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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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11.

Herr von Hennings magerte sichtlich ab. Da er schon zuvor keineswegs beleibt war, fiel diese Magerkeit besorgniserregend auf.

Der Fall Kaubisch verursachte ihm schlaflose Nächte, ließ ihn auch tagsüber nicht zur Ruhe kommen.

Immer wieder nahm er die Akten zur Hand, studierte sie, um eine neue Handhabe zu finden, brütete er über der Vermeidung von falschen Schlüssen.

Immer wieder waren es Fehlschläge gewesen, die er in dieser Angelegenheit unternommen hatte, während er doch in zahlreichen anderen Untersuchungen sich als scharfer Denker erwiesen und geradezu schon einen gewissen Ruhm wegen seiner Findigkeit und seiner glücklichen Hand erworben hatte.

Über diesen Fehlschlägen wuchs seine Nervosität in einem Maße, daß seine Untergebenen möglichst vermieden, mit ihm in persönliche Berührung zu kommen, daß der Umgang selbst mit seinen Freunden allmählich schwierig zu werden begann und einige aufrichtige Kameraden ihm rieten, auf einige Monate aus dem Amte zu gehen, um seine Nervenkraft wieder zu stärken.

Aber er ließ nicht ab. Sein Ehrgeiz duldete es nicht. Er wies jede Zumutung, die weitere Verfolgung der Angelegenheit Kaubisch als aussichtslos auszugeben, das Verfahren einstweilen einzustellen oder wenigstens einem andern, einer jüngeren Kraft, irgendeinem Assessor, der sich an diesem Fall die Zähne ausbeißen oder sonst blamieren mochte, übertragen zu lassen, geradezu mit Entrüstung zurück.

»Was glauben Sie von mir? Das wäre noch schöner! Das wäre ja geradezu Pflichtverletzung, ein sonst einfaches Problem, der Schwierigkeiten halber, aufzugeben ... Nein, nun erst recht! Und ich löse das Rätsel doch noch!«

So lauteten seine Antworten, die er auf die wohlgemeinten Ratschläge des einen oder anderen Freundes zu geben pflegte.

Nun bewies er wieder, nicht nur, daß er sich keine Erholung gönnte, jene Energie und eherne Zähigkeit, die ihm des öftern zu ungeahnten Erfolgen verholfen und den Ruf des pflichtgetreuen und geschäftstüchtigen Beamten verschafft hatte.

Insgeheim stachelte ihn auch an, was man von Kaubisch und seiner Tochter erzählte und ihm den Scherznamen eines Rhampsinit des Zweiten eingetragen hatte, und er war fest überzeugt, Kaubisch würde, mindestens ihm, Hennings, gegenüber, das Versprechen halten und im Falle eines Erfolges nicht nur seiner Bewerbung um die Hand Beates stattgeben, sondern sie auch nach Kräften unterstützen, vielleicht sogar einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Entscheidung Beates ausüben können.

Dazu kam, daß ihn die Aufklärung dieses Falles der absonderlichen Umstände halber selbst auch aufs höchste interessierte und sein Stolz ihn so weit brachte, sich einzureden, seine Karriere, ja sogar seine Ehre stünden auf dem Spiel, falls diese Angelegenheit mit einem wirklichen, dauernden Mißerfolge der Staatsanwaltschaft beendet würde.

Grübelnd saß er wieder in seiner Kanzlei am Schreibtische und ließ die Reihe der beteiligten Personen, das heißt der bei jenem verhängnisvollen Abend anwesenden Gäste, an seinem Auge vorüberziehen, sinnend, welchem von ihnen vielleicht noch die Tat zuzutrauen sein könnte, und er geriet in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit, wenn er zurückdachte, welche gewichtigen Momente auf die Täterschaft Lessens oder Kruths oder des Dieners Pankraz hingewiesen hatten und dennoch ohne Erfolg geblieben waren.

Hauptsächlich quälte ihn auch der Gedanke, der ihm erst seit kurzem eingefallen war, ob nicht Pankraz nur Komödie gespielt hatte und ihn durch das geschickte Täuschungsmanöver mit der angeblich für wertvoll gehaltenen und gestohlenen oder unterschlagenen Amerikamarke von der weiteren Durchsuchung nach der Britanniamarke abgehalten habe.

Da klopfte es.

