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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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3.

Vierzehn Tage später war im Hause Kaubisch eine der üblichen Abendgesellschaften in vertrautem Kreise. Sie bestand aus etwa fünfundzwanzig Personen; es überwogen aber, wie immer bei solchen etwas zwanglosen Veranstaltungen Kaubischs, die Männer bei weitem.

Unter ihnen war auch Cajetan Kruth, der Assessor Theodor Andersen und der Doktor Lessen. Dagegen hatte der Staatsanwalt von Hennings zum großen Leidwesen von Frau Margarete Kaubisch wegen dringender Geschäfte eine Absage erteilt.

Obwohl die Einladung zu einem »einfachen Abendessen« erging, war die Tafel glänzend ausgestattet.

Leonhard Kaubisch hatte dereinst das Haus nach einem selbstentworfenen Plane erstellen und dabei ein besonderes, von kleineren Nebenräumen umgebenes Gesellschaftszimmer, hoch und geräumig, das nun seine Bestimmung in vorteilhafter Weise erfüllte, einbauen lassen.

Man glaubte, sich in eines der kleinen Lustschlösser der Rokokozeit versetzt. Die nach außen in den Garten führende Wand wies sechs nicht sehr breite, aber der Gestaltung des Zimmers entsprechend hohe Fenster auf. Geraffte Vorhänge aus weißer Seide, die von lang und schwer herabfallenden samtenen Übervorhängen rostroter Tönung bekleidet waren, verhüllten jetzt, zur Abendzeit, die Fenster. Zwei reichverzierte, von Gold und Kristall funkelnde riesige Kronleuchter erhellten den Raum, und ihr Licht wurde von den deckenhohen, mit den Fenstern abwechselnden geschliffenen Pfeilerspiegeln vervielfacht zurückgeworfen.

Auch die sorgfältig gedeckte Tafel gleißte von Silber und Kristall, und eine bunte Blumenpracht schuf den angenehmsten Gegensatz zu dem schneeigen Weiß der Tücher. Auch die Ecken und Nischen dieses so recht für feine und fröhliche Geselligkeit geschaffenen Raumes war in angenehmer und wirkungsvoller Weise mit prächtigen Blattpflanzen ausgestattet, welche die vornehme Behaglichkeit dieses Prunkzimmers erhöhten.

Kaubisch saß am unteren Ende der Tafel, von dem aus er alles überblicken konnte. Er war in bester Laune und lachte und scherzte mit Doktor Lessen. – Lessen sah heute, sauber rasiert und sorgfältig gepflegt und gekleidet, ganz anders aus als kürzlich in dem Eutinschen Kaffeehause, und suchte auf die Angriffe Kaubischs seine Verdrießlichkeit durch ein erzwungenes Lächeln zu verbergen.

Leonhard Kaubisch hatte die Rede wieder auf die ersteigerte älteste Briefmarke der Welt, die nun tatsächlich in seinen Besitz übergegangen war, gebracht. Er wußte, daß Doktor Lessen sich noch heute von Neid und Ärger nicht frei machen konnte und den Schmerz über den Verlust dieses Kleinodes noch keineswegs verwunden hatte.

»Wissen Sie, Herr Kaubisch«, gab Doktor Lessen zur Antwort, »ich kann nicht leugnen, daß ich zuerst recht verdrießlich, recht böse war, über diesen Fremden, den Herrn Magnus, über Sie, der Sie mir die Marke wegschnappten, über mich, weil ich mich überhaupt auf diesen Handel eingelassen hatte, über die ganze Welt, die schuld war, daß ich mir den Besitz der Marke versagen mußte. Aber nach und nach bin ich zu einer besseren Einsicht gekommen, habe ich die Überzeugung gewonnen, daß ich gar keinen Grund hatte, ärgerlich zu sein und gar Ihnen den Besitz der Marke nicht zu gönnen. Diese Briefmarke wäre mir nicht zum Nutzen, nicht zur Freude gewesen, sie wäre mir mit ihrem ungeheuerlichen Werte eine Quelle steter Beunruhigung geworden, sie hätte meine Nerven kaputt gemacht, meine Gesundheit, die sowieso schwach ist, vollends erschüttert. Ich hätte keine Nacht mehr ordentlich geschlafen, ich wäre beim geringsten Geräusche aufgewacht, fortgesetzt hätte mich der Gedanke geplagt, es könnten Einbrecher kommen, Diebe könnten mir, der ich allein bin, den kostbaren Besitz rauben, mich vielleicht gar umbringen. Ich würde nachts alle Augenblicke aufgestanden sein, ich kenne mich in dieser Beziehung sehr wohl, um zu sehen, mich zu überzeugen, ob die Briefmarke noch vorhanden sei, ob sie nicht vertauscht oder beschädigt wurde, ob die Marke nicht sonst, durch Feuchtigkeit, durch Licht, durch weiß nicht was, Schaden erlitten habe, kurz, ich glaube, ich wäre darüber noch verrückt geworden ... Das alles habe ich jetzt los, nachdem sie ein anderer gekauft hat, das alles überlasse ich jetzt mit heimlicher Schadenfreude dem glücklichen Besitzer namens Leonhard Kaubisch.«

