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König Rhampsinit

Max Dürr: König Rhampsinit - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Dürr
titleKönig Rhampsinit
publisherLipsia-Verlag Friedrich & Co.
year1943
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9.

In der ganzen Stadt sprach man allmählich von nichts anderem als vom Diebstahl im Hause Kaubischs und wieder von diesem Diebstahl.

»Ich will nur sehen, was da noch herauskommt!«

»Man darf gespannt sein.«

»Eine tolle Sache!«

Es war ja nicht bloß wegen des absonderlichen Preises dieser Briefmarke, die mit 100 000 Mark nicht einmal übermäßig sein sollte, denn nur wenige Kenner wußten den wirklichen Wert abzuschätzen. Es war auch nicht bloß wegen der ungewöhnlichen, eigenartigen Umstände, unter denen der Diebstahl verübt wurde, auch nicht wegen des Dunkels, das über der an sich so einfachen, aber unerhört kecken Tat lag, wegen dieses Rätsels, über das alles den Kopf sich zerbrach, es war auch wegen der unerwarteten Folgen, welche die Tat jetzt schon auszulösen begann.

Jedermann zog sich von Lessen zurück, sobald bekannt wurde, daß er, der sich schon zuvor wenig Freunde erworben hatte, die Bezeichnung »Doktor« zu Unrecht führte, indem er sie stillschweigend duldete oder sogar gerne entgegennahm, nachdem sie ihm, unbekannt von wem, beigelegt worden war.

Auch von Kruth wandte man sich endgültig ab. Kruth hatte ja doch die gesamte vornehme Gesellschaft der Stadt durch sein geschicktes und wiederum selbstbewußtes Auftreten zu täuschen verstanden, hatte in jedem Hause sich Zutritt verschafft, war nicht ungerne gesehen worden, weil er überall durch seine weltmännischen, seine sicheren und energischen Manieren den besten Eindruck hinterlassen hatte. Und nunmehr stellte es sich heraus, daß er nicht bloß Ausländer war, daß auch seine angeblichen großen Reichtümer erdichtet waren, daß er mindestens eine recht fragwürdige Erscheinung zu nennen war, wenn er nicht gar einen schlimmeren Namen verdiente, obwohl er nach seiner Festnahme durch Feuerstein und Degas und seiner Einlieferung in das Gerichtsgefängnis von dem Richter schon nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt worden war.

Das kam nämlich so: Zwar war es richtig, daß Kruth keinerlei Vermögen nachweisen konnte, wennschon er auf der Behauptung blieb, daß er in seiner Heimat ein wenigstens bescheidenes Kapitälchen besitze. In der Stadt selbst hatte er zwar nicht unbedeutende Schulden gemacht und sich als schlechten Zahler bekennen müssen, aber die von verschiedenen, allzu vertrauensseligen Personen aufgenommenen Darlehen hatte er nicht durch unwahre Angaben über seine Person und seine Existenzmittel erschwindelt, sondern sie einfach auf Grund des Zutrauens, das sein Auftreten erweckte, erhalten. Wohl hatte er bei der Versteigerung der berühmten und jetzt berüchtigten kostbaren Briefmarke eine höchst zweifelhafte und unwürdige Rolle gespielt, sofern er sich unter dem Drucke des auf ihm lastenden Verdachts als ein Gehilfe des Verkäufers entpuppte, der gegen die Zusage einer angemessenen Belohnung es übernahm, den als einzigen in Wahrheit in Betracht kommenden und allein kaufkräftigen Herrn Leonhard Kaubisch in die Höhe zu steigern, ohne daß er die geringste Absicht hatte, die Marke für sich selbst zu erwerben. Aber diese unwürdige Handlung konnte nicht wohl als strafbar angesehen werden, und so diente sie im Gegenteil dazu, jetzt seine Freilassung herbeizuführen, denn mit dem Nachweis, daß er in Wirklichkeit kein Interesse an dem Erwerb der Marke besaß, entfiel immerhin ein gutes Stück des Verdachts gegen Kruth, er habe bei Kaubisch die Marke gestohlen.

Es kam dazu, daß die Vermutung, er halte sich unter falschem Namen in der Stadt auf, sich nicht bestätigte, und zu guter Letzt blieb, wie allerdings vorauszusehen war, die gründliche Durchsuchung seiner Wohnung und seiner Person völlig ergebnislos.

