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Gutenberg > Hans Dominik >

König Laurins Mantel

Hans Dominik: König Laurins Mantel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
booktitleKönig Laurins Mantel/Atomgewicht 500
titleKönig Laurins Mantel
publisherUniversitas
year1980
isbn3800408856
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140207
projectidba5b648e
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»Das ist jedenfalls keine angenehme Nachricht, Mr. Droste, daß dieser Tejo wieder Fortkommandant ist und den Befehl über das Gefängnis hat. Der Kerl ist gefährlich. Die Bewachung wird schärfer sein.«

Der Hafenarbeiter, der vor kurzem die Aufmerksamkeit Waterloos erregt hatte, sprach diese Worte. Droste nickte. »Um so mehr freue ich mich, diesem Kerl einen Schabernack spielen zu können, Mr. Wildrake. Ich habe trotzdem keinen Zweifel, daß unser Plan gelingt. Doch was sagen Sie zu der merkwürdigen Entdeckung, daß der Vorgänger Tejos ein Hauptmann Winterloo war? Sie erinnern sich doch, wie der Onkel davon sprach, daß er Auftrag gegeben habe, in Venezuela und Brasilien nach dem Verbleib der Familie Winterloo zu forschen? Welch ein sonderbares Spiel des Zufalls! Es wäre nicht ausgeschlossen, daß dieser Hauptmann der Gesuchte ist. Daß er also einmal der Erbe von Schloß Winterloo würde. Wäre er's wirklich, so würde ich seine Ablösung durch diesen gefürchteten Tejo freudig begrüßen. Denn wie dem auch sei, die Befreiung kommt in jedem Falle auf das Konto des Kommandanten.«

In diesem Augenblick trat ein junger indianischer Arbeiter in die Kneipe, der am Bartisch hastig ein Glas Bier trank. Im Wiederhinausgehen warf er den beiden einen bedeutungsvollen Blick zu. Gleich darauf erhoben sie sich und folgten ihm unauffällig.

»Sie sind dieses José sicher, Wildrake? Eine Falle könnte uns den Kopf kosten.«

»Unbedingt, Droste! Hat er doch schon auf Marias Bitten gewagt, unter Gefahr seines Lebens hierherzukommen. Der gute Junge hatte wahrscheinlich angenommen, die Unionsgefängnisse seien ähnlich denen da unten in Coro, wo die Kerkermauern aus einer Lehmwand bestehen, die man mit einem kräftigen Fußtritt einstoßen kann. Daß ich ihm begegnete, wie er mit naiver Beharrlichkeit um das Gefängnis herumschlich, halte ich für einen glücklichen Schicksalswink.«

»Sie sagten Coro? Ich glaubte, er wäre aus Wildrake-Hall?«

»Gewiß, er hat die längste Zeit seines Lebens in Wildrake-Hall zugebracht. Geboren ist er jedoch als Abkömmling eines Mayahäuptlings in Coro. Sein Vater und eine ganze Reihe anderer seines Stammes wurden vor zwanzig Jahren nach dem Norden deportiert. Die Geschichte dieser Indianerstämme im Süden ist ein dunkles Kapitel, über das wir ein andermal sprechen können. Josés beispiellose Gewandtheit wird uns übrigens beim Übersteigen der Gefängnismauern gute Dienste leisten. Und die zweite Aufgabe, den Posten unschädlich zu machen, ist für ihn ein Kinderspiel.«

 

In einer geräumigen Kasematte des Nordforts, die zu einem Kasino ausgebaut war, saßen die Offiziere der beiden Forts auf der Insel Degoito. Das Eiland lag zehn Kilometer vom Festland entfernt und gehörte zu dem Kranz der befestigten Inseln, die den Hafen von Bahia schützten. Das Nachtmahl war längst beendet, doch hielt ein kleines Fest des Kommandanten die Offiziere fast vollzählig beisammen.

Da plötzlich erschütterte die Explosion einer Bombe, die am Eingang der Kasematte detonierte, die riesenstarken Betonmauern bis in ihre Grundfesten. Gleichzeitig erloschen sämtliche Lichter. Ein unbeschreibliches Durcheinander entstand. In der Dunkelheit suchte man den Ausgang – fand ihn verschüttet – fahndete vergeblich nach den Schlüsseln zu den Luken, die durch die Decke nach oben führten. Bis endlich die allen bekannte Stimme des Kommandanten Ruhe schuf.

Jetzt hörte man von draußen lautes Schreien heraneilender Hilfsmannschaften. Durch den verschütteten Eingang gewahrten die Eingeschlossenen den Lichtschein von Fackeln. In kurzer Zeit mußten die Trümmer hinweggeräumt sein.

Auch aus dem südlichen Fort war auf die Explosion hin der Hauptteil der Besatzung nach dem Nordfort geeilt. Nur die eigentlichen Wachmannschaften blieben zurück. Sie hatten sich wie auf Kommando auf den Donner der Explosion hin im Wachtlokal bei ihrem Korporal versammelt. Der wollte sie eben wieder hinausschicken, als die schwere Eichentür mit Gewalt ins Schloß fiel. Bevor die Eingesperrten sich von ihrer Überraschung erholt hatten, hörten sie, wie ein eiserner Keil in den unteren Spalt der Tür getrieben wurde. Vergeblich warfen sie sich dagegen, rüttelten daran. – – –

»Was war das, Barradas? Hörten Sie nicht auch den dumpfen Knall?« fragte Alvarez.

»Eine losgebrochene Seemine!« warf Calleja ein.

»Wahrscheinlich.« Barradas folgte dem Beispiel der anderen, warf sich schlaftrunken auf die Pritsche zurück, zog fröstelnd die dünne Decke über sich zusammen.

»Nein, nein, Señores!« rief ein vierter, der aufgestanden war und sich langsam ankleidete. »Keine Seemine! Sie schliefen wohl alle? Ich war wach. Spürte deutlich das Wanken des Bodens. Die Explosion muß auf der Insel selbst, vielleicht im Nordfort, stattgefunden haben.«

»Sie haben geträumt, Señor Santana!« Barradas hielt inne, lauschte. »Ah, was ist das?« Er war aufgesprungen, fuhr in die Kleider, eilte zur Tür, legte das Ohr daran. Die übrigen folgten seinem Beispiel, überschütteten ihn mit Fragen. Er winkte zornig ab. »Ruhig! Silencio!«

Die anderen standen lautlos, starrten auf das Gesicht ihres Kameraden. Was war mit ihm? Ein leises Zittern ging durch die Hünengestalt. Blaß vor Erregung war sein Gesicht; die Augen glänzten in freudigem Leuchten. Leise drängten sie näher an ihn heran.

»Man versucht, die äußere Tür zu öffnen! Ein Schneidebrenner –! Ich höre das sprühende Zischen der Sauerstoffflamme.«

In der Totenstille der Kasematte vernahmen sie einen kurzen Schlag: das herausgebrannte Schloß fiel zu Boden. Eine Sekunde später hörten sie, wie ein Brecheisen sich knirschend zwischen die Mauerzarge und die schwere Eichentür klemmte. Ein Krachen, ein Splittern – die Tür brach auf!

»Evohé! Hoch das freie Venezuela!«

Das Gesicht Wildrakes tauchte vor ihnen auf. Sie stürmten auf ihn zu, wollten ihn umarmen. Er wich zurück. »Folgt so schnell wie möglich!«

Mit dem Indianer voraneilend, lief Wildrake zu der Bastion, wo die Mauer hart am Ufer aus steil in die Tiefe fiel. Ein paar Minuten tödlicher Unsicherheit. Mußte doch einer nach dem anderen die schwankende Strickleiter, die über dem Abgrund hing, hinuntersteigen. Erst wenn der unten Angekommene durch ein Zucken das Zeichen gab, daß die Leiter frei sei, durfte der nächste ihm folgen. Nur der Indianer ließ sich wie eine Eichkatze am Baume an den kleinen Vorsprüngen der Wand neben der Leiter in die Tiefe. Vierzig Meter vom Ufer schaukelte auf den leichtbeschwingten Wellen eine große Flugjacht.

