen großen Verlust tragen, als daß meine Gäste in meinem Hause solche Sachen erdulden müssen.« Da er aber sah, daß alles aus den von Kruth vorgebrachten Gründen gegen ihn war, mußte er sich fügen und erbat nur noch das eine, während der ihm überaus peinlichen Prozedur abtreten zu dürfen. »Ich kann das nicht mitansehen«, sagte er. »Herr Kruth wird die Güte haben, mich von dem Ausgang, der in meinen Augen unzweifelhaft ist, in Kenntnis zu setzen.«

Er war, man sah es, tief erschüttert, daß dergleichen in seinem Hause geschehen konnte, an einem Abend, der ihm und den Geladenen frohe Laune und heiteren Lebensgenuß hätte bieten sollen. Mit leisen Schritten verließ er seine Gäste, ging durch den hohen Speisesaal und betrat das Musikzimmer.

Der Flügel stand aufgeschlagen in der Mitte dieses Zimmers, aber kein Mensch kümmerte sich mehr um das prächtige Instrument. Frau Margarete Kaubisch stand unter den anderen Frauen mit allen Zeichen der Bestürzung und überall sah man die gleichen beklommenen Mienen, denn es war nicht verborgen geblieben, daß drüben im Herrenzimmer ein unliebsames Vorkommnis sich ereignet habe, ohne daß man sich vorstellen konnte, was es war. »Man gab mir einfach keine Auskunft ... Man hat mich direkt aus dem Zimmer gewiesen«, klagte Frau Margarete. »Einer der Herren muß etwas verloren haben, denn sie suchten überall herum und alles war bestürzt ... Ach, da kommt ja mein Mann«, setzte sie erleichtert hinzu, »jetzt wird sich die Sache aufklären und sie haben wohl das Verlorene gefunden.«

Als Leonhard Kaubisch hereinkam, wandten sich alle sorgend und mit neugieriger Frage nach ihm um. Frau Margarete trennte sich von ihrer Umgebung und trat eilig auf ihn zu.

Sie erkannte sofort, daß das Unheil keineswegs behoben sein mußte, denn sein Gesicht war tiefernst und wieder von leichter Blässe bedeckt. Er bezwang offenbar seine Erregung nur mit Mühe.

»Aber lieber Mann ... ich weiß gar nicht, was ich denken soll ... So erkläre mir doch ...«

Während die anderen Frauen in banger Neugier nach ihm sahen, raunte er ihr etwas zu.

»Leonhard! Ich bitte dich um alles in der Welt! Was sagst du?« rief sie empört und zugleich erschrocken, auch so laut, daß es alle hören konnten. »Gestohlen? ... In unserem Hause? ... Einer der Gäste? ... Das ist doch nicht möglich!«

Nun hielten sich die übrigen Frauen nicht mehr länger zurück. Sie drängten sich um die beiden.

»Wie? Was?«

»Was ist geschehen?«

»So erzählen Sie doch! Das geht uns doch alle an!«

Kaubisch sah aus, als wäre er der Schuldige. Er war völlig verstört, als er den Vorfall erzählte. Er schämte sich, daß solches in seinem Hause, an seinem Gesellschaftsabend vorkommen konnte, während er gleichzeitig über den Verlust eines Stückes, an dem sein Herz hing, außer sich geriet und über den unbekannten Täter, der seine Gastfreundschaft so schändlich mißbrauchte, empört war. Auch war der Vermögensverlust ein solch großer, daß selbst er, der reiche Kaubisch, dagegen nicht mehr gleichgültig sein konnte.

»Das ist doch gar nicht möglich«, wiederholte Frau Margarete, aber man hörte aus dem Zittern der Stimme den Schrecken und auch den Unwillen heraus. »Du selbst und die anderen Herren, ihr habt euch ganz einfach getäuscht.«

Sofort stimmten ihr auch die anderen Frauen bei, ebenso verlegen, bestürzt und empört, wie drüben im Spielzimmer ihre Männer.

»Die Marke ist einfach vom Tisch heruntergefallen«, fuhr Frau Margarete fort. »Man hat sie versehentlich heruntergestreift. Morgen, bei Tageslicht, wenn das Zimmer aufgeräumt wird, wird sie sich wiederfinden.«

Kaubisch zuckte die Achseln. »Man wird sie nicht finden«, erklärte er einfach. »Die Marke ist ja in einer Kapsel, und so klein diese ist, hätte sie leicht gefunden werden müssen, wenn sie nur irgendwo vom Tische gefallen wäre. Und wenn man die Marke nicht gefunden hätte, falls sie jemand aus der Kapsel genommen haben sollte, hätte man doch wenigstens letztere finden müssen ... Du übersiehst auch, daß die Marke schon nach ein paar Minuten vermißt wurde. Es kann gar nicht anders sein, sie ist gestohlen.«

Er hielt, trotz seines eigenen Jammers, überrascht inne und sah seine Tochter Beate an. »Fühlst du dich nicht wohl, Beate?«

Tatsächlich hatte Beate die Farbe gewechselt und ihre kleine Hand zitterte, während sie schweigend und wie unschlüssig die zierlich gestickte Decke eines Tischchens, die sich verschoben hatte, zurechtrückte.

