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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
correctorreuters@abc.de
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13.

Das Ergebnis der Schritte, welche Degas gegen Beate Kaubisch neuerdings unternahm, war vor allen Dingen ein Brief Kaubischs an Herrn von Hennings, in welchem er in entschiedener Weise erklärte, es wäre sein und seiner Gattin dringender Wunsch, wenn sich der Herr Staatsanwalt in der Angelegenheit der vermißten Briefmarke weiter keine Mühe machen und weitere Nachforschungen nach ihr unterlassen wollte.

Dabei war angedeutet, daß das neueste Vorgehen des Herrn Staatsanwalts Beate in einen derartigen Zustand der Aufregung und der Empörung versetzt habe, daß man ernstlich für ihre Gesundheit besorgt sein müsse, und sie hätte auch den Wunsch ausgesprochen, durch nichts mehr an jenen leidigen Gesellschaftsabend, aber auch an die Staatsanwaltschaft und was mit ihr zusammenhänge, erinnert zu werden.

Herr von Hennings las den Brief und legte ihn achselzuckend, mit stummer Gebärde, zur Seite.

Sein unfrohes, gealtertes Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Obwohl der Brief durchaus höflich gehalten war und, wenn auch formell und kühl gehalten, keinerlei persönliche Spitzen erkennen ließ, konnte Herr von Hennings keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, daß der Brief eine völlige Absage an ihn bedeute und daß insbesondere die letzten Worte, selbst wenn nicht aus allen Zeilen des Briefes ein eisiger Hauch spürbar gewesen wäre, nichts anderes besagten, als daß das Haus Kaubisch für die Zukunft keinen persönlichen Verkehr mit Herrn von Hennings mehr wünsche.

Herr von Hennings lächelte schmerzlich. – Das ist die Schattenseite meines Berufs, dachte er. Selbst Leute, die gute Bildung besitzen und von denen man Verständnis erwarten sollte, vermögen nicht zu unterscheiden zwischen Wollen und Pflicht. Lache, Bajazzo!

Er seufzte tief auf. Er war niedergeschmettert, betrübt, aber doch auch erbost zugleich, erbost über die mangelnde Einsicht dieser Leute, die nicht imstande waren, sich aus ihrer Umwelt zu erheben und von höherer Warte sachlich und nach allen Seiten gerecht die Lage zu beschauen, die keine Ahnung hatten, was eiserne Pflicht ihm als Staatsanwalt unerbittlich vorschrieb. Er sah, daß die Sache wieder einmal auf einen völligen Mißerfolg hinausgelaufen war und daß seine Ansicht, Kaubisch würde, gleich ihm, über dem Verlangen der Aufklärung des Rätsels jede andere Rücksicht auf die Seite setzen, völlig irrig gewesen war.

Ich werde sofort den Wagen bestellen und zu Kaubisch fahren, dachte er. Ich werde mich rechtfertigen, obwohl ich alles das nicht nötig hätte. Diese laienhaften und zudem durch ihren Reichtum verwöhnten Menschen werden ja niemals das Verständnis dafür aufbringen, was ein öffentliches Amt an Pflichten vorschreibt und daß genaueste und bis zum letzten gehende Pflichterfüllung notwendig ist, um die eigene Sauberkeit zu bewahren. Aber trotzdem sollen sie wenigstens meinen Standpunkt kennenlernen. Ich werde ihnen auseinandersetzen, daß ich unter den vorliegenden Umständen gar nicht anders handeln konnte, schon um nicht etwa einen Unschuldigen leiden zu lassen, daß auch durchaus kein Grund vorliegt, dieses Verhör der Tochter als beschämend zu empfinden, daß alles regelrecht, wohlüberlegt, unanfechtbar sowohl in der Form, als in der Wahl der Mittel der Untersuchung vor sich gegangen ist. Ich werde mein Bedauern ausdrücken, daß ich genötigt war, etwas zu tun, was mir selbst unlieb war, was aber zur Unterbindung jedes weiteren Geschwätzes sogar im Interesse von Fräulein Kaubisch lag. Und falls Fräulein Beate Kaubisch sich weigert, mich fernerhin zu empfangen, so werde ich das mit Würde zu tragen wissen, ihr aber auch selten genug Gelegenheit geben, ungerechte Launen über mich ergehen zu lassen.

