Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dürr >

König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171211
projectidbf8c399a
Schließen

Navigation:

21.

Andersen ging eiligst zum nächsten Fernsprechautomaten und rief das Eilboteninstitut Merkur an.

»Ja ... Hier Assessor Andersen ... Schicken Sie mir sofort einen zuverlässigen jungen Mann ... natürlich Fahrrad, Motorrad ist nicht nötig ... in den Justizpalast ... Nein, ich bin nicht dort, ich spreche im Automaten am Schillerplatz, aber ich fahre sofort selbst auch zum Justizpalast. Er soll mich im Eingang an der Wegweisertafel ... Ja, bei dem Standbild der Justitia ... erwarten ... Gut, ich werde sofort dort sein.«

Er bestieg die Straßenbahn und fuhr zum Justizgebäude.

Der uniformierte Eilbote wartete schon an dem angegebenen Orte.

»Kommen Sie mit«, sagte Andersen und stieg, gefolgt von dem jungen Mann, die breite steinerne Treppe empor zu den Geschäftsräumen der Staatsanwaltschaft.

Er klopfte an der Türe des Staatsanwaltschaftsassessors Wusterhaus.

»Warten Sie hier vor der Türe, bis ich Sie rufe«, sagte er und betrat das Zimmer.

Er war in sichtlicher Erregung und atmete stark, aber sein nervös überreiztes Gesicht leuchtete freudig auf, als er sah, daß Kaubisch seiner Bitte nachgekommen war und sich bei Wusterhaus eingefunden hatte.

Kaubisch wartete auf sein Erscheinen mit sichtlicher Spannung und Verwunderung, und selbst der behäbige Wusterhaus war offenbar erstaunt und neugierig auf das Kommende.

»Sie lieben Überraschungen, Herr Andersen«, sagte Kaubisch, nachdem man sich begrüßt hatte. »Aber nach Ihrer Geschichte mit Lessen, die mir einigen Respekt eingeflößt hat, habe ich nicht mehr den Mut gehabt, Ihnen eine Absage zu erteilen. Doch bitte ich Sie dringend, diese Ihre neue Veranstaltung und Ihren Grund aufzuklären.«

»Leider ist hierzu jetzt nicht die geringste Zeit«, erwiderte Andersen hastig. »Ich hoffe, in einer halben, spätestens in einer Stunde wird aber nun die Auflösung des ganzen Rätsels da sein ... Haben Sie die falsche Britanniamarke, ich meine die Kopie, mitgebracht, wie ich gebeten habe, Herr Kaubisch?«

Kaubisch griff nach seiner Brieftasche und suchte bedächtig in den Papieren herum. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie können mit mir anfangen was Sie wollen, Herr Andersen«, erwiderte er. »Sie gängeln mich, als wäre ich ein kleines Kind. Aber sei es darum! Also, ja, ich habe Ihnen die falsche Marke, die mir immer ein teures Andenken bleiben wird, mitgebracht, wie Sie geschrieben haben, obwohl mir jedes Verständnis fehlt, was Sie damit wollen.« Er nahm die zwischen zwei kleinen Kartons sorgfältig verwahrte Marke heraus ... »Hier ist das Gewünschte, Herr Andersen.«

Andersen nahm mit spitzen Fingern das Falsifikat und besah es mit größter Aufmerksamkeit.

»Als Staatsanwalt spiele ich hier eine sonderbare Rolle«, erklärte Wusterhaus, der in seinem Lehnstuhl saß und behaglich die Daumen ineinanderdrehte, getreu seinem Vorsatze, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen. »Nach mir fragt kein Mensch. Ich weiß von nichts, man sagt mir nichts, man will nichts von mir, und ich habe offenbar das Vergnügen, als reine Dekoration zu dienen und meine Kanzlei zur Verfügung zu stellen.«

»Sie sind Zeuge, nur Zeuge, Herr Wusterhaus«, bemerkte Andersen, der trotz seiner Erregung über die gutmütige Einwendung des ihm wohlbekannten Assessors lächeln mußte, »aber auch Sie werden zufriedengestellt werden.« Er sagte dies, ohne aufzublicken, ohne seine Untersuchung der Marke einzustellen. »Diese Nachahmung ist also gut und ohne Mikroskop von der echten Marke nicht zu unterscheiden, Herr Kaubisch?«

»Sie können sich darauf verlassen, Herr Andersen. Ohne die Aufklärung des Herrn Hagmann aus Zürich wäre ich heute noch im besten Glauben, es sei die echte Marke.«

»Sie haben auch das Mikroskop mitgebracht, Herr Kaubisch?«

Kaubisch lächelte. »Was tue ich nicht Ihnen zuliebe? Dort liegt es.« Er wies auf ein mäßig großes Paket, das auf dem Schreibtisch des Staatsanwalts niedergelegt war.

»Bitte, zeigen Sie uns, Herrn Wusterhaus und mir, die Merkmale der Fälschung!«

Kaubisch schnürte, immer wieder nachdenklich den Kopf schüttelnd, das Paket auf und setzte das kleine Instrument zusammen.

