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König Laurins Mantel

Hans Dominik: König Laurins Mantel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
booktitleKönig Laurins Mantel/Atomgewicht 500
titleKönig Laurins Mantel
publisherUniversitas
year1980
isbn3800408856
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140207
projectidba5b648e
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In der Nähe Baranas am Rio Apure lag das kleine Gütchen, auf das sich Oberst Guerrero zurückgezogen hatte. Als am letzten Tage der Waffenstillstandsberatungen im brasilianischen Hauptquartier alles an jener Forderung der Brasilianer, Wildrake und seine Gefährten auszuliefern, zu scheitern drohte, hatte der Führer der venezuelischen Delegation sich telegraphisch an das Kabinett in Caracas gewandt. Das empfahl unbedingtes Nachgeben. Da hatte Guerrero in offener Empörung sein Amt niedergelegt, war grollend in die Heimat zurückgekehrt. Und hatte den Abschied genommen – krankheitshalber, wie das amtliche Pressebüro mitteilte.

Doch nicht lange sollte er die erzwungene Muße genießen. In der venezuelischen Armee, besonders in Offizierskreisen, wurde die Zahl der Unzufriedenen immer größer. Trotz aller Vertuschungsversuche sickerte genug über die schmachvollen Friedensbedingungen vom Auslande her in die Bevölkerung. Es dauerte nicht lange, so wurde Guerreros Besitztum der Sammelpunkt all der mißvergnügten Elemente, die von hier aus offen oder versteckt die Regierung wegen ihrer Schwäche aufs heftigste angriffen. Wäre es nach ihnen gegangen, so hätte die Regierung sich kaum länger am Ruder halten können; denn der Armee war sie keineswegs sicher.

Guerrero, der stillschweigend anerkannte Führer dieser Unzufriedenen, wahrte als einziger einen kühlen Kopf. Er erstrebte nichts für seine Person, hatte nur das Beste seines Vaterlandes im Auge. –

Der Abend war hereingebrochen. Die letzten seiner Gäste hatten das Haus verlassen. Guerrero schritt in seinem Arbeitszimmer nachdenklich auf und ab. Die neuesten Nachrichten von Manaos, wo die Friedensverhandlungen geführt wurden, lauteten beunruhigend. Die Forderungen der Brasilianer wurden immer maßloser. Von der Autonomie jenes Gebietes zwischen der Grenze und dem Ventuarifluß im Süden war kaum noch die Rede. Mehr als einmal drohten die Verhandlungen ein vorzeitiges Ende zu nehmen.

Ein Diener trat ein, überreichte dem Obersten einen verschlossenen Brief. Der riß ihn auf, las. Ein kurzes Erschrecken. »Wildrake?« flüsterte er halblaut vor sich hin. »Sollte er es gewagt haben?« Und laut: »Führe den Herrn hierher, Juan!«

Ein paar Augenblicke später schloß sich die Tür hinter der Gestalt Wildrakes.

»Sie sind's wirklich, Don Roberto?« Der Oberst trat auf den Kapitän zu, umarmte ihn. »Sie wagen viel, oder –« er lächelte ironisch – »fürchten Sie den Arm dieser Jammerregierung so wenig?«

»Ich fürchte nur, Ihnen, Herr Oberst, Unannehmlichkeiten zu machen. Für meine Person hab' ich keine Sorge. Wenn ich, obwohl mein Besuch vielleicht schwer auf Ihr Haupt fallen könnte, hierherkam, so tat ich's für unser armes Vaterland, dem unser beider Liebe gilt.« –

Eine Stunde wohl mochten die beiden verhandelt haben. Die tiefen Falten auf Guerreros Stirn hatten sich geglättet. Seine Augen blitzten unter den buschigen grauen Brauen wie die eines Jünglings. Er ergriff Wildrakes Hand.

»Das allerdings«, sagte er hoch atmend, »wäre der höchste Beweis von Vaterlandsliebe. Wenn es Ihnen gelänge, auch nur einen Teil dessen auszuführen, was Sie sich da vorgenommen haben – – ich bin überzeugt, nichts könnte den venezuelischen Nationalstolz stärker wecken! Das ganze Volk auf unserer Seite. Die Gringos mögen sich vorsehen! Noch wäre der letzte Schuß dieses Krieges nicht gefallen.«

»Für mich, Herr Oberst, handelt es sich nur darum, daß die Verhandlungen sich noch weiter hinziehen. Daß nicht ein vorzeitiger Friede all meine Bemühungen zunichte macht.«

»Dafür lassen Sie mich sorgen, Kapitän! Es wird noch viel Wasser den Rio Negro herunterfließen, ehe man in Manaos die Unterschrift unter den Friedensvertrag setzt.«

 

Wildrakes Flugzeug näherte sich, von Norden kommend, dem Indianerdorf. Nur ein kurzer Aufenthalt, dann würde er mit Edna und Maria weiter nach Europa fliegen.

Der Morseticker zu seiner Rechten begann zu schreiben. Es waren die mit Droste verabredeten Codezeichen. Seine Züge verfinsterten sich. Kaum das Unternehmen begonnen – und schon solch unangenehmer Zwischenfall! Die Angelegenheiten in Europa verlangten dringend seine Anwesenheit. Jetzt nun dies! Die Reise nach England einstweilen unmöglich. Er mußte sofort zu den Kameraden. Ein Berg von Schwierigkeiten war zu beseitigen.

Der Bericht Drostes hatte geendet. Wildrake schaltete seinen Apparat auf Senden um: »Komme sofort. Erwartet mich, wo ihr seid!« –

Auch die Freude des Wiedersehens mit Maria und Edna konnte die Wolken von seiner Stirn nicht verscheuchen. Dem Drängen der beiden Mädchen nachgebend, erzählte er ihnen von den Ereignissen mit Renard.

»Ich muß gleich weiter. Unsere Reise nach England erleidet dadurch einen Aufschub von ein paar Tagen.«

»Sofort wieder willst du uns verlassen?« Maria drängte sich an ihn. »Seit Tagen ist kein Schlaf in deine Augen gekommen. So ruhe wenigstens hier ein paar Stunden!«

Wildrake strich ihr zärtlich über die Stirn. »Für mich ist jetzt jede Minute kostbar, Maria. Ich muß ohne Zögern fort. Ein Glück, daß wir noch nicht unterwegs auf der Fahrt nach England waren!«

»Ein Glück, Robert? Nein – es wäre besser gewesen! Denn dann müßtest du uns doch mitnehmen, du Böser, der keine Frau in seinem Reiche dulden will!«

»Du siehst, Maria, das Schicksal stimmt mir bei. Die Nachricht kam noch rechtzeitig. Doch zu deiner Beruhigung soll der Indiojunge, der Pablo, mich begleiten. Es ist ein anstelliger Bursche. Ich werde ihm die notwendigsten Handgriffe zeigen. Jedenfalls kann er mich wecken, wenn mich der Schlaf übermannt.«

»Ein guter Gedanke, Robert!« fiel Edna ein. »Ihr werdet Pablo brauchen können. Wie wird er sich freuen!«

Während Wildrake einen kurzen Imbiß nahm, bemühten sich die beiden Mädchen, Lebensmittel und Decken in die Flugjacht zu schaffen. Pablo hatte einen Freudensprung gemacht, als er hörte, daß er mitfliegen dürfe. Hatte sich dann nach kurzem Gespräch mit Maria entfernt.

»Alles fertig! Lebt wohl, Maria, Edna! Bald bin ich wieder bei euch.«

Er umarmte rasch Braut und Schwester, trat in die Kabine. Schaute sich nach dem Indianerjungen um. »Hallo, Pablo! Wo steckst du?«

»Er wird gleich dasein. Ich will ihm entgegengehen.« Maria verschwand hinter den Hütten. Ein paar Augenblicke, dann kam Pablo, ein paar große Decken über der Schulter, auf das Flugschiff zu, öffnete die Hintertür der Kabine, kletterte hinein.

»Alles fertig, Don Roberto!«

Wildrake warf die Schrauben an. Die starke Finsternis zwang ihn zur größten Aufmerksamkeit. Langsam stieg das Schiff, von dem Hubschrauber gehoben, in den Nachthimmel. Schon wenige Meter über dem Erdboden ward alle Sicht nach unten von der Dunkelheit verschlungen. –

Vier Stunden bereits raste die Maschine nach Südosten. Unendlich dehnte sich der stahlblaue Schild des Pazifiks unter ihr. Wildrake hatte Pablo die einfachsten Hebelgriffe im Führerstand erläutert. Jetzt stellte er die automatische Steuerung an. Das Fahrzeug bedurfte, um seinen Weg in der vorgeschriebenen Richtung und Höhe fortzusetzen, keiner menschlichen Hand. Kreiselkompaß und Barometer besorgten selbsttätig alle Steuermanöver.

Er befahl Pablo, ihn nach zwei Stunden zu wecken, wollte sich eben im Hintergrunde der Kabine niederlegen, da begann es sich unter den Decken zu regen. Das Lachen des Indianerjungen machte ihn aufmerksam.

»Was ist, Pablo?« fuhr er ihn barsch an. »Ist hier ein törichtes Spiel getrieben? Hat sich etwa einer deiner Freunde eingeschlichen?«

Da wurde die Decke zurückgeworfen. Maria Anunziata stand vor Wildrake, der erschrocken zurückprallte, als sähe er ein Gespenst.

