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Gutenberg > Hans Dominik >

König Laurins Mantel

Hans Dominik: König Laurins Mantel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
booktitleKönig Laurins Mantel/Atomgewicht 500
titleKönig Laurins Mantel
publisherUniversitas
year1980
isbn3800408856
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140207
projectidba5b648e
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Als Oswald Winterloo in sein Zimmer kam, trat ihm Major Tejo entgegen.

»Ah, guten Tag, Alfonso! Beglückwünschen wir uns! Waffenstillstand! Friede! Endlich der Krieg vorüber! Der militärische Spaziergang war doch etwas lang geraten, und mit dem Einzug in Caracas ist's auch nichts geworden.«

Tejo machte ein finsteres Gesicht. »Leider! Die Federfuchser haben wieder einmal die Arbeit der Soldaten verdorben!«

»Alfonso! Wünschst du wirklich, daß der Krieg noch weiterginge? Noch weiter Tausende ihr Blut vergießen müßten?«

»Wer möchte das? Aber sonst ist es halbe Arbeit, nichts anderes! Man will jetzt Venezuela zwingen, alles Gebiet bis zum fünften Breitengrad abzutreten. Wie lange wird's dauern? Ein, zwei Jahrzehnte – ein neuer Krieg dann, um auch den Rest der Union einzuverleiben. Die Opfer werden da noch größer werden.«

»Alfonso! Ich verstehe dich nicht, verstehe dich schon längst nicht mehr.«

Tejo wandte sich um, trat zum Fenster, deutete auf die Stadt. »São Salvador, Pernambuco, Manaos in Schutt und Asche! Die unschuldigen Frauen und Kinder – zu Tausenden füllen sie, Opfer dieser Banditen, die Riesenfriedhöfe ... Wär' mir wenigstens das geblieben, daß ich an den Gräbern meiner Eltern, meiner Geschwister stehen könnte! Doch nein! Sie sind verbrannt – wer weiß, unter welchen Qualen? Keine Spur mehr von ihnen zu finden. Ihre Asche verstreut, verweht ... Und du? Auch ich verstehe dich nicht mehr! Hättest du Victoria wirklich geliebt, müßtest du denken wie ich.«

»Alfonso, wohin treibt dich der Haß? Du weißt, wie teuer mir Victoria war. Aber wird ihr Andenken mir dadurch kostbarer, daß noch weitere Hekatomben von Opfern verbluten?«

»Du bist ein Deutscher? Obgleich ihr schon seit Generationen hier im Lande wohnt. Ein Deutscher – schwach im Hassen, schwach im Lieben.«

»Sieh hinaus auf die Straßen! Der Jubel der Bevölkerung beweist zur Genüge, daß andere ebenso denken wie ich.«

Tejo machte eine wegwerfende Handbewegung. »Vergleichst du dich mit diesen?«

Winterloo unterdrückte die heftige Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte. »Ich für meine Person werde jedenfalls mit Freuden das Ende dieses Kampfes begrüßen, dessen materielle Ursachen für die Wissenden doch nur allzu durchsichtig sind. Nicht mit Unrecht nennt die Welt ihn den Petroleumkrieg. Vor allem bin ich froh, dieses Postens hier so oder so bald ledig zu sein.«

»Meinst du, daß die politischen Gefangenen hier so bald entlassen werden?«

»Gewiß! Zweifellos sind doch darunter sehr viele, die auf einen bloßen Verdacht hin verhaftet wurden. Man wird sie ohne Prozeß freigeben müssen.«

»Ha!« Tejo lachte ein häßliches Lachen. »Du denkst wohl besonders an diese Edna Wildrake?«

Winterloo biß sich auf die Lippen. Eine leichte Röte war in sein Gesicht gestiegen. »An sie nicht mehr als an die anderen ...«

»... Unschuldigen, möchtest du wohl sagen?«

Winterloo wandte sich achselzuckend zur Seite. »Ich kann nur wiederholen, was ich sagte, Alfonso. Ich verstehe diesen Haß nicht, mit dem du Unschuldige – ja, ich sage es dir ins Gesicht – Unschuldige verfolgst!«

»Fehlt nur noch, daß du als ihr Ritter in der Gerichtsverhandlung auftrittst! Dann wäre ja das Schauspiel fertig. Du, der Mann, dem dieser Verbrecher die Braut geraubt, nun der Verteidiger seiner Schwester! Daß die Angehörigen dieses Wildrake hinter unserem Rücken konspiriert haben, steht fest. Der Prozeß wird es an den Tag bringen, verlaß dich darauf! Dann wirst du vielleicht anders denken. Für heute leb' wohl, Oswald!«

»Leb' wohl, Alfonso!«

Sie schieden ohne Händedruck.