Wusterhaus sah mit behaglicher Neugier zu.

Kaubisch legte die Marke auf das Glasplättchen und stellte die Linse ein. »Die Fälschung ist der echten Marke vollkommen gleich«, erklärte er, »nur die Struktur des Papiers ist eine andere. Ich kann Ihnen aber den Unterschied nicht zeigen, da mir die echte Marke nicht zur Verfügung steht. Dagegen können Sie an dieser Marke hier sehen, daß die Linienführung an der Zeichnung der allegorischen Figur nicht unterbrochen ist und daß in der linken Ecke die Buchstaben R. H. – Rowland Hill – fehlen, während nach Hagmanns Angabe die echte Marke eine absichtliche Unterbrechung der Linie und diesen Namenszug des Erfinders der Marke aufweist.«

Er machte Platz und ließ zuerst den dicken Wusterhaus durch die Linse sehen.

Der schüttelte den Kopf, nachdem er einige Zeit mit einem zugekniffenen Auge und gerunzelter Stirne das Objekt beschaut hatte. »Ich sehe verflucht wenig«, meinte er. »Herr Andersen, jetzt sind Sie an der Reihe. Sie brennen doch schon vor Verlangen.«

Hastig setzte sich Andersen an das Mikroskop und besah lange und sorgfältig die Marke, die er in dem Instrument zurechtschob. »Die von Herrn Hagmann angegebenen Merkmale sind nicht zu finden«, erklärte er. Er stellte das Mikroskop zur Seite. »Herr Wusterhaus, hätten Sie die Güte? Ich brauche schnell ein Blättchen Schreibpapier und einen Briefumschlag, aber ohne Aufdruck, ohne Kennzeichen. Darf ich an Ihrem Schreibtische schreiben?«

Wusterhaus gab ihm das Gewünschte. »Aber mit Vergnügen! Schreiben Sie nach Herzenslust und so viel Ihnen behagt. Ich habe noch mehr Papier«, erklärte er heiter.

Kaubisch und Wusterhaus beobachteten nun schweigend, ersterer mit gespannter Erwartung, letzterer mit Neugier und Laune, wie Andersen formlos und flüchtig einige Worte zu Papier brachte.

Er trocknete die Zeilen mit dem Tintenwischer, faltete das Blättchen zusammen und schob es in den Umschlag. Dann nahm er das Falschstück, die ihm von Kaubisch überlassene Nachahmung der Britanniamarke, vom Mikroskop, legte sie schnell, aber achtsam zwischen die beiden kleinen Schutzblättchen aus Pappe und schloß sie vor den Augen der erstaunten Männer gleichfalls in den Briefumschlag, den er sorgfältig zuklebte.

Er überschrieb den Umschlag »Herrn Cajetan Kruth, Parkstraße 25, erster Stock« und gab den andern den Brief zum Lesen dieser Anschrift mit der stummen Gebärde sofortiger Rückgabe.

»Es erinnert einigermaßen an den Zauberer Bellachini«, sagte Wusterhaus aufgeräumt, während Kaubisch den Brief unschlüssig in der Hand hielt und die Anschrift las. »Nun müssen Sie noch behaupten, daß, wenn Sie auf drei zählen, die Marke in dem Umschlage sich in die echte Marke verwandelt.«

»Vielleicht«, sagte Andersen. »Herr Kaubisch, bitte, geben Sie den Brief wieder her. Er hat Eile.«

Zögernd reichte Kaubisch ihm den Brief. »Herr Cajetan Kruth?« erwiderte er gedehnt. »Ich lese den Namen nicht gerne und im übrigen fehlt mir jedes Verständnis.«

Andersen gab keine Antwort. Er erhob sich, schritt zur Türe und rief den Boten herein. »Liefern Sie den Brief sofort an seine Adresse ab und richten Sie aus, daß Sie auf Antwort warten müßten. Sie dürfen aber den Brief nur persönlich abgeben. Wenn Sie Herrn Kruth nicht antreffen sollten, müssen Sie den Brief wieder mitbringen. Geben Sie wohl acht, daß ihm nichts passiert, er ist sehr wichtig. Und bringen Sie die Antwort sofort hierher, sie ist überaus dringend.«

Als sich der Bote entfernt hatte, setzte sich Andersen wieder und lehnte sich in seinem Stuhle zurück. Er sah einigermaßen erschöpft aus und mußte sich den Schweiß von der Stirne wischen.

Da er die Aufklärung fordernden Blicke der andern auf sich gerichtet sah, lächelte er schwach und sagte: »Ich bitte Sie, gedulden Sie sich nur noch kurze Zeit, bis der Bote zurück ist. Ich kann Ihnen versichern, ich weiß nunmehr ganz genau, wie dem zumute ist, der va banque spielt und dabei sein ganzes Vermögen daransetzt. Herr Wusterhaus, wenn ich Sie um einen weiteren Gefallen bitten darf, geben Sie mir ein Glas Wasser ... Und eine Zigarre, wenn Sie Ihre Güte voll machen wollen! Nachher sage ich Ihnen alles, ob die Sache so oder so ausfällt!«

Nunmehr saßen sie alle drei einander gegenüber und rauchten, so daß das Zimmer bald von bläulichem Dunste erfüllt war.