Herr von Hennings war jetzt so verärgert, daß er keinerlei Zuneigung mehr für Beate Kaubisch empfand und daß sogar der Gedanke ihrer Verbindung mit dem Assessor Andersen ihn kalt ließ und nicht mehr schmerzlich berührte.

Sofort ließ er einen Wagen bereitstellen und fuhr, ohne seine Absicht vorher kundzutun, zu Kaubischs. Aber er geriet geradezu aus der Fassung und errötete vor Scham, als ihm ein Diener, dem er seinen Namen nannte, ihn anzumelden, den Bescheid gab, es sei niemand zu Hause. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sich Kaubischs hatten verleugnen lassen und daß ihm, dem Staatsanwalt von Hennings, ohne Umschweife gesagt, die Türe gewiesen worden war.

Dieser Gedanke erregte ihn derart, daß er beinahe Übelkeit verspürte. Das Erröten hatte einer Besorgnis erweckenden Blässe Platz gemacht, als er den Wagen wieder bestieg und zu dem Gerichtsgebäude zurückfuhr.

Ohne nach rechts und links zu sehen, ohne die Grüße der ihm entgegenkommenden Kanzleibeamten zu beachten oder zu erwidern, zerstreut, wie geistesabwesend, stieg er die breiten steinernen Treppen im Innern des riesigen Baues empor, betrat er sein Arbeitszimmer wieder.

Er setzte sich in den Stuhl am Schreibtische, stützte die Stirne in die Hand und starrte längere Zeit in schweren Gedanken vor sich hin.

Herr von Hennings kämpfte mit einem Entschlusse.

Dann legte er sich mit einem Male einen halben Bogen weißes Papier zurecht und begann schnell und erregt zu schreiben.

In dieser Beschäftigung wurde er durch den Eintritt eines Gerichtsboten unterbrochen, der ein an Herrn Staatsanwalt von Hennings gerichtetes verschlossenes Schreiben überbrachte.

Es kam von Kriminalinspektor Degas, der das schon mündlich mitgeteilte Ergebnis der letzten Nachforschung bei Beate Kaubisch nunmehr schriftlich nachbrachte.

Unwirsch und ohne den Boten eines Wortes zu würdigen, nahm ihm Herr von Hennings das Schreiben ab, riß den Umschlag auf und begann zu lesen.

Es enthielt nichts von Belang, nichts Neues. Nur zum Schlusse hatte Degas geglaubt, den Mißerfolg seiner Sendung dadurch mildern zu müssen oder in ein besseres Licht setzen zu können, daß er versicherte, er sei nichtsdestoweniger von der Täterschaft dieses Mädchens überzeugt.

Herr von Hennings fühlte sich versucht, das Schreiben zusammenzuballen, es mit Füßen zu treten oder wenigstens in Stücke zu zerreißen.

Gerade dieser Schlußsatz, durch den Degas das befohlene Vorgehen gegen Beate Kaubisch zu rechtfertigen unternahm, machte ihn rasend.

»Geradesogut kann ich sagen, ich sei trotz alledem von der Schuld Lessens überzeugt. Oder von der Schuld Kruths. Oder von der Schuld Andersens. Oder von der Schuld des Chauffeurs ... Denn gegen alle liegen Verdachtsmomente gerade genug vor, solange man die Marke nicht gefunden hat ... Was nützt mir diese seine Überzeugung? Rein nichts! Das sind Sprüche, hohle Sprüche«, sagte er zu sich selbst.

Er beachtete gar nicht, daß der Kanzleibote sich noch im Zimmer aufhielt, da und dort sich zu schaffen machte, am Schreibtisch etwas Staub abwischte, der gar nicht vorhanden war. In seiner nervösen Überreizung hatte er das Gefühl für Gerechtigkeit verloren, war er böse auf Degas, dem er doch selbst den Auftrag gegeben hatte und der von Anfang an mit wenig Zuversicht an seine neue Aufgabe gegangen war, durch seinen Schluß der Meldung aber nur dem Staatsanwalt den eigenen Mißerfolg versüßen wollte.

