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König Laurins Mantel

Hans Dominik: König Laurins Mantel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
booktitleKönig Laurins Mantel/Atomgewicht 500
titleKönig Laurins Mantel
publisherUniversitas
year1980
isbn3800408856
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140207
projectidba5b648e
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In Dobra waren alle Lichter erloschen. Aus einer Hintertür traten Franz Harrach und Mr. Hal. Leise flüsternd standen sie eine Weile. Dann wurde die Stimme des Brasilianers B. lauter und schärfer.

»Ich muß darauf bestehen, Mr. Harrach, daß Sie sich, wie verabredet, den Leuten anschließen. Schidlowsky erscheint mir wenig zuverlässig. Macht auch den Eindruck, als sei er angetrunken. Sie sind mit den Örtlichkeiten in Winterloo aufs beste vertraut. Bleiben Sie im letzten Augenblick zurück, so ist der Erfolg unseres Unternehmens trotz der umfassenden Vorbereitungen in Zweifel gestellt.«

»Aber Morawsky!« warf Harrach ein. »Er kennt ebenso, ja, noch besser als ich die Umgebung von Winterloo.«

»Mag sein!« erwiderte der Südamerikaner kurz. »Doch müßten Sie wissen, daß die besten Untergebenen ohne energische, tüchtige Leitung wenig wert sind. Morawsky ist keine solche Natur.«

Noch zögerte Harrach, da sagte Hal: »Der Scheck in Ihrer Tasche – vergessen Sie es nicht, Herr Harrach! – ist auf übermorgen datiert. Er ist leicht zu sperren.«

Harrach brummte ein paar unwillige Worte in deutscher Sprache vor sich hin, ging dann vor den anderen her. Am Rande des Waldes trafen sie Schidlowsky und seine Schar.

»Morawsky!« rief Harrach mit halblauter Stimme.

»Er ist nicht hier«, erwiderte einer der Leute. »Er ging noch einmal zurück zu den Hintergebäuden des Hofes.«

»So laufe hin, hole ihn!« befahl Harrach ärgerlich.

Nach einer kleinen Weile kam der Bote mit dem Gesuchten zurück. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Morawsky an die Spitze. Ihm allein war der Weg durch die Wälder und Sümpfe bekannt. –

Weit über eine Stunde waren sie schon unterwegs. Der Pfad wurde immer schmaler. Schließlich war er nur noch für eine einzelne Person passierbar, so daß die Leute einer hinter dem anderen gehen mußten. Ab und zu klang ein ärgerlicher Fluch aus der Reihe. Man war genötigt, möglichst genau in die Fußtapfen der Vordermänner zu treten, um nicht in den gefährlichen Sumpf zu geraten.

An einer Stelle, wo der Weg etwas besser schien, wollte Harrach halten lassen. Er ging unmittelbar hinter Morawsky. Das Murren in seinem Rücken ward stärker und stärker. Die Leute am Ende des Zuges waren besonders angestrengt. Der Boden, der die ersten noch eben getragen, drohte unter den letzten schon durchzubrechen.

Doch Morawsky ließ sich durch keinen Zuruf hemmen. Unentwegt schritt er vor ihnen her. »Wir haben bald festen Boden unter uns. – Dann können wir rasten!« sagte er undeutlich.

Am hinteren Ende des Zuges schien man den Worten wenig zu trauen. Wurde doch der Weg gerade jetzt immer schwieriger. Blieb schon längst nicht mehr in einer Richtung. Bald nach rechts, bald nach links ausbiegend, führte er wie in einem Irrgarten fast in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

Endlich –! Morawsky war stehengeblieben, deutete auf ein dichtes Erlengebüsch mitten im Wege.

»Hier können wir rasten!«

Er sprang um einen umgestürzten Baum herum, bahnte sich einen Durchschlupf in das Gebüsch. Die anderen drängten nach. Hier und da ein Wort der Befriedigung. Gott sei Dank, wieder feste Erde!

Der Mond war aufgegangen. Sein Schein drang durch den lichten Wald, ließ die Umgebung fast in Tageshelle erkennen. Harrach trat aus dem Erlengebüsch in der Richtung, aus der Morawskys Stimme erklungen. Er stieß einen lauten Fluch aus. Der Boden unter ihm gab nach. Nur mit verzweifeltem Satz rettete er sich in den Busch zurück.

»Morawsky, wo bist du? Komm hierher!« stieß er wütend hervor.

Keine Antwort. Sollte der Pole schon so weit voran sein? Lauter noch einmal ließ Harrach seine Stimme erschallen.

Alles hielt lauschend an. Doch vergeblich warteten sie auf Morawskys Zuruf. Nichts zu hören. Nichts zu sehen. Schidlowsky wollte seine Pistole abschießen, um ein Zeichen zu geben; doch Harrach fiel ihm in den Arm.

»Sind Sie toll geworden!? Ein Schuß hier alarmiert sofort die Grenzwachen. «Weiß der Teufel, ob wir auf deutschem oder polnischem Gebiet stehen.«

Da klangen von hinten her laute Rufe. Harrach eilte ärgerlich dorthin. »Was schreit ihr so?«

»Spuren von Männertritten, die zurückführen! Nur Morawsky kann das gewesen sein.«

Harrach bückte sich, suchte den Boden mit Hilfe einer elektrischen Laterne genau ab. Kein Zweifel: Auf eine Entfernung von zehn Schritten waren die Tritte genau zu erkennen. Der Mensch, der da gegangen, war hier am Busch, wo der Pfad sich verbreiterte, an ihnen vorbeigekommen.

Harrach richtete sich auf, wandte sich zu Schidlowsky, der neben ihn getreten war. »Nur Morawsky kann das gewesen sein. Aber warum? Weshalb?«

»Unmöglich. Die Spuren sind ja höchstens einen Schritt von unseren entfernt. Selbst bei der Dunkelheit hätte Morawsky nicht ungesehen an uns vorüberkommen können. Ebensowenig natürlich ein anderer.«

»Und doch ist es so!« fuhr Harrach dazwischen. »Die Spuren sind ganz frisch. Sie prägen sich in der feuchten Oberfläche so deutlich aus, daß höchstens Minuten verstrichen sein können, seitdem hier einer vorüberkam. Aber einerlei! Wir dürfen uns nicht länger aufhalten. Wir müssen versuchen, vorwärts zu kommen. Die Zeit wird knapp. Morawsky muß unser Rufen überhört haben. Suchen wir seine Spur!«

Mit der starken Laterne begaben sich Harrach und Schidlowsky nach vorn, suchten vergeblich die Umgebung des Busches ab. Nirgends ein Pfad zu entdecken.

»Nun, Herr Harrach, Morawsky wird doch nicht geflogen sein? Hier in dieser Richtung ist er jedenfalls nicht gegangen. Eine Spur führt nach rückwärts. Sie muß von Morawsky sein. Anders ist es nicht denkbar. Es bleibt uns nichts übrig, als ihr zu folgen, um aus dieser Sackgasse herauszukommen.«

Harrach nickte zustimmend. »Ja, ja«, sagte er dann nach einigem Zögern. »Es wäre schließlich möglich, daß Morawsky selbst den Weg verfehlt hat und zurückging, um einen besseren zu suchen.«

Schidlowsky nahm Harrachs Laterne, schritt dem Zug voraus. Doch je weiter man kam, desto schwieriger wurde es, die früheren Fußtapfen zu finden. An den besonders nassen Stellen waren die Eindrücke mit Wasser ausgefüllt. Der Boden zeigte dann kaum einen Unterschied von der übrigen Umgebung. Ein paarmal wurden sie durch anscheinend günstiges Terrain getäuscht. Sie kamen aus der Richtung, und nur nach langem Suchen fanden sie nach der alten Stelle zurück.

Harrach sah auf die Uhr. Mitternacht war längst vorbei – die Zeit, wo in Winterloo schon alles getan sein sollte. Ein Wunder, wenn sie überhaupt wieder aus diesem Morast herausfänden! Als letztes blieb ihnen ja noch die Möglichkeit, durch Schüsse die Grenzpatrouillen zu alarmieren. Aber das durfte nur im äußersten Notfall geschehen, denn es hieß ja, alles verraten. – – –

Die Nacht war schon beinahe vorüber, als sie wieder in Dobra ankamen. Schidlowsky und seinem Trupp wurde in einer Scheune ein notdürftiges Lager bereitet, da die Leute durch die nächtliche Anstrengung völlig erschöpft waren. Auch Harrach war am Ende seiner Kräfte, dachte an nichts anderes als an Schlaf. Mochte der Südamerikaner schimpfen und fluchen, soviel ihm beliebte!

