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Gutenberg > William Shakespeare >

König Lear

William Shakespeare: König Lear - Kapitel 1
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGesammelte Werke in drei Bänden, dritter Band, Tragödien
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf Baudissin
publisherSigbert Mohn Verlag, Gütersloh
titleKönig Lear
pages689-784
senderolesch@rbg.informatik.tu-darmstadt.de
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William Shakespeare

König Lear

Vorbemerkungen des Einsenders:

Ich habe Baudissins Übersetzung von Shakespeares The Tragedy of King Lear nicht nur aus einer mir zur Verfügung stehenden Buchausgabe eingescannt und die OCR-Ausgabe nachkorregiert, sondern auch mit dem englischen Originaltext verglichen. Dabei ging es mir nicht darum, Ungenauigkeiten in der Übersetzung der Dialoge aufzuspüren, die bei einem solchen Werk selbstverständlich unvermeidbar sind, sondern nur darum, festzustellen, ob die Übersetzung Passagen des Originals ausläßt oder andere schnell erkennbare Abweichungen enthält, z.B. abweichende Regieansweisungen.

Für den Vergleich habe ich die Version des Project Gutenberg Shakespeare Team's verwendet. Ich habe die Resultate dieses Vergleichs folgendermaßen in den Text eingebaut: Zusätzliche Texte im Original erscheinen in grüner Schrift in meiner eigenen Übersetzung. Texte der Übersetzung ohne Entsprechung im Original erscheinen in grünen, eckigen Klammern [ ].

Die Abweichungen beruhen keinesfalls alle auf einer Willkür des Übersetzers, sondern (und das gilt in besonderem Maße für die Regieanweisungen) sehr oft auf unterschiedlichen Lesarten des englischen Textes, wie man bereits an den verschiedenen, online verfügbaren Versionen des Originaltextes ersehen kann: Die drei Versionen, die im amerikanischen Project Gutenberg angeboten werden, the Complete Moby Shakespeare (als HTML-Datei beim MIT, als Textdatei u.a. auf dem English Server der Carnegie Mellon University) und die digitale Rekonstruktion einer Ausgabe von 1725 in der digitalen Bibliothek der Universität Bielefeld.

William Shakespeare

Die Tragödie des König Lear

Übersetzt von Wolf Graf Baudissin





PERSONEN

LEAR, König von Britannien
König von FRANKREICH
Herzog von BURGUND
Herzog von CORNWALL
Herzog von ALBANY
Graf von GLOSTER
Graf von KENT
EDGAR, Glosters Sohn
EDMUND, Glosters Bastard
CURAN, ein Höfling
Ein ARZT
Der NARR
Oswald, Gonerils HAUSHOFMEISTER
[EDELLEUTE, HAUPTLEUTE ]
Ein ALTER MANN, Glosters Pächter
Ein Offizier in Edmunds Diensten
Edelmann in Cordelias Gefolge
Verschiedene DIENER Cornwalls
GONERIL
REGAN
CORDELIA
} Lears Töchter
Ritter im Gefolge des Königs, ein Herold, Boten, Offiziere, Soldaten, Gefolge

Die Szene ist in Britannien






ERSTER AKT

ERSTE SZENE

Ein Prunksaal in König Lears Palast


Kent, Gloster und Edmund.

KENT
Ich dachte, der König sei dem Herzog von Albany gewogener als dem von Cornwall.

GLOSTER
So schien es uns immer; doch jetzt, bei der Teilung des Reichs, zeigt sichs nicht, welchen der beiden Herzoge er höher schätzt. Denn so gleichmäßig sind die Teile abgewogen, daß selbst die genaueste Forschung sich für keine der Hälften entscheiden könnte.

KENT
Ist das nicht Euer Sohn, Mylord?

GLOSTER
Seine Erziehung ist mir zur Last gefallen; ich mußte so oft erröten, ihn anzuerkennen, daß ich nun dagegen gestählt bin.

KENT
Ich kann Euch nicht verstehen.

GLOSTER
Dieses jungen Burschen Mutter konnte es, worauf sie einen runden Leib bekam und freilich früher einen Sohn für ihre Wiege als einen Mann für ihr Bett hatte. Merkt Ihr was von einem Fehltritt?

KENT
Ich kann den Fehltritt nicht ungeschehen wünschen, da der Erfolg davon so ansehnlich ist.

GLOSTER
Doch habe ich auch einen rechtmäßigen Sohn, einige Jahre älter als dieser, den ich aber darum nicht höher schätze. Obgleich dieser Schelm etwas vorwitzig in die Welt kam, eh er gerufen ward, so war doch seine Mutter schön, es ging lustig her bei seinem Entstehen, und der Bankert durfte nicht verleugnet werden. Kennst du diesen edeln Herrn, Edmund?

EDMUND
Nein, Mylord.

GLOSTER
Mylord von Kent; gedenke sein hinfort als meines geehrten Freundes.

EDMUND
Mein Dienst sei Euer Gnaden gewidmet.

KENT
Ich muß Euch lieben und bitte um Eure nähere Bekanntschaft.

EDMUND
Ich werde sie zu verdienen suchen.

GLOSTER
Er war neun Jahre im Auslande und soll wieder fort. Der König kommt!
Man hört Trompeten. König Lear, Cornwall, Albany, Goneril, Regan, Cordelia und Gefolge treten auf.

LEAR
Führt ein die Herrn von Frankreich und Burgund,
Gloster!

GLOSTER
Sehr wohl, mein König!
Gloster und Edmund ab.

LEAR
Derweil enthülln Wir den verschwiegnen Vorsatz.
Die Karte dort! - Wißt, daß Wir Unser Reich
Geteilt in drei. 's ist Unser fester Schluß,
Von Unserm Alter Sorg und Müh zu schütteln,
Sie jüngrer Kraft vertrauend, während Wir
Zum Grab entbürdet wanken. Sohn von Cornwall,
Und Ihr gleich sehr geliebter Sohn von Albany,
Wir sind jetzund gewillt, bekanntzumachen
Der Töchter festbeschiedne Mitgift, daß
Wir künftgem Streite so begegnen. -
Die Fürsten Frankreich und Burgund, die hohen
Rivalen um der jüngsten Tochter Gunst,
Verweilten lange hier in Liebeswerbung
Und harrn auf Antwort. - Sagt mir, meine Töchter,
Da Wir Uns jetzt entäußern der Regierung,
Des Landbesitzes und der Staatsgeschäfte,
Welche von euch liebt Uns nun wohl am meisten?
Daß Wir die reichste Gabe spenden, wo
Verdienst sie und Natur heischt. Goneril,
Du Erstgeborne, sprich zuerst!

GONERIL
                                Mein Vater,
Mehr lieb ich Euch, als Worte je umfassen,
Weit inniger als Licht und Luft und Freiheit,
Weit mehr, als was für reich und selten gilt,
Wie Schmuck des Lebens, Wohlsein, Schönheit, Ehre,
Wie je ein Kind geliebt, ein Vater Liebe fand.
Der Atem dünkt mich arm, die Sprache stumm,
Weit mehr als alles das, lieb ich Euch noch.

CORDELIA
beiseit.
Was sagt Cordelia nun? Sie liebt und schweigt.

LEAR
All dies Gebiet, von dem zu jenem Strich,
An schattigen Forsten und Gefilden reich,
An vollen Strömen, weitgedehnten Triften,
Beherrsche du; Albanys Stamm und deinem
Sei dies auf ewig! - Was sagt Unsre zweite Tochter,
Die teure Regan, Cornwalls Gattin? Sprich!

REGAN
Ich bin vom selben Stoff wie meine Schwester,
Und schätze mich ihr gleich. Mein treues Herz
Fühlt, all mein Lieben hat sie Euch genannt.
Nur bleibt sie noch zurück; denn ich erkläre
Mich als die Feindin jeder andern Lust,
Die in der Sinne reichstem Umkreis wohnt,
Und fühl in Eurer teuren Hoheit Liebe
Mein einzig Glück.

CORDELIA
beiseit.
                    Arme Cordelia dann!
Und doch nicht arm; denn meine Lieb, ich weiß,
Wiegt schwerer als mein Wort.

LEAR
Dir und den Deinen bleib als Erb auf immer
Dies zweite Dritteil unsers schönen Reichs,
An Umfang, Wert und Anmut minder nicht,
Als was ich Goneril gab. Nun Unsre Freude,
Du jüngste, nicht geringste, deren Liebe
Die Weine Frankreichs und die Milch Burgunds
Nachstreben, was sagst du, dir zu gewinnen
Ein reichres Dritteil als die Schwestern? Sprich!

CORDELIA
Nichts, gnädger Herr!

LEAR
Nichts?

CORDELIA
Nichts.

LEAR
Aus nichts kann nichts entstehn; sprich noch einmal!

CORDELIA
Ich Unglückselge, ich kann nicht mein Herz
Auf meine Lippen heben; ich lieb Eur Hoheit,
Wie's meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.

LEAR
Wie? Wie? Cordelia! Beßre deine Rede,
Sonst schädigst du dein Glück.

CORDELIA
                                Mein teurer Herr,
Ihr zeugtet, pflegtet, liebtet mich; und ich
Erwidr Euch diese Wohltat, wie ich muß,
Gehorch Euch, lieb Euch und verehr Euch hoch.
Wozu den Schwestern Männer, wenn sie sagen,
Sie lieben Euch nur? Würd ich je vermählt,
So folgt dem Mann, der meinen Schwur empfing,
Halb meine Treu, halb meine Lieb und Pflicht.
Gewiß, nie werd ich frein wie meine Schwestern,
Den Vater nur allein zu lieben.

LEAR
Und kommt dir das von Herzen?

CORDELIA
                                Ja, mein Vater!

LEAR
So jung und so unzärtlich?

CORDELIA
So jung, mein Vater, und so wahr.

LEAR
Sei's so! Nimm deine Wahrheit denn zur Mitgift,
Denn bei der Sonne heilgem Strahlenkreis,
Bei Hekates Mysterien und der Nacht,
Bei allen Kräften der Planetenbahnen,
Durch die wir leben und dem Tod verfallen,
Sag ich mich los hier aller Vaterpflicht,
Aller Gemeinsamkeit und Blutsverwandtschaft,
Und wie ein Fremdling meiner Brust und mir
Sei du von jetzt auf ewig! Der rohe Skythe,
Ja der die eignen Kinder macht zum Fraß,
Zu sättigen seine Gier, soll meinem Herzen
So nah stehn, gleichen Trost und Mitleid finden,
Als du, mein weiland Kind.

KENT
                            Mein guter König -

LEAR
Schweig, Kent!
Tritt nicht dazwischen, wenn der Drache wütet!
Sie war mein Liebling, und ich setzte alles
Auf ihre sanfte Pflege.
Zu Cordelia.
                         Fort! Mir aus den Augen!
Sei Friede so mein Grab, als ich von ihr
Mein Vaterherz losreiße. - Ruft mir Frankreich!
Wer rührt sich? Ruft Burgund! - Ihr, Albany und Cornwall,
Zu meiner Töchter Mitgift schlagt dies Dritteil! -
Stolz, den sie Gradheit nennt, vermähle sie! -
Euch beide kleid ich hier in meine Macht,
Vorrang der Würd und allerhöchsten Glanz,
Der Majestät umgibt. Wir, nach der Monde Lauf,
Mit Vorbehalt allein von hundert Rittern,
Die Ihr erhaltet, wohnen dann bei Euch,
Nach Ordnung wechselnd. Wir bewahren nur
Den Namen und des Königs Ehrenrecht;
Die Macht, Verwaltung, Rent und Staatsgewalt,
Geliebte Söhn, ist Euer. Des zum Zeugnis
Teilt diesen goldnen Reif!
Übergibt die Krone.

KENT
                            Erhabner Lear,
Den ich als meinen König stets geehrt,
Geliebt als Vater und als Herrn begleitet,
Als höchsten Hort einschloß in mein Gebet -

LEAR
Der Bogen ist gespannt, entflieh dem Pfeil!

KENT
Laß ihn nur fliegen, ob die Spitze auch
Mein Herz durchbohrt. Kent sei nur ohne Sitte,
Wenn Lear so toll. Was tust du, alter Mann?
Meinst du, daß Pflicht die Rede scheut, weil Macht
Sich Schmeicheln fügt? Die Ehre fordert Gradheit,
Wenn Könige wie Narren sind. Bleib Herrscher,
Und mit der besten Überlegung hemme
Die frevle Eil. Mit meinem Leben bürg ich,
Die jüngste Tochter liebt dich minder nicht,
Noch ist der ohne Herz, des schwacher Klang
Nicht Hohlheit widertönt.

LEAR
Schweig, Kent, bei deinem Leben!

KENT
Mein Leben galt mir stets nur als ein Pfand,
Zu wagen gegen deinen Feind; gern laß ichs
Für deine Wohlfahrt.

LEAR
                      Aus den Augen mir!

KENT
Sieh besser, Lear, und laß mich immer bleiben
Der Zielpunkt deines Auges.

LEAR
Nun beim Apoll!

KENT
                 Nun beim Apollo, König,
Du rufst vergeblich deine Götter an.

LEAR
O Knecht! Aufrührer!
Legt die Hand ans Schwert.

ALBANY und CORNWALL
                      Teurer Herr, laß ab!

KENT
Tu's, töte deinen Arzt, und gib den Lohn
Der schnöden Krankheit! Nimm zurück die Schenkung,
Sonst, bis der Kehle Kraft versagt zu schrein,
Sag ich dir, du tust Unrecht!

LEAR
                               Höre mich,
Rebell, bei deiner Lehnspflicht, höre mich!
Weil du zum Wortbruch Uns verleiten wolltest,
Den Wir noch nie gewagt, und stolz verwegen
Dich drängtest zwischen Unsern Spruch und Thron,
Was Unser Blut und Rang nicht dulden darf,
Wenn Unsre Macht bewährt, nimm deinen Lohn:
Fünf Tage gönnen Wir, dich zu versehn
Mit Schirmung vor des Lebens Ungemach;
Am sechsten kehrst du den verhaßten Rücken
Dem Königreich, und weilt am zehnten Tag
In Unserm Lande dein verbannter Leib,
So ists dein Tod. Fort nun! Bei Jupiter,
Dies widerruf ich nicht!

KENT
So leb denn wohl, Fürst! Zeigst du so dich, Lear,
Lebt Freiheit auswärts und Verbannung hier. -
Zu Cordelia.
Dir, Jungfrau, sein die Götter mächtiger Hort,
Die richtig denkt und sprach das rechte Wort. -
Zu Goneril und Regan.
Eur breites Reden mög die Tat bewähren,
Und Liebeswort willkommne Frucht gebären! -
[Zu den Herzogen. ]
Fahrt wohl, Kent muß zum Abschied nun sich wenden,
Im neuen Land den alten Lauf vollenden.
Er geht ab. Trompetenstoß. Gloster kommt zurück mit Frankreich, Burgund und Gefolge.

GLOSTER
Hier sind Burgund und Frankreich, hoher Herr!

LEAR
Fürst von Burgund,
Zu Euch erst sprech ich, der mit diesem König
Um meine Tochter warb. Was als das mindste
Erwartet Ihr als Mitgift, oder steht
Von Euerm Antrag ab?

BURGUND
                      Erhabner König,
Mir genügt, was Ihr freiwillig habt geboten,
Und minder gebt Ihr nicht.

LEAR
                            Mein würdiger Herzog,
Als sie Uns wert war, schätzten Wir sie so;
Nun ist ihr Preis gesunken. Seht, da steht sie:
Wenn etwas an der kleinen, schmucken Larve
Oder sie ganz mit Unserm Zorn dazu,
Und weiter nichts, Eur Hoheit noch gefällt,
So nehmt sie, sie ist Eur.

BURGUND
                            Mir fehlt die Antwort.

LEAR
Wollt Ihr mit allen Mängeln, die ihr eigen,
Freundlos und neuverschwistert Unserm Haß,
Zur Mitgift Fluch, durch Schwur von Uns entfremdet,
Sie nehmen oder lassen?

BURGUND
                         Herr, verzeiht,
Mit der Bedingung endigt jede Wahl.

LEAR
So laßt sie; bei der Macht, die mich erschuf,
Ich nannt Euch all ihr Gut.
Zu Frankreich.
                             Ihr, großer König -
So möcht ich Eure Freundschaft nicht verraten,
Euch zu vermählen, wo ich hasse. Lenkt
Zu besserm Ziel, ich bitt Euch, Eure Wünsche,
Als auf dies Wesen, das Natur errötet
Anzuerkennen.

FRANKREICH
               Wahrlich, dies ist seltsam,
Daß sie, die eben noch Eur Kleinod war,
Der Inhalt Eures Lobs, Balsam des Alters,
Eur Bestes, Teuerstes, in diesem Nu
So Unerhörtes tat, ganz zu zerreißen
Solch reichgewebte Gunst. Ja, ihr Vergehn
Muß unnatürlich, ungeheuer sein,
Oder die Liebe, deren Ihr Euch rühmtet,
Ist tadelnswert. So schlimm von ihr zu denken,
Heischt Glauben, wie Vernunft ihn ohne Wunder
Mir nimmer einimpft.

CORDELIA
                       Herr, ich bitte doch,
Mangelt mir auch die schlüpfrig glatte Kunst,
Zu reden nur zum Schein - denn was ich ernstlich will,
Vollbring ich, eh ichs sage -, daß Ihr zeugt,
Es sei kein schnöder Makel, Mord noch Schmach,
Kein zuchtlos Tun noch ehrvergeßner Schritt,
Der mir geraubt hat Eure Gnad und Huld.
Nur, weil mir fehlt, wodurch ich reicher bin,
Ein stets begehrend Aug und eine Zunge,
Die ich mit Stolz entbehr, obgleich ihr Mangel
Mir Euern Beifall raubte.

LEAR
                           Besser wärs,
Du lebtest nicht, als mir zur Kränkung leben!

FRANKREICH
Ist es nur das? Ein Zaudern der Natur,
Das oft die Tat unausgesprochen läßt,
Die es zu tun denkt? - Herzog von Burgund,
Was sagt Ihr zu der Braut? Lieb ist nicht Liebe,
Wenn sie vermengt mit Rücksicht, die seitab
Vom wahren Ziel sich wendet. Wollt Ihr sie?
Sie selbst ist ihre Mitgift.

BURGUND
                              Hoher Lear,
Gebt mir den Anteil, den Ihr selbst bestimmt,
Und hier nehm ich Cordelia bei der Hand
Als Herzogin Burgunds.

LEAR
Nichts! Ich beschwors, ich bleibe fest.

BURGUND
Dann tut mirs leid, daß Ihr zugleich den Vater
Verliert und den Gemahl.

CORDELIA
                          Fahr hin, Burgund! -
Da Wunsch nur nach Besitz sein Lieben ist,
Werd ich nie seine Gattin.

FRANKREICH
Schönste Cordelia, du bist arm höchst reich,
Verbannt höchst wert, verachtet höchst geliebt!
Dich nehm ich in Besitz und deinen Wert.
Gesetzlich sei's: ich nehme, was man wegwarf.
Wie seltsam, Götter, meiner Liebe Glühn
Und Achtung muß aus kaltem Hohn erblühn.
Sie mußte Erb und Glück bei dir verlieren,
Um über uns und Frankreich zu regieren.
Kein Herzog von Burgunds stromreichen Auen
Erkauft von mir die teuerste der Frauen!
Den Harten gib ein mildes Abschiedswort,
Das Hier verlierst du für ein beßres Dort.

LEAR
Du hast sie, Frankreich, sie sei dein; denn nie
Hatt ich solch Kind, und nimmer grüße sie
Mein altes Auge mehr. - Folg deinen Wegen
Ohn Unsre Lieb und Gunst, ohn Unsren Segen! -
Kommt, edler Fürst Burgund!
Trompetengetön. Lear, Burgund, Cornwall, Albany, Gloster und Gefolge gehen ab.

FRANKREICH
Sag deinen Schwestern Lebewohl.

CORDELIA
[beiseit. ]
Des Vaters Edelsteinen! -
[Laut. ]
                            Nassen Blicks
Verläßt Cordelia euch.
[Beiseit. ]
                        Ich kenn euch wohl,
Und nenn als Schwester eure Fehler nicht
Beim wahren Namen.
[Laut. ]
                    Liebt denn unsern Vater,
Ich leg ihn euch ans vielberedte Herz.
[Beiseit. ]
Doch ach, wär ich ihm lieb noch wie vorzeiten,
Wollt ich ihm einen bessern Platz bereiten.
[Laut. ]
So lebt denn beide wohl!

REGAN
Lehr uns nicht unsre Pflichten.

GONERIL
                                  Dem Gemahl
Such zu genügen, der als Glücksalmosen
Dich aufnahm. Da du Pflichtverletzung wagtest,
Versagt sich dir nur, was du selbst versagtest.

CORDELIA
Was List verborgen, wird ans Licht gebracht,
Wer Fehler schminkt, wird einst mit Spott verlacht.
Es geh euch wohl!

FRANKREICH
                    Komm, liebliche Cordelia!
Frankreich und Cordelia gehen ab.

GONERIL
Schwester, ich habe nicht wenig zu sagen, was uns beide sehr nahe angeht. Ich denke, unser Vater will heut abend fort.

REGAN
Ja, gewiß, und zu dir; nächsten Monat zu uns.

GONERIL
Du siehst, wie launisch sein Alter ist; was wir darüber beobachten konnten, war nicht wenig. Er hat immer unsere Schwester am meisten geliebt, und mit wie armseligem Urteil er sie jetzt verstieß, ist zu auffallend.

REGAN
's ist die Schwäche seines Alters; doch hat er sich von jeher nur obenhin gekannt.

GONERIL
Schon in seiner besten und kräftigsten Zeit war er zu hastig. Wir müssen also von seinen Jahren nicht nur die Fehler längst eingewurzelter Gewohnheiten erwarten, sondern außerdem noch den störrischen Eigensinn, den gebrechliches und reizbares Alter mit sich bringt.

REGAN
Solch haltloses Auffahren kann uns nun auch bevorstehen, wie diese Verbannung Kents.

GONERIL
Solche Abschiedskomplimente wirds noch mehr geben, wie zwischen Frankreich und ihm. Bitte, laßt uns zusammenhalten. Behauptet unser Vater sein Ansehn mit solchen Gesinnungen, so wird diese letzte Übertragung seiner Macht uns nur zur Kränkung.

REGAN
Wir wollen es weiter überlegen.

GONERIL
Es muß etwas geschehen, und in der ersten Hitze.
Sie gehen ab.




ZWEITE SZENE

Ein Saal im Schloß des Grafen Gloster


Edmund mit einem Briefe.

EDMUND
Natur, du meine Göttin! Deiner Satzung
Gehorch ich einzig. Weshalb sollt ich dulden
Feindseliger Sitte Ungunst und gestatten,
Daß mich der Völker enger Sinn enterbt,
Weil ich ein zwölf, ein vierzehn Mond erschien
Nach einem Bruder? - Was Bastard, weshalb unecht,
Wenn meiner Glieder Maß so stark gefügt,
Mein Sinn so kühn, so adlig meine Züge,
Als einer ehrbarn Gattin Frucht? Warum
Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?
Uns, die im heißen Diebstahl der Natur
Mehr Stoff empfahn und kräftgern Feuergeist,
Als in dem dumpfen, trägen, schalen Bett
Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen,
Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen? Drum,
Echtbürtiger Edgar, mein wird noch dein Land!
Des Vaters Liebe hat der Bastard Edmund
Wie der Echtbürtige. Schönes Wort: echtbürtig!
Wohl, mein Echtbürtiger, wenn dies Brieflein wirkt
Und mein Erfinden glückt, stürzt den Echtbürtgen
Der Bastard Edmund. Ich gedeih, ich wachse!
Nun, Götter, schirmt Bastarde!
Gloster kommt.

GLOSTER
Kent so verbannt! Frankreich im Zorn gegangen!
Der König fort zu Nacht! Der Macht entsagt!
Beschränkt auf Leibgeding! Und alles das
Im Nu! - Edmund, was gibts, was hast du Neues?

EDMUND
steckt den Brief ein.
Verzeih Euer Gnaden, nichts.

GLOSTER
Warum steckst du so eilig den Brief ein?

EDMUND
Ich weiß nichts Neues, Mylord.

GLOSTER
Was für ein Blatt lasest du da gerade?

EDMUND
Nichts, Mylord.

GLOSTER
Nichts? Wozu denn die schreckhafte Eile damit in deine Tasche? Ein wirkliches Nichts bedarf keiner solchen Hast, sich zu verstecken. Laß sehn! Gib! Wenn es nichts ist, brauche ich keine Brille.

EDMUND
Ich bitte, Herr, verzeiht; es ist ein Brief meines Bruders, den ich noch nicht ganz durchgesehen, und soweit ich bis jetzt las, finde ich den Inhalt nicht für Eure Durchsicht geeignet.

GLOSTER
Gib mir den Brief, sag ich!

EDMUND
Ich werde unrecht tun, ich mag ihn geben oder behalten. Der Inhalt, soweit ich ihn verstehe, ist zu tadeln.

GLOSTER
Laß sehen, laß sehn!

EDMUND
Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schrieb dies nur als Prüfung und Versuchung meiner Tugend.

GLOSTER
liest.
Dieses Herkommen, diese Ehrfurcht vor dem Alter verbittert uns die Welt für unsre besten Jahre; entzieht uns unser Vermögen, bis unsre Hinfälligkeit es nicht mehr genießen kann. Ich fange an, eine alberne, törichte Sklaverei in diesem Druck bejahrter Tyrannei zu finden, die da herrscht, nicht weil sie Macht hat, sondern weil man sie duldet. Komm zu mir, daß ich weiter hierüber rede. Wenn unser Vater schlafen wollte, bis ich ihn weckte, solltest Du für immer die Hälfte seiner Einkünfte genießen und der Liebling sein Deines Bruders Edgar. -
Hum! - Verschwörung! - Schlafen wollte, bis ich ihn weckte - die Hälfte seiner Einkünfte genießen. - Mein Sohn Edgar! Hatte er eine Hand, dies zu schreiben? Ein Herz und ein Gehirn, dies auszubrüten? - Wann bekamst du dies? Wer brachte dirs?

EDMUND
Es ward mir nicht gebracht, Mylord, das ist die Feinheit; ich fands durch das Fenster meines Zimmers geworfen.

GLOSTER
Du erkennst deines Bruders Handschrift?

EDMUND
Wäre der Inhalt gut, Mylord, so wollte ich darauf schwören; aber wenn ich auf diesen sehe, so möchte ich lieber glauben, sie sei es nicht.

GLOSTER
Es ist seine Hand.

EDMUND
Sie ists, Mylord, aber ich hoffe, sein Herz ist dem Inhalte fern.

GLOSTER
Hat er dich nie zuvor über diesen Punkt ausgeforscht?

EDMUND
Niemals, Mylord; doch habe ich ihn oft behaupten hören, wenn Söhne in reifen Jahren und die Väter auf der Neige ständen, dann sei von Rechts wegen der Vater des Sohnes Mündel und der Sohn Verwalter des Vermögens.

