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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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20.

Noch immer bewohnte Cajetan Kruth seine elegante Wohnung in einem der wohlhabendsten Viertel der Stadt.

Woher Kruth die Mittel nahm, sein anscheinend müßiges und darum nicht weniger kostspieliges Leben weiterzuführen, zumal er seine Schulden ebenfalls bereinigt haben sollte, waren allen denen, welche vordem mit ihm verkehrt hatten, aber durch die Markengeschichte über seine Verhältnisse aufgeklärt worden waren, völlig unklar.

Man sprach jedoch auch kaum mehr von ihm. Man hatte mit ihm gebrochen und bekümmerte sich nicht mehr um sein Treiben, seitdem er infolge der im Falle Kaubisch gepflogenen Nachforschungen den Ruf einer zweifelhaften Persönlichkeit erlangt hatte und als ein nicht in bestem Lichte stehender Abenteurer bezeichnet wurde. Begegnete man ihm zufällig auf der Straße, so sah man an ihm vorbei oder hatte gerade irgend etwas Interessantes in irgendeinem Schaufenster zu betrachten.

Dazu zog er sich selbst auch aus den Kreisen zurück, in denen er früher verkehrt hatte, und schien kein Verlangen zu haben, die Beziehungen wieder anzuknüpfen.

Übrigens war, seit jenem schlimmen Vorkommnis im Hause Kaubisch, der Verkehr auch unter den anderen Gästen des Hauses auffällig klein geworden. Es war gerade, als ob das Mißtrauen immer noch im Kopfe jedes einzelnen steckte.

Daher war Cajetan Kruth auch überrascht, als ihm am frühen Morgen der Besuch eines Herrn gemeldet wurde, der sich weigerte, seinen Namen zu nennen.

Da er aber neugierig war und wissen wollte, wer sich auf diese ungewöhnliche Art bei ihm einführte und was der Mann ihm zu sagen hätte, da er auch nicht furchtsam war und vor einem möglichen Abenteuer zurückschreckte, so ließ er, ohne weitere Umstände zu machen, den seltsamen, namenlosen Besucher eintreten.

Seine Überraschung wuchs, als er in dem Eintretenden Theodor Andersen erkannte.

Er begrüßte ihn etwas kühl, denn sie hatten sich seit jenem Abend bei Kaubisch nicht mehr gesehen, Andersen zählte auch schon zuvor nicht zu den näheren Bekannten Kruths. Außerdem dachte Kruth, Andersen werde wohl erfahren haben, in welchen Verdacht er, Kruth, in der Zwischenzeit geraten war und wie es in Wirklichkeit um seine, Kruths, sagenhaften Reichtümer bestellt war.

Er reichte also in dem Gedanken, daß er nichts Besseres tun könne, als diejenigen, welche ihn jetzt über die Achsel ansahen, genau so zu behandeln, Andersen mit einer hochmütigen Herablassung die Finger.

In den Augen Andersens funkelte etwas wie ein böser Zorn, der aber sofort wieder verschwand und dem Ausdruck einer fast demütigen Verlegenheit wich.

»Herr Andersen? Was verschafft mir die Ehre?« sagte Cajetan Kruth, indem er mit vornehmer Unbefangenheit in einem ledernen Klubsessel Platz nahm und mit einer lässigen Handbewegung den Besucher einlud, seinem Beispiele zu folgen.

Andersen zögerte mit der Antwort. Wer ihn nicht kannte, mußte zu der Ansicht kommen, Andersen fühle sich angesichts dieses vornehm ausgestatteten Empfangszimmers befangen. Er sah geradezu linkisch aus.

Kruth wartete mit großem Gleichmut, bis der andere anfangen würde, zu sprechen.

Somit blieb Andersen nichts übrig als mit seinem Angebote herauszurücken. »Sie werden sich wundern, was mich zu Ihnen führt«, sagte er.

Kruth schwieg, besah seine wohlgepflegten Fingernägel.

Nun begann Andersen, mühsam und mit ungeschickten Wendungen den Zweck seines Kommens auseinanderzusetzen. »Sie werden Dinge zu hören bekommen, die Sie vermutlich für recht seltsam halten, und ich vertraue auf Ihre Verschwiegenheit, Ihre Diskretion, auf Ihre Eigenschaft als Kavalier, als Gentleman.«

Kruth rümpfte mit einer frostigen Gebärde die Nase, sprach aber kein Wort.

