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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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18.

Als von der Höhe des achteckigen, altersgrauen Kiliansturms mit seiner wettergedunkelten Haube durch dröhnende, schwere Schläge die neunte Stunde angekündigt wurde, trafen sich in der Tuchmachergasse vor der Türe eines großen Mietwohnhauses ein stattlicher älterer Herr mit gepflegtem, weißem Backenbart, und ein junger eleganter Mann von einnehmendem Aussehen und begrüßten sich mit einiger Verwunderung über diese Begegnung.

»Sieh da, Sie auch schon auf den Beinen? Das nenne ich ein hübsches Zusammentreffen«, sagte der alte Herr.

Der andere lächelte wohlgefällig. »Nun, ich meine, es ist nicht gar so früh. Ich bin immerhin noch nicht in der Lage, auf der faulen Haut zu liegen ... Morgenstunde hat Gold im Munde.«

»Ach so meinte ich es natürlich nicht«, begütigte der alte Herr. »Ich meinte nur, ob Sie das Geschäft heute schon so früh verabschiedet haben, daß ich Sie jetzt auf der Straße treffe.«

Es war Herr Leonhard Kaubisch und der Gutsbesitzer Robert Bareis, die sich auf diese Weise begrüßten.

»Es ist nicht so ganz freiwillig«, sagte Bareis, »daß ich hier meine Zeit vertändle.« Er sah nach der Nummer des Hauses, vor dem sie standen. »Nummer 23? Mir scheint, ich habe mein Ziel soeben erreicht.«

Auch Kaubisch sah nach der Hausnummer. »Wahrhaftig Nummer 23! Das ist doch das Haus, das ich ebenfalls suchte. Ich glaube, wir haben ein und dasselbe Ziel. Sie wollen auch zu Herrn Andersen? Das ist merkwürdig!«

»Gerade das. Und Sie also auch, Herr Kaubisch? Das nenne ich allerdings sonderbar. Sie sind auch von Herrn Andersen gebeten worden, ihn heute morgen um neun Uhr aufzusuchen?«

»Genau so. Da bin ich doch wirklich neugierig, was das zu bedeuten hat. Er schrieb von einer dringenden Angelegenheit.«

»Wir haben also anscheinend den gleichen Brief erhalten?«

Sie sahen sich mit Staunen an.

Kaubisch schüttelte etwas unmutig den Kopf. »Kurios, wirklich kurios! Ich weiß nicht recht, was ich aus dieser rätselhaften Aufforderung machen soll. Sie wissen auch nichts Näheres? Hat er Ihnen auch nichts weiter mitgeteilt? Halb und halb reut es mich schon, daß ich nicht abgeschrieben habe, denn man hätte doch wohl erwarten dürfen, daß er den Zweck seiner Aufforderung angibt. Ich muß sagen, ich bin einigermaßen befremdet über das Verhalten des Herrn Andersen. Man ist doch auch nicht der nächste beste und auch in einem gewissen Alter ... Ob wohl noch mehr als wir beide geladen sind?«

Er betonte das Wort »geladen« mit einem ironischen Ausdruck.

Bareis sah die enge Straße auf und ab. »Bis jetzt entdecke ich keinen meiner Bekannten. Wenn sie nicht schon oben sind ... Nun, das Rätsel wird sich alsbald lösen ... Wollen Sie, Herr Kaubisch ...« Er machte eine einladende Bewegung mit der Hand nach der Türe. »Ich denke, er schrieb, Tuchmachergasse 23, dritter Stock? Ich war noch nie bei Herrn Andersen.«

»Auch ich hatte bisher nicht die Ehre«, sagte Kaubisch wiederum ironisch.

Sie betraten das Haus und gingen die Treppen hinauf.

Eine Karte an der Glastür zeigte ihnen, daß hier Herr Theodor Andersen zu Hause sei.

Andersen, der sie mit Unruhe erwartet hatte und über ihr Erscheinen sichtlich befriedigt war, empfing sie mit einer gewissen Feierlichkeit und schien die etwas frostige Höflichkeit seiner Besucher nicht zu bemerken.

Er öffnete die Türe eines hübschen, hellen Herrenzimmers, während eine zweite Türe anscheinend diejenige des Schlafzimmers war. »Es freut mich, daß die beiden Herren gekommen sind. Darf ich Sie bitten Platz zu nehmen. Und entschuldigen Sie die Bescheidenheit und geringen Annehmlichkeiten dieser meiner Behausung.« Er lächelte. »Ein Assessor ohne Rang und Namen hat selten Gelegenheit, derartige Gäste bei sich zu sehen.«

Kaubisch sah sich etwas neugierig in dem nett, aber einfach eingerichteten Raume um. Tisch, Sofa und Stühle entstammten offenbar einem vergangenen Zeitraum an. Aber sauber und behaglich war es doch in dieser Umgebung. Einige Aquarelle, zweifellos eigener Besitz Andersens, schmückten die Wände, nachdem er die Öldrucke, die ihm denn doch allzu kunstlos dünkten, hatte entfernen lassen.