»Adelante, Señores! Wir müssen schwimmen!«

»Imposible, per Dios!« schrie Santana. »Ich kann nicht!«

Die anderen standen einen Augenblick zaudernd. Der Indianer, der schon ein Stück vorausgeschwommen war, drehte sich um, winkte.

»Schnell! Schnell!«

Alvarez und Calleja sprangen gleichzeitig ins Wasser.

»Nein, nein, Señor Santana! Sie sind zu schade, diesen Schurken wieder in die Hände zu fallen. Kommen Sie her! Ich bringe Sie sicher hinüber«, rief der Hüne Barradas, nahm die leichte Gestalt Santanas wie eine Puppe unter den Arm, sprang in die Flut.

»Adelante! Adelante!« mahnte es von der Flugjacht her, die die anderen Gefährten schon erreicht hatten. Sie deuteten nach der Bastion, wo die Köpfe brasilianischer Soldaten sichtbar wurden. Da sprang der Indianer, eine lange Leine in der Hand, dem sich nur noch mit Mühe haltenden Barradas entgegen, schlang das Seil um dessen rechten Arm. Gleichzeitig zog man von der Jacht her kräftig an. Den bewußtlosen Santana im Arm, erreichte Barradas das rettende Flugschiff.

»Vollgas, Droste! Gleich werden sie schießen!« schrie Wildrake.

In das Knattern der Motoren mischte sich der Knall der ersten Schüsse von der Bastion. Den Schnabel nach Süden gewandt, hob sich die Jacht in die Luft. Ein Hagel von Geschossen rauschte um das Flugschiff. Ein paar krachende Aufschläge zeigten, daß Rumpf und Flügel mehrfach getroffen wurden.

»Per Dios! Wir sind zu schwer!« rief Wildrake. »Wer ist der vierte, Alvarez?«

»Ein Indio. Leidensgefährte. Wie schade, wenn der Arme zuviel Wasser geschluckt haben sollte!« Alvarez deutete auf Barradas, der, am Boden kniend, sich um den Halbertrunkenen bemühte.

Lautes Krachen vom Nordfort. Eine Granate fuhr heulend über die Köpfe dahin.

»Caramba! Das Nordfort wird lebendig!«

Ein zweiter Kanonenschuß im selben Augenblick, als Droste das Steuer herumwarf, um eine Volte zu schlagen.

»Bravo, Droste!« rief Wildrake. »Eine Sekunde später, und wir lagen unten! Die Kerle hatten gut gezielt.«

Erst nach geraumer Weile gelang es der Fortbesatzung, die Scheinwerfer in Gang zu setzen. Doch vergeblich suchten sie den Horizont ab. Die Verfolgten waren hinter einer dunklen Wolkenwand im Westen entschwunden.

»Wir dürfen den Umweg nach Westen nicht scheuen«, rief Droste Wildrake zu. »Es wird nicht lange dauern, dann ist ein Heer von Geschwadern hinter uns her. Vor Tagesanbruch erreichen wir doch die Inseln über dem Winde.«

»Gut!« erwiderte Wildrake. »Zur Mittagszeit sind wir dann sicher in Tobago, wo wir bei Mr. Gorman, dem Kommissionär des Hauses Truxton & Co., Aufnahme finden.«

 

Major Tejo hatte sich eben zur Ruhe begeben, da ließ der Hall der Explosion auf Degoito ihn emporschrecken. Als dann aber alles ruhig blieb, legte er sich wieder nieder. Da! Was war das? Geschützfeuer von der Seeseite her? Er fuhr in die Kleider, eilte hinaus. Fand die Besatzung schon auf den Beinen.

Im hellen Licht der Scheinwerfer sammelten die Unterführer ihre Leute. Alles stand wartend, auch Tejo. Er hatte einen Offizier beauftragt, beim Oberkommando anzufragen. «Was konnte geschehen sein? Das Geschützfeuer war inzwischen verstummt. Vielleicht nur blinder Alarm?

Da kam der Offizier aus der Kasematte zurückgestürzt, lief auf Tejo zu. »Die gefangenen venezuelischen Offiziere auf Degoito gewaltsam befreit! Die Flugzeuggeschwader sind bereits alarmiert!«

Das letzte hörte Tejo kaum. Bei den Worten: »Gewaltsam befreit!« hatte er sich umgedreht, war in der Richtung des Gefängnisses fortgestürmt. Hastig öffnete er das Tor der Außenmauer. Der Korporal der Wachmannschaft trat aus der Stube und meldete: »Alles in Ordnung!«

Einen Augenblick blieb Tejo aufatmend stehen. »Unnötige Angst!« flüsterte er vor sich hin, als er die Wachtmannschaft überblickte. »Wo ist der Posten?«

Der Korporal deutete zu dem Hinterhof des Gefängnisses und schritt voran. Plötzlich stolperte er, fiel mit einem leisen Fluch zu Boden. In dem Augenblick, blitzte Tejos Taschenlampe. Kaum vermochte er einen Schrei zu unterdrücken, als er den Posten gefesselt, mit einem Knebel im Munde, daliegen sah.

»Mir nach! Alarmieren Sie die Fortbesatzung!«

Er eilte, von ein paar Soldaten der Wachtmannschaft begleitet, zum Gefängnis im Hinterhof. Rannte so hastig, daß er mit den Händen gegen die Tür prallte. Sie fiel mit lautem Krachen um.

In wenigen Sekunden hatte Tejo im Schein der elektrischen Laterne die Tür untersucht. Das neue, feste Schloß hatte dem Einbruch widerstanden. Dagegen waren die stark verrosteten eisernen Mauerkrampen anscheinend leicht herauszubrechen gewesen. Er eilte die Treppe hinauf, zu den Zellen der politischen Gefangenen. An der aus schweren eisernen Stäben gebildeten Gittertür, die den Flur abschloß, schöpfte er Hoffnung. Sie war verschlossen, unversehrt, öffnete sich ohne Schwierigkeit, als er seinen Schlüssel gebrauchte. Vielleicht, daß hier der Befreiungsversuch gescheitert war! dachte er im Weiterlaufen.

Jetzt stand er vor der Zelle Nummer siebzehn. Er drückte kräftig gegen die Tür. Ein Schrei entfuhr seinem Munde. Sie gab dem Druck nach, flog zurück. Mit vorgehaltener Lampe starrte Tejo in das Halbdunkel der Zelle.

»Leer! Entflohen!«

Mit wütendem Fluch drehte er sich um. Trat zu den beiden Soldaten, die ihn begleitet, wollte ihnen einen Befehl zurufen. Da deutete der eine auf die Nebentür zum Flur. Tejo schritt darauf zu. Die Tür führte eine Wendeltreppe hinab zu den Privaträumen des Gefängniswärters. Das Schloß erbrochen! Also diesen Weg hatten sie genommen! Aber der Gefängniswärter?

Der Major hastete die Wendeltreppe hinab, öffnete die Wärterwohnung. Leises Röcheln aus dem Hintergrunde. Da lag der Wärter, ebenso gefesselt und geknebelt wie der Posten!

Kaum eine Viertelstunde später lief die Meldung von der gewaltsamen Befreiung Edna Wildrakes und der auf Degoito gefangenen venezuelischen Offiziere nach allen Teilen Brasiliens.

Der einzige, der gewisse Angaben über zwei Männer machen konnte, die bei dem Überfall mitgewirkt hatten, war der Gefängniswärter. In dem einen hatte er mit Bestimmtheit einen Indianer erkannt. Die Beschreibung des anderen stimmte ungefähr mit dem Signalement des venezuelischen Kapitäns Robert Wildrake überein! Es gab in ganz Brasilien wohl keinen Menschen, der nicht felsenfest davon überzeugt war, daß niemand anders als Wildrake diesen ebenso kühnen wie frechen Streich verübt hatte. Wer anders hätte es auch sein sollen?

 

»Was ist dir, Arvelin?« Der Freiherr richtete sich von seinem Apparat auf und drehte sich nach einem der Tische um, wo Arvelin im Halbdunkel verborgen arbeitete. Ab und zu schossen kurze Strahlenbündel aus einer Kathode hervor, die ein silbernes, geisterhaftes Licht verbreiteten. Strahlen, die aus einem Eisblock zu kommen schienen. Eine feindliche, harte Kälte entströmte dem fahlen Lichtschein.