»Herein!«

»Heil Hitler, Herr Staatsanwalt.«

Es war wieder der Wachtmeister Thomas, der, die rechte Hand zum Gruße anlegend, in der andern Hand ein großes Blatt Papier, anscheinend ein noch neues Löschblatt, in guter Haltung vor ihm stand.

Herr von Hennings knurrte etwas, was, bei scharfem Hörvermögen, wie eine Erwiderung des Grußes angesehen werden konnte.

Seit die Geschichte mit dem Diener Pankraz vorgekommen war, bereitete der Anblick dieses Wachtmeisters Herrn von Hennings keine ungetrübte Freude. Er erinnerte sich zu deutlich seiner Lobsprüche und der schändlichen Enttäuschung, die er damals im Kaubischschen Hause erlebte. Andererseits war er gerecht genug, anzuerkennen, daß Thomas durchaus pflichtgemäß und auch nicht ohne Scharfsinn vorgegangen war und daß er an sich keine Schuld trug an dem kläglichen Ausgang des vielversprechenden Ereignisses.

»Was gibt's?« fragte er. Nicht sehr freundlich, nicht sehr aufmunternd.

Thomas aber war ein Mann, der sich seinerseits nicht ohne weiteres irremachen ließ. Seit ihm die Entdeckung mit Pankraz gelungen war, die doch verdient hatte, die Lösung des Rätsels zu bringen, verspürte er geradezu den Drang, die Untersuchung in Sachen Kaubisch nach Kräften zu fördern und die Vorschußlorbeeren, die ihm geschenkt worden waren, auch wirklich zu verdienen.

»Ist es erlaubt, dem Herrn Staatsanwalt etwas vorzutragen? Etwas, das nach meiner Ansicht sehr wichtig ist?«

Herr von Hennings nickte nur, ungeduldig, nervös. »In welcher Angelegenheit?« fragte er nur, während Thomas nach Worten suchte, wie er seine Entdeckung klarmachen wollte.

»In der Angelegenheit Kaubisch«, meldete der Wachtmeister rasch.

Herr von Hennings zuckte zusammen. Sein Gesicht zeigte entschieden einen noch ärgerlichen Zug als zuvor. »Wieder die Sache Kaubisch? Haben Sie vielleicht wieder einen ausfindig gemacht, der eine Briefmarke zu verkaufen hat«, fragte er mit unverkennbarem Hohn.

Thomas war verständig genug, diese Worte des Herrn Staatsanwalts so zu nehmen, als wären sie scherzhaft gemeint. Er lächelte dienstlich. »Diesmal nicht, Herr Staatsanwalt.« Dann wurde sein Gesicht wieder sehr ernst. »Meine Frau hat eine Freundin, mit der sie ab und zu zusammentrifft, beim Bäcker, beim Metzger. Es handelt sich um eine Frau Gundel. Übrigens eine anständige Frau, der man sonst nichts nachsagen kann. Sie lebt von einer kleinen Rente und vom Zimmervermieten. Zur Zeit hat sie übrigens nur einen einzigen Mieter.«

»Sehr interessant, bis jetzt«, sagte Herr von Hennings.

»Dieser Mieter hat, wie Frau Gundel bemerkte, eine ziemlich rege Korrespondenz mit einer Dame, und Frau Gundel ist« – Thomas zeigte ein verständnisvolles Lächeln »neugierig, wie ja die meisten Frauen.«

»Machen Sie doch endlich einmal voran«, mahnte Herr von Hennings ungeduldig. »Was geht denn das mich an?«

Thomas geriet in einige begreifliche Verwirrung über diese ungehaltenen Worte. Aber er faßte sich rasch. »Herr Staatsanwalt, um es kurz zu machen, Frau Gundel bemerkte beim Ordnen des Schreibtisches ihres Mieters dieses Löschblatt.«

Mit einem Anfluge von Stolz hob er das Blatt empor.

Erstaunt nahm Herr von Hennings das anscheinend noch fast unbenutzte Löschblatt, das ihm Thomas anbot, ab. »Und? Was soll das?«

»Wenn der Herr Staatsanwalt es einmal näher betrachten wollte.«

Herr von Hennnings besah das Blatt. Deutlich waren auf demselben klar abgedrückte Schriftzüge zu erkennen, die durch das Löschen eines frisch geschriebenen Schriftstücks entstanden waren. »Ich bin immer noch so klug wie zuvor«, sagte er und versuchte vergeblich etwas zu lesen.