»Nun bin ich hier«, sagte Kaubisch, während er sich am Tische niederließ und die entschuldigenden Worte Andersens nicht zu beachten schien, »und bin wirklich gespannt auf die Mitteilung, die Sie mir machen wollen.«

»Und ich nicht weniger«, warf Bareis ein, indem er sich ebenfalls an den Tisch setzte, »da ich wirklich nicht zu erraten vermag, was mir die Ehre Ihrer Einladung verschafft.«

Andersen lächelte etwas gezwungen. »Nur einen Augenblick Geduld, meine Herren! Sie werden es gleich erfahren ... Eine Zigarre gefällig?« Er nahm ein Kistchen Zigarren, bot es seinen Gästen an.

Bareis bediente sich, während Kaubisch kühl ablehnte. »Ich pflege des Morgens noch nicht zu rauchen.«

Andersen reichte Bareis Feuer, nahm selbst auch eine Zigarre und setzte sie in Brand.

Dann trat eine kurze Pause ein. Kaubisch und Bareis sahen Andersen an, der seinen Blick, wie befangen, zu Boden senkte.

Kaubisch trommelte leise mit dem Finger auf die Tischplatte, Bareis blies den Rauch seiner Zigarre weit von sich, ohne den Blick von Andersen abzuwenden.

Dieser schien zu überlegen, welchen Anfang er machen wollte. Er kehrte sich zuerst an Kaubisch. »Sie werden wohl eine Vermutung haben, Herr Kaubisch, warum ich Sie gebeten habe und um was es sich handelt«, begann er.

Bareis wurde noch aufmerksamer, horchte erstaunt auf und in seinem Gesicht las man die Befremdung.

»Halb und halb«, erwiderte Kaubisch trocken, »das heißt, ich kann mir eigentlich nur eines denken, hoffe aber gleichzeitig, daß meine Vermutung unrichtig sein möchte.«

»Es handelt sich um die Britanniamarke«, sagte Andersen einfach.

Bareis' Miene wurde bei diesen Worten noch eisiger. Er war sichtlich sehr unangenehm berührt. Ein Verdacht, den er noch nicht äußern wollte, schien in ihm aufzusteigen. Er vergaß völlig, weiter zu rauchen.

Auch auf Kaubischs Gesicht malte sich Mißbehagen, das er gar nicht zu verbergen suchte. »Das ist allerdings das, was ich mir gedacht habe«, sagte er. »Leider scheint mich also meine Vermutung nicht betrogen zu haben. Aber ich bitte Sie ernstlich, die Sache kurz zu machen. Ich habe gerade genug unter der Geschichte zu leiden gehabt, und es ist mir recht unangenehm, immer wieder daran erinnert zu werden. Ich gestehe offen, daß ich mir aus diesem Grunde sehr überlegt habe, ob ich Ihrer Aufforderung Folge leisten soll, und daß ich es nicht getan hätte, hätten Sie in Ihrer Aufforderung den Grund angegeben.«

Bareis brach los. Er legte die Zigarre in die Aschenschale und sah aus, als wollte er sich erheben, um das Zimmer zu verlassen. »Erklären Sie mir, Herr Andersen, was ich dabei zu tun habe! ... Ich hoffe nicht ...«, fügte er hinzu, ohne den Satz zu beenden, während eine dunkle Röte des Zorns und der Entrüstung in seinem Gesicht aufstieg.

Andersen legte begütigend die Hand auf den Arm des Gutsbesitzers. »Haben Sie keine Sorge, Herr Bareis«, sagte er, »daß ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten würde. Ich denke gar nicht daran.« Dann fügte er, wie bittend, hinzu: »Ich brauche nichts als Ihre Hilfe, die Sie mir bereitwillig zukommen lassen werden, sobald Sie das Nähere erfahren. Dessen bin ich mir sicher ... Ich will mich also kurz fassen, meine Herren. Ich werde mir erlauben, Ihnen, wenn Sie sich noch ein paar Minuten gedulden wollen, den Markendieb vorzustellen. Ich habe ihn aufgefordert, pünktlich um neun Uhr hier zu sein und erwarte mit Bestimmtheit, daß er gleich hier sein wird.«

Die Wirkung seiner Worte auf Bareis war nicht gering. Bareis war verblüfft. »Das Donner und das Wetter«, rief er und fuhr auf. »Das wäre nicht übel!«

Er blickte bald auf Kaubisch, der ruhig sitzengeblieben war und verdrießlich die Stirne runzelte, bald auf Andersen, der nun seinerseits, wie nachlässig, aber sichtlich erregt, mit seiner Uhrkette spielte. »Das ist viel gesagt! Das ist erstaunlich, was Sie uns da unvermutet an den Kopf werfen. Ich hoffe, Sie täuschen sich nicht, mein Bester.«

Dann setzte er sich wieder in seinem Stuhl zurück. »Ich bin Ihnen recht dankbar«, fügte er mit starker Ironie und mit wieder aufsteigendem Unwillen hinzu, »daß Sie mich zu der Szene, die offenbar ungemein dramatisch zu werden verspricht, als Zuschauer ausersehen haben ... Falls die Szene wirklich steigt!«

