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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
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2.

Assessor Theodor Andersen saß in seinem Lehnstuhle, hielt einen Brief in der Hand, den er nun schon zum zweitenmal durchgelesen hatte, und sah unfroh, völlig in seine schwermütigen Gedanken versunken, durch das offene Fenster zum Himmel auf, an dem immer von neuem große, graue Wolken auftauchten.

Der Lehnstuhl war eines jener billigen Geräte, wie sie die Zimmervermieterinnen gerne einkaufen und bestand aus einem schwächlichen Holzgestell mit einem Überzug von starkem, buntgewirktem Segeltuch. Auch die ganze übrige Einrichtung des Zimmers war dementsprechend, einfach, billig und schon ziemlich abgenützt. Der schmucklose Tisch, um den vier Holzstühle gestellt waren, war mit einer an manchen Stellen geflickten Baumwolldecke verhüllt, ein rundliches, geblümtes, durch eine Unzahl von Nägeln mit weißen Porzellanköpfen geschmücktes Sofa erinnerte an die Biedermeierzeit. Einige Öldrucke, die gewagte Jagdszenen darstellten, zierten die Wände.

Theodor Andersen war zwar ein hübscher Kerl und hatte interessante Augen, wie Grete Dornberger behauptete, weil sie nichts für sich behalten konnte und alles offen aussprach, was sie dachte. Andersen wußte auch ganz anständig und angenehm zu plaudern, und man lobte ihn in seinem Amte als hellen Kopf. Aber er war kein reicher Mann und gerade so lalala, wie er selbst sagte, durch die Studienjahre und die hungrige Referendarszeit durchgekommen.

Er stand jetzt, wie er ebenfalls in einem Anfluge von grimmigem Humor behauptete, im Begriffe, sich im Leben eine ganz hervorragende Stellung zu verschaffen, wenn er nur gewußt hätte, wie er dies anfangen sollte.

Man sagte ihm nach, er habe schon eine Braut, und es gingen allerhand dunkle Gerüchte darüber um, aber Theodor Andersen selbst verriet darüber nichts. Er wahrte sein Geheimnis, und die Neugier, besonders des weiblichen Teils seiner Bekannten, blieb unbefriedigt.

Wahrscheinlich stammte das Gerede von Andersens Hausfrau, welche die Briefe ihres Mieters beaufsichtigte und feststellte, daß solche darunter waren, die stets von der gleichen, sehr hübschen und zierlichen Damenhand geschrieben waren, was ihr, als Kennerin in solchen Angelegenheiten, auffällig genug war.

Und tatsächlich hatte sie auch recht. Denn auch der Brief, den Theodor Andersen jetzt gerade in der Hand hielt und der mit B. K. unterzeichnet war, wies jene feine und zierliche Handschrift auf.

Was aber Theodor Andersen an diesem Briefe, einem Briefe voll Trauer und wieder voll Fröhlichkeit, voll Klugheit und wieder von kindlicher Einfalt, am meisten zu schaffen machte, war die Nachschrift, die folgendermaßen lautete:

»O Theo, liebster Theo, Du bist so geschickt, so klug, so verständig, so erfinderisch. Alle sagen es ja. Weißt Du denn nichts, findest Du kein Mittel, Papas Anerkennung, seine Bewunderung zu erhalten? Wer Ideen hat, strebsam ist, etwas findet, auf das andere, er selbst auch, noch nicht gekommen sind, den achtet er, den schätzt er. Wenn Papa einmal von Dir sagen würde, der Andersen – verzeihe mir, Liebster, wenn ich gerade schreibe, wie ich's im Kopfe habe! –, allen Respekt, hinter dem steckt etwas! Dann wäre viel gewonnen, wenn nicht alles. Mit Mama wollte ich schon fertig werden. O mein liebster Theo, Du bist mir doch nicht böse, wenn ich so töricht schreibe? ... Weißt Du übrigens, daß Papa ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler ist? Könnte hier nicht der Hebel eingesetzt werden? Es ist ja nur ein Gedanke von mir, aber die Briefmarken sind Papas schwächste Seite!«

Andersen schüttelte trübselig den Kopf und schob den Brief schnell in die Tasche, denn er hörte auf dem Flur die Stimme der Frau Gundel, die einen Besucher zu dem Zimmer ihres Mieters geleitete.

Es war Albert Burgmaier.

Burgmaier warf einen prüfenden Blick auf seinen Freund Andersen, der, ohne sich zu erheben, ihm müde die Hand reichte, und machte es sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in der Ecke des alten, steifbeinigen Sofas bequem, soweit dies möglich war. Er hatte seine Zigarette nicht abgelegt und tat wohlgefällig einige Züge. Er sprach nicht und Andersen sprach nicht.

