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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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10.

»Das Ei des Kolumbus! Das Ei des Kolumbus!« rief Staatsanwalt von Hennings mehrere Male aus, während er in nervöser Hast durch das Zimmer marschierte und den Kneifer zurechtrückte.

In dem Zimmer standen, anscheinend etwas bestürzt, der Kriminalinspektor Degas, schlank, stattlich, militärisch, und der Oberwachtmeister Feuerstein, in seiner beinahe brutalen Kraft, einem Granitblock vergleichbar, etwas zur Seite aber hatte der Wachtmeister Thomas Aufstellung genommen, freudig erregt, triumphierend, nachdem er soeben Meldung erstattet hatte.

»Meine Herren«, fuhr von Hennings zu den ersteren gewendet fort, »es wäre unrecht, Ihre bisherigen Bemühungen nicht anzuerkennen und Ihre Vermutungen, nachdem sie sich als Fehlschläge entpuppt haben, nicht trotzdem zu würdigen. Habe ich sie ja doch gewissermaßen geteilt. Aber der Vorwurf kann Ihnen nicht erspart bleiben, daß Sie das Nächstliegende übersehen haben. Sie müssen mit mir selbst zugeben, daß wir bisher mit der Stange im Nebel herumgefahren sind ... Man sieht, daß man niemals ausgelernt hat, meine Herren! ... Daß wir nicht selbst darauf gekommen sind! ... Der Diener, der an jenem Abend die Getränke, die Zigarren, die Zigaretten herumreichte! ... Man könnte sich die Haare ausraufen, daß man nicht gleich daran gedacht hat! ... Man muß sich wundern, ja, man muß staunen, daß dies möglich war! – Thomas«, er wandte sich an den Dritten; »das haben Sie gut gemacht! Ich werde dafür sorgen, daß die Anerkennung nicht ausbleibt.«

Wieder setzte er seinen Marsch durch das Zimmer fort, lächelte ironisch. »Man geht her und verfällt zuerst auf die Gäste, Leute aus guter Familie, behauptet, daß sie derart schändlich das Vertrauen des Herrn Kaubisch mißbraucht haben, und übersieht das Naheliegende vollständig! ... Meine Herren, wir haben alle den gleichen Fehler gemacht und können uns bei Wachtmeister Thomas bedanken ... Ja, das können wir! Ohne ihn wären wir nicht darauf gekommen und ...« Er unterbrach sich und schwieg.

Feuerstein, der Mutigere, der Mann mit dem kalten Äußern und dem heißen Blute, wagte zuerst eine Einwendung, eine Rechtfertigung. »Herr Staatsanwalt, der Fehler war nicht so bedeutend. Leute, wie dieser Lessen und Cajetan Kruth, gehören meiner Ansicht nach nicht zur guten Gesellschaft, daß man ihnen nicht eine derartige Verirrung zutrauen dürfte.«

Herr von Hennings wandte sich scharf nach ihm um. »Keine Beschönigung! Als der Verdacht auf diese beiden gelenkt wurde, zählten sie noch zur guten Gesellschaft. Der Fehler war also vorhanden und es ist und bleibt, daß das Nächstliegende übersehen wurde. Pankraz, der an jenem Abend im Zimmer anwesend war und bediente, hatte natürlich die beste Gelegenheit, die von einem der Gäste nach der Besichtigung beiseitegelegte Marke sich mühelos und ohne Gefahr anzueignen und unbehelligt mit ihr das Zimmer zu verlassen ... Haben Sie vielleicht daran gedacht, Herr Feuerstein? Also, was mehr? ... Man könnte sich vor die Stirne schlagen!«

Tatsächlich schlug sich Herr von Hennings vor die Stirne, daß es einen leichten klatschenden Ton gab.

Noch einmal wandte er sich an Thomas. »Thomas, Sie haben sich von uns allen als der Findigste erwiesen ... Wenigstens in diesem Falle«, schränkte er seine Anerkennung wieder ein, weil es denn doch nicht anging, diese Anerkennung zu verallgemeinern. Schließlich war er ja doch Staatsanwalt und Degas und Feuerstein waren Thomas' Vorgesetzte.