GLOSTER
O Schurke, Schurke! - Völlig der Sinn seines Briefes! - Verruchter Bube! Unnatürlicher, abscheulicher, viehischer Schurke! Schlimmer als viehisch! - Geh gleich, such ihn auf, ich will ihn festnehmen. - Verworfener Bösewicht! - Wo ist er?

EDMUND
Ich weiß es nicht genau, Mylord. Wenn es Euch gefiele, Euren Unwillen gegen meinen Bruder zurückzuhalten, bis Ihr ihm ein beßres Zeugnis seiner Absichten entlocken könnt, so würdet Ihr sichrer gehen; wollt Ihr aber gewaltsam gegen ihn verfahren, und hättet Euch in seiner Absicht geirrt, so würde es einen argen Riß in Eure Ehre machen und das Herz seines Gehorsams zertrümmern. Ich möchte mein Leben für ihn zum Pfande setzen, daß er dies geschrieben hat, um meine Ergebenheit gegen Euch, Mylord, auf die Probe zu stellen, ohne eine gefährliche Absicht.

GLOSTER
Meinst du?

EDMUND
Wenns Eur Gnaden genehm ist, stell ich Euch an einen Ort, wo Ihr uns darüber reden hören und Euch durch das Zeugnis Eures eignen Ohrs Gewißheit verschaffen sollt, und das ohne Verzug, noch diesen Abend.

GLOSTER
Er kann nicht solch ein Ungeheuer sein -

EDMUND
Und ists gewiß nicht.

GLOSTER
- gegen seinen Vater, der ihn so ganz, so zärtlich liebt! Himmel und Erde! Edmund, such ihn, forsche mir ihn aus, ich bitte dich; führe das Geschäft nach deiner eigenen Klugheit; ich würde alles dafür hingeben, die gehörige Klarheit zu gewinnen.

EDMUND
Ich will ihn sogleich suchen, Mylord, die Sache fördern, wie ichs vermag, und Euch von allem Nachricht geben.

GLOSTER
Jene letzten Verfinsterungen an Sonne und Mond weissagen uns nichts Gutes. Mag die Wissenschaft von der Natur sie so oder anders auslegen, die Natur selbst fühlt sich geschlagen von den Wirkungen, die ihnen folgen: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich; in Städten Meuterei, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein elender Bursche bestätigt die Vorzeichen: da ist Sohn gegen Vater. Der König weicht aus dem Gleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. Wir haben das Beste unsrer Zeit gesehn: Ränke, Herzlosigkeit, Verrat und alle zerstörenden Umwälzungen folgen uns rastlos bis an unser Grab. Erforsche mir den Buben, Edmund, es soll dein Schade nicht sein; tu's mit allem Eifer. Und der edle Kent mit seinem treuen Herzen verbannt! Sein Verbrechen: Redlichkeit! - Seltsam, seltsam!
Geht ab.

EDMUND
Das ist die tollste Narrheit dieser Welt: Geht es einmal schlecht mit unserm Glück - oft, weil wirs zu weit getrieben haben in unsrer Lebensführung, schieben wir die Schuld an unsern Desastern auf Sonne, Mond und Sterne, als wenn wir Schurken wären durch Notwendigkeit, Narren durch himmlische Einwirkung, Schelme, Diebe und Verräter durch die Übermacht der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch zwingende Abhängigkeit von planetarischem Einfluß, und alles, worin wir schlecht sind, durch göttlichen Anstoß. Eine herrliche Ausflucht für den Liederlichen, seine hitzige Natur den Sternen zur Last zu legen! - Mein Vater ward mit meiner Mutter einig unterm Drachenschwanz, und meine Nativität fiel unter ursa major; und so folgt denn, ich müsse rauh und verbuhlt sein. Ei was, ich wäre geworden, was ich bin, wenn auch der jungfräulichste Stern am Firmament auf meinen Bastardsursprung geblinkt hätte. [Edgar ] -
Edgar tritt auf.
Und husch ist er da, wie der Schluß in der alten Komödie. Mein Stichwort ist »spitzbübische Melancholie« und ein Seufzer wie Tom aus Bedlam. - Oh, diese Verfinsterungen deuten auf diesen Zwiespalt! Fa, sol, la, mi -

EDGAR
Wie gehts, Bruder Edmund? In was für tiefsinnigen Betrachtungen?

EDMUND
Ich sinne, Bruder, über eine Weissagung, die ich dieser Tage las, was auf diese Verfinsterungen folgen werde!

EDGAR
Gibst du dich mit solchen Dingen ab?

EDMUND
Ich versichere dich, die Wirkungen, von denen er schreibt, treffen leider ein! - Unnatürlichkeit zwischen Vater und Kind, Tod, Teuerung, Auflösung alter Freundschaft, Spaltung im Staat, Drohungen und Verwünschungen gegen König und Adel, grundloses Mißtrauen, Verbannung von Freunden, Auflösung des Heers, Trennung der Ehen und was noch alles!

EDGAR
Seit wann gehörst du zur astronomischen Sekte?

EDMUND
Sag mal, wann sahst du meinen Vater zuletzt?

EDGAR
Nun, gestern abend.

EDMUND
Sprachst du mit ihm?

EDGAR
Ja, zwei volle Stunden.

EDMUND
Schiedet ihr in gutem Vernehmen? Bemerktest du kein Mißfallen an ihm in Worten oder Mienen?

EDGAR
Durchaus nicht.

EDMUND
Besinne dich, womit du ihn beleidigt haben könntest, und ich bitte dich, meide seine Gegenwart, bis eine kurze Zwischenzeit die Hitze seines Zorns abgekühlt hat, der jetzt so in ihm wütet, daß ihn kaum eine Mißhandlung an deiner Person besänftigen würde.

EDGAR
Irgendein Schurke hat mich angeschwärzt!

EDMUND
Das fürcht ich auch. Ich bitte dich, weiche ihm sorgfältig aus, bis die Heftigkeit seines Ingrimms nachläßt, und, wie gesagt, verbirg dich bei mir in meinem Zimmer, wo ichs einrichten will, daß du den Grafen reden hören sollst. Ich bitte dich, geh, hier ist mein Schlüssel! Wagst du dich hervor, so geh bewaffnet.

EDGAR
Bewaffnet, Bruder?

EDMUND
Bruder, ich rate dir dein Bestes: Geh bewaffnet! Ich will nicht ehrlich sein, wenn man Gutes gegen dich im Schilde führt. Ich habe dir nur schwach angedeutet, was ich sah und hörte; längst noch nicht, wie entsetzlich die Wirklichkeit ist. Bitte dich, fort!

EDGAR
Werd ich bald von dir hören?

EDMUND
Zähle auf mich in dieser Sache.
Edgar geht ab.
Ein gläubger Vater und ein edler Bruder,
So fern von allem Unrecht, daß er nie
Argwohn gekannt, des dumme Ehrlichkeit
Mir leichtes Spiel gewährt! Ich seh den Ausgang:
Wenn nicht Geburt, schafft Güter mir die List;
Mir gilt für gut, was dazu nützlich ist.
Er geht ab.




DRITTE SZENE

Ein Zimmer in [Vor ] dem Palast des Herzogs von Albany


Goneril und Oswald, ihr Haushofmeister.

GONERIL
Hat mein Vater einen meiner Edlen geschlagen, weil er seinen Narren schalt?

HAUSHOFMEISTER
Ja, gnädige Frau!

GONERIL
Bei Tag und Nacht kränkt er mich! Jede Stunde
Bricht er hervor mit der und jener Grobheit,
Die uns verstimmt und stört; ich duld es nicht!
Frech werden seine Ritter, selber schilt er
Um jeden Tand. Wenn er vom Jagen kommt,
Will ich ihn jetzt nicht sehn; sagt, ich sei krank.
Wenn Ihr in Eurem Dienst saumselger werdet,
So tut Ihr recht; die Schuld nehm ich auf mich.
[Trompeten. ]

HAUSHOFMEISTER
Jetzt kommt er, gnädge Frau, ich hör ihn schon.
Hörner hinter der Szene.

GONERIL
Zeigt ihm so träge Lässigkeit Ihr wollt,
Ihr und die andern; ich wollt, es kam zur Sprache.
Wenns ihm mißfällt, so zieh er hin zur Schwester,
Die darin, weiß ich, einig ist mit mir
Und sich nicht meistern läßt. Der greise Tor,
Der immer noch die Macht behaupten will,
Die er verschenkt hat! Nun, bei meinem Leben,
Das Alter kehrt zur Kindheit, und es braucht
Der strengen Zucht, wenn Güte ward mißbraucht.
Merkt Euch, was ich gesagt.

HAUSHOFMEISTER
                             Wohl, gnädge Frau!

GONERIL
Und seinen Rittern gönnt nur kalte Blicke;
Gleichviel was draus erwächst; sagt das den andern auch!
Ich finde wohl dadurch Gelegenheit,
Mich zu erklären. Meiner Schwester schreib ich gleich,
Daß sie verfährt wie ich. - Besorgt das Mahl!
Sie gehen ab.




VIERTE SZENE

Ein Saal in Albanys Palast. [Daselbst ]


Kent tritt auf, verkleidet.

KENT
Kann ich so gut nur fremde Sprache borgen,
Die meine Red entstellt, so mag vielleicht
Mein guter Will in vollem Maß erstreben
Das Ziel, um das mein Wesen ich verhüllte.
Nun, du verbannter Kent, kannst du dort dienen,
Wo du verdammt bist, so geschieht es wohl,
Daß dein geliebter Herr dich treu erfindet.
Jagdhörner hinter der Szene; Lear, Ritter und Gefolge treten auf.

LEAR
Laßt mich keinen Augenblick auf das Essen warten; geht, laßt anrichten!
Einer vom Gefolge geht ab.
Nun, wer bist du?

KENT
Ein Mann, Herr!

LEAR
Was ist dein Beruf? Was willst du von Uns?

KENT
Mein Beruf ist, nicht weniger zu sein, als ich scheine, dem treu zu dienen, ders mit mir versuchen will, den zu lieben, der ehrlich ist, mit dem zu verkehren, der Verstand hat und wenig spricht, das Jüngste Gericht zu fürchten, zu fechten, wenn ichs nicht ändern kann, und keine Fische zu essen.

LEAR
Wer bist du?

KENT
Ein recht treuherziger Kerl und so arm als der König.

LEAR
Wenn du als Untertan so arm bist wie er als König, dann bist du arm genug. Was willst du?

KENT
Dienst.

LEAR
Wem willst du dienen?

KENT
Euch.

LEAR
Kennst du mich. Alter?

KENT
Nein; aber Ihr habt etwas in Euerm Wesen, das ich gern Herr nennen möchte.

LEAR
Was ist das?

KENT
Hoheit.

LEAR
Was für Dienste kannst du tun?

KENT
Ich kann rechtschaffene Dinge geheimhalten, reiten, laufen, eine hübsche Geschichte schlecht erzählen und eine deutliche Botschaft zur Not ausrichten. Wozu ein gewöhnlicher Mensch brauchbar ist, dafür tauge ich, und das beste an mir ist guter Wille.

LEAR
Wie alt bist du?

KENT
Nicht so jung, Herr, ein Mädchen ihres Gesanges wegen zu lieben, noch so alt, um ohne alle Ursache in sie vergafft zu sein; ich habe achtundvierzig Jahre auf dem Rücken.

LEAR
Folge mir, du sollst mir dienen; wenn du mir nach dem Essen nicht schlechter gefällst, so trennen wir uns nicht so bald. - Das Essen, holla, das Essen! - Wo ist mein Bursch, mein Narr? Geh einer und ruf mir meinen Narren her!
Einer aus dem Gefolge geht ab. Der Haushofmeister kommt.
Ihr da! - He! - Wo ist meine Tochter?

HAUSHOFMEISTER
Verzeiht mir -
Er geht ab.

LEAR
Was sagt der Schlingel da? Ruft den Tölpel zurück.
Ein Ritter geht dem Haushofmeister nach.
Wo ist mein Narr, he? - Ich glaube, die Welt liegt im Schlaf. -
Der Ritter kommt zurück.
Nun? Wo bleibt der Lümmel?

RITTER
Er sagt, Mylord, Eurer Tochter sei nicht wohl.

LEAR
Warum kam denn der Flegel nicht zurück, als ich ihn rief?

RITTER
Herr, er sagte mir sehr rund heraus, er wolle nicht.

LEAR
Er wolle nicht?

RITTER
Mylord, ich weiß nicht, was vorgeht; aber nach meiner Ansicht begegnet man Eurer Hoheit nicht mehr mit der ehrerbietigen Aufmerksamkeit, wie man pflegte; es zeigt sich ein großes Abnehmen der Höflichkeit sowohl bei der Dienerschaft als auch beim Herzog und Eurer Tochter selbst.

LEAR
Ha, meinst du?

RITTER
Ich bitte Euch, verzeiht mir, Mylord, wenn ich mich irre, denn mein Diensteifer kann nicht schweigen, wenn ich Eure Hoheit beleidigt glaube.

LEAR
Du erinnerst mich nur an meine eigne Wahrnehmung. Ich habe seit kurzem eine sehr kalte Vernachlässigung bemerkt, doch schob ichs mehr auf meine argwöhnische Gemütsart als auf einen wirklichen Vorsatz und absichtliche Unfreundlichkeit. Ich will genauer darauf acht geben. Aber wo ist mein Narr? Ich hab ihn in zwei Tagen nicht gesehn.

RITTER
Seit der jungen Fürstin Abreise nach Frankreich, gnädiger Herr, hat sich der Narr ganz abgehärmt.

LEAR
Still davon; ich hab es wohl bemerkt. Geht und sagt meiner Tochter, ich wolle sie sprechen. -
Einer aus dem Gefolge geht ab.
Und Ihr ruft meinen Narren!
Ein weiterer aus dem Gefolge geht ab. Der Haushofmeister kommt.
O Ihr, Herr, Ihr, Herr, kommt doch näher, Herr, wer bin ich, Herr?

HAUSHOFMEISTER
Myladys Vater.

LEAR
Myladys Vater? Mylords Schurk! Du verdammter Hund, du Lump, du Schuft!

HAUSHOFMEISTER
Ich bin nichts von alledem, Mylord, ich bitte mirs aus.

LEAR
Wirfst du mir Blicke zu, du Hundsfott?
Er schlägt ihn.

HAUSHOFMEISTER
Ich lasse mich nicht schlagen, Mylord.

KENT
schlägt ihm ein Bein unter.
Auch kein Bein stellen, du niederträchtiger Fußballspieler?

LEAR
Ich danke dir, Bursch, du dienst mir, und ich will dich lieben.

KENT
Kommt, Freund, steht auf, packt Euch! Ich will Euch Unterschiede lehren; fort, fort! Wollt Ihr Eure Flegelslänge noch einmal messen, so bleibt, sonst packt Euch! Fort! Seid Ihr klug? - So!
Er stößt den Haushofmeister hinaus.

LEAR
Nun, mein freundlicher Gesell, ich danke dir, hier ist Handgeld auf deinen Dienst.
Er gibt Kent Geld. Der Narr kommt.

NARR
Laß mich ihn auch dingen; hier ist meine Kappe.
Gibt Kent seine Kappe.

LEAR
Nun, mein schmuckes Bürschchen? Was machst du?

NARR
Höre, Freund, du tätst am besten, meine Kappe zu nehmen.

KENT
Warum, Narr?

NARR
Warum? Weil du's mit einem hältst, der in Ungnade gefallen ist. Ja, wenn du nicht lächeln kannst, je nachdem der Wind kommt, so wirst du bald einen Schnupfen weghaben. Da nimm meine Kappe. Sieh, dieser Mensch da hat zwei von seinen Töchtern verbannt und der dritten wider Willen seinen Segen gegeben; wenn du dem folgen willst, mußt du notwendig meine Kappe tragen. - Nun wie stehts, Gevatter? Ich wollt, ich hätte zwei Kappen und zwei Töchter!

LEAR
Warum, mein Söhnchen?

NARR
Wenn ich ihnen all meine Habe geschenkt hätte, die Kappen behielt ich für mich. Ich habe meine; bettle du dir eine von deinen Töchtern.

LEAR
Nimm dich in acht, du! - Die Peitsche!

NARR
Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muß und hinausgepeitscht wird, während Madame Schoßhündin, die großmäulige Petze, am Feuer stehn und stinken darf.

LEAR
Eine bittre Pille für mich!

NARR
Hör, guter Freund, ich will dich einen Reim lehren.

LEAR
Laß hören.

NARR
Gib acht, Gevatter!

Nicht alles mußt zeigen
Und manches verschweigen,
Nicht alles leih her,
Reit wenig, geh mehr,
Glaub wenig, hör viel,
Setz wenig beim Spiel,
Laß Dirnen und Wein,
Halt im Hause dich fein,
Und aufs Schock wird dir gehn
Mehr als sechs mal zehn!

LEAR
Das ist nichts, Narr.

NARR
Dann ists gleich dem Wort eines unbezahlten Advokaten; du gabst mir nichts dafür. Kannst du von nichts keinen Gebrauch machen, Gevatter?

LEAR
Ei nein. Söhnchen, aus nichts wird nichts.

NARR
zu Kent.
Bitt dich, sag ihm doch, geradesoviel trage ihm die Rente seines Landes; er wirds einem Narren nicht glauben.

LEAR
Ein bittrer Narr!

NARR
Weißt du den Unterschied, mein Junge, zwischen einem bittren Narren und einem süßen Narren?

LEAR
Nein, Bursch, lehr ihn mich!

NARR

Der dirs geraten, Lear,
Dein Land zu geben hin,
Den stell hierher zu mir,
Oder steh du für ihn.
Der süß und bittre Narr
Zeigt sich dir nun sofort.
Der ein im scheckgen Wams,
Den andern siehst du dort.

LEAR
Nennst du mich Narr, Junge?

NARR
Alle deine andern Titel hast du weggeschenkt, mit diesem bist du geboren.

KENT
Darin ist er nicht so ganz Narr, Mylord.

NARR
Nein, mein Seel, Lords und andere große Herren würdens mir auch nicht ganz lassen; hätt ich ein Monopol darauf, sie müßten ihr Teil daran haben, und die Damen ebenso, die würden mir auch den Narren nicht allein lassen, sie würden was abhaben wollen. Gib mir ein Ei, Gevatter, ich will dir zwei Kronen geben.

LEAR
Was für zwei Kronen werden das sein?

NARR
Nun, nachdem ich das Ei durchgeschnitten und das Inwendige herausgegessen habe, die beiden Kronen des Eis. Als du deine Krone mittendurch spaltetest und beide Hälften weggabst, da trugst du deinen Esel auf dem Rücken durch den Dreck; du hattest wenig Witz in deiner kahlen Krone, als du deine goldne wegschenktest. Wenn ich diesmal in meiner eignen Manier rede, so laß den peitschen, ders zuerst so findet.
Singt:

Den Narrn blüht heuer wenig Glück,
Denn Weise wurden Laffen;
Mit ihrem Witz gings sehr zurück,
Benehmen sich wie Affen.

LEAR
Seit wann bist du so reich an Liedern, he?

NARR
Das bin ich, Gevatter, seit du deine Töchter zu deinen Müttern gemacht hast; denn als du ihnen die Rute übergabst und dir selbst deine Hosen herunterzogst,

Da weinten sie aus freudgem Schreck,
Ich sang aus bitterm Gram,
Daß solch ein König Butzemann spielt'
Und zu den Narren kam.
Bitt dich, Gevatter, nimm einen Schulmeister an, der deinen Narren lügen lehre; ich möchte gern lügen lernen.

LEAR
Wenn du lügst, Bursch, so werden wir dich peitschen lassen.

NARR
Mich wundert, wie du mit deinen Töchtern verwandt sein magst; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage, du willst mich peitschen lassen, wenn ich lüge, und zuweilen werde ich gepeitscht, weil ichs Maul halte. Lieber wollt ich alles in der Welt sein, als ein Narr; und doch möchte ich nicht du sein, Gevatter. Du hast deinen Witz von beiden Seiten abgestutzt und nichts in der Mitte gelassen. Da kommt so ein abgestutztes Ende.
Goneril tritt auf.

LEAR
Nun, Tochter, was soll denn das Stirnband da? Mir scheint, Ihr habt in letzter Zeit die Stirn zu viel gerunzelt.

NARR
Du warst ein hübscher Gesell, als du noch nicht nötig hattest, auf ihr Runzeln zu achten; nun bist du eine Null ohne Ziffern. Ich bin jetzt mehr als du: ich bin ein Narr, du bist nichts. - Ja doch, ich will ja schweigen; das befiehlt mir Euer Gesicht, obgleich Ihr nichts sagt.

Mum, mum,
Wer nicht Krust' bewahrt noch Krum,
Wenn er satt, der bangt noch drum.
Er zeigt auf Lear.
Das ist so 'ne leere Erbsenschote!

GONERIL
Nicht Euer Narr bloß, Herr, der alles darf,
Auch mancher Eurer zügellosen Ritter
Sucht stündlich Zank und Unfug, schwelgt und rauft
In unerträglich lästiger Wildheit. Herr,
Ich glaubte, wenn ich dies Euch angezeigt,
Ihr würdets ändern; doch befürcht ich nun
Nach dem, was Ihr seit kurzem spracht und tatet,
Ihr schützt dies Treiben selbst und reizt dazu
Durch Euern Beifall. Steht es so, dann fehlt
Die Rüge nicht noch schläft die scharfe Zucht,
Die, zwar, nur strebend nach wohltätigem Frieden,
Vielleicht in ihrem Lauf Euch Kränkung bringt,
Was Schmach uns wäre sonst, doch weise Vorsicht,
Wenn es die Not gebietet.

NARR
Denn du weißt, Gevatter,

Grasmücke so lange den Kuckuck speist,
Bis das Junge ihr schließlich den Kopf abbeißt.
Und da ging das Licht aus und wir saßen im Dunkeln.

LEAR
Bist du meine Tochter?

GONERIL
Hört mich:
Ich wollt. Ihr brauchtet den gesunden Sinn,
Der sonst, ich weiß. Euch ziert, und legtet ab
Die Launen, die seit kurzem Euch verwandelt,
Wie Ihr nicht wirklich seid.

NARR
Kanns nicht ein Esel merken, wenn der Karren das Pferd zieht? - He, Hanne! Ich liebe dich.

LEAR
Kennt mich hier jemand? Nein, das ist nicht Lear!
Geht Lear so? Spricht so? Wo sind seine Augen?
Sein Kopf muß schwach sein oder seine Denkkraft
Im Todessschlaf. Ha, bin ich wach? Es ist nicht so.
Wer ists, der mir kann sagen, wer ich bin?

NARR
Lears Schatten.

LEAR
Ich wüßte es gern; denn nach den Zeichen des Königtums, der Einsicht und der Vernunft wärs Täuschung, wenn ich glaube, ich hätte Töchter.

NARR
Die dich zum gehorsamen Vater machen werden.

LEAR
Euer Name, schöne Frau?

GONERIL
Dies Staunen, Herr, schmeckt allzu sehr nach andern
Von Euern neuen Grillen. Ich ersuch Euch,
Nicht meine wahre Absicht zu mißdeuten.
So alt und würdig, seid verständig auch,
Ihr haltet hundert Ritter hier und Knappen,
So wildes Volk, so schwelgerisch und frech,
Daß unser Hof, befleckt durch ihre Sitten,
Gemeiner Schenke gleicht. Unzucht und Prassen
Stempelt ihn mehr zum Weinhaus und Bordell
Als fürstlichen Palast. Scham selber heischt
Abhülfe schleunig: Seid deshalb ersucht
Von der, die sonst sich nimmt, um was sie bat,
Ein wenig zu vermindern Euern Schwarm;
Und wählt den Rest, der Euerm Dienst verbleibt,
Aus Männern, wohlanständig Euerm Alter,
Die sich und Euch erkennen.

LEAR
                             Höll und Teufel!
Sattelt die Pferde, ruft all mein Gefolg! -
Entarteter Bastard, ich will dich nicht
Belästigen; noch bleibt mir eine Tochter.

GONERIL
Ihr schlagt mein Dienstvolk, und Eur frecher Troß
Macht beßre sich zu Knechten.
Albany tritt auf.

LEAR
Weh, wer zu spät bereut! -
Zu Albany.
                                 O Herr, seid Ihrs?
Ist das Eur Wille? Sprecht! - Bringt meine Pferde! -
Undankbarkeit, du marmorherzger Teufel,
Abscheulicher, wenn du dich zeigst im Kinde,
Als Meeresungeheuer!

ALBANY
                      Bitte, faßt Euch,
Mylord!

LEAR
zu Goneril.
         Verruchter Geier, wie du lügst!
Mein Volk sind ausgewählte wackre Männer,
Höchst kundig aller Pflichten ihres Dienstes,
Und die mit strenger Achtsamkeit genau
Halten auf ihre Ehre. O kleiner Fehl,
Wie schienst du an Cordelien mir so greulich,
Daß du, wie folternd, mein natürlich Wesen
Verrenkt, dem Herzen alle Lieb entrissen,
Zu Galle sie gemacht! O Lear, Lear, Lear!
Schlägt an die Stirn.
Schlag an dies Tor, das deine Tollheit einließ,
Die Urteilskraft hinaus! - Geht, gute Leute!

ALBANY
Herr, ich bin schuldlos, ja ich ahne nicht,
Was Euch bewegt.

LEAR
                  Es kann wohl sein, Mylord! -
Hör mich, Natur, hör, teure Göttin, hör mich!
Hemm deinen Vorsatz, wenns dein Wille war,
Ein Kind zu schenken dieser Kreatur!
Unfruchtbarkeit sei ihres Leibes Fluch!
Vertrockn ihr die Organe der Vermehrung;
Aus so entartetem Leib erwachse nie
Ein Säugling, sie zu ehren. Muß sie kreißen,
So schaff ihr Kind aus Zorn, auf daß es lebe
Als widrig quälend Mißgeschick für sie!
Es grab ihr Runzeln in die junge Stirn
Und ätz mit Tränenströmen Furchen ein
In ihr Gesicht; all Muttersorg und Wohltat
Erwidr es ihr mit Spott und Hohngelächter,
Daß sie empfinde, wie es schärfer nagt
Als Schlangenzahn, ein undankbares Kind
Zu haben! - Fort, hinweg!
Er geht ab.

ALBANY
Nun, ewge Götter, was bedeutet dies?

GONERIL
Nicht kümmert Euch, die Ursach zu erfahren;
Laßt seiner wilden Laune nur das Ziel,
Das Torheit ihr gesteckt.
Lear kommt zurück.

LEAR
Was? Fünfzig meiner Leut auf einen Schlag?
In vierzehn Tagen?

ALBANY
                    Gnädiger Herr, was ists?