Kaubisch brach in ein herzliches Lachen aus, daß die Spitzen seines weißen, wohlgepflegten Bartes erzitterten. Er lehnte sich behaglich auf seinem Stuhle zurück. »Machen Sie doch keine Flausen, mein Bester. Das soll ich Ihnen glauben? Sehen Sie, ich weiß ganz gut, wie es bei Ihnen in Wirklichkeit steht und was Sie denken. Aber da Sie wieder zu sich gekommen und vernünftig geworden sind, werde ich Ihnen gelegentlich als Ersatz etwas anderes dafür verehren, falls Sie es noch nicht besitzen. Zum Beispiel die Braunschweig braun ein Groschen, Jahrgang 1867, habe ich dreifach. Es ist ja keine Britanniamarke, aber immerhin ein schönes Stück, das nicht jeder besitzt ... Machen Sie sich meinetwegen keine Sorge, das würde mir leid tun. Ich, Kaubisch, schlafe unbekümmert und rege mich auch sonst nicht auf, Sie dürfen beruhigt sein. Schon eine einfache, nüchterne Erwägung wird mir recht geben. Die Herrn Verbrecher wissen Besseres, Rentableres zu stehlen, als eine Briefmarke, deren großen Wert nur ein Sachverständiger, ein wahrer Kenner und richtiger Sammler begreift. Was soll der Einbrecher mit einer Marke, die für ihn persönlich nicht den geringsten Wert hat, die ihm nur durch Veräußerung etwas einbringen würde, die er aber nur mit größter Gefahr und unter ganz seltenen Umständen verkaufen könnte. Denn da, was jeder Kenner weiß, die Marke nur einmal existiert, weiß ja jedermann, daß sie gestohlen sein muß und daß derjenige ein Verbrecher ist, der sie ihm anbietet ... Nein, nein, Herr Doktor, der Besitz dieser einzigartigen Marke wird mir niemals die Nachtruhe rauben.«

Lessen nagte mit den Zähnen an der Unterlippe, ein schielender Blick streifte die starke Gestalt Kaubischs und den Bruchteil einer Sekunde lang leuchtete es seltsam in seinen Augen. »Seien Sie nicht zu vertrauensselig, Herr Kaubisch«, erwiderte er. »Das hat sich noch immer gerächt. Der Wert der Marke ist durch Zeitungsberichte ganz allgemein bekanntgeworden. Was Sie da über die Unmöglichkeit sagen, sie wieder an den Mann zu bringen, ist nicht richtig. Das, was Sie soeben vorbrachten, trifft bei allen Kostbarkeiten jeder Art zu, bei allen Kunstwerken. Denken Sie an Gemälde, an die Mona Lisa, die auch gestohlen wurde, trotzdem sie einmalig ist und viel schwerer zu verbergen war als eine Briefmarke. Und Sie vergessen ganz die vielen Sammler, die die Marke gar nicht mehr veräußern wollen, sondern sich nur ihres Besitzes erfreuen. Denken Sie an die gestohlenen Raritäten der Bibliotheken ... Wo haben Sie denn Ihr Prunkstück aufbewahrt, daß Sie so guten Mutes sind?« »Vorerst sicher genug«, gab Kaubisch zur Antwort, und man konnte meinen, es rege sich in ihm ein gewisser Verdacht und vermeide er es, hierüber Genaueres zu sagen, »aber ich werde mir überlegen, wo ich Sie künftig unterbringe. Sie haben ja insoweit recht, als ich es nicht jedem unter die Nase binden werde, wo sie ist ...«

Cajetan Kruth hatte bisher, ohne sich einzumischen, der Unterhaltung schweigend zugehört und spielte nachlässig mit einem kleinen silbernen Löffel, den er im Lichte erglänzen ließ. Zuweilen lächelte er bei der Rede und Gegenrede der beiden stille vor sich hin. Dann besah er seine schlanken, wohlgepflegten Hände und sagte mit einem Male, ohne aufzusehen, scherzend: »Ich muß dem Herrn Doktor recht geben, Herr Kaubisch. Die Gefahr, die ein solcher Besitz mit sich bringt, ist nicht zu unterschätzen und gar nicht so klein. Auch trifft hier das Sprichwort zu: Vorgesehen ist besser, als nachbedacht. Ich verspreche Ihnen, Herr Kaubisch, daß ich die Marke, wenn ich sie einmal bei Ihnen zufällig unverschlossen herumliegen sehe, mitnehmen werde. Also hüten Sie sich!«

Alle lachten, aber Kaubisch, dessen gute Laune sich mehr und mehr steigerte, erwiderte: »Sehr gut, sehr gut, Herr Kruth! Sie wären doch auch ein offener, anständiger Dieb! Wenn mir also die Marke einmal gestohlen wird, so weiß ich doch, wo ich sie zu suchen habe.«

Beate Kaubisch, die auf Verlangen ihres Vater von Cajetan Kruth sich hatte zu Tisch führen lassen, saß wortkarg am Tische, wenn schon sie zu gut erzogen war, um ihrem Mißmut offenen Ausdruck zu geben. Fast jedermann wußte, daß sie den Assessor Theodor Andersen, der viel weiter unten am Tisch saß, liebte und nur ihren Eltern schien dies zu entgehen.