Arvelin gab keine Antwort. Er spritzte ein Pulver auf eine Glasplatte. Die tiefe Blässe auf seinem Gesicht wich einem totenähnlichen Weiß. Ein paar Augenblicke stand er starr, wie leblos. Dann stellte er mit einer müden Bewegung den Energiestrom ab, drehte sich um und verließ den Raum.

Kopfschüttelnd sah ihm der Freiherr nach und wandte sich dann wieder seinen Arbeiten zu. Sonderbar, wie das Wesen des Freundes sich in diesen letzten Tagen verändert hatte!

Unterdes irrte dieser, wie von Furien gejagt, durch die Gänge des parkartigen Gartens. Vergeblich das große Wagnis! Nichts konnte das tödliche Gift bannen, das in diesen Schwingungen wirkte. Verspielt!

Arvelin war auf eine kleine Anhöhe gekommen, von der aus man eine weite Sicht über das Meer genoß. Leichtes Schneegestöber begann vom Himmel zu rieseln. Des Doktors Augen starrten in die graue Weite, wo hinten am Horizont sich dunkle Wolkenmassen zu himmelhohen Bergen türmten.

Ein Sturm brach los. Weit von Norden kommend, aus hohem Druck, zerriß er wie spielend die Wolkengipfel, stürzten die Fetzen wie Türme in die Tiefe. Kam heulend herangestürmt, traf die schmächtige Gestalt auf der Düne, als wollte er sie hinunterfegen. Sekundenlang vergaß Arvelin alles, starrte auf das wunderbare Schauspiel. Endlich brach's wie ein bitteres Lachen aus seinem Munde: »Gipfelstürmer! Wie die da warf dich das Schicksal in den Abgrund!«

In diesem Augenblick schien der Wind nach West umzuspringen. Wirbelnd stoben die Schneeflocken in die Höhe. Geblendet schloß Arvelin die Augen. Dann schaute er nach Norden. Der Weststurm hatte gesiegt. Das Schneegestöber wurde lichter. Weit hinten zogen sich abermals dunkle Wolken zusammen. Ballten sich zu turmartigen Gebilden, stiegen wie riesige Felsgebirge zum Himmel empor. Den Kopf dem Sturm preisgegeben, beachtete Arvelin nicht, wie die scharfen Schneekristalle sein Gesicht peitschten, unter der Glut der heißen Stirn schmolzen, in Wasserbächen in den grauen, schütteren Bart rannen.

»Allgewalt der Natur! Ähnliche Waffen, Schwingungen von noch größerer Kraft, müssen es sein, die wie eine hörnerne Haut den Leib schützen! Zu schwach die Kraft der chemischen Mittel. – Möchte es mir gelingen, den gefundenen Pfad zu Ende zu schreiten! Wär's auch nur, um den Triumph zu erleben ... Welch Triumph des menschlichen Geistes, dem Schicksal zu begegnen! Doch für mich wär's zu spät! Kein Heilmittel, das tödliche Gift in mir zu bannen. Doch sterbe ich triumphierend, soll der Tod mir leicht sein!«

Mit raschen, fast jugendlichen Schritten eilte er den Hang hinunter. Wollte quer über die Rasenfläche dem Schloß zu gehen, da stutzte er plötzlich. Im Schnee Fußspuren ... Spuren eines Mannes, die aus dem Walde herkamen und zu der Tür des Mausoleums führten, eines uralten, steinernen Baus. In früheren Zeiten mochte er wohl als Kapelle gedient haben. Schon seit vielen Geschlechtern barg er die sterblichen Reste der Freiherrn von Winterloo.

Verwundert betrachtete Arvelin die Spuren. Wären sie vom Schloß gekommen, dann ließe sich denken, Winterloo sei zum Mausoleum gegangen, wie er es in der letzten Zeit oft getan.

Ah! Jetzt erst fiel Arvelin auf, daß die Spuren nicht wieder zurückkehrten. Der da gekommen war, mußte ja noch in der Gruft sein! Wer mochte das sein? Es waren nicht die plumpen Stiefel von Landarbeitern. Der Abdruck verriet leichtes, elegantes Schuhwerk.

Unhörbar trat Arvelin in dem weichen Schnee auf das Fenster an der Seitenwand des Mausoleums zu. Schaute hinein. In diesem Augenblick blitzte drinnen ein Lichtschein auf. Schnell barg er den Kopf zur Seite. Doch was er da gesehen, erfüllte ihn mit stärkster Unruhe. Vorsichtig schritt er zur Tür. Sie war nur angelehnt. Ein schmaler Spalt gestattete ihm, einen großen Teil des Inneren zu überblicken. Gespannt verfolgte er das Tun des Fremden da drinnen. Jetzt legte er die Hand an die Stirn, deckte die Augen: War das möglich?

Ein sekundenlanges Besinnen. Dann griff er in die Kleider, bewegte, während seine Lippen unverständliche Worte murmelten, die Hebel eines kleinen Apparates, der an seiner Brust verborgen war. – – –

In der Mauer am Kopfende der Krypta eingehauen eine hohe, schmale Nische. Ein Glasfenster davor, von starkem Drahtgitter geschützt. In der Nische stand auf einem alten, wurmstichigen Holzklotz eine Monstranz. Ein uraltes Prachtstück künstlerischer Goldschmiedearbeit. Die Form in rein gotischem Stil ließ seine Entstehung um die Wende des dreizehnten Jahrhunderts vermuten. Der Sage nach war die Monstranz ein Geschenk des letzten Pommerellenherzogs Meswin an einen Ritter Winterloo. Schon mehrfach waren Kunstliebhaber darauf aufmerksam geworden, waren in Winterloo gewesen, hatten hohe Summen dafür geboten.

Der Fremde hatte die kleine Laterne in einen der hohen Kandelaber gehängt, trat jetzt, ein stählernes Werkzeug in der Hand, auf die Nische zu. »Wirst ja doch eines Tages mein Eigentum werden! Lange macht's der Alte nicht mehr! Ob du heut oder morgen den Weg nach Warschau wanderst, ist einerlei. Übermorgen reist der millionenschwere Amerikaner ab. Schwimmst du erst mal auf dem Großen Wasser, mag der Teufel dich suchen!«

Unter dem Druck der stählernen Zange wich das Gitter. Ein Stoß schlug die Glasscheibe in Trümmer. Der Fremde warf die Zange weg, griff mit der Rechten in die Nische. Seine Hand berührte das kalte Metall.

Da! ... er fühlte, wie eine fremde Hand sich um sein Handgelenk spannte. Gleichzeitig rief eine Stimme nahe bei ihm: »Hinweg, du Grabschänder! Sei dreimal verflucht, Franz Harrach!«

Ein wahnwitziger Schrei entfuhr dessen Mund. Seine Hand zuckte zurück. Die stehengebliebenen Zacken des Glases rissen ihm lange, tiefe Wunden. Er achtete dessen nicht. Seine Hände wühlten in den Taschen, suchten nach einer Waffe.

»Wer bist du? Wer wagt es –?« Wie wahnsinnig starrte er umher. Niemand zu sehen. Er griff die Laterne, leuchtete rundum.

Kein Mensch hier ... Die Tür? So, wie er sie gelassen. Er hob die Lampe hoch über den Kopf. Ihr Schein drang in alle Ecken des Raumes. Niemand – niemand – –

Eine Sinnestäuschung? Irgendeine innere Stimme in ihm, die ihn hatte warnen wollen?

Da krampfte er in tödlichem Entsetzen die Schultern zusammen – war ihm doch, als berühre der warme Atem eines Menschen sein Ohr.

Wieder diese Stimme, die sprach: »Fort von hier! Du Unwürdiger!«

Der Schrei des Entsetzens, der aus seiner Brust brechen wollte, erstarb, noch ehe er die Lippen erreicht. Die Laterne fiel klirrend zu Boden. Mit ein paar rasenden Sprüngen war er an der Tür, warf sich dagegen. Stürmte dem Walde zu, als sei die Hölle hinter ihm.

 

Mr. Gorman, der Leiter der Niederlassung von Truxton & Co. in Tabago, trat aus seinem Privatkontor in den Raum, wo ein Dutzend Clerks in Hemdsärmeln bei seinem Erscheinen eifrig die Federn eintauchten.