LEAR
Ja, hör mich! -
Zu Goneril.
                 Höll und Tod! Ich bin beschämt,
Daß du so meine Mannheit kannst erschüttern,
Daß heiße Tränen, die mir wider Willen
Entstürzen, dir geweint sein müssen. Pest
Und Giftqualm über dich! -
Wunden des Vaterfluchs, zu tief für Heilung,
Die spür in jeder Faser deines Wesens!
Ihr alten kindischen Augen, weint noch einmal
Um dies Geschehn, ich reiß euch aus und werf
Euch mit den Tränen hin, die ihr vergießt,
Den Staub zu löschen! Dahin ists gekommen? -
Laß es so sein, ich hab noch eine Tochter,
Die ganz gewiß mir freundlich ist und liebreich.
Wenn sie dies von dir hört, mit ihren Nägeln
Zerfleischt sie dir dein Wolfsgesicht. Dann findst du
Mich wieder in der Art, von der du denkst,
Ich habe sie auf immer abgeworfen.
[Du sollst, das schwör ich dir! ]
Lear, Kent und Gefolge gehen ab.

GONERIL
Habt Ihrs gehört, Mylord?

ALBANY
Bei meiner großen Liebe, Goneril,
Kann ich nicht so parteiisch sein.

GONERIL
Ich bitt Euch, laßt das gut sein!
He, Oswald, he! -
Zum Narren.
Ihr da, mehr Schurk als Narr, folgt Eurem Herrn!

NARR
Gevatter Lear, Gevatter Lear, wart und nimm den Narren mit dir!

'ne Füchsin, wenn man sie fängt,
'ne Tochter wie diese: gehenkt
Gehören sie beide. Verschenkt
Hätt die Kapp ich fürn Strick, daß sie hangen!
So der Narr hinterher kommt gegangen.
Geht ab.

GONERIL
Der Mann war gut beraten. - Hundert Ritter!
Politisch wärs und sicher, hundert Ritter
Zur Hand ihm lassen: daß bei jedem Traum,
Bei jeder Grill und Laune, Klag und Unlust,
Er seine Torheit stützt auf ihre Macht,
Und unser Leben hing an seinem Wink. -
He, Oswald, he!

ALBANY
                 Du fürchtest wohl zu viel.

GONERIL
Besser, als traut ich ihm zu viel. Laß mich
Wegschaffen einen Schaden, den ich fürchte,
Statt fürchten, selber weggeschafft zu werden.
Ich kenn sein Herz. Was er geäußert, schrieb ich
Der Schwester. Nimmt sie ihn, die hundert Ritter,
Zu sich, da ich den Nachteil zeigt -
Der Haushofmeister kommt.
                                      Nun, Oswald,
Hast du den Brief an meine Schwester fertig?

HAUSHOFMEISTER
Ja, gnädge Frau!

GONERIL
Nimm dir Begleitung mit und schnell zu Pferd;
Belehre sie, was ich besonders fürchte,
Und füge selbst ihr solchen Grund hinzu,
Der dies noch mehr verstärkt. Nun mach dich auf
Und kehre bald zurück!
Der Haushofmeister geht ab.
                             Nein, nein, Mylord,
Euer allzugütiges, milchsanftes Wesen,
Ich wills nicht schelten; doch Euch trifft, verzeiht,
Mehr Tadel, weil Euch Klugheit fehlt, als Lob
Für Sanftmut voll Gefahr.

ALBANY
Ob du das Rechte triffst, ich weiß nicht recht;
Wer bessern will, macht oft das Gute schlecht.

GONERIL
Nun, dann -

ALBANY
             Gut, gut, - der Ausgang.
Sie gehn ab.




FÜNFTE SZENE

Ein Hof vor dem Palast des Herzogs von Albany. [Daselbst ]


Es treten auf Lear, Kent und der Narr.

LEAR
Geh du voraus nach Gloster mit diesem Brief; sag meiner Tochter von dem, was du weißt, nicht mehr, als worum sie nach dem Brief dich fragen wird. Wenn du nicht sehr eilst, werd ich noch vor dir dort sein.

KENT
Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich Euern Brief bestellt habe.
Geht ab.

NARR
Wenn einem das Hirn in den Hacken säße, wärs da nicht in Gefahr, Schwielen zu bekommen?

LEAR
Ja, Bursch.

NARR
Dann, bitt ich dich, sei vergnügt; dein Verstand wird nie in Schlappschuhen gehen.

LEAR
Ha, ha, ha!

NARR
Gib acht, deine andre Tochter wird dir artig begegnen, denn obgleich sie dieser so ähnlich sieht wie der Holzapfel dem Apfel, so weiß ich doch, was ich weiß.

LEAR
Nun, was weißt du denn, mein Junge?

NARR
Sie wird ihr an Geschmack so gleich sein als ein Holzapfel einem Holzapfel. Das weißt du, warum einem die Nase mitten im Gesicht steht?

LEAR
Nein.

NARR
Ei, um die beiden Augen nach beiden Seiten der Nase hin zu gebrauchen, damit man in das, was man nicht herausriechen kann, ein Einsehen habe.

LEAR
Ich tat ihr Unrecht.

NARR
Kannst du mir sagen, wie die Auster ihre Schale macht?

LEAR
Nein.

NARR
Ich auch nicht; aber ich weiß, warum die Schnecke ein Haus hat.

LEAR
Warum?

NARR
Nun, um ihren Kopf hineinzustecken, nicht ums an ihre Töchter zu verschenken und ihre Hörner ohne Futteral zu lassen.

LEAR
Ich will meine Natur vergessen. Solch gütiger Vater! - Sind meine Pferde bereit?

NARR
Deine Esel sind nach ihnen gegangen. - Der Grund, warum die sieben Sterne nicht mehr sind als sieben, ist ein hübscher Grund.

LEAR
Weils nicht acht sind?

NARR
Ja, wahrhaftig, du würdest einen guten Narren abgeben!

LEAR
Mit Gewalt muß ichs wiedernehmen. Scheusal Undankbarkeit!

NARR
Wenn du mein Narr wärst, Gevatter, so bekämst du Schläge, weil du vor der Zeit alt geworden bist.

LEAR
Wieso das?

NARR
Du hättest nicht alt werden sollen, eh du klug geworden wärst.

LEAR
O laß nicht toll mich werden, Himmel, toll nicht!
Laß mir die Fassung, toll möcht ich nicht sein!
Ein Ritter kommt.
Nun, sind die Pferde bereit?

RITTER
Bereit, Mylord.

LEAR
Komm, Bursch!

NARR
Die jetzt noch Jungfer ist und spottet mein und stichelt,
Die bleibts nicht lange mehr, wird nicht was weggesichelt.
Sie gehn ab.






ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

Ein Hof im Innern des [Vor dem ] Schlosse des Grafen Gloster


Es treten auf Edmund und Curan von verschiedenen Seiten.

EDMUND
Gott grüß dich, Curan!

CURAN
Und Euch, Herr! Ich bin bei Eurem Vater gewesen und habe ihm die Nachricht gebracht, daß der Herzog von Cornwall und Regan, seine Herzogin, diesen Abend bei ihm eintreffen werden.

EDMUND
Wie kommt das?

CURAN
Nun, ich weiß nicht. Ihr werdet die Neuigkeiten gehört haben, ich meine, was man sich zuraunt; denn noch ist die Sache nur Ohrengeflüster.

EDMUND
Ich? Nichts! Bitt Euch, was sagt man?

CURAN
Habt Ihr nicht gehört, daß es wahrscheinlich bald zwischen den Herzogen von Cornwall und Albany zum Krieg kommen wird?

EDMUND
Nicht ein Wort.

CURAN
So werdet Ihrs noch hören. Lebt wohl, Herr!
Ab.

EDMUND
Der Herzog hier zu Nacht! So besser! Trefflich!
Das webt sich ganz von selbst in meinen Plan.
Mein Vater stellte Wachen, meinen Bruder
Zu fangen; und ich hab ein heikles Ding
Noch auszurichten. Helft mir, Glück und Raschheit! -
Bruder, ein Wort! - Komm, Bruder, komm herunter! -
Edgar tritt auf.
Der Vater stellt dir nach; o flieh von hier!
Kundschaft erhielt er, wo du dich versteckt.
Die Nacht wird dir den besten Schutz gewähren.
Sprachst du wohl etwa gegen Herzog Cornwall?
Er kommt hieher, bei Nacht, in größter Eil,
Und Regan mit ihm; hast du nichts gesagt
Von seinem Streit mit Herzog Albany?
Besinne dich!

EDGAR
               Nein, wahrlich, nicht ein Wort.

EDMUND
Den Vater hör ich kommen! Nun verzeih,
Verstellterweise muß ich mit dir fechten;
Zieh, wehre dich zum Schein! Nun mach dich fort!
[Laut. ]
Ergib dich! Komm zum Vater! Licht, he, Licht!
[Leise. ]
Flieh, Bruder!
[Laut. ]
                Fackeln, Fackeln!
[Leise. ]
                                   So leb wohl!
Edgar geht ab.
Ein wenig Blut an mir zeugt wohl die Meinung
Von ernstrer Gegenwehr. -
Er verwundet sich den Arm.
                           Ich sah Betrunkne
Im Scherz mehr tun als dies. - O Vater, Vater!
Halt, halt! O helft!
Gloster und Bediente mit Fackeln treten auf.

GLOSTER
                      Edmund, wo ist der Schurke?

EDMUND
Er stand im Dunkeln hier, sein Schwert gezückt,
Den Mond beschwört' er mit verruchtem Zauber,
Ihm hülfreich beizustehn.

GLOSTER
                           Nun, und wo ist er?

EDMUND
Seht, Herr, ich blute!

GLOSTER
                        Edmund, wo ist der Schurke?

EDMUND
Dorthin entflohn. Als er auf keine Weise -

GLOSTER
Verfolgt ihn! - Fort! -
Bediente ab.
Auf keine Weise - was?

EDMUND
- Mich überreden konnt. Euch zu ermorden,
Und ich ihm sagte, daß die Rachegötter
Auf Vatermord all ihren Donner schleudern
Und wie durch vielfach starkes Band dem Vater
Das Kind vereinigt sei - genug, Mylord,
Er merkte, wie mit Abscheu ich verwarf
Sein unnatürlich Tun - in voller Wut
Fällt er mit schon gezognem Schwert mich an,
Mich Unbeschützten, trifft mir hier den Arm;
Doch als er mich in tiefster Seel empört
Und kühn gerechten Kampf aufnehmen sah,
Vielleicht erschreckt auch durch mein Schrein um Hülfe,
Entfloh er plötzlich.

GLOSTER
                       Flieh' er noch so weit,
In diesem Land entgeht er nicht der Haft
Und, trifft man ihn, der Strafe. Unser Herzog,
Mein werter Fürst und Schutzherr, kommt zu Nacht;
Kraft seiner Vollmacht künd ichs aller Welt,
Daß, wer ihn findet, unsern Dank verdient,
Bringt er den feigen Meuchler zum Gericht,
Wer ihn verbirgt, den Tod.

EDMUND
Als ich ihm sein Beginnen widerriet
Und fand ihn fest entschlossen, droht ich zornig,
Ihn anzugeben; er erwiderte:
Du güterloser Bastard! Kannst du meinen,
Wenn ich dir gegenüber steh. Vertrauen
Auf irgend Wahrheit, Wert und Treu in dir
Macht' deine Worte glaubhaft? Wenn ich leugne,
Und das tät ich gewiß, und zeigtest du
Auf meine Handschrift - alles stellt ich dar
Als deine Bosheit, Arglist, schnöden Trug.
Du mußt 'nen Dummkopf machen aus der Welt,
Soll sie den Vorteil meines Todes nicht
Als starken, höchst gewichtgen Trieb erkennen,
Ihn anzustiften.

GLOSTER
                   O verstockter Bube!
Die Handschrift leugnen? [Hat er das gesagt? - ] Nie hab ich ihn gezeugt.
[Auch diese Abweichung beruht auf unterschiedlichen Lesarten des Originals: »said he?« / »I never got him.«]
Man hört Trompeten.
Der Herzog? Was ihn herführt, weiß ich nicht. -
Die Häfen sperr ich all, er soll nicht fliehn.
Mein Fürst muß mirs gewähren; auch sein Bildnis
Versend ich nah und fern; das ganze Reich
Soll Kenntnis von ihm haben; und mein Land,
Du guter, würdger Sohn, ich wirk es aus,
Daß du's besitzen darfst.
Cornwall und Regan treten mit Gefolge auf.

CORNWALL
Wie gehts, mein edler Freund? Seit ich hierher kam,
- Doch eben erst! - vernahm ich arge Dinge.

REGAN
Und sind sie wahr, genügt wohl keine Strafe
So großer Missetat. Wie gehts Euch, Graf?

GLOSTER
Zerrissen ist mein altes Herz, zerrissen!

REGAN
Was? Meines Vaters Patenkind wollt Euch
Ans Leben? Dem mein Vater gab den Namen?
Euer Edgar?

GLOSTER
             Fürstin! Scham verschwieg es gern.

REGAN
Hatt er nicht Umgang mit den wüsten Rittern
In meines Vaters Dienst?

GLOSTER
                          Ich weiß nicht, Lady.
Es ist zu schlimm, zu schlimm!

EDMUND
Ja, gnädge Frau, er hielt mit jenem Schwarm.

REGAN
Kein Wunder denn, daß er auf Bosheit sann!
Sie trieben ihn zum Mord des alten Mannes,
Um seine Renten schwelgend zu verprassen.
Erst diesen Abend hat mir meine Schwester
Sie recht geschildert und mit solcher Warnung,
Daß, wenn sie kommen, um bei mir zu wohnen,
Ich nicht daheim sein will.

CORNWALL
                             Auch ich nicht, Regan. -
Edmund, ich hör. Ihr habt dem Vater Euch
Bewährt als treuer Sohn.

EDMUND
                          Ich tat nach Pflicht.

GLOSTER
Er deckte seine List auf und erhielt
Die Wunde hier, als er ihn greifen wollte.

CORNWALL
Setzt man ihm nach?

GLOSTER
                     Ja, gnädger Herr.

CORNWALL
Wird er ergriffen, soll sich niemand ferner
Vor seiner Bosheit scheun: all meine Macht
Steht Euch zu Dienst nach eigner Wahl. Ihr, Edmund,
Des Tugend und Gehorsam eben jetzt
Sich so bewährt. Ihr sollt der Unsre sein;
Gemüter solcher Treue tun uns not,
So zähl ich denn auf Euch.

EDMUND
                            Ich dien Euch treu,
Worins auch sein mag.

GLOSTER
                       Dank für ihn, mein Fürst!

CORNWALL
Ihr wißt nicht, was uns hergeführt zu Euch -

REGAN
So außer Zeit, in Finsternis der Nacht!
Der Anlaß, edler Gloster, hat Gewicht,
Und Eures Rates sind wir sehr bedürftig.
Mein Vater schreibt uns, und die Schwester auch,
Von Zwistigkeiten, die ich besser hielt
Zu schlichten außerm Hause. Beide Boten
Erwarten hier Bescheid. Ihr, alter Freund,
Beruhigt Eur Gemüt und steht uns bei
Mit höchst erwünschtem Rat in dieser Sache,
Die höchste Eile heischt.

GLOSTER
                           Ich dien Euch gern;
Eur Gnaden sind von Herzen mir willkommen!
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Vor Glosters Schloß. [Daselbst ]


Es treten auf Kent und Oswald, Gonerils Haushofmeister, von verschiedenen Seiten.

HAUSHOFMEISTER
Guten Morgen, mein Freund; bist du hier vom Hause?

KENT
Ja.

HAUSHOFMEISTER
Wo können wir die Pferde unterbringen?

KENT
Im Dreck.

HAUSHOFMEISTER
Ich bitte dich, sag mirs, wenn du mich liebhast.

KENT
Ich habe dich nicht lieb.

HAUSHOFMEISTER
Nun, so frage ich nichts nach dir.

KENT
Hätt ich dich in Lipsburys Pferch, so solltest du schon nach mir fragen.

HAUSHOFMEISTER
Warum behandelst du mich so? Ich kenne dich nicht.

KENT
Kerl, ich kenne dich.

HAUSHOFMEISTER
Wer bin ich denn?

KENT
Ein Schurke bist du, ein Halunke, ein Brockenesser, ein niederträchtiger, hochmütiger, hohler, bettelhafter, dreiröckiger, hundertptündiger, schmutziger, grobstrümpfiger Schurke; eine lahmherzige, querulierende Knechtsseele; ein Hurenbengel, ein Spiegelgaffer, ein überserviler, geschniegelter Spitzbube; ein lumpiger Ein-Koffer-Erbherr; einer, der aus lauter Diensteifer ein Kuppler sein möchte und nichts ist als ein Gemisch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Bastardpetze; einer, den ich in Greinen und Winseln hineinprügeln will, wenn du die kleinste Silbe von diesen deinen Ehrentiteln ableugnest.

HAUSHOFMEISTER
Was für ein Unmensch bist du, Kerl, so auf einen zu schimpfen, den du nicht kennst und der dich nicht kennt?

KENT
Was für ein eisenstirniger Schuft bist du, mirs abzuleugnen, daß du mich kennst? Sinds doch kaum zwei Tage, seit ich dir ein Bein stellte und dich vor dem König prügelte! Zieh, du Schuft, denn wenn es auch Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich will eine Mondscheinstunke aus dir machen. Zieh, du infamer, verhurter Barbierstubenstammkunde, zieh!
Er zieht den Degen.

HAUSHOFMEISTER
Fort! Ich habe nichts mit dir zu schaffen.

KENT
Zieh, Hundsfott! Du kommst mit Briefen gegen den König und nimmst der Drahtpuppe Eitelkeit Partei gegen die Majestät ihres Vaters. Zieh, Schuft, oder ich will dir deine Schenkel so zu Karbonaden zerhacken - zieh, Lump! Stell dich!

HAUSHOFMEISTER
Hülfe! He, Mord, Hülfe!

KENT
Wehr dich, Lümmel; steh. Schuft, steh; du geputzter Lumpenkerl, wehr dich!
Er schlägt ihn.

HAUSHOFMEISTER
Hülfe! Ho, Mord, Mord!
Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Gefolge treten auf.

EDMUND
Was gibts hier? Was habt ihr vor? Auseinander!

KENT
Nur her, junger Mann, wenn Ihr Lust habt; kommt, ich will Euch scharfmachen; nur her, Junker!

GLOSTER
Waffen? Degen? Was geht hier vor?

CORNWALL
Frieden, bei euerm Leben!
Der stirbt, wer sich noch rührt! Was geht hier vor?

REGAN
Die Boten unsrer Schwester und des Königs.

CORNWALL
Und worum geht der Streit?

HAUSHOFMEISTER
Kaum schöpf ich Atem, Herr!

KENT
Ich glaubs. Ihr habt den Mut so angestrengt!
Du feiger Schurk, Natur verleugnet dich,
Ein Schneider machte dich!

CORNWALL
                            Seltsamer Kauz!
Ein Schneider einen Menschen machen?

KENT
Ja, ein Schneider, Herr; ein Steinmetz oder ein Maler hätte ihn nicht so schlecht geliefert, und wären sie nur zwei Stunden in der Lehre gewesen.

CORNWALL
Doch sprich! Wie kam der Zwist?

HAUSHOFMEISTER
Der alte Raufbold, Herr, des Blut ich schonte,
Um seinen grauen Bart -

KENT
Ei du verzwicktes X, unnützer Buchstab! Mylord, wenn Ihrs vergönnt, stampf ich den ungeschliffenen Schuft zu Mörtel und bestreiche eines Abtritts Wand mit ihm. - Meinen grauen Bart geschont, du Bachstelze!

CORNWALL
Schweig, Kerl!
Du grober Knecht, weißt du von Ehrfurcht nichts?

KENT
Schon, Herr, doch hat der Ingrimm einen Freibrief.

CORNWALL
Worüber bist du grimmig?

KENT
Daß solch ein Lump, wie der, ein Schwert soll tragen,
Der keine Ehre trägt. Solch Gleisnervolk
Nagt oft, gleich Ratten, heilige Band' entzwei,
Unlösbar fest verknüpft', dient jeder Laune,
Die auflebt in dem Busen seines Herrn,
Trägt Öl ins Feur, zum Kaltsinn Schnee, verneint,
Bejaht und dreht den Hals wie Wetterhähne
Nach jedem Wind und Luftzug seiner Herrschaft,
Und weiß nichts, Hunden gleich, als nachzulaufen.
[Zum Haushofmeister. ]
Die Pest auf deine epileptische Fratze!
Verlachst du noch mein Wort, als wär ich närrisch?
Gans, hätt ich dich auf Sarums ebner Flur,
Ich trieb dich gackernd heim nach Camelot.

CORNWALL
Was, Alter, bist du toll?

GLOSTER
Wie kam der Zank? Das sag!

KENT
Die Antipoden sind sich ferner nicht,
Als ich und solch ein Schuft.

CORNWALL
Weshalb nennst du ihn Schutt, was tat er dir?

KENT
Sein Aussehn mag ich nicht.

CORNWALL
Vielleicht auch meins nicht oder seins und ihrs?

KENT
Herr! Grad heraus und offen ist mein Brauch:
Ich sah mitunter bessere Gesichter,
Als hier auf irgendeiner Schulter jetzt
Vor meinen Augen stehn.

CORNWALL
                         Das ist ein Bursch,
Der einst gelobt um Derbheit, sich befleißt
Vorwitzger Roheit und sein Wesen zwängt
Zu fremdem Schein: der kann nicht schmeicheln, der!
Ein ehrlich, grad Gemüt - spricht nur die Wahrheit!
Gehts durch, nun gut, wenn nicht - treuherzig ist er.
Ich kenn solch Schurken: in Treuherzigkeit
Hüllen sie Arglist mehr und tückischen Plan
Als zwanzig fügsam untertänige Schranzen,
Die schmeichelnd ihre Pflicht noch überbieten.

KENT
Gewiß, Herr, und wahrhaftig, ganz im Ernst,
Unter Vergünstigung Eures hocherhabnen
Aspekts, des Einfluß wie der Strahlenkranz
Um Phöbus' Flammenstirn -

CORNWALL
                                Was soll das heißen?

KENT
Daß ich aus meiner Redeweise fallen will, die Euch so wenig behagt. Ich weiß, Herr, ich bin kein Schmeichler; wer Euch mit graden Worten betrog, war gradehin ein Schurke, und das will ich meines Teils nicht sein, sollt ich auch Euer Mißfallen so weit gewinnen können, daß Ihr mich dazu auffordertet.

CORNWALL
Was tatst du ihm zuleid?

HAUSHOFMEISTER
                          Herr, nicht das mindste!
Dem König, seinem Herrn, gefiels vor kurzem,
Aus einem Mißverständnis, mich zu schlagen,
Worauf er, gleich zur Hand, dem Zorne schmeichelnd,
Rücklings mich hinwarf, als ich lag, mich schimpfte,
Und nahm so große Heldenmiene an,
Daß diese Mannestat der König pries,
Weil er zu Leib ging dem, der schon sich fügte;
Und noch berauscht von seinem Ritterwerk,
Zog er aufs neue hier.

KENT
Memmen und Schurken! - Tun sie nicht, als wär
Ajax ihr Narr.

CORNWALL
                Holt mir die Blöcke, he! -
Du alter Starrkopf, du weißbärtiger Prahler,
Dich lehr ich -

KENT
                 Herr, ich bin zu alt zum Lernen,
Holt nicht den Block für mich. Dem König dien ich;
In seinem Auftrag ward ich abgesandt;
Zu wenig Ehrfurcht zeigt Ihr, zu viel Trotz
Gegen die Gnad und Würde meines Herrn,
Tut Ihr das seinem Boten.

CORNWALL
                           Holt die Blöcke!
Auf Ehr und Wort, bis Mittag soll er sitzen.

REGAN
Bis Mittag? Bis zur Nacht - die Nacht dazu!

KENT
Nun, Lady, wär ich Eures Vaters Hund,
Ihr dürftet so mich nicht behandeln.

REGAN
Da Ihr sein Schurke seid, so will ichs.
[Die Fußblöcke werden gebracht. ]

CORNWALL
Der ist ein Kerl so recht von jener Farbe,
Wie unsre Schwester schreibt. Kommt, bringt die Blöcke!
Blöcke werden gebracht.

GLOSTER
Laßt mich Euch bitten, Herr, dies nicht zu tun.
Er ging zu weit; sein Herr, der gute König,
Ahndets gewiß; doch diese niedre Züchtgung
Ist solcher Art, wie man verworfnen Troß
Für Mauserein und ganz gemeinen Unfug
Bestraft. Der König muß es übel finden,
Wird er so schlecht geehrt in seinem Boten,
Daß man so mit ihm umgeht.

CORNWALL
                             Das vertret ich.

REGAN
Viel übler muß es meine Schwester deuten,
Daß einer ihren Dienstmann schmäht und anfällt,
Weil er ihr Wort befolgt. Schließt ihm die Beine!
Kent wird in den Block gelegt.
Kommt, werter Lord!
[Regan und Cornwall ab. ] Alle außer Gloster und Kent ab.

GLOSTER
Du tust mir leid, mein Freund; der Herzog wills,
Des heftger Sinn bekanntlich keinen Einspruch
Noch Hemmung duldet. Ich will für dich bitten.

KENT
Nein, tuts nicht, Herr! Ich wacht und reiste lange;
Fürs erste schlaf ich was, dann kann ich pfeifen.
Das Glück 'nes braven Kerls kommt wohl einmal
Ins Stocken. Guten Morgen!

GLOSTER
Der Fürst tut unrecht; übel wird mans deuten.
Geht ab.

KENT
Du, guter König, machst das Sprichwort wahr:
Du kommst jetzt aus dem Regen in die Traufe.
Komm näher. Leuchte dieser niedern Welt,
Daß ich bei deinem heitern Strahl den Brief
Durchlesen möge. - Wahrlich, nur das Elend
Erfährt noch Wunder! Ich weiß, Cordelia schickt ihn,
Die schon zum Glück von meinem dunkeln Leben
Nachricht erhielt und sich die Zeit ersieht,
Für dieses Greuelzustands Übel Heilung
Zu suchen. Ganz erschöpft und überwacht
Genießt den Vorteil, müde Augen, nicht
Zu schaun dies schnöde Lager. Nun, Fortuna,
Gut Nacht! Lächle noch einmal, dreh dein Rad!
Er schläft ein.




DRITTE SZENE

Heide


Edgar tritt auf.

EDGAR
Ich hörte mich geächtet,
Und durch die günstge Höhlung eines Baums
Entkam ich noch der Jagd. Kein Hafen frei!
Kein Platz, an dem nicht strenge Wacht und Sorgfalt
Mir nachstellt! Retten will ich mich, solang
Ich noch entfliehn kann, und ich sinne drauf,
Die ärmste, niedrigste Gestalt zu wählen,
In der Not Menschen achtlos fast zum Vieh
Erniedrigt. Mein Gesicht schwärz ich mit Schlamm;
Im bloßen Lendenschurz, das Haar zu Zotteln
Verklebt, trotz ich in ungeschützter Nacktheit
Den Winden und den Plagen dieses Himmels.
Die Gegend bietet Vorbild ja und Muster
Von Tollhausbettlern, die sich mit Geheul
In die erstarrten, tauben Arme schlagen
Holzsplitter, Nägel, Nadeln oder Dornen,
Und durch so grausen Anblick sich in Mühlen
Und Hütten, armen Dörfern, Schäfereien,
Bald mit verrücktem Fluch, bald mit Gebet
Mitleid erzwingen. - Armer Turlygod! Armer Tom!
So bin ich etwas noch, als Edgar nichts!
Er geht ab.




