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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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12.

Herr von Hennings war in düsterster Stimmung, war todunglücklich.

Man sah es ihm rein äußerlich schon an. Seine Gesichtsfarbe, die schon zuvor nicht blühend genannt werden konnte, war allmählich aschgrau geworden, über den Schläfen hingen die Haare wirr und ungepflegt. Sogar auf die Kleidung schien er nicht mehr die sonstige Sorgfalt zu verwenden, er hatte entschieden an Eleganz verloren.

Dies alles machte der Fall Kaubisch.

Der Kummer über diesen Fall machte ihn zum Fatalisten. Mehr und mehr verrannte er sich in den Gedanken, der ihn nicht mehr loslassen wollte, und es wurde ihm zur fixen Idee, daß dieser entsetzliche Fall dazu bestimmt sei, sein Schicksal zu werden, ihm den Ruf und die Achtung seines ganzen früheren Strebens und Schaffens zu vernichten, ihm den Namen eines tüchtigen, klugen und findigen Beamten zu rauben, kurz, daß der Fall für ihn einen verhängnisvollen Ausgang nehmen werde.

Durch das hohe, offene Fenster drang eine frische, wohlige, blütenduftgeschwängerte Luft. Herrlicher milder Sonnenschein übergoldete die Gipfel der prächtigen alten Platanen; den weichen, hellgrünen, sammetartigen Rasen, das hohe Gesträuch der weiß und purpurn blühenden Syringen dieser Gartenanlagen, welche vor dem rechten Flügel des Gerichtsgebäudes durch verständige und fühlende Menschen erhalten geblieben waren. Eine Amsel, die sich auf dem Dachfirst des Nachbarhauses niedergelassen hatte, flötete in feierlichen starken Tönen ihr verzücktes Lied, und aus der Ferne antwortete ihr eine zweite.

All das sah und hörte Herr von Hennings nicht.

Er dachte an den Fall Kaubisch, der ihn vernichtete, ihn zum Gespött der Leute machte, ihn der Lächerlichkeit preisgab.

Durch den Boden hörte er aus der unter seinem Zimmer gelegenen Kanzlei das Lachen des Amtsrichters, der den Besuch eines Freundes erhalten hatte. – Sie lachen über mich, dachte Herr von Hennings, ohne Zweifel erzählt dieser Mensch gerade meine Mißerfolge im Falle Kaubisch.

Die gegen Theodor Andersen eingeleiteten Schritte hatten mit einem völligen Mißerfolg geendet. Herr von Hennings fühlte, daß gerade dieses Vorgehen gegen den Assessor Andersen als ein böser Mißgriff angesehen wurde und seinem eigenen Ansehen einen gewaltigen Stoß versetzt hatte, daß man ihn wegen dieses Vorgehens in manchen Kreisen mehr oder weniger offen anfeindete, daß er bei Leuten, die ihn früher geschätzt und geachtet hatten, in Mißkredit zu kommen begann.

Insbesondere die gegen Andersen erwirkte Briefsperre war bekanntgeworden, und man hatte sie ihm schwer übelgenommen. – Natürlich hinterdrein! dachte Herr von Hennings, weil sie im Sand verlaufen ist! Wäre der erwartete Erfolg eingetreten, ein Beweisstück in die Hände der Staatsanwaltschaft zu schaffen, so hätte alles meine Energie und Klugheit bewundert!

Dazu kam, daß ihm sich der Gedanke an Beate Kaubisch immer wieder aufdrängte und ihn innerlich aufwühlte.