»Maria! Wie kommst du –!? Bist du von Sinnen? Bist du krank, daß du solch wahnwitzige Gedanken – –«

»Ja, Robert!« sprach sie mit tonloser Stimme. »Ich bin krank – wenn du nicht bei mir bist! Soll ich immer wieder in die dunkle Nacht des Alleinseins verstoßen werden? Wenn du bei mir bist, ist alles hell um mich – ist's, als sei mir das Augenlicht zurückgegeben. Mit deinen Augen sehe ich alles, was um mich vorgeht.«

»Und Edna? Wart ihr nicht immer wie Schwestern? Ihr würdet zusammen ein glückliches, sorgenfreies Leben führen können.«

Ein Lächeln zuckte um Marias Mund. »Ednas Augen sehen jetzt anders als meine, als deine. Wir Blinden fühlen besser mit unseren Sinnen als ihr Sehenden.«

»Was sprichst du da, Maria? Ich verstehe dich nicht! Ist eine Wolke zwischen dich und Edna getreten?«

Wieder schüttelte Maria lächelnd den Kopf, »Eine Wolke, Robert? Nein! Der Schatten eines Mannes – eines Mannes, dem ihr ganzes Sinnen und Fühlen gehört.«

»Maria?!« Besorgt trat Wildrake auf sie zu, griff ihren Arm. »Du sprichst wie im Fieber. Was ist dir? Unmöglich kannst du mit uns fliegen. Du mußt zurück nach Europa, wo dich in des Onkels Haus beste Pflege erwartet. Edna wird dir die aufopferndste Freundin sein.«

Maria nickte. »Edna liebt mich – liebt mich wie eine Schwester. Doch gestern ist nicht heute. Ihr Herz gehört einem Manne. Ich weiß nicht, wer es ist. Doch fühle ich, wie sie leidet.« Sie schlang die Arme um Wildrakes Hals. »Kenn' ich sie doch selbst, diese Leiden, weil ich sie so tausendfach um dich gelitten! Wenn eine Liebe Leiden ist, so ist es die unsere, Robert!« Sie richtete ihr Haupt empor, daß er in die erloschenen Augensterne sah.

»Maria!« Erschüttert umschloß er die zarte Gestalt. »Verzeihe mir! Du sollst nicht mehr allein sein. Kann ich auch nicht dauernd bei dir bleiben, so wirst du doch auf unserer Insel wohnen, wo ich dich immer wiedersehen werde.«

»Dank, du Guter! Weiß ich doch, daß du mich noch immer so liebst wie früher, als ich noch – –«

»Maria! Hast du an meiner Liebe je zweifeln können? Dein Augenlicht –? Galten deine Tränen, die es verdunkelten, nicht mir?«

Sanft strich er über ihre Augenlider. Da traf der erste Strahl der aufgehenden Sonne das Flugzeug.

»Insel voraus!« schrie Pablo vom Führerstand her.

Schnell machte sich Wildrake frei, eilte nach vorn. Ein Blick zur Seite: Das Schiff war etwas nach Osten abgekommen. Die Insel Sao Paulo lag backbord voraus unter ihnen. Schnell warf Wildrake das Steuer herum, stieg in größere Höhen.

Es mochten vielleicht zufällig Schiffe an der Insel angelegt haben. Eine einzelne Maschine in dieser weltverlorenen Gegend konnte unerwünschten Verdacht erwecken. Das Glas vor den Augen, suchte er den Horizont ab. Bei der gewaltigen Schnelligkeit, mit der die Maschine dahinschoß, konnte er in einer Stunde bei Droste und seinen Gefährten sein.

 

Der Flughafen von San Fernando bestand in der Hauptsache aus einem kleinen Reparaturschuppen, an den sich ein paar notdürftig aus Brettern zusammengeschlagene Hangars anschlossen. Davor ein Stück der Pampas, das sich gegenüber der Umgebung nur durch einige Warnungstafeln auszeichnete; sie besagten, daß ein Betreten durch Hirten und Herden verboten sei.

Ein Flugzeug landete. Ein seltenes Ereignis. Gingen doch sonst nur Postmaschinen hier nieder. Dem Flugzeug entstieg ein alter Mann, der die Maschine in einen der Hangars rollen ließ.

»Wie finde ich den Weg zur Hazienda La Cima, Señor?« wandte sich der Ankömmling in gebrochenem Spanisch an den Hafenkapitän. Der gab eine weitschweifige Erklärung, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.

Arvelin hörte den Erguß mit ruhigem Lächeln an. »Könnten Sie mir nicht einen Führer verschaffen, der mich im Auto hinbrächte?«

Der Kapitän zuckte die Achseln. »Kraftwagen, Señor? Unmöglich! Aber Pferde! Pferde können Euer Gnaden haben, soviel Sie wollen.«

»So besorgen Sie mir zwei Pferde und einen Führer.«

Nicht lange, und Arvelin ritt unter Führung eines Mestizen durch die Pampas, nach Süden zu. Wohl eine Stunde waren sie unterwegs, da leuchteten vor ihnen die weißen Gebäude einer Hazienda. Der parkartige, wohlgepflegte Garten, der sich an das Wohnhaus anschloß, zeugte von Wohlstand. Arvelin stieg ab und bedeutete dem Führer seine Rückkunft zu erwarten. – –

Wohl zwei Stunden schon hatte Arvelin Virginia Winterloo gegenüber gesessen. Da trat ein Diener ein; der seiner Herrin diskret ein paar Worte zuraunte. Eine flüchtige Röte glitt über ihr Gesicht. Hastig erhob sie sich, ging hinaus, wandte sich in der Tür noch einmal um.

»Ich komme gleich wieder, Herr Doktor!«

Das also war die Mutter des Erben von Winterloo! Ihr Antlitz zeigte noch Spuren früherer Schönheit. Doch die starke innere Unruhe, die sich in ihren Mienen widerspiegelte, lieh den Zügen ein nervöses Gepräge. Arvelin hatte den Grund für ihre offenbare Erregung darin gesucht, daß sein Erscheinen und sein Auftrag ihr allzu überraschend kämen. Im Laufe der Unterredung hatte er jedoch zu seinem Erstaunen bemerkt, daß in dem Telegramm ihres Sohnes Oswald, das auf dem Tisch lag, die Ursache ihrer Beklemmung zu suchen war.

Er nahm es zur Hand, überflog die Worte: »Ich komme morgen mit dem Postflugschiff. Keine Entschließung, bevor ich da!«

 

Den Mestizen, der ihn zu Pferd hierhergebracht, hatte Arvelin wie beiläufig über Oswalds Mutter auszuforschen versucht. Er hatte mancherlei zu berichten gewußt. So auch von der bevorstehenden Hochzeit der Señora mit einem benachbarten Hazendero Lerdo de Tejada. Dieser Tejada, aus spanischem Blut entsprossen, schien nicht in besonderem Ansehen zu stehen. Sprach doch selbst der Mestize in wegwerfendem Tone von diesem Bankerotterer. Hier lag zweifellos der Schlüssel zu Oswalds gewagter Reise nach La Cima.

Während der Unterredung mit Doña Virginia hatte Arvelin dem Gespräch eine Wendung zu geben gewußt, die zu Lerdo de Tejada führte. In seltsamer Nervosität hatte sie ihm von dem Gutsnachbar erzählt; dabei immer wieder erwähnt, wie sehr er ihr während der schweren Kriegszeiten zur Seite gestanden. Als brasilianische Staatsangehörige war sie heftigen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Man hatte sie enteignen wollen. Nur Tejadas Bemühungen sei es gelungen, das abzuwenden. Schon die Dankbarkeit gebot es, so versicherte Doña Virginia, ihm ihr Jawort nicht zu verweigern, als er um sie warb.

Jedenfalls aber schien Oswald Winterloo den Entschluß seiner Mutter nicht zu billigen. Morgen nachmittag würde er hier sein!

Arvelin zog eine Landkarte aus der Tasche. Die alte Caraibenstadt.

Schon vor seiner Reise hatte er sich mit den Kulturdenkmälern der Ureinwohner Venezuelas in großen Zügen beschäftigt. Im Gespräch mit Doña Virginia hatte er die Ruinen nördlich von San Fernando erwähnt. Ihre Auskünfte reizten seine Wißbegier. Die Zeit bis zu Hauptmann Winterloos Erscheinen genügte vollauf zu einem flüchtigen Besuch der historischen Stätte.

Als jetzt Oswalds Mutter wieder eintrat, erhob er sich, teilte ihr seine Absicht mit und verabschiedete sich. Doña Virginia begleitete ihn vor das Tor, wo er seinen Geleitsmann mit den Pferden fand. Sie sprach ein paar Worte mit dem Mestizen. Der nickte lebhaft, deutete nach Norden, war gern bereit, die Führung zur Caraibenstadt zu übernehmen. – –

»Warum wollten Sie den Deutschen nicht sehen, Don Lerdo?«

Der Angeredete wandte sich ab. »Er wird ja morgen wiederkommen, wenn Ihr Sohn da ist, Doña Virginia. Ich werde dann noch Gelegenheit haben, ihn kennenzulernen.«

Er wehrte die Versuche Virginias ab, die ihn zum Bleiben nötigen wollte, wandte sich nach kurzem Gruß ins Freie und bestieg sein Pferd.

Diese deutsche Erbschaft, brummte er, während er scharf nach San Fernando zuritt, ist jedenfalls nicht zu verachten. Mir würde es ja niemals einfallen, deshalb nach Europa zu gehen. Aber es ist sehr wohl möglich, daß dieser Oswald es tut. Und vielleicht wird er gar seine Mutter bewegen wollen, ihn zu begleiten.

Ha – dann wäre alles umsonst gewesen! Virginia ist schwach, leicht zu beeinflussen. Fern von hier, wäre sie für mich verloren – wenn sie's nicht schon morgen sein wird! In seinem Telegramm verrät der Bursche nur zu deutlich, daß er der Heiratsabsicht seiner Mutter ablehnend gegenübersteht. Das würde für mich das Ende bedeuten. Das kann, darf nicht sein!