Nun war sie verdrießlich, weil ihre Absicht, den Assessor wenigstens in ihre Nähe zu bekommen, vereitelt war, und sie schützte Kopfweh vor. Während sich die Männer in einer ihr unverständlichen Weise um diesen ihr völlig gleichgültigen Besitz der Britanniamarke herumzustreiten schienen, warf sie heimlich sehnsüchtige, liebende Blicke nach Theodor Andersen, die dieser erwiderte, und sie erzählten sich, mit der Sprache der Augen, ihren Kummer und ihr Hoffen.

Um die Sache nicht auffällig zu machen und die Aufmerksamkeit des Vaters oder der Mutter auf sich zu ziehen, mischte sich Andersen jetzt ebenfalls in das Gespräch mit Kaubisch und gab ein Interesse kund, das er in Wirklichkeit kaum besaß. »Bitte, Herr Kaubisch, zeigen Sie uns doch diese berühmte Marke«, sagte er laut, sich vorbeugend, um sich an der langen Tafel verständlich zu machen. »Wenn so viel von ihr die Rede ist, möchte man sie auch einmal sehen.«

Leonhard Kaubisch hörte dies gern. Die Gelegenheit, sich dieses Besitzes zu rühmen, war ihm willkommen. »Aber mit Vergnügen, Herr Assessor«, erwiderte er. »Sobald die Tafel aufgehoben wird, wollen wir das Stück besichtigen. Wer nur ein bißchen von der Briefmarkenkunde versteht, wird seine helle Freude daran haben, denn es ist ein Prachtexemplar.«

In diesem Augenblick ließ sich an einer andern Stelle der Tafel helles Gelächter hören.

Dazwischen hörte man eine Stimme, die eifrig fragte: »Und ist das wirklich wahr? Sie machen bloß einen Witz, Herr Hilpert?«

Darauf erwiderte der mit Hilpert Angeredete ebenso eifrig: »Ich versichere Ihnen, es ist Wort für Wort wahr, ich habe es aus bester Quelle erfahren.«

Leonhard Kaubisch freute sich, daß seine Gäste fröhlich waren und sich gut zu unterhalten schienen, und wurde neugierig. »Ei, Herr Hilpert«, rief er die Tafel hinunter, »was gibt es denn so Heiteres? Dürfen wir hier oben es auch hören? Erzählen Sie es noch einmal, wir möchten auch gerne mitlachen!« Und zu seinen Nebensitzern bemerkte er: »Geben Sie Obacht, was Hilpert wieder auspackt! Er weiß immer das Neueste.«

Oskar Hilpert mit seinen verliebten Augen hatte gerade eine Anekdote zum besten gegeben, laut der ein bekannter Geizhals, der übrigens zu den angesehensten Bürgern der Stadt gehörte und der eine schöne Tochter besaß, von dieser gezwungen wurde, seine Einwilligung zu einer ihm durchaus nicht angenehmen Heirat mit einem Leutnant zu geben, gegen den zwar persönlich nichts einzuwenden war, von dem man aber wußte, daß er keinerlei Vermögen besaß und auf sein Gehalt angewiesen war. »Seit einigen Tagen spricht man davon in der ganzen Stadt«, sagte Hilpert. »Nun muß der Herr Papa mit seinen Moneten herausrücken und sich dazu noch den Anschein geben, als ob alles mit seinem völligen Einverständnis geschehen wäre ... Kein Mensch hätte geglaubt, daß das schöne Töchterchen so raffiniert ist.«

»Und die Hauptsache, wie hat sie es fertiggebracht?« fragte Kaubisch.