»Machen Sie sich bereit, Smith, zum Flugplatz zu fahren! In einer halben Stunde wird unser Flugzeug Nummer einhundertsiebenunddreißig ankommen, wie uns das gestrige Radiotelegramm meldete. Sorgen Sie für die Unterbringung des Flugzeuges und bringen Sie die Gäste hierher! Über ihre Unterkunft bin ich mir noch nicht klar. Jedenfalls liegt Spezialanweisung von den Chefs unseres Londoner Hauses vor, alles zu tun, um den Gästen den kurzen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.«

Der Clerk warf schnellstens den Bleistift hin, mit dem er die langen Kolonnen einer Rechnung betreffend Lieferung von eintausendvierhundertneunzig Ballen Lammfellen überprüft hatte, und beeilte sich, den schwülen Büroraum zu verlassen. Draußen empfing ihn eine angenehme Seebrise, die die Gluthitze Tabagos für Europäer erträglich machte.

»Bin verflucht neugierig«, brummte Ralph Gorman vor sich hin, als er wieder in seinem Büro saß. »Kommt doch jetzt mal ein bißchen Abwechslung in den langweiligen Kasten! Verrückte Idee von Onkel Truxton, mich auf zwei Jahre in diesen Backofen zu schicken ... behauptet, ich müßte erst mal sämtliche Zweige der Firma an Ort und Stelle kennenlernen. Sämtliche Zweige? Möchte wissen, was bei Truxton & Co. nicht zu haben ist? Kenne nichts, vom ausrangierten Schlachtschiff bis zur patentierten Mausefalle, was Truxton & Co. nicht jederzeit liefern können! Immerhin – die Affäre zeigt, daß Messers Truxton und Wildrake Vertrauen zu mir haben. Taxiere, daß hier ein ziemlich gefährliches Geschäft auf Stapel gelegt ist. Geht alles gut, werde ich die Taufe in Old England feiern. Das Versprechen habe ich wenigstens!« – –

Eine halbe Stunde später saß Mr. Gorman seinen Gästen in dem kühlen Repräsentationssaal im oberen Stock des Hauses gegenüber. Die herabgelassenen Jalousien hinderten ihn, ihre Gesichter genau zu erkennen. Was er sah, genügte aber, um sein Vertrauen in das neue Unternehmen zu festigen.

Das war also dieser gefürchtete Kapitän Wildrake! Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem »Comp«, wie der Teilhaber der Firma, James Wildrake, von den Angestellten kurz genannt wurde, war nicht zu verkennen.

Der neben ihm, Medardus Droste – eine gewisse Enttäuschung. So ganz anders hatte er sich den Mann vorgestellt, der mehr zum Privatvergnügen als des Verdienstes halber die gefährlichen Konterbandefahrten des Luftriesen geführt hatte. Dieser ruhige, bescheidene Mensch mit dem so gar nicht heldenmäßigen Auftreten erinnerte ihn eher an seinen guten Housemaster in Eton.

Wie änderte er seine Meinung aber jetzt, als Wildrake schwieg und Droste das Wort ergriff! Mit aller Gewalt mußte sich Mr. Gorman zusammenreißen, um die in kurzem, bestimmtem Ton gestellten Fragen präzis zu beantworten. Die lange Liste der Ladung des Schiffes, das im Hafen draußen auf der Reede lag – Stück für Stück sprach er sie durch, schien sie bis auf den letzten Schraubenschlüssel auswendig zu wissen.

Anders wieder die kühnen, trotzigen Mienen, die sehnigen Gestalten der venezuelischen Offiziere. Hier begriff er ohne weiteres, daß die den Brasilianern die Hölle heißgemacht hatten.

»Ich will hoffen, daß Ihre Schwester, Mr. Wildrake, keine Bequemlichkeit –« er deutete auf den Seitenflügel des Gebäudes – »dort drüben vermissen wird. Ich bedaure sehr, daß eine Frau im Haus fehlt, ich bin Junggeselle.«

»Leider erlauben es mir meine Pläne nicht, Mr. Gorman, meiner Schwester hier eine längere Erholung zu gönnen. Ich muß schon in zwei Stunden mit ihr weiterfliegen. Ich hoffe doch, daß die von England gekommene Flugjacht startbereit ist?«

»Selbstverständlich, Kapitän Wildrake! versicherte Gorman. »Die Jacht ist von unseren Piloten hier sofort montiert und eingeflogen worden. Ein hervorragendes Schiff! Nur verstehe ich nicht, weshalb diese überstarken Motoren eingebaut sind. Man erzielt damit eine außerordentliche Geschwindigkeit, doch ist der Verbrauch von Treibstoff derart hoch, daß der Aktionsradius der Jacht nur sehr klein sein dürfte.«

Wildrake wandte sich zur Seite, verbarg ein Lächeln. Überlegte einen Augenblick, ob er Gorman Näheres über die ungeheure Wirkung des Winterlooschen Treibstoffes erzählen solle, der trotz verdoppelter Geschwindigkeit noch längere Flugzeiten erlaubte, als alle anderen bisher bekannten Stoffe. Er verwarf den Gedanken.

»Hoffentlich verläuft Ihre Expedition ohne Störung, Mr. Droste«, sagte Wildrake zu Medardus, der ihn und Edna zum Flughafen geleitete. »Hält das Schiff, was Gorman versprach, hoffe ich in sechs Stunden mit Edna in San Fernando zu sein. Wie gut war's, daß Sie von dem ›Elixir‹ Ihres Onkels Winterloo genügend mitnahmen! Ich denke von San Gerando an Rio Orinoco den Flug nach Europa glatt hinter mich zu bringen. Habe ich Edna und Maria in Schottland, dann« – er reckte beide Arme – »dann bin ich aller Sorgen ledig – hab' die Hände frei, und der Tanz kann lieber heut als morgen beginnen!« Mit ungeduldiger Bewegung stampfte er auf den Boden. Wenn nur da drüben alles so klappt und ungestört verläuft, wie wir's hoffen! Versäumen Sie nicht unnötige Zeit auf der Insel, Droste! Besser als alle Mahnungen von Truxton & Co. wird Ihre Gegenwart in Europa sein. Der Bau in Finnland liegt mir schwer auf dem Herzen.«

Droste legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. »Ich habe zu dem finnischen Reeder volles Vertrauen, Wildrake, und muß nur immer wieder sagen, Truxton & Co. hatten recht, wenn sie von dem Bau unseres Schiffes auf englischem Boden abrieten. – Hoffentlich werden Sie in Venezuela keine Schwierigkeiten haben?«

Wildrake machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was schere ich mich um die Verordnung dieser jämmerlichen Regierung! Möchte die venezuelischen Offiziere sehen, die es wagten, Kapitän Wildrake zu verhaften!«

Ein Schimmer von Röte flog über Ednas Gesicht, als sie Medardus die Hand zum Abschied reichte. »Der Himmel gebe es, daß wir uns wiedersehen, Mr. Droste!« Sie fuhr mit der Hand über die Augen. »Wenn ich denke, daß jetzt wieder die Zeit der Sorge und des Bangens kommt – –«

Droste griff ihre Rechte mit festem Druck. »Wir werden uns wiedersehen, Miß Edna! Ich werde Ihren Bruder nicht verlassen!«

Noch ein letzter Händedruck. Die Propeller rauschten auf, die Jacht stieß in den Äther. – – –

 

»All right, Mr. Gorman!« sprach Droste und stieg hinter jenem die Treppe aus der Luke empor auf das Deck der ›Susanna‹. »Alles an Bord! Nichts fehlt! Für das übrige, was Mr. James Wildrake privatim dazugetan hat, sagen Sie ihm unseren verbindlichsten Dank! Das wird unsere Bequemlichkeit auf der Insel angenehm erhöhen.«

Und dann stand Droste neben Barradas auf der Kommandobrücke. Die ›Susanna‹ war ein Motorschiff, mit den neuesten automatischen Einrichtungen versehen. Nur so wurde es möglich, daß Droste und seine drei Gefährten es bequem bedienen konnten.