Er hatte geglaubt, sich eingeredet, seine Empfindungen für diese junge Dame seien für alle Zeiten erledigt und abgetan, er hatte sich selbst überredet, sie sei ihm, nachdem er jetzt ihr Verhältnis zu Theodor Andersen nur allzu genau kannte, völlig fremd und gleichgültig geworden, und er machte zu seinem Erstaunen, zu seinem Schrecken die Wahrnehmung, daß dieses lächerliche Schmerzgefühl, das er gestern niedergekämpft zu haben glaubte, ihm heute schon wieder neu zu schaffen machte, ja sogar verstärkt auftrete, und daß selbst der kühle, besonnene und berechnende Staatsanwalt von Hennings nicht gegen die Eifersucht in der Liebe und die daraus entstehenden Plagen geschützt sei.

Mit einem Gefühl des Neides las er zum andern Male die Abschrift eines Briefes, den Fräulein Beate Kaubisch an Theodor Andersen geschrieben und den er vermöge der erwirkten Briefsperre in seine Hand bekommen hatte.

Aus diesem Briefe, flüchtig hingeworfen konnte man die Liebe und ängstliche Sorge für den herauslesen, an den der Brief gerichtet war, aber auch die Entrüstung, welche die Absenderin erfüllte, und den Abscheu, den sie gegen einen Dritten hegte.

Und dieser Dritte war er, Hennings! –

Mein von Herzen geliebter Theodor! – So lautete der Brief. – Es ist empörend! Es ist himmelschreiend! Ich habe es schon erfahren, daß sie sogar Dich verdächtigen, bei Dir nach der Marke gesucht haben, die nicht mehr verdient, als vernichtet zu werden. Oh, wie Du mir leid tust, liebster Theo! Papa hat sich nicht ausgesprochen, als er es vernahm, aber er schüttelte den Kopf. Nur Mama sucht immer noch diesem Hennings die Stange zu halten und ihn mit seiner Pflicht zu entschuldigen.

O wie ich ihn hasse, diesen Menschen, der meinem lieben Theodor solches Leid zufügen konnte! – (Hier verfinsterte sich die Stirne des Lesenden. Dann seufzte er.) – Er hat kein Herz, sonst hätte er fühlen müssen, daß Du nicht schuldig bist, wie er auch keinen Verstand hat, sonst hätte er sich sagen müssen, daß Du es nicht sein kannst!

Ach mein lieber Theodor, kannst Du mich denn noch lieben, nachdem Du alles dieses Ungemach nur meinetwegen erlitten hast? Du weißt wohl, daß ich die Schuld trage an dem Unrecht, das man Dir zugefügt hat, ich ganz allein, mit meinem törichten Gedanken und dem Hinweis auf Papas Leidenschaft für Briefmarken.

Ich grüße und küsse Dich innig
Deine treue Beate.

Und es ist doch so! dachte Herr von Hennings. Theodor Andersen hat die Marke genommen, um sie später hervorzuzaubern und sich dadurch die Gunst des Herrn Kaubisch zu erringen. Und Fräulein Beate Kaubisch hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, hat ihn dazu angestiftet ... Auch dieser Brief weist ja mit aller Deutlichkeit darauf hin!

Dann überdachte er die Schlußworte des Briefes und seufzte wiederum. – »Mama hält mir die Stange?« Aber was nützt das, wenn mir die Tochter durch Andersen endgültig verlorengegangen ist?

Jemand klopfte bescheiden an die Türe und brachte seine Gedanken in eine andere Richtung.

Ein kleines, unscheinbares, dürftiges Männchen trat ein. Einer der vielen Angestellten dieses gewaltigen Baues. Sein Aussehen war absonderlich. Ein fast weißes, mageres Gesicht war von einem schwachen, aber kohlschwarzen Bart eingesäumt. Der kleine Mann trug eine gelbe Lederschürze über einem abgeschabten schwarzen Tuchrocke, sah im übrigen vom Kopf bis zum Fuß verstaubt aus.

Auch die Augen glühten pechschwarz aus dem bleichen Gesicht, und doch zeigten diese Augen einen unendlich gutmütigen, treuen Ausdruck.