»Frau Gundel ist eine gescheite Frau«, bemerkte Thomas bescheiden. »Sie hat das Löschblatt gegen einen Spiegel gehalten, und siehe da, sie hat ganz deutlich lesen können, was ihr Mieter geschrieben hat. Was aber darauf gestanden hat, ist ihr so sonderbar vorgekommen, daß sie gleich daran gedacht hat, sie will das Löschblatt meiner Frau bringen und sehen, was ich davon denke. Meine Frau soll es mir ausrichten, hat sie gesagt.«

Herr von Hennings begann Interesse zu finden. »Was, zum Kuckuck ...« Er vollendete den Satz nicht und hielt das eigentümliche Dokument gegen einen kleinen Handspiegel, der neben seinem Schreibtische an der Wand hing, begann zu lesen, während Thomas mit selbstgefälliger Zufriedenheit seinem Beginnen zusah und wartete, was da kommen werde.

Das Ergebnis war erstaunlich. Eine leichte Röte überzog die fahlen Wangen des Staatsanwalts, immer eifriger begann er zu entziffern. Dann wandte er sich mit einem scharfen Ruck gegen den hinter ihm Stehenden. »Das ist ... allerdings ... sehr sonderbar! »... Und wie heißt der Mieter der Frau Gundel?« fragte er hastig.

»Es ist der Herr Gerichtsassessor Theodor Andersen.«

»Ei verflucht!« Herr von Hennings sprang auf. »Herr Andersen war ja an jenem Abend unter den Gästen des Herrn Kaubisch.«

Thomas nickte nur ein-, zweimal sehr eindringlich. »Ich weiß, Herr Staatsanwalt.«

»Donnerwetter!« sagte Herr von Hennings zu sich selbst. Erregt hielt er, ohne Thomas weiter zu beachten, das Löschblatt wieder gegen den Spiegel, las Wort für Wort ein zweites Mal.

Es war der Teil eines Briefes und offenbar die zweite Hälfte, während die erste fehlte.

Sie lautete: »... das Herz schwer machen, da doch eine Hoffnung winkt? Gewiß, eine Hoffnung! Weine nicht mehr, mein Liebling, ich habe die feste Zuversicht, daß die Marke unser Glück wird. Sie wird unsere Wege ebnen, sie wird uns zusammenführen. Meine süße Beate, bist Du nicht die Prinzessin Rhampsinit? So lache doch über den Dieb, wie Du mich geheißen hast! Ich bin ja so glücklich, daß Du mich so geheißen hast. Der Tag wird kommen, da Dein kluger Theo (vielleicht mehr Glückspilz, als klug!!) vor Deinen Vater, den König Rhampsinit, tritt mit den Worten: Hier ist die vermißte Marke, König Rhampsinit, wo ist Deine Tochter? – So lache doch, mein Liebling ...«

Er wandte sich wieder hastig gegen Thomas. »Ich danke Ihnen für Ihren Eifer, Ihr Interesse ... Das da behalte ich hier ... Ich werde Sie wieder rufen lassen, wenn ich Sie benötige ... Für jetzt holen Sie mir den Kriminalinspektor Degas und den Oberwachtmeister Feuerstein. Ich lasse sie bitten, sofort zu kommen ... Aber sagen Sie ihnen vorläufig noch nichts von diesem Schriftstück und halten Sie überhaupt reinen Mund. Die Sache ist außerordentlich heikel. Ich gebe zu, ich bin noch ganz überrascht, denn an diese Möglichkeit habe ich bisher noch nicht gedacht ... Noch einmal, ich danke Ihnen ...«

Eilig entfernte sich Thomas, stolz, strahlend. – Und ich, ich habe es fertiggebracht, dachte er.

Herr von Hennings blieb allein.

Alles Blut drängte sich ihm zum Herzen.

Die Buchstaben dieses ominösen Blattes tanzten ihm wie Mücken vor den Augen. Es kam etwas über ihn, wie leichter Schwindel. Er versuchte, sich mit diesem neuen, unerwarteten Geschehen auseinanderzusetzen.

Sein erstes Gefühl war das der Erbitterung. – Es war ja kein Zweifel, der Brief war an Beate Kaubisch gerichtet. Dazu kam das Gefühl des Hasses, des Neides gegenüber dem Schreiber des Briefes, das für den Augenblick sogar sein ganzes Interesse an der Aufklärung des Falles Kaubisch in den Hintergrund zu drängen drohte.