Kaubisch räusperte sich. »Mein lieber Herr Andersen«, sagte er frostig, »ich habe natürlich noch mehr Grund, Ihnen dankbar zu sein, als unser gemeinsamer Freund Bareis. Aber Sie verzeihen mir wohl, wenn ich Ihnen aufrichtig erkläre, daß ich, nachdem ich nun schon so oft enttäuscht worden bin, von ihrer Mitteilung nicht gerade erfreut bin, eine Mitteilung, die zu einer neuen Enttäuschung führen wird ... Ich glaube nämlich nicht an Wunder.«

Andersen war, nachdem sich seine anfängliche Erregung gelegt hatte, wieder völlig ruhig. »Es wird keine Enttäuschung werden, Herr Kaubisch. Diesmal nicht ... Wir werden es ja sehen.«

Kaubisch zog seine Uhr heraus. Er schien erzürnt, sein Blick war nicht gerade freundlich. »Kommen wir zum Ende, Herr Andersen«, sagte er. »Wie lange sollen wir warten? Ich bemerke, daß meine Zeit kurz bemessen ist.«

Andersen schien seinen Spott, seinen Unwillen nicht zu bemerken, er zündete die ausgegangene Zigarre wieder an. »Ihre Geduld soll nicht lange in Anspruch genommen werden, Herr Kaubisch. Ob es mir allerdings gelingen wird, Ihnen Ihr Eigentum wieder zu verschaffen, kann ich im voraus nicht sagen, das hängt von Umständen ab, die ich noch nicht kenne. Ich hoffe es aber ... Dessen bin ich mir jedoch sicher, daß mir die Überführung des Diebes gelingen wird, wie ich auch keinen Zweifel habe, daß er meiner Aufforderung zufolge hier erscheinen wird. Sollte es nicht gelingen, die Marke wieder zu beschaffen, so ist die Überführung des Täters immerhin auch etwas, weil sie uns anderen alle von einem üblen Verdachte befreit und weil sie Ihnen immerhin die Möglichkeit geben wird, wieder in den Besitz der Marke zu gelangen.«

Kaubisch verneigte sich mit frostiger Miene. »Ich bin Ihnen verpflichtet, Herr Andersen, daß Sie sich meiner Angelegenheiten so rührend annehmen und ich bin überrascht von Ihrer Freundlichkeit. Ich weiß nicht«, setzte er mit böse klingendem Spott hinzu, »wie ich Ihnen diese Dienste vergelten soll. Denn dem Verdienst seine Krone, ist ja doch ein altes Wort.«

Andersen ließ sich in keiner Weise aus der Fassung bringen. »Ich werde mir erlauben, Sie an die Belohnung zu erinnern, sobald es an der Zeit ist ... Zuerst die versprochene Aufklärung, dann die Belohnung!« sagte er fein.

Kaubischs Gesicht wurde um nichts freundlicher. Er verstand, was Andersen andeutete und suchte abzulenken. »Leider befürchte ich, nicht in die angenehme Lage zu kommen, Sie belohnen zu dürfen«, erwiderte er wiederum frostig. »Genügt es, wenn ich eine Viertelstunde zuwarte? Nunmehr haben wir acht Minuten über neun Uhr.«

»Ich denke, es wird nicht nötig sein, so lange zu warten«, gab ihm Andersen, der offensichtlich seine eigene Unruhe nur mit Mühe bezwang, zur Antwort.

Kaubisch nickte, trommelte wieder leicht auf die Tischplatte.

Bareis, in Ermangelung von etwas anderem, griff wieder nach der Zigarre und entzündete sie.

Keiner sprach mehr ein Wort.

Die Stille wurde geradezu peinlich.

Im ganzen Hause war nichts zu hören, rührte sich nichts.

Von außen, von der Dachrinne, vernahm man das Piepsen und Streiten der Sperlinge.

»Ihr Dieb ist nicht sehr pünktlich«, sagte einmal Bareis.

Kaubisch schürzte die Unterlippe, lächelte verächtlich. »Noch fünf Minuten, Herr Andersen, dann muß ich gehen«, sagte er. »Ich habe anderwärts Geschäfte, die dringlich sind.«

Andersen rauchte ebenfalls wieder, um seine Unruhe zu verdecken, gab keine Antwort.

Mit einem Male richteten sich alle auf und horchten, legten im gleichen Gedanken die Zigarre auf den Aschenteller weg.

»Es kommt jemand«, sagte Bareis. »Ich habe jemand auf der Treppe gehört.«

Andersens Augen funkelten in Erregung. »Er ist's! Sie sehen, er kommt!« sagte er mit gedämpfter Stimme.

Unsichere, gleichsam scheue Schritte waren vor der Glastüre zu hören.

Die Klingel ertönte. Man hörte, wie die Hauswirtin öffnete, man hörte eine kurze Frage, ohne die Worte zu verstehen, die Stimme zu erkennen, und die Antwort der Hauswirtin. Dann betrat jemand den kleinen Flur, näherte sich der Türe, klopfte.

In der größten Erwartung blickten alle nach der Türe.

Sie öffnete sich.

Der Eintretende war Lessen, der frühere Doktor.