Noch ein Gruß an das Boot des an Land zurückkehrenden Gorman. Ein paar Bewegungen an den Hebeln auf der Brücke. Die Schrauben begannen zu arbeiten, die ›Susanna‹ strebte der offenen See zu. – – –

In Venezuela hatte man das neueste, tollkühne Stück des »Captain«, wie Wildrake kurz genannt wurde, mit lauten Freudenausbrüchen begrüßt, soweit die unter dem Belagerungszustand strengstens gehandhabte Zensur dies gestattete. In England aber nahm man wieder einmal Wildrake ganz als Engländer in Beschlag und überbot fast noch die Begeisterung Venezuelas. Auch sonst in der Welt konnte man eine gewisse Genugtuung darüber nicht unterdrücken, daß das üble Spiel, das die venezuelische Regierung mit der Union abgekartet hatte, doch zuletzt mißlungen war.

Der Ton der brasilianischen Friedensunterhändler in Manáos nahm an Schärfe zu. Die Situation spitzte sich so zu, daß beinahe mit einem Abbruch der Verhandlungen zu rechnen war. Doch gelang es den venezuelischen Vertretern, nachzuweisen, daß Kapitän Wildrake sein Unternehmen von England aus vorbereitet habe. Die wutschäumende Presse Brasiliens brachte spaltenlange Gutachten von Rechtsgelehrten, wonach Wildrakes Tat als gemeines Verbrechen hingestellt wurde – bei der Explosion auf Degoito waren mehrere Soldaten schwer verwundet worden –, woraus man wiederum einen Auslieferungsanspruch an alle Weltstaaten herleitete.

Während die Weltpresse darüber lachend zur Tagesordnung überging, blieb es in dem venezuelischen Blätterwald stumm. Die Zensur unterdrückte jede Äußerung. Hatten doch die venezuelischen Unterhändler die Auslieferung Wildrakes für den Fall, daß er sich in Venezuela zeigen würde, zugestanden. – – –

 

Westlich von San Fernando am Ufer des Rio Orinoco lag die Hazienda La Venta, ein kleines, aber fruchtbares Landgut. Es war früher im Besitz des Generals Alvarado gewesen. Seine Tochter Margarita hatte es als Heiratsgut ihrem Gatten, dem Vater Robert Wildrakes, zugebracht.

Als Brasilianer die Mutter Wildrakes und seine Braut Maria Anunziata aus der Gefangenschaft entließen, brachte Robert Wildrake sie hierher. Doch nur kurze Zeit konnte die Mutter sich der wiedererlangten Freiheit freuen. Den schroffen Klimawechsel vermochte ihre schwächliche Natur nicht zu ertragen. Sie starb bald darauf.

Maria Anunziata war jetzt allein auf der Besitzung. Die Bewohner von Gerardo brachten ihr freundliche Anteilnahme entgegen. War doch ihr romantisch-tragisches Schicksal geeignet, tiefstes Mitgefühl zu erwecken.

Sie war schon in zartester Jugend in die Familie Wildrake gekommen. Ihre Eltern, mit Wildrakes Gattin weitläufig verwandt, waren früh gestorben. Jahre vergingen. Maria Anunziata erwuchs allmählich zur blühenden Jungfrau. Viele bewarben sich um ihre Hand, doch keiner erhielt das ersehnte Jawort. Das hatte schon lange ihr Jugendgespiele, Robert Wildrake, der Sohn des Hauses. Lange sträubte sich der Vater Roberts, seine Zustimmung zu geben. Gewiß war ihm Maria Anunziata lieb wie ein eigenes Kind, doch hatte er bestimmte Pläne mit einer englischen Verwandten.

Der Krieg brach aus. Dem ins Feld eilenden Sohn konnte er seinen Herzenswunsch nicht abschlagen. So wurde Maria Anunziata Robert Wildrakes Braut.

Da kam jene Schreckensnacht, in der die Bewohner Wildrake-Halls ausgehoben und nach Brasilien in Gefangenschaft geführt wurden. »Wegen Konspiration gegen die Sicherheit der brasilianischen Besatzungstruppen«, wie ihnen eröffnet wurde. Die Familienmitglieder wurden einzeln gefangengenommen, um »Kollisionen« zu vermeiden.

Getrennt von den Ihrigen, in banger Sorge um das Schicksal ihres Verlobten, verbrachte Maria Anunziata die Tage ihrer Kerkerhaft in marterndem Gram. Eines Tages machte ihr ein herzloser Schließer die Mitteilung, Kapitän Wildrake sei gefangen und standrechtlich erschossen worden. Diese erlogene Nachricht stürzte sie in trostlosen Jammer. Sie verfiel in ein schweres Nervenfieber. Als sie die Krise überstanden, war ihr schon durch so viele Tränen geschwächtes Augenlicht geschwunden. Die Kunde davon drang trotz aller Vorsicht in die Presse. Die Brasilianer suchten das Geschehene einigermaßen wieder gutzumachen, indem sie das blinde Opfer mit der kranken Mutter in die Heimat entließen. – – –

Der in einen grünen Hain gebettete Friedhof von San Fernando. Die Gestalt eines Mädchens erhob sich von dem Grabe, neben dem sie gekniet. Ein altes Indianerweib eilte auf sie zu, nahm ihren Arm.

»Die Mutter im Himmel wird sich freuen, Señorita Maria, über das Gute, was du ihr sagtest!«

Ein leises Lächeln erblühte auf den bleichen Zügen des Mädchens, doch die tote Starrheit der Augen wich nicht, stand in sonderbarem Gegensatz zu dem freudigen Ausdruck ihres Gesichts.

»Komm, mein Täubchen! Die Sonne steigt hoch.« Sorgsam zog die Alte ihr den grünen Schleier über die Stirn. Unter dem unausgesetzten Plaudern der Indianerin schritt die Blinde dem Ausgang zu, wo ein leichter Wagen sie aufnahm. In schneller Fahrt brachte das Fahrzeug sie nach La Venta zurück.

Sie wollte sich eben zur Siesta niederlegen, da hörte sie aus dem Lautsprecher Berichte über den Stand der Friedenskonferenz. Dann – ihr Herz begann stärker zu schlagen –: Was war das? Verhandlungen betreffs Kapitän Wildrake? Mit angestrengtester Aufmerksamkeit lauschte sie. Röte und Blässe jagten über ihre Züge.

Die venezuelische Regierung gab den Forderungen Brasiliens nach und erklärte Robert Wildrake wegen seiner letzten Taten als Brecher des Waffenstillstandes. Verpflichtete die Behörden, ihn dem Gesetz zu überliefern, falls er venezuelischen Boden beträte.

Der Bericht war zu Ende. Ihr Herz krampfte sich zusammen. So furchtbar aus allem Hoffen und Träumen gerissen – der Geliebte weltflüchtig! Wo mochte er sein Haupt jetzt bergen?

 

Franz und Adeline Harrach standen im Spielsaal des Kasinos von Zoppot. Franz hätte gern ein paar kleine Einsätze gewagt, doch die vorsichtige Schwester hielt ihn unerbittlich fest. Mit glühenden Augen folgten die Geschwister den Bewegungen der Geldmassen auf dem grünen Tisch, konnten sich nicht losreißen von dem betörenden Bild. Wenn sie doch auch so in Geldhaufen wühlen könnten! In Dobra war die Katastrophe kaum noch aufzuhalten, wenn nicht ein Wunder geschah.

Da war gestern ein Brief aus Warschau gekommen. Franz hatte einen Freudenschrei ausgestoßen, als er ihn las. Man ging anscheinend auf seine Pläne ein. Zwar war der Brief nicht aus der brasilianischen Gesandtschaft selbst, doch gab sein Inhalt Gewißheit, daß sein Schreiber in engen Beziehungen zu dieser stand. Heute abend um zehn Uhr sollten sie in ihrem Hotelzimmer einen Herrn empfangen, der in dem Schreiben als Senhor Remedio bezeichnet war.

»Komm! Gehen wir!« sagte endlich Adeline. »Ich muß mich noch umkleiden. Pünktlichkeit ist in solchen Fällen erste Bedingung.« –

Mitternacht war schon vergangen, als Senhor Remedio das Zimmer der Geschwister verließ. Er verabschiedete sich mit galantem Handkuß von Adeline, die, entzückt von den ritterlichen Huldigungen des Brasilianers, ihm freundlich nachwinkte.