Es war ihm bisher eigentlich selbst nicht recht klargeworden, ob er Beate Kaubisch wirklich liebe.

Er hielt sich mit seiner stolzen, kühlen Natur gegen das, was die Poeten und dergleichen unnütze Leute Liebe nennen, für gefeit und hatte zu jeder Zeit, als junger Mann wie in reiferen Jahren, nur ein Lächeln über das törichte Gebaren der Liebenden. Sein Gedankengang bewegte sich bisher in der Formel: Ich achte und verehre Fräulein Beate Kaubisch. Ich empfinde Zuneigung zu ihr, denn sie ist schön, liebenswürdig und geistreich. Ich wünsche und es ist mein aufrichtiges Bestreben, sie zu meiner Frau zu machen, und ich bin der Überzeugung, daß aus unserer Verbindung eine glückliche Ehe werden wird.

Und nun, da er so plötzlich, ganz gegen seinen Willen, diesen Brief las, empfand er ein Wehgefühl in seinem Herzen, das ihm bisher völlig fremd und völlig unbekannt war.

Lange saß er in seinem Stuhle, ohne sich zu rühren, und sann und sann über diesem Briefe, den er zum dritten Male las.

Aber immer hatte er das Wehgefühl. – Ich liebe also Beate, dachte er, ich liebe sie wirklich. Ich liebe, ohne daß ich mir dessen bewußt war.

Da fiel sein Auge auf den roten Umschlag des Aktes, der auf seinem Schreibtische lag und in großer, sauberer Rundschrift die Bezeichnung trug: Anzeige gegen N. N. wegen Diebstahls zum Nachteil des Leonhard Kaubisch, Betriebsleiters, hier. Auf diesem Umschlage waren die Buchstaben N. N. ausgestrichen und ersetzt durch den Namen Dr. Lessen, und auch dieser Name war wieder ausgestrichen und ersetzt durch den Namen Cajetan Kruth. Fast mechanisch nahm er den Bleistift, strich diesen Namen wiederum aus und setzte dafür, flüchtig, mit dünnen Zeichen, den Namen Theodor Andersen.

Dann sprang er auf, warf den Bleistift auf den Tisch. Der Fall Kaubisch, Diebstahl betreffend, hatte wieder die Oberhand gewonnen, hatte das Übergewicht erhalten über den Fall »Hennings Liebe«. – Bist du der Staatsanwalt Hennings, dachte er, oder bist du ein Narr, ein Kindskopf, ein unreifer Junge mit Gefühlen?

Aber der Haß und der Neid, sie regten sich immer noch ein wenig, schärften ein wenig den Spürsinn, verstärkten seine Einbildungskraft.

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, es reihte sich Glied an Glied der Kette, bildete sich eine einzige fehlerlose, gerade und unverkennbare Linie von dem Diebstahl zum Täter.

Auf dem steinernen Korridor hallten die Schritte mehrerer Männer.

Degas und Feuerstein kamen, meldeten sich zur Stelle.

Sie wußten, daß etwas Neues, die Untersuchung Förderndes, vorgekommen sein mußte. Erwartungsvoll standen sie vor Herrn von Hennings, der stolz und überlegen, wenn auch sehr ernst und fast ein wenig bekümmert aussah.

Aber auch die beiden Angekommenen zeigten eine froherregte Miene, die dem Staatsanwalt auffiel. »Haben Sie mir etwas Neues zu melden?« fragte er.

Degas, der fließender sprach als Feuerstein, nahm das Wort. Seine Stimme hatte einen beinahe feierlich anmutenden Klang. »Wir haben die Sache Kaubisch noch einmal, ich weiß nicht, zum wievielten Male, miteinander durchgesprochen, Herr Staatsanwalt, und eine um die andere der an jenem Abend anwesenden Persönlichkeiten durchgegangen, die Verdachtsmomente geprüft und die vorhandenen Möglichkeiten in Rechnung gezogen ...«