Bareis und Kaubisch konnten sich eines leisen Rufes der Überraschung nicht enthalten.

Lessen war in den wenigen Wochen, in denen man nicht mehr zusammengekommen war und sich nicht mehr gesehen hatte, noch fahler, noch magerer geworden. Die Ringe um die Augen hatten sich verschärft.

Sein Anzug war abgetragen und unordentlich. Das unrasierte Gesicht verstärkte den Eindruck eines herabgekommenen Menschen.

Er gab sich offenbar auch keine Mühe mehr, diesen Eindruck zu vermindern, sein Aussehen zu verbessern und trug sich gar nicht mit der Absicht, sich die Stellung in den Kreisen, in denen er früher verkehrt hatte, wieder zu erlangen.

Mit feindseligem und forschendem Blick, mit unsteten Augen musterte er, während eine helle, fliegende Röte in seinem Gesichte aufstieg und wieder verschwand, die kleine Versammlung, ohne auch nur den Versuch zu machen, den Anwesenden, nach dem was vorgefallen war, die Hand zu reichen. Er wußte im voraus, daß er eine Demütigung zu erwarten hätte.

»Sie haben beliebt«, wandte er sich an Andersen, »mich aufzufordern, hierher zu kommen, und dies mit solch eigentümlicher, dunkler und versteckter Drohung, daß ich Sie ernstlich um Aufklärung bitten muß, was Ihre Worte zu bedeuten haben.«

Böse sah er den Angeredeten an.

Die Anwesenheit Kaubischs und Bareis' schien er überhaupt nicht zu beachten.

Andersen wies mit einer kühlen Gebärde auf einen etwas abseitsstehenden Stuhl. »Wenn Sie Platz nehmen wollen«, sagte er, in wenig verbindlichem Tone, mehr befehlend, als bittend. »Die Aufklärung, die Sie wünschen, werden Sie sogleich erhalten.«

Lessen schien zu überlegen. Er zögerte und war sichtlich unschlüssig, was er tun solle, ob er der Aufforderung, sich zu setzen, überhaupt stattgeben solle. Aber da er die Augen der drei Personen auf sich gerichtet sah, zog er den Stuhl an sich und setzte sich in etwas gezwungener Haltung, mit verächtlichem Achselzucken. »Nun also! Ich bin gespannt«, sagte er mit seiner scharfen, unangenehmen Stimme.

Dann wandte er sich zum ersten Male gegen die beiden anderen Herren. Etwas wie Hohn lag in seinen Augen. »Sie sehen gerade so aus, meine verehrten Herren, wie wenn Sie über mich zu Gericht sitzen wollten. Ich weiß wirklich nicht, was das heißen soll, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dieser Komödie bald ein Ende machen wollten.«

Kaubisch und Bareis schwiegen. Die Situation war entschieden unangenehm.

Andersen nickte ein paarmal sehr eindringlich. »Sie vermuten einigermaßen das Richtige und es ist gut, daß Sie selbst darauf gekommen sind. Das enthebt mich der Mühe, Sie vorzubereiten und viel Worte zu machen«, erwiderte er hart und laut. »Wollen Sie jetzt zugeben, daß Sie die Marke gestohlen haben?«

Mit einem Laute des Zorns und der Wut, mit einem unterdrückten Fluche fuhr Lessen von seinem Stuhle auf. Seine Hand umklammerte die Lehne des Stuhls, als wolle er ihn zum Schlage gegen seinen Beleidiger aufheben. Wiederum wechselte in seinem hageren Gesichte, das jetzt von Haß verzerrt war, glühende Röte mit erschreckender Blässe. Seine Brust hob und senkte sich. Er atmete schwer.

Mit Mühe rangen sich die Worte heraus: »Was fällt Ihnen denn ein? Glauben Sie, ich lasse mir das alles gefallen? Sie werden Ihr geradezu unglaubliches Benehmen noch bitter zu bereuen haben. Wie können Sie es wagen, mir diese infame Beleidigung in das Gesicht zu sagen? ... Keinen Augenblick bleibe ich länger hier, haben Sie mich verstanden? Ich werde dieses Zimmer verlassen, denn ich bin nicht gekommen, mir von Ihnen solche Schmähungen bieten zu lassen. Wir werden uns anderswo wiedertreffen. Das ist das einzige, was ich Ihnen sage.«

Tatsächlich machte er eine Bewegung nach der Türe, um sich zu entfernen.

Andersen war schneller als er. Während Kaubisch und Bareis, peinlich berührt von dieser Szene, erstaunt, unschlüssig, wie sie sich bei dieser Auseinandersetzung verhalten sollten, wie gelähmt dasaßen, war Andersen schon aufgesprungen, hatte den Schlüssel an der Türe umgedreht, abgezogen und in die Tasche geschoben. »Sie werden dableiben!« befahl er.

Lessen keuchte. Die Erregung nahm ihm den Atem. »Das ist Freiheitsberaubung! Lassen Sie mich hinaus oder ich schreie um Hilfe«, stieß er hervor.