Er wollte sich eben zur Ruhe legen, da pochte Schidlowsky stürmisch an die Tür. »Morawsky ist da!«

Im Nu war alle Müdigkeit von Harrach gewichen. Er warf einen Mantel über, eilte hinaus. »Wo ist er, der Schurke, der Halunke?«

»In der Scheune.«

Harrach achtete nicht auf Schidlowskys sonderbares Gesicht, sondern stürmte wie ein Rasender der Scheune zu.

»Morawsky, weshalb hast du uns im Stich gelassen? Wie konntest du es wagen, einfach fortzugehen? Doch warte, du sollst es büßen, uns in den Sumpf gelockt zu haben! Bist bestochen von der Gegenseite. Steh auf, wenn ich mit dir spreche!« schrie er den am Boden Liegenden an.

»Er ist gefesselt!« scholl es aus dem Haufen der anderen zurück.

»Gefesselt? Morawsky? Ah, ihr habt's besorgt! Gut so!«

»Nein! Wir fanden ihn so.«

Harrach stand fassungslos. »Befreit ihn! Hebt ihn auf!«

Das war schnell geschehen. Stöhnend richtete sich Morawsky in die Höhe. Harrach schüttelte ihn am Arm. »Mensch! Kannst du nicht sprechen? Erzähle, wie du hierherkommst! Wer hat dich gebunden?«

Stockend begann Morawsky: »Ich weiß es nicht, Herr. Ging in die Leutestube, einen Pelz zu holen. Wie ich auf dem Rückweg hier bei der Scheune vorbeikam, stürzte ich auf die Erde. Es war mir, als wenn mir plötzlich die Füße unter dem Leibe fortgezogen wären. Ehe ich mich aufraffen konnte, fühlte ich, wie mir Hände und Beine gebunden wurden ...«

»Und du weißt nicht, wer das war? Du hast niemand gesehen? Unmöglich! War's einer, waren's mehrere? Du mußt es wissen!«

Morawsky schüttelte den Kopf. »Ich habe niemand gesehen. Weiß nur noch, daß man mir den Pelz wegnahm und meine Mütze. Dann wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich verlor die Besinnung. Wurde erst wieder wach, als die andern mich hier fanden.«

»Lüge, du Schurke!« schrie Schidlowsky dazwischen. »Du bist doch im Sumpf vor uns hergegangen – über eine Stunde lang!«

Harrach hieß ihn schweigen. »Sie vergessen, Schidlowsky, daß dem Morawsky Pelz und Mütze genommen wurden. Ein anderer hat sie angelegt. In der Nacht – er hat uns nur den Rücken gezeigt – konnte er unsere Augen täuschen.«

»Ah! Sie haben recht! Jetzt fällt mir auch auf, daß der, der da vor uns ging, kaum ein Wort gesprochen hat. Doch jetzt möchte ich schlafen! Bin hundemüde.«

Er warf sich neben die anderen aufs Stroh. Harrach ging mit Morawsky ins Haus zurück.

 

»Hörten Sie nicht oben Schritte, Wildrake?«

»Allerdings, Droste. Es war mir, als ginge jemand in Doktor Arvelins Zimmer.«

Hastig eilte Droste die Treppe zu des Doktors Räumen hinauf, klopfte an. Erst nach einer kleinen Weile wurde geöffnet.

»Ah, Vater Arvelin, wo bliebst du so lange? Und wie erschöpft du aussiehst! Wo warst du?«

Arvelin ließ sich in seinen Lehnstuhl fallen. Ein Lächeln glättete die runzlige Stirn. »Ja, lieber Medardus, ich konnte es mir nicht versagen, den Scherz, den ich mit Harrach und seinen Spießgesellen machte, teilweise mitanzusehen. Morawsky hat seine Sache trefflich gemacht. Er führte die Gesellschaft in dem Sumpf derart in die Irre, daß sie vor morgen früh sicher nicht herausfinden werden.«

»Und er selbst?«

»Oh! In einem dichten Erlengebüsch hat er sich ungesehen gedrückt.«

»Und wir, Wildrake und ich, haben währenddessen hier tatenlos sitzen müssen, ohne etwas zu entdecken. Vorher, als der Mond so hell schien, sind wir ein paarmal am Strand gewesen. Mit dem Nachtglas konnte man ungefähr feststellen, wo jenes brasilianische Boot liegt. Hätten ihm ja gern einen kleinen Besuch gemacht. Aber du hattest uns doch feierlich verpflichtet, uns nicht aus dem Schlosse zu rühren.«

»Nun, ich denke, die Leute in dem Schoner werden des Wartens müde geworden sein und sich entfernt haben.«

»Möglich. Doch ich traue dem Frieden nicht. Wenn kühne Leute an Bord wären, müßten sie doch einen Versuch machen, ihrerseits etwas zu unternehmen. Jedenfalls werde ich mit Wildrake ein scharfes Auge auf den Strand haben. Du aber, Vater Arvelin, leg' dich zur Ruhe! Die vielen Fragen, die ich an dich habe, wirst du mir später beantworten müssen, denn manches ist mir doch recht unklar.« – – –

»In einer halben Stunde wird die Sonne aufgehen, Wildrake. Ich glaube, wir können unsere Patrouillengänge im Park aufgeben. Das Treiben dieser Halunken scheut doch das Tageslicht.«

»Ich gäbe etwas darum, wenn ich wüßte, wer diese Brasilianer, dieser Senhor Remedio und Konsorten sind!«

»Nun, sie werden sicherlich mit falschen Pässen hier sein. Denn geht etwas schief, werden ihre Hintermänner kaum geneigt sein, sie zu schützen. Doch gehen wir jetzt dem Mausoleum zu und dann ins Haus!«

Sie schritten quer über den Rasen nach dem Gruftgebäude. Das dichte Gras dämpfte ihre Schritte. Eben wollten sie um die Ecke des Mausoleums biegen, da standen sie plötzlich still. Ein Geräusch auf dem kiesbestreuten Weg, der zum Schloß führte, ließ sie aufmerken.

»Es kommt jemand«, flüsterte Wildrake. Steckte dabei vorsichtig den Kopf um die Ecke, fuhr blitzschnell zurück. »Er ist im Schatten der Mauer stehengeblieben, schaut sich suchend um.«

Droste legte die Finger auf die Lippen. »Sobald er weitergeht, springen wir auf ihn zu, stellen ihn.«

Nach einer Weile hörten sie, wie der Fremde um das Gebäude herumgeschritten kam. In dem Augenblick, als er die Ecke erreichte, hielten sie ihm ihre Waffen entgegen.

»Halt! Hände hoch – sofort! Oder wir schießen!« rief Wildrake.

Langsam hob der Fremde die Hände.

»Nun, Droste, leuchte doch mal dem Gentleman ins Gesicht! Ich bin neugierig, wer dieser fremde Vogel ist. – Ah!« Verblüfft ließ Wildrake die Waffe sinken. »Major Tejo? Sie? Ihnen also hätten wir diesen schönen Besuch zu verdanken gehabt, wenn nicht – –«

»Was sagten Sie, Wildrake?« unterbrach ihn Droste. »Major Tejo? Der Fang ist nicht schlecht. Doch ich denke, unsere Unterredung wird sich ruhiger gestalten, wenn wir uns vor Überraschungen schützen. Wollen Sie nicht dem Herrn die Waffen abnehmen, Wildrake, die er sicherlich bei sich trägt?«

Tejo wollte zurückweichen, doch schnell richtete Droste seinen Revolver auf ihn. »Ruhe, Herr Major! Sonst! – Donnerwetter, Wildrake, das ist ja allerhand, was Sie da in den Taschen fanden! Und keine Papiere? Nicht mal eine Brieftasche?«

Wildrake schüttelte den Kopf. »Nein! Der Herr war sehr vorsichtig.«

»Schade! Unser Außenministerium hätte vielleicht Interesse dafür gehabt. Wozu hier lange stehen? Gehen wir ins Haus, um unseren Gast gebührend zu bewirten!«

Als sie dem Hauptweg zuschritten, sahen sie vom Schloß her jemand herabkommen.

»Noch ein Vogel dieser Art?« Wildrake deutete nach vorn.

Droste schüttelte zweifelnd den Kopf. »Wenn ich mich nicht irre, ist es Vater Arvelin. Die Sorge um uns hat ihn nicht schlafen lassen. Und er war doch so müde und erschöpft. Aber es ist wohl besser, wir bleiben hier im Schutz des Mausoleums. Es wird immer heller. Unberufene Augen könnten uns vom Schloß her sehen. Was wird Arvelin sagen?«

Der war jetzt auf wenige Schritte an sie herangekommen.