»Und sind zu einem ungeahnten Ergebnis gekommen«, mischte sich Feuerstein ein, als Degas eine Pause machte, um nachzudenken, wie er alles seinem Vorgesetzten auseinandersetzen sollte. Er schien von etwas Neuem so erfüllt, daß er es nicht fertigbrachte, schweigend dabeizustehen. »Wenn wir Lessen, Kruth und den Chauffeur Pankraz von jetzt ab ausschalten, da ihre Verfolgung negativ ausgefallen ist«, – Herr von Hennings kniff unwillkürlich die Lippen zusammen, er erinnerte sich nicht gerne dieser Namen –, »so bleibt von allen anderen anwesenden Personen nur noch eine übrig, die nachweislich sich ebenfalls für die Marke interessiert hat. Und gerade über diese eine Person habe ich in letzter Zeit Dinge in Erfahrung gebracht, die einen merkwürdigen Schluß zulassen, obgleich diese Person bisher nach Name und Stand untadelig zu nennen war, vielmehr sich einer besonderen Achtung erfreute ...«

Er zögerte, und auch Degas wollte anscheinend nicht mehr recht mit der Sprache heraus, schien Hemmungen zu haben, wagte keinen Namen zu nennen.

»Ich will Ihnen helfen, wenn Sie sich nicht getrauen, es zu sagen«, erklärte Herr von Hennings trocken. »Es ist der Assessor Theodor Andersen.«

Die beiden Polizeibeamten staunten, halb erschrocken.

»Wahrhaftig«, nahm Feuerstein das Wort, »der Herr Staatsanwalt errät unsere Gedanken.«

Herr von Hennings sah kurze Zeit etwas spöttisch aus. »Fahren Sie nur fort, ich höre.«

Degas mißverstand seinen Vorgesetzten. Er dachte, dieser halte ihre Idee für unannehmbar, für töricht. Dagegen wollte er sich eifrig verwahren. »Es ist der Assessor Theodor Andersen. Man hat anfangs von Lessen und von Kruth gesprochen, aber Andersen war es, wie wir noch einmal erhoben haben, der zuerst Herrn Kaubisch aufgefordert hat, die Marke sehen zu lassen, und er hat sein Verlangen sogar wiederholt, als Herr Kaubisch sein Versprechen, die Marke zu zeigen, vergessen zu haben schien.«

Herr von Hennings nickte nur.

»Andersen war also das treibende Element. Er zeigte in erster Linie Interesse ...«

Wieder nickte Herr von Hennings.

»Und nun haben wir in Erfahrung gebracht, daß Andersen – es ist kein Geschwätz, sondern sicher und erwiesen – ein ernstes Liebesverhältnis mit der Tochter des Herrn Kaubisch unterhält, daß Fräulein Beate Kaubisch ihn auch gerne heiraten würde, daß aber diese Liebe keineswegs den Beifall und das Verständnis der Eltern gefunden hat. Beide sind vielmehr durchaus dagegen, daß ihre Tochter Beate den Assessor heiratet.«

Herr von Hennings errötete langsam und sein Blick war düster. »Woher wissen Sie das?« sagte er mit etwas gepreßter Stimme.

Degas lächelte, man hätte fast gar glauben können, etwas verlegen. Feuerstein aber, der Kaltblütige, lachte zynisch, mit dem ganzen Gesicht. »Wir haben unzweideutige, absolute Beweise.«

»Man spricht sogar«, fuhr Degas, dadurch wieder sicherer geworden, fort, »viel von einer unglücklichen Liebe und einer gewissen Verzweiflung der Liebenden, welche die Aussichtslosigkeit ihres Verhältnisses kennen. Herr Kaubisch verlangt, daß seine Tochter eine reiche Partie macht. Frau Kaubisch dagegen will hoch hinaus, sie möchte, wenn irgend möglich, einen Grafen oder einen Baron für ihre Tochter haben. Fräulein Kaubisch jedoch will nicht ohne die Einwilligung ihrer Eltern heiraten, dazu ist sie wieder zu anhänglich an ihre Eltern und zu gehorsam erzogen.«

Herr von Hennings war immer noch unsicher, immer noch leicht errötet. »Woher wissen Sie denn das alles?«