»Das werden Sie bleibenlassen«, erwiderte Andersen ruhig. »Es ist nicht Ihr Interesse, wenn die Polizei kommt. Das wissen Sie selbst am besten. Dagegen glaube ich Ihnen, auch namens dieser beiden Herren, versichern zu können, daß Sie, wenn Sie ein offenes Geständnis Ihrer Schuld ablegen und die gestohlene Marke herausgeben, ungehindert nach Hause gehen werden und nicht mehr weiter behelligt werden ... Überlegen Sie sich die Sache, ob Sie nicht lieber darauf eingehen wollen, was ich Ihnen anbiete. Überlegen Sie reiflich, ich gebe Ihnen etwas Zeit. Andernfalls bin ich, das versichere ich Ihnen bestimmt, derjenige, welcher die Polizei herbeirufen wird ... Noch ist es nicht zu spät, wenn Sie sich eines Besseren besinnen. Ist die Polizei einmal da, so haben Sie die Gelegenheit verscherzt und die Brücke hinter sich abgebrochen.«

Lessen kämpfte sichtlich mit sich selbst. Dann lachte er schrill, mißtönig, setzte sich trotzig wieder. »Gut! Sie werden mir über alles, was hier geschehen ist, Abrechnung geben! Nun sagen Sie mir, was Sie mir vorzuwerfen haben, wie Sie dazu kommen, mir diese Ungeheuerlichkeit vorzuwerfen und wie Sie zu diesem absonderlichen, unerhörten Verhalten kommen ... Sprechen Sie, ich höre!«

»Sie wollen kein Geständnis ablegen?« »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich nichts zuzugestehen habe. Wie oft soll ich Ihnen denn das sagen?« Lessen wurde kalkweiß, aber er schien jetzt vollkommen ruhig.

Andersen räusperte sich. Er überlegte sich. Kaubisch und Bareis fühlten sich immer unangenehmer berührt, wußten nicht, was sie von der Sache denken sollten, hielten die Lage für unhaltbar.

»Daß Sie ein außerordentliches Interesse an der Marke gezeigt haben, werden Sie wohl zugeben«, begann Andersen, »daß Sie Ihr ganzes Vermögen daransetzen wollten, daß Sie sogar ein ernstliches Angebot machten, das Ihre Mittel weit überstieg. Alles bloß, um die Marke zu bekommen!«

»Ob das zutrifft, wollen wir dahingestellt lassen. Es mag wahr sein oder nicht. Das alles hat man mir schon einmal vorgeworfen«, erwiderte Lessen verächtlich und mit tiefer Stimme, »und zwar an berufenerer Stelle, als es hier geschieht. Sie geht es auf keinen Fall etwas an, wie ich mein Gebot realisieren wollte.«

»Sie wollen also kein Geständnis ablegen?« fragte Andersen noch einmal unbeirrt. »Ich frage Sie jetzt zum letzten Male ... Überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe!«

Lessens Augen blitzten eine Sekunde lang höhnisch auf. »Und ich sage Ihnen das letztemal, daß ich kein Geständnis abzulegen habe. Sie täuschen sich ... Ich habe den ganzen Abend die Marke nicht in die Hand bekommen, wie ich schon der Polizei gegenüber angegeben habe.«

Bei diesen Worten richtete sich Bareis, der bisher mit wachsendem Erstaunen der Auseinandersetzung der beiden zugehört hatte, plötzlich auf. »Was behaupten Sie da?« sagte er heftig. »Das ist nicht wahr, ich kann bezeugen und einen Eid darauf ablegen, daß ich Ihnen die Marke in die Hand gegeben habe, als sie an jenem Abend herumgereicht wurde.«

Lessen errötete wiederum stark, eine sichtliche Verwirrung bemächtigte sich seiner. Seine Augen flackerten umher, ohne daß er sich dessen wohl bewußt war, wichen dem Blick der drei Männer aus, seine Unruhe wechselte mit offenkundiger Angst, mit Entsetzen. Er fühlte eine Schlinge, die sich zuzuziehen drohte, er fand in der Bedrängnis, die so schnell über ihn gekommen war, keinen Ausweg. »Es ist nicht wahr«, wiederholte er in seiner Unsicherheit, mit halberstickter Stimme, »ich habe die Marke nicht erhalten.«

Nun geriet Bareis in Zorn. Seine Haltung wurde drohend. Er machte Miene, Lessen zu ergreifen. »Nicht wahr, sagen Sie? Sie wagen, das zu leugnen? Wenn Sie das leugnen, so sind Sie der Dieb! So müssen Sie der Dieb sein, denn sonst würden Sie nicht in Abrede stellen, daß Sie die Marke von mir erhalten haben!«

»Sehr richtig«, sagte Andersen fest, stark, tönend. »Zum allerletztenmal, wollen Sie vor uns hier den Diebstahl eingestehen und dann ungefährdet von uns bleiben, sobald Sie die Marke herausgegeben haben, oder soll ich jetzt die Polizei verständigen? Lessen, Sie können nicht mehr leugnen, Sie sind's gewesen! Erleichtern Sie Ihr Gewissen, das Ihnen doch keine Ruhe läßt! Wälzen Sie diese Last von sich ab und es kann alles noch gut werden für Sie!«

Eine Pause folgte.

