Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dürr >

König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171211
projectidbf8c399a
Schließen

Navigation:

1.

Zu dem Eutinschen Kaffeehause weit draußen in der Platanenallee war heute ein bemerkenswerter Zugang festzustellen, und das große, sogenannte blaue Zimmer, in welchem regelmäßig am ersten Dienstag jedes Monats die Börse der Philatelisten oder Briefmarkenfreunde abgehalten wurde, war schon voll von Menschen, die in einer seltsamen Unruhe sich hier herumtrieben, ohne sich nur einmal in vernünftiger Weise niederzusetzen.

Es waren übrigens nur Männer, die sich hier einfanden, und sie schienen in ungeduldiger Erregung auf irgend etwas zu warten. Auf den kleinen Marmortischchen standen überall, unordentlich zerstreut, die halbgeleerten Kaffeetassen und Wassergläser, dazwischen blanke Sahnekännchen, Aschenschalen und Teller mit Resten von Kuchenstücken, und niemand schien sich darum zu kümmern, wenn nicht gerade einer, hastig an seinen Platz zurückkehrend, im Stehen etwas Kaffee zu sich nahm oder unachtsam die Asche seiner brennenden Zigarre an dem Porzellanteller abstreifte.

Das wirre Durcheinander der Stimmen durchdrang zuweilen der schrille Ruf des Kellners, der sich mühsam mit seinem Geschirr einen Weg durch die Menge bahnte und forderte, ihm Aufmerksamkeit zu schenken und Platz zu machen.

Unter den zahlreichen Besuchern dieser Briefmarkenbörse gewahrte man vor allem den Herrn Leonhard Kaubisch, Inhaber der Vereinigten Stahlwerke, der durch seine stattliche Größe, sein gebieterisches Aussehen und seinen weißen Backenbart auffiel. Er sprach lebhaft in einer Gruppe von Personen, die ihm mit Achtung zuhörten, denn hin und wieder nickten alle zustimmend oder wandten die Köpfe nach der von Kaubisch angedeuteten Richtung.

In einer zweiten ziemlich abseits stehenden Gruppe führte Cajetan Kruth, ein Ausländer, das große Wort. Er war ein hochgewachsener schlanker Mann, noch in jüngeren Jahren, sein Gesicht zeigte scharfgeschnittene Züge, das Kinn war stark entwickelt und seine Augen blickten herausfordernd. Mit seinem kurzgeschorenen, beinahe glatt rasierten Schädel glich er einem Mongolen und auch seine Kleidung hatte etwas Fremdländisches an sich. Übrigens schien er hier eingebürgert und jedermann bekannt, denn er begrüßte fortgesetzt Vorübergehende mit herablassendem, wohlwollendem Lächeln oder durch freundliches Winken mit der gutgepflegten Hand.

In der Mitte des Raumes war ein niederes Podium aufgeschlagen, das an andern Tagen von dem Hausorchester benützt wurde, heute aber nichts als einen kleinen, viereckigen Tisch aufwies, der verlassen dastand und einen merkwürdigen Gegensatz zu der übrigen reichen und kostspieligen Ausstattung dieses Saales bildete.

Hier unter diesem Podium hatte der Doktor der Philosophie Lessen seinen Stand gewählt, um schon gerüstet zu sein, wenn das große Ereignis, auf das sie alle warteten, eintreten würde. Er war ganz allein und sah mit seinem hageren, gelben Gesicht krankhaft aus. Schlecht und nachlässig gekleidet, blickte er fortwährend mit verdrossenen, beinahe gehässig funkelnden Augen nach Kaubisch und Kruth, und seine Lippen bewegten sich nervös und zitternd, als spreche er mit sich selbst und erginge sich in Verwünschungen der andern.

Niemand kümmerte sich um ihn. Man ließ ihn einfach stehen, da er als grämlich und unzugänglich galt und in seinem unbegründeten Mißtrauen gegen andere auf alle Anreden wortkarge, ausweichende Antworten zu geben pflegte, nicht selten sogar kränkend werden konnte. Man nannte ihn überall Doktor, obwohl er kein Amt bekleidete oder einen Beruf ausübte, der diesen Titel hätte gerechtfertigt erscheinen lassen, sondern lediglich von seinem Vermögen und dem Erträgnis eines privat betriebenen Briefmarkenhandels zu leben schien.

