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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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14.

Dem als berechtigt anerkannten Gesuche des Herrn von Hennings um Urlaub war alsbald entsprochen worden und sein Stellvertreter schon ernannt.

Es war ein junger Mann, der trotz seinen Jahren zur Fülle neigte, mit einem vollen, gutmütigen und rötlichen Gesicht, das von Gesundheit zeugte und Wohlbefinden, wie auch Freude an behaglichem Lebensgenuß verriet. Kurzum, er bot im ganzen nicht das übliche Bild eines gestrengen und unnachsichtigen Staatsanwalts.

Stets war er sorgfältig rasiert.

Es ging ihm der Ruf voraus, daß er wohl begütert sei und eigentlich nicht nötig hätte, sich im Staatsdienste abzumühen.

Sein Name war Martin Wusterhaus. Er kam jetzt aus der Provinz, wo er ebenfalls einige Monate aushilfsweise Dienste geleistet hatte.

Seine erste Tätigkeit war, sich die Kanzlei des Herrn von Hennings nach seinem eigenen Geschmack einzurichten.

Aus der Handbücherei seines Amtsvorgängers, deren Fülle er mit leichtem Kopfschütteln beschaute, wählte er sich einige Stücke aus und legte sie sich zu etwaigem Gebrauch auf dem Schreibtisch bereit. Dann ließ er zum Erstaunen des gesamten Personals aus seiner Privatwohnung ein halbes Dutzend Blumenstöcke herbeischaffen, herrlich blühende Azaleen, mit denen er die Fenster schmückte, und ein Vogelbauer mit einem munter singenden Kanarienhähnchen, das sich in seiner neuen Umgebung sehr wohl zu finden schien.

Kurzum, Herr Martin Wusterhaus richtete sich häuslich ein.

Nachdem alles zu seiner Zufriedenheit säuberlich geordnet war, machte er sich an das Studium der von Herrn von Hennings zurückgelassenen und nicht zu Ende geführten Anzeigesachen.

Der Fall Kaubisch, der ihm gänzlich unbekannt geblieben war, bereitete ihm einiges Unbehagen, da ihn dieser schon zu einer beträchtlichen Stärke angewachsene Aktenbund mißtrauisch machte. Doch behielt er seine unerschütterliche Ruhe, durch die er in der kurzen Zeit seiner staatlichen Laufbahn in dem Kreise seiner Bekannten schon eine gewisse Berühmtheit erreicht hatte, vollkommen bei.

Nun fing er an, in seinem Lehnstuhl sitzend und keine Miene verziehend, die einzelnen Stücke des Aktenbündels mit Gründlichkeit, und indem er sich Zeit ließ, von Seite zu Seite durchzulesen.

Allmählich begann ihn übrigens dieser Fall selbst auch lebhaft zu interessieren und ein nicht unangenehmes Lächeln flog über sein Gesicht, als er die eigenhändigen Notizen seines Amtsvorgängers und älteren Amtsgenossen, Herrn von Hennings, entzifferte, die Auszüge las, die dieser gemacht hatte, und die Schlüsse, die er zog, die Bemerkungen, die er zu den von der Kriminalpolizei aufgestellten Hypothesen machte.

Als er aber bis zu der letzten, von der Hand des Herrn von Hennings stammenden Mitteilung gekommen war, durch welche dieser seinen ihm unbekannten Nachfolger über die neueste Vermutung einer Mystifikation durch den angeblich Bestohlenen unterrichtete, lachte er, den Kopf schüttelnd, hell auf.

Dann überlegte er, die Hände über dem Magen faltend, ob und was in dieser Sache zu geschehen habe. Nachdem er längere Zeit nachgedacht hatte, läutete er die Geschäftskanzlei an.

»Hier Wusterhaus ... Rufen Sie, bitte, sofort den Herrn Leonhard Kaubisch an ... Kaubisch ... ja, Kaubisch! ... Ich lasse den Herrn bitten, im Laufe des heutigen Nachmittags mich zu besuchen. Die Stunde stelle ich dem Herrn Kaubisch anheim. Ich habe ihm etwas zu sagen, was ihn sicherlich interessieren wird ...«

Tatsächlich fuhr der Wagen Kaubischs vor dem Justizgebäude vor und Kaubisch stieg die Treppen zu den Kanzleien der Staatsanwaltschaft hinauf.

Er zeigte unverkennbare Verstimmung, seine Miene war frostig.