Somit war auch die Grundlage für die Erlassung eines Haftbefehls nicht gegeben, wie selbst Herr von Hennings zu seinem Ärger einsehen mußte, und es blieb lediglich die Tatsache übrig, daß nicht bloß Lessen, sondern auch Kruth als zweifelhafte Persönlichkeiten von ihren früheren Bekannten ängstlich gemieden wurden und daß ihnen die Türen der Häuser, die sie zuvor als angenehme Gäste aufgenommen hatten, verschlossen blieben.

Da trat ein neues Ereignis ein. Mit Schnelligkeit verbreitete sich die Nachricht davon in der Stadt und lenkte die Aufmerksamkeit von Kruth ab.

Der Wachtmeister der Ordnungspolizei, Thomas, war eben im Begriffe, sein Revier in der Altstadt zu durchstreifen und ging langsamen Schrittes die Jahnstraße entlang. Er sah gleichgültig in das Gewirr der Menschen, bemerkte zuweilen Bekannte, die er flüchtig begrüßte, und gab irgendeinem Fremden, der ihn hilfesuchend anging, die erbetene Auskunft.

Als er gerade an einer Anschlagsäule vorüberging, kam ein Mann hinter ihr hervor, der irgendeine Ankündigung gelesen zu haben schien und jetzt, da er unvermutet die Uniform des Polizeibeamten erblickte, merklich zusammenzuckte und auf die andere Seite sah.

Obgleich alles nur eine Sekunde gewährt hatte und der Mensch nicht schneller und nicht langsamer als irgendein anderer, der müßig auf der Straße Gehenden, seinen Weg fortsetzte, war es Thomas nicht entgangen, daß dem ihm völlig unbekannten Manne das Auftauchen der Polizeiuniform unangenehm gewesen war, und er entschloß sich unverzüglich, ohne daß er irgendeinen bestimmten Verdacht hätte schöpfen können, dem Manne seine Aufmerksamkeit zuzuwenden und ihn unauffällig zu verfolgen.

Der Mann mochte vielleicht fünfundzwanzig Jahre zählen, war gut, wenn auch nicht gerade fein gekleidet, hatte ein gewöhnliches Gesicht, war glatt rasiert, trug die Haare wohl pomadisiert und gescheitelt, und seine Bewegung, seine ganze Haltung war nicht ungeschickt, wenn auch nicht elegant, zu nennen.

Welchem Berufsstande er angehörte, war auf den ersten Blick nicht zu entscheiden, er machte weder den Eindruck eines Arbeiters oder Bauern noch eines Beamten oder Kaufmanns.

Anscheinend ging er völlig ziellos die Jahnstraße hinab, bog in eine kleine, wenig betretene Seitengasse ein und blieb schließlich vor einem unscheinbaren, verwahrlost aussehenden Ladengeschäft stehen, das den Namen des Inhabers Kaspar Knaak, Althandlung, über der Türe trug.

In dem einzigen, kleinen, verstaubten Schaufenster lagen gebrauchte Stiefel, einige alte, zerlesene Bücher, erblindete Gläser und Rasierspiegel, einige altertümliche photographische Apparate und optische Instrumente, ein verrosteter Revolver und ein dilettantenhaftes gemaltes Ölbild in wurmstichigem Rahmen.

An der Fensterscheibe waren einige Bogen mit abgestempelten Briefmarken angeklebt.

Wachtmeister Thomas kannte das Geschäft, das keineswegs in bestem Rufe stand. Er hatte, solange er im Kriminaldienst beschäftigt war, wiederholte Aussprachen mit Herrn Knaak gehabt, ohne daß beide Teile dieselben als angenehm empfunden hätten. Auf seiten des Wachtmeisters Thomas war diese Aussprache jeweils in Erfüllung seiner Pflicht erfolgt, denn das Geschäft des Herrn Knaak lag in seinem, Thomas', Revier, während Knaak diese polizeilichen Aussprachen als höchst überflüssig und schikanös bezeichnete, also keinerlei Wert auf sie gelegt hätte, wären sie nicht nütze gewesen, um sich bei irgendeiner Gelegenheit zu verteidigen.