Thomas selbst hielt den Augenblick für gekommen, das Eisen zu schmieden. »Vielleicht interessiert es den Herrn Staatsanwalt noch«, sagte er mit bescheidenem Stolz, »zu hören ... Ich habe in aller Eile Erkundigungen über Pankraz eingezogen. Er ist erst einige Monate bei Kommerzienrat Kaubisch und ist aus seiner früheren Stelle bei Herrn Major von Krailsheim entlassen worden, weil er sich Unehrlichkeiten zuschulden kommen ließ. Das Zeugnis, auf Grund dessen er im Kaubischschen Hause eingestellt wurde, ist gefälscht.«

Die Wirkung dieser Worte war eine unerwartete. Das erhoffte Lob blieb diesmal aus. »Das haben Sie erhoben«, rief Herr von Hennings und blieb wie vom Donner gerührt stehen, denn ihm kam im gleichen Augenblick ein entsetzlicher Gedanke, »das haben Sie erhoben und sind nicht hinein in das Haus? Haben den Menschen nicht an der Krawatte gepackt – selbstverständlich bildlich gemeint! – und haben ihn festgenommen, wie er stand und ging? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Warum haben Sie denn nicht Herrn Kaubisch auf der Stelle verständigt und um eine Unterredung gebeten? Den Kerl, den Pankraz, nicht in der Garage, in seiner Behausung, abgefaßt und durchsucht? ... Wenn nun dieser Bursche inzwischen die Marke beseitigt, sie verkauft, sie vernichtet, weil er Lunte riecht? ... Ach! Ach! ... Einen Menschen, der auf Grund eines gefälschten Zeugnisses eine Stelle bezieht, eine Kostbarkeit im Werte von hunderttausend Mark gestohlen hat, mindestens dringend verdächtig ist, sie gestohlen zu haben, den lassen Sie einfach laufen? O sancta simplicitas!«

Alle standen sprachlos, erschrocken, aufs neue in größter Bestürzung.

Herr von Hennings war mit einigen hastigen Schritten an der Wand, drückte die Klingel, daß sie anhaltend, dringend, wie eine Sturmglocke, im ganzen Korridor widerhallte.

Ein Beamter kam im Laufschritt. Vermutete offenkundig einen Überfall, kam gesprungen, um zu helfen. Und sah erstaunt, daß der Herr Staatsanwalt, wohlgeschützt durch ein starkes Polizeiaufgebot, im Zimmer stand.

»Einen Wagen! Einen Kraftwagen! Sofort!« befahl Herr von Hennings scharf und schneidig. »Ohne Verzug!«

Der Beamte entfernte sich schleunigst, Staunen lag immer noch auf seinem Gesicht. – Also doch! Es mußte etwas geschehen sein? Der Staatsanwalt in sichtlicher Erregung und drei Beamte der Kriminalpolizei bei ihm?

Herr von Hennings verlor kein Wort mehr.

Er überlegte, marschierte durch das Zimmer.

Der Fernsprecher gab Zeichen. Herr von Hennings nahm hastig das Hörrohr ab. »Ist da? ... Steht im Hofe? ... Ich komme sofort.«

Er legte das Hörrohr auf. »Der Wagen ist schon bereit. Meine Herren, Sie werden mich begleiten, wir fahren alle zusammen zu Kaubisch.«

Einige Minuten später waren sie schon unterwegs, fuhren in sausender Fahrt zu dem Kaubischschen Hause, waren schon im Hause selbst, waren in der kleinen Dachstube, die dem Chauffeur Pankraz zum Schlafen angewiesen war.

Pankraz selbst stand blaß und verstört in seiner Stube, umringt von den vier Beamten der Strafverfolgung.

Blaß und verstört, aber keineswegs gesonnen, sich als schuldig zu bekennen.

Herr von Hennings stand vor ihm, maß ihn von unten bis oben, sah ihm durchdringend in die Augen, so daß sie Pankraz scheu niederschlug.