Als er an Stelle des Herrn von Hennings, dessen Beurlaubung ihm bisher nicht bekanntgeworden war, den dicken freundlichen Assessor Wusterhaus antraf, besserte sich seine Laune, sein Gesicht hellte sich auf.

Wusterhaus empfing ihn mit großer Liebenswürdigkeit und einer behaglichen Ruhe, die Kaubisch angenehm berührte. – Dieser junge Mann, der, ohne die gesellschaftlichen Formen zu verletzen und die Achtung des jüngeren Mannes vor dem älteren Herrn hintanzusetzen, ihn mit einer gewissen Kameradschaftlichkeit bat, Platz zu nehmen und als erstes eine Zigarette anbot, während er sich selbst eine solche aus der Dose nahm und anzündete, gefiel ihm. Er fand einen wohltuenden Unterschied zwischen ihm und dem andern, dem zwar auch stets höflichen, aber nie aus der Rolle des Aktenmenschen fallenden Herrn von Hennings.

»Sie werden sich wundern, Herr Kaubisch«, sagte Wusterhaus, »was ich von Ihnen will. Es handelt sich natürlich um den bei Ihnen begangenen Diebstahl der Empire-Marke, oder wie sie sonst heißt – ich bin nämlich kein Briefmarkenkenner! – und möchte den Fall, der mir zur Weiterbehandlung übertragen worden ist, in aller Ruhe mit Ihnen besprechen.«

Kaubisch runzelte die Stirne. – Ich glaube, ich habe mich doch in ihm getäuscht, dachte er, und es ist einer wie der andere. Nun fängt also ein neuer an und die ganze nutzlose Quälerei beginnt wieder von vorne. Verwünscht sei der Tag, an dem ich auf den Gedanken kam, diese Sache an die große Glocke zu hängen! Hätte ich doch geschwiegen! Nichts habe ich gewonnen, sondern mir nur einige Feindschaften zugezogen!

Herr Wusterhaus schien seine Gedanken zu erraten. Er lächelte freundlich. »Haben Sie keine Angst, Herr Kaubisch«, sagte er mit einer beruhigenden Handbewegung, »ich werde nicht alles noch einmal durchnehmen und widerkäuen. Ich glaube ja, daß Ihnen die Geschichte bald zum Halse heraushängt, wie ich aus Ihrer letzten Zuschrift, die bei den Akten ist, entnehme. Ich habe gar keine Lust, den Herrn von Hennings nachzuahmen. Im Gegenteil! Den Täter werden wir jetzt, nachdem nutzlos so viel Mühe aufgewendet und Staub aufgewirbelt wurde, doch nicht mehr herausfinden, wenn die Marke nicht einmal gelegentlich wieder ans Tageslicht kommt. Das halte ich für so gewiß, als zwei mal zwei vier ist ... Sehen Sie, Herr Kaubisch, das hier« – er zeigte auf einen dicken, verschnürten Aktenbund – »ist doch alles Quatsch. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen aufzähle« – er streckte die dicke Hand aus und begann behaglich an seinen rundlichen Fingern zu rechnen – »wer alles schon angekreidet war und verfolgt wurde. Sie wissen ja, da ist erstlich dieser Doktor Lessen, dem man auf den Zahn fühlte. Dann marschiert Herr Cajetan Kruth auf, als Dritter kommt der Chauffeur Pankraz. Nach ihm der Assessor Andersen, schließlich kommt Ihre eigene Tochter Beate Kaubisch an die Reihe ... Sind schon fünf! ... Es sollte mich wundernehmen, wenn es nicht zum Schlusse noch heißt: Die Marke wurde gar nicht gestohlen, sie ist bloß verloren gewesen und der Herr Kaubisch hat sie schon lange wiedergefunden.«

Kaubisch wollte auffahren, wollte losbrechen. Er war sehr rot geworden und der Zorn blitzte aus seinen Augen. »Das ist aber allerhand! ... Das möchte ich mir doch schönstens verbeten haben!«