»Wer ist der Mann, Medardus? Wie kommt er zu euch?«

»Ich will ihn Ihnen vorstellen, Herr Doktor Arvelin«, rief Wildrake. »Es ist Major Tejo. Den Namen haben Sie wohl schon gehört? Unser ganz besonderer Freund. Er ist augenscheinlich trotz unserer Wachsamkeit von dem Schoner drüben gekommen.«

Arvelin trat nahe an die heran. Seine Augen ruhten auf Tejos Gesicht, senkten sich in dessen Blick. »Sie haben Schweres durchgemacht, Herr Major. Der Krieg raubte Ihnen Eltern und Geschwister. Jenes beklagenswerte Ereignis – Sie türmen alle Schuld auf diesen hier!« Er deutete auf Wildrake. »Und er war doch nur Werkzeug, wie Sie es waren, wenn Sie Ihre Gegner schädigten, wie Sie konnten. Glauben Sie, das Rechte zu tun, wenn Sie auch jetzt noch, da die Waffen ruhen, Ihrem Hasse folgen? Unablässig diesen einen Ihrer Gegner verfolgen, vernichten wollen? Mit seinem Blut würden weder Ihre Angehörigen noch die vielen anderen wieder zum Leben erweckt – –«

Unter dem zwingenden Bann der Augen des alten Mannes wandte Tejo den Kopf zur Seite.

»Sie sprechen zu einem Stein! Jedes Wort ist umsonst, Herr Dr. Arvelin!« rief Wildrake. »Seine Rachsucht, die meine kranken Eltern, meine Braut, meine Schwester ins Gefängnis werfen ließ, wird nie ruhen.«

»Nehmen wir ihn mit ins Schloß!« unterbrach ihn Droste. »In irgendeiner Weise müssen wir versuchen, ihn auszuschalten.«

Arvelin schüttelte den Kopf. »Nein, Medardus! Der Mann ist frei. Er kann gehen, wohin er will.«

»Unmöglich!« Wildrake drängte sich erregt zwischen Arvelin und Tejo. »Das hieße mit dem Leben spielen, ließen wir ihn frei.«

»Es bleibt bei meinen Worten, Kapitän Wildrake! Glauben Sie mir: Wer, wie ich selbst, am Rande des Grabes steht und die Nichtigkeit alles Lebens erkannt hat, weiß zu verstehen – zu verzeihen. – Gehen Sie, Herr Major Tejo!«

 

Wochen waren vergangen. Tormälen schritt zur Werft. Der U-Boot-Bau war in Tag- und Nachtschichten so gefördert worden, daß demnächst die Probefahrten beginnen konnten. Am Wasser angekommen, betrachtete er kopfschüttelnd den Bau.

Ein merkwürdiges Schiff! Flugzeug und U-Boot zugleich. All das, was diese beiden Fremden ihm erzählt hatten, erschien ihm, je weiter der Bau fortschritt, immer zweifelhafter. Ein inneres Gefühl sagte ihm, daß die Welt wohl eines Tages eine Überraschung davon erleben könnte. Doch er war ein schweigsamer Mann, behielt alle seine Gedanken für sich. Das letzte große Rätsel für ihn war, daß die beiden die Ölvorräte von auswärts holten. In mehreren Fahrten hatten sie den nötigen Treibstoff herbeigebracht, um die Tanks des U-Bootes zu füllen.

Tormälens Blick hing an dem Deck des Schiffes. Die leeren Schraubenbolzen, die mannigfachen Verstrebungen, die sonderbare Anordnung übermächtig dimensionierter Motoren – das alles ließ keinen Zweifel, daß das Schiff irgendwo anders noch mit besonderen, ihm unerklärlichen Vorrichtungen versehen werden würde.

Von der Werftuhr schlug die Feierabendstunde. Ein paar Arbeiter entstiegen dem Schiffsbauch. Gleich darauf kamen auch Wildrake und Droste aus der Luke emporgeklettert. Als sie Tormälen gewahrten, winkten sie ihm zu. Sprachen erst wie überlegend ein paar Worte miteinander und gingen zu ihm an Land.

»So wäre denn alles fertig, Herr Tormälen!« redete ihn Wildrake an. »Wir können Ihnen unsere Anerkennung nicht versagen. Es war ein tüchtiges Stück Arbeit, das Sie da geleistet haben.«

»Loben Sie es nicht zu früh! Warten wir die Probefahrten ab! Dann erst wird sich's zeigen, ob – –«

»Die Probefahrten«, unterbrach Droste, »werden nur bestätigen, was mein Freund eben sagte. Das Schiff wird unsere Erwartungen eher übertreffen als enttäuschen.«

»Nun, so wäre es wohl angebracht, Ihr Schiff zu taufen, meine Herren. Ich meine nicht etwa eine große Feier, die ist ja überflüssig. So manches Schiff habe ich gebaut, doch keins ist in das Taufbecken geglitten, ohne daß der Patron ihm einen Namen gegeben.«

»Der Name?« Wildrake sah Droste lachend an. »Ja der Name! Ich glaube, er wird Ihnen später noch häufig in den Ohren klingen, Herr Tormälen. Doch immerhin –« er reichte ihm die Hand – »mögen Sie ihn heute schon wissen. Das Schiff wird heißen: ›Venezuela libre‹.«

Tormälen kniff die Augen zusammen. Ein leiser Pfiff. Er nahm Wildrakes Rechte, preßte sie mit kräftigem Druck. »Möchte, das Wort würde wahr werden, meine Herren!«

Dann wandte er sich um, schritt zu den Helligen. »Eine nette Überraschung das!« murmelte er vor sich hin. »Bin gespannt, was sich daraus entwickelt!« – –

Die Überraschung, die der nächste Morgen brachte, war nicht geringer. Das Schiff war von seinem Ankerplatz verschwunden. Ein kurzes Billett wurde an Tormälen abgegeben.

»... Probefahrt diese Nacht glänzend verlaufen. Weitere Ausdehnung beschlossen. Sie werden von uns hören.«

Tormälen zerriß das Papier in kleine Stückchen, nickte dabei zufrieden.

 

Gegen Abend des nächsten Tages sichtete die Luxusjacht Lord Truxtons östlich der Doggerbank im Schein der sinkenden Sonne einen dunklen, glatten Schiffsrumpf, der mit äußerster Schnelligkeit auf sie zuhielt.

»Bei Gott, sie sind's, Wildrake!« rief der Lord. »Das Schiff scheint mehr als die vereinbarte Knotenzahl zu leisten. Weiß der Henker, wie es möglich ist, daß die beiden es allein bedienen können. Dieser Droste scheint ein Teufelskerl zu sein. Ein Automat der ganze Kahn – denn schließlich muß es auch einer können. Der andere muß doch mal schlafen ... Es ist ein Trauerspiel mit Ihnen, Wildrake. Mit niemand dürfte ich wetten als mit Ihnen, und Sie wollen nicht. Wette auf alles, was Sie wollen, Wildrake!«

Der wehrte lachend ab. »Machen wir uns bereit, Truxton! Gleich werden wir sie an Bord haben.«

Ein paar Augenblicke später legte das U-Boot sich an die Leeseite der Jacht. Gleichzeitig wuchs aus seinem Deck ein Kran. Ein paar Trossen fielen vor Truxton und James Wildrake nieder. Die machten sie eigenhändig fest.

»All right, an die Arbeit!« rief Lord Truxton, warf den Rock ab, krempelte die Hemdsärmel auf. »Kommt rüber! Seht euch die netten Dinge an, die wir euch mitgebracht haben!«

Es war eine freudige Begrüßung. James Wildrake ruhte nicht, bis sie alle vier in der Kajüte saßen und etlichen Flaschen alten Rheinweines den Hals brachen. Doch den Lord litt es nicht lange.

»Kommen Sie, Mr. Droste! Sie sollen sehen, daß wir auch nicht untätig waren!«

Er zog ihn durch ein paar Gänge hindurch in den Schiffsbauch. Wies mit stolzer Gebärde auf ein Arsenal von Waffen und Geschossen aller Art. »Wird ein tüchtiges Stück Arbeit geben, das alles rüberzunehmen. Fangen wir hier bei diesen netten 15-Zentimeter -Geschützen an! Klein und niedlich, wie Sie sehen. Sind leicht mitzuführen für Sie. Und doch – ihre Wirkung –! Nun, Sie werden bald Gelegenheit haben, sie zu erproben.«

Eine Stunde später schlossen sich die Luken auf den zwei Fahrzeugen. Der Kran verschwand. Wildrake sprang mit einem letzten Lebewohl auf das U-Boot hinab. Die hellen Scheinwerfer erloschen. Die Maschine dröhnte. Ein paar Minuten später umhüllte dunkle Nacht beide Schiffe.

 

»U-Boot voraus!« rief der Ausguck vom Fockmast der »Saragossa«, die auf der Fahrt von Santander nach Rio de Janeiro eben den Azorennebel hinter sich gelassen hatte. Der Wachtoffizier nahm das Glas zur Hand, rief durchs Mikrophon nach der Kabine des Kapitäns Madero.