»Glaubst wohl, an diesem Brasilianer eine Eroberung gemacht zu haben, Adeline?« sagte Franz, als sie wieder allein waren. Er schaute spöttisch auf die Schwester, die mit raffinierten Toilettekünsten ihr verblühtes Äußere aufgefrischt hatte, und übersah ironisch lächelnd den grimmen Seitenblick, den ihm Adeline zuwarf.

»Ein schlauer Bursche, dieser Remedio! Die Anzahlung –« er deutete auf einen Scheck – »ist äußerst mager. Doch einerlei! Er ist zweifellos ein ausgesucht gewandter Mensch. Meine Bedenken, die ich immer noch hatte – unser Plan ist doch reichlich gewagt – sind jedenfalls zerstreut. Ich habe die feste Überzeugung, daß, wenn Wildrake und Droste nochmals nach Winterloo kommen – und damit ist unbedingt zu rechnen –, der Streich gelingen wird. Und dann –!«

Er rieb sich die Hände, und seine Gedanken eilten zum Spielsaal. Dann heraus aus allen Nöten! Die Geldhaufen, die da auf dem Tisch lagen – sein würden sie sein! Nein! Noch viel mehr, als da gelegen. So sicher war er sich des Erfolgs, daß er einen Augenblick daran dachte, den Scheck im Hotel zu Geld zu machen, zum Spielsaal zurückzukehren.

Doch Adeline, als habe sie seine Gedanken erraten, durchkreuzte seine Absicht. »Nein, Franz! Wir müssen morgen bei Tagesanbruch aufbrechen. Ein klarer Kopf ist unerläßlich!« – –

Als gegen zehn Uhr morgens der Schlitten Franz Harrachs in den Schloßhof von Winterloo einbog, achtete kaum jemand darauf, daß statt des alten Stephan ein junger Kutscher auf dem Bock saß, die Pferde ausspannte, in den Stall stellte. Sich dann, wie um die Zeit zu verbringen, in dem Schloßhof, dem anstoßenden Garten und Park herumtrieb. –

Am Nachmittag fuhr ein Kraftwagen auf den Hof von Schloß Winterloo, an dessen Kühler ein Wimpel in den Farben der brasilianischen Flagge flatterte. Keinem fiel es auf, daß einer der aussteigenden Herren, der als Senhor Tejo angeredet wurde, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Kutscher hatte, der Franz am Morgen hierhergefahren.

Der Besuch blieb nicht lange im Schloß. Trotz aller Bitten des Freiherrn bestanden die Gäste darauf, bald nach Berlin zurückfahren zu dürfen, denn ihre Zeit sei aufs äußerste bemessen. Mit größter Liebenswürdigkeit begleitete der Freiherr die Herren zu ihrem Auto, verabschiedete sich herzlich von ihnen. Er war gerührt durch die weitgehende Gefälligkeit, mit der die brasilianische Botschaft in Berlin sich seiner Sache angenommen hatte.

Die Papiere, die die Herren der Botschaft mitgebracht, gaben ihm den klaren Beweis, daß drüben in Brasilien die gesuchten Winterloos lebten, die künftigen Erben des alten Stammschlosses.

»Ich finde es, offen gestanden, recht auffällig, Senhor Remedio – Pardon, Major Tejo, daß ihr ... Freund, muß ich wohl sagen, Hauptmann Winterloo, Ihnen mit keinem Wort etwas von seiner Reise nach Venezuela gesagt hat.«

Der junge Sekretär drehte sich zu seinem Nachbar, der finster brütend durch das Fenster des Kraftwagens auf die im Mondlicht glitzernde Schneefläche starrte. Als der Angeredete nicht antwortete, fuhr der andere fort: »Zum mindesten ist es für einen brasilianischen Offizier überaus gewagt, sich, wenn auch Waffenstillstand besteht, in das feindliche Land zu begeben. Er setzt sich dabei von beiden Seiten Deutungen aus, die nicht ungefährlich sind.«

»Wie meinen Sie das?« Der mit Tejo Angeredete hatte sich brüsk umgedreht, sah den anderen scharf an.

Der zuckte die Achseln. »Nun, ich kann mich natürlich nicht deutlich aussprechen. Besonders Ihnen gegenüber nicht. Doch wenn ich das wiedergeben würde, was gerüchtweise in die Botschaft drang – –«

»Was? Was ist das? Sprechen Sie offen!« unterbrach ihn Tejo barsch.

»Nun«, begann der Sekretär zögernd, »die auffälligen Zusammenhänge bei der Befreiung dieser Edna Wildrake: die Aussage des Schließers, er habe den Hauptmann mehrere Tage vor der Flucht darauf aufmerksam gemacht, daß das Türschloß zum Seitengang nicht in Ordnung sei – Winterloos Abreise nach Venezuela, wo doch wahrscheinlich diese Edna Wildrake jetzt weilt – – das alles sind Dinge, die zu Gerüchten wohl Anlaß geben können.«

Tejo antwortete nicht. Er starrte vor sich hin. So war das, was ihm nur immer als unbestimmter Argwohn durch den Sinn gegangen, schon die feste Meinung anderer? Wie hatte er sich innerlich gewehrt, diesen Verdacht in sich aufkommen zu lassen! An ein verräterisches Handeln des Freundes konnte, wollte er nicht glauben. Zu lange kannte er Winterloo, um nicht zu wissen, daß offener Verrat ihm fernlag.

Und doch – noch am Tage vor seiner Abreise war er bei Winterloo gewesen. Weshalb hatte ihm der nicht den Plan seiner Reise mitgeteilt? Die immer wieder unterdrückten quälenden Zweifel über Winterloos Verhalten, ließen sie von neuem lebendig werden, durch das, was der neben ihm eben als allgemeine Ansicht erzählte. Er nahm sich vor, bei seiner Rückkehr nach Brasilien alles zu tun, um sich Gewißheit zu verschaffen, wo die Wahrheit lag.

Jetzt sprach er nur das aus, womit er sich selbst immer beruhigt hatte. »In Venezuela wohnt die Mutter des Hauptmanns, Herr Sekretär!« Seine Stimme nahm einen gewollt scharfen Ton an. »Die Reise Winterloos findet in dieser Tatsache vorläufig eine genügende Erklärung. Alles andere sind leere Kombinationen!« – – –

 

Im Schloß saßen derweil die beiden Freunde am Kamin des Turmzimmers.

»Ich glaube kaum, Arvelin, daß wir noch weitere Auskünfte von der Botschaft erwarten dürfen. Ich muß sagen, ihr außerordentliches Entgegenkommen hat mich sehr überrascht. Daß man nun drüben auch noch Nachforschungen nach dem augenblicklich unbekannten Aufenthalt dieses Oswald Winterloo anstellt, wäre zuviel verlangt. Sicherlich ist er nicht verschwunden, er wird eines Tages wiederkommen. Fühlte ich mich nicht so schwach und krank, würde ich mehr Geduld haben. So –« er strich mit nervöser Hand über die Dokumente – »ist es doch nur ein halber Trost. Wie gern möchte ich diesen Oswald Winterloo, der sich als tapferer Offizier in der brasilianischen Armee ausgezeichnet hat, persönlich noch kennenlernen, ihn als Herrn seines Erbes hier begrüßen.«

Arvelin streifte mit kurzem Seitenblick die Gestalt des Freiherrn, der, ermüdet von den Aufregungen des Tages, in seinem Stuhl lag. »Und wie wäre es, wenn ich selbst übers Meer ginge? Den Erben suchte – ihn hierherbrächte?«

»Arvelin! Das wolltest du tun? Keinen besseren Freundschaftsdienst könntest du mir erweisen!«

Der andere wehrte ab. »Du bist damit einverstanden? Das genügt mir. Sobald mein Paß in Ordnung ist, fahre ich!«

 

Juan Avilla, der alte Administrator von La Venta, war mit dem Abschluß seiner Bücher fertig und wollte sich eben zur Ruhe begeben, als er leises Klopfen am Fenster hörte. Er schaute hinaus, prallte plötzlich zurück.