Hilpert lächelte zufrieden über die Neugier, die er in den Gesichtern las. »Sie werden es mir nicht glauben wollen, aber es ist alles von A bis Z wahr. Eigentlich war es recht einfach, das Mittel. Aber ich muß vorausschicken, daß die junge Dame nicht bloß sehr schön ist, wie Sie wohl alle zugeben werden, und raffiniert, wie ich soeben behauptete und wie Sie gleich selbst sehen werden, sondern trotz ihrer Jugend auch äußerst energisch. Da sie ihres Vaters Jawort im Guten nicht erhielt und alles Bitten und alle Tränen vergeblich waren – die Mutter lebt bekanntlich nicht mehr – bemächtigte sie sich des Schlüssels zum väterlichen Kassenschranke, der, wie man weiß, allerlei enthält, entnahm ihm ein Kästchen mit Juwelen, die des Vaters ein und alles waren und die er bisher wie ein Drache gehütet hatte, verbarg es und erklärte dem erbosten und entsetzten alten Herrn, bevor er nicht die verlangte Einwilligung gebe, gebe sie die Juwelen nicht heraus. Sie lasse sich lieber töten, als daß sie verraten würde, wo das Kästchen verborgen sei. Es half auch alles Bitten und alles Drohen nichts, und da der Herr Papa seine Tochter kannte, so blieb ihm nichts übrig, als nachzugeben.«

Alles lachte, denn Hilpert wußte mit solcher Drolligkeit und solchem Leichtsinn vorzutragen, daß der Geschichte jeder häßliche Hintergrund genommen schien. Man hätte glauben können, eine der schalkhaften italienischen Novellen des Mittelalters zu hören, statt eines vermutlich recht ernsthaften modernen Familienzwistes.

Auch Beate Kaubisch hatte aufmerksam zugehört und zeigte, zum ersten Male an diesem Abend, ein vergnügtes Lächeln. »Ihre Geschichte ist wirklich gut«, sagte sie, zu Hilpert gewendet. »Es hat sich darüber mein Kopfweh verloren. Ich bewundere und lobe mir ihre schöne junge Dame und gönne dem Herrn Papa, daß ihm das passiert ist. Möge es allen bösen, hartherzigen und strengen Vätern ergehen wie ihm.«

Kaubisch schüttelte leicht den Kopf. »Aber mein liebes, gutes Kind«, erwiderte er mit komischem Ernste, »du entwickelst mir da eine saubere Moral, die mich in Erstaunen setzt und die ich keineswegs billige, obwohl ich, wie ich glaube, nicht zu den hartherzigen Vätern zu rechnen bin. Herr Hilpert, Sie verderben mir meine Tochter. Mit solchen Erzählungen muß man vorsichtig sein. Was Sie da, natürlich im Scherze, erzählten, hat meiner Tochter, wie Sie sehen, so gefallen, daß sie imstande ist, mir auch einmal dergleichen Streiche zu spielen. Nur schade«, fügte er lächelnd hinzu, »daß bei mir eine Hauptsache dieser, wenn auch nicht drolligen, so doch drollig erzählten Geschichte nicht stimmt, weil Gold und Juwelen keinen ernstlichen Einfluß auf meinen Willen auszuüben vermögen. So sehr hängt mein Herz keineswegs an ihnen. Eher wäre bei mir etwas zu erreichen und wäre ich«, fuhr er nun wirklich ernsthaft werdend fort, »geneigt, aus Bewunderung über die Kühnheit eines Mittels oder die bei einem solchen Anschlage sich offenbarende Klugheit nachzugeben. Denn Wagemut und überlegener Verstand haben für mich etwas Bestechendes. Aber was die junge Dame gemacht hat, von der die Rede war, ist weder kühn noch klug, sondern ganz einfach ... ungezogen, wenn man den Ausdruck Diebstahl und Erpressung vermeiden will.«

Dagegen verteidigte Beate die Getadelte mit wahrem Eifer und großer Lebhaftigkeit, und dies gab ihrem feingeschnittenen, schönen Gesicht mit den jetzt geröteten Wangen einen neuen Reiz, der Andersen entzückte. Da es ihm aber schien, als würde sich tatsächlich ein Zwist zwischen Vater und Tochter erheben, wollte er vorbeugen und sagte: »Gewiß ist die Geschichte des alten ägyptischen Königs Rhampsinit und seiner Tochter wesentlich origineller, und seine Handlungsweise entbehrt, obwohl sie ungewöhnlich und unserem Empfinden nicht entsprechend ist, deshalb auch unseren Widerspruch herausfordert, doch nicht einer gewissen Größe des Denkens.«

Niemand schien diese neue Geschichte zu kennen, auch Kaubisch nicht, und da sie alle Theodor Andersen lächelnd und erstaunt ansahen, fuhr er fort: »Ich kam nur durch die Worte des Herrn Kaubisch darauf, im übrigen bin ich ein schlechter Erzähler und erinnere mich auch der Einzelheiten nicht mehr ... Herr Lessen, Sie als Gelehrter und Doktor der Philosophie müssen sie genauer kennen und auch besser wiederzugeben verstehen.«

Dr. Lessen nahm sich ein Stück Torte, gerade als ob er seine Verlegenheit verbergen wollte. »Was wollen Sie denn von mir, Herr Andersen?« sagte er mürrisch und mit unfreundlichem Blick. »Lassen Sie doch mich in Ruhe, woher soll ich diese Geschichte kennen?«

Andersen schien etwas erstaunt über diese fast schroffe Abweisung. »Nun ich dächte doch, Sie wären eigentlich am meisten kompetent und wüßten sie aus Herodot, dem Vater der Geschichte.«