»U-Boot voraus! Zeigt keine Flagge, gibt Signal zum Halten.«

Der Kapitän stieg eilig nach oben, trat zu dem Offizier. Die »Saragossa« war so nahe an das U-Boot herangekommen, daß er's mit bloßem Auge genau erkennen konnte.

»Eigenartiges Kriegsfahrzeug! Zeigt keine Nationalität. Was mag der wollen?« Er nahm das Glas vor die Augen. »›Venezuela libre‹ steht an seinem Bug. Merkwürdiger Name! Sollte es ein venezuelisches Boot sein? Wie kommt das hierher?«

Er gab das Kommando: Stoppen. Die »Saragossa« verlangsamte ihre Fahrt. Eine halbe Seemeile von dem U-Boot entfernt lag sie still. Eine Pinasse stieß von dem U-Boot ab, legte an der »Saragossa« an. Der Kapitän erwartete den Ankömmling am Fallreep.

»Ich bin Robert Wildrake.«

Der Kapitän trat erstaunt einen Schritt zurück. »Ah! Kapitän Robert Wildrake?! Welche Ehre, Sie an Bord meines Schiffes begrüßen zu können!«

»Ich hoffe, Herr Kapitän, daß Sie meine kleine Bitte erfüllen werden, diesen Brief bei Ihrer Ankunft in Rio de Janeiro an die angegebene Adresse weiterzuleiten.«

Madero ließ einen Blick über die Aufschrift gleiten. »O gewiß! Sehr gern!«

»So seien Sie im voraus bedankt, mein Herr!« Wildrake reichte ihm grüßend die Hand, stieg das Fallreep hinunter.

Inzwischen war wie ein Lauffeuer die Nachricht durch die »Saragossa« gelaufen, daß Kapitän Wildrake an Bord sei. Von allen Seiten kamen Passagiere und Matrosen herbei. Wildrake stieg eben in seine Pinasse, da brach es oben von der Reling los: »Hoch Kapitän Wildrake! Hoch Venezuela libre!«

Wildrake schwenkte dankend seine Mütze. Während die Pinasse dem U-Boot zuschoß, fingen die Maschinen der »Saragossa« an zu arbeiten. Langsam, schnell dann und immer schneller schraubte der mächtige Koloß sich westwärts.

 

Noch ganz benommen von dem Erlebten, war Madero in seine Kajüte gegangen. Erst nach geraumer Zeit fiel ihm die Sendestation ein. Er rief den Funkeroffizier an: »Es werden keine Telegramme abgegeben, die unsere Begegnung mit Kapitän Wildrake behandeln.«

Der antwortete zurück: »Ein Telegramm nach Spanien ist schon abgegangen.«

Madero stampfte ärgerlich auf den Boden. »Na! Dann ist's eben nicht mehr zu ändern! In Zukunft ist die Station für alles, was auf Wildrake Bezug hat, gesperrt. Sehen Sie zu, wie Sie fertig werden!«

Eine Stunde später herrschte im Funkerraum ein tolles Durcheinander. Berge von Anfragen aus allen möglichen Orten sammelten sich dort. Soweit die »Saragossa« antwortete, blieben ihre Mitteilungen verstümmelt, unverständlich. –

Kurz vor Rio de Janeiro ging Kapitän Madero von Bord. Er winkte noch vom Boot her dem Ersten Offizier zu, dem er das Kommando übergeben hatte.

»Viel Vergnügen, Morales! Sehen Sie zu, wie Sie mit dem Reportervolk in Rio klar kommen. Ich benutze diese Gelegenheit, einen ehrenvollen Rückzug anzutreten, werde hoffentlich ohne Zwischenfall Brasilia erreichen!« –

 

Der Außenminister Senhor Torno war im Begriff, zu einer Konferenz mit dem Präsidenten zu fahren.

Ein Sekretär trat ein.

»Dieser Brief wurde eben abgegeben. Da darauf vermerkt ist: ›An Seine Exzellenz persönlich‹, bringe ich ihn. Zugleich möchte ich bemerken, daß ein Schwarm von Reportern das Pressebüro im Hause belagert.«

Torno zögerte einen Augenblick. »Bitte, lesen Sie das Schreiben vor!«

Der andere tat, wie ihm geheißen. Seine Augen schauten dabei immer wieder nach dem Minister. Würde der nicht auch lachen über diese Komödie? Doch Torno verzog keine Miene. Sagte nur kurz: »Bringen Sie das Schreiben irgendwo unter! Der Absender scheint wahnsinnig geworden zu sein.«

Enttäuscht ging der Sekretär langsam zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Die Pressevertreter, Euer Exzellenz!«

»Ah so? Die Herren möchten gern – – nun, so tragen Sie den Brief zum Pressebüro! Sie mögen dort ihren Mummenschanz damit treiben!« – – –

Eine Viertelstunde später brachten die Mittagsausgaben unter dicksten Schlagzeilen den Inhalt des Briefes.

Kriegserklärung Robert Wildrakes an die Regierung der Vereinigten Staaten von Brasilien! Darunter spaltenlange Berichte, aus denen einzelne Schlagworte in Fettdruck ins Gesicht sprangen: ›Völkerrechtswidrige Vergewaltigung Venezuelas. – Nicht das brasilianische Volk, sondern eine Gruppe machthungriger Herrscher hat den Krieg gemacht. Annexion des venezuelanischen Gebietes bis zum Ventuari-Fluß gegen den Willen der Bewohner. Bruch der Waffenstillstandsbedingungen. Überfall auf Aruba. Unmoralischer Zwang auf die Regierung Venezuelas. Das venezuelanische Volk steht nicht mehr hinter dieser Regierung – ich erkenne die gegenwärtige venezuelanische Regierung nicht als die vom Volke gewollte an – verweigere auch ihren Abmachungen die Anerkennung – fordere Zurücknahme der brasilianischen Besatzungstruppen, Zusammentritt einer neuen Friedenskonferenz in einem neutralen Land – werde nicht eher die Waffen niederlegen, bis Venezuelas Boden wieder frei. Ich werde vierundzwanzig Stunden nach Überreichung dieser Erklärung die Feindseligkeiten beginnen, falls nicht bis dahin eine befriedigende Antwort der brasilianischen Regierung mich erreicht hat ...‹

Das Publikum in seiner Masse verhielt sich dem Manifest gegenüber ziemlich gleichgültig. Höchstens, daß manche die Erklärung als einen üblen Scherz oder als das Werk eines Geisteskranken betrachteten. Die Zeitungen jedoch ließen sich den fetten Bissen nicht entgehen. Die nächsten Ausgaben brachten spaltenlange Kommentare.

Soweit sie von militärischen Federn verfaßt waren, ließen sie einen gewissen Ernst nicht verkennen. Aus den Aussagen der Leute auf der »Saragossa« ging doch hervor, daß Wildrake im Besitz eines U-Bootes sei. Setzte er seine Drohung in Taten um, war es klar, daß erhebliche Verluste an Gütern und Menschenleben eintreten mußten, ehe es gelingen würde, ihn unschädlich zu machen.

Am Spätnachmittag verkündete eine offizielle Radionachricht aus Caracas, daß die venezuelische Regierung Wildrake und seine Gefährten, soweit sie venezuelischer Nationalität seien, als für außerhalb des Gesetzes stehend erklärt habe. Gleichzeitig entkräftete die Depesche die lautgewordene Vermutung, Wildrake habe sich heimlich in den Besitz eines venezuelischen U-Bootes gesetzt, mit der bündigen Erklärung, daß sämtliche venezuelischen Kriegsfahrzeuge nach Vorschrift an Ort und Stelle wären.

Bei der strengen Zensur, die über Venezuela verhängt war, war es der Regierung bisher gelungen, die Nachricht der Bevölkerung vorzuenthalten. In der übrigen Welt brachte Wildrakes Manifest die verschiedensten Wirkungen hervor. Kopfschütteln, Lachen, Neugierde, Schadenfreude.

Die englischen Zeitungen als einzige betrachteten die Drohung Wildrakes mit starker Besorgnis. Aus Schiffahrtskreisen wurden ernste Befürchtungen laut. Lord Truxton hatte jetzt Gelegenheit, in seinem Klub nach Herzenslust zu wetten. Dem Ablauf der von Wildrake gesetzten vierundzwanzig Stunden sah die ganze Welt mit Spannung entgegen.

 

Santa Maria lag in strahlendem Sonnenschein. Ihre Bewohner atmeten auf, die Regenzeit schien endlich überstanden.

Die drei Männer hatten in diesen Wochen, allen klimatischen Unbilden zum Trotz, unverdrossen gearbeitet. Vom Morgen bis zum Abend in den gleichen regennassen Kleidern, hatten sie ihr Werk vollendet. Wenn ihnen auch manchmal der Beton von der Kelle zu fließen drohte, hatten sie doch die Aufstellung der großen Turbine bewerkstelligt, die ganze Montage unter Dach und Fach gebracht.