Sie sah nicht auf. »Ich bin nur erschrocken«, erwiderte sie jetzt mit umflorter Stimme. »Es kam so überraschend und es ist so aufregend, über solche Sachen zu reden ... Wenn ich übrigens alles so sicher wüßte, wie das, daß die Marke wieder zum Vorschein kommt, wäre ich froh«, fügte sie übellaunig hinzu. »Ich verstehe nicht, wie man wegen einer einzigen Briefmarke ein solches Aufhebens machen kann.«

Leonhard Kaubisch sah seine Tochter mit steigender Verwunderung an, in die sich deutlich der Zorn mischte. »Du vergißt, mein Kind«, sagte er, sich sofort wieder fassend, da er die Augen aller Frauen auf sich gerichtet sah, »daß ich für diese einzelne Briefmarke vor wenigen Wochen hunderttausend Mark bezahlt habe. Wenn man dies bedenkt, wird man verstehen, daß ich besorgt bin.«

Ein verlegenes Schweigen trat ein. Niemand wußte, was man darauf antworten, was man tun sollte. Alle standen bestürzt, mit unschlüssigen Gesichtern, und doch war die Luft mit Spannung geladen.

In diesem Augenblicke ertönten vom Spielzimmer her Schritte.

Cajetan Kruth trat ein.

Er war kalt, ruhig, gemessen, wie immer.

»Ich muß gestehen«, begann er, »die Sache wird immer rätselhafter. Die Aufklärung liegt ferner, denn je ... Die Durchsuchung – und ich kann versichern, ich habe es genau genommen! – ist völlig ergebnislos geblieben.«

Das Ehepaar Kaubisch atmete wie erleichtert auf. »Gott sei Dank«, sagten beide, wie aus einem Munde.

»Ich kann mir gar nicht vorstellen«, fügte Leonhard Kaubisch hinzu, »was geschehen wäre, wenn ...« Er vollendete den angefangenen Satz nicht.

Kruth legte die Stirne in düstere Falten. »Leider kann ich Ihnen in ihren Dankgefühlen nicht beistimmen«, erklärte er. »Wie die Sache jetzt steht, ist uns nicht geholfen. Es geht mir, wie unserem gemeinschaftlichen Freunde Bareis und den übrigen Herren. Es ist und bleibt ein höchst peinliches Vorkommnis, ein schändliches Vorkommnis, das ganz unerhört ist, an jedem einzelnen von uns bleibt ein infamer Verdacht hängen, wenn die Marke nicht beigebracht wird, auf mir, wie auf Bareis oder einem anderen der Herren ... Ich möchte deshalb noch einen letzten Versuch machen, wenn Sie mit mir kommen wollen, Herr Kaubisch. Es ist mir ein Gedanke aufgetaucht, der, wenn er auch nicht unser aller Ehre wiederherstellt, doch möglicherweise dazu führt, Ihren Verlust wieder gutzumachen.«

Sofort begaben sich die beiden Männer in das Herrenzimmer zurück, während die Frauen, erregt zusammen flüsternd, scheu und ratlos zurückblieben. Man hörte die leise, ängstliche Frage einer einzelnen heraus: »Gestohlen? ... Hunderttausend Mark?«

Drüben im Spielzimmer stand man noch in derselben peinlichen Verlegenheit herum, in der sich die Gesellschaft seit der Entdeckung des Abhandenkommens der kostbaren Marke befand.

Keiner wußte, was man anfangen sollte.

Als Kruth mit Kaubisch hereinkam, wandten sich die Herren ihnen mit gedrückter Miene zu, manche in der leisen Hoffnung, Kaubisch könnte die Marke irgendwo aufgefunden haben.

Aber sogleich erkannten sie, daß es nicht der Fall war. Kruth trat vor. »Meine Herren«, erklärte er unter beinahe feierlichem Schweigen der übrigen, »ich erlaube mir, Ihnen noch einmal einen Vorschlag zu machen, der Ihnen etwas absonderlich vorkommen mag, der aber meiner Ansicht nach das letzte und einzige Mittel ist, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden und einen Erfolg herbeizuführen, das heißt, die Marke wieder beizubringen.«

Man trat näher, sammelte sich um ihn, und doch konnte man bei genauerer Beobachtung bemerken, wie sich ein jeder von dem andern getrennt hielt. Das gegenseitige Mißtrauen war schon allgemein geworden. Die ernsten, mißmutigen Gesichter ließen erkennen, daß man wenig Hoffnung dafür aufbrachte, was Kruth noch vorschlagen werde.