Seit langem waren sie eng verbunden miteinander, und Burgmaier pflegte seinen Freund häufig ohne besonderen Grund, außerdem, daß er vielleicht Langeweile hatte, zu besuchen. Schließlich brach er das Schweigen. »Was ist denn los? Zeigt das Wetterglas schon wieder eine starke Depression? Du siehst nicht gerade vergnügt aus, Freundchen?«

Theodor Andersen nickte nur, als wäre jede andere Antwort unnütz. Es war aber etwas in dieser Gebärde, das Burgmaier, diesen lebensfrohen, um nicht zu sagen leichtsinnigen Menschen, erschreckte. Er machte plötzlich ein ernstes Gesicht. »Hör einmal, Lieber, bei dir stimmt etwas nicht. Was fehlt dir? Etwas ist nicht in Ordnung. Sag es mir ruhig, sprich dich einmal aus! Einem Freunde gegenüber kannst du das ohne Bedenken machen, du brauchst doch vor mir kein Geheimnis zu haben, wie ich keines vor dir habe.«

Für diese Worte seines Freundes Burgmaier war Theodor Andersen sicherlich dankbar. Er wußte, daß sie aus ehrlichem Herzen kamen und nicht bloß der Neugier entschlüpften, und lächelte. Aber es war ein trauriges, schmerzliches Lächeln.

Burgmaier beobachtete ihn genau. »Mein Lieber, soll ich dir die Lösung des Rätsels geben, soll ich raten? Gib Obacht, ob ich es nicht herausgefunden habe ... Du bist ganz einfach verliebt, Andersen.«

Auf einmal richtete sich Andersen in seinem Lehnstuhl auf und sagte, was bisher noch nie, noch nie über seine Lippen gekommen war, was er selbst seinen Freunden verschwieg, was er scheu in seinem Innersten verborgen hielt: »Ja, ich liebe.«

Jetzt versuchte Burgmaier, die Sache von der lächerlichen Seite zu nehmen, einen boshaften Scherz zu machen, denn erst dünkte es ihm ungeheuer spaßhaft, daß sein Freund Andersen verliebt sei, aber er unterließ es sogleich, als er in Andersens Augen sah, und zog es vor, seine Worte zu unterdrücken.

Es lag etwas in dem Ausdrucke dieser Augen, was ihm eine unbestimmte Furcht einflößte.

Darum wollte er nur begütigen, suchte er zu trösten. »Nun, nun! Das ist doch kein Grund zur Verzweiflung. Deshalb brauchst du noch lange nicht so abgründig dareinzuschauen. Wenn nicht alles nach Wunsch geht, macht es sich doch meistens bald wieder.«

»Da hast du sicherlich recht«, erwiderte Andersen langsam, »Unstimmigkeiten kommen immer vor. Es kommt nur auf die besonderen Umstände an.«

»Und sie, sie will nichts von dir wissen? Sie liebt einen andern? Du tust mir wirklich leid, Andersen, aber ich werde schon ein Mittel finden, dich wieder herauszureißen ...«

»Du täuschst dich, Burgmaier«, sagte Andersen. »Sogar das Gegenteil ist der Fall.«

Burgmaier, der sich gerade eine neue Zigarette anzündete, wandte sich erschreckt nach seinem Freunde um. Eine solche Lebensmüdigkeit lag in Andersens Stimme, und jetzt erst, als Andersen sein Gesicht dem Tageslichte zukehrte, sah Burgmaier auch die tiefe Bedrücktheit in seinen Zügen. »Auch sie liebt mich von ganzem Herzen ...«

»Sie ist doch nicht die Frau eines andern?« unterbrach Burgmaier beinahe ängstlich.

»Nein, nein. Sie ist frei und ihr Herz gehört mir allein. Wir sind einig und so einig, daß wir ...« Er unterbrach sich und wandte sich ab, als hätte er schon zuviel gesprochen. »So einig, daß wir nicht ohne einander leben wollen«, fügte er jetzt aber doch etwas leiser hinzu.

Bei Burgmaier gewannen wieder der angeborene Leichtsinn, sein natürlicher Übermut die Oberhand. Er schlug sich plötzlich auf das Knie und lachte hell auf. »O Andersen! O du Hasenfuß! Jetzt ist mir alles klar, jetzt weiß ich schon alles! Ihr habt kein Geld zum Heiraten? Sie hat nichts und du hast nichts? O verdammt! Das ist eine leidige Sache! Das verfluchte Geld! ... Menschenskind, das ist doch kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, wie du es tust! Schäme dich, Andersen, und Mut gefaßt! Das kann über Nacht besser werden. Das ist das schlimmste noch lange nicht, so die Güter dieser Erde mangeln!«

Er zündete sich, ganz eingenommen von seiner eigenen Schlauheit, die ausgegangene Zigarette wieder an und dampfte behaglich. Leichtsinnig warf er das Zündholz durch das geöffnete Fenster.