»Andersen wohnt bei einer Frau Gundel. Die Gundel ist ein neugieriges Weib und befreundet mit einer Frau Mühlschlegel, die als Wäscherin in das Haus Kaubisch kommt und natürlich alles erfährt und ihr wiedererzählt. Nun ist die Gundel erst recht neugierig geworden, denn es interessiert sie maßlos, wenn ihr Mieter ein Liebesverhältnis hat. Sie sagt, sie habe einen Brief der Tochter des Herrn Kaubisch auf dem Schreibtisch Andersens gefunden, den dieser aus Unachtsamkeit habe liegenlassen. Vermutlich hat sie ja den Schreibtisch Andersens geöffnet und seine Briefschaften durchgestöbert. Ich sagte mir aber, daß dies mich vorläufig nichts angehe, alles andere mich auch nicht berühre, nur den Inhalt dieses Briefes ließ ich mir erzählen. In diesem Brief, der nur wenige Tage vor der Begehung des Diebstahls geschrieben wurde, forderte Fräulein Kaubisch Herrn Andersen auf, durch eine kluge Tat die Bewunderung ihres Vaters zu erwecken. Dabei soll sie sogar, wie die Frau Gundel angibt, ausdrücklich auf die Leidenschaft ihres Vaters als Briefmarkensammler aufmerksam gemacht haben.«

»Ach, ach, ach!« sagte Herr von Hennings.

Degas war betroffen, im Zweifel, ob er seine Geringschätzung zeigen und das Vorgetragene als Geschwätz abtun wollte, oder war es Staunen.

Er verstummte, zögerte fortzufahren. Aber Feuerstein ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Was liegt näher«, ergänzte er die Angaben des andern, »als daß Theodor Andersen auf den Gedanken kam, die Marke verschwinden zu lassen, um sie nachher auf irgendeine Weise Herrn Kaubisch wieder zukommen zu lassen und sich dadurch bei ihm einen Stein im Brett zu verschaffen. Herrn Kaubisch wird irgendein Märchen aufgetischt und gerät in helle Bewunderung über die Schlauheit und Tüchtigkeit dieses Mannes und gewöhnt sich an die Idee, ihn als Schwiegersohn zu begrüßen, ihn, dem er durch die Wiederverschaffung der Marke so zu Dank verpflichtet ist. So hat, nehme ich an, Herr Andersen kalkuliert.«

»Ja, so ist's, so ist's!« sagte Degas bestimmt, eindringlich. »Andersen konnte diesen Plan, diesen Gedanken um so eher fassen und ausführen, als er sich damit trösten konnte, er wolle die Marke dem Herrn Kaubisch ja gar nicht nehmen, also entwenden, sondern daß er sie ihm sofort wieder zurückgebe, wenn sein Zweck erreicht sei, also vermutlich in wenigen Wochen. Weil ihm sein Verhältnis mit Beate Kaubisch damals hoffnungslos erschien, mochte ihm vermutlich dieses letzte Mittel weniger unerlaubt vorkommen, zumal er sich gesagt haben wird, daß ein anderer nicht wohl verurteilt werden und zu Schaden kommen könne, wenn man doch die Marke nicht bei ihm finde.«

Herr von Hennings nickte langsam und bedeutungsvoll.

»Und nun«, setzte Degas siegessicher hinzu, »gab Andersen die Geschichte des Königs Rhampsinit zum besten und verriet sich damit sozusagen selbst, verriet das, was seine Gedanken beschäftigte, und suchte sogar mit dieser Geschichte Herrn Kaubisch daraufzubringen, sie nachzuahmen. Als Herr Kaubisch vollends erklärte, er bewundere den König Rhampsinit einigermaßen, und jedenfalls sei er kein kleiner Geist gewesen, war für Herrn Andersen jede Hemmung abgetan.« Degas machte eine kleine Pause. »Ich habe keinen Zweifel, Herr Andersen hat die Marke weggenommen.«

»Ich auch nicht«, sagte Feuerstein.

»Ich auch nicht«, setzte Herr von Hennings frostig hinzu, nahm Löschblatt und Spiegel vom Schreibtisch und bot ihnen beides, wies auf die Spiegelschrift.

Sie lasen beide gleichzeitig, die Köpfe zusammensteckend.

Ein ungeheures Staunen, dem ein frohes Gefühl der Erleichterung folgte, prägte sich in den Gesichtern der Lesenden aus.

»Nun, was meinen Sie dazu?« fragte Herr von Hennings mit stolzem Lächeln.

»Es ist so gut wie ein Geständnis«, sagte Degas.

»Es ist ein Geständnis«, sagte Feuerstein.

»Dieser Ansicht bin ich auch«, erklärte Herr von Hennings. »Übernehmen Sie das Weitere, meine Herren!«

Er wandte sich ab und warf das Löschblatt, das ihm mit seinem Inhalt diese bisher unbekannte Qual verursachte, mit einer heftigen Gebärde wieder in die Akten.

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