Der Kommandant in San Fernando ist auf die Brasilianer schlecht zu sprechen. Nebenbei ein rabiater Bursche, der sich nicht viel um diplomatische Schwierigkeiten scheren wird. Wenn man's möglichst schlau einfädelt – denn er darf von meinen Beweggründen nichts ahnen! Ich muß mich stellen, als täte ich alles nur im Interesse des Vaterlandes. Vielleicht käme mir ein tüchtiger Trunk mit ihm dabei zustatten. – Unbegreiflich überhaupt, daß der Hauptmann diese Reise wagt! Er muß doch damit rechnen, in Spionageverdacht zu geraten. Die Kriegsgerichte in Venezuela sind schnell bei der Hand – – es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der Kommandant sich solchem Hinweis verschließen wollte ...

 

Nach mehrstündigem Ritt, die letzte Strecke des Weges durch dichten Urwald, kam Arvelin mit seinem Begleiter zu den Ruinen der Caraibenstadt. Er entließ den Führer und band sein Pferd an einen Farnbaum fest.

Über ein mit Obsidiansteinresten besätes Gelände näherte er sich den Trümmern eines Tempels. Er umschritt ihn von allen Seiten. Konnte er sich auch an Größe nicht entfernt mit denen der Mayas vergleichen, der Grundfläche nach zu schließen, mochte er nicht höher als zwanzig Meter gewesen sein, so erregte er doch sein Interesse in höchstem Maße. Spuren wiesen darauf hin, daß an einer Seite eine riesige Treppe ins Innere geführt hatte.

Ebenso wie die Mayas, hatten auch die Caraibenfürsten diese Bauten errichtet, um darin ihre Gottesdienste abzuhalten. Arvelin trat ein, entflammte ein Licht.

Er schritt hinaus, ging auf kleinem, schmalem Pfad auf einen Hügel zu, der ein paar hundert Schritte weiter lag. Links und rechts von ihm ragten aus dem wuchernden Urwaldgestrüpp Reste kleinerer Pyramiden. Der Weg war wohl früher eine breite Straße zu jenem Hügel gewesen.

Am Ende dieses anscheinend auch heute noch häufig begangenen Wegs gelangte Arvelin auf die Anhöhe. Vergeblich suchte er hier eine Fortsetzung des Pfades. Da er jedoch noch mehr Ruinen von Tempelanlagen auf dem Hügel vermutete, begann er sich aufs Geratewohl durch das Dickicht zu zwängen. Er kam schon nach wenigen Schritten leichter voran. Denn hier hatte, wie er vermutet, ehedem eine breite Treppe, im Anschluß an die alte Allee, zu dem Tempel geführt. Die großen Steinplatten hatten dem Urwald zum Teil widerstanden. Unschwer erreichte er das Plateau.

Von den Riesenkronen der Waldbäume überschattet, lagen die Tempelruinen vor ihm. Geräusch in seinem Rücken ließ ihn aufhorchen. Er wandte sich um: Ein alter Indio kam durch das Buschwerk hinter ihm drein.

Arvelin redete ihn spanisch an. Der Rothäutige murmelte ein paar unverständliche Worte, anscheinend aus der Caraibensprache, fuhr dann aber in ziemlich fließendem Spanisch fort. Auf Arvelins Bitten war er gern bereit, ihm die Anlagen des Heiligtums zu zeigen und zu erklären, wie er mit wichtiger Miene hinzusetzte. Arvelin musterte den vor ihm Stehenden. Die hagere Gestalt in indianischer Kleidung trotz hohem Alter noch straff und ungebeugt. Seine Haltung verriet, daß er wohl zu den Vornehmen seines Stammes gehörte. Mit einer leichten Neigung des Kopfes bedeutete er Arvelin, ihm zu folgen. Er schritt auf ein Risperogebüsch zu, bog die Zweige auseinander. Über Trümmer von Steinplatten, die mit zum Teil gut erhaltenen Reliefs verziert waren, öffnete sich ein neuer Pfad, bog dann scharf nach Osten ab. Zerborstene Steinstufen führten auf eine hohe Plattform, auf der sich die Reste des eigentlichen Tempels erhoben.

In das Innere führten drei quadratische Tore, durch geschmückte Steinpfeiler voneinander getrennt. Der Tempelraum selbst in sich zusammengebrochen. Soweit die Mauern noch standen, waren sie mit dunkelbraunen Mosaikreliefs auf hellbraunem Grunde geschmückt. In der Mitte der Anlage ein altarartiges Gebilde, von allen Seiten behauen, die glatten Flächen über und über mit Hieroglyphen bedeckt.

Wie viele Tausende, Zehntausende mochten auf diesem Stein unter den Messern der Priester als Opfer einer finsteren Gottheit verblutet sein! Arvelin starrte sinnend auf den Stein. Die tausendjährige Schrift darauf – was mochte sie bedeuten? Da klang hinter ihm die monotone Stimme des alten Indianers. Er erzählte von dem großen Schöpfer. Wie der den Menschen wohlgeneigt gewesen; wie er, um ihnen recht viel Gutes tun zu können, die Göttin Anal-Hoch heiratete. Die schenkte ihm einen schönen Knaben, den glänzenden Itzamna. Der stieg vom Himmel auf die Erde hinab und wurde der erste Hohepriester der Caraiben. Er lehrte sie die Schrift, schrieb selber alles hier auf ...

Arvelin schüttelte ungläubig den Kopf. »Du verstehst diese Zeichen zu deuten?«

»Cihuaca heiß' ich«, fiel der Indio ihm ins Wort, richtete sich stolz auf. »Cihuacas Ahnen waren einst, als die Caraiben noch ein glückliches, mächtiges Volk waren, Könige in diesem Lande.«

Arvelin unterdrückte das schwache Lächeln, das bei den Worten des Alten auf seine Züge treten wollte. Er reichte dem Indio die Hand, sprach ein paar Worte, die der Alte ersichtlich mit großer Befriedigung aufnahm.

Der wandte sich jetzt, führte Arvelin um den Tempelbau herum, zeigte ihm unterirdische Gänge, wunderliche Bilder, riesige Monolithen, die umgestürzt im Grase lagen. Jetzt waren sie zu der Stelle zurückgekommen, von der sie die Wanderung begannen. Arvelin drückte dem Indio die Rechte zum Abschied.

»Wo willst du hin?« fragte der.

»Nach San Fernando.«

Der Häuptling deutete auf die Sonne, die sich dem Zenit näherte. »Nicht jetzt reiten, alter Mann! Die Sonne sendet glühende Pfeile. Bleib hier im schattigen Wald, bis Abendkühle kommt! In Cihuacas Hütte magst du rasten.«

Gern ergriff Arvelin die Gelegenheit, einen Blick in das Leben dieser Indianer zu tun. Er bezeigte Cihuaca seine Freude, schritt hinter ihm her. Der band, unten angekommen, das Pferd des Doktors los, führte es den Hütten des Dörfchens zu, dessen Lage ein wenig talabwärts durch den Rauch der Herdfeuer kenntlich ward.

Der Wald öffnete sich. Auf einer großen Lichtung die Hütten der Indianer. Vor einem etwas größeren Bau in der Dorfmitte hielt der Alte an. Bei ihrem Nahen hatte sich eine weibliche Gestalt von einer Bank erhoben, wollte ins Haus treten, blieb auf einen Wink Cihuacas sitzen.

»Eine weiße junge Dame?« murmelte Arvelin vor sich hin. »Sehen meine Augen recht? Wie kommt die zu den Eingeborenen?«

Pferdegetrappel hinter ihm riß ihn aus seinen Gedanken. Ein indianischer Jüngling jagte an ihnen vorbei, brachte sein Pferd vor der Hütte zum Stehen und überreichte der jungen Weißen ein Körbchen. Er redete in seiner Sprache mit ihr.

Arvelin beschleunigte die Schritte. Wer war diese Weiße, die anscheinend hier allein unter den Rothäuten hauste? Eine Gefangene? Ein Flüchtling? Und sie sprach indianisch?

Nur wenige Schritte trennten ihn noch von der Fremden, da sah er sie während des Gesprächs mit dem jungen Indio plötzlich erbleichen. Ihre Hände verkrampften sich. Hastige, überstürzte Worte kamen aus ihrem Munde. Eines darunter – –

Arvelin zuckte unwillkürlich zusammen: Winterloo?! Hatte sie nicht »Winterloo« gesprochen? – Eine Sinnestäuschung? Da, wieder dasselbe Wort! Ganz deutlich vernahm er den Namen.

Alle Rücksicht vergessend, eilte er auf die Sprechenden zu. Das Mädchen hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, wollte in die Hütte. Ratlos griff Arvelin Cihuaca am Arm.

»Winterloo?« Er deutete auf den jungen Burschen. »Nichts Gutes war's, was der da sagte. Frage ihn! Was ist?«

Cihuaca sprach ein paar indianische Worte zu dem Jüngling. Der begann stotternd, verwirrt über die Ausfragung, seinen Bericht spanisch zu wiederholen. Das Mädchen war im Rahmen der Tür stehengeblieben, lauschte abgewandt dem Bericht.

Als der Name »Winterloo« fiel, unterbrach Arvelin mit heiserer Stimme den heftig Gestikulierenden. »Sprichst du wahr? Hauptmann Winterloo, der Sohn der Witwe in La Cima, soll als Spion erschossen werden?«

Der Indio nickte. »Heute noch, eh' die Sonne untergeht!«

Als Arvelin den Namen hinausschrie, hatte sich die Weiße umgewandt, schaute den Fremden überrascht fragend an. Auch Arvelin starrte sekundenlang in dieses schöne Gesicht, auf dessen Zügen jetzt Schmerz und Trauer wohnten.