Lessen errötete leicht. »Was geht mich Ihr Herodot an? Erzählen Sie lieber selbst. Ich bin gar nicht Altphilologe, sondern Physiker und beschränke mich auf das, was in mein Fach schlägt.«

»Zusätzlich der Briefmarkenkunde, Doktorchen, nicht wahr?« scherzte Kaubisch. Dann wurde er ungeduldig. »Nun wissen wir die Geschichte des Königs Rhampsinit immer noch nicht. Sperren Sie sich nicht so lange, Herr Andersen! Ob gut oder schlecht, die Hauptsache ist doch, zu erfahren, worauf Sie uns neugierig gemacht haben. Da Sie solch ein Gelehrter sind, so klären Sie uns arme Nichtwisser endlich auf!«

»Wie Sie wünschen, Herr Kaubisch«, erwiderte Andersen mit einer höflichen Verneigung. »Wie ich schon betonte, habe ich alle Einzelheiten der Erzählung nicht mehr im Kopfe. Ich weiß sie eben noch von meiner Schulzeit her. In der Hauptsache handelt es sich darum: Es war ein ungemein schlauer und kecker Dieb im Lande, der fortgesetzt die Schatzkammer des Königs Rhampsinit heimsuchte, sich die schönsten Schmuckstücke aussuchte und die kostbarsten Edelsteine herausholte, auch den aufgehäuften Goldschatz ganz empfindlich plünderte. Alle Schlösser und alle Riegel halfen nichts, alle ausgestellten Wachen hatten keinen Erfolg. Der König ließ kein Mittel unversucht, des Diebes habhaft zu werden, aber es war alles umsonst. Zuletzt setzte der König, aufs höchste erzürnt, aber auch aufs höchste erstaunt über die Klugheit des Diebes seine eigene Tochter als Preis aus für die Entlarvung des Täters. Aber nicht einmal das nützte etwas, selbst dieser köstliche Preis führte nicht zum Ziele, während die Schatzkammer, ein aus großen Quadersteinen erbautes Gewölbe, nach wie vor geplündert wurde, ohne daß man eine Spur des Eindringens des Diebes fand. Schließlich ließ der König öffentlich bekanntmachen, er gewähre dem Diebe Straffreiheit und gebe ihm selbst die Hand seiner Tochter, in der Erkenntnis, daß ein derartig kluger Mann, wie dieser Dieb sein mußte, kein unebenbürtiger Schwiegersohn zu nennen sei und als Prinzgemahl dem Lande sogar zur Zierde und zum Segen dienen könne. Und der König hielt sein Wort, als der Dieb sich jetzt tatsächlich meldete. Es war der Sohn des Baumeisters der Schatzkammer. Der Baumeister hatte auf der Rückwand des großen Baues zwei Quadersteine zum Herausnehmen gerichtet und auf dem Totenbett seinem Sohne das Geheimnis verraten. – So ungefähr«, schloß Andersen seine Erzählung, »wird die Geschichte sich verhalten, die der große griechische Geschichtsschreiber uns übermittelt hat.«

Alles hatte mit Interesse zugehört und alsbald erhob sich an der Tafel eine lebhafte Auseinandersetzung. Die einen fanden die Geschichte völlig unmöglich und wollten sie in das Gebiet der Poesie, des Märchens verweisen. Historisch soll das sein? »Gehen Sie mir weg, Herr Andersen, das ist eben eine alte Sage, wie wir sie auch haben.«

Andere gaben ihr Urteil dahin ab, daß diese Anekdote, falls sie wirklich einen historischen Hintergrund hätte, ein krasses Licht auf die vielgerühmte Kultur der alten Ägypter werfen würde.

Aber Kaubisch, der stets eine gewisse Sucht zeigte, originell zu erscheinen, erklärte mit lauter Stimme: »Dieser König Rhampsinit ist mir eine sympathische Persönlichkeit, denn seine Handlungsweise zeigt zur Genüge, daß er kein kleiner Geist war. Er ist in mancher Hinsicht zu bewundern. Er wußte sich freizumachen von dem Zwang der Etikette und des Vorurteils, Dinge, die ja doch nur dazu da sind, den Geist und den freien Willen zu knechten. Daß er es aber fertig brachte, bedeutete in diesen alten Zeiten nicht weniger als heutzutage.«

Oskar Hilpert und Robert Bareis, ein Gutsbesitzer aus der Umgebung, warfen sich verstohlene Blicke des Einverständnisses zu und verbargen ein spöttisches Lächeln. »Herr Kaubisch ist schnell fertig mit dem Wort«, sagte Oskar Hilpert leise. »Es käme auf die Probe an, wie er sich verhalten würde, wenn es zum Ernstfall käme. Ich bin noch nicht überzeugt, daß Herr Kaubisch Anlage zu einem König Rhampsinit hat.«

Auch die andern mochten ähnliche Gedanken haben, denn sie schwiegen auf Kaubischs Worte. Aber Beate, welche mit großer Aufmerksamkeit der Erzählung ihres heimlichen Geliebten gefolgt war und auch die spottenden Zweifel Hilperts gehört hatte, wandte sich mit großer Lebhaftigkeit an ihren Vater. »So wärest du imstande, Papa«, warf sie mit reizendem Schmollen ein, das von einem mutwilligen Lächeln gefolgt war, »mich, deine eigene Tochter Beate als Preis auszusetzen? Das wäre ja noch schöner!« Ihr Blick streifte bedeutsam Theodor Andersen, der zum Zeichen des Verstehens unmerklich nickte.