 

»Die Brasilianer werden Gesichter machen, wenn sie das Nest leer finden!« sprach Alvarez leise lachend. Ein Griff Wildrakes am Arm riß ihn zurück. Auch die beiden anderen, die ihnen folgten, blieben stehen. Aus dem Schatten einer langen Badebaracke hervorgetreten, hatte Wildrake auf der freien Rasenfläche zur Linken plötzlich vier Flugzeuge entdeckt.

»Wir müssen einen Umweg machen, um zu unserem Scheiterhaufen zu kommen. Möglich, daß ein Teil der Besatzung in den Flugzeugen geblieben ist. Jedenfalls ist größte Vorsicht geboten, schnitten sie uns von dem Scheiterhaufen ab, wäre alles verloren.«

Wie Indianer, jede Deckung benutzend, umschlichen die vier Schicksalsgenossen die brasilianischen Flugzeuge. Am Fuß der Nordhöhe hielt Wildrake an.

»Was ist das? Man müßte doch in dem hellen Mondlicht den Scheiterhaufen sehen. Ich sehe nichts ... und ihr? – – – Er ist weggeräumt! Verrat! Ein Spion! Keinen Schritt weiter! Wohl möglich, daß uns dort oben ein warmer Empfang würde! – Ah, wirklich! Seht ihr dort nicht das Bajonett blitzen? Die Dummköpfe! Ungeschickt haben sie es doch gemacht! Hätten sie den Holzstoß stehenlassen, wären wir ihnen unmittelbar in die Gewehre hineingerannt.«

»Verrat? Spione?« stieß Barradas zwischen den Zähnen hervor. »Verräter hier auf der Insel? Vielleicht gar ein Landsmann? Ha! Wenn ich den Schurken hätte! So wäre also doch das Unmögliche möglich geworden: Verkauft – verraten von der eigenen Regierung! Aber lebend sollen sie mich nicht haben! Eher stürz' ich mich von den Felsen ins Meer.«

Die beiden anderen starrten wie hilfesuchend auf Wildrake, der überlegend dastand. Ein leises Lächeln. Sie drängten näher an ihn heran.

»Ein Ausweg, Kapitän Wildrake? Was ist's? Wär's möglich, daß Pedrazza –?«

Wildrake schüttelte den Kopf. »Das wäre gegen die Verabredung, wenn er doch zur Höhle käme. Kapitän Pedrazza wird so etwas nicht tun. Er wartet auf das Signal. Aber doch halte ich uns noch nicht für verloren. Sehr rasch freilich muß gehandelt werden! Auf Sekunden kommt's an! Dort hinten die vier brasilianischen Flugschiffe – wir müssen sie kapern, auf ihnen entfliehen. Jeder von uns kann ein Flugzeug führen.«

»Ah! Aber die Besatzung?«

Statt einer Antwort zog Wildrake den Revolver aus der Tasche. »Wir müssen sie überraschend angreifen und unschädlich machen. Kein anderer Weg! Auf jeden Fall müssen wir versuchen, uns aller vier Flugzeuge zu bemächtigen, sonst hätten wir die Verfolger sofort auf den Fersen. Doch zunächst zurück zu der Badebaracke!«

In schnellem Lauf bewegten sich die vier, kaum noch auf Deckung achtend, den Weg zurück. Im Schatten der Barracke angelangt, deutete Wildrake auf die vier Schiffe, die in einer Front vor ihnen lagen, stellte die drei Gefährten nebeneinander auf.

»Alvarez das erste! Calleja das zweite! Barradas das dritte, ich das vierte. Wir werden uns langsam auf die Maschinen zu bewegen, bis wir angerufen werden. Vielleicht, daß man uns erst spät bemerkt. Dann in schnellem Lauf drauf zu! Und jeder an sein Geschäft! Unser Ziel, die einzige Zuflucht, britisches Gebiet!«

»Grenada?« fiel Alvarez fragend ein.