Kaspar Knaak war der Polizei schon lange verdächtig, denn außer dem Ankauf und Verkauf der im Schaufenster befindlichen und im Hintergrunde des Ladens aufgestapelten zwar unangenehm und aufdringlich riechenden, aber dennoch verhältnismäßig harmlosen Ware betrieb Herr Knaak auch den Handel mit Gold, Silber und anderen edlen Metallen, und dieser Handel war weniger harmlos, sofern man diese Ware, wie die Polizei es tat, nur unter dem Gesichtspunkte ansah, woher sie stamme.

Wohl jedermann, zumeist aber Wachtmeister Thomas, war überzeugt, daß der Alt- und Briefmarkenhandel von Herrn Knaak nur zum Vorwand genommen wurde und allerlei unsaubere Geschäfte der gewerbsmäßigen Hehlerei zu verdecken hatte.

Wachtmeister Thomas kannte auch die an dem Fenster angeklebten Briefmarkenbogen ganz genau und wußte, daß diese Bogen keinerlei Merkwürdigkeiten oder Seltenheiten aufzuweisen hatten, sondern daß das Schaufenster ausschließlich Briefmarken billigster Art enthielt, die der Volksmund als Bafel bezeichnet.

Der Mann, der dem Wachtmeister Thomas an der Anschlagsäule aufgefallen war, ging auf das Knaaksche Schaufenster zu und besah sich die Auslage.

Thomas, der, in angemessener Entfernung, um selbst nicht bemerkt zu werden, ihn genau beobachtet hatte, stellte fest, daß dieser Mensch nicht etwa aus zufälligem Interesse einen Blick in das Schaufenster warf, sondern daß er vorgefaßter Absicht gemäß direkt darauf zuging, es also offenbar von früher kannte.

Aha! dachte Thomas. Das Schaufenster ist ihm bekannt, folglich auch das Geschäft des Herrn Knaak! Dabei hat er ein schlechtes Gewissen, denn er erschrak, als er mich sah.

Der Unbekannte betrachtete, ja er studierte gleichsam mit großer Achtsamkeit eine Reihe der Briefmarken nach der andern. Er schien keineswegs zufrieden mit dem, was er sah, denn er schüttelte zuweilen mißbilligend den Kopf, dann warf er schnelle, unsichere Blicke die Straße hinauf und hinunter und kämpfte wohl mit dem Entschlusse, ob er eintreten solle oder nicht, denn ein und das andere Mal griff seine Hand unwillkürlich nach der Türklinke.

Immer aufmerksamer wurde Thomas, als er das seltsame Benehmen des Mannes beobachtete. – Hier ist etwas nicht in Ordnung, dachte er, hier geht etwas vor! Der Mensch versteht von den Briefmarken nicht das geringste, sonst würde er diese wertlosen, alltäglichen Marken nicht so lange, eine nach der andern, angesehen haben. Folglich hat er in diesem Geschäfte, das er doch offenbar betreten will, ohne sich recht zu getrauen, etwas anderes zu suchen. Die anderen Gegenstände im Laden hat er aber nicht angesehen, sondern nur die Briefmarken am Fenster. Kaufen will er jedoch keine Briefmarken, denn er kennt sie ja gar nicht, folglich will er etwas verkaufen. Er weiß, daß Knaak auch Sachen ankauft, die er nicht in das Schaufenster stellt. Es handelt sich also um ein unsauberes Geschäft, wie er ein solches wahrscheinlich noch nicht oft gemacht hat, denn er ist unsicher und getraut sich nicht recht, kommt also auch zu Knaak offenbar zum erstenmal, um mit ihm zu handeln.

So weit war Thomas in seinen Schlußfolgerungen gekommen, als der Unbekannte mit einer schnellen Überwindung tatsächlich den kleinen Laden betrat. Thomas hörte deutlich die schrille Glocke, die ertönte, wenn jemand die beiden Stufen zu dem muffigen, dunklen Gewölbe des Herrn Knaak hinabgehen wollte.

Schnellen Schrittes ging Thomas jetzt die Gasse entlang auf das Knaaksche Geschäft zu. – Wenn ich sofort eingreife, dachte er, überrasche ich die beiden möglicherweise auf frischer Tat ... Vielleicht vereitle ich aber durch Voreiligkeit gerade den Erfolg, dachte er dann wieder. Knaak ist ein schlauer Hund, der sich vor Überraschungen zu schützen weiß.