Sigismund Holk war Aktenausscheider, der unten im Kellergeschoß sein schweres, ungesundes Amt ausübte, die Ballen und Stapel von Akten, die sich dort unten angesammelt hatten und eingestampft werden sollten, durchzusehen und einzelne Stücke, einzelne Blätter, die noch für die spätere Zeit von Wichtigkeit sein konnten, herauszunehmen und aufzubewahren, bevor die ganze Last der Vernichtung übergeben wurde.

Er trug in der Hand ein vergilbtes Stück Papier. »Entschuldigen Sie, Herr Staatsanwalt, wenn ich störe«, sagte er, »aber ich fand da gerade in den Akten Stabholzer I 4637 eine Quittung, die nicht zur Aufbewahrung bestimmt war. Es dürfte dies entschieden auf einem Irrtum beruhen.«

»Warum fragen Sie mich denn da lange«, erwiderte Herr von Hennings unwirsch, »in solchen Fällen, die Ihnen zweifelhaft sind, bewahren Sie die Aktenstücke auf. Es ist doch selbstverständlich besser, ein etwaiges unnützes Aktenstück aufzubewahren, als ein später wieder benötigtes Stück zu vernichten.«

Der kleine Mann blieb stehen, schwieg.

Mißtrauisch und mit bewölkter Stirne betrachtete ihn Herr von Hennings. »Haben Sie noch etwas?« fragte er kühl.

Nun zeigte sich, daß das vergilbte Stück Papier von Sigismund Holk nur als Vorwand benutzt wurde. Die schwarzen Augen wurden noch freundlicher, noch gutmütiger. »Gestatten Sie, Herr Staatsanwalt, daß ich zu dem Falle Kaubisch etwas sage, was ich beobachtet habe, und meine gehorsamste Ansicht äußere?«

Die Stirne Herrn von Hennings bewölkte sich noch mehr. – Das ist gerade der Rechte, dachte er. Die gescheitesten und erfahrensten Männer zerbrechen sich vergeblich den Kopf, und dieser Einfaltspinsel meint vermutlich, er habe den Vogel abgeschossen. – »Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte er nicht sehr freundlich, nicht sehr einladend.

Da Sigismund Holk in seinem Eifer und seiner Gutmütigkeit nichts anderes erwartet hatte, als Herr von Hennings werde ihm irgendein anerkennendes Wort, eine lobende Ermunterung zuteil werden lassen, auch mit Begierde und beträchtlicher Spannung alles in Erfahrung zu bringen suchen, was mit dem Fall Kaubisch zusammenhänge und zur Aufklärung dienen könne, war er bestürzt und geriet in Verwirrung.

Nun konnte er aber nicht mehr zurück. Er mußte heraus mit der Sprache.

Aber er sprach schlecht.

»Gestatten Sie, Herr Staatsanwalt ...«

Da vermochte sich Herr von Hennings nicht mehr zurückzuhalten, er polterte los. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich Ihnen gestatte, loszuschlagen, was Sie auf dem Herzen haben, wenn es unbedingt sein muß. Aber bitte, machen Sie es kurz. Meine Zeit ist bemessen.«

In den treuherzigen Augen Sigismund Holks spiegelte sich lebhafte Enttäuschung, Schmerz und Trauer wider. »Ich hielt es für meine Pflicht, Herr Staatsanwalt, Ihnen etwas zur Kenntnis zu bringen ... Ich glaube nämlich und bin überzeugt, daß ich, sofern nicht alles trügt, den Täter entdeckt habe.«

»Ah!« sagte Herr von Hennings mit Hohn.

»Oder vielmehr die Täterin.«

Herr von Hennings wurde hellhörig, wurde aufmerksam. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte ihn.