Wusterhaus lächelte freundlich, legte ihm die Hand auf den Arm. »Nur keine Aufregung! Das war natürlich nur ein Scherz von mir, nur Quatsch! ... Also ärgern Sie sich nicht, das schadet nur Ihrer Gesundheit. Lachen Sie lieber darüber ... Ich zählte Ihnen ja bloß auf, wer alles im Verdacht ist, um Ihnen zu zeigen, daß man schließlich an allen Ihren fünfundzwanzig Gästen der damaligen Abendgesellschaft herumkommen könnte ... So wie die Sache liegt und ›verbockt‹ ist, werden wir den Täter niemals herausbringen. Die Marke wird einige Zeit verschwunden bleiben und gelegentlich einmal in einem anderen Erdteil, sagen wir, in Amerika, wieder auftauchen, und hierzulande werden wir das Nachsehen haben ... Das ist mir so klar wie etwas.«

Kaubisch war erstaunt und zugleich unangenehm berührt, verdrossen. – Dieser behäbige und leidenschaftslose junge Mann wird ja recht haben, dachte er. Aber es ist doch rücksichtslos, mir dies einfach ins Gesicht zu schleudern. So etwas denkt man, aber man sagt es nicht. Es sind doch bare hunderttausend Mark, die ich verloren habe, und man sollte meinen, daß er mich eher damit trösten sollte, man werde den Täter schon einmal kriegen.

»Um mir das zu sagen, haben Sie mich kommen lassen, Herr Assessor?« fragte er mit spürbarer Ironie. »Es ist ja nicht gerade erfreulich, was Sie mir da mitteilen. Sie werden das einsehen.«

Wusterhaus blieb gelassen, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »O nein«, erwiderte er, »das ist nicht, was ich Ihnen sagen wollte, das ist nur die Einleitung. Ich habe mich nämlich ein wenig in Ihre Lage versetzt und die Anschauung gewonnen, es wäre wohl das beste, unser Augenmerk darauf zu richten, die Marke wiederzubekommen, da man doch nicht herauskriegt, wer die Sache gemacht hat. Mir, wäre ich der Geschädigte, wäre es jedenfalls lieber, ich hätte die Marke wieder, als den Täter im Gefängnis zu wissen.«

Kaubisch horchte auf, er gewann plötzlich lebhaftes Interesse. »Ja, das wäre?« sagte er eifrig. »Halten Sie das für möglich? ... Verzeihen Sie mir, Herr Assessor, wenn ich das sage, aber das ist das vernünftigste Wort, das ich bisher in dieser Angelegenheit zu hören bekommen habe. Natürlich wäre mir die Bestrafung des Täters nebensächlich, wenn ich nur die Marke wieder bekäme ... Wissen Sie, hunderttausend Mark, das will verschmerzt sein!«

Kaubisch war ganz entzückt, endlich einmal einen Menschen zu finden, der die Angelegenheit nicht mit den Augen des Kriminalisten, sondern vom Standpunkte des Geschädigten aus ansah. Voll Hoffnung sah er zu Wusterhaus auf. »Sie machen mich neugierig. Wissen Sie vielleicht etwas? Haben Sie eine besondere Idee? Wenn ich die Marke wieder bekäme, das wäre ja großartig, wunderbar! Mehr wollte ich gar nicht.«

Wusterhaus zündete eine neue Zigarette an. Mit der Behaglichkeit und Umständlichkeit, mit der er alles tat. »Ich will Ihnen keine unnötigen Hoffnungen machen, Herr Kaubisch. Versprechen Sie sich nicht zuviel. Ich sagte mir nur, ich will einmal versuchen, die Sache von dieser angenehmeren Seite zu fassen. Wie Sie sehen, hat man das bisher noch gar nicht probiert ... Es ist nämlich so, meine ich, daß der Dieb recht schwer dazu kommen wird, die Früchte seiner Tat zu genießen. Mindestens braucht es gehörige Zeit ... Möglicherweise hat er das bisher gar nicht beachtet und er kommt erst so nach und nach darauf, wann er darangehen will, den Nutzen zu ziehen, und merkt zu seiner unangenehmen Überraschung, daß das gar nicht so einfach ist, wie er vielleicht gedacht hat.

Entweder hat er nämlich die Marke aus Sammlerleidenschaft gestohlen, was ich übrigens nicht glauben möchte, nach dem, was ich aus den Akten entnommen habe, oder ihres Vermögenswertes halber. Ein Drittes wird es hier nicht geben.