Er überquerte also, noch nicht recht entschlossen, die Straße und versuchte, indem er, genau wie der Unbekannte vor ihm, mit erdichtetem Interesse die ausgelegten Briefmarken beschaute, über den Bogen hinweg in das Innere des Ladens zu sehen und zu entdecken, was die beiden miteinander zu handeln hatten.

In diesem Augenblick aber verließ zur größten Überraschung des Wachtmeisters der Verdächtige den Laden schon wieder, stieg die Gewölbestufen hinauf und kam mit verdrossener Miene zu der Ladentüre mit ihrer gellenden Klingel heraus.

Ein Handel hat also nicht stattgefunden, dachte Thomas. Was wollte nur dieser Mensch? – Er wandte sich schnell ab, damit der Verdächtige nicht auf die Vermutung käme, er sei beobachtet worden.

Aber dieser gewahrte ihn gar nicht und sah nur in der Richtung der Straße, aus der er gekommen war, und aus seinem Gesicht war deutlich zu lesen, daß ihm etwas Unerwartetes, Unangenehmes widerfahren war.

Hastig betrat nun Thomas den Laden, hastig, weil er vielleicht genötigt war, den Unbekannten noch weiter zu verfolgen.

Kaspar Knaak, der Besitzer all dieser Herrlichkeiten, die in dem abstoßenden, atemraubenden kellerähnlichen Gewölbe unordentlich umherlagen, war ein kleiner, verwahrlost aussehender, mißtrauischer Alter, unrasiert und unsauber, und er sah den Eintretenden mit grimmigen, bösen Augen an.

»Was beliebt?« fragte er kühl.

»Heil Hitler!« Der Wachtmeister erhob die Hand.

Auch Knaak hob die Hand zum Gruße und knurrte etwas Unverständliches.

Thomas war in Erregung. »Sagen Sie mir, Knaak, wer war dieser Mann?«

»Welcher Mann? ... Übrigens heißt man mich sonst Herr Knaak, wenn ich auch nur ein kleines Geschäft habe.«

»Nun also, Herr Knaak! Aber machen Sie keine Flausen. Ich habe Eile. Ich meinte den Mann, der soeben in Ihren Laden kam und wieder ging.«

In den Augen Knaaks leuchtete es auf, verschmitzt, boshaft, wie schadenfroh. »Tut mir sehr leid, Herr Wachtmeister, daß ich Ihnen nicht dienen kann. Ich kann Ihnen nicht sagen, wer der Mann ist. Ich habe ihn heute zum erstenmal gesehen. Ich kenne hier in der Stadt eine ganze Masse Leute. Das macht mein Geschäft. Aber dieser Mann ist mir fremd und er hat nicht gesagt, wer er ist. Ich habe ihn auch nicht gefragt.«

Thomas wußte, daß er den Händler durch eine Äußerung des Mißtrauens über die Wahrheit dieser Angabe nur noch bockbeiniger machen würde. Möglicherweise war es ja auch wahr, daß er ihn nicht kannte. »Was wollte er denn?« fragte er deshalb kurz weiter.

Knaak zögerte mit der Antwort. Er gab jedermann und besonders der Polizei grundsätzlich nur ausweichende Auskunft, denn kein Mensch konnte ja wissen, wie man einem eine solche Auskunft im Munde herumdrehte. Außerdem gewährte es ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, der Polizei, mit der er, wenn auch nicht offen, zeitlebens auf dem Kriegsfuße stand, und die nach seiner Überzeugung bloß dazu da war, Menschen zu schikanieren und sein Geschäft zu behindern, gleiche Hindernisse und gleichen Ärger zu bereiten. Aber er sah ein, daß es im vorliegenden Fall zu riskant sein würde, die gewünschte Auskunft zu verweigern, und er entschloß sich also diesmal, da er sich, eine ungewohnte Sache, als Mann mit dem reinen Brusttuch vorkam, wahrheitsgemäß zu antworten. – »Was er wollte? ... Was wird er viel gewollt haben? Er wollte etwas verkaufen«, knurrte er.