Bei den einen galt er als reich, aber geizig, als ein Sonderling, der sich ein schönes Leben machen könnte, falls er nur wollte, der aber nur eine einzige Liebhaberei, eine einzige Leidenschaft hatte, Briefmarken zu sammeln. Andere, die ihn schon anläßlich irgendeines Handels in seiner Wohnung besucht hatten, zuckten die Achseln und behaupteten, er habe nichts zu nagen und zu beißen und lebe in ärmlichen Verhältnissen. Sicher war jedoch, daß ihm sein Titel bei vielen Leuten Ansehen gab und eine geachtete Stellung verschafft hatte, zumal es bekannt war, daß er auch mit Kaubisch verkehrte und zuweilen sogar in dessen Hause eingeladen war.

Auffallend war, daß diese drei Menschen, die sonst durch ihr gemeinsames Interesse miteinander verbunden waren, Kaubisch, Kruth und Doktor Lessen, heute getrennt voneinander blieben, obwohl jeder von des andern Anwesenheit wußte und einen flüchtigen Gruß getauscht hatte. Es machte sogar den Eindruck, als musterten sie sich hin und wieder mit feindseligen Blicken, ohne daß sie sich zuvor miteinander ausgesprochen und vergewissert hatten, ob sie in dem bevorstehenden Wettstreit sich als Gegner gegenüberstehen würden.

Während nämlich sonst um diese Stunde der Handel der Briefmarkensammler schon in vollem Gange war, schien heute kein Mensch Lust zu finden, sich mit den Kleinigkeiten des Kaufens oder Tauschens abzugeben, vielmehr wartete alles mit Spannung und Ungeduld auf die Ankunft des Fremden, der sein Erscheinen angekündigt hatte und das nie wiederkehrende Schauspiel einer Versteigerung der ersten und ältesten Briefmarke der Welt zu bieten versprach.

Übrigens wußten fast alle, daß sie kaum dazukommen würden, sich selbst an der Versteigerung zu beteiligen, denn diese Briefmarke mußte ungeheuer teuer sein, und man nannte unerhörte Summen, die sie dem jetzigen Eigentümer gekostet haben sollte. Es konnte sich also wohl niemand einfallen lassen, die Marke zu erwerben, außer vielleicht der reiche Kaubisch, der, wie man wußte, Liebhaber war und sich auch zweifellos von keinem der Anwesenden überbieten ließ. Aber immerhin gab es Gelegenheit, diese Berühmtheit von einer Marke, die das Herz und die Sinne eines jeden Sammlers in Aufruhr versetzte, zu sehen, und es war sicherlich außerordentlich interessant, dem Handel Kaubischs mit dem Fremden beizuwohnen.

»Selbst wenn ich in der Lage wäre, die Marke zu kaufen«, sagte der Ratsherr Zumbrunnen zu Kaubisch, »würde ich es unterlassen, weil mir das Risiko zu groß wäre, ein ganzes Vermögen an den Erwerb eines einzigen Stückes zu hängen, bei der immerhin bestehenden Gefahr, nach Jahr und Tag hinter eine Fälschung zu kommen.«

Kaubisch lächelte etwas hochmütig. »Sie glauben mir wohl doch, Herr Zumbrunnen, daß ich nicht so töricht sein werde, mich ohne völlige Gewißheit auf diesen Handel einzulassen? Ich habe mich über die Echtheitsmerkmale der Marke genau orientiert. Es gibt eine ausführliche, die kleinsten Unterscheidungen enthaltende Beschreibung und außerdem müßte Herr Magnus, oder wie er sonst heißen mag, auch die fortlaufende Kette der Bescheinigungen gefälscht haben, die über den Erwerb ausgestellt wurden und bis auf die Zeit der Regierung der Königin Viktoria zurückgehen. Eine Fälschung ist schon deshalb nicht leicht denkbar, weil es nur ein einziges Exemplar dieser Marke gibt und von jeher gegeben hat und weil man ja genau weiß, wo sich dieses einzige Exemplar befindet und wer es gerade im Besitz hat ... Diese erste Briefmarke der Welt, aus dem Jahre 1840, eine Erfindung des Engländers Rowland Hill, eine Briefmarke, die nur als Muster diente, kam wenige Jahre, nachdem sich die Briefmarke allgemein in England, in der Schweiz, in einigen amerikanischen Staaten eingebürgert hatte, in die Sammlung eines Mitglieds des königlichen Hauses und wanderte erst in neuerer Zeit, als sich der Erbe dieses Mitglieds des königlichen Hauses unter ganz unliebsamen Verhältnissen« – Kaubisch lächelte fein und zwinkerte mit den Augen – »genötigt sah, seine kostbare Rarität zu verkaufen, in andere Hände. Und jedesmal, wenn dies der Fall war – übrigens selten genug –, wurde der Marke eine notariell beglaubigte Urkunde über den Besitzwechsel beigegeben. Eine zweite Marke existiert, wie schon gesagt, nicht, und es müßte nur gerade diesem Herrn Magnus selbst einfallen, eine Fälschung durch Herstellung einer zweiten Marke zu versuchen. Doch für diesen Fall weiß man sich« – wiederum lächelte Herr Kaubisch fein – »durch die Art der Bezahlung zu schützen.«