Der Sammler hat aber nur dann den Genuß eines seltenen, wertvollen Stückes, wie es diese Britanniamarke darstellt, wenn er es seiner Sammlung einverleiben kann, wenn es ein Prunkstück der Sammlung wird, dem er den ersten Platz einräumen kann, wenn die Sammlung selbst durch dieses Stück einen besonderen Wert erhält, wenn er die Sammlung anderen zu zeigen vermag, wenn er den Ruhm der Sammlung erntet, wenn auch andere kommen, die Sammlung zu besichtigen ... In die Sammlung muß das Stück eingereiht sein, sonst ist es ihm ziemlich wertlos, da die Marke an sich ohne Kunstwert ist und bei etwaiger heimlicher Beschauung nicht den Genuß bietet wie etwa ein kostbares Bild, ein kostbares Buch, das der Dieb immer wieder liest.

Das ist wenigstens meine Auffassung vom Wesen und Charakter des Sammlers.

Im vorliegenden Falle ist aber die Einverleibung der Marke in die Sammlung des Diebes einfach unmöglich, ohne ihn nicht der ständigen Gefahr der Entdeckung preiszugeben.

Das weiß der Dieb ganz genau, und darum glaube ich nicht, daß die Marke aus Sammlerleidenschaft gestohlen wurde. Hat der Dieb aber die Marke gestohlen, um sie wieder zu verwerten und dadurch in den Genuß der Valuta, wie wir es einmal heißen wollen, zu kommen, so wird er erst nachträglich merken und sich darüber klarwerden, daß ihm diese Verwertung ungeheure Schwierigkeiten machen wird und daß er sie mindestens um einen gegenüber dem wirklichen Werte geradezu geringfügigen Preis wird abgeben müssen.

Kurz und gut, diese Erwägungen, die sich dem Dieb ganz bestimmt noch aufdrängen werden und um die er nicht herumkommen wird, werden ihn geneigt machen, die Marke zurückzugeben, wenn wir ihm eine goldene Brücke bauen. Ich schlage also vor, daß sie ihm Straffreiheit versprechen und selbst noch eine beträchtliche Belohnung, sagen wir einmal zwanzigtausend Mark, für die Rückgabe der Marke zusichern, dies öffentlich bekanntmachen und zugleich auf die Wertlosigkeit der Marke für den Täter hinweisen, eine Wertlosigkeit, die gerade wegen des wirklichen, enormen Wertes für den unrechtmäßigen Besitzer gegeben ist ... Ich bin überzeugt, der Dieb nimmt Ihr Angebot an und Sie bekommen die Marke zurück.«

Je länger Kaubisch hörte, um so mehr war er erstaunt über diese Ausführungen. – Wie? Der Dieb sollte nicht nur nicht zur Strafe herangezogen werden, nein, er sollte auch noch eine Prämie, eine beträchtliche Belohnung für seine Missetat erhalten? Und diese Prämie sollte er bezahlen, der um hunderttausend Mark bestohlen wurde?

Das wollte ihm nicht einleuchten, das war denn doch eine Zumutung, die er nicht erwartet hatte. »Herr Assessor, sprechen Sie im Ernste?« fragte er und aus seiner Stimme klang nicht undeutlich die Entrüstung heraus, in die er geraten war.

Ihm fiel ein, daß er die eigentlich einfältige und gewiß für die heutige Zeit nicht mehr passende Geschichte des Königs Rhampsinit an jenem verhängnisvollen Abend im Scherz bewundert hatte. – Sollte dieser junge Herr Wusterhaus auch schon davon gehört haben? Sollte er seine damalige, keineswegs ernsthaft gemeinte Äußerung ebenfalls in den vermaledeiten Akten gefunden haben?

»Aber Sie verlangen doch nicht, daß ich dem Diebe auch noch meine Tochter zur Frau gebe«, fuhr er sarkastisch fort, »wie der selige König Rhampsinit?«

Wusterhaus schien belustigt. »Nein, mein lieber Herr Kaubisch, an den König Rhampsinit habe ich bisher nicht gedacht. Es ist vielmehr eine einfache Rechnung, die ich anstelle. Die gestohlene Marke ist hunderttausend Mark wert, wie ich gelesen habe. Diese hunderttausend Mark sind für Sie verloren, perdü, kaputt. Wenn Sie nun zwanzigtausend Mark aussetzen und nötigenfalls daranrücken, bekommen Sie dafür, wie ich fast wetten möchte, diese hunderttausend Mark zurück, Sie gewinnen also dabei achtzigtausend Mark ... Das ist doch eine glatte Rechnung«, fügte er gemütlich hinzu.

Kaubisch war sichtlich betroffen. Als Kaufmann verstand er ja zu rechnen. Der Vorschlag wollte ihm jetzt schon vernünftiger, annehmbarer vorkommen.