Arvelin trat ganz nahe an sie heran. »Sie kennen Hauptmann Winterloo, meine Dame? Ich heiße Doktor Arvelin, kam aus Europa hierher zu dem Zweck, Oswald Winterloo zu suchen. Was ich da eben hörte, wär's möglich – ist es wahr?«

Bei dem Namen Arvelin war ein Freudenschein über das Gesicht des Mädchens geglitten. »Ich bin Edna Wildrake. Mein Bruder und Mr. Droste erzählten mir viel von Ihnen. Doch Winterloo, was wollen Sie von ihm? Ah – ist er etwa verwandt mit Ihrem Freund, dem Freiherrn Winterloo in Deutschland?«

Arvelin nickte hastig. »Er ist sein Erbe. Ich bin hier, um ihn zu holen. Und nun – solch grausamer Schicksalsschlag!«

Edna streckte ihm bittend beide Hände entgegen. »Die Deutschen sind gut Freund mit Venezuela. Eilen Sie nach San Fernando! Versuchen Sie alles – vielleicht gelingt es Ihnen – doch nein, Winterloo ist ja Brasilianer! Der Haß gegen die Brasilianer ist so groß. Er ist verloren, wenn nicht ein Wunder geschieht!« Sie drehte den Kopf zur Seite; unaufhaltsam flossen ihre Tränen.

»Ein Wunder, Fräulein Wildrake, nur könnte ihn retten? Vielleicht, daß Gott mir beisteht!«

Bei den letzten Worten hatte sich Arvelin schon gewandt, sprang ohne Gruß aufs Pferd, jagte dem Ausgang des Dorfes zu.

 

Schon seit zwei Tagen lag die »Susanna« im Hafen der Pirateninsel. Droste hatte angeordnet, daß ständig einer der drei Offiziere am Empfänger blieb, da ja Wildrake stündlich erwartet wurde.

Droste saß mit Alvarez und Barradas vor der Hütte, die Renard für seine Leute hier errichtet hatte. Renard selbst stand am Ufer, starrte mißmutig über die Wasserfläche.

»Der arme Kerl tut mir in gewisser Beziehung leid«, sagte Barradas. »Wie's auch mit ihm werden mag, die reichen Früchte seiner Tätigkeit ist er los. Arm wie Hiob muß er von neuem anfangen, wenn Wildrake ihn laufen läßt.«

Alvarez fiel ein: »Einen Vorwurf kann man schließlich seinen Leuten nicht machen. Sie mußten annehmen, ihr Herr und Meister wäre bei dem Renkontre getötet oder, falls er lebend in unsere Hände geriet, doch gleich an die Rah gehängt worden. Wenn die Besatzung seines Schoners also das Nest gründlich leermachte, ehe sie das Weite suchte, darf man's den Burschen nicht übelnehmen. Renards maßlose Wut ist meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt.«

»Er scheint überhaupt keine anderen Sorgen zu haben«, sagte Droste. »Er baut augenscheinlich ganz bestimmt darauf, daß wir ihn so oder so wieder entlassen. Nun, wir werden ja sehen – Wildrake muß in aller Kürze hier sein!«

»Die ganze Anlage«, meinte Alvarez lachend, »ist übrigens recht instruktiv für uns. Renard ist ein praktischer Mann. Man kann da allerhand lernen. Er hält hier lebende Tiere, hat große Konservenvorräte und somit die Verpflegung auf lange Zeit sichergestellt. Dazu die wirklich hervorragende Tankeinrichtung! Zwar zusammengestohlen aus Gott weiß wieviel Schiffen. Trotzdem: besser wüßte ich's auch auf unserer Insel nicht einzurichten.«

»Schließlich«, warf Droste nachdenklich ein, »müssen wir froh sein, daß wir so rechtzeitig hinter diese üble Nachbarschaft kamen. Es wäre doch möglich gewesen, daß wir auf unserer Insel X. schon alles in bester Ordnung aufgebaut hätten, um bei irgendeiner Gelegenheit zu entdecken, daß hier Augen sind, die Ursache haben, die Umgebung unter schärfster Beobachtung zu halten. Ich glaube, schon bald würden die Piraten unser Geheimnis entdeckt haben.«

Calleja, der am Empfänger gesessen hatte, kam freudig winkend herbeigeeilt. »Habe eben Verbindung mit dem ›Captain‹ bekommen. In einer Viertelstunde ist er da!« – –

Und dann standen die vier Freunde um Wildrake, der seinem Flugzeug entstiegen war. Calleja wollte in die Kabine treten, um das Gepäck herauszuholen. Doch der Kapitän hielt ihn zurück.

»Ein Grund besonderer Art, lieber Calleja! Warten Sie noch ein Weilchen! Es gilt jetzt, so schnell als möglich die Sache mit Renard zu regeln. Ich habe, da mir ja alles über ihn bekannt ist – auch sein Verhältnis zu Ihnen, Barradas – mir die Angelegenheit unterwegs genügend überlegt. Er mag leben bleiben! Aber er muß von hier fort – irgendwohin, von wo er in absehbarer Zeit Verbindung mit der Welt bekommt. Was weiter mit ihm geschieht, kann uns einerlei sein. Jedenfalls glaube ich nicht, daß wir berufen sind, über ihn zu richten. Kein Gesetz stünde uns zur Seite. Ein Ausliefern an irgendeine Macht ist nicht unsere Sache. Mag er auch für seine Taten vor jedem Gericht der Welt den Strick verdient haben, wir schulden ihm Dankbarkeit. Dürfen nicht vergessen, daß er für unser Land sein Leben in die Schanze schlug. Also folgendes ist zu tun: Einer – Barradas, Sie wären wohl der Geeignetste dafür – nimmt das Bordflugzeug und bringt ihn fort. Es ist keine Stunde zu verlieren – machen Sie sich sofort bereit! Ich selbst nehme Sie, Droste, an Bord. Wir fliegen weiter nach Südwesten, um einen anderen, besseren Stützpunkt zu suchen. Alvarez und Calleja warten hier mit der ›Susanna‹«

In diesem Augenblick kam Renard vom Strande her langsam auf sie zugegangen. Die Hände in den Taschen vergraben, seine kurze Pfeife schmauchend, stellte er sich breitbeinig vor die Offiziere hin.

»Nun, Gentlemen! Hat ein hohes Kriegsgericht getagt?« fragte er mit unverschämtem Lächeln. »Daß Sie einen alten Kriegskameraden nicht dem Strick überliefern werden, ist ja selbstverständlich. Ich möchte nur bitten, daß Sie mich sobald wie möglich von hier wegschaffen, und zwar nach einer Stelle, von wo ich Verbindung nach dem Westen habe: S. Pauls-Insel am besten! Wäre immerhin möglich, daß ich meinen Schoner noch irgendwo wieder erwischte. Die Hunde, die sollen's spüren! Mich im Stich zu lassen – die Früchte meiner Arbeit zu stehlen –!«

»Es wäre besser, Jean Renard, wenn Sie Ihre Sprache mäßigten!« sagte Wildrake. »Sie nehmen unsere Gnade als sicher an. Noch sind Sie in unserer Hand. Wir könnten uns eines anderen besinnen. Wenn wir beschlossen haben, Ihnen die Freiheit zu schenken, so tun wir das, weil wir genau wissen, daß Ihnen über kurz oder lang doch der Strick blühen wird. Mögen andere als wir dies Geschäft besorgen!«

Renard schlug mit dem Finger einen Kreis um seinen Hals. »Wäre schade drum!« meinte er mit komischem Grinsen. »Denke, er wird meinen Kopf noch eine gute Reihe von Jahren tragen! Glaube auch nicht, daß es das letztemal gewesen ist, daß wir uns begegneten, Kapitän Wildrake. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Unternehmende Leute wie wir sollten deshalb zusammenhalten. Vielleicht kommt der Tag, wo Sie sehen, daß Jean Renard seine alten Freunde nicht vergißt.«

Droste, der Renard scharf im Auge behielt, glaubte ein kurzes, tückisches Funkeln unter dessen halbgesenkten Lidern hervorblitzen zu sehen.

Barradas kam vom Schiff her. »Das Flugzeug steht bereit, Kapitän Wildrake? Kann's losgehen?«

»Ah, so schnell?« fiel Renard ein. »O nein! Muß noch sehen, ein bißchen Reisegeld zusammenzuklauben. Es ist nicht viel. Ihr werdet's einem alten Manne lassen!«

Wildrake machte eine verächtliche Handbewegung. »Glaubst du, dein Sündengeld könnte uns reizen? In einer Viertelstunde mußt du fertig sein.«

Renard verschwand in dem Gebüsch hinter dem Hause, kam nach kurzer Zeit wieder. »Eh bien, Monsieur Barradas! Fahren wir zur Insel S. Paul! Kenne da einen Platz, wo wir in der Dunkelheit ungesehen landen können.«

Er wandte sich zum Gehen, besann sich einen Augenblick, trat dann auf Wildrake zu. »Vergaß ganz, mich bei Ihnen für genossene Gastfreundschaft zu bedanken, Captain! Möchte Ihnen zur Erinnerung dies Paket einhändigen.«

Wildrake drehte sich ärgerlich um, wollte sich entfernen.

»Nicht so stolz, lieber Captain!« rief Renard. »In ehrlichem Kampf erworben!«

»Was nennst du ehrlichen Kampf?« fuhr Barradas ihn an.

»Ausreden lassen, junger Mann! Gerade Sie sollten doch wissen, Leutnant Barradas, daß Jean Renard den Kampf Mann gegen Mann nicht scheut. Ein paar Worte nur, Captain Wildrake, dann mögen Sie tun, was Sie wollen. Erinnern sich vielleicht alle, daß vor kurzem das brasilianische U-Boot 340 als vermißt gemeldet wurde – –«

Wildrake wandte interessiert den Kopf, trat unwillkürlich ein paar Schritte näher.

»Verschollen!« Der Pirat lachte heiser. »Jean Renard weiß, an welcher Stelle des Meeres es liegt – –« Er machte eine Pause.