VIERTE SZENE

Vor Glosters Schloß


Es treten auf Lear, der Narr und ein Ritter. Kent im Block.

LEAR
Seltsam, vom Haus so weggehn und den Boten
Mir nicht heimsenden!

RITTER
                       Wie ich dort erfuhr,
War tags zuvor an diese Reis' hieher
Noch kein Gedanke.

KENT
                    Heil dir, edler Herr!

LEAR
Ha!
Treibst du solch Schmach zur Kurzweil?

KENT
                                        Nein, Mylord.

NARR
Haha! Der trägt grobe Kniegürtel! Pferde bindet man an den Köpfen, Hunde und Bären am Halse, Affen an den Lenden und Menschen an den Beinen; wenn ein Mensch zu übermütig mit den Beinen gewesen ist, so muß er hölzerne Strümpfe tragen.

LEAR
Wer wars, der also dich verkannt, hieher
Dich so zu werfen?

KENT
                    Beide, er und sie,
Eur Sohn und Tochter.

LEAR
                        Nein!

KENT
                               Doch!

LEAR
                                      Nein, sag ich!

KENT
Ich sage doch.

LEAR
Nein, nein, sie tätens nicht.

KENT
Sie tatens.

LEAR
Bei Jupiter schwör ich, nein!

KENT
Bei Juno schwör ich, ja!

LEAR
                           Sie durftens nicht;
Sie konntens, wagtens nicht; 's ist mehr als Mord,
Die Ehrfurcht so gewaltsam zu verletzen!
Erklär mirs in gebotner Eil, wie hast du
Verdient, wie haben sie verhängt die Schmach,
Da du von Uns kamst?

KENT
                      Als in ihrem Hause
Ich Eurer Hoheit Briefe übergab,
Da, eh ich aufstand von dem Platz, wo ich
Gekniet in Demut, kam halb atemlos
Ein Bote, dampfend heiß, und keucht' hervor
Die Grüße seiner Herrin Goneril,
Gab - war ich gleich der erste - seinen Brief,
Der flugs gelesen ward. Auf dessen Inhalt
Beriefen sie die Reisigen, nahmen Pferde,
Hießen mich folgen und gelegentlich
Der Antwort warten, gaben kalte Blicke;
Und da ich hier den andern Boten traf,
Des Willkomm meinen, wie ich sah, vergiftet
- Derselbe Bube, der so frech sich neulich
Vergangen wider Eure Majestät -
Mehr Mann als Urteil in mir fühlend, zog ich;
Er weckt das Haus mit lautem, feigem Schrei.
Eur Sohn und Tochter fanden dies Vergehn
Wert, solche Schmach zu dulden.

NARR
Der Winter ist noch nicht vorbei, wenn die wilden Gänse in dieser Richtung ziehn.

Gehn die Väter nackt,
So sind die Kinder blind;
Kommen sie geldbepackt,
Wie artig scheint das Kind!
Fortuna, die arge Hur,
Schließt auf den Reichen nur.
Aber bei alledem kannst du doch so auf deine Töchter rechnen, daß du ein ganzes Jahr daran zu zählen haben wirst.

LEAR
O wie der Krampf mir auf zum Herzen schwillt!
Hysterica passio! Nieder, steigend Weh!
Dein Platz ist unten! - Wo ist diese Tochter?

KENT
Beim Grafen, Herr, hier drinnen.

LEAR
                                   Folgt mir nicht,
Bleibt hier.
Er geht ab.

RITTER
Hast du nicht mehr versehn, als wie du sagtest?

KENT
Nein. -
Wie kommt der König mit so kleiner Zahl?

NARR
Wärst du für die Frage in den Block gesetzt, so hättst du's wohl verdient.

KENT
Warum, Narr?

NARR
Wir wollen dich zu einer Ameise in die Schule schicken, um dich zu lehren, daß es im Winter keine Arbeit gibt. Alle, die ihrer Nase folgen, werden durch ihre Augen geführt, bis auf die Blinden; und gewiß ist unter Zwanzigen nicht eine Nase, die den nicht röche, der stinkt. Laß ja die Hand los, wenn ein großes Rad den Hügel hinabrollt, damit dirs nicht den Hals bricht, wenn du ihm folgst; wenn aber das große Rad den Hügel hinaufgeht, dann laß dich nachziehn! Wenn dir ein Weiser einen besseren Rat gibt, so gib mir meinen zurück; ich möchte nicht, daß andere als Schelmen ihm folgten, da ein Narr ihn gibt.

Herr, wer Euch dient für Gut und Geld
Und nur gehorcht zum Schein,
Packt ein, sobald ein Regen fällt,
Läßt Euch im Sturm allein.
Doch ich will ausharrn; der Narr verweilt,
Läßt fliehn der Klugen Schar:
Der Schelm wird Narr, der so enteilt,
Der Narr kein Schelm fürwahr.

KENT
Wo hast du das gelernt, Narr?

NARR
Nicht im Block, Narr.
Lear kommt zurück mit Gloster.

LEAR
Verweigern mich zu sprechen? Sind krank, sind müde?
Sie reisten in der Nacht? - Ausflüchte nur!
Bilder von Abfall und Empörung! Geh,
Schaff mir 'ne beßre Antwort!

GLOSTER
                                     Teurer Herr,
Ihr kennt des Herzogs feurige Gemütsart,
Wie unbeweglich und bestimmt er ist
In seinem Sinn.

LEAR
                 Pest, Rache, Tod, Vernichtung!
Was feurig? Was Gemüt? - Ha, Gloster, Gloster!
Herzog Cornwall will ich sprechen und sein Weib!

GLOSTER
Nun wohl, mein teurer Herr, so sagt ichs auch.

LEAR
So sagtest du's? Verstehst du mich auch, Mann?

GLOSTER
Ja, bester Herr!

LEAR
Der König will mit Cornwall, mit der Tochter
Der liebe Vater sprechen, heischt Gehorsam.
Sind beide unterrichtet? Blut und Leben!
Feurig! Der Herzog! Sagt dem heißen Herzog -
Doch nein, noch nicht - kann sein, er ist nicht wohl;
Krankheit verabsäumt jeden Dienst, zu dem
Gesundheit pflichtig ist; wir sind nicht wir,
Wenn die Natur, gepreßt, die Seele zwingt,
Zu leiden mit dem Körper. Ich will warten,
Und ging zu weit in meinem Ungestüm,
Daß ich krankhafte, schwache Laune nahm
Für den gesunden Mann. - O Höll und Tod!
Schaut Kent an.
Warum sitzt dieser hier? Ha, dies bezeugts:
Des Herzogs Nichterscheinen und das ihre
Ist Hinterlist! - Gebt mir den Diener los! -
Geht, sagt dem Herzog und seinem Weib, ich wollte
Sie sprechen, jetzt, sogleich! Heiß sie erscheinen,
Sonst schlag ich an der Kammertür die Trommel,
Bis sie den Schlaf zu Tod geschreckt.

GLOSTER
Wär alles gut doch zwischen euch!
Er geht ab.

LEAR
Weh mir, mein Herz! Mein schwellend Herz! Hinunter!

NARR
Ruf ihm zu, Gevatter, wie die alberne Köchin den Aalen, als sie sie lebendig in die Pastete tat; sie schlug ihnen mit einem Stecken auf die Köpfe und rief: Hinunter, ihr Gesindel, hinunter! Ihr Bruder wars, der aus lauter Güte für sein Pferd ihm das Heu mit Butter bestrich.
Cornwall, Regan, Gloster und Gefolge treten auf.

LEAR
Guten Morgen euch beiden!

CORNWALL
                           Heil Euch, gnädiger Herr!
Kent wird losgemacht.

REGAN
Ich bin erfreut, Eur Majestät zu sehn.

LEAR
Regan, ich denk, du bists, und weiß die Ursach
Warum ichs denke; wärst du nicht erfreut,
Ich schiede mich von deiner Mutter Grab.
Weils eine Ehebrecherin verschlösse. -
Zu Kent.
O bist du frei?
Ein andermal davon! Geliebte Regan,
Deine Schwester taugt nicht! - O sie band mir, Regan,
Scharfzahnigen Undank, gleich dem Geier, hier -
auf sein Herz zeigend,
Ich kann kaum sprechen - nimmer wirst du's glauben,
Mit wie entartetem Gemüt - O Regan!

REGAN
Ich bitt Euch, faßt Euch, Herr. Ich hoffe. Ihr
Verfehlt mehr. Ihre Tugend einzuschätzen,
Als ihre Pflicht zu leisten sie.

LEAR
                                  Wie war das?

REGAN
Ich kann nicht denken, daß sie nur im kleinsten
Gefehlt in ihrer Pflicht. Hat sie vielleicht
Gehemmt das wilde Treiben Eures Schwarms,
So wars mit so viel Grund und gutem Zweck,
Daß sie kein Tadel trifft.

LEAR
                            Mein Fluch auf sie!

REGAN
O Mylord, Ihr seid alt,
Natur in Euch steht auf der letzten Neige
Ihres Bezirks; Euch sollt ein kluger Sinn,
Der Euern Zustand besser kennt als Ihr,
Zügeln und lenken; darum bitt ich Euch,
Kehrt heim zu unsrer Schwester; sagt ihr, Herr,
Ihr kränktet sie.

LEAR
                   Ich ihr Verzeihn erbitten?
Fühlst du denn nicht, wie dies dem Hause ziemt;
»Lieb Tochter, ich bekenn es, ich bin alt;
er kniet.
Alter ist unnütz; auf den Knien bitt ich:
Gewähre mir Bekleidung, Kost und Bett!«

REGAN
Laßt ab, Herr, das sind törichte Gebärden.
Kehrt heim zu meiner Schwester!

LEAR
steht auf.
                                 Niemals, Regan!
Halb mein Gefolge hat sie mir genommen,
Mich finster angeblickt, mit ihrer Zunge
Recht schlangenartig mir ins Herz gestochen.
Des Himmels aufgehäufte Rache fall
Auf ihr undankbar Haupt! Giftlüfte, schlagt
Mit Lähmung ihre ungebornen Kinder!

CORNWALL
O pfui, Herr, pfui!

LEAR
Du jäher Blitz, flamm in ihr stolzes Auge
Dein blendend Licht! Vergiftet ihre Schönheit,
Sumpfnebel, die der Sonne Macht gebrütet,
Versengt, vernichtet ihren Stolz!

REGAN
                                   O Götter!
Das wünscht Ihr einst auch mir, in jäher Hitze!

LEAR
Nein, Regan, du sollst meinen Fluch nie fühlen!
Die Zartheit deines Herzens gibt dich nicht
Der Roheit hin! Ihr Auge sticht, doch deins
Tut wohl und brennt nicht. In dir ist das nicht:
Mir Freud mißgönnen, mein Gefolg vermindern,
Mit herbem Zank mein Ausgesetztes schmälern,
Und endlich gar mit Kett und Riegel mir
Den Eintritt wehren; nein, du lerntest besser
Die Pflichten der Natur, der Kindschaft Band,
Der Ehrfurcht Zoll, die Schuld der Dankbarkeit;
Du hast des Reiches Hälfte nicht vergessen,
Womit ich dich beschenkt.

REGAN
                           Nun, Herr, zur Sache!

LEAR
Wer setzte meinen Diener in den Stock?
Trompeten.

CORNWALL
Was für Trompeten?
[Der Haushofmeister tritt auf. ]

REGAN
Ich weiß, die meiner Schwester; denn sie schreibt mir
Ihr schleunig Kommen. -
Oswald tritt auf.
                         Ist deine Herrin da?

LEAR
Das ist ein Sklav, des leicht geborgter Stolz
In seiner Herrschaft flüchtiger Gnade wohnt. -
Geh, Schuft; mir aus dem Aug!

CORNWALL
                               Was meint Eur Gnaden?

LEAR
Wer blockte meinen Diener? Regan, ich hoffe,
Du wußtest nicht darum. -
[Goneril kommt. ]
                           Wer kommt da? - Götter,
Goneril kommt.
Wenn ihr die Alten liebt, wenn eure Herrschaft
Gehorsam gutheißt, wenn ihr selber alt seid,
Macht es zu eurer Sache, sendet Beistand! -
Zu Goneril.
Schämst du dich nicht, auf diesen Bart zu sehn? -
O Regan, kannst du bei der Hand sie fassen?

GONERIL
Warum nicht bei der Hand? Was fehlt ich denn?
Nicht alles ist ja Fehl, was Torheit meint
Und Aberwitz so nennt.

LEAR
                        Zu zähe Rippen,
Haltet ihr noch? - Wie kam der in den Block?

CORNWALL
Ich ließ ihn schließen, Herr; doch seine Unart
Verdiente weniger Milde.

LEAR
                          Ihr? Ihr tatets?

REGAN
Hört, Vater, da Ihr schwach, wollt stark nicht scheinen!
Wenn bis zum Ablauf Eures Monats Ihr
Zurückgehn, bei der Schwester wohnen wollt,
Und Euren Zug dann halb entlaßt, kommt zu mir!
Ich bin jetzt fern vom Haus und nicht versehn,
Wie es sich ziemt, für Euern Unterhalt.

LEAR
Zurück zu ihr? Und fünfzig Mann entlassen?
Nein, ehr verschwör ich alles Dach, und lieber
Setz ich mich aus der Tyrannei der Luft
Und will Kamrad mit Wolf und Eule werden,
Aus scharfem Zwang der Not! - Zurück zu ihr?
Der hitzige Frankreich, der mein jüngstes Kind
Ohn Mitgift nahm - so leicht zwäng ich mich wohl,
An seinem Thron zu knien und wie ein Knecht
Ein ärmlich Brot und Jahrgeld zu erbetteln.
Zurück zu ihr? Verlange lieber noch,
Daß Sklav ich werd und Saumtier diesem Schuft!
Deutet auf Oswald.

GONERIL
Wie's Euch beliebt.

LEAR
Ich bitt dich, Tochter, mach mich nicht verrückt! -
Ich will dir nicht zur Last sein, Kind; leb wohl!
Wir wolln uns nicht mehr treffen, nicht mehr sehn.
Und doch bist du mein Fleisch, mein Blut, mein Kind -
Nein, eine Krankheit ehr in meinem Fleisch,
Die mein ich nennen muß; bist eine Beule,
Ein Pestauswuchs, ein schwellender Karbunkel
In meinem kranken Blut. Ich will nicht schelten;
Scham komme, wann sie will, ich ruf ihr nicht;
Ich heiße nicht den Donnerträger schleudern,
Noch schwatz ich aus von dir vor Jovis Thron.
Geh in dich, ganz nach Muße beßre dich; -
Ich hab Geduld, ich kann bei Regan bleiben,
Ich und die hundert Ritter.

REGAN
                             Nicht so ganz!
Ich zählte nicht auf Euch, bin nicht gerüstet,
Euch zu empfangen; hört die Schwester, Herr!
Denn wer Eur Zürnen mit Vernunft betrachtet,
Muß sich doch sagen: Ihr seid alt, und so -
Doch sie weiß, was sie tut.

LEAR
Nennst du das gut gesprochen?

REGAN
Ich darfs behaupten, Herr. Was, fünfzig Ritter?
Ists nicht genug? Wozu bedürft Ihr mehr?
Wozu selbst diese, da Gefahr und Last
So viele widerrät? Kann so viel Volk
In einem Haus bei zweierlei Befehl
In Freundschaft stehn? 's ist schwer, beinah unmöglich.

GONERIL
Was braucht Ihr, Herr, noch andre Dienerschaft,
Als meiner Schwester Leute oder meine?

REGAN
Jawohl, Mylord; wenn die nachlässig wären,
Bestraften wir sie dann. Wenn Ihr zu mir kommt
- Denn jetzt seh ich Gefahr -, so bitt ich Euch,
Bringt mir nur fünfundzwanzig; denn nicht mehr
Kann ich herbergen oder zugestehn.

LEAR
Ich gab Euch alles -

REGAN
                      Und zur rechten Zeit.

LEAR
- Macht Euch zu meinen Pflegern und Verwaltern,
Nur diese Anzahl hab ich vorbehalten
Mir zum Gefolg. Was, muß ich zu dir kommen
Mit fünfundzwanzig, Regan? Sprachst du so?

REGAN
Und spreche noch einmal aus, Mylord: nicht mehr!

LEAR
Solch ruchlos Wesen sieht doch hübsch noch aus,
Sind andre noch ruchloser; nicht die Schlimmste
Zu sein ist dann wie Lob. -
Zu Goneril.
                             Ich geh mit dir;
Dein Fünfzig macht doch zweimal fünfundzwanzig,
Und du bist zweifach ihre Liebe.

GONERIL
                                  Hört mich:
Was braucht Ihr fünfundzwanzig, zehn, ja fünf
In einem Haus, wo Euch zweimal soviel
Zu Diensten stehn?

REGAN
                    Was braucht Ihr einen nur?

LEAR
O rechtet nicht, was nötig! Der schlechtste Bettler
Hat bei der größten Not noch Überfluß.
Gib der Natur nur das, was nötig ist,
So gilt des Menschen Leben wie des Tiers.
Du bist doch eine Edelfrau;
Wenn warm gekleidet gehn schon prächtig wäre,
Nun, der Natur tut deine Pracht nicht not,
Die kaum dich warm hält - doch für wahre Not -
Gebt, Götter, mir Geduld, Geduld tut not! -
Ihr seht mich hier, mich armen alten Mann,
Gebeugt durch Gram und Alter, zwiefach elend!
Seid ihrs, die dieser Töchter Herz empört
Wider den Vater, macht nicht so zum Narrn mich,
Es zahm zu dulden; weckt mir edeln Zorn!
O laßt nicht Weiberwaffen, Wassertropfen,
Des Mannes Wang entehren! - Nein, ihr Teufel,
Ich will mir nehmen solche Rach an euch,
Daß alle Welt - will solche Dinge tun -
Was, weiß ich selbst noch nicht; doch solln sie werden
Das Graun der Welt. Ihr denkt, ich werde weinen?
Nein, weinen werd ich nicht.
Wohl hab ich Fug zu weinen; doch dies Herz
Soll eh in hunderttausend Scherben splittern,
Bevor ich weine. - O Narr, ich werde rasend!
Lear, Gloster, Kent und der Narr gehn ab. Man hört einen Sturm in einiger Entfernung.

CORNWALL
Gehn wir hinein, es kommt ein Sturm.
[Sturm und Gewitter von weitem. ]

REGAN
Das Haus ist klein, es faßt den Alten nicht
Und sein Gefolg.

GONERIL
's ist seine Schuld, er nahm sich selbst die Ruh;
Nun büßt er seine Torheit.

REGAN
Was ihn betrifft, ihn nehm ich gerne auf;
Doch keinen seines Zugs.

GONERIL
                          So denk ich auch -
Wo ist Mylord von Gloster?
[Gloster kommt zurück. ]

CORNWALL
Er ging dem Alten nach; dort kommt er wieder.
Gloster kommt zurück.

GLOSTER
Der König ist in Wut.

CORNWALL
                        Wo geht er hin?

GLOSTER
Er will zu Pferd, doch weiß ich nicht, wohin.

CORNWALL
Am besten läßt man ihn; er führt sich selbst.

GONERIL
Mylord, ersucht ihn ja nicht, hier zu bleiben!

GLOSTER
Mein Gott, die Nacht bricht ein, der scharfe Wind
Weht schneidend; viele Meilen ringsumher
Ist kaum ein Busch.

REGAN
                     O Herr, dem Eigensinn
Wird Ungemach, das er sich selber schafft,
Der beste Lehrer. Schließt des Hauses Tor;
Er hat verwegne Diener im Gefolg;
Wozu ihn die anhetzen, da so leicht
Sein Ohr betört wird, das muß Vorsicht scheun.

CORNWALL
Schließt Eure Pforte, Herr; die Nacht ist schlimm,
Und Regan rät uns gut. Kommt aus dem Sturm!
Sie gehn ab.






DRITTER AKT

ERSTE SZENE

Heide, Sturm, Donner und Blitz


Kent und ein Ritter von verschiedenen Seiten treten auf.

KENT
Wer ist da, außer schlechtem Wetter?

RITTER
Ein Mann, gleich diesem Wetter, höchst bewegt.

KENT
Ich kenn Euch; wo ist der König?

RITTER
Im Kampf mit dem erzürnten Element.
Er heißt dem Sturm die Erde wehn ins Meer,
Oder die krause Flut das Land ertränken,
Daß alles sich auflöse und vergeh,
Rauft sich das weiße Haar, das wütge Windsbraut
Mit blindem Grimm erfaßt und macht zum Spott.
Er will in seiner kleinen Menschenwelt
Des Sturms und Regens Wettkampt übertrotzen.
In dieser Nacht, wo bei den Jungen gern
Die ausgesogne Bärin bleibt, der Löwe
Und hungergrimmige Wolf gern trocken halten
Ihr Fell, rennt er mit unbedecktem Haupt
Und heißt, was immer will, hinnehmen alles.

KENT
Doch wer ist mit ihm?

RITTER
Der Narr allein, der wegzuscherzen strebt
Sein herzerschütternd Leid.

KENT
                             Ich kenn Euch, Herr,
Und wag es auf die Bürgschaft meiner Kenntnis,
Euch Wichtiges zu vertraun. Es trennt ein Zwiespalt,
Wiewohl sie noch den Schein davon verhüllen
In gleicher List, Cornwall und Albany.
Sie haben, so wie jeder, den sein Stern
Erhob und krönte, Diener, treu zum Schein,
Die heimlich Frankreichs Späher sind und Wächter;
Die kennen unsern Zustand, alle Händel
Und Zänkerein der Fürsten, kennen auch
Das schwere Joch, das beide auferlegt
Dem alten König, ja noch tiefre Dinge,
Wozu vielleicht dies nur ein Vorspiel war -
Doch ists gewiß, von Frankreich kommt ein Heer
In dies zerrißne Reich, das klüglich unsre
Nachlässigkeit benutzend heimlich schon
In unsern besten Häfen fußt und bald
Sein Banner frei entfaltet. Nun für Euch:
Wagt Ihrs, so fest zu bauen auf mein Wort,
Daß Ihr nach Dover gleich enteilt, so findet
Ihr jemand, ders Euch dankt, erzählt Ihr treu,
Welch unnatürlich sinnverwirrend Leid
Des Königs Klage weckt.
Ich bin ein Edelmann von altem Blut,
Und weil ich Euch als zuverlässig kenne,
Vertrau ich Euch dies Amt.

RITTER
Ich möcht noch mehr Euch sprechen.

KENT
                                    Nein, das nicht -
Und zur Bestätigung, ich sei Größres als
Mein äußrer Schein, empfangt die Börs' und nehmt,
Was sie enthält. Wenn Ihr Cordelien seht -
Und daran zweifelt nicht -, zeigt ihr den Ring,
Und nennen wird sie Euch den Freund, des Namen
Euch jetzt noch unbekannt. - Hu, welch ein Sturm!
Ich will den König suchen.

RITTER
Gebt mir die Hand! Habt Ihr nicht mehr zu sagen?

KENT
Nicht viel, doch, in der Tat, das Wichtigste:
Dies, wenn den König wir gefunden - Ihr
Geht diesen Weg, ich jenen -, wer zuerst
Ihn antrifft, rufs dem andern zu.
Sie gehn nach verschiedenen Seiten ab.




ZWEITE SZENE

Eine andere Gegend auf der Heide


Fortdauernd Ungewitter. Es treten auf Lear und der Narr.

LEAR
Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast!
Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!
Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd
Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrich
Die Formen der Natur, tilg alle Keime,
Daraus der undankbare Mensch entsteht.

NARR
Ach, Gevatter, Hofweihwasser in einem trocknen Hause ist besser als dies Regenwasser draußen. Lieber Gevatter, hinein und bitt um deiner Töchter Segen; das ist 'ne Nacht, die sich weder des Weisen noch des Narren erbarmt.

LEAR
Rumple nur, was du kannst, spei Feur, flut Regen!
Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner sind meine Töchter;
Euch schelt ich grausam nicht, ihr Elemente,
Euch gab ich Kronen nicht, nannt euch nicht Kinder,
Euch bindet kein Gehorsam. Darum büßt
Die grause Lust: Hier steh ich, euer Sklav,
Ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet.
Und dennoch nenn ich knechtische Helfer euch,
Die ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern
Türmt eure hohen Schlachtreihn auf ein Haupt
So alt und weiß als dies. Oh, oh, 's ist schändlich!

NARR
Wer ein Haus hat, seinen Kopf hineinzustecken, der hat einen guten Kopflatz.

Wenn Hosenlatz will hausen,
Eh Kopf ein Dach geschafft,
Wird Kopf und Latz verlausen,
Solch Frein ist bettelhaft.
Und willst du deinen Zeh,
Du Tropf, zum Herzen machen,
Schreist übern Leichdorn weh,
Statt schlafen wirst du wachen.
- denn noch nie gabs eine hübsche Frau, die nicht Gesichter vorm Spiegel schnitt.
[Kent tritt auf. ]

LEAR
Nein! Ich will sein das Muster aller Langmut,
Ich will nichts sagen.
Kent tritt auf.

KENT
Wer da?

NARR
Nun, hier ist Seine Gnaden und ein Hosenlatz; das heißt ein Weiser und ein Narr.

KENT
Ach, seid Ihr hier, Mylord? Was sonst die Nacht liebt,
Liebt solche Nacht doch nicht; des Himmels Zorn
Scheucht selbst die Wanderer der Finsternis
In ihre Höhlen. Seit ich ward zum Mann,
Erlebt ich nimmer solchen Feuerguß,
Solch Krachen grausen Donners, solch Geheul
Des brülladen Regensturms: kein menschlich Wesen
Erträgt solch Leid und Graun.

LEAR
                                Jetzt, große Götter,
Die ihr so wild ob unsern Häuptern wettert,
Sucht eure Feinde auf: Zittre, du Frevler,
Auf dem verborgne Untat ruht, vom Richter
Noch ungestraft! Versteck dich, blutige Hand,
Meineidiger Schurk, und du, o Tugendheuchler,
Der in Blutschande lebt! Zerbrich in Stücke,
Lump, der im Mantel frommer Ehrbarkeit
Mord stiftete! Ihr tief verschloßnen Greuel,
Sprengt den verhüllnden Zwinger, fleht um Gnade
Die grausen Mahner! - Ich bin einer, den
Mehr Sünde schlug, als daß er sündigte.