Kaubisch und die Umsitzenden brachen in ein heiteres Lachen aus, weil sich Beate über die Worte ihres Vaters derart entsetzte.

»Ich bin nicht Rhampsinit und nicht König von Ägypten«, sagte Kaubisch, und diese Antwort steigerte noch die Heiterkeit. »Du brauchst also vorläufig keine Angst zu haben.«

»Aha, Sie weichen schon zurück«, tadelte Cajetan Kruth. »Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht.«

»Im Gegenteil«, erwiderte Kaubisch, »ich bedaure, nicht ein Rhampsinit zu sein, um gleich ihm durch einen zweiten Herodot verewigt zu werden ... Beate, wäre das nicht hübsch, wenn dein Name und dein Ruhm dadurch in allen Geschichtswerken veröffentlicht würde?«

Bevor noch Beate eine Entgegnung fand, gab Frau Margarete Kaubisch, die ganz unten am Tische saß und glauben mochte, es sei an der Zeit, diesem unnützen Geplänkel zwischen Vater und Tochter ein Ende zu machen, das Zeichen, die Tafel aufzuheben.

Sogleich fand ein allgemeiner Aufbruch statt und die Damen folgten auf die Einladung ihrer Hauswirtin in das Musikzimmer, weil Martha Bareis, die Frau des Gutsbesitzers, die im Rufe stand, eine ausgezeichnete Pianistin zu sein, den Wunsch geäußert hatte, den vor einigen Wochen eingetroffenen Flügel zu erproben. »Mein Mann muß mir nämlich demnächst auch einen Flügel anschaffen«, erklärte Frau Bareis mit Betonung, »denn mit dem Pianino, mit dem ich mich bisher beholfen habe, komme ich nicht mehr aus.«

»Wenn die Kartoffelernte gut ausfällt, mein Liebling, und die Preise nicht zu sehr fallen, sollst du ihn haben«, erwiderte ihr Mann, der die Worte seiner Frau noch gehört hatte, lachend.

Da die Herren jetzt einige Zigaretten oder Zigarren zu rauchen wünschten, zogen sie sich in das auf der andern Seite des Speisesaals anschließende Spielzimmer zurück.

Dieser Raum war weniger breit, dafür aber sehr lang, ähnlich einer Halle, und war vollständig getäfelt. Selbst die Decke war auf die gleiche Weise in geschmackvollen Mustern mit Holz verkleidet. Auf schmalen Wandbrettern, welche die ganze Länge des Zimmers durchzogen, waren alte Zinngeräte, Teller, Kannen und Becher, auch seltsam geformte Krüge nebst einigen Trinkgläsern in bunten Farben aufgestellt. Kleine Rauch- und Spieltische standen hier und dort in dem langen Zimmer und bildeten mit den sie umgebenden Stühlen vereinzelte Gruppen.

Die auf den Tischen stehenden Lampen waren entzündet und verbreiteten mit ihren geblümten, seidenen Schleiern ein angenehmes, leicht gedämpftes Licht.

Pankraz, der seit einigen Monaten im Hause Kaubisch eingestellte Diener, ein noch junger, stattlicher Bursche mit glattrasiertem Gesichte, bot in einer kleidsamen und unaufdringlichen Livree, auf silberner Platte Liköre, Zigarren und Zigaretten an.

Die Gäste saßen oder standen zu dreien und vieren umher und bald war das hohe Zimmer von einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt, der sich in leichten Wölkchen um die Lampen hinzog.

Man scherzte und lachte.

Oskar Hilpert erzählte in seinem kleinen Kreise mit gedämpfter Stimme pikante Anekdoten.

Kaubisch, Kruth und der Direktor einer Genossenschaft sprachen über gewisse volkswirtschaftliche Probleme und verhandelten mit wichtiger Miene die Möglichkeit einer Ausfuhrsteigerung.

Nunmehr gesellte sich Assessor Andersen hinzu, der erkannt hatte, daß Kaubisch nur darauf wartete, seine neue Erwerbung vorzeigen zu können, und wiederholte seine sicherlich gerne gehörte Bitte, die vielbesprochene und berühmte Britanniamarke sehen zu dürfen.

Kruth und der Direktor stimmten lebhaft bei.