Voll Achtung sahen alle andern zu dem Sprecher auf, um den sich nach und nach ein größerer Kreis geschart hatte, aber in diesem Augenblick entstand eine Bewegung an der Türe, und Herr Magnus, ein langer hagerer Mensch, der nach einem richtigen Weltenbummler aussah, betrat, von einigen Freunden gefolgt, das Börsenlokal.

Während er sich einen Weg durch die vielen Tische und unordentlich umherstehenden Stühle suchte, sah er, die kurze Pfeife im Munde, die weiche, karierte Schirmmütze auf dem Kopfe, prüfend und mit kaltem, sicherem Blicke, in der Versammlung umher, dann schritt er ohne Zögern auf den in der Mitte stehenden leeren Tisch zu und begann eine verschlossene Ledertasche zu öffnen.

Alle drängten sich um den Tisch und beobachteten voll Erwartung das weitere Tun dieses Mannes, der sich im übrigen um niemand zu kümmern schien und es nicht einmal für nötig hielt, seine Mütze abzunehmen. Gerade als ob er zu Hause, im eigenen Zimmer, als ob er allein wäre, als wären die vielen Herumstehenden für ihn gar nicht vorhanden, hantierte er auf dem Tisch herum. Er breitete mit großer Ruhe oder fast liebevoll einige Schriftstücke, die von Leonhard Kaubisch angeführten notariellen Erwerbsurkunden, vor sich aus und brachte zum Schlüsse unter allgemeinem »Ah« seiner sich vordrängenden Umgebung eine kleine, sehr flache silberne Kapsel zum Vorschein, die durch einen Deckel von geschliffenem Kristallglas verschlossen war.

»Hier, meine Herrschaften«, sagte er mit klarer, ruhiger, unbewegter Stimme, indem er die Kapsel in die Höhe hielt und umherzeigte.

Wiederum folgte der Ausdruck allseitigen Staunens und der Bewunderung, worauf erwartungsvolle Stille eintrat. Deutlich erkannte man durch das Glas die rötliche Marke mit dem Bildnis einer Frauengestalt, der Britannia, die vier geflügelte Boten nach allen Himmelsrichtungen ausschickte.

Der Fremde, der sich Magnus nannte, begann zu sprechen. Er erklärte mit einfachen, bestimmten Worten, ohne jede markschreierische Übertreibung, nüchtern und sachlich, die Marke, diese erste Briefmarke der Welt, erzählte ihre Geschichte, setzte auseinander, wie sie in seinen Besitz kam, wobei er jedesmal die zugehörige Urkunde vorwies, und führte dies alles in solch natürlicher, ruhiger Weise vor, daß die Hörer sichtlich die Überzeugung der Wahrheit bekamen und auch keine Spur des Zweifels mehr auf den Gesichtern zu lesen war. »Sicher ist«, sagte er, »daß dies hier auf dem Gebiet der Briefmarkenkunde die größte Seltenheit ist, die sich überhaupt denken läßt, denn sie hat nicht nur den Vorzug, die erste Briefmarke der Welt zu sein, sondern auch den Vorzug, nur einmal zu existieren, und es ist außer Zweifel, daß sich nur ein sehr reicher Sammler ihren Besitz leisten kann ... Ich biete diese Marke hier aus. Hat jemand Lust, sie zu kaufen?«

»Erlauben Sie«, sagte Kaubisch, »bevor ich ein Angebot mache, muß ich die Marke doch genau ansehen und untersuchen dürfen.« Er streckte die Hand aus, um sich die Marke geben zu lassen.