KENT
O Gott, mit bloßem Haupt! -
Mein gnädiger Herr, nahbei ist eine Hütte;
Die bietet etwas Schutz doch vor dem Sturm;
Ruht dort, indes ich in dies harte Haus
- Weit härter als der Stein, aus dems erbaut,
Das eben jetzt, als ich nach Euch gefragt,
Mir schloß die Tür - zurückgeh und ertrotze
Ihr karges Mitleid.

LEAR
                      Mein Geist beginnt zu schwindeln. -
Wie gehts, mein Junge? Komm, mein Junge! Friert dich?
Mich selber friert. Wo ist die Streu, Kamrad?
Die Kunst der Not ist wundersam; sie macht
Selbst Schlechtes köstlich. Nun zu deiner Hütte. -
Du armer Schelm und Narr, mir blieb ein Stückchen
Vom Herzen noch, und das bedauert dich.

NARR
singt.

Wem der Witz nur schwach und gering bestellt,
Hop heisa bei Regen und Wind,
Der füge sich still in den Lauf der Welt,
Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.

LEAR
Wahr, lieber Junge. - Kommt, zeigt uns die Hütte!
[Geht ab. ] Lear und Kent gehen ab.

NARR
Das ist 'ne hübsche Nacht, um eine Buhlerin abzukühlen. Ich will eine Prophezeiung sprechen, eh ich gehe:

Wenn Priester Worte, nicht Werke häufen,
Wenn Brauer in Wasser ihr Malz ersäufen,
Wenn der Schneider den Junker Lehrer nennt,
Kein Ketzer mehr, nur der Buhler brennt,
Wenn Richter ohne Falsch und Tadel,
Wenn ohne Schulden Hof und Adel,
Wenn Zunge sich von Lästrung scheidet,
Der Beutelschneider Gedränge meidet,
Die Wuchrer ihr Gold im Freien beschaun,
Und Huren und Kuppler Kirchen baun,
Dann kommt das Reich von Albion
In große Verwirrung und Konfusion:
Dann kommt die Zeit, wer lebt, wirds sehn,
Wo's Brauch wird, mit den Füßen zu gehn.
Diese Prophezeiung wird Merlin machen, denn ich lebe vor seiner Zeit.
Ab.




DRITTE SZENE

Ein Zimmer in Glosters Schloß


Es treten auf Gloster und Edmund.

GLOSTER
O Gott! Edmund, dies unnatürliche Verhalten gefällt mir nicht. Als ich sie um Erlaubnis bat, mich seiner anzunehmen, da verboten sie mir den Gebrauch meines eignen Hauses, befahlen mir bei Strafe ihrer ewigen Ungnade, weder von ihm zu sprechen, noch für ihn zu bitten, noch ihn auf irgendeine Weise zu unterstützen.

EDMUND
Höchst grausam und unnatürlich!

GLOSTER
Nun, nun, sage nichts! Es ist ein Zwiespalt zwischen den beiden Herzogen, und Schlimmeres als das. Ich erhielt diesen Abend einen Brief - es ist gefährlich, davon zu reden; ich verschloß den Brief in meinem Kabinett. Die Kränkungen, die der König jetzt duldet, werden schwer geahndet werden! Ein Teil des Heeres ist schon gelandet, wir müssen mit dem König halten. Ich will ihn aufsuchen und ihn heimlich unterstützen. Geh du und unterhalte ein Gespräch mit dem Herzoge, damit er meine Teilnahme nicht bemerkt. Wenn er nach mir fragt, bin ich krank und zu Bett gegangen. Und sollte es mein Tod sein, wie mir denn nichts Geringeres gedroht ist: dem König, meinem alten Herrn, muß geholfen werden! Es sind seltsame Dinge im Werk, Edmund; ich bitte dich, sei behutsam.
Er geht ab.

EDMUND
Von deinem Freundschaftseifer, dem verbotnen,
Meld ich dem Herzog gleich, auch von dem Brief.
Dies scheint ein groß Verdienst und soll mir lohnen
Mit dem, was er verliert: den Gütern allen!
Die Jungen steigen, wenn die Alten fallen.
Ab.




VIERTE SZENE

Ein Teil der Heide mit einer Hütte. Fortdauernder Sturm


Es treten auf Lear, Kent und der Narr.

KENT
Hier ists, Mylord; o geht hinein, Mylord!
Die Tyrannei der offnen rauhen Nacht
Hält die Natur nicht aus.
[Fortdauernder Sturm. ]

LEAR
                                 Laß mich zufrieden!

KENT
Ich bitt Euch, kommt!

LEAR
                       Willst du das Herz mir brechen?

KENT
Mein eignes ehr. O geht hinein, mein König!

LEAR
Dir dünkt es hart, daß dieser wütende Sturm
Uns bis zur Haut durchdringt - so ist es dir;
Doch wo die größre Krankheit Sitz gefaßt,
Fühlt man die mindre kaum. Du fliehst den Bären,
Doch führte dich die Flucht zur brüllenden See,
Liefst du dem Bärn in'n Schlund. Ist frei der Geist,
Dann fühlt der Körper zart. Der Sturm im Geist
Raubt meinen Sinnen jegliches Gefühl,
Nur das bleibt, was hier wühlt - Undank des Kindes!
Als ob der Mund zerfleischte diese Hand,
Weil sie ihm Nahrung bot! Schwer will ich strafen!
Nicht will ich weinen mehr. In solcher Nacht
Mich auszusperrn! - Gieß fort; ich wills erdulden. -
In solcher Nacht, wie die! O Regan, Goneril!
Euren alten, guten Vater, des freies Herz
Euch alles gab - zum Wahnsinn führt der Weg -
Den laß mich meiden! Oh, nicht mehr davon!

KENT
Mein guter König, geht hinein!

LEAR
Bitt dich, geh du hinein, sorg für dich selbst!
Der Sturm verwehrt mir, Dingen nachzusinnen,
Die mehr mich schmerzen. Doch ich geh hinein,
zum Narren
Geh, Bursch, voran! - Du Armut ohne Dach -
Nun geh doch! Ich will beten und dann schlafen.
Der Narr geht in die Hütte.
Ihr armen Nackten, wo ihr immer seid,
Die ihr des tückischen Wetters Schläge duldet,
Wie soll eur schirmlos Haupt, hungernder Leib,
Der Lumpen offne Blöß euch Schutz verleihn
Vor Stürmen, so wie der? O daran dachte ich
Zu wenig sonst! - Nimm Arzenei, o Prunk!
Gib preis dich, fühl einmal, was Armut fühlt,
Daß deinen Überfluß du ihnen hinschüttst
Und rettest die Gerechtigkeit des Himmels!

EDGAR
drinnen.
Anderthalb Klafter! Anderthalb Klafter! Armer Tom!

NARR
indem er aus der Hütte läuft.
Geh nicht hinein, Gevatter! Hier ist ein Geist! Hülfe, Hülfe!

KENT
Gib mir die Hand! - Wer ist da?

NARR
Ein Geist, ein Geist! Er sagt, er heiße armer Tom.

KENT
Wer bist du, der im Stroh hier murmelt?
Komm her! -
Edgar erscheint im Aufzug eines Wahnsinnigen.

EDGAR
Weg, weg! Der böse Feind verfolgt mich!
Durch scharfen Hagedorn saust der kalte Wind.
Huh! Geh in dein kaltes Bett und wärme dich!

LEAR
Gabst du wohl alles deinen beiden Töchtern?
Und kamst du so herunter?

EDGAR
Wer gibt dem armen Tom was, den der böse Feind durch Feuer und durch Flammen geführt hat, durch Flut und Strudel, über Moor und Sumpf? Er hat ihm Messer unters Kissen gelegt und Schlingen unter seinen Stuhl; hat ihm Rattengift in die Suppe getan und ihm Hoffart eingegeben, auf einem braunen, trabenden Roß über vier Zoll breite Stege zu reiten und seinem eigenen Schatten wie einem Verräter nachzujagen. Gott schütze deine fünf Sinne! Tom friert.
[Vor Frost schaudernd. ]
O de de de de de! - Gott schütze dich vor Wirbelwinden, vor bösen Sternen und Seuchen! Gebt dem armen Tom ein Almosen, den der böse Feind heimsucht: Hier könnt ich ihn jetzt haben, und hier - und da - und hier wieder - und hier.
Immerwährend Ungewitter.

LEAR
Was, brachten ihn die Töchter in solch Elend?
Konntst du nichts retten? Gabst du alles hin?

NARR
Nein, er behielt eine Decke, sonst müßten wir uns alle schämen.

LEAR
Nun, jede Seuche, die die Luft zur Strafe
Der Sünder herbergt, stürz auf deine Töchter!

KENT
Herr, er hat keine Töchter!

LEAR
Ha, Tod, Rebell! Nichts beugte die Natur
Zu solcher Schmach, als undankbare Töchter. -
Ists Mode jetzt, daß weggejagte Väter
So wüten müssen an dem eignen Fleisch?
Sinnreiche Strafe! Zeugte doch dies Fleisch
Diese Pelikan-Töchter.

EDGAR

Pillikok saß auf Pillikoks Berg:
Hallo, hallo, hallo!

NARR
Diese kalte Nacht wird uns alle zu Narren und Tollen machen.

EDGAR
Hüte dich vor dem bösen Feind! Gehorche deinen Eltern, halt dein Wort, fluche nicht, verführe nicht deines Nächsten angetraute Ehefrau; hänge dein Herz nicht an eitle Pracht! - Tom friert!

LEAR
Was bist du gewesen?

EDGAR
Ein Verliebter, stolz an Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte, Handschuh an seiner Kappe trug, den Lüsten seiner Gebieterin frönte und das Werk der Finsternis mit ihr trieb. Ich schwur so viele Eide, als ich Worte redete, und brach sie im holden Angesicht des Himmels; schlief ein in Gedanken der Wollust und erwachte, sie auszuführen; den Wein liebte ich kräftig, die Würfel heftig, und mit den Weibern übertraf ich den Großtürken; falsch von Herz, leicht von Ohr, blutig von Hand; Schwein in Faulheit, Fuchs im Stehlen, Wolf in Gier, Hund in Tollheit, Löwe in Raubsucht. Laß nicht das Knarren der Schuhe noch das Rascheln der Seide dein armes Herz den Weibern verraten. Halte deinen Fuß fern von Bordellen, deine Hand von Schürzen, deine Feder von Schuldbüchern und trotze dem bösen Feind! Immer noch durch den Hagdorn saust der kalte Wind; ruft Summ, Mum, Hei no nonni - Dauphin, mein Junge, heißa! Laß ihn vorbei.
Anhaltendes Ungewitter.

LEAR
Nun, dir wäre besser in deinem Grabe, als so mit unbedecktem Leib dieser Wut der Lüfte begegnen. Ist der Mensch nicht mehr als das? - Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, dem Tier kein Fell, dem Schaf keine Wolle, der Katze keinen Bisam. Ha, drei von uns sind überkünstelt: du bist das Ding selbst; der natürliche Mensch ist nichts mehr als solch ein armes, nacktes, zweizinkiges Tier wie du. Fort, fort, ihr Zutaten! - Kommt, knöpft mich auf!
Er reißt sich die Kleider ab.

NARR
Ich bitt dich, Gevatter, laß gut sein; das ist eine garstige Nacht zum Schwimmen. Jetzt wär ein kleines Feuer auf einer wüsten Heide wie eines alten Buhlers Herz; ein kleiner Funke, und der ganze übrige Körper kalt. Seht, hier kommt ein wandelndes Feuer.

EDGAR
Das ist der böse Feind Flibbertigibbet; er kommt mit der Abendglocke und geht um bis zum ersten Hahnenschrei; er bringt den Star, macht das Auge schielend und schickt Hasenscharten, verschrumpft den weißen Weizen und quält die arme Kreatur auf Erden:

Sankt Withold alt dreimal auftrat,
Nachtmahr selbneunt auf seinem Pfad
Hielt er an
Und nahm in Bann.
Und trolle dich, Hexe, troll dich!

KENT
Wie gehts, mein König?
Gloster kommt mit einer Fackel.

LEAR
Wer ist der?

KENT
               Wer da? Wen sucht Ihr?

GLOSTER
Wer seid Ihr? Eure Namen?

EDGAR
Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Unke, den Kellermolch und den Wassermolch; der in der Wut seines Herzens, wenn der böse Feind tobt, Kuhmist für Salat ißt, die alte Ratte verschlingt und den toten Hund, den grünen Mantel des stehenden Pfuhls trinkt, gepeitscht wird von Kirchspiel zu Kirchspiel und in die Eisen gesteckt, gestäupt und eingekerkert, der drei Kleider hatte für seinen Rücken, sechs Hemden für seinen Leib,

Zum Reiten ein Pferd, zum Tragen ein Schwert: -
Doch Mäus und Ratten und solch Getier
Aß Tom sieben Jahr lang für und für.
Hütet euch vor meinem Verfolger! Still, Smolkin, still, du böser Feind!

GLOSTER
Wie, gnädger Herr! Nicht bessere Gesellschaft?

EDGAR
Der Fürst der Finsternis ist ein Edelmann, Modo heißt er und Mahu.

GLOSTER
Ach, unser Fleisch und Blut, Herr, ward so schlecht,
Daß es die haßt, die es erzeugt.

EDGAR
                                  Tom friert!

GLOSTER
Kommt mit mir, meine Treu erträgt es nicht,
Zu folgen Eurer Töchter hartem Willen;
Befahlen sie mir gleich, die Tür zu schließen,
Auch preiszugeben der tyrannischen Nacht:
Doch hab ich es gewagt, Euch auszuspähn.
Und führ Euch hin, wo Mahl bereit und Feuer.

LEAR
Erst red ich noch mit diesem Philosophen:
Woher entsteht der Donner?

KENT
Mein teurer Herr! Nehmt seinen Vorschlag an,
Geht in das Haus!

LEAR
Ein Wort mit diesem kundigen Thebaner:
Was ist dein Studium?

EDGAR
Den Teufel fliehn und Ungeziefer töten.

LEAR
Ein Wort mit Euch noch insgeheim.

KENT
Drängt ihn noch einmal, mitzugehn, Mylord!
[Das Ungewitter dauert fort. ]
Sein Geist beginnt zu schwärmen.

GLOSTER
                                  Kannst du's tadeln?
Die Töchter suchen seinen Tod. Das sagte
Voraus der gute Kent, der arme Flüchtling!
Du fürchtst, der König wird verrückt; glaub mir,
Fast bin ichs auch; ich hatte einen Sohn,
Verstoßen jetzt, er stand mir nach dem Leben
Erst neulich, eben jetzt. Ich liebt ihn, Freund,
Mehr liebt kein Vater je; ich sage dir,
Der Sturm dauert fort.
Der Gram zerstört den Geist mir. - Welche Nacht!
Ich bitte Eure Hoheit -

LEAR
                         O verzeiht mir, Herr! -
Mein edler Philosoph, begleitet uns!

EDGAR
Tom friert.

GLOSTER
Hinein, Bursch, in die Hütte, halt dich warm!

LEAR
Kommt all hinein!

KENT
                    Hierher, Mylord!

LEAR
                                       Mit ihm;
Ich bleibe noch mit meinem Philosophen.

KENT
Willfahrt ihm, Herr, gebt ihm den Burschen mit!

GLOSTER
So nehmt ihn mit!

KENT
                    Du folg uns, komm mit uns!

LEAR
Komm, mein Athener!

GLOSTER
                      Nicht viel Worte, still!

EDGAR

Herr Roland kam zum finstern Turm.
Sein Wort war nur: Pfui, brr und puh,
Ich wittre, wittre Britenblut.
Sie gehen alle ab.




FÜNFTE SZENE

Ein Zimmer in Glosters Schloß


Es treten auf Cornwall und Edmund.

CORNWALL
Ich will Rache an ihm, eh ich sein Haus verlasse.

EDMUND
Mylord, wie man mich tadeln wird, daß ich so die Natur meinem Diensteifer geopfert, daran denk ich mit Schaudern.

CORNWALL
Ich sehe nun ein, daß Euer Bruder nicht so ganz aus bösem Trieb seinen Tod suchte, vielmehr aus einem verdienstvollen, der durch die verdammenswerte Schlechtigkeit des Alten erregt wurde.

EDMUND
Wie heimtückisch ist mein Schicksal, daß ich bejammern muß, gerecht zu sein! Hier ist der Brief, von dem er sprach, aus dem hervorgeht, daß er ein geheimer Anhänger der französischen Partei ist. O Himmel! daß dieser Verrat nicht wäre, oder ich nicht der Entdecker!

CORNWALL
Kommt mit mir zur Herzogin!

EDMUND
Wenn der Inhalt dieses Briefes wahr ist, so habt Ihr wichtige Dinge zu erledigen.

CORNWALL
Wahr oder falsch, er hat dich zum Grafen von Gloster gemacht. Suche deinen Vater auf, daß er gleich zur Rechenschaft gezogen werde!

EDMUND
beiseit.
Finde ich ihn beschäftigt, dem König beizustehn, so wird das den Argwohn noch verstärken.
Laut.
Ich will in meiner Treue fortfahren, wie schmerzlich auch der Kampf zwischen mir und meinem Herzen ist.

CORNWALL
Du sollst mein Vertrauen besitzen und in meiner Liebe einen bessern Vater finden.
Sie gehn ab.




SECHSTE SZENE

[In einer Hütte ] Eine Kammer in einem an das Schloß angrenzenden Bauernhaus.


[Kent und ] Gloster , Lear, Kent, Narr und Edgar treten ein.

GLOSTER
Hier ists besser als in der freien Luft; nehmt es dankbar an; ich werde zu Eurer Bequemlichkeit hier hinzufügen, was ich vermag; gleich bin ich wieder bei Euch.

KENT
Alle Kraft seines Geistes ist seiner Ungeduld gewichen. Die Götter lohnen Euch Eure Freundlichkeit!
Gloster geht ab. [Lear, Edgar und der Narr kommen herein. ]

EDGAR
Frateretto ruft mir und sagt, Nero fische im Pfuhl der Finsternis.
[Zum Narren ]
Bete, du Unschuldiger, und hüte dich vor dem bösen Feind!

NARR
Bitt dich, Gevatter, sag mir, ist ein toller Mann ein Edelmann oder ein Bürgersmann?

LEAR
Ein König, ein König!

NARR
Nein, 's ist ein Bürgersmann, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn der ist ein wahnsinniger Bürgersmann, der seinen Sohn früher als sich zum Edelmann werden sieht.

LEAR
Daß ihrer Tausend mit rotglühnden Spießen
Laut zischend auf sie stürzten!

EDGAR
Der böse Feind beißt mich im Rücken.

NARR
Der ist toll, der auf die Zahmheit eines Wolfs baut, auf die Gesundheit eines Pferdes, eines Knaben Liebe oder einer Hure Schwur.

LEAR
Es soll geschehn, gleich sprech ich euer Urteil.
Zu Edgar.
Komm, setz dich her, du hochgelehrter Richter!
Zum Narren.
Du weiser Herr, sitz hier! - Nun, ihr Wölfinnen -

EDGAR
Sieh, wie er steht und glotzt! Habt Ihr keine Augen vor Gericht, schöne Dame?

Komm übern Bach, mein Liesel, zu mir.

NARR

Ihr Kahn ist nicht dicht,
Doch sagt sie dirs nicht,
Warum sie nicht rüber darf zu dir.

EDGAR
Der böse Feind verfolgt den armen Tom mit der Stimme der Nachtigall. Hoptanz schreit in Toms Bauch nach zwei Heringen. Krächze nicht, schwarzer Engel! Ich habe kein Futter für dich.

KENT
Nun, bester Herr? O steht nicht so betäubt!
Wollt Ihr Euch legen, auf den Kissen ruhn?

LEAR
Erst das Verhör. Bringt mir die Zeugen her!
Zu Edgar.
Du, Ratsherr im Talar, nimm deinen Platz!
Zum Narren.
Und du, sein Amtsgenoß der Richterwürde,
Sitz ihm zur Seite!
Zu Kent.
                     Ihr seid auch Geschworner,
Setzt Euch gleichfalls!

EDGAR
                          Laßt uns gerecht verfahren.

Schläfst oder wachst du, artiger Schäfer?
Deine Schafe im Korne gehn,
Und flötet nur einmal dein niedlicher Mund,
Deinen Schafen kein Leid soll geschehn.
Purr, die Katz ist grau.

LEAR
Sprecht über die zuerst: 's ist Goneril. Ich schwöre hier vor dieser ehrenwerten Versammlung, sie hat den armen König, ihren Vater, mit Füßen getreten.

NARR
Kommt, Lady! Ist Euer Name Goneril?

LEAR
Sie kanns nicht leugnen.

NARR
Verzeiht, ich hielt Euch für einen Sessel.

LEAR
Und hier noch eine, deren scheeler Blick
Ihr finstres Herz verrät. O haltet fest!
He! Waffen, Waffen, Feuer, Schwert! - Bestechung!
Du falscher Richter, läßt du sie entfliehn?

EDGAR
Gott erhalte dir deine fünf Sinne!

KENT
O Jammer! - Herr, wo ist denn nun die Fassung,
Die Ihr so oft Euch rühmtet zu bewahren?

EDGAR
beiseit.
Meine Tränen nehmen so Partei für ihn,
Daß sie mein Spiel verderben.

LEAR
Die kleinen Hunde, seht,
Spitz, Mops, Blandine, alle belln mich an.

EDGAR
Tom wird seinen Kopf nach ihnen werfen. Hinaus mit euch, ihr Kläffer!

Sei dein Maul schwarz oder weiß,
Sei's von giftigem Geifer heiß,
Windspiel, Bullenbeißer, Jagdhund,
Bracke, Pudel, Dogg und Schlachthund,
Lang- und Stumpfschwanz, all ihr Köter,
Hört ihr Tom, so schreit ihr Zeter,
Denn werf ich so den Kopf nach euch,
Rennt ihr und springt in Graben und Teich.
Du di du di, Sessa! - Kommt auf die Kirmes und den Jahrmarkt! - Armer Tom, dein Horn ist trocken.

LEAR
Nun laßt sie Regan anatomieren und sehn, was an ihrem Herzen wuchert. Gibts irgendeine Ursach in der Natur, die solche harten Herzen hervorbringt? -
Zu Edgar.
Euch, Herr, halte ich als einen meiner Hundert; nur gefällt mir der Schnitt Eures Habits nicht. Ihr werdet sagen, es sei persische Tracht; aber laßt es ändern!

KENT
Nun, teurer Herr, ruht hier und schlaft ein Weilchen.

LEAR
Macht keinen Lärm, macht keinen Lärm; zieht den Vorhang zu. So, so, so; wir wollen zur Abendtafel morgen früh gehn; [so,so,so ].

NARR
Und ich will am Mittag zu Bett gehn.
Gloster kommt zurück.

GLOSTER
Komm her, Freund, sag, wo ist mein Herr, der König?

KENT
Hier, Herr! Doch stört ihn nicht, er ist von Sinnen.

GLOSTER
Du guter Mann, nimm ihn in deine Arme;
Von einem Anschlag, ihn zu töten, hört ich.
Ich hab 'ne Sänfte, leg ihn da hinein,
Und rasch nach Dover, wo du finden wirst
Schutz und Willkommen. Eil und nimm ihn auf; -
Säumst du 'ne halbe Stunde nur, so ist
Sein Leben, deins und aller, die ihn schützen,
Verloren ohne Rettung: fort denn, fort!
Und folge mir; ich schaffe, dich zu schützen,
Ein schnell Geleit.

KENT
                     Schläfst du, erschöpfte Kraft?
Ein Balsam wärs für dein zerrißnes Leben,
Das, ist dir solche Lindrung nicht vergönnt,
Wohl schwer gesundet. -
[Zum Narren. ]
                         Komm, hilf deinem Herrn,
Zum Narren.
Du darfst zurück nicht bleiben.

GLOSTER
                                 Kommt, hinweg!
Kent, Gloster und der Narr tragen den König fort. [Edgar bleibt allein. ]

EDGAR
Sehn wir den Größern tragen unsern Schmerz,
Kaum rührt das eigne Leid noch unser Herz.
Wer einsam duldet, fühlt die tiefste Pein,
Fern jeder Lust, trägt er den Schmerz allein;
Doch kann das Herz viel Leiden überwinden,
Wenn sich zur Qual und Not Genossen finden.
Mein Unglück dünkt mir leicht und minder scharf,
Da, was mich beugt, den König niederwarf;
Er kind-, ich vaterlos. Nun, Tom, wohlan,
Merk auf den Sturm der Zeit; erschein erst dann,
Wenn die Verleumdung, deren Schmach dich peinigt,
Beschämt durch Prüfung, deinen Namen reinigt. -
Entkommt der König, mag in dieser Nacht
Geschehn, was sonst will. Doch gib acht, gib acht!
Geht ab.




SIEBENTE SZENE

Ein Zimmer in Glosters Schloß


Es treten auf Cornwall, Regan, Goneril, Edmund und Bediente.

CORNWALL
Eilt sogleich zu Mylord, Eurem Gemahl; zeigt ihm diesen Brief: die französische Armee ist gelandet! - Geht, sucht den Schurken Gloster.
Einige Bediente gehn ab.

REGAN
Hängt ihn ohne weiteres!

GONERIL
Reißt ihm die Augen aus!

CORNWALL
Überlaßt ihn meinem Unwillen! Edmund, leistet Ihr unsrer Schwester Gesellschaft; die Rache, die wir an Eurem verräterischen Vater zu nehmen gezwungen sind, verträgt Eure Gegenwart nicht wohl. - Ermahnt den Herzog, wenn Ihr zu ihm kommt, zur schleunigsten Rüstung; wir verpflichten uns gleichfalls dazu. Unsre Boten sollen schnell sein und das Verständnis zwischen uns erhalten. Lebt wohl, liebe Schwester - lebt wohl, Mylord von Gloster!
Haushofmeister tritt auf.

CORNWALL
Nun, wo ist der König?

HAUSHOFMEISTER
Mylord von Gloster hat ihn fortgeführt.
Fünf- oder sechsunddreißig seiner Ritter,
Ihn eifrig suchend, trafen ihn am Tor
Und ziehn, nebst andern von des Lords Vasallen,
Mit ihm nach Dover, wo, so prahlen sie,
In Waffen steht ihr Anhang.

CORNWALL
                             Schafft der Herrin
Die Pferde!

GONERIL
             So lebt wohl, Mylord und Schwester!
[Goneril, Edmund und der Haushofmeister gehn ab. ]

CORNWALL
Edmund, leb wohl! -
Goneril, Edmund und Oswald gehn ab.
                     Sucht den Verräter Gloster,
Bindet wie einen Dieb ihn, führt ihn her!
Weitere Bediente gehen ab.
Obgleich wir ihm nicht wohl ans Leben können
Ohn alle Rechtsform, soll doch unsre Macht
Willfahren unserm Zorn, was man zwar tadeln,
Jedoch nicht hindern kann. - Ists der Verräter?
Bediente kommen mit Gloster.

REGAN
Der undankbare Fuchs! Er ists.