Theodor Andersen nahm sich zusammen. Einigen Eindruck schienen die Worte Burgmaiers denn doch gemacht zu haben. Aber seine Stimme klang immer noch wehmütig. »Du bist klug, Burgmaier, aber heute hast du kein Glück im Erraten. Das Mädchen, das ich liebe, ist sogar außerordentlich vermögend.«

Burgmaier sah ihn überrascht an. »Alle Wetter, das ist mir neu. Ich habe bisher nicht gewußt, daß das ein Grund ist, schwermütig zu sein.«

Theodor Andersen seufzte tief auf. »Und doch ist es so.«

»Andersen«, versetzte Burgmaier, nunmehr wieder sehr ernsthaft, »du hast nun so viel gestanden, erzähle jetzt auch den Rest noch, das heißt, die Hauptsache, warum du so trübsinnig bist. Wer weiß, vielleicht kann ich dir doch raten. Einer, der außerhalb steht, sieht schärfer als der, der mittendrin ist. Auf alle Fälle«, fügte er mit wohltuender, fühlbarer Teilnahme hinzu, »wird es dir Erleichterung gewähren, wenn du mir dein Herz ausschüttest, und ich kann dir versichern, daß ich es jetzt vollkommen ernst nehme.«

Andersen nickte. »Ich weiß, daß du mein Freund bist. Ich habe es bisher noch keinem Menschen gesagt, denn ich werde es mit mir allein auszumachen haben, aber es ist auch nichts dabei, was das Licht scheute und was ich zu verheimlichen hätte.«

Und nun begann er das Geheimnis seines Herzens zu erzählen. Er erzählte in seiner stillen, nüchternen Weise, wie sie ihm eigen war, ohne jede Übertreibung, ohne Leidenschaft und ohne Klage, die Geschichte seiner Liebe und seines Unglückes. Wie er sie, die Tochter des reichen und vornehmen Hauses kennenlernte. Er erzählte auch schlicht und einfach von seiner Seligkeit, als er die Gewißheit ihrer Gegenliebe besaß. Und wie jetzt das Leid begann, da ihr Vater unerbittlich daran festhielt, nur einem nicht weniger vermögenden Manne, als er selbst sei, die Hand seiner Tochter zu geben. Wie der Vater ganz offen Cajetan Kruth bevorzuge, den doch kein Mensch kenne, der plötzlich aus fernem Lande auftauchte und in den Augen mancher eine zweifelhafte Persönlichkeit war. Wie umgekehrt ihre Mutter, im Gegensatz zum Vater, eine geradezu lächerliche Vorliebe für Rang und Namen zur Schau trage und die Heirat ihrer Tochter mit einem gewissen hochstehenden Beamten betreibe.

»Und die Tochter selbst?« fragte Burgmaier gespannt. »Wie stellt sie sich zu den Plänen ihrer Eltern?«

»Ich wäre ein unwürdiger Mensch«, erwiderte Andersen bekümmert, »wollte ich im geringsten an ihrer Treue, an ihrer Beständigkeit zweifeln. Aber sie liebt ihre Eltern ebenfalls und ist von klein auf an kindlichen Gehorsam gewöhnt. Sie hat mir unter Tränen gestanden, daß sie niemals imstande wäre, gegen den Willen ihrer Eltern zu heiraten. Es würde, es könnte dies keinen Segen bringen, sie könnte selbst mit dem geliebten Manne nicht glücklich sein bei dem ständigen Gedanken, von den Eltern innerlich getrennt zu sein. Sie würde nicht mehr wagen, das elterliche Haus zu betreten, und sicher wäre es, daß die Eltern, selbst wenn sie der Tochter das Haus nicht verbieten würden, es ablehnten, sie selbst jemals in ihrem Heime zu besuchen ... Und sie mag ja recht haben«, setzte er niedergeschlagen hinzu. »Es bleibt also wohl keine Wahl, als zu warten, bis ...«

»Die Eltern nicht mehr leben?«

Andersen schwieg.

Burgmaier wollte mehr wissen. »Wer ist denn der Glückliche, den die Mutter zum Schwiegersohn auserkoren hat?«

»Es ist Herr von Hennings.«

»Von Hennings? ... Kenne ich nicht.«

»Herr von Hennings ist Erster Staatsanwalt ... Schon ein älterer Herr, das heißt, daß du mich recht verstehst, um die Vierzig herum.«

Burgmaier lächelte. »Weißt du, Andersen«, sagte er, »ich finde, es ist recht günstig für dich, daß die Eltern auch nicht einig sind. Um so mehr Aussicht hast du als Tertius gaudiens ... Herr Kruth und Herr von Hennings! Ich will es gerne glauben, daß deine Angebetete dir den Vorzug gibt ... Übrigens hat doch der Vater, wie es scheint, sein Machtwort noch nicht gesprochen?«

»Nein, noch nicht. Aber er wird es tun. Jedermann weiß, daß er ein Mann von Ehre ist, daß er aber auch einen eisernen, unbeugsamen Willen hat.«

»Weiß er, wie ihr beide, du und die Tochter, miteinander steht?«

»Nein, aber es ist klar. Ich, ein junger, unbedeutender Assessor, ohne feste Stellung, und er, der reichste Mann der Stadt ...«

Burgmaier pfiff durch die Zähne. »Dein Schwiegervater in spe heißt also Leonhard Kaubisch?«

»Nun weißt du alles«, sagte Theodor Andersen. »Ich liebe Fräulein Beate Kaubisch.«

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