Der Verkäufer machte eine kurze, abwehrende Bewegung. »Mein Herr«, erwiderte er kalt, »die hier nachgewiesene Herkunft der Marke bürgt für ihre tadellose Beschaffenheit. Es sollte jedermann einleuchten, daß ich die Marke niemand überlassen kann, schon allein wegen der Gefahr, daß die Marke, die von ausgezeichneter Schönheit ist, beschmutzt oder beschädigt werden könnte. Wird sie verkauft, so steht es dem Käufer noch lange genug frei, sie zu untersuchen, da ja die Bezahlung doch nicht sogleich erfolgen kann.«

Leonhard Kaubisch schürzte ein wenig unwillig die Lippen, doch schien er die Richtigkeit des Gesagten anzuerkennen.

Wieder trat eisige Stille ein.

Plötzlich sagte jemand aus dem Haufen laut und deutlich: »Zehntausend Mark«.

Der fremde Verkäufer schien das Gebot überhört zu haben. Er wandte nicht einmal den Kopf um. »Meine Herrn«, bemerkte er nach einer kleinen Pause gleichgültig, »die Marke hat mich, wie ich versichere, das Vielfache dieses Betrags gekostet. Vergeuden Sie also, bitte, die Zeit nicht. Solche Angebote sind völlig wertlos.«

Trotz diesem deutlichen Winke fielen noch einige Gebote, die bei der Kostbarkeit des zu verkaufenden Gegenstandes nicht in Betracht kommen konnten. Sie gingen von Leuten aus, die nicht in der Lage waren, mehr zu bezahlen und denen doch schon allein die Tatsache, in dieser Angelegenheit ein Angebot zu machen, eine gewisse Befriedigung ihrer Leidenschaft gewährte. Bei aller Aussichtslosigkeit ihres Tuns mochten sie aber auch die von ihnen selbst nicht zu rechtfertigende Hoffnung hegen, es könnte ein anscheinend unmöglicher Zufall die Wirksamkeit ihres Angebotes herbeiführen.

Kaubisch hatte sich bisher an den Geboten nicht beteiligt. Ganz unvermittelt sagte er jetzt mit starker Stimme: »Fünfzigtausend!« Er war entschlossen, den Halbheiten ein Ende zu machen.

Wieder trat allgemeine Stille ein. Aber es währte nur kurze Zeit, so wurde »einundfünfzigtausend« gerufen.

Es war Doktor Lessen, und alles wandte sich überrascht nach ihm um, denn kein Mensch hatte geglaubt, daß Kaubischs Angebot übertroffen werden könnte.

Auch Kaubisch konnte man es ansehen, wie unerwartet, aber auch wie unangenehm ihm dieses Auftreten Lessens kam.

Lessens Augen glühten wie im Fieber, und auf seinen gelben Wangen bildeten sich hektische, rote Flecken. Sein Mund, sein ganzes Gesicht war verzerrt. Kaubisch dagegen hatte sich schnell wieder gefaßt. Er bot ruhig weiter. Als aber Doktor Lessen nicht nachgab, wurde auch er schließlich sichtlich erregt, und beide überboten sich jetzt in schnell aufeinanderfolgenden Rufen.

Ihre Aufregung übertrug sich auf alle andern, und bald herrschte in dem Saale eine schwüle Stimmung, wie in einer Spielhölle. Der einzige, der ruhig blieb, war der Verkäufer Magnus, und man hörte von Zeit zu Zeit, wenn eine kleine Pause eintrat, seine klare, beherrschte, etwas fremd anmutende Stimme: »Bietet noch jemand mehr?«

Allmählich waren die Gebote auf eine gewaltige Höhe gekommen. Auch das Gesicht Kaubischs war jetzt stark gerötet und verlor den Ausdruck seiner gewohnten Würde. Doktor Lessen aber war geradezu häßlich anzusehen. »Ich muß sie haben«, stieß er einmal keuchend, fast stöhnend hervor. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne, lief ihm zuletzt über die hageren Wangen.

»Achtzigtausend«, sagte Kaubisch laut, und bei diesem Gebote klapperte Doktor Lessen mit den Zähnen. Man sah, wie er in Leidenschaft und rasender Wut die Lippen bewegte, aber er brachte keinen Ton heraus.

»Einundachtzigtausend!« rief plötzlich eine andere Stimme, und alles wandte sich, fast entsetzt, nach dem neuen Kämpfer.

Es war Cajetan Kruth. Breitbeinig stand er da, trotzig, herausfordernd, und hinter ihm drängte sich, sammelte sich triumphierend seine Gefolgschaft.

Mit einem unterdrückten Fluche kehrte sich Doktor Lessen um, brach sich durch die hinter ihm Befindlichen Bahn und blieb dann, bleich und mit entstelltem Gesichte, wieder stehen. Er hatte den Kampf aufgegeben.