»Nein! Gewiß, es wäre das nächste britische Gebiet. Aber gerade deshalb dürfen wir diesen Weg nicht wählen, weil selbstverständlich auch der Feind damit rechnen wird. Kurs auf die britischen Antillen. Alles weitere wird sich finden.«

Kaum hundert Schritt mochten sie zurückgelegt haben, als aus dem dritten Flugschiff ein Anruf erscholl. Gleichzeitig wurde die Tür der Kabine geöffnet. Ein Matrose trat heraus, machte seine Waffe fertig.

»Drauf!« schrie Barradas und eilte mit Riesensprüngen auf die Maschine zu.

Ein dumpfer Schlag! Der Matrose lag am Boden. Dröhnendes Brummen des Motors, den Barradas angelassen hatte. Auch die drei anderen waren eiligen Laufes auf ihr Ziel losgestürmt. Wildrake und Alvarez erreichten fast gleichzeitig ihre Flugzeuge. Calleja stolperte, stürzte, raffte sich schnell wieder auf, war auf zehn Schritt an das zweite Schiff heran.

Auch Wildrakes und Barradas' Maschinen hatten sich schon vom Boden erhoben. Alvarez wollte eben den Hebel auf Vollgas drehen, da sah er Callejas Mißgeschick. Mit einem Sprunge war er draußen, hob den Kameraden vom Boden, schleppte ihn ins Schiff.

»Danke, Alvarez!« Calleja, bei voller Besinnung, warf selbst den Hebel herum.

Auch das dritte Flugzeug verließ die Insel, der aufgehenden Sonne entgegen.

»Vielleicht war's unsere letzte Fahrt, Kapitän Droste!« Der erste Offizier sprach es zu dem Führer des Luftriesen DK 920.

»Wahrscheinlich, Johnson!« antwortete er. »Es ist gut, daß das Morden da drüben jetzt aufhört. Bedaure nur, daß unsere Flüge von England nach Venezuela nun auch ein Ende nehmen werden. War doch alles in allem eine herrliche Zeit, wenn's auch manchmal hart am Tode vorbeiging.«

»Nicht zu vergessen: auch ein schönes Geschäft, Kapitän! Hätte gern noch ein Dutzend Fahrten mit DK 920 gemacht. Ob der brave Kahn wohl wieder nach Bremen zurückgeht? Oder werden Truxton & Co. ihn fest übernehmen?«

Droste zuckte die Achseln. »Ich werde jedenfalls das Kommando niederlegen, sobald wir in England sind. Meinen Zweck, die Führung eines solchen modernen Flugzeuges vollkommen zu beherrschen, hab' ich ja erreicht. Eine bessere Gelegenheit, als im Dienste von Truxton & Co. Konterbandefahrten nach Venezuela zu machen, gab's dafür nicht.«

»Nun«, erwiderte der andere, »Sie haben ja Gelegenheit genug gehabt, Kapitän zu beweisen, daß Sie ein Flugzeugführer sind, wie DK 920 so leicht keinen wiederbekommen wird.«

Kapitän Droste wollte eben die Kabine verlassen, da schrillte das Telephon.

»Flugzeuge Backbord in Sicht!«

Er trat in den Laufgang, sah durch die Fenster nach Backbord. »Was ist das, Johnson?« rief er dem nachkommenden Offizier zu. »Ein Kampf zwischen brasilianischen und venezuelischen Fliegern? Es ist doch Waffenstillstand! Oder –?«

»Nein! Kein venezuelischer Flieger dabei!« Johnson spähte durchs Fernglas. »Die Abzeichen sind ungefähr zu erkennen. Scheinen doch alles Brasilianer zu sein.«

»Unmöglich, Johnson! Da – sehen Sie doch! Der Hinterste schießt doch auf den vor ihm Fliegenden. Der stürzt ab. Jetzt – die beiden anderen Verfolger gegen das dritte! Das schlägt eine Volte! – Der vorderste Verfolger abgeschossen! Aber – oh! – jetzt sackt der Verfolgte selber ab!«

»Was ist das? Wie soll man das verstehen?« rief Johnson. »Brasilianer gegen Brasilianer? Na, jedenfalls interessante Sache! Ich denke, wir drehen ab und fahren mit halber Kraft. Das Ende dieser sonderbaren Affäre möcht' ich doch gern mit ansehen. Der Teufel soll daraus klug werden. – Jetzt auch das zweite Flugzeug erledigt? Es will landen – wohl infolge Mangels an Betriebsstoff–«