»Don Roberto!« wollte er rufen, da schloß ihm eine Hand den Mund.

»Still, Señor Avilla! Treten Sie beiseite! Ich nehme den Weg durchs Fenster.«

»Dahin ist's gekommen, Don Roberto, daß der Herr es nicht wagen kann, über die Schwelle seines Hauses zu treten! Oh, Don Roberto! Was ist aus unserem schönen Vaterlande geworden!«

»Still jetzt, Juan! Jede Minute ist kostbar. Ich kam hierher, um Maria Anunziata zu sprechen. Gehen Sie zu Ihrer Frau! Sie soll sie wecken! Schnell!«

Avilla eilte zur Tür. Da öffnete diese sich von selbst. Er taumelte erschrocken einen Schritt zurück. »Doña Maria! Allmächtiger Gott!«

»Robert, du bist hier?« Die Blinde schritt mit ausgebreiteten Armen auf Wildrake zu, der noch wie betäubt von der Überraschung dastand.

Dann lagen sie sich in den Armen. Der alte Administrator hatte leise die Tür geschlossen. Der Schlag der Mitternachtsstunde riß die Liebenden aus ihrer Versunkenheit.

»Ich muß fort, Maria! Der Morgen soll mich schon bei Edna sehen.«

»Unmöglich, Robert! Ich lasse dich nicht! Zu kurz die Spanne des Glücks nach so vielen langen Leiden!« Sie umklammerte seinen Hals, preßte ihr Gesicht gegen seine Brust. »Du darfst jetzt nicht von mir gehen! Noch nicht! Du fürchtest Verrat? Glaube mir –: kein Mensch, der das tun würde!«

Ein bitteres Lachen Wildrakes. »Du täuschest dich, Maria. Vielleicht sogar, daß unter unseren eigenen Leuten der Verräter wäre, der morgen zum Tribunal eilen würde.«

»So nimmt mich mit, Robert! O ja!« Sie klatschte in die Hände. »Wie schön, wenn ich dich begleiten und Edna überraschen könnte! Oh, wie werden wir glücklich sein, wenn wir uns wiedersehen!«

»Maria! Ein Ritt bei Nacht? Unmöglich für dich. Der Weg ist weit, führt durch den wüsten Urwald. Du kennst das Indianerdorf nicht. Nur auf beschwerlichen Pfaden, teilweise durch Sumpf, gelangt man dorthin.«

»Ach, Robert, ich weiß es, ahne es: Wenn du einmal fort bist, kommst du nicht mehr wieder! Nein, ich bleibe bei dir. Ich reite hier fast täglich mit Avilla in die Pampas. Er hat mir ein frommes Tier ausgesucht, das mich – als wüßte es, wen es trüge – mit unfehlbarer Sicherheit über alle Hindernisse hinwegbringt.«

Ihr bleiches Gesicht von Röte der Freude Übergossen – ein solch unbeschreiblicher Glanz der Güte, der Liebe in ihren Zügen. – – Robert fühlte, daß er nicht länger widerstehen konnte.

»So mag's denn sein, Maria! Avilla soll dich, wenn ich mit Pablo, dem Indianerjungen, weggeritten bin, auf dem Pferde zur großen Agave hinter dem Corral bringen!« –

Eine Viertelstunde später ritten sie hinter dem Indianer her durch die Pampas. Wildrake erzählte und wurde von Fragen Marias unterbrochen.

»Ja, gewiß! Das war klug, Robert, Edna zu den Indianern zu bringen. Das Gute, was du an dem Häuptling Cihuaca und seinen Leuten tatest, trägt jetzt Früchte.«

»Um so mehr«, warf Wildrake ein, »als sicherlich Cihuaca schweres Unrecht geschah – damals, als er und seine Leute von der Regierung gewaltsam in das unwirtliche Höhenklima von Wildrake-Hall deportiert wurden. Gewiß mögen Unbotmäßigkeiten von seiten der indianischen Arbeiter auf der Hazienda Lerdo de Tejadas vorgekommen sein. Aber die Schuld daran trug in der Hauptsache zweifellos dieser Tejada oder sein Vater, der sie nicht nur unmenschlich behandelte, sondern auch noch um ihren kargen Lohn betrog.«

Maria unterbrach ihn. »Daß du es während des Krieges dahin gebracht, daß sie nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder in die Heimat zurückkehren durften, werden die dankbaren Rothäute dir nie vergessen. Meine alte Dienerin gehört zu ihrem Stamm. Sie erzählt immer wieder, wie der Name Wildrake bei den Indios verehrt wird.«

Der Morgen graute, als sie, an den Ruinen einer alten Mayastadt vorüber, in das Indianerdorf einritten.

Lange lagen sich Edna und Maria in den Armen. – – –

Seit vier Tagen und vier Nächten durchfurchte der schnittige Rumpf der ›Susanna‹ die Fluten des Karibischen Meeres. Sie steuerten einer Gruppe kleiner Inseln zu, die sie, nach Südosten ausbiegend, umfahren wollten. Die kleinen Eilande waren auf den Seekarten nicht verzeichnet. Droste hatte eben mittels des Bestecks den Stand des Schiffes festgestellt. Sie hatten gute Fahrt gemacht. Noch drei Stunden, dann würde ihr Ziel erreicht sein.

Da wies Calleja mit einem Ausruf des Erstaunens nach Nordwesten, wo sich eben ein Flugzeug von einer Insel erhob und Kurs auf sie zu nahm. Auch Barradas und Alvarez eilten herbei. Verwundert, erstaunt erwarteten sie den rätselhaften Besucher. Der ging jetzt etwas tiefer. Ließ seine Hubschraube angehen, hing hundert Meter über der ›Susanne‹ in der Luft.

»Sofort stoppen!« rief eine Stimme, und wie um dem Befehl größeren Nachdruck zu geben, prasselten Maschinengewehrkugeln vor dem Bug der ›Susanna‹ ins Wasser. Noch ehe deren Insassen sich von ihrer Überraschung erholt, warf das Flugzeug eine Mitteilungsboje aus und schraubte sich dann mit seiner Hubschraube auf etwa fünfhundert Meter empor.

Droste stellte mechanisch den Krafthebel ab, ging zu den anderen, die sich mühten, den Verschluß der Boje zu öffnen.

Irgendeine Meldung? Vielleicht von Truxton & Co.? Was sollte das alles bedeuten?

Calleja hatte der Boje ein Stück Papier entnommen, las, lachte. »Ah – bravo! Nicht schlecht! Der Herr«, er deutete nach oben, »seines Zeichens ein Pirat, beabsichtigt, uns die Ehre seines Besuches zu gönnen. Gleich wird sein Schiff erscheinen.«

Alle richteten die Blicke nach der Inselgruppe. Neben dem Eiland, von dem das Piratenflugzeug aufgestiegen, wurde jetzt ein großer Motorschoner sichtbar.

»Teufel noch eins!« fluchte Alvarez, »das hätte uns noch gefehlt – kurz vorm Ziel ausgeplündert zu werden! Doch diesmal haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Jetzt bietet sich uns eine famose Gelegenheit, die englischen Geschütze zu probieren. Mein Rat war doch gut, die Dinger nicht im Laderaum zu verstauen, sondern hier auf Deck unterzubringen. Wären sie unten, könnten sie uns nichts nützen. Es heißt nur, ein paar davon schußbereit zu machen, ohne daß der Genleman da oben etwas merkt.«

»Nun, das wird nicht schwerhalten«, warf Barradas ein. »Wir brennen ein bißchen Nebelpulver ab. Nicht zuviel, damit er nicht mißtrauisch wird. Gerade nur so viel, daß er nicht sieht, was an unseren Persennigen vorgeht.«

Ebenso schnell, wie der Plan ausgesprochen, war er auch ausgeführt. Doch der im Flugzeug schien der Sache nicht zu trauen. Man sah, wie er sich höher schraubte.

»Ich habe ihn im Visier!« rief Barradas unter dem Geschütz hervor.

»Dann los!« schrie Droste. »Der Schoner kommt bedenklich nahe.«

Im selben Augenblick krachte der Schuß.

Das gut gezielte Geschoß hatte einen Flügel des Flugschiffs getroffen. Dieses geriet ins Trudeln, stürzte in großen Windungen ins Meer.