CORNWALL
Bind't ihm die welken Arme.

GLOSTER
Was meint Eur Hoheit? Freunde, denkt, ihr seid
Hier meine Gäste; frevelt nicht an mir!

CORNWALL
Bind't ihn!
Gloster wird gebunden.

REGAN
             Fest! Fest! O schändlicher Verräter!

GLOSTER
Du unbarmherzge Frau, das war ich nie.

CORNWALL
Bind't ihn an diesen Stuhl: Schuft, du sollst sehn -
Regan zupft ihn am Barte.

GLOSTER
Beim gütigen Himmel, das ist höchst unedel,
Zu raufen meinen Bart!

REGAN
So weiß, und solch Verräter!

GLOSTER
                             Böse Frau,
Dies Haar, das du entreißest meinem Kinn,
Verklag dich droben einst! Ich bin Eur Wirt;
Ihr solltet nicht mit Räuberhand mißhandeln
Mein gastlich Angesicht. Was wollt Ihr tun?

CORNWALL
Sprecht, was für Briefe schrieb man Euch aus Frankreich?

REGAN
Antwortet schlicht, wir wissen schon die Wahrheit.

CORNWALL
Und welchen Bund habt Ihr mit den Verrätern,
Die jetzt gelandet sind?

REGAN
In wessen Hand gabt Ihr den tollen König?
Sprecht!

GLOSTER
Einen Brief erhielt ich voll Vermutung,
Von jemand, der zu keiner Seite neigt,
Und der nicht feindlich ist.

CORNWALL
                              Ausflucht!

REGAN
                                           Und falsch!

CORNWALL
Wo sandtest du den König hin?

GLOSTER
                                Nach Dover.

REGAN
Warum nach Dover? War dir nicht gedroht -

CORNWALL
Warum nach Dover? Erst erklär er das.

GLOSTER
Am Pfahle fest muß ich die Hatz erdulden.

REGAN
Warum nach Dover?

GLOSTER
Weil ich nicht wollte sehn, wie deine Nägel
Ausrissen seine armen, alten Augen,
Noch wie die unbarmherzge Goneril
In sein gesalbtes Fleisch die Hauer schlage!
Die See, in solchem Sturm, wie er ihn barhaupt
In höllenfinstrer Nacht erduldet, hätte
Sich aufgebäumt, verlöscht die ewigen Lichter.
Doch armes altes Herz, er half
Dem Himmel regnen. Wenn ein Wolf geheult
In jener grausen Nacht an deinem Tor,
Du hältst gerufen: Pförtner, tu doch auf!
Wer grausam sonst, ward mild. Doch seh ich noch
Geflügelte Rach ereilen solche Kinder.

CORNWALL
Sehn wirst du's nimmer! Halte fest den Stuhl,
Auf deine Augen setz ich meinen Fuß.
Gloster wird auf seinem Stuhl festgehalten, während Cornwall ihm eines seiner Augen ausreißt und zertritt.

GLOSTER
Wer noch das Alter zu erleben hofft,
Der steh mir bei! - O grausam! O ihr Götter!

REGAN
Eins wird das andre höhnen; jenes auch!

CORNWALL
Siehst du nun Rache?

BEDIENTER
                       Haltet ein, Mylord!
Seit meiner Kindheit hab ich Euch gedient,
Doch bessern Dienst erwies ich Euch noch nie,
Als jetzt Euch Halt zu rufen.

REGAN
                               Was, du Hund?

ERSTER DIENER
Wenn Ihr 'nen Bart am Kinn trügt, zaust ich ihn
Bei solchem Streit; was habt Ihr vor?

CORNWALL
                                       Mein Knecht?
Er zieht den Degen und geht auf ihn los.

ERSTER DIENER
Nun, dann nehmt hin, was Wut und Zufall bringen.
Zieht. Sie fechten; Cornwall wird verwundet.

REGAN
zu einem anderen Bedienten.
Gib mir dein Schwert; lehnt sich ein Bauer auf?
Ergreift das Schwert, Sie durchsticht ihn von hinten.

ERSTER DIENER
Oh, ich bin hin! Mylord, Euch blieb ein Auge,
Die Straf an ihm zu sehen. - Oh!
Er stirbt.

CORNWALL
Dafür ist Rat: Heraus, du schnöder Gallert! -
Wo ist dein Glanz nun?
Reißt Glosters anderes Auge aus und wirft es zu Boden.

GLOSTER
                        Alles Nacht und trostlos.
Wo ist mein Sohn Edmund?
Edmund, schür alle Funken der Natur,
Und räche diesen Greul.

REGAN
                         Ha, falscher Schurke,
Du rufst den, der dich haßt; er selber wars,
Der deinen Hochverrat entdeckt; er ist
Zu gut, dich zu bedauern.

GLOSTER
                           O mein Wahnsinn!
Dann tat ich Edgar unrecht! -
Götter, vergebt mir das und segnet ihn!

REGAN
Fort, werft ihn aus dem Tor, dann mag er riechen
Den Weg nach Dover. - Wie ist Euch, Herr? Wie gehts?
[Gloster wird weggebracht. ]

CORNWALL
Er schlug mir eine Wunde. - Folgt mir, Lady! -
Hinaus den blinden Schurken! Diesen Hund
Werft auf den Mist! - Regan, ich blute stark;
Dies kommt zur Unzeit. Gib mir deinen Arm!
Regan führt Cornwall ab. Bediente binden Gloster los und führen ihn hinaus.

[ERSTER ] ZWEITER DIENER
Ich achte nicht, was ich für Sünde tu,
Wenns dem noch wohl geht.

[ZWEITER ] DRITTER DIENER
                           Lebt sie lange noch
Und endigt leichten Tods nach altem Brauch,
So werden alle Weiber Ungeheuer.

[ERSTER ] ZWEITER DIENER
Ihm nach, dem alten Grafen; schafft den Tollen,
Daß er ihn führen mag; sein Bettler-Wahnsinn
Läßt sich zu allem brauchen.

[ZWEITER ] DRITTER DIENER
Geh nur, ich will ihm Flachs und Eiweiß holen,
Es auf sein blutiges Gesicht zu legen.
Der Himmel helf ihm!
Sie gehn ab nach verschiednen Seiten.






VIERTER AKT

ERSTE SZENE

Freies Feld


Edgar tritt auf.

EDGAR
Doch besser so und sich verachtet wissen,
Als stets verachtet und geschmeichelt sein.
Wenn man ganz elend ist, das niedrigste,
Vom Glück vollkommen ausgestoßne Wesen,
Lebt man in Hoffnung noch und nicht in Furcht.
Beweinenswerter Wechsel trifft nur Bestes,
Das Schlimmste kehrt zum Lachen. Drum willkommen,
Du wesenlose Luft, die ich umfasse!
Der Ärmste, den du warfst ins tiefste Elend,
Fragt nichts nach deinen Stürmen. - Doch wer kommt hier?
Gloster von einem alten Manne geführt.
Mein Vater, bettlergleich, geführt? Welt, Welt, o Welt!
Lehrt' uns dein seltsam Wechseln dich nicht hassen,
Das Leben beugte nimmer sich dem Alter.

ALTER MANN
O lieber, gnädiger Herr, ich war Euer Pächter und Eures Vaters Pächter an die achtzig Jahre.

GLOSTER
Geh deines Wegs, verlaß mich, guter Alter!
Dein Beistand kann mir doch nicht nützlich sein;
Dir möcht er schaden.

ALTER MANN
Ach Herr, Ihr könnt ja Euren Weg nicht sehn.

GLOSTER
Ich habe keinen, brauch drum keine Augen.
Ich strauchelt, als ich sah. Oft zeigt es sich,
Besitz macht sorglos, und Entbehrung erst
Gedeiht zur Hülfe. O mein Sohn, mein Edgar,
Den des betrognen Vaters Zorn vernichtet!
Erlebt ich noch, umarmend dich zu sehn,
Dann spräch ich, wieder hab ich Augen!

ALTER MANN
                                         Wer da?

EDGAR
beiseit.
Gott, wer darf sagen: Schlimmer kanns nicht werden?
's ist schlimmer nun als je.

ALTER MANN
                               Der tolle Tom!

EDGAR
beiseit.
Und kann noch schlimmer gehn; 's ist nicht das Schlimmste,
Solang man sagen kann: dies ist das Schlimmste.

ALTER MANN
Wo willst du hin. Gesell?

GLOSTER
                           Ist es ein Bettler?

ALTER MANN
Ein Toller und ein Bettler.

GLOSTER
Er hat Vernunft noch, sonst könnt er nicht betteln.
Im letzten Nachtsturm sah ich solchen Wicht,
Und für 'nen Wurm mußt ich den Menschen halten;
Da kam mein Sohn mir ins Gemüt, und doch
War mein Gemüt ihm damals kaum befreundet.
Seitdem erfuhr ich mehr: Was Fliegen sind
Den müßigen Knaben, das sind wir den Göttern;
Sie töten uns zum Spaß.

EDGAR
beiseit.
                          Ist mirs denn möglich?
Ein schlecht Gewerb, beim Gram den Narren spielen;
Sich selbst und andern wehtun. -
Laut.
                                  Grüß Euch Gott.

GLOSTER
Ist das der nackte Bursch?

ALTER MANN
                             Ja, gnädger Herr.

GLOSTER
Dann geh, mein Freund! Willst du uns wieder treffen,
Ein, zwei, drei Meilen weiter auf der Straße
Nach Dover zu, so tu's aus alter Liebe
Und bring 'ne Hülle für die nackte Seele;
Er soll mich führen.

ALTER MANN
                           Ach, er ist ja toll!

GLOSTER
's ist Fluch der Zeit, daß Tolle Blinde führen!
Tu, was ich bat, oder auch was du willst;
Vor allem geh!

ALTER MANN
Den besten Anzug hol ich, den ich habe,
Entstehe draus, was mag.
Er geht ab.

GLOSTER
               Hör, nackter Bursch!

EDGAR
Der arme Tom friert.
Beiseit.
Ich halte mich nicht länger!

GLOSTER
Komm her. Gesell!

EDGAR
beiseit.
                   Und doch, ich muß.
Laut.
Gott schütz die lieben Augen dir, sie bluten.

GLOSTER
Weißt du den Weg nach Dover?

EDGAR
Steg und Hecken, Fahrweg und Fußpfad. Der arme Tom ist um seine gesunden Sinne gekommen. Gott schütze dich, du gutes Menschenkind, vorm bösen Feind! Fünf Teufel waren zugleich im armen Tom: der Geist der Lust, Obidikut; Hoptanz, der Fürst der Stummheit; Mahu, des Stehlens; Modu, des Mords; und Flibbertigibbet, der Grimassenteufel, der seitdem in die Zofen und Stubenmädchen gefahren ist. Gott helfe dir, Herr!

GLOSTER
Hier nimm die Börse, du, den Zorn des Himmels
Zu jedem Fluch gebeugt; daß ich im Elend,
Macht dich beglückter. - Recht, ihr Götter! Laßt
Den Überfluß- und lustgesättigten Mann,
Der Eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,
Weil er nicht fühlt, stets Eure Macht schnell fühlen:
Verteilung tilgte dann das Übermaß
Und jeder hätt genug. - Sag, weißt du Dover?

EDGAR
Ja, Herr!

GLOSTER
Dort ist ein Fels, des hohe, steile Klippe
Furchtbar hinabschaut in die jähe Tiefe.
Bring mich nur hin an seinen letzten Rand,
Und lindern will ich deines Elends Bürde
Mit einem Kleinod. Von dem Ort bedarf
Ich keines Führers mehr.

EDGAR
                           Gib mir den Arm,
Tom will dich führen.
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Vor dem Schloß des Herzogs von Albany


Es treten auf Goneril und Edmund, von der andern Seite der Haushofmeister.

GONERIL
Mylord, willkommen!
Mich wundert, daß mein sonst liebreicher Mann
Uns nicht entgegenkam. -
[Zum Haushofmeister. ]
                          Wo ist dein Herr?

HAUSHOFMEISTER
Drin, gnädige Frau; doch ganz und gar verändert.
Ich sagt ihm von dem Heer, das jüngst gelandet,
Da lächelt er; ich sagt ihm, daß Ihr kämt,
Er rief: So schlimmer! Als ich drauf berichtet
Von Glosters Hochverrat und seines Sohnes
Getreuem Dienst, schalt er mich einen Dummkopf
Und sprach, daß ich verkehrt die Sache nähme,
Was ihm mißfallen sollte, scheint ihm lieb,
Was ihm gefallen, leid.

GONERIL
zu Edmund.
                          Dann geht nicht weiter;
's ist die verzagte Feigheit seines Geists,
Die nicht zu handeln wagt; kein Unrecht rührt ihn,
Soll er die Spitze bieten. Unser Wunsch
Von unterwegs kann in Erfüllung gehn.
Eilt denn zurück zu meinem Schwager, Edmund,
Beschleunigt seine Rüstung, führt sein Heer;
Ich muß hier Waffen wechseln und die Kunkel
Dem Manne geben. Dieser treue Diener
Soll unser Bote sein; bald hört Ihr wohl,
Wenn Ihr zu Eurem Vorteil wagen wollt,
Was Eure Dame wünscht. Tragt dies; kein Wort!
Neigt Euer Haupt! - Der Kuß, dürft er nur reden,
Erhöbe dir den Mut in alle Lüfte.
Versteh mich und leb wohl!

EDMUND
Dein in den Reihn des Tods.
Er geht ab.

GONERIL
                              Mein teurer Gloster!
O welch ein Abstand zwischen Mann und Mann!
Ja, dir gebührt des Weibes Gunst; mein Narr
Besitzt mich wider Recht.

HAUSHOFMEISTER
Der Herzog, gnädige Frau!
Haushofmeister geht ab. Albany tritt auf.

GONERIL
Sonst war ich einen Hundepfiff doch wert!

ALBANY
O Goneril,
Du bist den Staub nicht wert, den dir der Wind
Ins Antlitz weht. Mir graut vor deinem Herzen:
Ein Wesen, das verachtet seinen Stamm,
Kann nicht begrenzt sein sicher in sich selbst.
Ein Zweig, der von dem mütterlichen Baumsaft
Sich abschließt, welkt gewiß und dient nur noch
Tödlichem Hexenwerk.

GONERIL
Nicht mehr, der Text ist albern.

ALBANY
Weisheit und Tugend scheint dem Schlechten schlecht;
Schmutz riecht sich selbst nur gut. Was tatet ihr?
Tiger, nicht Töchter, was habt ihr verübt?
Ein Vater, und ein gütiger alter Mann,
Den wohl der zottge Bär in Ehrfurcht leckte
- O Schmach! O Schandtat! -, fiel durch euch in Wahnsinn!
Und litt mein edler Schwager solche Tat,
Ein Mann, ein Fürst, der ihm so viel verdankt?
Schickt nicht der Himmel sichtbar seine Geister
Alsbald herab, zu zügeln diese Greuel,
Muß Menschheit an sich selbst zum Raubtier werden,
Wie Meeresungeheuer.

GONERIL
                      Milchherziger Mann,
Der Wangen hat für Schläg, ein Haupt für Schimpf,
Dem nicht ein Auge ward, zu unterscheiden,
Was Ehre sei, was Kränkung, der nicht weiß,
Daß Toren nur den Schuft bedauern, der
Bestraft ward, eh er fehlt. - Was schweigt die Trommel?
Frankreichs Panier weht hier im stillen Land,
Mit stolzem Helmbusch droht dein Mörder schon,
Und du, ein Tugendnarr, bleibst still und stöhnst:
Ach, warum tut er das?

ALBANY
                        Schau auf dich, Teufel;
Die wahre Häßlichkeit ist nicht am Satan
So grauenvoll als am Weib.

GONERIL
                             Nichtiger Tor!

ALBANY
Verwandeltes, verstelltes Wesen du!
Schäm dich, so scheußlich zu erscheinen. Wär nur,
Daß diese Hand dem Blut gehorchte, ziemlich,
Sie möchte leicht zerreißen dir und trennen
Fleisch und Gebein! Wie sehr du Teufel bist,
Die Weibsgestalt beschützt dich.

GONERIL
Ei, welche Mannheit nun!
Ein Bote tritt auf.

ALBANY
                           Was bringst du Neues?

BOTE
O gnädger Herr, tot ist der Herzog Cornwall;
Ihn schlug sein Knecht, als er ausreißen wollte
Graf Glosters zweites Auge.

ALBANY
                              Glosters Augen?

BOTE
Ein Knecht, den er erzog, gereizt von Mitleid,
Die Tat zu hindern, zückte seinen Degen
Auf seinen großen Herrn, der, drob ergrimmt,
Ihn rasch mit andrer Hülfe niederstieß.
Doch traf ihn schon der Todesstreich, der jetzt
Ihn nachgeholt.

ALBANY
                  Das zeigt, ihr waltet droben,
Ihr Richter, die so schnell der Erde Frevel
Bestrafen könnt. Doch, o du armer Gloster!
Verlor er beide Augen?

BOTE
                        Beide, Herr! -
Der Brief, Mylady, fordert schnelle Antwort.
Er kommt von Eurer Schwester.

GONERIL
beiseit.
                               Halb gefällts mir;
Doch da sie Witwe und bei ihr mein Gloster,
Könnt all der luftige Bau zusammenstürzen
Auf mein verhaßtes Leben. Wiederum,
Die Post ist nicht so übel. Ich will lesen
Und Antwort senden.
Sie geht ab.

ALBANY
Wo war sein Sohn, als sie ihn blendeten?

BOTE
Er kam mit Eurer Gattin.

ALBANY
                          Er ist nicht hier.

BOTE
Mein gnädger Herr, ich traf ihn auf dem Rückweg.

ALBANY
Weiß er die Greueltat?

BOTE
Ja, gnädger Herr! Er wars, der ihn verriet
Und den Palast vorsätzlich mied, der Strafe
So freiem Lauf zu lassen.

ALBANY
                            Ich lebe, Gloster,
Die Treu, die du dem König zeigst, zu lohnen,
Die Augen dir zu rächen! - Folg mir, Freund,
Sag mir, was mehr du weißt.
Sie gehn ab.




DRITTE SZENE

Das französische Lager bei Dover


Es treten auf Kent und ein Edelmann.

KENT
Warum der König von Frankreich so plötzlich zurückgegangen ist: wißt Ihr die Ursach?

EDELMANN
Es war ein Staatsgeschäft noch nicht vollendet,
Das nach der Landung er bedacht; es drohte
Dem Königreich so viel Gefahr und Schrecken,
Daß eigne Gegenwart höchst dringend schien
Und unvermeidlich.

KENT
Wen ließ er hier zurück als seinen Feldherrn?

EDELMANN
Den Marschall Frankreichs, Monseigneur le Fèr.

KENT
Reizten Eure Briefe die Königin nicht zu Äußerungen des Schmerzes?

EDELMANN
Jawohl, sie nahm sie, las in meinem Beisein,
Und dann und wann rollt' eine volle Träne
Die zarte Wang herab; es schien, daß sie
Als Königin ihren Schmerz regierte, der
Rebellisch wollt ihr König sein.

KENT
                                  O dann
War sie bewegt.

EDELMANN
Doch nicht zum Zorn. Geduld und Kummer stritten,
Wer ihr den stärksten Ausdruck lieh. Ihr saht
Regen zugleich und Sonnenschein; ihr Lächeln
Und ihre Tränen war wie Frühlingstag.
Dies selige Lächeln, das die frischen Lippen
Umspielte, schien, als wiss' es um die Gäste
Der Augen nicht, die so von diesen schieden,
Wie Perlen von Demanten tropfen. Kurz,
Der Gram würd als ein Schatz gesucht, wenn jeden
Er also schmückte.

KENT
                    Hat sie nichts gesprochen?

EDELMANN
Ja, mehrmals seufzte sie den Namen Vater
Stöhnend hervor, als preßt' er ihr das Herz:
Rief: Schwestern! Schwestern! Schmach der Frauen! Schwestern!
Kent! Vater! Schwestern! Was? In Sturm und Nacht?
Glaubt an kein Mitleid mehr! - Dann strömten ihr
Die heilgen Tränen aus den Himmelsaugen
Und netzten ihren Laut; sie stürzte fort,
Allein mit ihrem Gram zu sein.

KENT
                                Die Sterne,
Die Sterne bilden unsre Sinnesart,
Sonst zeugte nicht so ganz verschiedne Kinder
Ein und dasselbe Paar. - Spracht Ihr sie noch?

EDELMANN
Nein.

KENT
Wars vor des Königs Abfahrt?

EDELMANN
                               Nein, hernach.

KENT
Gut, Herr!
Der arme kranke Lear ist in der Stadt;
Manchmal in beßrer Stimmung wirds ihm klar,
Warum wir hier sind, und auf keine Weise
Will er die Tochter sehn.

EDELMANN
                            Weshalb nicht, Herr?

KENT
Ihn überwältigt so die Scham. Sein harter Sinn,
Der seinen Segen ihr entzog, sie preisgab
Dem fremden Zufall und ihr teures Erbrecht
Den hündischen Schwestern lieh, das alles sticht
So giftig ihm das Herz, daß glühende Scham
Ihn von Cordelien fernhält.

EDELMANN
                             Armer Herr!

KENT
Wißt Ihr von Albanys und Cornwalls Macht?

EDELMANN
's ist, wie gesagt: sie stehn im Feld.

KENT
Ich bring Euch jetzt zu unserm König Lear
Und laß ihn Eurer Pflege. Wichtige Gründe
Gebieten, mich verborgen noch zu halten;
Geb ich mich kund, so wirds Euch nicht gereuen,
Daß Ihr mich jetzt gekannt. Ich bitt Euch, kommt,
Begleitet mich!
Sie gehn ab.




VIERTE SZENE

Das französische Lager. Ein Zelt. [Freies Feld ]


[Trommeln und Fahnen. ] Cordelia, ein Arzt, [Gefolge, Edelleute ] und Soldaten treten auf.

CORDELIA
O Gott, er ists; man traf ihn eben noch
In Wut, wie das empörte Meer, laut singend,
Bekränzt mit wildem Erdrauch, Windenranken,
Mit Kletten, Schierling, Nesseln, Kuckucksblumen
Und allem wilden Unkraut, wie es wächst
Im nährenden Weizen. Hundert schickt und mehr,
Durchforscht jedwedes hochbewachsne Feld
Und bringt ihn zu uns!
Ein Offizier geht ab.
                        Was vermag die Kunst,
Ihm herzustellen die beraubten Sinne?
Er, der ihn heilt, nehm alle meine Schätze!

ARZT
Es gibt noch Mittel, Fürstin!
Die beste Wärtrin der Natur ist Ruhe,
Die ihm gebricht; und diese ihm zu schenken,
Vermag manch wirksam Heilkraut, dessen Kraft
Des Wahnsinns Augen schließt.

CORDELIA
All ihr gesegneten, geheimen Wunder,
All ihr verborgnen Kräfte der Natur,
Sprießt auf durch meine Tränen! Lindert, heilt
Des guten Greises Weh! Sucht, sucht nach ihm,
Eh seine blinde Wut das Leben löst,
Das sich nicht führen kann.
Ein Bote tritt auf.

BOTE
                              Vernehmt, Mylady,
Die britische Macht ist auf dem Zug hieher.

CORDELIA
Man wußt es schon, und wir sind vorbereitet,
Sie zu empfangen. O mein teurer Vater,
Für deine Wohlfahrt hab ich mich gerüstet;
Drum hat der große Frankreich
Mein Trauern, meiner Tränen Flehn erhört.
Nicht leerer Ehrgeiz treibt uns zum Gefecht,
Nur heiße Lieb und unsers Vaters Recht;
Möcht ich bald sehn und hörn ihn!
Sie gehn ab.




FÜNFTE SZENE

Ein Zimmer in Glosters [Regans ] Schloß


Es treten auf Regan und der Haushofmeister.

REGAN
Doch steht des Schwagers Macht im Feld?

HAUSHOFMEISTER
                                         Ja, Fürstin.

REGAN
Er selbst zugegen?

HAUSHOFMEISTER
                    Ja, mit vieler Not;
Eure Schwester ist der bessere Soldat.

REGAN
Lord Edmund sprach mit deinem Herzog nicht?

HAUSHOFMEISTER
Nein, gnädge Frau!

REGAN
Was mag der Schwester Brief an ihn enthalten?

HAUSHOFMEISTER
Ich weiß nicht, Fürstin.

REGAN
Gewiß, ihn trieb ein ernst Geschäft von hier.
Sehr töricht wars, dem Gloster nach der Blendung
Das Leben lassen; wohin er kommt, bewegt er
Die Herzen wider uns. Edmund, vermut ich,
Aus Mitleid seines Elends, ging er enden
Sein nächtlich Dasein und erforscht zugleich
Des Feindes Stärke.

HAUSHOPMEISTER
Ich muß durchaus ihm nach mit meinem Brief.

REGAN
Das Heer rückt morgen aus; bleibt hier mit uns,
Gefährlich sind die Weg.

HAUSHOFMEISTER
                          Ich darf nicht, Fürstin;
Mylady hat mirs dringend eingeschärft.

REGAN
Was brauchte sie zu schreiben? Könntst du nicht
Mündlich bestellen dein Geschäft? Vielleicht -
Etwas - ich weiß nicht was - ich will dir gut sein:
Laß mich den Brief entsiegeln!

HAUSHOFMEISTER
                                 Lieber möcht ich -

REGAN
Ich weiß, die Herzogin haßt ihren Gatten;
Das ist gewiß; bei ihrem letzten Hiersein
Liebäugte sie mit sehr beredten Blicken
Dem edlen Edmund; du bist ihr Vertrauter.

HAUSHOFMEISTER
Ich, Fürstin?

REGAN
Ich rede mit Bedacht; ich weiß, du bists!
Drum rate ich dir, nimm zur Kenntnis dies:
Mein Mann ist tot; Edmund und ich sind einig,
Und besser paßt er sich für meine Hand,
Als deiner Herrin. Schließe weiter selbst!
Wenn du ihn findst, so bitt ich, gib ihm dies;
Und wenns die Herzogin von dir vernimmt,
Ermahne sie, Vernunft zu Rat zu ziehn.
Und somit lebe wohl!
Triffst du vielleicht den blinden Hochverräter,
Ein reicher Lohn wird dem, der ihn erschlägt.

HAUSHOFMEISTER
Ich wollt, ich fänd ihn, Fürstin, daß Ihr säht,
Mit wem ichs halte.

REGAN
                      So gehab dich wohl!
Sie gehn ab.




SECHSTE SZENE

Gegend bei Dover


Es treten auf Gloster und Edgar in Bauerntracht.

GLOSTER
Wann kommen wir zum Gipfel dieses Bergs?

EDGAR
Ihr klimmt hinan, seht nur, wie schwer es geht!

GLOSTER
Mich dünkt, der Grund ist eben.

EDGAR
                                  Furchtbar steil!
Horcht! Hört Ihr nicht die See?

GLOSTER
                                  Nein, wahrlich nicht!