»Auch den Verfolgern scheint der Atem auszugehen. Nur noch zwei sind hinter dem letzten her. Ah – der Kerl ist mutig! Er wendet, will den Kampf aufnehmen. – Ruder hart Steuerbord!« schrie Droste ins Sprachrohr. »Drücken wir uns etwas zur Seite!« fuhr er, zu Johnson gewendet, fort. »Der Kampf kommt uns allmählich in bedenkliche Nähe. Scheue zwar die blauen Bohnen nicht. Aber das wäre doch ein schlechter Kapitelschluß, wenn wir, nach mehr als einem Dutzend glücklicher Fahrten, zum Schluß noch durch eine verirrte Kugel Fiasko machten.«

»Ha, ha!« schrie Johnson. »Das ging ja schnell. Die beiden Verfolger gehen runter – – Ah! Der eine fängt an zu brennen. Abgeschossen! Aber was macht der wieder? Sein Schiff schwankt verdächtig. Scheint auch was weggekriegt zu haben. Und da hinten? Neue Verfolger! Sehen Sie sie über die Kimme kommen? Gemeinheit! Jetzt sind sie alle verloren. Was meinen Sie, wenn wir näher herangingen, Kapitän? Vielleicht –?«

Droste schnitt eine Grimasse. »Brenzlige Geschichte, mein lieber Johnson! Sie wissen: britische Neutralität – –«

»Wohlwollend, Kapitän!«

»Ja, ja, wohlwollend! Aber striktester Befehl von Truxton & Co., uns unter keinen Umständen in die Kämpfe einzumischen, der Regierung keine Schwierigkeiten zu machen. Die hat deren so schon genug!«

»Zwischen die Kämpfenden uns einmischen, Kapitän? Ich habe nicht gehört, daß der Krieg wieder ausgebrochen sei. Weiß nur vom Waffenstillstand. Können ja Lufträuber sein. Die Verfolger – oder die Verfolgten – wer weiß? – Offen gesagt, Kapitän, ich brächte es nicht übers Herz, den armen Kerl da unten versaufen oder in die Hände der Verfolger kommen zu lassen. Möchte auch zu gern, in Dreideubelsnamen, wissen, was das für eine verwickelte Geschichte gewesen ist.«

»Haben recht, Johnson! Will's auf meine Kappe nehmen!«

Ein paar Kommandos in das Mikrophon. Der Riesenleib des tausendtonnigen Luftriesen drehte und schoß nach unten.

»War wohl höchste Zeit, mein Lieber?« rief Johnson dem einzelnen Manne zu, der, an eine Holzplanke geklammert, auf dem Wasser schwamm, als er ihn an einer zugeworfenen Leine in die Kabine zog.

»Thanks, Gentlemen.«

»Thanks, Gentlemen? ... Señor? Hidalgo?« meinte Johnson lachend, als er die venezuelische Uniform erkannte. »Woher kommt Ihr?«

Ein Dutzend Fragen prallten auf den Geretteten nieder, dann schob Droste Johnson zur Seite und reichte dem Venezuelaner ein Glas Wein. »Hier, Señor! Es wird Ihnen gut tun.«

Er trank in hastigen Zügen, strich sich das nasse Haar aus der Stirn.

»Ah!« Droste trat einen Schritt zurück, ließ fast das Glas fallen. »Ah! ... Sie?! Sie sind's, Kapitän Wildrake?«

»Wildrake?« Johnson sah Droste fragend an.

Der sprach weiter. »Gewiß, Johnson! Ich sah sein Bild so oft, daß ich ihn unter Tausenden herausgefunden hätte.«

Er reichte dem Geretteten die Hand, führte ihn zu einem Stuhl. »Setzen Sie sich, Señor!«

Ein Offizier trat ein. »Die anderen Flugschiffe scheinen uns den Weg verlegen zu wollen. Machen Anstalten, uns ...«

»Was?« brüllte Johnson. »Uns den Weg verlegen? Die Beute abjagen?« Er wandte sich leidenschaftlich Droste zu.

Der Kapitän kniff überlegend die Augen zusammen, sprach leise vor sich hin. »... auf offener See? Waffenstillstand? – Johnson, lassen Sie die Kielgeschütze klarmachen! Dem ersten, der uns in den Weg tritt, eine volle Ladung!«

»Bravo, Kamerad!« rief Johnson, alle Disziplin vergessend »Wird sofort besorgt!«

»Meine Herren!« Der Gerettete hob die Hand. »Meinethalben nicht –!«

»Johnson, tun Sie, wie Ihnen befohlen! Doch für alle Fälle zuerst einen Warnungsschuß!«

Ein paar Minuten vergingen.