Erregt begann er wieder seinen gewohnten Marsch durch das Zimmer.

Der Gerichtsbote war ein älterer, wohlbeleibter Mann, nicht sehr groß, mit einem über die Lippen herabhängenden Schnurrbart. Sein rötliches, gesundes Gesicht zeigte Aufrichtigkeit und Gutmütigkeit an. Er schien ein grundehrlicher Mensch zu sein, wennschon seine hellen, blauen Augen gerade jetzt pfiffig, fast verschlagen aufleuchteten. »Herr Staatsanwalt«, sagte er.

Herr von Hennings blieb stehen. Er hatte ganz vergessen, daß er nicht allein war, daß dieser Mensch vielleicht auf einen Auftrag wartete. Er mußte sich tatsächlich besinnen, was der Mann in dem blauen Rock mit den Metallknöpfen hier zu schaffen hatte.

»Herr Staatsanwalt«, begann der Gerichtsbote noch einmal, gewissermaßen vertraulich, und man sah ihm an, daß er etwas wie Mitleid mit Herrn von Hennings hatte. »Wenn ich etwas sagen dürfte ...«

Aber dieser dachte schon wieder an etwas anderes. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, sah wirr über das Schriftstück, das er begonnen hatte und das noch auf dem Schreibtische lag, und seufzte schwer auf.

»Herr Staatsanwalt«, sagte Riesling – so hieß der brave Mann – zum dritten Male, immer mit dem gleichen pfiffigen Lächeln um den bärtigen Mund, »wenn ich einmal sagen darf, was ich denke ... und was viele andere Leute auch sagen und denken ... den Herrn Kaubisch mag man gar nicht so gerne leiden, wie der Herr Staatsanwalt vielleicht glaubt. Er ist so eingebildet auf seine Gescheitheit und spottet andere gern aus. Ob er nicht bloß die Staatsanwaltschaft zum Narren halten wollte? Daß die Marke gar nicht gestohlen worden ist? Und daß der Herr Kaubisch jetzt erst einsieht, was er angerichtet hat, und getraut sich nicht mehr, daß er es sagt? Oder meinen die Leute, daß die Marke bloß verlorengegangen und jetzt schon lange wieder gefunden ist! Der Herr Kaubisch will auf einmal von der Marke gar nichts mehr wissen und sagt, man solle nichts mehr tun. Dabei handelt es sich doch um ein Vermögen, und das gibt vernünftigerweise doch keiner einfach auf! Herr Kaubisch will, daß die Polizei sich nicht mehr um die Sache annimmt. Das hat seinen Grund darin, daß er die Marke schon lange wieder gefunden hat! ... So meinen die Leute allgemein und ich glaube, daß sie recht haben.«

Herr von Hennings hatte erst achtlos, ohne recht zu hören, den Wortschwall des getreuen Mannes über sich ergehen lassen. Dann begann er aufmerksam zu werden. Er erblaßte, sein Mund verzerrte sich. »Hinaus!« schrie er plötzlich den Erschrockenen an. »Machen Sie, daß Sie hinauskommen! Ich will nichts mehr hören, ich will nichts mehr wissen! Machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

Erschöpft lehnte er sich in seinem Stuhle zurück und preßte sich wieder mit der nervösen Hand die Stirne. Wie durch einen Nebel sah er noch die Gestalt des Mannes in dem langen blauen Rocke mit den weißen Metallknöpfen, der sich bestürzt und zugleich gekränkt und gar nicht mehr so gutmütig aussehend, zur Türe zurückzog, sie nach rückwärts greifend öffnete und verschwand. Dann griff er wieder zur Feder und vollendete das Schriftstück, an dessen Fertigstellung er durch den Eintritt Rieslings unterbrochen worden war, in fliegender Hast.

Staatsanwalt von Hennings reichte das Gesuch um Bewilligung eines längeren Urlaubs ein. Seine überreizten Nerven bedürften der Schonung, der Erholung. Das ärztliche Zeugnis werde er nachbringen.

Er bat zugleich, seine laufenden Geschäfte, und insbesondere den Fall Kaubisch, einem Stellvertreter zu übertragen.

Er gab, das erstemal in seinem Leben, eine Sache für verloren.

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