»Die Sache war so. War gerade dabei, einen Trampdampfer abzuledern, da hob sich plötzlich ein Flugzeug aus dem Wasser, kam mir über den Hals. Hallo, dacht' ich, wo kommt das her, hier mitten im Atlantischen Ozean? Ah! Da sah ich schon das U-Boot, von dem es aufgestiegen. Das machte sich bereit, meinen Motorschoner zu verfolgen.

Die Situation war kritisch, meine Herren. Sie kennen diese modernen U-Kreuzer – verflucht fixe Dinger über Wasser! Nun, ich besann mich nicht lange. Ratterte dem Flieger entgegen, hatte ihn mit ein paar Schüssen erledigt. Dann ging's an das U-Boot. Das empfing mich nicht schlecht mit seinen Abwehrgeschützen. Der Kampf dauerte stundenlang. Ich dachte mehrmals daran, das Weite zu suchen. Aber mein schöner Schoner –! Wir hatten am Tag vorher einen fetten Passagierdampfer angehalten. Was mir da der Zahlmeister übergab, überstieg all meine Erwartungen. Die reiche Beute lag im Motorschoner – –

Endlich! Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, da gelang es mir, eine Wasserbombe neben das Boot zu placieren. Das Schiff geriet in starkes Schwanken. Ein Zielen der Abwehrgeschütze unmöglich. Schnell nahm ich die Gelegenheit wahr, stieß zu ihm hinunter, legte eine Mine auf sein Deck. Ein paar Minuten später sackte das Boot wie ein Stein weg.

Ich schaute mich nach dem Trampdampfer um. Vielleicht, daß ich ihn noch in Sicht bekam. Da sah ich nicht weit von der Stelle, wo der U-Kreuzer gesunken, ein Boot, gefüllt mit Menschen. Ah, sagte ich mir, die dürfen nicht entkommen! Dein Konto ist hoch genug belastet. Ich flog über ihre Köpfe her. Sie hatten in der Eile vergessen, Waffen mitzunehmen. Mit einer Wendung kam ich wieder über sie, blieb stehen, ließ mein Maschinengewehr spielen. In einer Minute war alles erledigt.

Da kam mir ein Gedanke: Vielleicht, daß der Kommandant seine Kasse mit ins Boot genommen hat! Ich ging aufs Meer herunter, näherte mich dem Boot. Die Kugeln hatten den Boden mehrfach durchschlagen. Es war schon halb mit Wasser gefüllt. Ich mußte mich beeilen. Am Steuer lag der Kommandant. Ich sprang hinüber, hob ihn hoch. Er war tot. Doch unter ihm eine Ledermappe! Was darin war, konnte ich in der Eile nicht untersuchen. Ich nahm sie mit. Ehe sich mein Flugzeug zehn Meter entfernt hatte, folgte das Boot seinem Kreuzer in die Tiefe.

Die Mappe von U 340, Kapitän Wildrake! Ich schenke sie Ihnen. Geld ist nicht darin – war auch nicht darin! Aber ich taxiere, es sind ein paar Dokumente dazwischen, die Sie interessieren werden.« Renard schwenkte mit vergnügtem Lächeln seine Mütze. »En avant, Monsieur Barradas!«

 

»Nach alldem, was wir gesehen haben, Droste, dürfte dieses Eiland am besten Ersatz für unsere Insel X. bieten.« Droste nickte. »Sie haben recht, Wildrake. Bietet sie auch nicht alle Vorzüge von X., so bleibt uns in Ermangelung eines Besseren doch nichts übrig, als hier unsere Station anzulegen. Nennen wir sie – –«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Wildrake laut. »Ich taufe die Insel hiermit auf den Namen ihrer besten, edelsten Bewohnerin: Santa Maria!«

»Robert, du riefst mich?« klang es aus dem Flugzeug.

»Nein, Fräulein Maria!« rief Droste lachend. »Kapitän Wildrake vollzog eben die Taufe dieses Eilandes. Santa Maria soll die Insel heißen.«

»Robert!« In der Kabinentür der Flugjacht erschien Maria. Noch ehe ihr Bräutigam herbeieilen konnte, war sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit die Stufen hinabgeschritten, eilte über das flache Land der Stelle zu, wo die Freunde standen.

Im Laufen umfing Wildrake sie, drückte sie an sich, küßte sie auf die erloschenen Augen. Maria lehnte den Kopf an seine Schulter. Wildrake flüsterte leise ein paar Liebesworte in ihr Ohr. Fuhr dann lauter fort: »Möge der Name unserem Unternehmen günstig sein! Unser neues Heim, Maria! Ich will dir's kurz beschreiben.

Die Insel ist ungefähr zwei Quadratkilometer groß. Die Südseite, auf der wir uns hier befinden, hat flachen Strand. Draußen im Meer ziehen sich Korallengürtel um die Küste. Nach Osten hin schützt, sie ein dichter Mangrovenwald. Nach Norden und Osten erhebt sich unwirtlicher Felsboden. Die Erhebung ist wahrscheinlich vulkanischen Ursprungs. Der Südostteil birgt ein paar Süßwasserquellen; Haine und Wiesen darum. Doch keine Tiere bevölkern die Insel.

Das alles könnte uns ja, wie du weißt, nicht besonders interessieren. Die Hauptsache war doch, einen Stützpunkt zu finden, auf dem eine Kraftquelle vorhanden ist, die wir zur Erzeugung unseres Treibstoffes unbedingt benötigen. Ein Brandungskraftwerk zu schaffen, wie wir's auf der Insel X. beabsichtigten, ist hier unmöglich. Dafür gewährt uns aber dieses Eiland etwas noch Günstigeres. Da, wo der abfallende Fels barrenartig in die Brandung ragt, bietet sich Gelegenheit, unter besten Bedingungen ein Stromkraftwerk anzulegen. Bei Flut stürzen die Wellen mit Gewalt über die Barre, wie über ein Flußwehr, ins Hinterland und fluten durch den Mangrovenwald ab. Nach ein paar kleinen Sprengungen können wir hier unser Kraftwerk errichten. Die wenigen geringfügigen Änderungen an dem mitgebrachten Material lassen sich ohne große Mühe bewerkstelligen.

Im Laufe der nächsten Stunden muß die ›Susanna‹, die auch Barradas mitbringt, hier landen. Droste wird den Freunden die nötigen Anweisungen geben. Morgen bei Tagesanbruch fliegen wir beide dann weg, lassen dich hier allein – –«

»Allein, Robert? Rechnest du die Freunde für nichts? Barradas kenne ich ja noch nicht. Aber Calleja und Alvarez werden mir treue Gefährten sein. Wenn ich noch denke, wie sie staunten, sich freuten, als ich auf der Pirateninsel an Pablos Arm plötzlich zu ihnen trat! Sie konnten es nicht begreifen, daß ich ihre Verbannung teilen wolle; begriffen nicht, daß ich nicht mit dir nach Europa führe. Ich mußte ihnen erst erklären, weshalb das nicht angängig sei. Wär's doch der beste Wink für die brasilianischen Spione: ein Mann in Begleitung der blinden Maria Anunziata! Dann würden wohl die Kinder hinter uns herrufen: Hallo, ›Captain Wildrake!‹«

»Maria! Soll ich die Stunde preisen, soll ich sie verwünschen, in der du mich bewogst, deinen Bitten nachzugeben? Manchmal ist mir's, als wäre meine Kraft vervielfacht, wenn ich weiß, daß du hier bei mir bist. Dann wieder denke ich mit Schrecken daran, daß unser Zufluchtsort entdeckt werden könnte, du unser Schicksal, wie's auch dann kommen mag, teilen müßtest!«

Maria fuhr ihm mit der Hand über die Stirn. »Meinst du, ich werde den Glauben Alvarez' und Callejas an ihre Schutzheilige enttäuschen? Denke wie sie! Solange ich bei dir bin, wird dich kein Unheil treffen!«

»Maria!« Wildrake beugte die Knie, schlang die Arme um die Geliebte.

Als die Sonne im Westen sank, landete die »Susanna« mit Droste und Barradas. Und als das Tagesgestirn sich zwölf Stunden später wieder aus der See erhob, flogen Wildrake und Droste, Kurs Europa.

 

Als Arvelin auf abgehetztem Gaul nach San Fernando kam, war sein erstes, sich nach dem Kommandanten zu erkundigen. Aber der war auf die Jagd geritten. Unbestimmt, wann er zurückkam.

Verzweifelt, wohin er sich zu wenden habe, sprach Arvelin einen ihm begegnenden höheren Offizier an. Der hörte dem Bericht höflich zu. Schon glaubte der Doktor Hoffnung schöpfen zu können, da erklärte der Venezuelaner veränderten Tones, alle Versuche, von welcher Seite sie auch kommen möchten, das Schicksal des Verurteilten zu wandeln, würden vergeblich sein. Im Gegenteil: jeder, der in dieser Richtung Schritte tun wolle, setze sich der Gefahr aus, als Mitverdächtiger verhaftet zu werden.

Arvelin sah nach der Uhr. Die Hinrichtung war auf die fünfte Nachmittagsstunde festgesetzt. Jetzt war es vier. Noch weitere Versuche zu unternehmen, sich etwa an das Oberkommando in Caracas zu wenden, war schon wegen der Zeitknappheit aussichtslos. Die Dinge mußten ihren Lauf nehmen – –

Als die Glocke zum fünften Schlage aushub, wurde Oswald Winterloo auf den Hof des Gefängnisses geführt. Zehn Schritt vor der Umfassungsmauer band man ihm ein Tuch vor die Augen. Vergeblich wehrte er sich. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt.