An diesem ersten Sonnentag sollte die Arbeit ruhen. Maria Anunziata hatte es gefordert. Wohlig streckten die Männer ihre Glieder in dem warmen, trockenen Dünensand. Barradas hatte sich aufgerichtet, starrte über die weite Wasserfläche. Da hinten ein heller Punkt. Ein Segel? Er hielt schützend die Hand über die Augen. Nein, ein Vogel nur, dessen Gefieder im Sonnenschein glänzte.

Bisher hatten sich alle Vorsichtsmaßregeln, ihre Anwesenheit auf der Insel verborgen zu halten, als überflüssig erwiesen. Konnte keiner von ihnen den Beobachter spielen, war der Indianerjunge Pablo beauftragt, Ausguck nach Wasser- und Luftfahrzeugen zu halten. Doch nie hatte sich ein Fahrzeug in die Nähe dieses kleinen, im unendlichen Atlantik verlorenen Eilandes verirrt.

Von der Hütte her kam Maria Anunziata. Sie bewegte sich in der näheren Umgebung des Hauses völlig sicher. Mit dem instinktiven Ortsgefühl der Blinden ging sie geradeswegs auf die Männer zu. Am Arm ein Körbchen mit Früchten, die Pablo gepflückt hatte. Sie reichte jedem ein paar. Die Gefährten nahmen sie mit herzlichem Dank, küßten ihr die Hand.

»Wagen Sie es wirklich, Santa Maria, vom Morseticker fortzugehen?« fragte Barradas scherzend.

Maria lachte, drohte mit dem Finger. »Oh! Captain Roberto hat jetzt an anderes zu denken als an mich. Doch immerhin habe ich Pablo an den Empfänger gesetzt. Der Junge ist so intelligent, daß er schon den Apparat bedienen kann.«

»In einer Stunde läuft die Frist unseres Captains ab«, sagte Alvarez. »Ach, wäre ich jetzt bei ihm! Ich bin fest überzeugt, er schlägt auf die Minute los. Wen wird sein erster Streich treffen?«

»Diese großspurigen, höhnischen Brasilianer«, rief Calleja, »werden die Augen aufreißen!«

»Gedulde dich, Calleja!« warf Barradas ein. »Es wird noch genug für uns übrigbleiben. Hoffentlich kommt Kapitän Wildrake bald. Unsere Anlage ist ja Gott sei Dank fertig.« Er drehte den Kopf nach Osten, von wo das Rauschen des über die Barre stürzenden Wassers klang. »Will mal wieder nachsehen, wie der Akkumulator sich füllt.«

Maria griff seinen Arm. »Nehmen Sie mich mit, Señor Barradas! Verstehe ich auch nicht viel, etwas werden Sie mir schon sagen können von dieser wunderbaren Sache!« –

Sie waren aus dem Maschinenraum in den Laderaum getreten. Barradas beschrieb Maria die Apparate. Sie strich mit den Händen über die Teile, wie sie Barradas ihr erklärte. Nickte zum Zeichen des Verstehens, stellte auch hier und da eine Frage.

Als Barradas geendet hatte, sagte sie lächelnd: »Nun, so prüfen Sie mich, ob ich's recht begriffen habe! Also da drüben steht die große Turbine, die mit tausend Pferden arbeitet. Sie treibt die elektrische Dynamomaschine, die einen Strom von 750 Kilowatt durch die Drähte hierher in diesen Raum schickt.«

»So weit ist's richtig. Doch jetzt kommt die Hauptsache!«

»Hier steht ein großer Stahltrog, der mit gewöhnlichem Treibstoff gefüllt ist. Da hinein ragen zwei Elektroden, durch die in den Treibstoff Energie hineingepumpt werden soll. Das geht aber nur, wenn das Elixier des alten Freiherrn hinzugetan wird.«

»Sie nennen's Elixier, Santa Maria! Der Ausdruck ist gut. Der Erfinder sprach von einem ›atomisierten Hydroaeromaten‹, aber wie ein Elixier wirkt es in der Tat. Es mobilisiert die ganze Flüssigkeitsmenge. Ohne das Elixier tot, wird sie mit ihm lebendig. Dann nimmt sie diesen Strom von tausend Pferden viele Tage hindurch auf. Ohne Zersetzung, ohne Erwärmung binden Elixier und Flüssigkeit die Energie. Weit über eine Million Pferdekraftstunden kann dieser Bottich hier schlucken, ehe er gesättigt ist. Nach Tagen erst zeigen aufsteigende Gasbläschen, daß die Ladung ihrem Ende entgegengeht.«

»Ein wunderbarer Vorgang!«

»Und wunderbarer Erfolg! Die mitgenommene Treibstoffmenge reicht eben zwanzigmal länger als bisher. Oder, wenn Sie wollen: es braucht einer, um sein Ziel zu erreichen, zwanzigmal weniger davon mitzunehmen als bisher.«

»Zwanzigmal, Señor Barradas? Sie wollten doch noch höhere Wirkungen erzielen?«

Der lachte. »Ja, wäre das so einfach! Gewiß, die Anleitung hat uns Señor Droste von Winterloo aus gegeben, wo er in den hinterlassenen Papieren des Freiherrn noch allerlei Material entdeckt hat. Der alte Erfinder ist kurz vor dem Abschluß seiner neuen Arbeiten gestorben, die den Treibstoff auf hundertfache Wirkung bringen sollten. Der Prozeß dünkt auf den ersten Blick keineswegs einfach. Und doch scheint der Freiherr recht behalten zu sollen: In dem kleinen Versuchsapparat haben wir zweifellos festgestellt, daß eine Erhöhung sehr wohl möglich ist – – –«

»Aber?«

»Der Apparat arbeitet noch nicht konstant. Ich zweifle, ob wir ohne Droste zum Ziel kommen. Nun, er wird vielleicht bald hier sein.«

Lautes Rufen von draußen ließ Barradas aus dem Gebäude eilen. Er sah Alvarez lebhaft winken. Barradas nahm Marias Arm, ging mit ihr zu den Freunden hin.

»Der Kapitän funkt!« rief Alvarez.

»Ah, Roberto ruft!« Maria hatte sich fester in Barradas Arm gehängt, zog ihn laufend mit sich fort.

Und dann stand sie am Empfänger. Hörte mit geröteten Wangen, was Wildrake zu ihr sprach.

Nun schien das Gespräch zu Ende. Sie trat zurück. »Ein Gruß von Roberto!« sagte sie mit ernstem Gesicht. »Ein letzter Gruß vielleicht. Gleich wird die Frist abgelaufen sein.«

 

Die Uhr in der Hand, stand Wildrake, das Auge an das Okular des Periskops gepreßt. Droste hinter ihm an der Automatentafel.

Eine schwüle, brütende Hitze lag über dem Atlantik. Zwei brasilianische Panzerschiffe fuhren halbdwars in mäßigem Abstand nach Süden. Die Decks leer; nur ein paar Wachen, die vergeblich den Himmel absuchten, ob nicht eine kühle Brise käme, die Höllenglut zu mildern.

Die Uhr in der Zentrale des U-Bootes schlug die zwölfte Stunde. »Zeit stimmt!« rief Wildrake, »die Wachen werden abgelöst. Jetzt, mit Gott, los!«

Ein Hebeldruck. Das Boot änderte den Kurs nach Osten. Wildrake preßte das Auge ans Okular. Jetzt – seine Rechte drückte einen Knopf. Luft zischte durch Röhren – – Fast im selben Augenblick hatte er einen anderen Hebel bewegt. Der Bug des Bootes drehte sich nach Steuerbord. Ein zweiter Torpedo verließ sein Rohr. Wie ein Stein sackte Wildrakes Boot nach unten, jagte dreißig Meter unter dem Wasserspiegel mit erhöhter Geschwindigkeit weiter.

Zwei schwere Explosionen kurz hintereinander!

»Die Schüsse werden denen in Brasilien in den Ohren klingen!«

»Hoffentlich dringt ihr Schall noch weiter – weckt denen in der Heimat das Gewissen!«

Nach einer viertelstündigen Fahrt wagte es Wildrake, wieder aufzutauchen. Das Auge am Periskop, suchte er das Meer hinter sich ab.

»Gut getroffen!« rief er. »Beide Panzerschiffe haben schwerste Schlagseite. Halten sich keine zehn Minuten mehr. Alle Boote scheinen schon zu Wasser zu sein. Zeit zum Funken haben sie offenbar auch gehabt. Das Meer ist ruhig – also überlassen wir sie sich selbst! Fahren wir weiter! Vielleicht erleben wir heut noch ein zweites Abenteuer. Wäre doch immerhin möglich, daß wir in der Nähe der Küste noch andere Ziele finden.«

»Das Wetter da unten, Wildrake, kommt schnell näher. Hoffentlich geht's an denen da hinten vorüber. In ihren Booten möchten sie ihm nicht standhalten.«

Ein sausender Windstoß fuhr über die See, ließ die Wellen schäumen, brachte das U-Boot zum Schlingern.