Doch gleichzeitig krachte es auch auf dem Schoner. Ein paar Granaten flogen über ihre Köpfe weg.

»Vorwärts, Alvarez und Calleja! Die nächsten Schüsse könnten gefährlich werden – –«

Die weiteren Worte erstarben in der Detonation der beiden Geschütze, die auf den Schoner gerichtet waren.

»Sie sitzen!« rief Droste, der durchs Glas sah. »Ah! Jetzt dreht er bei. Schnell noch ein paar hinter ihm her! – Hoho, er vernebelt sich! Doch rein in die Wolken! Auf gut Glück! Vielleicht, daß ein Zufallstreffer ihm den Rest gibt.«

»Hätten wir es nicht so eilig«, fiel Barradas ein, »wäre es ein Vergnügen, sie zu jagen.«

»Ich fürchte«, erwiderte Alvarez, »der Bursche ist schneller als wir. Übertrifft doch seine Größe die unsere ums Doppelte.«

»Seht doch den Fallschirm!« unterbrach ihn Barradas. »Einer von den Flugzeuginsassen scheint den Sturz lebend überstanden zu haben.«

Mit dem Glas konnte man deutlich erkennen, wie der Schiffbrüchige die nächste der Inseln schwimmend zu erreichen strebte.

»Den müssen wir haben!« rief Droste. »Bin doch neugierig, was für ein Genosse der edlen Zunft das ist!«

Die ›Susanna‹ drehte nach Nordwest, hielt auf den Schwimmenden zu. Man warf dem Mann eine Leine hin. Er ergriff sie, ließ sich an Bord ziehen.

Kaum hatte Barradas ihn erblickt, rief er laut: »Ist's möglich? Jean Renard? Sie sind's?«

Der Angeredete wischte das Wasser aus den Augen. »Ah! Das nenn' ich ein Wiedersehen, Leutnant Barradas!«

»Die Umstände, mein guter Renard, sind nur reichlich merkwürdig. Ich glaube, wir haben hier den ›Schrecken der Meere‹ erwischt.«

Renard lachte laut auf. Barradas wandte sich unwillig von ihm ab, zu seinen Kameraden; schritt mit denen zum Hinterdeck.

»Eine unangenehme Situation, Freunde! Hatte mich schon gefreut, den frechen Piraten hier an die Rah zu hängen. Jetzt –« er machte eine zweifelnde Handbewegung – »ist das, soweit es mich angeht, ausgeschlossen. Ihr kennt den Burschen dem Namen nach ja alle zur Genüge. Ich hatte das Vergnügen, mit ihm während des Krieges persönliche Bekanntschaft zu machen, und zwar bei einer Gelegenheit, die für mich recht bedenklich war.

Ihnen, Mr. Droste, ist vielleicht weniger über den Mann bekannt. Ich will Ihnen kurz einiges über ihn sagen. Renard ist geborener Franzose. Fuhr als Kapitän eines Trampdampfers vorzugsweise zwischen den französischen Kolonien Hinterindiens und den Philippinen. Seine Geschäfte bestanden in der Hauptsache in Schmuggelfahrten. Sie wissen, die Gegend dort drüben ist dafür wie geschaffen. Die halbe Welt hat da Kolonien. Renards Tätigkeit nahm einen ungeheuren Aufschwung, als vor drei Jahren der Aufstand gegen die brasilianische Herrschaft in Uruguay ausbrach. Er verdiente viel Geld, das er unklugerweise stets bei sich führte. Eines schönen Tages wurde er von einem brasilianischen Flugzeuggeschwader gejagt und gefangengenommen. Um dem Feind keinen Beweis seiner Tätigkeit zu geben, versenkte er das Schiff, noch ehe die Brasilianer an Bord kommen konnten. Daß dabei ein großer Teil seiner Mannschaft zugrunde ging, genierte ihn weniger als der Umstand, daß auch seine Schätze in die Tiefe gingen.

Obgleich die Indizien gegen ihn nur schwach waren, wurde er zum Tode verurteilt. Am Tage vor der Hinrichtung gelang es ihm, aus dem Gefängnis zu entkommen. Beim Beginn unseres Krieges gegen Brasilien tauchte er plötzlich bei uns auf. Er war im Besitz eines hervorragenden Flugzeuges, nahm als freiwilliger Flieger an den Kämpfen teil. Seine Erfolge waren nicht gering. Doch dauerte es nicht lange, so kam man dahinter, daß er bei alledem bestrebt war, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Er trieb – milde gesagt – Kriegsgeschäfte auf eigene Rechnung. Gewiß nicht nur aus schnöder Gewinnsucht. Sein Haß gegen die Brasilianer, die ihm sein Geschäft da drüben vernichtet, war zweifellos echt. Aber ohne die klingende Seite seiner Tätigkeit würde er wahrscheinlich sein gefährliches Spiel doch nicht gewagt haben. Das Ende vom Lied war, daß ihm die Heeresleitung deutlich zu verstehen gab, daß man auf seine Dienste verzichte. Seit der Zeit betreibt er sein Geschäft offen als Pirat, wobei er jedoch nach Möglichkeit venezuelische Schiffe schont.

Mittels seines Flugzeuges und seines Motorschoners hat er hier in der Südsee schon manches Frachtschiff seiner kostbaren Ladung entledigt. Mehr als ein Passagierdampfer ist von ihm seiner mitgeführten Gelder und Wertsachen beraubt worden. Mit uns hatte er zweifellos dasselbe vor. Was nun tun?«

»Du vergaßest zu erzählen, Barradas, bei welcher Gelegenheit du ihn einmal persönlich kennenlerntest.«

»Richtig, Alvarez! Nun, ich war in einen Luftkampf verwickelt gegen starke Übermacht der Brasilianer – da kam mir Jean Renard zu Hilfe. Vielleicht, daß ich auch ohne ihn glimpflich davongekommen wäre. Jedenfalls – ich persönlich bin ihm zu Dank verpflichtet. Was ihr also mit ihm tun wollt, tut's ohne mich!«

Die anderen schwiegen. Noch lebte die Erinnerung an den Krieg so frisch in ihnen, daß sich jeder sträubte, das Todesurteil an einem Manne zu vollziehen, der ihr Waffenbruder gewesen; mochte er auch sonst den Tod hundertmal verdient haben.

Nach einer Weile ergriff Droste das Wort. »Mir scheint, wir überlassen die Entscheidung über Renards Schicksal am besten Kapitän Wildrake.«

»Aber wir können ihn doch nicht mitnehmen zu der – zu unserer Insel?« warnte Alvarez.

Droste schüttelte den Kopf. »Nein. Wir können überhaupt nicht weiterfahren, Señores, ohne uns vorher mit Wildrake ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Die Insel, die wir suchen, ist nur knappe drei Fahrtstunden von hier entfernt. Gesetzt den Fall, wir lassen Renard laufen, so ist nicht ausgeschlossen, daß er in einiger Zeit wieder nach dieser Inselgruppe zurückkehrt, wo er augenscheinlich seinen Schlupfwinkel hat. Die Situation ist für ihn nicht unähnlich –« er machte ein zweifelnd lächelndes Gesicht – »wie für uns. Aber, davon abgesehen, man wird sicherlich bald gegen dieses Luftpiratenwesen mit aller Macht einschreiten. Bei der Gelegenheit könnte Renard uns ungewollt die Verfolger auf den Hals ziehen. Ich halte es für ganz ausgeschlossen, daß wir unseren Stützpunkt auf einer Insel wählen, die von dem Piraten im Flugschiff in kürzester Zeit erreicht und beobachtet werden kann.«

»Sie haben recht, Mr. Droste. Kapitän Wildrake muß hierher! Er mag dann also bestimmen, was mit Renard geschehen soll.«

»Wir werden«, sagte Droste, »solange an der Insel Renards festlegen. Es dürfte nicht uninteressant sein, diesen Piratenschlupfwinkel etwas genauer zu beaugenscheinigen. Auf diese Weise bekommen wir Renard auch möglichst schnell vom Schiff. Der schlaue Fuchs wird sich schon Gedanken genug darüber machen, was wir an Bord führen und was für Pläne wir hegen.«

*

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