Jetzt traten aus dem gegenüberliegenden Haus die sechs Mann des Exekutionspeletons unter Führung eines Offiziers. Der Offizier ließ trommeln, begann das Urteil des Kriegsgerichtes zu verlesen. Oswald Winterloo hörte mit einem bitteren Gefühl die sinnlosen Beschuldigungen, auf die hin das Urteil ihm das Leben absprach.

Da! Was war das? Eine Stimme hinter ihm, flüsternd zu ihm sprach. Portugiesische Laute klangen an sein Ohr.

»Keine Furcht! Hilfe ist nah! Sobald Sie von draußen den Krach einer Explosion hören, reißen Sie die Binde von den Augen, nehmen meine Hand und folgen meiner Führung!«

Oswald glaubte, seine Nerven versagten; glaubte, Halluzinationen ließen ihn Worte vernehmen, die doch unmöglich gesprochen sein konnten. Wer könnte angesichts des Peletons sich in seine unmittelbare Nähe wagen? Dazu die vielen hundert Augen der Neugierigen, die von den Fenstern des Presidios aus das Vergnügen, die Exekution mitanzusehen, genießen wollten.

Aber da ... doch keine Sinnestäuschung? Er glaubte zu fühlen, wie seine Riemen gelöst wurden. Unwillkürlich wollte er die befreiten Hände nach vorn strecken, da wurden sie von fremden Fingern festgehalten.

»Nicht rühren, bevor die Explosion erfolgt!«

Winterloo stand in maßloser Erregung. Mit Mühe nur hielt er sich aufrecht. «Was ging hier vor? Wer war der rätselhafte Unbekannte? Vielleicht gar Lerdo de Tejada? Wurde hier mit ihm eine unmögliche Komödie gespielt?

Der Offizier hatte die Verlesung beendet. Er ließ die Mannschaft stillstehen, kommandierte: »Anlegen!« Zog seinen Degen, wollte den Mund öffnen, »Feuer« rufen.

Da zerriß von draußen her ein furchtbarer Knall die Totenstille. Unwillkürlich zögerte der Offizier, wandte den Kopf in der Richtung des Schalles. Auch die Soldaten hatten bei dem Donner unwillkürlich die Gewehre sinken lassen, sich umgedreht. Ihr Befehlshaber faßte sich schnell. Ärgerlich über die Störung, kommandierte er von neuem: »Stillgestanden!«

Da! Der Degen entfiel seiner Faust. Seine Augen gingen ratlos von der Stelle, wo der Gefangene stehen mußte, zu den Soldaten. Auch die standen sprachlos, verwirrt. Glotzten einander an.

Der Gefangene – wo war er? Eben noch zehn Schritt vor ihnen – – jetzt plötzlich verschwunden, als hätte die Erde ihn verschluckt! Nur die abgestreifte Binde bezeichnete die Stelle, wo er gestanden.

Der Offizier war der erste, der wieder zu sich kam. »Er ist entflohen! Alarm!«

Er schoß seinen Revolver in die Luft, rannte zum Torweg. Das ganze Presidio war im Nu ein wimmelnder Ameisenhaufen.

Der Offizier hatte das Innentor erreicht, schrie dem Außentorposten zu: »Achtung! Schließt das Tor!«

Da! Der Soldat taumelte, wie von unsichtbarer Hand gestoßen, zur Seite. Jetzt war der Offizier am Außentor. Die Umgebung menschenleer. Neben ihm sammelten sich seine Mannschaften und andere Soldaten, die auf den Schuß hin herbeigeeilt waren. Auch sie stierten fassungslos, mit verworrenen Gesten, über das verlassene weite Feld. –

Betäubt, halb besinnungslos folgte Winterloo dem alten Mann, der plötzlich hinter ihm gestanden, als er die Binde von den Augen riß, ihn an der Hand nahm und mit ihm forteilte. Jetzt, nach dem Verlassen des Tores, mäßigte er die Schritte. Es war dieselbe Stimme, die im Hof des Presidios zu ihm geklungen, die jetzt weitersprach.

»Halten Sie sich hinter mir und haben Sie Vertrauen! Dann sind Sie gerettet!«

Gerettet? Winterloo faßte sich an die Stirn. Gerettet – hier in unmittelbarer Nachbarschaft des mit Soldaten überfüllten Presidios? Kein Auto, kein Flugzeug bereit. Die Schritte des Alten vor ihm tödlich langsam nach seiner Meinung. Nur Sekunden konnte es ja dauern, dann wurden sie von tausend Augen gesehen.

Das verworrene Geschrei am Außentor ließ Winterloo vorsichtig den Kopf wenden. Da standen ja Haufen von Soldaten ... und die erkannten ihn nicht? Irgendeine läppische Komödie, die man sich mit ihm erlaubte?

Und als habe sein Mentor diese Gedanken erraten, kam die Stimme warnend zurück. »Nicht stehenbleiben! Sonst sind Sie verloren.«

Sie gingen weiter. Da – trotz allem, was schon geschehen, hielt Winterloo den Atem an: Um die Ecke der Mauer, auf die sie zuschritten, kam ein Schwarm Soldaten, die Gewehre schußbereit. Jetzt war alles verloren ... Doch nein: Sie liefen unter dem Kommando eines Offiziers einem Wäldchen zu, als wollten sie den Entwichenen dort suchen.

Der Alte hatte haltgemacht, drückte sich enger an die Mauer. Auch Winterloo folgte seinem Beispiel. Nun waren die Soldaten fort, der Weg wieder frei!

Der Alte setzte sich aufs neue in Marsch. »Es ist gelungen, Herr Hauptmann! Bleiben Sie neben mir und lassen Sie mich Ihren Arm nehmen! Doch hüten Sie sich zu sprechen, wenn Menschen in der Nähe sind.«

Sie umwanderten die Stadt, kamen an einen Rancho, vor dem ein paar Pferde angebunden standen. Der Alte schien zu fühlen, wie schwer es Winterloo wurde, mit ihm Schritt zu halten. Die Aufregungen der letzten Tage, die unerklärlichen, rätselhaften Vorgänge der letzten Stunde hatten seine Kräfte erschöpft.

»Raffen Sie sich zusammen! Steigen Sie auf dieses Pferd – ich nehme das andere!«

Mit Mühe schwang sich Winterloo in den Sattel. Eine halbe Stunde später umfingen sie die dunklen Schatten des Waldes. Jetzt erst glaubte der Hauptmann sich in Sicherheit. Ein wohliges Gefühl durchrieselte ihn, stärkte seine Lebensgeister. Nicht länger konnte er seine Wißbegier zähmen.

»Wer sind Sie, Señor, der Sie wahrhaftig wie ein vom Himmel Gesandter mich so wunderbar dem Tode entrissen?«

Der Alte nickte ihm freundlich zu. »Ich bin Doktor Arvelin. Sie haben mich nie gesehen, haben nie von mir gehört, Herr Hauptmann Winterloo. Doch ich komme im Auftrage jemandes, der Ihnen wohlwill und mit dessen Schicksal das Ihre eng verbunden ist. Hier ist nicht der Ort, Ihnen das auseinanderzusetzen. Doch bevor dieser Tag endet, hoffe ich, mit Ihnen in einer Flugjacht zu sitzen, die Sie von hier wegbringt. Dann will ich zu Ihnen sprechen. Nur das eine sei Ihnen jetzt noch gesagt: Wir reiten nach einem Indianerdorf, wo Freunde sind. Auch Freunde von Ihnen, Herr Hauptmann!« Er sah den Verwunderten mit bedeutungsvollem Lächeln an. »Ich geleite Sie dorthin – verlasse Sie dann für einige Zeit, um mein Flugzeug hierherzuholen.«

Die Nacht war herabgesunken, als sie das Indianerdorf erreichten.

»Hier sind Sie in Sicherheit, Winterloo! Um keine Zeit zu verlieren, trenn' ich mich schon jetzt von Ihnen. Reiten Sie bis zur Mitte des Dorfes und fragen Sie dort nach dem Hause des Häuptlings Cihuaca – oder auch fragen Sie nach Edna Wildrake!«

 

Im Konferenzsaal des Außenministeriums in Brasilia, der neu entstandenen Regierungsstadt Brasiliens, saß der Außenminister Torno mit Major Compra vom Kriegsministerium und William Hogan, dem großen Ölmagnaten. In Hogan verkörperten sich die wirtschaftlichen Interessen.

»Ich stimme Ihrer Ansicht im Prinzip vollkommen zu.«

Der Außenminister wandte sich an Hogan. »Venezuela und die übrigen unabhängigen Staaten Südamerikas bleiben kulturell immer weiter im Rückstand. Die ungeheuren Bodenschätze dort werden nur zu einem Bruchteil und unter größten Schwierigkeiten von ausländischen Unternehmern ausgenutzt. Als neue Mitglieder der Vereinigten Staaten von Brasilien würden diese Länder erst das werden, was sie nach ihren Naturschätzen sein müßten!«

»Ich verstehe nicht, Senhor Torno, wie Sie das aussprechen und trotzdem sich weigern können, diese günstige Gelegenheit zu benutzen, ein für allemal reinen Tisch zu machen.«

Der Außenminister wiegte den Kopf. »So muß ich's noch einmal wiederholen – Ihnen, Senhor Hogan, und Ihnen, Senhor Compra, der Sie mit Hogan einer Meinung sind. Die Stimmung im übrigen Südamerika ist uns – ich möchte sagen – mehr als feindselig. Ich will gar nicht erwähnen, daß Venezuela den Krieg schon viel früher verloren hätte, wenn nicht fremde Hilfe –«

»Europäisches Geld –! Europäische Mache!«

»Meine Ansicht ist anders, Senhor Hogan. Doch lassen wir das! Ich betone nochmals: Überstürzen wir unser Programm, so riskieren wir wirtschaftliche Nackenschläge, die auf Jahrzehnte hinaus alle Vorteile, die Sie sich von einem radikalen Vorgehen versprechen, hinfällig machen. Außerdem ist da noch ein Punkt, den Sie vermutlich – ich weiß es von vornherein – auch als nebensächlich ansehen werden: nämlich die öffentliche Meinung der Welt.«