»Verstehe nicht«, brummte Wildrake vor sich hin, »daß wir noch keine Hilfsschiffe sehen. Es sind doch überall an der Küste leichte brasilianische Streitkräfte stationiert.«

»Ah!« Droste wies nach Südwesten. »Da! Sehen Sie! Da sind sie schon. Scheint eine Zerstörerdivision zu sein. Tauchen! So schnell wie möglich tauchen!«

In weniger als einer Minute war das Boot unter der Wasserfläche verschwunden.

»Die Richtung stimmt!« rief Wildrake. »Halten wir auf Land zu. Minenkette raus! Der rechte Flügel mag noch hinüberkommen. Die anderen müssen die Pillen schlucken!«

Der Sturm nahm an Heftigkeit immer mehr zu. Schwere Regenböen prasselten. Wildrake ließ das Boot tiefer tauchen, zog das Periskop ein. Er und Droste standen sich gegenüber. Alle Sinne gespannt, lauschten sie.

Plötzlich! – Droste hatte Wildrakes Arm ergriffen – täuschte er sich nicht? Ein dumpfer Knall. Dann in Folge noch andere. Jetzt dazwischen ein paar gewaltige Detonationen. Munition mußte durch die Minen mit zur Explosion gebracht worden sein. – –

Längst war der Donner der letzten Explosion verhallt. Langsam ließ Wildrake das Boot steigen, schob das Periskop aus. Doch es war nichts zu erblicken. Der dichte Regen verhinderte jede Aussicht. Ein neuer Hebeldruck brachte das Boot ganz über Wasser.

»Genug für jetzt!« sagte Wildrake. »Bin zwar neugierig, wie viele Treffer es gegeben hat. Aber das werden wir schon erfahren. Die rechten Flügelboote sind gewarnt. Fahren wir weiter!« – – –

 

Bluff! Schwindel! Ausgeburten eines Verrückten! Mit solchen Schlagworten hatten die meisten brasilianischen Zeitungen die Kommentare über Wildrakes »Kriegserklärung« geschlossen. Nur wenige Blätter hielten es der Mühe wert, die Möglichkeiten zu erörtern, wie auch ein einzelner Mensch im Besitz geeigneter Waffen und Geldmittel einem Staate eine Zeitlang schweren Schaden zufügen könne.

Einen Beweis dafür boten ja die Piraten, die trotz stärkster Verfolgung ihr Unwesen treiben konnten. Immerhin mußte, das war auch die Ansicht dieser Beurteiler, bei energischem Vorgehen gegen etwaige Räubereien Wildrakes diese Groteske ein rasches Ende finden. Trotz alledem verfolgte man in Amerika mit großem Interesse die Nachrichten aus England. Ein lebhafter Wettmarkt hatte sich da anscheinend aufgetan: »Ja« oder »Nein«? Die Wetten auf »Ja« waren kurz.

Was würde Wildrake machen? Und wie würde er es machen? Handelsschiffe torpedieren, Kriegsschiffe angreifen, Hafenanlagen beschießen, Minen legen? Alles war ja möglich, falls Wildrakes Schiff wirklich ein U-Boot war, wie die »Saragossa« es angesprochen hatte. Ebenso viele Fragen wie Wetten.

Die besseren brasilianischen Zeitungen brachten zwar hiervon nichts. Ihr Stolz war verletzt, daß man in England Wildrake nicht als Seeräuber, Verbrecher, sondern als tatsächlich Kriegführenden betrachtete. Und doch: Je näher die Stunde kam, in der Wildrakes Ultimatum ablief, desto größer wurde die Zahl der Neugierigen, die am Radioempfänger hingen.

Die Mittagsstunde war vorüber. Die Spannung begann zu weichen. Nein! Pünktlich schien er nicht zu sein, der »Herr Kriegführende«!

Die gleichen Worte sprach William Hogan zu Tejo, doch der scherzhafte Ton wollte ihm nicht recht gelingen.

»... Und ich habe Sie doch gerade zu dem Zweck hierher zu mir gebeten, weil bei mir alle etwaigen Nachrichten einlaufen müßten. Je länger ich über das, was Sie mir neulich berichteten, nachgedacht habe, desto mehr neige ich zu der Ansicht, daß wir unangenehme Überraschungen erleben werden. Bedauerlich, daß Ihr Unternehmen mit einem Fehlschlag endete! Hätten Sie sich streng an meine Weisungen gehalten und sich an meine Zusage erinnert, Sie auf jeden Fall zu decken, dann hätten Sie eben persönlich bei dem Überfall anwesend sein müssen. Es gibt doch nur eine Erklärung: Der Führer war betrunken, außerdem wahrscheinlich auch feige. Nur so konnte diese unglaubliche Täuschung gelingen.«

»Ich gebe zu, Senhor Hogan, es war ein Fehler. In dieser Stunde bereue ich es mehr als je.«

Die Stille, die seinen Worten folgte, wurde durch das Glockenzeichen eines Funkgerätes unterbrochen. Der Papierstreifen begann zu laufen.

»SOS ... SOS ... SOS ... Schlachtschiff ›Sao Leopoldo‹ vier Grad nördlicher Breite, neununddreißig Grad westlicher Länge torpediert. SOS ...«

Beide waren aufgesprungen. »Die ›Sao Leopoldo‹, eines unserer stärksten Schlachtschiffe?«

Der Streifen eines zweiten Apparates begann: »SOS ... SOS ... SOS ... Schlachtkreuzer ›Parana‹ torpediert! SOS ... SOS.«

Ihre Augen gingen von dem einen zum anderen Morsestreifen, innerlich zitternd, daß ein dritter Apparat reden könnte. Der Streifen lief weiter.

»... die Schiffe verloren ... stärkste Schlagseite ... alles in die Rettungsboote ...«

Die beiden Männer starrten sich an. »Ich wußte es«, murmelte Tejo. »Warnte – man sah es als unwürdig an, wenn auch nur geheim, irgendwelche Sonderanweisungen zu geben. So mußten diese beiden prächtigen Panzerschiffe den falschen Stolz des Marineamtes mit dem Untergang bezahlen.«

»Mag es sein!« Hogan sagte es mit strenger, düsterer Miene. »Wir haben's gebüßt, werden uns danach richten. Unmöglich, daß dieser Wildrake allein ohne irgendwelche starke Hilfe hinter sich das ausführen konnte. Venezuela wird die Zeche bezahlen müssen, so oder so. Wenn ich denke, wie gut sich noch vor Wochen alles anließ! Längst wären wir am Ziel, wenn nicht dieser Wildrake wäre!

Von jener Aruba-Affäre her datiert das Unheil. Da wurde schon von uns der erste verkehrte Schritt getan. Statt diese Burschen, wie ich es vorschlug, gleich bei ihrer Landung auf der Insel in Empfang zu nehmen ... nein! Man hatte seine eigenen Pläne! Und von da an wurde es immer schlimmer. Die Stimmung in Venezuela nahm von Tag zu Tag an Feindseligkeit zu. Die Regierung ist nicht stark genug; die Friedensunterhändler sind ohne feste Meinung, wissen nicht, wie sie sich zu verhalten haben. Fast möchte ich sagen, daß der Wechsel, der in der letzten Zeit in der Zusammensetzung der venezuelischen Delegation eingetreten ist, keinen anderen Zweck hat, als die Verhandlungen hinzuziehen.«

»Ich bin derselben Meinung, Senhor Hogan. Ich hatte ja selber Gelegenheit, die dortige Volksstimmung zu studieren. Kann nur sagen, daß, wenn morgen der richtige Mann kommt, die Regierung gestürzt, der Krieg fortgesetzt wird.«

Was Tejo sagte, bestätigte nur, was Hogan schon längst bei sich gedacht. Das Geschäft – oder der Krieg – für ihn war's ja dasselbe – drohte ein Geschäft auf lange Sicht zu werden. Das lag aber keineswegs in seinen Plänen. Auch hatte er in der letzten Zeit immer wieder der Worte Tornos gedenken müssen. So ablehnend wie damals stand er heute dessen Gedankengängen nicht mehr gegenüber, so unwillig er es sich auch eingestand.

Ein Glockenschlag in seine Gedanken. Ein Ticker begann zu arbeiten, schrieb ...