Lessens Gesicht sah greisenhaft aus, seine Lippen zitterten, der Schweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirne.

Plötzlich sank er auf seinem Stuhl zurück, schlug die Hände vor die Augen, preßte sich die Stirne. »Es ist wahr. Ja, ich habe die Marke gestohlen. Es ist alles wahr«, sagte er tonlos, kaum vernehmbar.

Er weinte.

»Mein Leben war ein verfehltes, aber dennoch war ich unbescholten ... Und jetzt! ... Und jetzt!«

Kaubisch, Bareis und selbst Andersen waren ergriffen, hatten ein Gefühl, das an Mitleid grenzte.

Die Verzweiflung dieses Menschen war keine Schaustellung, keine Komödie, sie war echt.

Ein Mensch, so gering, so niedrig er jetzt vor ihnen saß, ein Mensch, der bis vor kurzem immerhin eine geachtete Stellung unter ihnen eingenommen hatte, der das Gefühl für Ehre immerhin noch nicht völlig verloren hatte, hatte soeben Dinge bekannt, die seine Ehre vernichteten, ihm die Achtung seiner Volksgenossen raubten, ihn aus der Volksgemeinschaft auszuschließen drohten.

Andersen unterbrach die Stille. »Wir wollen zu Ende kommen ... Sie sind es auch gewesen, der Herrn Kaubisch auf sein Inserat die gefälschte Marke übersandte, um die ausgesetzte Belohnung zu erhalten! Wollen Sie nicht auch das zugeben?«

Lessen ließ die Hände von seinem Gesicht sinken, das zerstört und zerfallen aussah. Seine fassungslosen, trüben, glanzlosen Augen starrten erstaunt den Sprecher an. »Nein, das habe ich nicht getan«, sagte er ruhig, mit leiser Stimme. »Jetzt würde ich nichts mehr ableugnen, jetzt hat doch alles für mich keinen Wert mehr. Aber das habe ich nicht getan, davon wußte ich bis jetzt überhaupt nichts.«

Ob er die Wahrheit redete? Dachte Andersen, dachte Bareis, dachte Kaubisch.

Kaubisch war der weichste unter ihnen. Obwohl schwer geschädigt, begann sich jetzt wirkliches Mitleid bei ihm zu regen, Mitleid mit diesem verworfenen, gebrochenen Menschen. »Wie konnten Sie derartiges machen? Es ist mir unfaßbar«, sagte er. »Nein, nein, das hätte ich nie von Ihnen gedacht! Ich habe etwas auf Sie gehalten.«

Lessen hatte den Arm um das Gesicht gelegt. Um seine Tränen zu verbergen, die aufs neue ausbrachen. »Lassen Sie mich einsperren! Schicken Sie mich in das Zuchthaus, damit ich unter meinesgleichen bin!« klang seine von Schluchzen unterbrochene Stimme unter dem Arme hervor. »Ich habe es verdient. Es ist die gerechte Strafe!«

Andersen sah ihn durchdringend an. »Darum handelt es sich nicht. Soweit es in unserer Macht, in unserem Belieben ist, wollen wir Sie verschonen. Aber machen Sie Ihr Unrecht wieder gut, geben Sie Herrn Kaubisch sein Eigentum wieder zurück, dann erst werden Sie sich wieder freier fühlen, dann erst wird Ihr Gewissen wieder ruhiger werden und dann erst«, setzte er leiser, aber mit Bestimmtheit hinzu, »können wir auch zusagen, daß von unserer Seite nichts gegen Sie unternommen werden wird. Sie müssen sich doch selbst sagen, daß dies das einzige Mittel ist, Ihre Selbstachtung wieder zu erlangen.«

Lessens Aussehen war mitleiderregend, er stöhnte. »Ich kann ja nicht! Ich hätte es ja längst getan, wenn es in meiner Macht stünde! So verworfen bin ich nicht, wie Sie glauben. In einem unbewachten Augenblick hat mich die Gier, die Leidenschaft, die Versuchung übermannt, die Gelegenheit zu benützen! Ich habe ja die Tat sogleich bereut und habe den besten Willen gehabt, die Marke zurückzugeben. Daß ich das nun nicht mehr kann, ist mein Unglück, das mich noch in den Tod treiben wird.«

»Warum können Sie die Marke nicht zurückgeben?«

»Ich verstehe Sie nicht?«

»Haben Sie die Marke schon verkauft?«

Bareis, Andersen und Kaubisch richteten erregt, fast gleichzeitig, ihre Frage an ihn.