EDGAR
Dann wurden Eure andern Sinne stumpf
Durch Eurer Augen Schmerz.

GLOSTER
                             Das mag wohl sein.
Mich dünkt, dein Laut ist anders, und du sprichst
Mit besserm Sinn und Ausdruck als zuvor.

EDGAR
Ihr täuscht Euch sehr; ich bin in nichts verändert
Als in der Tracht.

GLOSTER
                     Mich dünkt, du sprächest besser.

EDGAR
Kommt, Herr, hier ist der Ort; bleibt stehn! Wie graunvoll
Und schwindelnd ists, so tief hinabzuschaun!
Die Krähn und Dohlen, die die Mitt umflattern,
Sehn kaum wie Käfer aus - halbwegs hinab
Hängt einer, Fenchel sammelnd - schrecklich Handwerk!
Mich dünkt, er scheint nicht größer als sein Kopf.
Die Fischer, die am Strand entlanggehn, scheinen
Wie Mäuse und das hohe Schiff am Anker
Verjüngt zu seinem Boot, das Boot zum Tönnchen,
Beinah zu klein dem Blick. Die dumpfe Brandung,
Die wütet auf den Kieseln, zahl- und nutzlos,
Schallt nicht bis hier. - Ich will nicht mehr hinabsehn,
Daß nicht mein Hirn sich dreht, mein wirrer Blick
Mich taumelnd stürzt hinab.

GLOSTER
                              Stell mich, wo du stehst!

EDGAR
Gebt mir die Hand: Ihr seid nur einen Fuß
Vom letzten Rand. Für alles unterm Mond
Tät ich hier keinen Sprung.

GLOSTER
                              Laß mich nun los!
Hier, Freund, ist noch ein Beutel, drin ein Kleinod,
Kostbar genug dem Armen. Feen und Götter
Gesegnen dirs! Geh nun zurück, mein Freund,
Nimm Abschied; laß mich hören, daß du gehst!

EDGAR
Lebt wohl denn, guter Herr!
Tut als würde er gehen.

GLOSTER
                              Von ganzem Herzen!

EDGAR
für sich.
So spiel ich nur mit dem Verzweifelnden,
Um ihn zu heilen.

GLOSTER
                    O ihr mächtigen Götter!
Der Welt entsag ich, und vor euerm Blick
Schüttl ich geduldig ab mein großes Leid.
Könnt ich es länger tragen ohne Hader
Mit euerm unabwendbar ewgen Rat,
So möchte wohl mein müder Lebensdocht
Von selbst verglimmen. Wenn mein Edgar lebt,
O segnet ihn! - Nun, Freund, gehab dich wohl!

EDGAR
Bin fort schon; lebt denn wohl!
Gloster springt und fällt zur Erde.
Und weiß ich, ob nicht Phantasie den Schatz
Des Lebens rauben kann, wenn Leben selbst
Dem Raub sich preisgibt? Wär er, wo er dachte,
Jetzt dächt er nicht mehr. Lebend oder tot? -
He, guter Freund! Herr, hört Ihr? Sprecht! -
So könnt er wirklich sterben; nein, er lebt. -
Wer seid Ihr, Herr?

GLOSTER
                      Geh weg und laß mich sterben!

EDGAR
Wärst du nicht Fadensommer, Federn, Luft,
So viele Klafter tief kopfüber stürzend,
Du wärst zerschellt wie 'n Ei. Doch atmest du,
Hast Körperschwere, blutst nicht, sprichst, bist ganz.
Zehn Mastbäum aufeinander sind so hoch nicht,
Als steilrecht du hinabgefallen bist.
Ein Wunder, daß du lebst! Sprich noch einmal!

GLOSTER
Doch fiel ich oder nicht?

EDGAR
Vom furchtbarn Gipfel dieser Kreideklippe.
Sieh nur hinauf, man kann die schrillende Lerche
So hoch nicht sehn noch hören; sieh hinauf!

GLOSTER
Ach, keine Augen hab ich.
Ward auch die Wohltat noch versagt dem Elend,
Durch Tod zu endigen? Trost wars doch immer,
Als Jammer der Tyrannen Wut sich konnte
Entziehn und seine stolze Willkür täuschen.

EDGAR
Gebt mir den Arm! -
Auf! - So! Wie gehts? Fühlt Ihr die Beine? - Steht?

GLOSTER
Zu gut, zu gut!

EDGAR
                 Das nenn ich wunderseltsam!
Dort auf der Klippe Rand, welch Ding war das,
Das von Euch wich?

GLOSTER
                    Ein armer Bettler wars.

EDGAR
Hier unten schienen seine Augen mir
Zwei Monde; tausend Nasen hatt er. Hörner
Gekrümmt wie Wellen des gefurchten Meeres:
Ein Teufel wars. Drum denk, beglückter Alter,
Daß höchste Götter, die zum Ruhm vollführen,
Was uns unmöglich scheint, dich retteten.

GLOSTER
Ja, das erkenn ich jetzt. Ich will hinfort
Mein Elend tragen, bis es ruft von selbst:
Genug, genug und stirb! Das Ding, wovon
Ihr sprecht, schien mir ein Mensch; oft riet es aus:
Der böse Feind! - Er führte mich dahin.

EDGAR
Seid ruhig und getrost! Doch wer kommt da?
Lear tritt auf, phantastisch mit Blumen [und Kränzen ] aufgeschmückt.
Gesunder Sinn wird nimmer seinen Herrn
So ausstaffieren.

LEAR
Nein, wegen des Münzens können sie mir nichts tun, ich bin der König selbst.

EDGAR
O herzzerreißender Anblick!

LEAR
Natur ist hierin mächtiger als die Kunst. - Da ist Euer Handgeld. Der Bursch führt seinen Bogen wie eine Vogelscheuche. Spannt mir eine volle Tuchmacherelle - sieh, sieh, eine Maus - still, still, dies Stück gerösteter Käse wird gut dazu sein. - Da ist mein Panzerhandschuh; gegen einen Riesen verfecht ichs. Die Hellebarden her! - O schön geflogen, Vogel! Ins Schwarze, ins Schwarze! Hui! - Gebt die Parole!

EDGAR
Süßer Majoran.

LEAR
Passiert.

GLOSTER
Die Stimme kenn ich.

LEAR
Ha, Goneril! Mit 'nem weißen Bart! Sie schmeichelten mir wie einem Hunde und erzählten mir, ich hätte weiße Haare im Bart, ehe die schwarzen kamen. - Ja und nein zu sagen zu allem, was ich sagte! - Ja und nein zugleich, das war keine gute Theologie. Als der Regen einst kam, mich zu durchnässen, und der Wind mich schauern machte und der Donner auf mein Geheiß nicht schweigen wollte, da fand ich sie, da spürte ich sie aus. Nichts da, es ist kein Verlaß auf sie; sie sagten mir, ich sei alles: das ist eine Lüge, ich bin nicht fieberfest.

GLOSTER
Den Ton von dieser Stimme kenn ich wohl:
Ists nicht der König?

LEAR
                       Ja, jeder Zoll ein König.
Blick ich so starr, sieh, bebt der Untertan.
Dem schenk ichs Leben; was war sein Vergehn?
Ehbruch!
Du sollst nicht sterben. Tod um Ehbruch? Nein!
Der Zeisig tuts, die kleine goldne Fliege,
Vor meinen Augen buhlt sie.
Laßt der Vermehrung Lauf, denn Glosters Bastard
Liebte den Vater mehr als meine Töchter,
Erzeugt im Ehebett.
Dran, Unzucht! Frischauf, denn ich brauch Soldaten. -
Sieh dort die ziere Dame,
Ihr Antlitz weissagt Schnee in ihrem Schoß;
Sie tut so tugendlich und dreht sich weg,
Hört sie die Lust nur nennen,
Und doch sind Iltis nicht und hitzige Stute
So ungestüm in ihrer Brunst.
Vom Gürtel nieder sinds Zentauren,
Wenn auch von oben Weib; nur bis zum Gürtel
Sind sie den Göttern eigen; jenseits alles
Gehört den Teufeln, dort ist Hölle, Nacht,
Dort ist der Schwefelpfuhl, Brennen, Sieden, Pestgeruch,
Verwesung - pfui, pfui, pfui! - Pah! Pah! -
Gib etwas Bisam, guter Apotheker,
Meine Phantasie zu würzen. Da ist Gold für dich!

GLOSTER
O laß die Hand mich küssen!

LEAR
Laß mich sie erst abwischen; sie riecht nach dem Grabe.

GLOSTER
O du zertrümmert Meisterstück der Schöpfung!
So nutzt das große Weltall einst sich ab
Zu nichts. Kennst du mich wohl?

LEAR
Ich erinnere mich deiner Augen recht gut; blinzelst du mir zu? Nein, tu dein Ärgstes, blinder Cupido; ich will nicht lieben. Lies einmal diese Herausforderung; sieh nur die Schriftzüge!

GLOSTER
Wär jede Letter Sonn, ich säh nicht eine.

EDGAR
Nicht glauben wollt ichs dem Gerücht; es ist so,
Und bricht mein Herz.

LEAR
Lies!

GLOSTER
Was, mit den Höhlen der Augen?

LEAR
Oho, stehn wir so miteinander? Keine Augen im Kopf, kein Geld im Beutel? Höhlten sie dir die Augen und holten dir den Beutel? Doch siehst du, wie die Welt geht!

GLOSTER
Ich seh es fühlend.

LEAR
Was, bist du toll? Kann man doch sehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen. Schau mit dem Ohr; sieh, wie jener Richter auf jenen einfältigen Dieb schmält. Horch - unter uns -, den Platz gewechselt und die Hand gedreht: wer ist Richter, wer Dieb? Sahst du wohl eines Pächters Hund einen Bettler anbellen?

GLOSTER
Ja, Herr!

LEAR
Und der Wicht lief vor dem Köter: da konntest du das große Bild des Ansehns erblicken; dem Hund im Amt gehorcht man.
Du schuftiger Büttel, weg du blutige Hand!
Was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst;
Dich lüstet heiß, mit ihr zu tun, wofür
Dein Arm sie stäupt. Der Wuchrer hängt den Gauner;
Zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht,
Talar und Pelz birgt alles. Hüll in Gold die Sünde,
Der starke Speer des Rechts bricht harmlos ab;
In Lumpen: des Pygmäen Halm durchbohrt sie.
Kein Mensch ist sündig; keiner, sag ich, keiner;
Und ich verbürg es, wenn - versteh, mein Freund -
Er nur des Klägers Mund versiegeln kann.
Schaff Augen dir von Glas,
Und wie ein räudiger Bauernfänger tu,
Als sähst du Dinge, die du doch nicht siehst! -
Nun, nun, nun, nun -
Zieht mir die Stiefel aus! - Stärker, stärker - so!

EDGAR
O tiefer Sinn und Aberwitz gemischt!
Vernunft in Tollheit!

LEAR
Willst weinen über mich, nimm meine Augen.
Ich kenne dich recht gut, dein Nam ist Gloster.
Trags in Geduld, wir kamen weinend an.
Du weißt, wenn wir die erste Luft einatmen,
Schrein wir und winseln. Ich will dir predigen: horch!

GLOSTER
O welcher Jammer!

LEAR
Wir Neugebornen weinen, zu betreten
Die große Narrenbühne - ein schöner Hut!
O feine Kriegslist, einen Pferdetrupp
Mit Filz so zu beschuhn! Ich wills versuchen,
Und überschleich ich so die Schwiegersöhne,
Dann schlagt sie tot, tot, tot! - Tot, tot!
Ein Edelmann mit Bedienten tritt auf.

EDELMANN
O hier, hier ist er! Haltet ihn! Mylord,
Eur liebstes Kind -

LEAR
Wie, kein Entsatz? Gefangen? Bin ich doch
Der wahre Narr des Glücks. Verpflegt mich wohl,
Ich geb euch Lösegeld. Schafft mir 'nen Wundarzt,
Ich bin ins Hirn gehaun.

EDELMANN
                          Nichts soll Euch fehlen.

LEAR
Kein Beistand - ganz allein?
Da könnte wohl der Mensch in salzigen Tränen
Vergehn, wie Kannen seine Augen brauchend,
Des Herbstes Staub zu löschen.

EDELMANN
                                Teurer Herr!

LEAR
Brav will ich sterben, wie ein Bräutigam; was?
Will lustig sein; kommt, kommt, ich bin ein König,
Ihr Herren, wißt Ihr das?

EDELMANN
Ein hoher König, und wir folgen Euch.

LEAR
So ist noch nichts verloren. Kommt! wenn Ihrs haschen wollt, so müßt Ihrs durch Laufen haschen. Sa, sa, sa, sa!
Er läuft fort. Bediente folgen ihm.

EDELMANN
Ein Anblick jammervoll am ärmsten Bettler,
Am König namenlos. Du hast ein Kind,
Durch das die Welt vom grausen Fluch erlöst wird,
Den zwei auf sie gebracht.

EDGAR
Heil, edler Herr!

EDELMANN
                   Seid kurz, mein Freund! Was wollt Ihr?

EDGAR
Vernahmt Ihr, Herr, obs bald ein Treffen gibt?

EDELMANN
Nun, das ist weltbekannt, ein jeder weiß es,
Der Ohren hat zu hören.

EDGAR
                              Doch erlaubt,
Wie nahe steht der Feind?

EDELMANN
Nah und in schnellem Anmarsch, stündlich kann
Die Hauptmacht hier sein.

EDGAR
                            Dank Euch! Das war alles.

EDELMANN
Weilt gleich die Königin aus Gründen hier,
Ist doch das Heer schon vorgerückt.

EDGAR
                                     Ich dank Euch.
Edelmann geht ab.

GLOSTER
Ihr ewig gütigen Götter, nehmt mein Leben,
Daß nicht mein böser Sinn mich nochmals treibt,
Zu sterben, eh es euch gefällt.

EDGAR
                                  So betet
Ihr trefflich, Vater!

GLOSTER
                       Nun, mein Freund, wer seid Ihr?

EDGAR
Der ärmste Mensch, gezähmt durch Schicksalsschläge,
Der durch die Schule selbstempfundnen Grams
Empfänglich ward für Mitleid. - Gebt die Hand mir,
Ich führ Euch in ein Haus.

GLOSTER
                             Von Herzen Dank!
Des Himmels Huld und reicher Segen geb
Euch Lohn auf Lohn! -
Der Haushofmeister tritt auf.

HAUSHOFMEISTER
                       Ein Preis verdient! Willkommen!
Dein augenloser Kopf ward darum Fleisch,
Mein Glück zu gründen. Alter Hochverräter,
Bedenke schnell dein Heil; das Schwert ist bloß,
Das dich vernichten soll.

GLOSTER
                            So brauch mit Kraft
Die Freundeshand!
Edgar setzt sich zur Wehr.

HAUSHOFMEISTER
                    Was, frecher Bauer, willst du
Verteidigen solchen Hochverräter? Fort!
Daß seines Schicksals Pest nicht auch auf dich
Ansteckend falle. Laß den Arm ihm los!

EDGAR
Will nit los losse, Herr, muß erst anders kumme.

HAUSHOFMEISTER
Laß los, Sklav, oder du stirbst.

EDGAR
Lieber Herr, gehn Eures Wegs und loßt arme Leut in Ruh. Wann ich mich sollt mit eim große Maul ums Lebe bringe losse, da hätt ichs schun vor viezehn Täg los werde künne. Kummt mer dem alte Mann nit nah; macht Euch furt, rat ich, oder ich will emol versuche, was stärker is, Eur Hirnkaste oder mei Knippel. Ich sogs Euch grod raus.

HAUSHOFMEISTER
Ei du Bauerflegel!

EDGAR
Ich ward Euch die Zähne stochern, Herr: was schiern mich Eure Finte!
Sie fechten, und Edgar schlägt ihn zu Boden.

HAUSHOFMEISTER
Sklav, du erschlugst mich! - Schuft, nimm meinen Beutel;
Solls dir je wohl gehn, so begrabe mich
Und gib die Briefe, die du bei mir findst,
An Edmund, Grafen Gloster! Such ihn auf
In Englands Heer - O Tod zur Unzeit - Tod!
Er stirbt.

EDGAR
Ich kenne dich; ein dienstbeflißner Bube,
Den Lastern der Gebietrin so geneigt,
Als Bosheit wünschen mag.

GLOSTER
                           Was, ist er tot?

EDGAR
Hier setzt Euch, Vater, ruht!
[Beiseit. ]
Laß sehn die Taschen; jene Briefe können
Mir guten Dienst tun.
[Laut. ]
                       Er ist tot; nur schade,
Daß ich sein Henker mußte sein.
[Beiseit. ]
                                  Laßt sehn!
Erlaube, liebes Wachs, und schilt nicht, Sitte:
Man risse ja, des Feindes Sinn zu spähn,
Sein Herz auf; seine Briefe geht schon eher.
Er liest den Brief.
Gedenkt unsrer gegenseitigen Schwüre. Ihr habt manche Gelegenheit, ihn aus dem Wege zu räumen; fehlt Euch der Wille nicht, so werden Zeit und Ort Euch vielmal günstig sein. Es ist nichts geschehn, wenn er als Sieger heimkehrt; dann bin ich die Gefangne und sein Bett mein Kerker. Von dessen ekler Wärme befreit mich und nehmt seinen Platz ein für Eure Mühe. Eure (Gattin, so möcht ich sagen) ergebene Dienerin Goneril.
O unabsehbar weit schweift Weibergier!
Ein Plan auf ihres biedern Mannes Leben,
Und der Ersatz: mein Bruder! - Hier im Sande
Verscharr ich dich, unseliger Bote du,
Mordsüchtiger Buhler; und zur rechten Zeit
Bring ich dies frevle Blatt vors Angesicht
Des todumgarnten Herzogs. Wohl ihm dann,
Daß deinen Tod und Plan ich melden kann.
Edgar schleppt den Leichnam fort.

GLOSTER
Der König rast. Wie starr ist meine Seele,
Daß ich noch aufrecht steh und scharf empfinde
Mein schweres Los! Besser, ich wär verrückt;
Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram,
Und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre
Bewußtsein seiner selbst.
Edgar kommt zurück.

EDGAR
                           Gebt mir die Hand!
Trommeln in der Ferne.
Fernher, so scheint mir, hör ich Trommelschlag;
Kommt, Vater! - Einem Freund führ ich Euch zu.
Sie gehn ab.




SIEBENTE SZENE

Zelt im französischen Lager. Lear liegt auf einem Bett, schläft, sanfte Musik spielt. Ein Arzt, ein Edelmann und andere kümmern sich um ihn.


Es treten auf Cordelia, Kent, [ein Arzt und ein Edelmann ].

CORDELIA
O teurer Kent, kann all mein Tun und Leben
Dir je vergüten? Ist mein Leben doch
Zu kurz, und jeder Maßstab allzu klein.

KENT
So anerkannt ist überreich bezahlt.
Was ich gesagt, ist alles schlichte Wahrheit,
Nicht mehr noch minder.

CORDELIA
                          Nimm ein beßres Kleid;
Die Tracht ist Denkmal jener bittern Stunden,
Ich bitt dich, leg sie ab.

KENT
                            Nein, teure Fürstin;
Jetzt schon erkannt sein schadet meinem Plan.
Als Gnade bitt ich, kennt mich jetzt noch nicht,
Eh Zeit und ich es heischen.

CORDELIA
                              Sei's denn so,
Mein werter Lord.
Zum Arzt.
                   Was macht der König?

ARZT
Er schläft noch, Fürstin!

CORDELIA
                             Gütige Götter, heilt
Den großen Riß in seinem so gequälten
Gemüt und stimmt der Sinne rauhen Mißklang
Dem Kind gewordnen Vater!

ARZT
                           Gefällts Eur Hoheit,
Daß wir den König wecken? Er schlief lang.

CORDELIA
Folgt Eurer Einsicht und verfahrt durchaus
Nach eignem Willen. Ist er angekleidet?
[Diener bringen den schlafenden Lear in einem Sessel herein. ]

EDELMANN
Ja, gnädige Frau, in seinem tiefen Schlaf
Versahn wir ihn mit frischen Kleidern.

ARZT
Bleibt, gnädige Herrin, wenn wir ihn erwecken;
Ich zweifle nicht an mildrer Stimmung.

CORDELIA
                                        Wohl!
[Musik. ]

ARZT
Gefällts Euch, näher! - Lauter die Musik!

CORDELIA
Mein teurer Vater! O Genesung, gib
Heilkräfte meinen Lippen; dieser Kuß
Lindre den grimmen Schmerz, mit dem die Schwestern
Dein Alter kränkten!

KENT
                       Gütige, liebe Fürstin!

CORDELIA
Warst du ihr Vater nicht - dies Silberhaar
Verlangte Mitleid. Oh, war dies ein Haupt,
Feindlichen Winden ausgesetzt zu werden?
Dem lauten, furchtbarn Donner, und der Blitze
Höchst grauenvollem Zucken kreuz und quer?
Mit nichts als dünnem Haar behelmt zu wachen -
Verlorner Posten? Meines Feindes Hund,
Und hätt er mich gebissen, durft die Nacht
An meinem Feuer stehn, und, armer Vater,
Dir mußte faules, kurzes Stroh bei Schweinen
Und vogelfreiem Volk genügen! Ach,
Ein Wunder, daß dein Leben nicht zugleich
Mit deinen Sinnen schied. - Er wacht: sprecht zu ihm!

ARZT
Tut Ihrs, Mylady; 's ist am besten.

CORDELIA
Was macht mein königlicher Herr? Wie gehts
Eur Majestät?

LEAR
's ist unrecht, daß ihr aus dem Grab mich nehmt.
Du bist ein seliger Geist, ich bin gebunden
Auf einem Feuerrad, daß meine Tränen
Brennen wie flüssig Blei.

CORDELIA
                            Herr, kennt Ihr mich?

LEAR
Du bist ein Geist, ich weiß es wohl. Wann starbst du?

CORDELIA
Noch immer weit, weit weg!

ARZT
Er ist kaum wach, laßt ihn ein Weilchen ruhig.

LEAR
Wo war ich denn? Wo bin ich? Heller Tag?
Man täuscht mich arg. Ich stürbe wohl vor Mitleid,
Erblickt ich andre so. Was soll ich sagen!
Ich will nicht schwören, dies sei meine Hand;
Laß sehn! - Ich fühle diesen Nadelstich.
Wär ich doch überzeugt von meinem Zustand!

CORDELIA
O seht auf mich, Mylord!
Hebt Eure Hand zum Segen über mich!
Nein, Herr, Ihr müßt nicht knien.

LEAR
                                    O narrt mich nicht!
Ich bin ein schwacher, kindischer, alter Mann,
Achtzig und drüber, keine Stunde mehr
Noch weniger; und grad heraus gesagt,
Ich fürchte fast, ich bin nicht recht bei Sinnen.
Mich dünkt, ich kenn Euch, kenn auch diesen Mann,
Doch zweifl ich noch, denn ich begreif es nicht,
An welchem Ort ich bin; all mein Verstand
Entsinnt sich dieser Kleider nicht, noch weiß ich,
Wo ich die Nacht schlief. Lacht nicht über mich,
Denn so gewiß ich lebe,
Die Dame halt ich für mein Kind Cordelia.

CORDELIA
Das bin ich auch! Ich bins!

LEAR
Sind deine Tränen naß? Ja, wirklich! Bitte,
O weine nicht!
Wenn du Gift für mich hast, so will ichs trinken,
Ich weiß, du liebst mich nicht; denn deine Schwestern,
Soviel ich mich erinnre, kränkten mich;
Du hattest Grund, sie nicht.

CORDELIA
                               Kein Grund! Kein Grund!

LEAR
Bin ich in Frankreich?

CORDELIA
                         Herr, in Euerm Reich!

LEAR
Betrügt mich nicht!

ARZT
                      Seid ruhig, werte Herrin!
Geheilt ist, wie Ihr seht, das große Rasen;
Doch wärs gefährlich, die verlorne Zeit
Ihm zu erklären. Führt ihn jetzt hinein,
Und stört ihn nicht, bis er sich mehr erholt.

CORDELIA
Beliebt es Euch, hineinzugehn, mein König?

LEAR
O habt Geduld mit mir!
Bitt euch nun, vergeßt und vergebt; ich bin alt und kindisch.
Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.

EDELMANN
Bestätigt sichs,
Daß Herzog Cornwall so erschlagen ward?

KENT
Ja, Herr!

EDELMANN
           Wer ist der Führer seines Heers?

KENT
Man sagt, der Bastard Glosters.

EDELMANN
                                 Sein verbannter
Sohn Edgar, heißts, lebt mit dem Grafen Kent
In Deutschland.

KENT
                  Das Gerücht ist unverbürgt.
's ist Zeit, sich umzuschaun, das Heer des Reichs
Rückt schleunig vor.

EDELMANN
Nun, die Entscheidung wird sehr blutig sein.
Gehabt Euch wohl!
Geht ab.

KENT
Und meine Schale senkt sich oder steigt,
Gut oder schlimm, wie jetzt der Sieg sich neigt.
Geht ab.






FÜNFTER AKT

ERSTE SZENE

Feldlager des britischen Heeres bei Dover


Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Edmund, Regan, Offiziere , [und ] Soldaten und andere.

EDMUND
zu einem Offizier.
Den Herzog fragt, obs bleibt beim letzten Wort
Oder seitdem ihn was bewog, den Plan
Zu ändern, denn er ist voll Widerspruch
Und schwankend; meld uns seinen festen Willen!
Offizier ab.

REGAN
Der Schwester Boten traf gewiß ein Unfall.

EDMUND
Ich fürcht es, gnädige Frau!

REGAN
                               Nun, liebster Graf,
Ihr wißt, was ich Euch Gutes zugedacht;
Sagt mir - doch redlich, sagt die lautre Wahrheit:
Liebt Ihr nicht meine Schwester?

EDMUND
                                  Ganz in Ehren.

REGAN
Doch fandet Ihr nie meines Schwagers Weg
Zu der verbotnen Stätte?

EDMUND
                           Falscher Argwohn!

REGAN
Ich fürcht, Ihr seid mit ihr schon längst vereint
Aufs innigste, soviel es möglich ist.

EDMUND
Nein, gnädge Frau, auf Ehre.

REGAN
Sie war mir unerträglich; teurer Lord,
Seid nicht vertraut mit ihr!

EDMUND
                               Das fürchtet nicht! -
Sie und der Herzog, ihr Gemahl!
Albany, Goneril und Soldaten treten mit Trommeln und Fahnen auf.

GONERIL
beiseit.
Eh daß mir diese Schwester ihn entfremdet,
Möcht ich die Schlacht verlieren.

ALBANY
Verehrte Schwester, seid uns sehr willkommen!
Man sagt, der König kam zu seiner Tochter
Mit andern, so die Strenge unsrer Herrschaft
Zur Klage zwang. Ich war noch niemals tapfer,
Wo ich nicht ehrlich konnte sein; wir fechten,
Weil Frankreich unser Land hier überzog,
Nicht, weils dem König hilft und jenen, welche,
Aus triftigem Grunde, fürcht ich, mit ihm halten.