»Noch nicht genug? Längst müßten doch die Zeichen der ›Sao Leopolda‹ und ›Parana‹ überall gewarnt haben.«

»SOS ... SOS ... SOS ... Siebente Zerstörerdivision ... acht Boote der Division bei Hilfeleistung der ›Sao Leopoldo‹ und ›Parana‹ auf Minen gelaufen ... sinken ... SOS ... SOS ...«

Hogan stand eine Weile überlegend, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht. »Entschuldigen Sie mich, Herr Major! Ich fahre zum Marineamt.« – – –

 

In Manaos war's, als ob eine Bombe in das Hotel de Primeira gefallen wäre, wo die Unterhändler gerade zusammensaßen. Der Führer der brasilianischen Delegation hob sofort die Sitzung auf und vertagte sie auf unbestimmte Zeit. War doch nicht abzusehen, welche Folgen für den Frieden die Vorgänge dieses Tages haben würden.

In einem harten Kampf mit dem Kriegsminister Revelador hatte Torno gesiegt. Revelador wollte sofort die Verhandlungen abbrechen, den Krieg wieder aufnehmen. Auch der Marineminister Aposta stand auf Reveladors Seite. Da war Torno Hilfe von einer Stelle gekommen, von der er sie nicht erwartete. Ein Sekretär William Hogans hatte einen Brief abgegeben, nach dessen Lektüre der Widerstand gegen Tornos Entscheidungen nachließ.

»Selbstverständlich werden wir alle Hebel in Bewegung setzen, um festzustellen, ob und inwieweit die venezuelische Regierung hinter Robert Wildrake steht. Bei dem geringsten Anzeichen dafür würde ich mich sofort Ihrer Meinung anschließen. Doch Venezuela hat nochmals feierlich versichern lassen, daß es nichts mit Robert Wildrake zu tun habe, sein verbrecherisches Handeln aufs stärkste mißbillige und ihn zur Rechenschaft ziehen werde. Auch hat es alle Behörden angewiesen, Wildrake zu verhaften, falls er sich in Venezuela blicken ließe.«

Der Kriegsminister zuckte die Achseln. »Ist mir recht zweifelhaft, ob diese venezuelische Regierung, mag auch der Wille vorhanden sein, die Macht hat, ihre Befehle durchzusetzen. Man braucht kein Hellseher zu sein, um aus den Berichten der ausländischen Korrespondenten aus Venezuela zwischen den Zeilen herauszulesen, wie stark die allgemeine Stimmung für Wildrake ist. Die Tage dieser Regierung dürften wohl gezählt sein, wenn es nicht gelingt, diesen Freibeuter schnellstens unschädlich zu machen.«

»Hierin stimme ich Ihnen vollkommen bei, Senhor Revelador. Doch wir sind gezwungen, vorläufig mit dieser Regierung zu rechnen.« –

Am Abend brachten Radiomeldungen die Nachricht, man habe den Obersten Guerrero in Haft genommen. Am nächsten Morgen jedoch wurde dieser Bericht dahin richtiggestellt, daß der verhaftete Guerrero von Anhängern befreit sei. Hierbei aber blieb verschwiegen, daß die Befreiung auf etwas eigentümliche Weise vor sich ging: Die Soldatenabteilung, die Guerrero bewachen sollte, war mitsamt ihren Offizieren einfach zu dem Gefangenen übergegangen, der sich mit ihnen ins Gebirge zurückgezogen haben sollte. – –

In England wiederholte sich das alte Spiel. Wie schon früher, nahm man auch jetzt wieder Wildrake als halben Landsmann in Anspruch. Das Wettfieber wuchs noch stärker. Man betrachtete die ganze Angelegenheit mehr von der sportlichen Seite. Im Hause James Wildrakes schlugen die Wogen der Begeisterung wohl am höchsten. Die einzige, die ihre Freude nur wenig zeigte, war Edna. Tags zuvor hatte sie einen Brief von Oswald Winterloo bekommen, der ihr Herz hatte höher schlagen lassen.

Wie würde der heute denken, nachdem ihr Bruder seine Drohung gegen Oswalds Vaterland wahrgemacht? Würde er den Brief wohl heute noch einmal schreiben? Der Gedanke trübte ihre Freude. Wieder, immer wieder las sie seine Zeilen, die ihr so viel Liebes, Gutes sagten. Sie ahnte nicht, daß vor ihr schon andere, neugierige Augen den Brief gelesen hatten. Die Korrespondenz Oswald Winterloos stand seit einiger Zeit unter scharfer Geheimzensur. – –

In den nächsten Tagen wurde bekannt, daß die brasilianische Regierung umfassende Maßregeln getroffen habe, um Wildrake weitere Überraschungsstreiche unmöglich zu machen. Sämtliche Marinestreitkräfte befanden sich in Gefechtsbereitschaft. Die Küstenstationen waren alarmiert. Die Minensperren, soweit sie bereits weggeräumt, wurden von neuem ausgelegt. Geschwader von Seeflugzeugen patrouillierten über den brasilianischen Gewässern. Alle Radarstationen traten in Aktion.

Trotz alledem erwartete die Welt, von neuen Taten des tollkühnen »Captain« zu hören. Doch die Zeit verstrich, ohne daß sich etwas ereignete. Die brasilianischen Zeitungen triumphierten. Offenbar zog es der feige Räuber vor, sich angesichts der weitgehenden Schutzmaßnahmen irgendwo zu verkriechen.

 

Schon seit zwei Tagen fuhr die »Venezuela libre« durch die Fluren des Atlantischen Ozeans.

»Wenn ich denke, Droste, wieviel schöne Gelegenheiten wir vorübergehen ließen auf unserer letzten Fahrt! Doch Sie haben ja recht: Die Überraschung wird für uns eine Hauptwaffe sein! Eine Serie von versenkten brasilianischen Schiffen hätte unseren Weg nur allzu deutlich gemacht.«

»Was da im nördlichen Atlantik in den letzten Tagen geschah wagte man natürlich nicht auf unsere Rechnung zu bringen. Die Besatzungen der geplünderten Schiffe sagen übereinstimmend aus, daß ein Schoner in Verbindung mit einem Flugzeug sie ausgeraubt hat. Man scheint in Brasilien Jean Renard in Verdacht zu haben.«

»Ich glaube es selbst, der alte Sünder scheint doch das Glück gehabt zu haben, sein Fahrzeug wiederzufinden.«

»Wir werden bei Gelegenheit mal Renards Insel untersuchen müssen. Liegt auch Santa Maria weit davon ab, so wäre es doch nicht ausgeschlossen, daß uns Renard eines Tages schlimmen Besuch auf den Hals zöge. – Niedlich übrigens, wie man die Namen Wildrake und Renard in Brasilien in einem Atem nennt. Wird wohl nicht lange dauern, so hören wir, welch ein Preis auf den Kopf Kapitän Wildrakes gesetzt ist. Ich schätze, die Summe wird doch etwas höher als die auf Ergreifung Jean Renards.« – – –

 

»Sie sind's!« Barradas schrie's mit seiner Donnerstimme, daß es weit über die Insel hallte. »Wildrake und Droste kommen! Hurra!«

Alles eilte zu der Anhöhe, auf der Barradas stand. Maria, auf Pablos Arm gestützt, lauschte den Worten der Männer. Kaum je hatte sie ihre Blindheit so schmerzlich empfunden wie in diesem Augenblick. Ihre Füße trugen sie kaum noch. So übermächtig war die Freude, die Erwartung, Robert wieder in die Arme schließen zu können, seine Stimme zu hören, seine Hand zu fassen.

Inzwischen war die »Venezuela libre« so nahe an die Insel herangekommen, daß die Bäume jede Aussicht verdeckten.

»Sicherlich werden sie bei der ›Susanna‹ in der Mangrovenbucht festmachen!« rief Alvarez. »Eilen wir dorthin!«

Es dauerte eine Weile, ehe sie den Weg durch das sumpfige Gebiet hinter sich brachten. Als sie endlich die »Susanna« zu Gesicht bekamen, bog der Rumpf des U-Bootes gerade in die Buchtmündung ein.

Und dann lag die »Venezuela libre« sicher an den gewaltigen Mangrovenwurzeln vertäut. Wieviel gab's zu erzählen! Wieviel war zu sehen! Während die Inselleute das U-Boot in allen seinen Teilen durchforschten, standen Droste und Wildrake, der Maria am Arm führte, in der Turbinenanlage.

Die beiden konnten sich nicht der Rührung erwehren, als jetzt Maria Anunziata mit freudezitternder Stimme ihnen die Anlage in all ihren Teilen erklärte. In dem Laderaum wies sie, als wäre es ihr Werk, voll Stolz auf die großen Vorräte des fertigen Treibstoffes hin. Fast jeden kleinsten Teil erklärte sie so, als ob sie sehend wäre.