Kaubisch schien aufs neue etwas verstimmt, da Andersen nicht die gewünschte Aufklärung geben wollte, und Wusterhaus sah aus, als ob er an dem klaren Verstande Andersens zu zweifeln beginne.

Um die etwas ungemütliche Stimmung zu überbrücken, führten sie eine Unterhaltung über alltägliche Dinge, eine Unterhaltung, die immer wieder stockte und etwas Gezwungenes hatte, weil jeder einzelne von ihnen seine Gedanken ganz woanders hatte und auf den Ausgang dieser eigentümlichen Geschichte wartete. Auf dem steinernen Gange draußen hörte man ab und zu fremde Stimmen und das Kommen und Gehen der Beamten und von Personen, die irgendeine unangenehme Angelegenheit zwang, die Kanzleien der Staatsanwaltschaft aufzusuchen.

Zuweilen unterbrach schrilles Klingeln mißtönig die Stille.

Manchmal öffnete sich die Türe und blauuniformierte Männer erschienen, um Aktenbündel abzuliefern. Wusterhaus nahm sie jeweils, ohne seine bequeme Haltung zu ändern und ohne Neugier zu verraten, ab und warf sie achtlos auf den nächsten, an der Wand stehenden Tisch. »Es hat noch für mehr Platz«, sagte er.

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein. Plötzlich horchten alle drei gleichzeitig auf.

Hastige Schritte ertönten, die sich der Türe näherten.

»Ich glaube, er ist's«, sagte Andersen, der in sichtlicher Unruhe nach der Türe blickte.

Tatsächlich war es der Eilbote, der zurückkam.

»Sie haben lange gebraucht«, rief Andersen ihm entgegen. »Haben Sie Herrn Kruth getroffen? Hat er Ihnen eine Antwort mitgegeben?«

»Gewiß, mein Herr«, erwiderte der Bote. »Ich mußte ziemlich lange warten.«

»Was läßt Herr Kruth sagen? Was sollen Sie ausrichten?«

»Gar nichts. Herr Kruth sagte kein Wort. Er gab mir aber diesen Brief hier mit, den er in einem anderen Zimmer schrieb und auf den ich warten mußte.«

»Ich danke Ihnen«, bemerkte Andersen zu dem Boten, »ich benötige Sie nicht mehr weiter.« Er öffnete mit seinem Taschenmesser den Briefumschlag.

Die beiden andern sahen, daß er denselben Zettel enthielt, den Andersen an Kruth geschrieben hatte, auch die zwischen den beiden Schutzplättchen liegende Marke befand sich wieder in dem Umschlag.

Sonst enthielt er nichts.

Aber auf dem Zettel standen unter den Zeilen von Andersens Hand jetzt einige Zeilen von fremder Hand.

Andersen las flüchtig Kruths Antwort, dann reichte er den Zettel Kaubisch und Wusterhaus. Er selbst schob sogleich die wieder beigelegte Marke in das Mikroskop.

Kaubisch und Wusterhaus lasen, die Köpfe zusammensteckend, zuerst die Zeilen, die Andersen geschrieben hatte.

Sie lauteten:

Denken Sie an das, was ich Ihnen vor einer halben Stunde gesagt habe. Ich bitte Sie zum letzten Male dringend: Tun Sie es! Ich gehe auf ein Viertel ein und lege die Marke gleich bei. Schicken Sie das Geld an meine Adresse!

A.

Darunter die Worte Kruths:

Ich schicke Ihre Zuschrift samt der Marke zurück. Ich habe Ihnen zur Genüge gesagt, daß ich mit der Sache nichts zu tun haben will.

K.

Befremdet; mit stummer Frage sahen sich die beiden Männer an. Da ertönten von dem Schreibtische, an dem Andersen vor dem Mikroskop saß, laute Rufe der Freude, des Triumphes.

Überrascht, ohne Verständnis, den Zettel unschlüssig in den Händen, wandten sich Kaubisch und Wusterhaus nach Andersen um.

»Herr Kaubisch, Herr Wusterhaus! ... Meine Herren! Bitte, kommen Sie doch sogleich zum Mikroskop!«

Deutlich sah man in der linken Ecke der riesenhaft vergrößerten Marke die zierlich gestochenen Buchstaben R. H., den Namenszug des Erfinders der ersten Briefmarke, sah man in der Zeichnung des Armes der allegorischen Frauengestalt die wiederholte Unterbrechung der Linie.

An Stelle des falschen Stückes war die echte Briefmarke zurückgekommen.

»Was sagen Sie jetzt?« rief Andersen strahlend vor Freude. »Wissen Sie jetzt, wer der Dieb ist? Es ist Cajetan Kruth! Herr Wusterhaus, lassen Sie ihn sofort festnehmen!«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.