Mit einem leichten Lächeln quittierte der Außenminister die wegwerfenden Gesten der beiden Starrköpfe. »Sie wissen, Senhor Hogan, daß sich unsere Stellung als Weltgläubiger in den letzten Jahren immer mehr zugunsten der USA und Europas verschlechtert hat. Mehr als je reagieren die Weltbörsen auf die Volksstimmungen – eine Entwicklung, die niemand voraussah. Übertriebene Expansion unsererseits würde Schwierigkeiten auf dem Geldmarkt hervorrufen, die schlimme Folgen haben könnten.«

Nur mit Mühe wahrte Tornow seinen ruhigen Gleichmut. Der offenbare Hohn, der aus Hogans Mienen sprach, ließ seine Nerven vibrieren. Er schöpfte ein paarmal kurz Atem. »Unterschätzen Sie die Mißhelligkeiten nicht, die uns schon jetzt erwachsen, wenn wir auch nur das Gebiet bis zum Ventuarifluß in irgendeiner Form annektieren. Womit vorläufig Ihre Aspirationen, Mr. Hogan, doch befriedigt sein dürften? Oder – –?«

»Meine Aspirationen? Ich glaube, Sie wählen da einen falschen Ausdruck. Meine Aspirationen, wie Sie es nennen, sind die der Vereinigten Staaten von Brasilien! Sie geben ja selber zu, daß irgendwann einmal – ich weiß nicht, wie lange die Zeit bemessen – ganz Venezuela und Südamerika zu uns kommen müssen. Und Ihre zarte Rücksichtnahme auf Geldstand, Weltmeinung und so weiter dürfte unserem Vaterlande teuer zu stehen kommen. Wie denken Sie, Herr Major?«

Compra hieb die Faust auf den Tisch. »Venezuela liegt wehrlos zu unseren Füßen. Eine vollständige Besetzung würde kaum nennenswerte Opfer fordern; ein späterer neuer Krieg aber die Verluste an Menschenleben und Kapital verzehnfachen.«

Torno zuckte die Achseln. »Ich sprach im Namen der Staatsregierung, Senhor Hogan. Und habe dem nichts hinzuzufügen.«

Der Major erhob sich, verließ den Raum. Ungeduldig erwartete Torno, auch Hogan werde sich entfernen. Die Tür hatte sich hinter Compra geschlossen. Hogan lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander.

»Wir sind jetzt allein, Senhor Torno. Ich gestatte mir, Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen. Sie treten in den Vorstand der Centralen Oil-Gesellschaft ein – mit zehn Millionen Süddollar Aktien in Ihrem Portefeuille.«

Torno wurde blaß. Seine Brust hob und senkte sich in heftigen Atemstößen. »Senhor Hogan, könnten Sie glauben –?« Seine Finger trommelten nervös auf der Tischplatte. »Nein! Ausgeschlossen! Ich habe Sie sicherlich mißverstanden. Mich beeinflussen –? Unmöglich, daß solch absurder Gedanke Ihnen – –. Das Wohl nur des Staates, nichts anderes – –«

»Nichts anderes, Senhor Torno! Ich wüßte aber nicht, wie unser Geschäft das Staatswohl berühren könnte; glaube im Gegenteil –«

Torno, die Hand auf der Tischplatte, stemmte sich langsam in die Höhe. Er wollte eben eine heftige Antwort hervorpressen, da glühte ein rotes Glimmlicht auf. Er fuhr sich über die Stirn. »Verzeihung, Senhor Hogan – eine wichtige Nachricht!«

Er drückte auf einen Knopf. Ein Sekretär kam herein, legte eine Mappe vor ihm nieder.

Der Außenminister schlug sie auf. »Ah!« Er überlegte sekundenlang. Der Sekretär wollte die Tür schließen. Torno rief ihm nach: »Wenn zufällig Major Tejo im Hause ist, soll er sofort zu mir kommen!«

Er wandte sich zu Hogan. »Eine kurze Unterbrechung nur! Gestatten Sie mir, die Angelegenheit sofort zu erledigen! Sie ist dringend.«

Wieder öffnete sich die Tür. »Treten Sie näher, Herr Major!« Torno winkte ihm, Platz zu nehmen. »Eine Mitteilung, die mich eben erreicht, veranlaßt mich, auf unsere Unterredung von neulich zurückzukommen. Es handelte sich darum, daß mancherseits in den Handlungen des Hauptmanns Winterloo ein an Hochverrat grenzendes Verhalten erblickt wurde. Aus dem Gespräch mit Ihnen erhielt ich den Eindruck, daß zum mindesten eine aktive Verfehlung nicht vorliegen dürfte. Obwohl Sie, ungeachtet Ihrer Freundschaft für Winterloo, keineswegs mit Ihren eigenen Zweifeln zurückhielten. Nun – diese Nachricht hier«, er zeigte auf die Depesche, »erbringt den tragischen klaren Beweis, daß der Hauptmann völlig unschuldig ist. Überzeugen Sie sich, bitte, selbst!«

Tejo las. Seine Lippen murmelten die Worte halblaut vor sich hin: ›Radionachricht aus Caracas – Der brasilianische Hauptmann Winterloo als Spion ergriffen – zur Erschießung verurteilt – Exekution um siebzehn Uhr – –‹

»Was sagen Sie dazu, Herr Major?«

Tejo suchte sich zu fassen, betupfte mit seinem Taschentuch die beperlte Stirn. »Jetzt dürfte wohl« – eintönig, stockend quollen die Worte aus seinem Munde – »jeder Schatten eines Verdachts von Hauptmann Winterloo genommen sein. Sein trauriges Schicksal hat er, so leid es mir auch tut, selbst verschuldet. Doch sprechen wir nicht davon! Er dürfte inzwischen seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlt haben.«

Mit formeller Verneigung verabschiedete sich der Minister von Tejo und Hogan, der stumm der Unterredung zugehört hatte.

»Sie würden mir ein Vergnügen machen, Major Tejo, wenn Sie mir die Ehre gäben, mich nach Hause zu begleiten. Es sind da einige Fragen, die Sie mir vielleicht beantworten könnten.«

»Gern, Senhor Hogan!«

Sie schritten zur Tür. Gerade, als sie sie öffnen wollten, trat ein Beamter ein, eine Mappe in der Hand.

»Gut, daß ich Sie noch treffe, Herr Major. Eine Meldung vom Außenminister!«

Tejo schlug die Mappe auf. ›Radiotelegramm aus Caracas. Der brasilianische Hauptmann Winterloo mit Unterstützung unbekannter Helfershelfer kurz vor der Exekution entflohen. Sämtliche Behörden arbeiten fieberhaft, des Flüchtigen habhaft zu werden – –‹

Wie gut, daß er Hogan den Rücken kehrte! Tejo war unfähig, seiner Bewegung Herr zu werden ... Eben noch froh, der alten Zweifel ledig zu sein, fühlte er sie jetzt mit neuer Gewalt erwachen. Edna Wildrake – hatte sie ihre Hand im Spiel? Oder war alles gar nur Komödie? Er mußte sich Klarheit verschaffen, Klarheit um jeden Preis! Und wenn – roter Nebel schwamm vor seinen Augen – wenn Winterloo doch schuldig war, dann ... nicht ruhen, nicht rasten wollte er, bis er ihn der verdienten Strafe überliefert!

Hogan legte seine Hand auf Tejos Schulter. »Sind Sie so weichen Gemütes, Herr Major, daß diese erfreuliche Nachricht Sie derart fassungslos macht? Oder was sonst beschäftigt Ihre Gedanken?«

Tejo wich dem forschenden Blick aus. »Eine Häufung von merkwürdigen Abenteuern, die sich um Winterloo abspielen.«

»Merkwürdig? Sie haben recht, Herr Major. Doch gehen wir jetzt!« – – –

Mitternacht war vorüber, als Major Tejo aufstand, um sich vom Hausherrn zu verabschieden.

»Ein interessanter Abend, mein lieber Major!« sagte Hogan. »Ich hoffe, daß wir noch öfter Gelegenheit haben, unsere Gedanken auszutauschen. Verlassen Sie sich bei allem, was Sie tun, auf mich! Ich werde Sie decken, was auch geschieht. Vor allem denken Sie nicht etwa an Torno. Mir erschien heute sein Gesundheitszustand so schlecht, daß meiner Meinung nach die Tage seiner Amtstätigkeit gezählt sind. Ich nehme an, Senhor Peleira wird sein Nachfolger.«

»Ah! Senhor Peleira?« fragte Tejo erstaunt. »Doch wohl derselbe, der jahrelang der Syndikus der Central-Oil-Company war?«

»Gewiß. Doch kehren wir zu unserem Thema zurück! Ihre Pläne bezüglich des Kapitäns Wildrake billige ich durchaus. Es liegt mir daran, den Menschen sobald wie möglich zur Strecke gebracht zu sehen. Scheuen Sie vor nichts zurück! Ich hoffe recht sehr, daß dabei auch sein Helfershelfer Droste unschädlich gemacht wird. Er ist zwar Deutscher, und nach den bisherigen Geschehnissen wird er sich hüten, sich auf brasilianischem Gebiet blicken zu lassen. Doch einerlei! Wie es auch sei – sei es selbst in Deutschland – tun Sie –« Einen Augenblick zögerte Hogan, sprach dann weiter: »Tun Sie, was Sie für gut befinden! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich über Ihre Schritte dauernd auf dem laufenden halten wollten. Wird Peleira Minister, dürfte es nötig sein, daß ich ihm im Anfang seiner Tätigkeit mit Rat und Tat zur Seite stehe. Sie verstehen mich, Herr Major?«

»Sehr wohl, Senhor Hogan!«

Tejo reichte Hogan die Hand, drehte sich um. Als er am Schreibtisch vorüberschritt, stutzte er einen Augenblick – blieb stehen – sann – –

»Nun, Herr Major! Was sehen Sie da?«

»Ah!« Der Offizier fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Eine kleine Täuschung meiner Augen. Verzeihen Sie, Senhor Hogan, es war mir nur – –«

Hogan trat neben ihn, schaute ihn verwundert an. »Was sahen Sie? Was ist hier?« Sein Blick glitt suchend über den Schreibtisch.