»Natürlich kann ich nicht verlangen, daß Sie mir Ihre Zusicherung, Ihr Wort geben, das, was ich Ihnen sagen möchte, keinem Menschen weiterzusagen, und unverbrüchliches Schweigen einzuhalten über das, was Sie von mir hören werden. Aber ich bin überzeugt, Sie werden es doch tun, Sie werden sich so verhalten, wie ich es von Ihnen voraussetze. So wie ich Sie kenne, werden Sie mich nicht in das Unglück stürzen.«

Nun wurde Kruth unwillig und ungeduldig, man sah es ihm an, aber er sagte dennoch nur ein einziges Wort: »Bitte!«

Andersen rückte mit dem Stuhle, rieb sich ein wenig die Oberfläche seiner Hände, räusperte sich etwas vergeblich, schob seine Halsbinde zurecht, senkte die Augen und sagte mit sichtlicher Verlegenheit, kleinlaut und schüchtern: »Sie sehen mich in peinlicher Verlegenheit, um nicht zu sagen in Not. Dabei ist die Sache äußerst dringlich ... Ich brauche Geld, eine größere Summe.«

Kruth blieb völlig ruhig, er verzog keine Miene. »Ich habe kein Geld«, erwiderte er.

Theodor Andersen konnte das nicht fassen, nicht glauben. Er schlug die erstaunten Augen zu ihm auf, sagte mit kindlichem Lächeln: »Sie belieben zu scherzen, Herr Kruth! Sie und kein Geld? Das soll ein anderer glauben!«

»Das dürften Sie doch wohl auch schon von anderen Leuten gehört haben, seitdem wir nicht mehr zusammen waren. Glauben Sie nicht?« erwiderte Kruth mit scharfer Ironie. »Ich bin nicht sonderlich vermöglich.«

Andersen schien den Hohn seiner Worte nicht zu verstehen. Er war betroffen, unangenehm berührt, sein Gesicht zeigte den Ausdruck des Kummers. »Sie und nicht reich? Du lieber Himmel, Sie, der in der ganzen Stadt als der vermögendste Mann gilt? Was müssen Sie für Anforderungen an den Begriff des Reichseins stellen! Ach, ich verstehe ganz gut. Sie sagen nur so, weil Sie mir meine Bitte abschlagen, weil Sie mir nichts geben wollen!«

Kruth zuckte die Achseln. »Meinetwegen glauben Sie, was Sie wollen«, sagte er ungeduldig, mit der unverkennbaren Absicht, zum Ende zu kommen. »Es tut unserer Freundschaft keinen Eintrag«, setzte er mit Hohn hinzu.

Andersen wurde mit einem Male sehr lebhaft, aber es war keine angenehme Lebhaftigkeit, sie sah erkünstelt aus. »Herr Kruth«, sagte er, »Sie erinnern sich der berühmten Britanniamarke? Sie hätten Sie damals so gerne im Besitz gehabt, Sie boten bei jener Versteigerung eine gewaltige Summe.«

Kruth hatte sich aufgerichtet, aber er bewahrte eiserne Ruhe, keine Muskel seines Gesichts zuckte, nur seine Augen waren jetzt drohend auf Andersen gerichtet und eine Hand griff langsam, nachlässig, wie spielend, in eine innere Rocktasche. »Und?« sagte er dann wieder, ohne Erregung, eisig.

Andersen beugte sich vor, an sein Ohr, hielt sich die Hand an den Mund und flüsterte: »Ich kann Ihnen die Marke verschaffen ... Sofort! ... Um die Hälfte des Preises, den Sie Herrn Magnus geboten haben!«

Nun war es heraus.

Beide Männer waren blaß geworden und ihre Augen funkelten.

Cajetan Kruth schwieg.

»Um ein Drittel des Preises!« stieß Andersen hervor, hastig, dringend.

Kruth hatte die Hand immer noch in der inneren Rocktasche, aber er saß unbeweglich, zuckte nicht mit den Wimpern und sah den Sprechenden unheimlich starr an. »Sie haben die Marke?« sagte er dann langsam, gedehnt, gleichsam gelangweilt. »Sie selbst haben die Marke?«

»Ja«, antwortete Andersen mit gepreßter Stimme.

»Gestohlen?«

Andersen zuckte heftig zusammen und gab keine Antwort.

Kurze Zeit trat eine lautlose Stille ein. Beide Männer rührten sich nicht mehr.

Kruth sah seinen Gegner an, als wollte er ihn durchforschen, und Andersen hielt, wie in ungeheurer Scham, die Augen zu Boden geschlagen.

Aus dem nächsten Zimmer hörte man das leise, sanfte, regelmäßige Ticken des Uhrpendels.