Sigismund Holk bemerkte sofort, daß ein Umschwung zu seinen Gunsten eintrat. Er vergaß völlig die kränkende Mißachtung, die der Staatsanwalt ihm oder vielmehr seinem Wissen entgegengebracht hatte. »Es ist nämlich niemand anders«, sagte er mit Augen, die vor Eifer strahlten, »als die Tochter des Herrn Kaubisch selbst, Fräulein Beate Kaubisch.«

Obgleich Herr von Hennings soeben noch den gleichen Gedanken Raum gegeben hatte, traf ihn doch diese beinahe brutal zu nennende Ankündigung mit überwältigender Stärke. – Dieser lächerliche Mensch, dachte er, spricht da eine Vermutung aus, auf die bisher noch keiner von uns allen gekommen ist, und stellt eine Hypothese auf, die in ihrer Kühnheit selten zu finden sein wird.

Er sah dem verstaubten Männchen starr in das Gesicht.

Nun wurde Sigismund Holk mit einem Male beredt, wie ein Bächlein sprudelte es jetzt aus seinem Munde. Sein Gesicht zeigte gleichzeitig einen dienstlich ergebenen und einen stolzen, sieghaften Ausdruck.

»Wenn mir die Aktenausscheidung Zeit läßt, muß ich in laufenden Sachen Abschriften herstellen, und so bekam ich auch eine Reihe von Aktenstücken im Falle Kaubisch zum Abschreiben. Dabei fiel mir auf, daß sämtliche zur Zeit der Tat anwesenden Personen sofort durchsucht wurden und daß die Durchsuchung erfolglos war, ebenso auch die wiederholte genaue Durchsuchung des ganzen Zimmers. Ich sagte mir, daß demnach mit höchster Wahrscheinlichkeit keine dieser Personen die Marke entwendet habe, denn sonst hätte man sie mindestens im Zimmer finden müssen, sondern daß jemand das Zimmer verlassen haben müsse, bevor die Durchsuchung stattfand und die Marke mitgenommen habe. Die einzige Person, die noch anwesend war und nicht durchsucht wurde, auch vor der Durchsuchung des Zimmers dieses verließ, war aber Fräulein Beate Kaubisch.«

Der höhnische Blick Herrn von Hennings war gewichen.

Herr von Hennings wagte nicht mehr zu spotten. Nervös drückte er den Kneifer auf der Nase zurecht und sah versteinert aus, als wäre ihm plötzlich eine ungeheure Idee gekommen.

»Nun ist kurz zuvor in unserer Stadt eine Geschichte passiert, die ganz unglaublich klingt und doch wahr ist und die von Mund zu Mund ging«, fuhr Sigismund Holk fort und erzählte jetzt Herrn von Hennings die wohlbekannte Geschichte der von der eigenen Tochter des Bestohlenen geraubten Juwelen und des erpreßten Jawortes, die Oskar Hilpert an dem bewußten Abend bei Kaubisch zum besten gegeben hatte.

Sigismund Holk begann so heiter und gewinnend zu lächeln, wie nur ein harmloses Kind sich einschmeichelnd lächeln kann. »Da habe ich«, setzte er hinzu, »von einer Tante meiner Base Pauline mit allergrößter Zuverlässigkeit und Bestimmtheit – diese Tante kommt nämlich als Wäscherin des öftern in das Haus des Herrn Fabrikanten Kaubisch und kriegt dabei alles mögliche zu hören! – erfahren, daß Fräulein Beate Kaubisch, wenn ich so sagen darf, ein Verhältnis mit einem gewissen Assessor Andersen angeknüpft hat. Es soll schon ziemlich lange dauern.«

Sigismund Holk zögerte, weil er sich nicht im klaren war, ob er berechtigt sei, dieses Wort im vorliegenden Falle anzuwenden.