»Dies Bild, Senhor Hogan«, sagte Tejo verwirrt, »das Bild Ihrer Frau Gemahlin?«

Eine leichte Röte überflog William Hogans Züge. »Das Bild hier, Herr Major – nein, Sie irren. Es ist nicht das meiner verstorbenen Gattin.«

Dem scharfen Blick Tejos entging die offenkundige Verlegenheit seines Gegenübers nicht. Ah, dachte er, ein kleiner dunkler Punkt im Leben des allmächtigen Beherrschers aller Ölquellen?

Hogan spürte wohl, was in Tejo vorging. Er gewann im Augenblick seine Gelassenheit wieder. »Das Bild einer Jugendfreundin, die in dem Alter starb, wie Sie sie hier sehen.« Seine Stimme klang jetzt fest und bestimmt. »Das ist nun achtundzwanzig Jahre her.«

Tejo fuhr zögernd fort: »Ich habe mir ein Konterfei dieses Droste zu verschaffen gewußt. Ich bedaure, es nicht bei mir zu haben. Doch bin ich überzeugt, wenn Sie es sähen, würde Ihnen die Ähnlichkeit dieses Menschen – ich bitte um Entschuldigung, wenn ich das ausspreche – die Ähnlichkeit mit dieser Dame auch auffallen.«

Hogan kniff die Augen zusammen, stand eine kurze Weile in Gedanken, sagte dann: »Sie werden die Liebenswürdigkeit haben, Herr Major, mir Drostes Bild oder eine Kopie gelegentlich zu schicken?«

»Gewiß, Senhor Hogan. Morgen werde ich eine Kopie anfertigen lassen. Das Original – Sie begreifen – brauche ich selbst.«

Als Tejo nach Hause ging, überdachte er noch einmal alles, was heute geschehen. Ein ereignisvoller Tag, es war nicht zu leugnen. Besonders bedeutungsvoll, daß es ihm gelang, das Wohlwollen des einflußreichsten Mannes Brasiliens, William Hogan, zu gewinnen.

Seine Gedanken gingen zu Torno, dem Außenminister. Ob der schon ahnte, was ihm bevorstand? ›Kein Zweifel, mag Torno auch ein schlechter Diplomat sein, ein ehrlicher Mann ist's!‹ resümierte Tejo. ›Wie dumm aber von ihm, William Hogan Opposition zu machen. Hogans Macht ist unangreifbar, unüberwindlich.‹

Vor ungefähr dreißig Jahren war Hogan nach Brasilien gekommen. In Tejos Gedächtnis tauchten Erinnerungen an mancherlei auf, was er bei Ausbruch des Krieges gelegentlich gehört. William Hogan – naturalisierter Brasilianer, Sproß einer alten schottischen Adelsfamilie – Sanierungsheirat mit der Tochter Maria Potters – plötzlich erwachender Geschäftssinn – täuschte alle, die erwarteten, daß er die Millionen seiner Frau so schnell wie möglich vergeuden würde.

Die Frau früh gestorben. Er der alleinige Erbe; wird Dollarmacher größten Stils. Sein Einfluß erstreckt sich auf alle Industriezweige Brasiliens, und – der heutige Abend hatte es bewiesen – er steckte seine Hände auch in das politische Spiel – der Welt.

Die letzten Augenblicke bei Hogan. Das Bild – seine Ähnlichkeit mit Droste ... Tejo war ein Mann von Mut. Doch hier – er fühlte, daß er vielleicht an eine unangenehme Erinnerung aus William Hogans Vergangenheit gerührt hatte. Er nahm sich vor, nicht mehr daran zu denken und über das, was er gesehen, zu schweigen.

 

Arvelin näherte sich in seinem Flugzeug dem Indianerdorf. Die hellen Feuer, die auf Winterloos Anweisung vorsorglich brannten, erleichterten ihm die Landung. Kaum hatte er den Boden betreten, eilten Edna Wildrake und Winterloo auf ihn zu, umarmten ihn unter Ausbrüchen freudigster Dankbarkeit. Doch Arvelin wehrte ab.

»Ich glaube, eine kleine, unerwartete Verlängerung unseres Aufenthaltes hier ist nicht zu vermeiden. Beim Aufsteigen vom Flugplatz sah ich schon, daß das Steuer der Maschine nicht in Ordnung ist. Ich nehme an, unnütze Hände haben sich an dem schlecht verschlossenen Hangar an dem Flugzeug zu schaffen gemacht. Das Steuer gehorcht nur schlecht, hat nicht den vollen Ausschlag.«

Zusammen mit Winterloo untersuchte Arvelin den Schaden. »Die Schraube hier ist entfernt worden«, rief der Hauptmann. »Das Scharnier ist herausgeschnappt, hat sich verbogen. Kein großes Unglück weiter. Überlassen Sie es mir, Herr Doktor Arvelin, die Sache ins Lot zu bringen! Eine kleine halbe Stunde wird's dauern. Es ist auch dringend nötig, daß Sie sich mit Speise und Trank erfrischen.«

»Gut! Ich bin einverstanden!« sagte Arvelin, dessen Gesicht allerdings deutliche Spuren von Ermüdung zeigte. Während Winterloo zum Flugzeug ging, wandte sich der Doktor an Edna.

»Kommen wir noch einmal auf das zurück, was schon Hauptmann Winterloo mit Ihnen besprach! Ich muß ihm unbedingt beistimmen, wenn er Sie, Fräulein Wildrake, auf keinen Fall hierlassen will. Gewiß stehen Sie mit dem, was heute vor sich ging, nicht in Verbindung. Aber es besteht doch die Möglichkeit, daß man Sie morgen bei der weiteren Verfolgung hier entdeckt, und bei der heutigen Einstellung der Regierung Venezuelas könnte man Ihnen – und wär's auch nur unter dem Vorwand, Sie hätten Ihre Hand mit im Spiel gehabt – Unannehmlichkeiten bereiten. Kommt Ihr Bruder in der nächsten Zeit hierher, um Sie zu holen, wird ihm Cihuaca die nötige Auskunft geben, und damit gut. Ich weiß nur noch nicht, was mit Hauptmann Winterloo geschehen soll. Ihn auf brasilianischem Gebiet abzusetzen, wäre nicht ohne Gefahr für Sie. Nun, wir werden sehen!«

»Alles in Ordnung, Herr Doktor Arvelin! Das Steuer funktioniert wie verlangt. Der Schaden war nur unbedeutend, ließ sich mit dem vorhandenen Material schnell beseitigen. Unserem Abflug steht nichts im Wege. Und Sie, Fräulein Edna? Hat auch Herr Doktor Arvelin nicht mehr vermocht als ich? Wollen Sie sich leichtsinnig der Gefahr aussetzen – oder widerstrebt es Ihnen, mit einem Feind Ihres Vaterlandes gemeinsam zu fliehen?«

Die letzten Worte, in bitterem Ton gesprochen, ließen Edna erröten. »Warum dieser Vorwurf, Herr Hauptmann? ... So sei es! Ich fliege mit!«

»Sehr schön, Fräulein Wildrake!« Winterloo trat auf sie zu, reichte ihr mit aufleuchtenden Augen die Hand.

»Wäre nur noch die Frage«, warf Arvelin ein, »wohin wir steuern sollen. Sowohl brasilianischer wie venezuelischer Boden ist uns verschlossen. Nun«, setzte er mit einem Lächeln hinzu, als die beiden ihn ratlos ansahen, »ich kenne unser Ziel. Doch darüber sprechen wir später. Brechen wir auf!«

Arvelin verabschiedete sich mit den anderen von Cihuaca und seinen Indianern, trat zum Flugzeug. – – –

Sie waren längst über dem Atlantik. Winterloo, der im stillen geglaubt hatte, Arvelin würde Kurs Jamaika nach neutralem Gebiet nehmen, stellte zu seinem Erstaunen reinen Nordostkurs fest. Er trat zu Arvelin, unfähig, seine Neugierde zu bemeistern.

»Bin gleich bereit, Herr Winterloo. Will nur die automatische Steuerung einstellen. – Gehen wir in die Kabine zu Fräulein Wildrake! Was ich Ihnen zu sagen habe, kann sie ruhig mit anhören; ihre Gegenwart ist mir sogar erwünscht.«

Eine Stunde wohl war vergangen. Arvelins Worte hatten auf seine Zuhörer tiefen Eindruck gemacht ...

Da drüben in Deutschland das Stammschloß der Winterloos. Darin ein alter Mann ohne Erben, der Letzte seines Geschlechts ... nein, noch war da Oswald Winterloo als Träger des Namens! Der heiße Wunsch des Kranken, ihn noch zu sehen, auf dessen Augen das alte Geschlecht stand ... Arvelins Reise nach Venezuela – das Wunder: die Bewahrung des Gesuchten vor dem Tode – wundersam verschlungene Schicksalsfäden!

Keiner konnte sich der Wirkung des Gehörten entziehen. Lange saßen sie, im Nachdenken über das Walten einer göttlichen Vorsehung.

Arvelin erhob sich. »Ich glaube wohl, daß Sie beide mit meiner Reiseroute einverstanden sind: Wir fliegen über London nach Winterloo.«

Schweigend drückten sie seine Hand.

*

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