EDMUND
Herr, Ihr sprecht nobel.

REGAN
                           Doch wozu dies Klügeln?

GONERIL
Dem Feind entgegen steht vereint zusammen;
Für diesen häuslichen besondern Zwist
Ist jetzt nicht Zeit.

ALBANY
                       So laßt uns denn den Ratschluß
Mit Kriegserfahrnen fassen, was zu tun.

EDMUND
Gleich werd ich bei Euch sein in Eurem Zelt.

REGAN
Ihr geht doch mit uns, Schwester?

GONERIL
Nein.

REGAN
Der Anstand forderts, bitt Euch, geht mit uns!

GONERIL
beiseit.
Oho, ich weiß das Rätsel. Ich will gehn.
Da sie gehen wollen, kommt Edgar verkleidet.

EDGAR
Sprach Euer Gnaden je so armen Mann,
Hört auf ein Wort!

ALBANY
                    Ich komm Euch nach. - Sprich, Mann!
Edmund, Regan, Goneril , Offiziere, Soldaten und Gefolge gehen ab.

EDGAR
Eh Ihr die Schlacht beginnt, lest diesen Brief!
Wird Euch der Sieg, laßt die Trompete laden
Den, welcher ihn gebracht; so arm ich scheine,
Kann ich den Kämpfer stellen, der bewährt,
Was hier behauptet wird. Doch wenn Ihr fallt,
Dann hat Eur Tun auf dieser Welt ein Ende,
Und alle Ränke schweigen. - Glück mit Euch!

ALBANY
Wart noch, bis ich ihn las!

EDGAR
                             Das darf ich nicht.
Wenns an der Zeit, laßt nur den Herold rufen,
Und ich erscheine wieder.
[Er geht ab. ]

ALBANY
Nun fahre wohl, ich will den Brief mir ansehn.
Edgar ab. Edmund kommt zurück.

EDMUND
Der Feind ist nah, zieht Eure Macht zusammen,
Hier ist die Schätzung seiner Stärk und Macht
Nach der genausten Kundschaft; doch Eur Eilen
Tut dringend not.

ALBANY
                   Dem Augenblick sein Recht!
Geht ab.

EDMUND
Den beiden Schwestern schwur ich meine Liebe,
Und beide hassen sich, wie der Gestochne
Die Natter. Welche soll ich nehmen? Beide?
Ein oder keine? Keiner werd ich froh,
Wenn beide leben. Mir die Witwe nehmen,
Bringt Goneril von Sinnen, macht sie rasend,
Und schwerlich komm ich je zu meinem Ziel,
Solang ihr Gatte lebt. Gut, nutzen wir
Sein Ansehn für die Schlacht; ist die vorüber,
Mag sie, die gern ihn los wär, weiter sinnen,
Ihn schnell hinwegzuräumen. Doch die Schonung,
Die er für Lear im Sinn hat und Cordelia -
Wenn wir gesiegt und sie in unsrer Macht,
Vereitl ich solch Verzeihn. Nicht müßiger Rat
Ziemt meiner Lage, nein, entschloßne Tat.
Geht ab.




ZWEITE SZENE

Ein Feld zwischen den beiden Lagern. [Daselbst ]


Feldgeschrei hinter der Bühne. Es kommen mit Trommeln und Fahnen Lear, Cordelia und Soldaten und ziehen über die Bühne. Edgar und Gloster treten auf.

EDGAR
Hier, Vater, nehmt den Schatten dieses Baumes
Als gute Herberg; fleht um Sieg des Rechts!
Wenn ich zu Euch noch einmal wiederkehre,
Bring ich Euch Trost.

GLOSTER
                        Begleit Euch Segen, Herr!
Edgar geht ab.
Getümmel, Schlachtgeschrei; es wird zum Rückzug geblasen.
Edgar kommt zurück.

EDGAR
Fort, alter Mann, gebt mir die Hand, hinweg!
Lear ist besiegt, gefangen samt der Tochter.
Gebt mir die Hand; nur fort!

GLOSTER
Nicht weiter, Freund! Man kann auch hier verfaulen.

EDGAR
Was? Wieder Schwermut? Dulden muß der Mensch
Sein Scheiden aus der Welt, wie seine Ankunft;
Reif sein ist alles. Kommt!

GLOSTER
                             Wohl ist dies wahr.
Sie gehn ab.




DRITTE SZENE

Das britische Lager bei Dover


Edmund tritt als Sieger auf, mit Trommeln und Fahnen. Lear und Cordelia als Gefangene. Offiziere, Soldaten und andere.

EDMUND
Hauptleute, führt sie weg! In strenge Haft,
Bis deren höchster Wille wird verkündet,
Die ihre Richter.

CORDELIA
                   Ich bin nicht die erste,
Die, Gutes wollend, dulden muß das Schwerste.
Dein Unglück, Vater, beugt mir ganz den Mut,
Sonst übertrotzt ich wohl des Schicksals Wut.
Sehn wir nicht diese Töchter? Diese Schwestern?

LEAR
Nein, nein, nein, nein! Komm fort! Zum Kerker, fort!
Da laß uns singen, wie im Käfig Vögel.
Bittst du um meinen Segen, will ich knien
Und dein Verzeihn erflehn; so wolln wir leben,
Beten und singen, Märchen uns erzählen
Und über goldne Schmetterlinge lachen.
Wir hören armes Volk vom Hof erzählen
Und schwatzen mit, wer da gewinnt, verliert,
Wer in, wer aus der Gunst, und tun so tief
Geheimnisvoll, als wären wir Propheten
Der Gottheit; und so überdauern wir
Im Kerker Ränk und Spaltungen der Großen,
Die ebben mit dem Mond und fluten.

EDMUND
                                    Fort!

LEAR
Auf solche Opfer, o Cordelia, streuen
Die Götter selbst den Weihrauch. Hab ich dich?
Wer uns will trennen, muß mit Himmelsbränden
Uns scheuchen wie die Füchse. Weine nicht!
Die Pest soll sie verzehren, Fleisch und Haut,
Eh sie uns weinen machen; eher solln sie
Verschmachten! Komm!
Lear und Cordelia werden von der Wache abgeführt.

EDMUND
                      Tritt näher, Hauptmann, höre!
Nimm dieses Blatt,
übergibt ein Papier.
                    folg ihnen in den Kerker!
Um einen Rang erhöht ich dich schon; tust du,
Wie dies verlangt, so bahnst du deinen Weg
Zu hohen Ehren. Merke dirs, der Mensch
Ist wie die Zeit; zartfühlend sein geziemt
Dem Schwerte nicht. Dein wichtiges Geschäft
Erlaubt kein Fragen; sag, du willst es tun,
Sonst such dir andres Glück!

HAUPTMANN
                               Ich bin bereit.

EDMUND
So tu's und sei beglückt, wenn du's vollbracht.
Doch - hörst du - auf der Stell, und grade so,
Wie ich dirs niederschrieb.

HAUPTMANN
Ich kann den Karrn nicht ziehn noch Hafer essen;
Doch ist es Menschenarbeit, will ichs tun.
Er geht ab.
Trompeten. Albany, Goneril, Regan , Offiziere und Gefolge [und Soldaten ] treten auf.

ALBANY
Herr, Ihr habt heut viel Tapferkeit bewiesen,
Und hold war Euch das Glück. In Eurer Haft
Sind, die uns feindlich heut entgegenstanden.
Wir fordern sie von Euch und wolln sie halten,
Wie's ihr Verdienst und unsre Sicherheit
Gleichmäßig heischen.

EDMUND
                       Herr, ich hielt für gut,
Den alten, schwachen König in Gewahrsam
Und sichre Hut bewacht hinwegzusenden.
Sein Alter wirkt, sein Rang noch mehr, wie Zauber,
Ihm der Gemeinen Herzen zu gewinnen
Und die geworbnen Lanzen wider uns,
Die Herrn, zu kehren. Mit ihm ward Cordelia
Aus gleichem Grund entfernt: Sie sind bereit,
Auf morgen oder später zu erscheinen,
Wo Ihr die Sitzung haltet. Jetzt bedeckt
Uns Schweiß und Blut; der Freund verlor den Freund,
Und in der Hitze flucht dem besten Kampf,
Wer seine Schärfe fühlte. Doch die Frage
Wegen des Königs und Cordeliens heischt
Wohl eine beßre Stunde.

ALBANY
                          Herr, erlaubt,
Ich acht Euch nur als Diener dieses Kriegs,
Als Bruder nicht.

REGAN
                   Das ist, wie's uns beliebt.
Mich dünkt. Ihr solltet unsern Wunsch erst fragen,
Eh Ihr dies spracht. Er führte unser Heer,
Vertrat uns selbst und unsre höchste Würde,
Und kraft so hoher Vollmacht darf er aufstehn
Und Euch als Bruder grüßen.

GONERIL
                               Nicht so hitzig!
Sein eigner Wert hat höher ihn geadelt
Als Eure Übertragung.

REGAN
                       In mein Recht
Durch mich gekleidet, weicht er nicht dem Besten.

ALBANY
Das höchstens doch, wenn er sich Euch vermählte.

REGAN
Aus Spöttern werden oft Propheten.

GONERIL
                                     Holla!
Das Aug, mit dem Ihr das gesehen, schielte.

REGAN
Lady, mir ist nicht wohl, ich gäbe sonst
Aus vollem Herzen Antwort. - General,
Nimm hin mein Heer, Gefangne, Land und Erbteil,
Schalt über sie und mich! Du nahmst die Mauern:
Bezeugs die Welt, daß ich dich hier erhebe
Zum Herrn und Gatten.

GONERIL
                        Meint Ihr, er werd Euer?

ALBANY
Dein guter Wille wird es nicht verhindern.

EDMUND
Noch Eurer, Herr!

ALBANY
                    Halbbürtiger Bursche, doch!

REGAN
zu Edmund.
Die Trommeln rührt! - Verficht mein Recht als deins!

ALBANY
Halt! Hört ein Wort! Edmund, um Hochverrat
Verhaft ich dich und diese goldne Schlange.
Auf Goneril deutend.
Was Euern Anspruch anlangt, schöne Schwester,
Ich muß ihn hindern namens meiner Frau,
Denn sie ist insgeheim dem Lord verlobt,
Und ich, ihr Ehemann, erhebe Einspruch
Nun gegen Euer Aufgebot. Wollt Ihr
Heiraten, wendet Eure Liebe mir zu;
Mein Weib ist ja versagt.

GONERIL
                           Ein Zwischenspiel!

ALBANY
Du bist in Waffen, Gloster - blast, Trompeten!
Kommt niemand, dich ins Angesicht zu zeihn
Verruchten, offenbaren Hochverrats:
Hier ist mein Pfand,
wirft einen Handschuh hin.
                      aufs Haupt beweis ichs dir,
Eh Brot mein Mund berührt, du seist das alles,
Wofür ich dich erklärt.

REGAN
                          Krank! Ich bin krank!

GONERIL
beiseit.
Wenn nicht, so trau ich keinem Gift.

EDMUND
Hier ist mein Gegenpfand!
wirft einen Handschuh hin.
                           Wer in der Welt
Mich Hochverräter nennt, lügt wie ein Schurke.
Trompeten, blast! Wer zu erscheinen wagt,
An dem, an Euch, an jedem sonst behaupt ich
Fest meine Ehr und Treu.

ALBANY
                           Ein Herold, ho!

EDMUND
Ein Herold, ho, ein Herold!

[Ein Herold tritt auf. ]

ALBANY
Vertrau allein dem eignen Arm; dein Heer,
Wie ichs auf meinen Namen warb, entließ ich
In meinem Namen.

REGAN
                   Meine Krankheit wächst!

ALBANY
Ihr ist nicht wohl; geht, führt sie in mein Zelt!
Regan wird weggebracht. Ein Herold tritt auf.
Herold, tritt vor! Laß die Trompete blasen!
Und lies dies laut!

OFFIZIER
Blast die Trompete!

Die Trompete wird geblasen;

der Herold liest:
Wenn irgendein Mann von Stand oder Rang im Heer wider Edmund, den angeblichen Grafen von Gloster, behaupten will, er sei ein vielfacher Verräter, der erscheine beim dritten Trompetenstoß; er ist bereit, sich zu verteidigen.

EDMUND
Blase!
Erste Trompete.

HEROLD
Noch einmal! -
Zweite Trompete.
Noch einmal! -
Dritte Trompete. Eine andre Trompete antwortet hinter der Bühne; darauf tritt Edgar bewaffnet auf; ein Trompeter geht ihm voran.

ALBANY
Fragt, was er will, warum er hier erscheint
Auf der Trompete Ladung?

HEROLD
                          Wer seid Ihr?
Eur Nam, Eur Stand? Warum antwortet Ihr
Auf diese Ladung?

EDGAR
                    Wißt, mein Nam verging,
Zernagt vom giftigen Zahne des Verrats;
Doch bin ich edel wie mein Widerpart,
Dem ich Kampf biete.

ALBANY
                       Welchen Widerpart?

EDGAR
Wer stellt sich hier für Edmund Grafen Gloster?

EDMUND
Er selbst. Was willst du ihm?

EDGAR
                                So zieh dein Schwert,
Daß, wenn mein Wort ein edles Herz verletzt,
Dein Arm dir Recht verschafft. Hier ist das meine.
Sieh her, es ist der Anspruch meiner Ehre,
Mein Eid und mein beschwornes Amt: ich zeih dich
Trotz deiner Stärke, Jugend, Würd und Hoheit,
Trotz deinem Siegerschwert und neuem Glück,
Wie Kraft und Mut dich ziert: Du bist Verräter,
Falsch vor den Göttern, deinem Bruder, Vater,
Rebellisch diesem hocherlauchten Fürsten,
Und von dem höchsten Wirbel deines Haupts
Zu deiner Sohle tiefstem Staub herab
Ein krötengiftger Bube. Sagst du nein -
Dies Schwert, mein Arm, mein bester Mut sind fertig,
Was ich gezeugt, aufs Haupt dir zu beweisen:
Du lügst!

EDMUND
Nach Vorsicht sollt ich deinen Namen forschen,
Doch weil dein Äußres also schmuck und kriegrisch
Und Ritterschaft aus deiner Rede spricht -
Was ich mit Fug und Vorsicht könnte weigern
Nach Recht des Zweikampfs, will ich nicht beachten.
In deine Zähne schleudr ich den Verrat,
Werf dir ins Herz zurück die Höllenlüge,
Der - denn sie streifte nur und traf mich kaum -
Mein Schwert sogleich die Stätte bahnen wird,
Wo sie auf ewig ruhn soll. - Blast, Trompeten!
Getümmel; sie fechten; Edmund fällt.

ALBANY
O schont ihn, schont!

GONERIL
                        Du fiehlst durch Hinterlist;
Nach Recht des Zweikampfs warst du nicht verpflichtet
Dem unbekannten Gegner; nicht besiegt,
Getäuscht, betrogen bist du!

ALBANY
                               Dame, schweigt,
Sonst stopft dies Blatt den Mund Euch.
[Zu Edmund. ]
                                        Seht hieher!
[Zu Goneril. ]
Du Schändlichste, lies deine Untat hier!
Zerreißt es nicht! Ich seh, Ihr kennt dies Blatt.
Er gibt den Brief an Edmund.

GONERIL
Und wenn auch, ist das Reich doch mein, nicht dein!
Wer darf mich dafür richten?

ALBANY
                               Scheusal! Oh!
Kennst du dies Blatt?

GONERIL
                        Frag mich nicht, was ich kenne.
Sie geht ab.

ALBANY
Geht, folgt ihr; sie ist außer sich; bewacht sie!
Zu einem Offizier, der abgeht. [Einige aus Albanys Gefolge ab. ]

EDMUND
Wes du mich angeklagt, ich habs getan,
Und mehr, weit mehr; die Zeit enthüllt es bald -
Sie ist am Schluß, und so auch ich. - Wer bist du,
Der so mir obgesiegt? Bist du ein Edler,
Vergeb ich dir.

EDGAR
                  Laß uns Erbarmung tauschen.
Ich bin an Blut geringer nicht als du;
Wenn mehr, so mehr auch hast du mich verletzt.
Edgar heiß ich, bin deines Vaters Sohn.
Die Götter sind gerecht; aus unsern Lüsten
Erschaffen sie das Werkzeug, uns zu geißeln.
Der dunkle, sündige Ort, wo er dich zeugte,
Bracht ihn um seine Augen.

EDMUND
                            Wahr, o wahr! -
Ganz tat das Rad den Umlauf, ich lieg hier.

ALBANY
Mir schien dein Gang schon königlichen Adel
Zu prophezein; nun muß ich dich umarmen.
Gram spalte mir das Herz, wenn ich jemals
Dich oder deinen Vater haßte!

EDGAR
                               Ja,
Das weiß ich, Fürst.

ALBANY
                     Doch wo wart Ihr verborgen?
Wie kam Euch Kunde von des Vaters Elend?

EDGAR
Indem ichs pflegte. Hört ein kurzes Wort;
Und ists erzählt, o bräche dann mein Herz!
Der blutgen Achtserklärung zu entgehn,
Die mir so nah war - o wie süß das Leben!
Daß stündlich wir in Todesqualen sterben
Lieber als Tod mit eins! -, verhüllt ich mich
In eines Tollen Lumpen, daß ich aussah,
Daß Hunde selbst mich scheuten. So entstellt,
Fand ich den Vater mit den blutigen Ringen,
Beraubt der edlen Steine, ward sein Leiter,
Führt ihn und bettelte für ihn und schützt ihn
Vor Selbstmord. Nie gab - leider! - ich mich kund,
Bis ich vor einer halben Stund in Waffen,
Nicht sicher, doch voll Hoffnung dieses Siegs,
Um seinen Segen fleht und von Beginn
Zum Ende meine Pilgerschaft erzählte.
Doch sein zerspaltnes Herz - ach schon zu schwach,
Den Kampf noch auszuhalten zwischen Schmerz
Und Freud - im Übermaß der Leidenschaft
Brach lächelnd.

EDMUND
                  Deine Red hat mich gerührt
Und wirkt wohl Gutes; aber sprich nur weiter,
Es scheint, als hättst du mehr zu sagen noch.

ALBANY
Ist es noch mehr, mehr leidvoll noch, so schweig;
Denn ich bin nah daran, mich aufzulösen,
Dies hörend.

EDGAR
               Dies erschien als Höchstes wohl
Dem, der den Gram nicht liebt; jedoch ein andres,
Noch steigernd, was zu viel schon, überragt
Das Alleräußerste.
Als ich laut schrie vor Schmerz, da kam ein Mann,
Der mich gesehn in meinem tiefsten Elend,
Und meine schreckliche Gesellschaft floh:
Nun aber, da er hörte, wer es sei,
Der dies ertrug, schlug er die starken Arme
Mir um den Hals und heulte laut hinauf
Zum Himmel, gleich als wollt er ihn zersprengen,
Warf sich auf meinen Vater hin, erzählte
Von sich und Lear die kläglichste Geschichte,
Die je ein Ohr vernahm; im Sprechen ward
Sein Schmerz so übermenschlich, daß die Stränge
Des Lebens rissen. - Da zum zweiten Male
Klang die Trompet, ich ließ ihn halb entseelt.

ALBANY
Doch wer war dieser?

EDGAR
Kent, der verbannte Kent, der in Verkleidung
Nachfolgte dem ihm feindgesinnten König
Und Dienste tat, die keinem Sklaven ziemten.
Ein Edelmann kommt in voller Eile mit einem blutigen Messer.

EDELMANN
Helft, helft, o helft!

EDGAR
                         Wem helfen?

ALBANY
                                       Sagt uns an!

EDGAR
Was meint der blutige Dolch?

EDELMANN
                               Er raucht, ist heiß;
Er kommt frisch aus dem Herzen - oh, sie ist tot!

ALBANY
Wer tot? Sprich, Mann!

EDELMANN
Herr, Eure Gattin; ihre Schwester ist
Von ihr vergiftet; sie bekannt es selbst.

EDMUND
Ich war verlobt mit beiden, alle drei
Vermählt ein Augenblick nun.
[Kent tritt auf. ]

EDGAR
                              Hier kommt Kent.

ALBANY
Bringt sie hierher uns, lebend oder tot.
Dies Strafgericht des Himmels macht uns zittern,
Rührt unser Mitleid nicht. -
Der Edelmann geht ab. Kent tritt auf.
                                   Oh, ist das Kent?
Die Zeit verstattet nicht Empfang, wie ihn
Die Sitte heischt.

KENT
                    Ich kam, um meinem König
Und Herrn auf immer gute Nacht zu sagen.
Ist er nicht hier?

ALBANY
                     So Großes ward vergessen!
Sprich, Edmund, wo ist Lear? Wo ist Cordelia?
Gonerils und Regans Leichen werden hereingetragen.
Kent, siehst du, was geschieht?

KENT
Ach, warum so?

EDMUND
                 Edmund ward doch geliebt!
Die eine gab um mich der andern Gift,
Und dann sich selbst den Tod.

ALBANY
So ists. - Verhüllt ihr Antlitz!

EDMUND
Nach Leben ring ich. Gutes möcht ich tun,
Trotz meinem eignen Wesen. Sendet schnell
- O eilt Euch! - auf das Schloß, denn mein Befehl
Geht auf des Königs und Cordeliens Leben.
Ich sag Euch, zögert nicht!

ALBANY
                                  Lauft, lauft, o lauft!

EDGAR
Zu wem, Mylord? Wer hat den Auftrag? Schickt
Ein Pfand des Widerrufs!

EDMUND
Sehr wohl bedacht, hier nimm mein Schwert
Und gibs dem Hauptmann.

EDGAR
                         Eil dich, um dein Leben!
[Ein Offizier ] Edgar geht ab.

EDMUND
Er hat Befehl von deinem Weib und mir,
Cordelien im Gefängnis aufzuhängen
Und der Verzweiflung dann die Schuld zu geben,
Daß sie sich selbst entleibt.

ALBANY
Die Götter schützen sie! - Tragt ihn hinweg!
Edmund wird weggetragen.
Lear kommt, seine Tochter Cordelia tot in den Armen tragend. Edgar, ein Offizier und andere folgen ihnen.

LEAR
Heult, heult, heult, heult! O ihr seid all von Stein!
Hätt ich eur Aug und Zunge nur, mein Jammer
Sprengte des Himmels Wölbung! - Hin auf immer!
Ich weiß, wenn einer tot und wenn er lebt:
Tot wie die Erde. Einen Spiegel her!
Und wenn ihr Hauch die Fläche trübt und fleckt,
Dann lebt sie noch.

KENT
                     Ist dies das Weltenende?

EDGAR
Sinds Bilder jenes Grauens?

ALBANY
                              Sturz und Ende?

LEAR
Die Feder regte sich, sie lebt! O lebt sie,
So ists ein Glück, das allen Kummer tilgt,
Den ich jemals gefühlt.

KENT
kniend.
                               O teurer Herr!

LEAR
Fort, sag ich dir!

EDGAR
                     's ist Kent, Eur edler Freund.

LEAR
Fluch über euch, Verräter, Mörder, alle! -
Ich könnt sie retten; nun dahin auf immer!
Cordelia, Cordelia! Wart ein wenig, ha!
Was sprachst du? - Ihre Stimme war stets sanft,
Zärtlich und mild; ein köstlich Ding an Fraun -
Ich schlug den Sklaven tot, der dich gehängt.

[KENT ] OFFIZIER
's ist wahr, Mylords, er tats.

LEAR
                                Tat ichs nicht, Bursch?
Einst war die Zeit, wo sie mein gutes Schwert
Wohl hätte springen machen. Nun bin ich alt,
Und all dies Leid bringt mich herab. - Wer bist du?
Mein Aug ist nicht das beste; ich weiß es gleich.

KENT
Rühmt sich Fortuna Zweier, die sie liebte
Und haßte - einen sehn wir hier.

LEAR
Ich sehe nur so trüb - bist du nicht Kent?

KENT
Ich bin dein Diener Kent; doch wo ist Cajus?

LEAR
Das ist ein wackrer, treuer Bursch, das glaubt mir;
Der schlägt und säumt nicht. - Er ist tot und fault.

KENT
Nein, teurer Fürst; ich selber bin der Mann.

LEAR
Das will ich sehn.

KENT
Der gleich seit Eurem Abweg und Verfall
Folgt Eurer finstern Bahn.

LEAR
                            Willkommen hier!

KENT
Nein, keiner wohl! - Trüb alles, tot und trostlos! -
Eure ältern Töchter legten Hand an sich
Und starben in Verzweiflung.

LEAR
                              Ja, das denk ich.

ALBANY
Er weiß nicht, was er sagt; es ist vergeblich,
Daß wir uns ihm erklären.

EDGAR
                           Ganz umsonst.
Ein Hauptmann kommt.

HAUPTMANN
Edmund ist tot, Mylord!

ALBANY
                          Das ist nicht wichtig hier. -
Ihr Freund' und edlen Lords, hört meinen Willen:
Was Trost sein kann bei so gewaltigen Trümmern,
Das sei versucht. Ich selbst entsage hier
Zugunsten dieser greisen Majestät
Der Herrschermacht.
Zu Kent und Edgar.
                     Ihr tretet in Eur Recht
Mit Ehr und Zuwachs, wie es Eure Treu
Mehr als verdient hat. Alle Freunde sollen
Den Lohn der Tugend kosten, alle Feinde
Den Kelch, den sie verdient. - O seht, o seht!

LEAR
Und tot mein armes Närrchen? - Nein! Kein Leben!
Ein Hund, ein Roß, 'ne Maus soll Leben haben,
Und du nicht einen Hauch? - O du kehrst nimmer wieder,
Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals! -
Ich bitt Euch, knöpft hier auf! - Ich dank Euch, Herr! -
Seht Ihr dies? Seht sie an! Seht ihre Lippen,
Seht hier, seht hier!
Er stirbt.

EDGAR
                        Er sinkt! - Mein Herr, mein Herr!

KENT
Brich, Herz, ich bitt dich, brich!

EDGAR
                                     Blick auf, mein Herr!

KENT
Quält seinen Geist nicht! Laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,
Der auf die Folter dieser zähen Welt
Ihn länger spannen will.

EDGAR
                          O wirklich tot!

KENT
Das Wunder ist, daß ers ertrug so lang;
Sein Leben war nur angemaßt.

ALBANY
Tragt sie hinweg! - Ich kann nichts mehr als trauern.
Zu Kent und Edgar.
O Freunde meiner Seele, herrscht ihr beiden
In diesem Reich und heilts von seinen Leiden!

KENT
Ich muß zur Reise bald gerüstet sein;
Mein Meister ruft, ich darf nicht sagen nein.

ALBANY
Laßt uns, der trüben Zeit gehorchend, klagen:
Nicht, was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen.
Dem Ältsten war das schwerste Los gegeben,
Wir Jüngern werden nie so viel erleben.
Sie gehn mit einem Totenmarsche ab.