»Herr Knaak«, sagte Thomas einigermaßen drohend, »ich hoffe, daß Sie mir jetzt, ohne weitere Umschweife zu machen, Antwort auf das geben, was ich wissen will ... Was wollte dieser Mann verkaufen?«

»Mache ich Umschweife? Ich mache doch keine Umschweife. Sie unterstellen mir immer Sachen, die gar nicht wahr sind.«

»So machen Sie doch«, drängte Thomas, »ich kann nicht länger warten. Sonst muß ich annehmen, Sie wollen nicht ... Also schnell heraus mit der Sprache! Was bot er Ihnen an?«

»Er bot mir eine Marke zum Kauf an«, erwiderte Knaak verdrossen.

Eine Marke? Dem Beamten kam blitzschnell ein Gedanke. Bei Kaubisch war die bekannte Marke gestohlen worden. Dieser Mann wollte eine Marke verkaufen! »Eine Marke? Was war es für eine Marke?« hastete er.

»Ich weiß es nicht«, gab Knaak mürrisch zurück. »Ich habe ihn gefragt: Was für eine Marke? Er hat es selbst nicht gewußt, was es für eine Marke ist, er kennt die Marken nicht. Ich habe gesagt: Lassen Sie sie einmal sehen! Er sagte: Ich hab' sie nicht bei mir, es ist eine ganz seltene Marke und sie ist ungeheuer viel wert. – Das war alles.«

Thomas begann zu fiebern. »Was sagten Sie darauf?« fragte er drängend.

Kaspar Knaak begann die auf dem Tische liegenden alten Wollsachen in ausbrechendem Zorn umeinanderzuwerfen. Er zögerte mit der Antwort, offenbar wünschte er das unliebsame und ärgerliche Verhör abzubrechen. »Was ich gesagt habe? Ich muß mich erst besinnen ... Was habe ich denn gesagt?« Er wand und drehte sich.

Sicherlich log er jetzt oder besann er sich auf eine Lüge. »Ich habe gesagt, daß ich keine einzelnen Briefmarken kaufe, sondern nur ganze Sätze oder große Posten ... Ja, das habe ich gesagt.«

»Und dann?«

»Dann ging er. Und ich meine, wir machen jetzt auch Schluß, Herr Wachtmeister. Ich weiß nicht, was das heißen soll, daß Sie mich so ausfragen. Da könnte man wunder was meinen. Es ist aber, soviel ich weiß, nicht verboten, Briefmarken zu kaufen und zu verkaufen. Ich bin ein ehrlicher Handelsmann und bezahle meine Steuern, mehr als mir lieb ist. Ich habe jetzt auch keine Zeit, mich mit diesen Geschichten abzugeben. Es ist gerade, als wenn ich gar nichts zu arbeiten hätte. Wenn Sie noch etwas wissen wollen, so kommen Sie ein anderes Mal wieder.«

Er wandte Thomas tatsächlich den Rücken und stöberte planlos in den aufgehäuften alten Kleidern herum.

Thomas sah, daß hier vorerst nichts weiter zu erreichen war, zumal er sich mit einem Blick durch das Schaufenster überzeugte, daß Knaak ihn sicherlich schon vorher entdeckt hatte und gewarnt war.

Es war jetzt weit wichtiger und vorteilhafter, den Unbekannten zu verfolgen, der vielleicht bloß deshalb so schnell wieder gegangen war, weil er von Knaak aufmerksam gemacht wurde.

»Heil Hitler!« sagte er kurz entschlossen und verließ den Laden, ohne daß Knaak es für nötig gehalten hätte, den Gruß zu erwidern.

Draußen vor dem Laden schlug Thomas die Richtung ein, in der der Unbekannte weggegangen war, und es dauerte gar nicht lange, so sah er ihn wieder, wie er gemächlich die Jahnstraße entlang ging und hier und dort die Auslage eines Schaufensters betrachtete.

Sogleich nahm er die Überwachung wieder auf und er spann den Gedanken weiter, der ihm zuvor durch den Kopf gegangen war. – Wenn es sich um die Kaubischsche Marke handelte? Wenn es mir gelingen würde, den Dieb zu entlarven? Die Marke wieder beizubringen?