»Sie drehen ab, die Burschen! Scheinen keine Lust zu haben, mit uns anzubinden. Schade!« kam Johnsons Meldung von unten.

»Ist auch besser so!« sagte Droste lachend zu Wildrake. »Doch kommen Sie! Gehen wir in meine Kabine! Wir haben ungefähr die gleiche Statur. Sie müssen sich umziehen. Und dann, mein Lieber, müssen Sie erzählen!«

 

Doktor Arvelin und der Freiherr von Winterloo saßen im Turmzimmer an einem Tisch, auf dem eine Menge Zeitungen ausgebreitet waren.

»Gott sei Dank, Arvelin, daß der Krieg vorbei ist! Jetzt werden die gefährlichen Flüge des Jungen ein Ende haben. Möglich, daß diese letzte Affäre, die sonderbarerweise nach Waffenstillstand passierte, doch nicht ganz so harmlos war, wie die Zeitungen es darstellen.« Er deutete auf eins der Blätter vor ihm.

»Nun, Winterloo, dann können wir Medardus hier bald erwarten. Er hat so viel Interessantes erlebt – er wird uns beiden Alten hier an den langen Abenden mit seinen Erzählungen die Zeit vertreiben! Nach dem Datum dieses Berichts zu urteilen, müßte er ja schon auf englischem Boden gelandet sein. Ich bin neugierig, ob die brasilianische Regierung Schritte unternehmen wird, um die Auslieferung des Kapitäns Wildrake zu erreichen.«

»Ich glaube, da werden die Brasilianer keine Gegenliebe finden, Arvelin. Wildrake ist von großväterlicher Seite englischen Blutes. Du weißt ja aus den Zeitungen, wie man in England seine Taten im Kriege feierte, als wäre er selbst Engländer. Auch Medardus wird in England gute Aufnahme finden. Den Brasilianern dürfte der Name Medardus Droste seit gestern noch übler in den Ohren klingen!«

Eine Uhr, die im Nebenzimmer bisher laut getickt hatte, setzte plötzlich aus. Der Freiherr sprang hastig auf, eilte hinüber. Auf langen Tischen, an den Wänden überall blitzende Apparate aus Glas und Metall; ein paar Maschinen im Hintergrunde; das Ganze das wohleingerichtete Laboratorium eines Privatgelehrten.

Der Freiherr schritt zu einem Gerüst, auf dem ein schwerer eiserner Behälter befestigt war. Beugte die hagere Gestalt über die Skalenscheibe eines elektrischen Meßgerätes. Die kurzsichtigen Augen dicht an die Skala gedrückt, las er mit unverhohlener Befriedigung das Ergebnis ab.

»Komm bitte schnell, Arvelin! Der Versuch in größerem Maßstabe – – Doch nein: du sollst selber sehen! Rasch!«

Der Gerufene trat lächelnd neben den Freund. »Wie könnte ich zweifeln, Winterloo? Natürlich! Zwanzigtausend Kilowattstunden! Und noch immer nicht genug?« Er schlug dem anderen leicht auf die Schulter. »Noch länger soll deine wunderbare Leistung hier im Laboratorium im Verborgenen ruhen? Ach, wenn ich denke, ich stünde wieder vor meinen Studenten und könnte ihnen sagen: Meine Herren! Der Freiherr Karl von Winterloo ist im Besitz einer Erfindung, die die Verkehrswirtschaft, die Betriebswirtschaft der Industrie – kurz, einen großen Teil der allgemeinen Wirtschaft vollständig auf neue Füße stellt ... Er hat auf physikalischem Wege einen Betriebsstoff hergestellt, der in Form eines chemischen Akkumulators das zwanzigfache Arbeitsvermögen unserer heutigen besten Betriebsstoffe aufzuspeichern erlaubt – – Wie eine Bombe würde meine Mitteilung im Zuhörerraum wirken! Und wenn ich gar verriete, daß die Erfindung schon vor vielen, vielen Monaten gemacht ist, daß aber der Erfinder weder früher noch jetzt daran denkt, sie der Öffentlichkeit zu übergeben – weil er in unbegreiflichem Starrsinn seine Entdeckung für noch nicht vollkommen hält – weil sein Ziel die hundertfache Speicherung ist – – ja, dann würde man wohl sagen: Der Doktor Arvelin ist plötzlich toll geworden!«