»Ich rate Ihnen«, sagte Herr von Hennings, »legen Sie ein Geständnis ab. Es ist kein wohlfeiler, unnützer Rat, den ich Ihnen gebe. Das Leugnen nützt Ihnen nichts, kann Ihnen nichts mehr nützen, vergrößert nur Ihre Schuld. Wenn Sie Erfahrung in gerichtlichen Dingen haben – und Sie haben sie zweifellos, das Vorstrafenzeugnis, das in wenigen Tagen in meiner Hand sein wird, wird es ausweisen –, so wissen Sie auch, daß ein volles, reumütiges Geständnis strafmildernd wirkt, während jedes unnütze Leugnen einen Strafschärfungsgrund bildet, weil man sieht, daß der Täter auf seinem verbrecherischen Willen beharrt und der Reue unzugänglich ist ... Ich weiß alles, was Sie gemacht haben, Sie können sich darauf verlassen. Geben Sie die gestohlene Marke freiwillig heraus! Sie nützt Ihnen nichts mehr, glauben Sie mir ... Wenn Sie Ihre Strafe, die vermutlich verschiedene Jahre Ihres Lebens hinwegnimmt, verbüßt haben, werden Sie die Marke nicht mehr verwerten können. Dafür wird die Presse sorgen, die von der Staatsanwaltschaft informiert werden wird. Bis Sie aus dem Gefängnis kommen, ist die Marke auch kaputt gegangen, das werden Sie sich selbst sagen müssen ... Ganz abgesehen davon, daß wir die Marke finden werden!«

Auf dem glattrasierten, fahlen Gesicht des Beschuldigten zeigte sich ein merkwürdiges Spiel der Muskeln. Man sah, daß er mit einem Entschlusse kämpfte. Die Lippen bewegten sich, als ob sie sprechen wollten, und doch kam kein Laut von ihnen. Die Augen flüchteten sich scheu von einem Winkel in den andern. Deutlich sah man an dem aus der Strickjacke lang herausragenden bloßen Halse wiederholtes Schlucken.

Auch Herr von Hennings sah es und warf seinen Beamten einen schnellen, siegesgewissen Blick zu. – Dieses Schlucken bedeutete das Zeichen des nachfolgenden Geständnisses.

Aber das Gesicht des Beschuldigten, der seinerseits wieder den Blick des Staatsanwalts aufgefangen hatte, wurde sogleich starr, hölzern. Er, Pankraz, ließ sich nicht übertölpeln.

Der Mann zuckte nicht mehr mit der Wimper. Er sah ruhig auf, durch das Fenster, in die Ferne.

Als seien die Beamten nicht da.

»Ich weiß von keiner Marke. Ich habe keine Marke gestohlen«, sagte er. »Beweisen Sie mir einmal, daß ich eine Marke gestohlen habe!«

Es klang wie der Hohn eines Mannes, der alles auf eine Karte setzt.

»Unverschämtheit!« stieß Hennings zwischen den Zähnen hervor. »So etwas ist mir doch noch selten vorgekommen, aber Sie sollen Ihren Willen haben, die Folgen werden Sie schon spüren.«

Der Diener blieb gelassen, der Ausdruck seiner Augen war frech und verschlagen. »Ich kann doch nicht sagen, ich habe eine Marke gestohlen, wenn ich keine gestohlen habe«, sagte er wieder. »Hier auf dieser Stelle will ich umfallen, wenn ich eine Briefmarke gestohlen habe!«

Die Stimme des Herrn von Hennings nahm einen zischenden Ton an. Er vermochte seinen Zorn nicht mehr zu verbergen. »Waren Sie heute nicht schon bei dem Altwaren- und Briefmarkenhändler Kaspar Knaak in der Lederstraße? Haben Sie dort nicht eine Marke, eine seltene, wertvolle Marke zum Kaufe angeboten? Wollen Sie das auch bestreiten? Soll man Sie diesem Knaak vorführen lassen? Ihnen diesen Knaak gegenüberstellen? ... Antworten Sie!«

»Das muß eine Täuschung sein«, versetzte der Gefragte, ohne seine ruhige Haltung zu verlieren. »Es muß ein Versehen, eine Verwechslung vorliegen. Ich möchte nur wissen, wer so etwas von mir behaupten will ... Lederstraße? ... Wo soll denn die Lederstraße sein? Ich bin doch schon lange hier, aber ich kenne keine Lederstraße. Oder halt, ist das nicht die Straße in der Nähe des Güterbahnhofes?« Er nannte eine bestimmte der Lage der Lederstraße entgegengesetzte Richtung. »Dort ist eine Straße, die, glaube ich, die Lederstraße heißt ... Ob aber dort ein Altwaren- und Briefmarkenhändler ist, weiß ich nicht.«

Herr von Hennings sah den Sprecher mit einem langen, verächtlichen Blicke an, den Pankraz übrigens ruhig aushielt, und würdigte ihn jetzt keines Wortes mehr, hatte sich nunmehr wieder vollkommen in der Gewalt.