Noch war diese Vermutung, er verkannte es nicht, eine völlig vage, haltlose. Der Mensch mochte aus dem Auslande einen Brief erhalten haben und die Briefmarke, die er noch nie gesehen hatte, irrigerweise für eine überaus wertvolle halten ... Aber wenn er keine Anhaltspunkte für den Wert hatte, wenn man ihm nicht gesagt hätte, die Marke sei überaus wertvoll, warum hat er sie dann nicht gleich mitgenommen? In dieser Hinsicht entsprach die Angabe Knaaks sicherlich der Wahrheit. Hätte der Unbekannte die Marke vorgezeigt, so hätte Knaak sie als wertlos sofort zurückgegeben oder aber hätte sich ein längerer Handel zwischen ihm und dem Verkäufer entsponnen. Da dieser sie aber zu Hause ließ, mußte er irgendwoher über den großen Wert der Marke aufgeklärt worden sein.

Die Erregung des Polizeibeamten stieg. – Wenn es doch die gesuchte Marke wäre, von der alles sprach? Wenn ihm das Geschick wohlmeinend diesen günstigen Zufall zugeschoben hätte? Heidi, das wäre etwas! Kaubisch belohnte sicher nicht schlecht! ... Und vielleicht gar Beförderung?

Thomas ließ jetzt kein Auge mehr von diesem Menschen, der mit einem Male, als wäre ihm ein Gedanke gekommen, seine Schritte beschleunigte, während er seinen Weg durch die Straßen der Altstadt nahm.

Ob er noch weitere Briefmarkengeschäfte aufsuchen wird? dachte Thomas. Da kam ihm ein neuer Gedanke. – Er geht nach Hause, um die Briefmarke zu holen. Knaak hat mir dies natürlich verschwiegen. Wahrscheinlich hat er verlangt, die Marke zu sehen, da er sonst nicht sagen könne, ob er sie kaufe oder nicht. Knaak hat ja sofort gesehen, daß der Mensch von Briefmarken nichts versteht und daß vielleicht ein vorteilhaftes Geschäft zu machen wäre, und ein Mensch wie Knaak läßt sich kein solches Geschäft entgehen.

Der Unbekannte legte einen langen Weg zurück, aber Thomas ließ sich nicht beirren. Zwar hatte er längst sein Revier verlassen müssen, aber er wußte, daß er hierzu berechtigt, wenn nicht gar verpflichtet war, in diesem Falle von seinem gewöhnlichen Dienste abzuweichen, und es trug dies vielleicht reiche Früchte.

Allmählich nahmen die Geschäftshäuser ab, die Schauläden wurden seltener und kleiner, die Straßen breiter, heller, weniger belebt.

Sie kamen in die Neustadt, in die Gartenstadt.

Nach und nach begann Thomas zu besorgen, daß er entdeckt sein könnte und daß dieser Mensch ihn an der Nase herumziehe, sich über ihn lustig mache, indem er ihn spazieren führte.

Aber seine Sorge war unbegründet, der Unbekannte hatte sein Ziel erreicht.

Aus der Einfahrt eines großen, schönen Gebäudes kam ein Mädchen heraus. Der zierliche weiße Kopfputz, das hübsche, weiße Schürzchen, der Armkorb, den das Mädchen trug, zeigten, daß es in dem Hause, das es gerade verließ, bedienstet sein mußte.

Thomas täuschte sich nicht.

Das Mädchen sah den Unbekannten und rief ihn mit lauter Stimme an. »Aber Pankraz, woher kommen Sie so spät? ... Geben Sie Obacht, diesmal setzt es ein Wetter! Die gnädige Frau wollte ausfahren und Sie sind wieder einmal nicht dagewesen ... Sie hat schon ein paarmal nach Ihnen geschickt. Sie werden sehen, sie ist diesmal sehr böse!«

»Potz Kuckuck«, erwiderte der Angeredete mürrisch. »Hat man denn in diesem Dienste keine freie Minute? Man hat doch auch ab und zu etwas für sich zu besorgen. Hätte man es mir vorher gesagt, so wäre ich natürlich dageblieben.«

»Gehen Sie schnell hinein, Pankraz«, sagte das Mädchen, »und zeigen Sie sich!«

Thomas hatte alles gehört. Er blieb wie gebannt stehen. Die beiden beachteten ihn nicht im geringsten. In höchster Spannung wartete er, bis der Verfolgte durch die Einfahrt des Hauses ging.

Es war das wohlbekannte Haus des Großindustriellen Leonhard Kaubisch. Der Mann, der bei Kaspar Knaak die Briefmarke zu verkaufen suchte, war der Diener, der an jenem Abend den Gästen im Spielzimmer, in dem die Marke abhanden kam, aufgewartet hatte!

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