Ein fast kindliches, beschämtes Lächeln glitt über die faltigen Züge des Freiherrn. Er wandte sich mit einer komisch wirkenden Gebärde des Abscheus zur Seite. »Ich – und Geschäfte machen mit dem, was ich in jahrelanger, angestrengter Arbeit geschaffen, nur im Interesse der Wissenschaft geleistet habe? Ich mit raffinierten Geschäftsleuten in Verbindung treten, Aktiengesellschaften gründen, Organisationen aufziehen – vielleicht gar als zwanzigfacher Aufsichtsrats-Ehrenvorsitzender? O Gott, wenn ich dächte, so etwas sollte mir blühen, dann wär' mir die Arbeit und alles, was ich erreicht, verhaßt!«

»Brauchst du mir nicht zu sagen, Winterloo! Du bist eben der echte deutsche Idealist. Vollbringst eine Riesenleistung und verschmähst es, nach Ruhm und Lohn zu trachten. Findest dein höchstes Glück darin, reiner Diener der Wissenschaft zu sein.«

»Mag sein, Arvelin! Doch du bist nicht anders! Gabst du nicht auch deine Universitätslaufbahn auf, um hier in der Stille deiner Forschung besser dienen zu können? Um dich, frei von aller Tagesarbeit, ganz deinen Problemen zu widmen?«

Über seine Apparate gebeugt, sah Winterloo nicht, wie ein Schatten über Arvelins Züge glitt, als er sich abwandte und zu den Maschinen im Hintergrund schritt. Mit kundiger Hand prüfte er flüchtig die Schaltung einiger elektrischer Schwingungskreise, ging dann wieder in das Nebengemach.

Seine Hand wühlte in einem Stoß von Berechnungen und Tabellen. Er verglich, schob sie wieder beiseite. Sein Gesicht verriet, daß seine Gedanken ganz woanders waren. Irgend etwas aus den Worten des Freiherrn schien in ihm nachzuklingen.

Er warf sich in einen Lehnstuhl im Schatten des großen Kachelofens. Seine kleine Gestalt kauerte sich immer enger, unscheinbarer zusammen, daß sie fast in dem großen Lehnstuhl verschwand. Die Augen halb geschlossen, starrte er vor sich hin.

Ein fast unheimlich wirkender Anblick – wie das Bild eines geheimnisvollen, buckligen Märchenzwergs. Unter der überspringenden Stirn des mächtigen, grauhaarigen Schädels die weit hervorragende Nase, das spitz vorstoßende Kinn; dazu die fast übergroßen Ohren, die buschigen Brauen. Und die ganze Erscheinung in einen alten, phantastischen Schlafrock gehüllt.

»Zwanzig Jahre«, murmelte er vor sich hin, »und zehn Jahre dort drüben – ein Menschenalter zusammen! Und doch habe ich die letzte, die richtige Lösung noch nicht gefunden. Mein chemischer Panzer – er schützt wohl mich vor der todbringenden Wirkung. Würde auch anderes Leben schützen, wenn – – Oft mag's genügen. Und doch! Vollendet gelöst erst wäre das Problem, wenn ich das Gift der Schwingungen auf anderem Wege binden, auf weite Flächen das menschliche Auge täuschen könnte. Nur so wär's vollbracht. Doch hier scheitert all mein Können ... Gibt's einen Weg dazu? Werde ich ihn in der Zeit, die mir noch geschenkt ist, finden?«

Ein Strahl der Zuversicht leuchtete aus seinem Blick. »Damals in Doherty-Hall – sprach ich nicht ebenso?«

Damals – der Abend vor dem entscheidenden Versuch –

Arvelin lehnte sich im Stuhl zurück, schloß die Augen, die Gedanken, die da in ihm tobten – die Worte, die seine Lippen gemurmelt: »Koste es mein Leben! Gelingt der Versuch, so wird der Triumph mir den Tod versüßen. Ein Spiel um hohen Preis das Ganze. Mein Leben der Einsatz. Ich muß es wagen ... Leben! Was ist Leben? Ein Nichts, ein wertloses Nichts ... Vivian – Phil – –, vielleicht, daß die um mich weinen –!«

Diese Nacht in Doherty-Hall! Der Morgen graute. Der Entschluß, den Versuch zu machen, ward zehnmal verworfen, zehnmal wieder aufgenommen.