Sofort verlor sich aus Kaubischs Gesicht der nachdenkliche Ernst und er zeigte wieder die fröhlichste Laune. Da er tatsächlich nur auf diese Aufforderung gewartet hatte, erhob er sich und ging mit raschen Schritten zum Musikzimmer, öffnete die Türe und rief, während die Damen gerade das Instrument bestaunten und heimlich die Fingerspitzen über die Tastatur, das Ebenholz des aufgestellten Deckels gleiten ließen, nach seiner Tochter.

»Beate, die Herren wünschen die Marke zu sehen. Ich bitte dich, Beate, bringe sie mir geschwind herunter! Du weißt ja, wo sie ist ... Und nimm auch die Lupe mit!«

Man hörte die helle Stimme Beates: »Ja, Papa!« Dagegen zeigten die Damen, die offenbar kein Verständnis für diese Neugier der Herren aufbrachten, lachende Gesichter.

Sofort kehrte Kaubisch in das Spielzimmer zu seinen Gästen zurück und knüpfte das frühere Gespräch mit Kruth und dem Genossenschaftsdirektor wieder an.

Es dauerte nicht lange, so kam Beate mit leichten, anmutigen Schritten herein und die ganze Gesellschaft wandte sich ihr mit verbindlicher Aufmerksamkeit zu. »Wie hübsch die Herren es sich gemacht haben«, sagte sie freundlich, und ihre Augen suchten Theodor Andersen. »Versprechen Sie sich übrigens nur nicht zu viel von dem, was ich Ihnen bringe. Es ist eine Briefmarke, so gut wie jede andere, nicht einmal von besonderem künstlerischen Geschmack, und wenn man nicht gerade Leonhard Kaubisch heißt, wird niemand bei ihrem Anblick in Verzückung geraten.«

Kaubisch sah sich nach ihr um. »Du bist heute sehr keck, mein liebes Kind, und ich bitte mir mehr Achtung vor deinem Vater aus«, sagte er, aber um seine Mundwinkel zog sich ein heimliches Schmunzeln. Wohlgefällig blickte er auf seine schöne, elegante Tochter.

Der leichtsinnige Hilpert, der Damen gegenüber niemals um eine schöne Redensart, eine Schmeichelei verlegen war, nahm die Worte Beates auf. »Das bleibt sich gleich«, mischte er sich ein, »wie die Marke aussieht. Ich kann schon jetzt sagen, daß sie mich kalt läßt. Aber man wird durch den Anblick der Überbringerin reich entschädigt. Auf mehr erhebe ich keinen Anspruch und bin völlig zufriedengestellt.«

Beate errötete ein wenig, sah den Sprecher kühl an, während sie ihrem Vater achtlos die kleine, flache Kapsel überreichte, in welcher, an das Deckelglas gepreßt, die kostbare Marke auf samtner Unterlage ruhte. »Nehmen Sie sich in acht, Herr Hilpert«, erwiderte sie, »ich werde Ihre schönen Redensarten der Frau Hilpert überbringen. Ich glaube nicht, daß Frau Hilpert Ihre Ansicht teilt.«

Hilpert lächelte leichtsinnig, er verlor nie die Fassung.

»Ich habe keine Angst, gnädiges Fräulein. Machen Sie einmal die Probe. Meine Frau behauptet immer und ist nicht davon abzubringen, ich sei den Damen gegenüber nicht höflich genug und habe nicht genügend Lebensart. Noch gestern sagte sie zu mir: Du bist noch weit davon entfernt, ein Weltmann zu sein. Wenn Sie meiner Frau wiedererzählen, was ich gesagt habe und was doch vollkommen der Wahrheit entspricht, wird es vielleicht dazu beitragen, mich vor ihr zu rechtfertigen und in ein besseres Licht zu setzen. Zumal meine Frau auf Sie ganz gewiß nicht eifersüchtig sein könnte, weil sie Sie doch selbst auch bewundert, gnädiges Fräulein.«

Beate, der diese offene Huldigung keineswegs gefiel, namentlich nicht bei der Anwesenheit Andersens, hatte gerade eine Zurechtweisung auf den Lippen, als Kaubisch der Sache ein Ende machte. »Herr Kruth, Herr Kruth«, rief er, da dieser sich für einen Augenblick einer anderen Gruppe zugewendet hatte und ihrem Spiele zusah, »die Britannia ist hier. Kommen Sie, kommen Sie! Sie haben die Marke noch gar nicht in der Nähe gesehen! Betrachten Sie nur diese feine Arbeit, während auf der anderen Seite gerade dieser heutzutage veraltet anmutende Entwurf höchstes Interesse bietet.«

Cajetan Kruth beeilte sich, seinem Rufe zu folgen, nachdem er noch einem der Spieler schnell einen leisen Rat gegeben hatte, der erkennen ließ, daß er auch Meister dieses Spiels war, und nahm die ihm gebotene Kapsel, indem er sie behutsam mit den Fingerspitzen hielt und sorgfältig nach allen Richtungen beschaute, während Kaubisch mit ungeheuchelter, stolzer Freude ihn auf dies und jenes der Marke aufmerksam machte.