Wildrake und Droste standen diesem außerordentlichen Wissen bewundernd gegenüber. »So könntest du ja, Maria, im Notfalle allein die Anlage bedienen.«

Sie nickte ganz ernsthaft. »Aber gewiß, Robert, könnte ich das! Natürlich müßte ich Pablo als Hilfe haben. Da, wo mein Tastsinn versagt, müßte er eben helfen.«

Der Rest des Tages war unter Plaudern und Beschauen vergangen. Wildrake und Droste schienen dringend der Ruhe bedürftig. Trotz weitestgehender Automatisierung des U-Bootes waren sie doch auf dieser langen Fahrt nur wenig zum Schlafen gekommen. Alle weiteren Montagearbeiten wurden auf den morgigen Tag verschoben. Auch mußten die eingegangenen Briefe gelesen werden.

Alvarez und Calleja hatten die Post aus Tabago mitgebracht. Sie waren mit der »Susanna« eine Woche vorher dort gewesen, um von einem Truxtondampfer auf hoher See Material und Munition zu übernehmen. Wildrake las Maria die Briefe Ednas und des Oheims vor. Droste hatte sich in den Sand gelegt und studierte einen Brief Arvelins.

Das Testament war immer noch nicht gefunden! Immer wieder klang aus den Zeilen des Doktors Betrübnis über das Verschwinden des Dokumentes. Unklar schien Droste die undeutlich am Schluß hingeworfene Bemerkung, daß der Schreiber vielleicht genötigt sei, demnächst eine lange Reise anzutreten. Droste sann: Wahrscheinlich hing diese Absicht mit dem Testament zusammen?

Es war der dritte Tag, daß Wildrake und Droste auf Santa Maria weilten. Die »Venezuela libre« hatte man aus der Bucht heraus weiter ins Meer gezogen. Doch war das noch das U-Boot, das Wildrake und Droste hierhergebracht?

Zwei Riesenflügel waren auf dem Deck des Schiffes montiert. Die leeren Schraubenbolzen, die unverständlichen Verstrebungen zeigten jetzt ihren Zweck. Tormälen würde nun eine Erklärung für die ihm unbegreiflichen Vorrichtungen, die er auf Drostes Geheiß angebracht, gefunden haben. Allerdings hätte er wohl stark den Kopf geschüttelt. Ein U-Boot mit Flügeln? Wo sollten die Maschinen, wo der Treibstoff herkommen, die solche Last weithin durch die Lüfte trugen? Doch dieselben Sorgen hegten auch all die Männer hier – alle außer Droste.

Er allein schlief in dieser Nacht. Für morgen waren die Probeflüge anberaumt. Würden sie gelingen? Alles hing davon ab. Selbst Wildrake, der doch Droste mehr als die anderen kannte, fand keinen Schlummer. Gewiß, die ungeheure Kraft des neuen Treibmittels hatte er vollauf erkannt. Doch würde sie auch genügen, diesen schweren U-Boot-Leib mitsamt den Geschützen und Maschinen in die Lüfte zu heben, rascher und weiter als die leistungsfähigsten Flugzeuge fortzutragen?

Kaum graute der Morgen, sprangen alle auf. Barradas schüttelte den Kopf, als er den fest schlafenden Droste am Arm rütteln mußte, um ihn zu wecken.

Eine Stunde war vergangen. Die Tanks des U-Bootes waren mit dem Treibstoff gefüllt. Alle außer Maria und Pablo gingen an Bord. Langsam schob sich der graue Rumpf ins freie Meer. Wildrake stand im Kommandoturm, Droste in der Zentrale, die anderen auf dem Rücken des Bootes. Der war mit Waffen gespickt. An Bug und Heck je ein Fünfzehn-Zentimeter-Geschütz. Überall verteilt schwere und leichte Maschinengewehre.

Alvarez und Calleja schritten von dem einen zum andern. Der gleiche Gedanke in allen: wenn das Flugboot ihre Hoffnungen wahrmachte!

Wildrake schrak zusammen. Aus der Zentrale war ein Anruf von Droste gekommen: »Erwarte Befehl des Kapitäns.«

Einen Augenblick mußte sich Wildrake besinnen. Dann klang seine scharfe Kommandostimme nach unten: »Fliegen!«

Ein Schüttern bebte durch den Leib des Bootes. Langsam setzte es sich in Fahrt, wurde schneller, schneller – hob sich ab aus dem Wasser, wuchs immer höher und höher. Jetzt das Meer frei unter ihm!

Der Jubelruf, der sich auf die Lippen der Männer drängte, erstickte, als plötzlich das Fahrzeug den Bug emporreckte, dabei einen Kreis beschrieb, sich in immer höhere Höhen schraubte.

»Ich sehe es nicht mehr!« rief Pablo, der Indianerjunge. »Es ist in den Wolken verschwunden, Doña Maria.«

Da verlor sie den Rest ihrer Fassung. Schlang die Arme um den Jungen, drückte ihn an sich, küßte ihn. »O Pablo! Wie bin ich glücklich! Robert Wildrake, wer soll dir widerstehen? Und ich, Maria, die arme Blinde, Wildrakes Braut!« – – –

»Nun, Herr Kapitän Wildrake, wie gefällt Ihnen die Jungfernfahrt unseres Schiffes? Haben Sie nun Vertrauen?«

»Droste! Du! Verzeih mir, daß ich nur eine Minute zweifelte – an deiner Schöpfung! Freund, Bruder! Wie soll ich dich nennen? Dir aller Ruhm und Preis, wenn der Tag kommt, da Venezuelas Flagge wieder über dem geraubten Boden weht!« Wildrakes Rechte hob sich in die Höhe. »Bei Santa Maria, unserer Schutzheiligen, schwöre ich, daß ich nicht rasten will, bis ›Venezuela libre‹, der Name unseres Schiffes, über ganz Venezuela leuchtet!«

Eine Zeitlang stand er so. Droste ergriff seine Hand. »Noch fehlt die zweite Probe, Wildrake. Das war nur das halbe Werk.«

Der Freund, aus seinen Gedanken gerissen, wehrte ab. »Jetzt habe ich keine Zweifel mehr! Doch – natürlich, machen wir auch die andere Probe!«

Droste ging zurück zur Zentrale. Das Schiff, das bisher unbeweglich in der Luft gestanden, ging in gleitendem Flug nach unten. Schon lag die im Sonnenschein glitzernde Wasserfläche wieder hell vor ihren Augen.

Wildrake kommandierte: »Klar zum Tauchen!«

Alvarez und Calleja hasteten zu den Luken. Gleichzeitig sanken die Geschütze und Gewehre in den Schiffsleib.

»Deck klar!« drang ihre Meldung an Wildrakes Ohr. Steiler wurde jetzt der flache Gleitflug. Kaum hundert Meter noch trennten das Fahrzeug von der Meeresoberfläche, da wichen die breit ausladenden Flügel zurück, preßten sich auf den Bootsrücken, wie wenn ein Tauchvogel seine Schwingen anzieht und an den Körper legt.

Und nun schoß der Bug ins Wasser, daß es gewaltig schäumte. Klatschend schlugen die Wellen über dem Heck zusammen. Ein neues Kommando Wildrakes. Das Tiefensteuer wirkte. Das Boot glitt sechzig Meter unter der Meeresoberfläche weiter.

Doch nur eine kleine Weile, dann neue Befehle. Das Boot schoß zur Oberfläche, sprang wie ein Hecht aus der Flut. Die Flügel breiteten sich. Ein paarmal noch klatschte es auf die Wasserfläche zurück. Dann, in immer größer werdenden Sprüngen, hob es sich in die Luft, stieg auf, senkte sich wieder, glitt in verzögerter Fahrt auf die Mangrovenbucht zu, hielt in langsamem Auslauf neben der »Susanna«.

Sie gingen an Land. Da stand Maria, umarmte Droste, der als erster von Bord schritt!

»Dank! Tausend Dank, Droste! Wie würde die Welt zu Ihnen aufschauen, wenn sie das gesehen! Und Sie geben alles dahin – Ruhm, Ehre und Lohn, um uns zu helfen!«

Droste drückte seine Lippen auf den Scheitel der Blinden.

»Gott geb's, daß der Tag nicht fern, wo Wahrheit wird, was der Name unseres Schiffes kündet!«

Mit einer sanften Bewegung machte er sich frei, schob Maria in die Arme Wildrakes. Der drückte sie an sich.

»Maria, der Sieg ist unser! Ich fühle es! Noch ist die Heimat zu müde, dem übermächtigen Feind zu trotzen, einen besseren Frieden zu erzwingen. Meine Aufgabe ist, sie wachzurufen! Ich will die laute Stimme sein, die die Schläfer aus falscher Ruhe scheucht!«

»Ja! So wird es sein!« sagte Maria. »Ihr werdet die Saat streuen, aus der die Freiheit des Vaterlandes erwächst. Venezuela libre!« rief sie mit heller Stimme, und die anderen fielen jubelnd ein.

*

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