Aber allzu leicht war ein solcher Entschluß doch gerade nicht.

»Und die Straffreiheit?« fragte er wieder zweifelnd. »Kann ich denn dem Kerl überhaupt Straffreiheit zusichern? Das geht doch meines Wissens gar nicht. Das steht doch gar nicht in meiner Macht. Wenigstens bin ich von Ihrem Vorgänger, Herrn von Hennings, so belehrt worden, daß die Strafverfolgung des Diebstahls selbst gegen meinen Willen vor sich gehen würde.«

»Ganz richtig«, entgegnete Wusterhaus phlegmatisch. »Sie selbst können dem Dieb Straffreiheit zusichern, aber die Staatsanwaltschaft ist natürlich nicht daran gebunden.«

Kaubisch richtete sich auf. Jetzt sah er den klugen, dicken und doch noch jungen Mann mit unverhehlter Entrüstung an. »Aber erlauben Sie, mein Herr, was muten Sie mir eigentlich zu? Ich gebe dem Dieb mein Wort, daß ihm nichts zuleide geschieht, und Sie gehen her und packen ihn, falls er so dumm ist und in die Falle geht. Wie stehe ich dann da?«

Wusterhaus war offenbar ein Mann, den nichts aus der Ruhe brachte. Er schien einer Aufregung überhaupt nicht fähig zu sein. »Entrüsten Sie sich nicht voreilig, mein bester Herr«, erwiderte er lächelnd. »Sie versprechen ja nur allein, daß Sie den Dieb nicht festnehmen und daß Sie ihn nicht zur Anzeige bringen werden, wenn Sie ihn kennen. Mehr kann er doch nicht von Ihnen verlangen, und er weiß es, daß er nicht mehr von Ihnen erwarten kann. Was wir dann machen, das geht Sie gar nichts an. Man wird Sie wohl als Zeuge vernehmen. Sie müssen dann das Zeugnis ablegen und werden gezwungen, den Dieb zu nennen, oder verweigern Sie das Zeugnis und müssen sich deshalb bestrafen lassen. Das ist wiederum Ihre Sache, wie Sie sich in diesem Falle verhalten wollen und ob Sie es mit Ihrer Zusicherung an den Dieb in Einklang bringen, ihn auf Grund des Zeugniszwanges der Staatsanwaltschaft zu benennen, oder ob Sie glauben, in Konsequenz Ihrer Zusicherung die Strafe der Zeugnisverweigerung auf sich nehmen zu müssen ... Dies wird aber alles gar nicht in Frage kommen und es ist deshalb unnütz, darüber zu streiten, ob Sie dem Dieb gegenüber verpflichtet sind, das Zeugnis zu verweigern. Denn der Dieb ist, das haben wir jetzt schon gesehen, nicht so töricht, daß er in eine Falle geht. Vielmehr wird er Mittel und Wege finden – darauf können Sie sich verlassen! – den Umtausch von Marke und Belohnung vorzunehmen, ohne daß Sie ein Haar von seiner werten Persönlichkeit zu sehen bekommen und überhaupt imstande sein werden, herauszubringen, wer der Täter ist ... Glauben Sie mir, Herr Kaubisch, dieser raffinierte Halunke bringt es fertig! Sie müssen nur darauf bedacht sein, daß Sie die Marke zurückbekommen. Zug um Zug, wie der Jurist sagt. Es wird das dem Dieb kaum eine Schwierigkeit bereiten.«

Kaubisch lehnte sich in seinem Stuhle zurück, schwieg, überlegte lange und reiflich.

Dann kam Leben in ihn. »Sie haben recht«, sagte er eifrig, »es wird gehen. Sie haben auch recht mit Ihrem Vorschlage. Ich werde dann mit einem blauen Auge davonkommen und der Dieb wird sich vor der Entdeckung zu bewahren wissen. Sie haben mich schon überzeugt. Mindestens wird sich der Versuch lohnen und ich will ihn machen.«

»Sehen Sie, Herr Kaubisch«, erklärte Wusterhaus in seiner behaglichen, gutmütigen und zutraulichen Art, »wir kommen immer wieder zusammen ... Ich habe mir das gleich gedacht und Sie deshalb zu mir gebeten.« Wie Freunde schüttelten sie sich die Hände, als Kaubisch die Kanzlei verließ.

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