Kaubisch biß sich auf die Lippen, daß das Blut daraus wich, und maß mit einem schnellen Blicke seinen neuen Nebenbuhler von oben bis unten. Aber nun, da ihm ein Dritter, Gefährlicherer, den Sieg streitig machte, gewann er mit einem Male seine Ruhe, seine Vornehmheit zurück. Es war, als schöpfe er nun gerade erst neue Kraft. »Geben Sie sich keine Mühe, Herr Kruth«, sagte er kühl, »ich werde nicht nachgeben. Ich bin noch lange nicht am Ende.« Und damit machte er ein neues Gebot.

Kruth verneigte sich mit einem höflichen Lächeln. »Davon bin ich überzeugt, Herr Kaubisch«, gab er zur Antwort, »aber Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich Ihnen ein Weilchen anschließe.«

Und nun folgte wieder Gebot auf Gebot.

Aus dem Kreise der Umstehenden war allmählich die staunende Erregung verschwunden, es wurden geradezu Stimmen des Unwillens laut. Man fühlte sich gedemütigt durch diesen Kampf des Geldes. »Das ist schon nicht mehr schön«, riefen einige.

»Es ist Unsinn, völliger Unsinn!« bemerkten andere.

»Dergleichen gehört polizeilich verboten«, forderten dritte.

Man begann erbittert zu werden, sah sich auf die Seite geschoben durch die Macht des Reichtums, die sich hier allzu prahlerisch zeigte, durch diese zur Schau getragene Verachtung des Geldes.

Kirstein, ein älterer Geschäftsmann und Bekannter Kaubischs, zupfte ihn von hinten am Ärmel und flüsterte ihm etwas zu.

Kaubisch wandte sich halb nach ihm um und erwiderte mit gedämpfter Stimme: »Es ist wahr, so viel ist auch dieses Stück nicht wert. Es wird mein letztes Gebot sein.« Dann erklärte er in entschiedenem Tone, der erkennen ließ, daß er beabsichtige, zum Schlusse zu kommen: »Hunderttausend Reichsmark!«

Alles hielt den Atem an, die Nerven waren überspannt, man fühlte, daß der Höhepunkt des erbitterten Wettkampfes eingetreten war. Alles sah auf Kruth.

Kruth schwieg und schien zu überlegen. Dann verbeugte er sich und sagte mit demselben höflichen Lächeln, mit dem er in den Wettkampf eingetreten war: »Herr Kaubisch, Sie haben gewonnen. Ich überlasse Ihnen das Feld.«

Ringsum vernahm man nun wieder Stimmen. Man atmete auf. Es wurde wieder laut, lebhaft, in dem kleinen Saale. Aber nach wie vor herrschte Unmut und Eifersucht. Einige beglückwünschten Kaubisch, aber aus dem Glückwunsche hörte man den Hohn heraus. Andere, die dem überall bekannten Herrn Kaubisch gegenüber sonst Ehrerbietung und gar Untertänigkeit zur Schau getragen hatten, äußerten laut und verächtlich: »Hunderttausend Mark für eine einzige Briefmarke! Das ist ja Irrsinn!«

»Es wird niemand mehr bieten!« sagte der Verkäufer kaltblütig und begann seine Kostbarkeit wieder in die Ledertasche einzuschließen. »Mein Herr, ich nehme Ihr Angebot an. Wann und wo werden wir das Nähere bereden?«

Kaubisch zog sein Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirne. Er schien alle diese Äußerungen des Neides und des Unmutes nicht gehört zu haben oder nicht zu beachten. Seine Augen streiften das Gesicht Doktor Lessens, das haßerfüllt aussah. »Herr Doktor«, sagte er lächelnd, »sehen Sie doch nicht so böse darein. Sie können bei mir die Marke ansehen, so oft es Ihnen beliebt.« Und zu Magnus gewendet fuhr er fort: »Wollen Sie, bitte, mit mir nach Hause fahren, damit wir die Sache ins reine bringen können.«

Alles wandte sich von dem Schauplatz des Streites. Alle waren so mitgenommen von der nervenaufpeitschenden Versteigerung, daß der weitere Verlauf der Briefmarkenbörse geradezu flau, wie gelähmt, war. Bald schon leerte sich der Saal.

Herr Leonhard Kaubisch aber wurde Eigentümer der ersten und ältesten Briefmarke der Welt.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.