»Vor einigen Jahren«, fuhr dieser fort, »ist einmal in Budapest etwas Ähnliches vorgekommen. In bester Gesellschaft, wie ich mir sagen ließ. Ein sehr wertvoller Solitär kam abhanden. Wissen Sie, wie man sich geholfen hat? In dem nächsten Zimmer wurde ein Tisch und eine leere Urne aufgestellt. Ein Gast um den andern verabschiedete sich von dem Hausherrn, begab sich, ohne Zeugen, in das Zimmer, trat an die Urne, griff hinein und verließ, ganz allein, das Haus ... Derjenige, der dieses Verfahren vorschlug, war kein schlechter Kenner der menschlichen Seele. Wie der Hausherr als letzter in das Zimmer trat, fand er den vermißten Solitär in der Urne. Ich stelle deshalb den Antrag, daß wir das gleiche tun und noch einmal den Versuch unternehmen. Ich bin überzeugt, derjenige unter uns, der sich eine Verirrung hat zuschulden kommen lassen, bereut jetzt schon seinen Fehler, den er in einem Augenblick des Selbstvergessens, der Unüberlegtheit begangen hat. Bauen wir ihm eine Brücke und gehen wir ihm an die Hand, ohne die Gefahr einer Bloßstellung, der Selbstvernichtung, seinen Fehler, das schwere Unrecht wiedergutzumachen, das er einem gastlichen Hause zugefügt hat, einem Hause, in dem er nur Gutes genossen hat. Dann soll auch der Gedanke an das Geschehene bei uns ausgelöscht sein. Wir geben uns gegenseitig das Wort, nicht mehr davon zu reden und den Vorfall als ungeschehen zu betrachten, und wir werden nur um die Erfahrung reicher sein, daß keiner von uns Sterblichen vor menschlicher Schwäche sicher ist und daß wir keinen Grund haben, selbstgefällig zu sein.«

Ein vielfaches, beifälliges, fast wie eine Erlösung sich anhörendes Murmeln folgte seinem Rat. Der Vorschlag, so unerwartet, so überraschend er gekommen war und so eigenartig und seltsam er im ersten Augenblicke erscheinen mochte, schuf neue Hoffnung.

Die Gesichter hellten sich ein wenig auf. Selbst Kaubisch sah wieder zuversichtlicher aus. Er dankte Kruth flüsternd, drückte ihm die Hand.

Sogleich öffnete er das nächste Zimmer. Man sah das Licht aufleuchten und hörte, wie Kaubisch erregt und hastig mit eigener Hand die nötigen Vorkehrungen traf, einen Tisch in die Mitte des Zimmers brachte und eine muschelähnliche Majolikaschale herbeitrug, die er auf den Tisch stellte.

Nach kurzer Zeit kehrte er, stark atmend, zurück. »Meine Herren«, sagte er, als wäre er froh, der unglücklichen, unleidlichen Lage ein Ende machen zu können, »es ist alles bereit, es wird sonst niemand mehr dieses Zimmer betreten. Die zweite Türe nach dem Flur ist offen. Ihre Damen werden Sie drüben in dem zur Kleiderablage bestimmten Raume abholen können. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und wiederhole meine Bitte, die Unannehmlichkeiten dieses Abends, an denen ich mit meinem Willen keine Schuld trage, mich nicht entgelten zu lassen. Es würde mich außerordentlich betrüben, wenn Sie mein Haus meiden würden. Morgen in aller Frühe werde ich Sie von dem Weiteren in Kenntnis setzen, sie können sich darauf verlassen.«

Er schwieg. Sogleich trat Robert Bareis auf ihn zu, drückte ihm schweigend zum Abschied die Hand und betrat das Zimmer, dessen Türe er hinter sich zumachte. Und nun folgte einer nach dem andern seinem Beispiele, sobald man die äußere Türe nach dem Flur gehen hörte und sich überzeugte, daß der Vorgänger, der nach der Vereinbarung sich einige Minuten aufhalten mußte, das Zimmer, das zum Begräbnis des bedauerlichen Geheimnisses dienen sollte, verlassen hatte.

Als letzter ging Theodor Andersen.

Man hörte am Tor des Hauses und auf der Straße, wie die Wagen der Gäste sich entfernten.

Bald war alles still.

»Leonhard!« ertönte die klagende Stimme Frau Margaretes aus dem Musikzimmer. »Wo bleibst du denn? Ich bin allein.«

»Ich komme sofort«, rief Kaubisch. Dann betrat er eilig, mit fieberhaft geröteten Wangen, erst das nächste, geheimnisvolle Zimmer. Er beugte sich über die große und tiefe, auf dem Tische aufgestellte Majolikaschale und griff hinein, ließ seine Hand vorsichtig, dann schneller über den Boden der bauchigen Schale hin und her gleiten.

»Nichts!« seufzte er in stiller ergebungsvoller Resignation. »Nichts! ... Man konnte es sich denken!«

Die Schale war leer.

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