Nun dämpfte auch Kruth seine Stimme. »Ich war der Ansicht, Lessen habe die Marke gestohlen. Ich habe davon reden hören, er sei bei dem Versuch, die Marke zu verkaufen, ertappt worden, sei vor seiner Verhaftung gestanden und habe sich deshalb erschossen. Also war das nicht richtig?«

Andersens Antwort war ein Geflüster, ein hastiges, erregtes, leidenschaftliches Flüstern. »Wollen Sie mich anhören, Herr Kruth? Nachdem ich schon so viel gesagt habe, will ich jetzt alles sagen. Es ist entsetzlich, grauenhaft. Und darum möchte ich auch die Marke möglichst bald loshaben! Lessen hat sich grundlos getötet. In gewissem Sinne wenigstens. Ich war es, der an jenem Abend die Marke entwendet hat. Bevor sie an Lessen herumgereicht wurde. Ich wußte ganz genau, daß Kaubisch an diesem Abend seinen Gästen die Marke zeigen werde. Nötigenfalls wollte ich ihn selbst dazu veranlassen. Darauf hatte ich meinen Plan gebaut. Ich besaß nämlich ein täuschend nachgeahmtes Falsifikat der Marke, es gibt mehrere solche. Sie sind für solche Sammler hergestellt worden, die sich mit einem Falsifikat begnügen, weil die echte Marke ja nur einmal vorkommt, und der Vollständigkeit halber eine Kopie wünschen. Dieses Falsifikat nahm ich zu mir, als ich an jenem Abend bei Kaubisch eingeladen war. Als Kaubisch die Marke herumgehen ließ, trat ich an ein Fenster, wie wenn ich besser die Details der Marke sehen wollte, öffnete unbemerkt die Kapsel und vertauschte die echte Marke mit meiner Kopie. Dann gab ich die Kapsel weiter in der Runde. Jetzt erst kam sie auch an Lessen.« Andersen seufzte schwer. »Der Gedanke an Lessen ist mir fürchterlich. Ich konnte nie und nimmer vermuten, daß einer von den Gästen auf den Gedanken kommen könnte, sich die Marke anzueignen. Es wäre alles verborgen geblieben und kein Mensch hätte daran gedacht, daß die Marke in der Kapsel vertauscht worden sein könnte. Kaubisch selbst am allerwenigsten. Er wäre fernerhin glücklich im Besitz seiner Marke gewesen und in Jahr und Tag wäre die Verwechslung nicht bekanntgeworden, wenn sie nicht überhaupt unentdeckt geblieben wäre!«

Kruth sah den Sprecher immer noch starr an, nur die Augenbrauen waren jetzt hochgezogen, ein Zeichen seines Staunens.

Dann erhob er sich schnell und ging einige Male mit starken Schritten im Zimmer auf und ab, als überlegte er, durch irgend etwas überrascht.

»Nehmen Sie mir die Marke ab, Herr Kruth, ich bitte Sie«, drängte Andersen scheu und nervös. »Denken Sie, eine solche Gelegenheit! Der Gewinn, den Sie machen! Ich selbst kann, ich will sie nicht länger behalten! Und wenn ich sie vernichten muß! Ich gebe sie Ihnen um ein Drittel des Preises, ich weiß, daß ich sie, jedenfalls zur Zeit, schwer anderweitig losbringe. Darum gebe ich sie Ihnen so billig.«

Kruth wandte sich scharf nach ihm um. »Nein! ... Ich will mit der Sache nichts zu tun haben! Wozu erzählen Sie mir überhaupt das alles?«

»Nehmen Sie die Marke! Um ein Viertel des Preises! Ich brauche das Geld sofort!«

»Lassen Sie mich in Ruhe! Ich will nichts davon wissen.«

Die Stimmen der beiden Männer waren lauter geworden, aber es hörte sie niemand. Sie waren allein in der großen Wohnung.

»Ich bitte Sie, kaufen Sie mir die Marke ab. Ich werde sie Ihnen sogleich zuschicken. Sobald ich nach Hause komme, stecke ich sie in einen Brief und schicke sie Ihnen durch einen zuverlässigen Boten. Kein Mensch weiß von der Sache. Es ist für Sie völlig gefahrlos. In einer halben Stunde haben Sie die Marke.«

Kruths Sprache wurde scharf und schneidend. »Sie können tun, was Ihnen beliebt. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, ich werde Ihnen, falls Sie mir die Marke zuschicken, sie Ihnen wieder zurückschicken. Ich will einmal mit der Sache nichts zu tun haben!«

Andersen stand auf, nahm seinen Hut und verließ schweigend das Zimmer, während ihm Cajetan Kruth den Rücken zukehrte. Ohne Abschied, ohne Gruß von der einen oder andern Seite.

Man hörte die gedämpften Schritte Andersens auf dem teppichbelegten Gange, hörte, wie die Vortüre ins Schloß fiel, wie die Treppe ächzte, wie Andersen auf der Straße sich in großer Eile entfernte.

Dann war in dem Hause alles wieder still.

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