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Herr von Hennings zerstreut, gerade als ob er seine Gedanken ganz woanders hätte. »Lassen Sie das und machen Sie in Ihren Wahrnehmungen weiter.«

»Entschuldigen Sie, Herr Staatsanwalt, aber gerade diese Liebschaft ist das Wichtigste in der ganzen Sache. Nämlich die Eltern des Fräuleins, der Herr Kaubisch und die gnädige Frau Mama, sind mit dieser Liebschaft ganz und gar nicht einverstanden, und es soll schon zu Auftritten deswegen gekommen sein.«

Das kleine Männchen machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf den Herrn Staatsanwalt zu beobachten. Holk wollte Herrn von Hennings dazu bringen, die weiteren Schlüsse selbst zu ziehen und ihm entgegenzukommen. Da dieser aber beharrlich schwieg, lächelte er noch freundlicher, noch gewinnender, jedoch mit einer gewissen kindlichen Schlauheit. »Mir steht es fest«, sagte er geheimnisvoll, den Ton dämpfend, »daß Fräulein Beate Kaubisch, die ja die Geschichte mit den Juwelen ebenfalls gehört und die Täterin ihrem Vater gegenüber lebhaft in Schutz genommen hat, die Marke auf die Seite gebracht hat, und man konnte deshalb die Herren lange aussuchen.«

Er schwieg und sah mit den funkelnden schwarzen Augen siegesfroh zu Herrn von Hennings auf, als wollte er sagen: Habe ich recht oder nicht?

Herr von Hennings war äußerst nachdenklich geworden. Die Gedanken stürmten auf ihn ein. – In der Tat, dachte er, ich glaube wahrhaftig, daß dieser Mensch recht hat. Ja, es wird mir immer mehr zur Überzeugung! Mit einem Male wird mir alles klar. Es stimmt alles zusammen!

Er hielt sich selbst auch wieder vor, mit welch lebhaftem Interesse, nach der Angabe eines Zeugen, Fräulein Beate Kaubisch am Abend der Tat die Erzählung Hilperts aufgenommen hatte, ein Interesse, das zeigte, daß sie selbst mit dem gleichen Gedanken spielte wie diese Juwelenräuberin. Er rief sich in das Gedächtnis zurück, wie sie die Berechtigung der Handlungsweise der liebenden Tochter verfocht und an der in dieser Handlung liegenden Unmoral offenkundig keinen Anstoß nahm, so daß Kaubisch selbst darüber unwillig werden wollte. – Es muß so sein, dachte er, sie war es, die die Marke heimlich weggenommen hatte. Es ist gar nicht anders möglich!

Er atmete in heftiger Erregung. »Nein, es ist kein Zweifel mehr«, sagte er leise zu sich selbst. »Und doch stimmt etwas nicht«, erklärte er plötzlich laut, wie ernüchtert. »Das Mädchen, das die Juwelen genommen hat, hat ja mit Vorabsicht alles sofort eingestanden und nur die Herausgabe verweigert. Auch Fräulein Beate Kaubisch hätte dies längst getan, wenn sie die Täterin wäre.«

Sigismund Holk lächelte wiederum fein. »Das ist ja richtig. Aber ich denke mir«, sagte er schlicht, »daß Fräulein Beate eben den Mut nicht mehr gefunden hat, ihrem Vater gegenüber mit der Sprache herauszurücken und ihre Forderung zu stellen, nachdem die Sache der Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Nachher wird die Marke schon einmal herauskommen, wenn der Zeitpunkt geeigneter ist. Es hat für Fräulein Beate keine Eile, denn sie will doch nicht schon in den nächsten Wochen heiraten. Sie kann mit ihrer Forderung immer noch kommen, wenn bei uns Gras darüber gewachsen ist.«

Herr von Hennings betrachtete den vor ihm stehenden kleinen, unscheinbaren Mann mit einem Blick, der aus Staunen und Achtung zusammengesetzt war. Bei Gott, dachte er, er hat vollkommen recht, sie hat nicht daran gedacht, daß ihr Vater sofort die Staatsanwaltschaft in Bewegung setzen würde, und darum schweigt sie jetzt. Beate Kaubisch ist die Täterin.