Nun vertieften sich beide in das für sie unerschöpfliche Thema. Andere kamen und betrachteten die Marke, die jetzt von Hand zu Hand wanderte, und ergingen sich aus Höflichkeit und, um Kaubisch einen Gefallen zu erweisen, in lauten Äußerungen der Bewunderung und des Staunens, obwohl ja fast alle kein wirkliches Interesse an der Marke besaßen und ihnen allein das eine als Merkwürdigkeit erschien, daß sie eine solch gewaltige Summe gekostet hatte. Nach kurzer Zeit gingen alle wieder an ihre Tische zurück und zu dem Gegenstande ihrer durch das Kreisen der Marke unterbrochenen Unterhaltung.

Man sprach, soweit nicht der Spieltisch in seine Rechte getreten war, über Politik, die Jagd, die Marktlage und andere alltägliche Fragen. Nur Lessen, der einzige, der außer Kaubisch und Kruth ein wahres Interesse an der Marke gezeigt hatte, stand in einer Fensternische und schien für sich allein seinen Gedanken nachzuhängen.

Er sprach mit keinem Menschen.

Beate hatte die Gelegenheit benützt, um mit Theodor Andersen zusammenzusein und sie führten, da sie sahen, daß Kaubisch immer noch mit Kruth in lebhafter Auseinandersetzung begriffen war, heimlich eine verliebte Unterhaltung, während sie sich Mühe gaben, niemanden von den Regungen ihres Herzens etwas merken zu lassen.

Aber sie hatten sich getäuscht. Kaubisch, dem nicht entgangen war, welche Gefühle Andersen für seine Tochter hegte, und nicht gerne sah, daß Beate mit ihm verkehrte, erhob sich, das Gespräch mit Kruth abbrechend, und sagte laut: »Beate, die Mutter wird auf dich warten und deine Hilfe benötigen, auch glaube ich, daß die Herren ein wenig unter sich zu sein wünschen.«

Er sagte es in einem Tone, der zwar verbindlich klang, aber einen Widerspruch nicht zuzulassen schien. Dann ging er, während Beate gehorsam, aber mit schlecht verhehlter Unzufriedenheit Andersen flüchtig die Hand reichte und das Zimmer verließ, in vollkommener Ruhe auf Robert Bareis zu.

Er hatte zuvor trotz der angeregten Unterhaltung mit Kruth einige Bruchstücke des Gespräches an dem nächsten Tische vernommen und gehört, daß Bareis, zweifellos in Beziehung auf die gewaltige Summe, welche Kaubisch auf den Besitz der kostbaren Marke verwendet hatte, mißbilligend von unbegreiflicher Verschwendung gesprochen hatte.

»Es ist keine Verschwendung, mein Lieber«, sagte er, »vielmehr eine nützliche Vermögensanlage. Ich habe das alles genau erwogen. Auf der einen Seite habe ich beachtliche steuerliche Vorteile, andrerseits kann ich die Marke jederzeit mindestens um den von mir angelegten Preis wieder verkaufen, denn sie wird mit den Jahren noch wertvoller, vermutlich aber könnte ich sogar noch einen nicht unbedeutenden Gewinn erzielen, der mich für den Ausfall an Zinsen reichlich entschädigte ... Notabene, wenn ich die Absicht hätte, die Marke wieder herzugeben, was aber keineswegs der Fall ist.« Während Bareis, einigermaßen verwirrt, weil seine Worte gewiß nicht für Kaubischs Ohren bestimmt waren, nach einer Entschuldigung suchte, wandte Kaubisch sich mit einer gutmütig abwehrenden Handbewegung den andern zu und sagte mit lauter Stimme, sich umsehend und an die ganze Gesellschaft wendend: »Übrigens darf ich wohl annehmen, meine Herrn, daß nunmehr jedermann die Marke gesehen hat. Ich bitte also, geben Sie mir jetzt meinen Schatz zurück! Nicht daß noch ein Unheil geschieht ... Mit solchen Dingen muß man vorsichtig sein«, scherzte er, seine Hand zum Empfang ausstreckend.

Sofort trat eine allgemeine Stille ein.

Die einzelnen Gruppen hörten auf zu sprechen, die Spieler hielten ein.

Einer sah den andern an. Erst ahnungslos, dann erstaunt, zuletzt betroffen, bestürzt.

Und mit einem Male entstand eine seltsame Aufregung, erhob sich ein verworrenes Rufen und Fragen.

»Die Marke? Wo ist die Marke?«

»Wo ist die Marke? Wer hat sie denn zuletzt in der Hand gehabt?«

Die Britanniamarke des Herrn Leonhard Kaubisch, die ihn noch vor kurzem einhunderttausend Mark gekostet hatte, war verschwunden.

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