»Ich kann und konnte die Marke nicht zurückgeben, weil sie sofort von einem anderen gestohlen wurde«, hauchte Lessen. »Ich hatte an jenem unseligen Abend die Marke in einer aufgegangenen Naht des Futters meines Rockärmels verborgen. Kaum war die Tat geschehen, so kam ich wieder zu mir selbst, packte mich schon die Reue. Doch es fehlte mir der Mut, die Marke wieder herauszutun. Ich fürchtete, wohl nicht mit Unrecht, ich könnte entdeckt werden, man könnte mich sehen, wie ich die Marke aus dem Ärmel gleiten lasse. So unterließ ich es und nahm mir fest vor, die Marke Ihnen, Herr Kaubisch, sofort am andern Morgen ohne Namensnennung zurückzugeben. Meine Reue wurde noch heftiger, als zu meinem Schrecken der Vorschlag gemacht wurde, sich durchsuchen zu lassen. Ich konnte aber natürlich jetzt erst recht nicht mehr zurück. Die Durchsuchung hatte keinen Erfolg. Sie wissen noch, man mußte die Arme hinausspreizen, damit man den Körper untersuchen konnte, man dachte aber nicht daran, zuvor die Arme selbst zu untersuchen. Ich war für den Augenblick gerettet. Dann kam der Vorschlag, derjenige, der die Marke genommen habe, solle sie freiwillig in der Verborgenheit wieder hergeben. Ich dankte dem Himmel für diesen Vorschlag, ich war wie erlöst. Sie dürfen mir glauben, meine Herren, mit welcher Freude, mit welcher Erleichterung ich das andere Zimmer betrat, wie froh ich war, als ich es wieder verließ und die Marke in der Schale niedergelegt hatte! Und nun erfuhr ich am andern Tage zu meinem Entsetzen, daß sie nicht an Herrn Kaubisch zurückgekommen war, daß ein anderer nach mir sie gestohlen haben mußte! Meine Reue kam zu spät, mein Unglück war schon hereingebrochen!«

Lessen schwieg.

Auch die andern waren stumm vor Erstaunen, vor Überraschung.

Lessen machte den Eindruck der völligen Zerknirschung, der Gebrochenheit, der Reue, der Aufrichtigkeit.

Andersen nahm zuerst das Wort. »Sie haben die Marke zurückgeben wollen, sie in die aufgestellte Schale gelegt – und ein anderer hat sie zum zweiten Male entwendet?« wiederholte er langsam, eindringlich, sinnend, nachdenklich.

»Ja!«

Andersen war noch nicht frei von Mißtrauen, von Zweifel. – Konnte man diesem Menschen glauben? Vielleicht erzählte Lessen dies doch nur, um sich den Besitz der Marke zu sichern. »Haben Sie wirklich alles gesagt, was Sie zu sagen haben? Sie wissen tatsächlich nicht, wo die Marke sich befindet? Sie haben nicht einmal die Vermutung?«

»Ich habe Ihnen alles bekannt, was mich angeht und was ich weiß, ich habe meine Schande eingestanden. Wenn ich wüßte, wer sich die Marke nach mir angeeignet hat, ich würde keine Sekunde zögern, ihn zu nennen. Mein Schicksal ist in Ihrer Hand. Fangen Sie mit mir an, was Sie wollen, ich habe es verdient. Rufen Sie jetzt meinetwegen die Polizei, mir ist es gleichgültig. Mein Leben ist ruiniert, die Schande wird mich überall begleiten.«

Andersen überlegte, wechselte einen Blick mit Kaubisch.

»Nein, Sie können gehen«, sagte er dann kurz.

Lessen erhob sich, verbeugte sich flüchtig und verließ mit todesbleichem Gesicht, mit niedergeschlagenen Augen, ohne noch ein Wort zu sagen, das Zimmer.

Auch die Zurückgebliebenen schwiegen. Sie waren noch völlig überrascht von dem neuen Geschehen, von den neuen unerwarteten Rätseln, die sich ihnen boten.

»Immer dunkler, immer seltsamer wird die Geschichte«, sagte Kaubisch.

»Und ich bürge Ihnen, ich werde sie noch restlos lösen«, erwiderte Andersen, dem ein neuer Gedanke zu kommen schien.

Bareis schüttelte den Kopf. »Es war ein Fehler. Man hätte den Kerl nicht laufen lassen sollen.«

»Warten Sie ab«, warf Andersen, fast wie zerstreut, ein, »ob es ein Fehler war.«

Kaubisch nickte eindringlich. »Nein, nein, Herr Andersen hatte recht. Mir ist's jedenfalls so lieber. Was liegt mir daran, ob Lessen im Gefängnis sitzt oder nicht. Bekomme ich dadurch meine Marke zurück? Ich für meine Person glaube ihm, daß er die Marke nicht mehr besitzt, nachdem er uns das andere gestanden hat. Für das, was er getan hat, trägt er schon die Strafe mit sich herum, Sie können sich darauf verlassen, meine Herren ... Aber sagen Sie mir, Herr Andersen, wie kamen Sie denn auf den Gedanken, dieses Geständnis erzwingen zu können? Ich habe den Eindruck, als ob wir dieses Geständnis Lessens nicht bloß einem günstigen Zufall verdankten. Wie konnten Sie es Lessen auf den Kopf zusagen, da doch nichts Neues mehr gegen ihn herausgekommen ist?«