Er winkte nur ungeduldig dem Wachtmeister Thomas, vorzutreten. »Sie hören, was der Mensch sagt. Ist eine Täuschung möglich? Wenn Sie nicht ganz sicher sind, so sagen Sie dies lieber!«

Wachtmeister Thomas trat etwas weiter vor, in militärisch gerichteter Haltung. »Eine Täuschung ist vollkommen ausgeschlossen, Herr Staatsanwalt. Ich verfolgte ja den Mann bis hierher, hörte ja, wie ihn das Dienstmädchen mit Namen nannte, wie sie ihn mit Pankraz anredete, sah, wie er durch die Toreinfahrt hier hereinging ... Ich würde ihn aber auch ohne das sicher wieder erkannt haben, ich sah ihn ja an der Anschlagsäule aus nächster Nähe, ebenso wie er aus dem Knaakschen Laden herauskam, und ich ließ ihn nicht aus den Augen, ausgenommen die zwei Minuten, in denen ich mit Knaak verhandelte ... Allerdings trug er einen andern Rock, nicht diese gestrickte Jacke.«

Herr von Hennings warf einen schnellen Blick auf das gestrickte, an den Ellbogen mit Lederecken besetzte Kamisol des Dieners, das er offenbar im häuslichen Dienste anzuziehen pflegte. »Natürlich«, sagte er kurz, »er war ja im Ausgangsanzuge. Wir wollen uns nicht länger mit dem Geschwätz dieses Burschen aufhalten. Fangen Sie mit der Durchsuchung an!«

Er warf einen Blick in dem kleinen, einfachen Zimmer umher. Es enthielt nichts als ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Kleiderschrank. »Nehmen Sie zuerst seinen Kasten, seinen Rock!«

Sogleich ging Feuerstein zu dem in der Ecke des Stübchens stehenden Kleiderkasten, ein einfaches, eintüriges, schlecht gestrichenes Möbelstück, an dem der Schlüssel steckte, und öffnete ihn.

In dem Schranke hingen, wohl geordnet, einige Kleidungsstücke, darunter eine vollständige Livree. Auf dem Boden, der als Kommode diente, lag aufgeschichtet frische Wäsche.

»Hier ist der Rock, den er bei Knaak trug«, meldete Thomas, der Feuerstein behilflich war, mit leichtem Triumph in der Stimme.

Die Beamten nahmen den Rock heraus, traten an das Fenster, um besseres Licht zu haben, durchsuchten vorsichtig, um keinen Schaden anzurichten, alle Taschen, das Futter, kurz, das gesamte Kleidungsstück von innen und außen.

»In diesem Rock scheint die Marke nicht zu sein«, ließ sich Thomas zögernd vernehmen.

Ohne ein Wort zu verlieren, machte sich Feuerstein an die Livree, dann an die übrigen wenigen, geringen Sachen, die der Schrank enthielt, während Degas schon begann, das Zimmer zu durchsuchen, einige Kleinigkeiten, die auf dem Fenstergesims lagen, eine Zigarrenschachtel, eine Seifendose, ein Tintenzeug, zu öffnen und umzudrehen.

Herr von Hennings sah in nervöser Unruhe ihrer Tätigkeit zu.

Plötzlich stieß Feuerstein einen unterdrückten Schrei aus, der wie das Bellen eines Hundes klang, und stürzte auf den Diener zu, faßte mit Kraft seine Handgelenke, so daß dieser sich kaum mehr zu rühren vermochte und mit einem Schlage seine ruhige Haltung verlor, mit angstverzerrter Miene vor der Wucht des Angriffs zurückwich.

»Er hat die Marke soeben heimlich unter seinem Wams, wahrscheinlich aus der Weste, hervorgeholt, sie schnell mit den Fingern zusammengedreht und hinter das Bett geworfen«, schrie Feuerstein, heftig atmend.

Herr von Hennings schien sich in die Haare fahren zu wollen, seine Stimme schnappte über. »Man hätte zuerst seine Person durchsuchen sollen! Natürlich! ... Gerechter Gott, die Marke ist kaputt, sie ist hin, sie ist total wertlos!«

Tatsächlich fuhr er sich jetzt in die Haare. Erschien nicht übel Lust zu haben, den Delinquenten höchst eigenhändig zu ohrfeigen.