Der an Theodor Andersen gerichtete Brief Beates, den er soeben gelesen hatte, kam ihm wieder vor Augen. – Nun sieh einer her, dachte er weiter, jetzt sind doch die letzten Worte dieses Briefes völlig aufgeklärt! Das ist doch ein klares Geständnis ... Sie schreibt, daß sie allein die Schuld trage an der Schmach, die nach ihrer Ansicht dem Geliebten zugefügt wurde ... Weil sie die Marke weggenommen hat! ... Sie spricht ja selbst von ihrer törichten Idee! ... Sie hat es getan und Andersen in das Geheimnis eingeweiht! Nun stimmt alles restlos zusammen!

Sie ist's, sie ist's! hätte er laut hinausrufen mögen.

Aber Herr von Hennings war vorsichtig geworden. Die zahlreichen Mißerfolge hatten seine Spannkraft gelähmt. Er fürchtete sich jetzt geradezu, die klare, unzweideutige Spur weiterzuverfolgen.

Während er wiederum mit hastigen, nervösen Schritten im Zimmer auf und ab ging, prüfend, suchend, erwägend die Kette der Beweise aneinanderreihend, musterte er das häßliche, blasse Männchen mit den schwarzen funkelnden Augen. – Sollte mir, dachte er, dieser ärmliche Mensch, dieser harmlose Idiot, dieses Kind, das in seinem abgetragenen Röcklein, in seinem Lederschurz vor mir steht, als mein rettender Engel geschickt worden sein?

Und plötzlich malte ihm der Ehrgeiz wieder die lockenden Bilder des Triumphes und des ersehnten Erfolges. – Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt, zitierte er.

Er sagte Holk einige karge, nüchterne Worte des Dankes. »Ich will mir die Sache weiter überlegen.«

Beglückt und verlegen über seine eigene Wichtigkeit verließ das Männchen das Zimmer.

Aber Herr von Hennings überlegte nicht mehr lange. Er war schon entschlossen, das Licht, das mit einem Male in diese Dunkelheit fiel, auszunützen. Nur das Wie bereitete ihm jetzt einiges Kopfzerbrechen. Denn daß die Geschichte immer heikler wurde, immer höhere Anforderungen an Takt und Diskretion stellte, war einleuchtend.

Herr von Hennings sagte sich, daß die Sachlage erfordere, hier persönlich die nötigen Nachforschungen anzustellen, selbst Beate Kaubisch zu verhören, daß es viel peinlicher für sie sei, wenn er Polizeiorgane in das Haus schicke. Aber dennoch schreckte er vor dem Gedanken wieder zurück, Beate, der sein Herz immer noch entgegenschlug, peinlich zu verhören. – Nein, es geht nicht, sagte er. Das wäre zuviel verlangt, man kann einem Menschen nicht Unmögliches zumuten, und ich bin doch auch ein Mensch.

Kurz entschlossen wandte er sich zur Klingel und verlangte nach Degas.

Degas ist geschickt, zuverlässig und taktvoll, Degas muß an meiner Stelle gehen, dachte er.

Lange verhandelte er mit ihm, als er erschienen war, ruhig und sachlich, indem er ihm die neue Fährte wies. »Ich würde die junge Dame selbst verhört haben«, schloß er, »aber es ist mir bei meinen gesellschaftlichen Beziehungen zu dem Hause Kaubisch mit dem besten Willen nicht möglich. Also gehen Sie und verhören Sie statt meiner Fräulein Beate Kaubisch. Ich vertraue Ihnen. Wenn es jemand fertigbringt, so sind Sie es ... Gehen oder fahren Sie zu Kaubisch. Klären Sie ihn auf, machen Sie ihn auf alles aufmerksam. Erbitten Sie von ihm die Erlaubnis, seine Tochter zu verhören. Führen Sie alles energisch aus, aber mit Takt, mit größtem Takt! Das Ergebnis Ihrer Schritte bitte ich mir in möglichster Bälde zur Kenntnis zu bringen!«

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