Andersen lächelte verbindlich. »Das war verhältnismäßig einfach, Herr Kaubisch, und Sie werden wohl enttäuscht sein, wenn Sie Ihre Erwartungen zu hoch gespannt haben. Daß Lessen am verdächtigsten war, ist doch einleuchtend. Schon aus den Gründen, die ich ihm soeben vorgehalten habe und die auch von der Polizei, der Staatsanwaltschaft benützt wurden, um das Vorgehen gegen Lessen zu rechtfertigen. Aber ich hatte noch einen kräftigen, einen sicheren Trumpf in den Händen, ein Moment, das der Behörde völlig entgangen ist. Herr von Hennings hatte sich nämlich darauf festgelegt, nachzuforschen, wer die Marke zuletzt in der Hand hatte, weil er sich, natürlich ganz richtig, sagte: An dem bleibt es hängen, wenn er sich nicht ausweisen kann! Er hat sich also, nachdem er einmal diesen Gedankengang hatte, auf den Versuch beschränkt, festzustellen, wer an jenem Abend nachweislich zuletzt die Marke zur Besichtigung ausgehändigt bekam. Da aber nur ein Teil der Gäste sie bekommen und besichtigt haben wollte und von diesen verschiedene beim besten Willen nicht mehr sagen konnten, wem sie die Marke weitergaben, so betrachtete er seinen Versuch als gescheitert ... Ich aber habe mich damit nicht begnügt, ich bin weiter gegangen. Ich verglich die Angaben der Gäste miteinander und kam zu einem überraschenden Widerspruch, den Herr von Hennings, Herr Degas und Feuerstein ganz übersehen haben, weil sie immer nur das eine Ziel im Auge hatten: Wer hat als letzter die Marke in Händen gehabt? Nämlich Herr Bareis« – lächelnd sah Andersen zu dem Genannten auf – »erklärte, er habe die Marke an Lessen weitergegeben, aber Lessen, der als einer der ersten, lange vor Herrn Bareis, darüber einvernommen worden war, behauptete, er habe die Marke an jenem Abend gar nicht in die Hände bekommen. Eine Selbsttäuschung des Herrn Bareis war ausgeschlossen, denn er erinnerte sich noch, daß er zu Lessen, als er ihm die Marke gab, sagte: Sie werden sich besonders interessieren! Eine Selbsttäuschung Lessens war aber ebenso ausgeschlossen, denn ein solch leidenschaftlicher Sammler, wie er es ist, mußte genau wissen, ob er dieses kostbarste Stück, das er bisher noch nie in Händen gehabt hatte, zum Ansehen erhielt oder nicht. Zumal ja seine Vernehmung schon in kürzester Zeit nach dem Abhandenkommen der Marke erfolgte. Das Ableugnen durch Lessen konnte nach meiner Ansicht also nur den einen Grund haben, daß er die Marke entwendet hatte und instinktiv sich zu schützen suchte, indem er behauptete, er habe die Marke nicht in die Hände bekommen und folglich auch nicht die Möglichkeit gehabt, sie heimlich zu behalten. Sein Verhalten war um so leichter zu erklären, als er auf der einen Seite ja nicht hätte sagen können, wem er die Marke weitergab, da er andererseits nicht wußte, daß Herr Bareis sich genau erinnerte, ihm die Marke übergeben zu haben ... Daß ich mit meinem Schlusse recht hatte, sehen Sie jetzt selbst, meine Herren.«

»Alle Achtung, Herr Andersen«, sagte Kaubisch.

Kaubisch, Bareis und Andersen blieben jetzt noch eine Weile zusammen und rauchten ihre Zigarren – auch Kaubisch hatte erklärt, heute wolle er zu Ehren des Herrn Andersen eine Ausnahme machen – zu Ende.

Das Gespräch drehte sich natürlich um Lessen und die durch sein Geständnis und seine anderen Erklärungen neugeschaffene Lage.

Entsprach es der Wahrheit, daß die Marke an jenem Abend zum zweiten Male gestohlen wurde?

Und wem war in diesem Falle diese Gemeinheit zuzutrauen?

Die Klärung erschien aussichtsloser denn je.

»Ich glaube nicht«, sagte Kaubisch, »daß ich meine Britanniamarke je wiedersehen werde.«

»Und ich erlaube mir, das Gegenteil zu behaupten«, bemerkte Andersen.

»Und ich wünsche, Sie möchten recht behalten«, fügte Bareis hinzu, der vor Andersen ordentlich Respekt bekommen zu haben schien.

Mit herzlichem Händedruck gingen die drei Männer auseinander.

Als Kaubisch nach Hause kam, war er still und in sich gekehrt, er sprach nicht viel von der Sache, aber man sah ihm an, daß er nachdachte und überlegte.

»Ich fange an, diesen Herrn Andersen, den Assessor meine ich, recht sehr zu schätzen«, sagte er beim Mittagessen gänzlich unvermittelt zu Frau Margarete.

Sie sah erstaunt zu ihm auf. – Das war es also, was ihn beschäftigt hatte.

»Aber ein Herr von Hennings wird er niemals werden«, sagte sie mit Bedauern, das natürlich Herrn von Hennings galt.

Dabei entging es ihnen beiden, daß die schöne Beate, die ihrem Vater gerade die Suppe ausschöpfte, bis in die Stirne errötete.

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