Er unterließ es, denn Feuerstein gab die Hände des Mannes frei, um ihn dafür am Kragen zu packen, und schüttelte ihn derart, daß ihm der Kopf wackelte und die Zähne klapperten. »Haben Sie die Marke nicht gerade hinter das Bett geworfen, Sie Lump?« brüllte er dem Kerl in die Ohren, als ob er einen Tauben vor sich hätte. »Ich habe es genau gesehen, wie Sie sie schnell zusammenknüllten!«

Der Bursche begann zu jammern, seine Knie schlotterten. »Seien Sie barmherzig«, heulte er, »ich will alles gestehen!«

Gerade in diesem Augenblick ging die Türe auf. Hastig trat Leonhard Kaubisch ein. Er war eben erst nach Hause zurückgekommen und war von dem neuen Ereignis in Kenntnis gesetzt worden. Ein staunendes Erschrecken flog über sein Gesicht, als er die Szene sah.

Herr von Hennings hatte die Ruhe der Verzweiflung wiedergefunden. »Ah, Herr Kaubisch«, sagte er, »Sie kommen zur rechten Zeit. Den Täter hätten wir jetzt also. Und die Marke haben wir auch wieder oder werden Sie wenigstens gleich haben. Aber sie ist hin, absolut hin. Der Mensch hat sie, bevor wir es verhindern konnten, zusammengedreht, zerknüllt, zerdrückt.«

Kaubisch erbleichte. »Tatsächlich? Das ist ja schrecklich«, sagte er jammernd, »hunderttausend Mark sind verloren, sind vernichtet! ... O Pankraz, warum haben Sie mir das angetan? Habe ich Sie nicht immer gütig behandelt?«

Nun sank der Kerl, den Feuerstein inzwischen losgelassen hatte, aber noch mit schrecklicher Miene musterte, vor Kaubisch wirklich auf die Knie und hob die gefalteten Hände zu ihm auf. Er schluchzte. »Gnade! Gnade! Ich habe ja nicht gewußt, daß sie so furchtbar viel wert ist. Ich fand die Marke beim Aufräumen in Ihrem Arbeitszimmer, Herr Kaubisch. Sie lag auf dem Boden, neben dem Schreibtisch.«

Kaubisch staunte. Sein Erstaunen überwog in diesem Augenblick den Schmerz über den Verlust des kostbaren Stückes. »Das kann ja gar nicht sein. Das ist ja gar nicht möglich. Wie soll die Marke dorthin, in mein Arbeitszimmer gekommen sein? ... Und wo haben Sie die Kapsel hingebracht, in der die Marke war?«

»Sie war ja gar nicht in einer Kapsel«, jammerte der Diener, ohne sich zu erheben, »sie lag auf dem Boden, in Ihrem Arbeitszimmer. Dort habe ich sie gefunden. Es ist gewiß wahr, ich lüge nicht. Es ist die Wahrheit, die reine, lautere Wahrheit!«

Soeben ertönte jetzt ein Ruf, die fast erstickte, aber jubelnde Stimme des Wachtmeisters Thomas, die aus der Unterwelt zu kommen schien.

»Ich habe sie! Da ist die Marke! Ich habe sie!«

Thomas hatte sich, ohne zu zögern, auf den Boden gelegt und war unter das Bett gekrochen.

Nun kam er hervor, bestaubt, mit gerötetem Gesicht, aber stolz.

In der offenen Handfläche zeigte er eine zu einem Kügelchen zusammengerollte Briefmarke vor den entsetzten Augen Kaubischs und des Staatsanwalts.

Herr von Hennings wandte sich mit kurzer Frage an den Diener, der sich nun endlich doch erhob und, ein Bild des Jammers, inmitten des Zimmers stand. »Das ist also die Marke?«

Pankraz nickte und nunmehr liefen ihm sogar die Tränen über die Backen, die hohl geworden zu sein schienen.

Kaubisch öffnete mit zitternden Fingern, während sich seine Mundwinkel schmerzlich zusammenzogen, die zusammengepreßte Marke, die ihm der Wachtmeister bot.

Es war eine moderne, amerikanische Briefmarke über zehn Cents im Werte von einem Pfennig!

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