»Die Sonne ging auf. Ich faßte noch einmal all das Gedachte zusammen, wollte in logischem Schluß die Entscheidung erzwingen, sprach: ›Ich lebe noch! Solange ich lebe, hab' ich's nicht! Hab' ich's, muß ich sterben! Will ich leben, muß ich aufhören zu arbeiten. Umsonst dann alles, was ich getan. Ungenutzt der Gedanke, den ein göttlicher Geist mir eingab.‹ – Alle Lebenswünsche warf ich hinter mich, trat in den Kampf ... siegte – lebte! – Und jetzt?«

Wie von einer Feder geschnellt, hob sich die Gestalt aus dem Lehnstuhl. Die hageren Arme aus den weiten Ärmeln des Rocks vorgestreckt, die Hände wie zum Greifen gekrümmt.

»Wieder, noch unbedenklicher als damals, würd' ich das Leben wagen, säh' ich nur den Weg, auf dem ich schreiten könnte, das Ziel zu erreichen!«

Er sprang auf, durchmaß den Raum in schnellen Schritten. Ein Geräusch im Saal unterbrach die jagenden Gedanken. Er schlug die Hand vor die Stirn. »Eitler Tor, der ich bin! Wozu nach Höchstem streben? Hab' ich nicht schon Hohes erreicht? Wo ist ein Mensch, der das vermöchte, was ich vermag? Genug! Genug! Zurück, ihr Geister, die ihr mich wieder und immer wieder anpeitscht, den unbesteigbaren Gipfel zu erklimmen!«

Seine Mienen entspannten sich. Ein müder, resignierter Zug trat in sein Antlitz.

Der Freiherr kam herein. Sein Äußeres verriet, daß er über Wichtiges nachgegrübelt. »Arvelin, wie denkst du? Dürfte ich es wagen, Medardus von dem neuen Erfolg meiner Arbeiten Kenntnis zu geben?« Als nicht gleich Antwort kam, fuhr er fort: »Ich möchte es eigentlich nicht, denn ich fürchte, dann wird er mich noch mehr bestürmen. Er wird meine Gründe, die Entdeckung noch weiter geheimzuhalten, nicht verstehen, wird mich mit Bitten drängen. Und ich – ich weiß nicht, ob ich seinem Ungestüm trotzen könnte. Lebt er doch nur in der Idee, eines Tages in seinem Flugtaucher zu fahren. Ja, hätte ich die hundertfache Verbesserung, dann würde ich keinen Augenblick zögern, ihm meine Erfindung zu schenken. Dann wären ja all die Nachteile überwunden, die seinen Plänen entgegenstehen. Der Aktionsradius seines Schiffes hätte dann eine Größe, die von dem noch größeren anderer Fahrzeuge nicht mehr berührt wird.«

Erst nach geraumer Weile klang die Stimme Arvelins aus dem Dunkel. »Ich glaube, Winterloo, daß sich in nächster Zeit Ereignisse vollziehen – sie betreffen Droste und irgendeinen anderen Fremden –, die dir die Entscheidung aus der Hand nehmen. Warten wir, bis er kommt!«

 

»Es würde dem Faß tatsächlich den Boden ausschlagen, Lord Truxton, wenn Ihre Vermutung Wahrheit würde und die Brasilianer die Auslieferung Roberts verlangten. Ausgerechnet von England, sozusagen seinem zweiten Mutterlande! Fähig wären sie ja wohl zu solcher Unverschämtheit. Wenn ich hier dieses Blatt sehe – –« Er knitterte es wütend zusammen, warf es zu Boden. »Ein Steckbrief hinter Robert Wildrake wie hinter einem gemeinen Verbrecher! Unerhört! Unglaublich!«

»Sie vergessen«, warf Lord Truxton beschwichtigend ein, »daß dieser Steckbrief ja nur für brasilianisches Gebiet gilt.«

»Einerlei!« brauste James Wildrake auf. »Der alte, ehrliche Name Wildrake, den Robert von neuem zu hohem Ruhm geführt, von diesen Gringos auf die Verbrecherliste gesetzt!«

Mit einem Ruck drehte er sich um. Sein wütendes Gesicht verzog sich zu einer freundlichen Grimasse. »Mr. Droste, ewige Dankbarkeit!« Er schüttelte ihm die Hand. »Wer weiß, wären Sie nicht dazwischengekommen, die Brasilianer hätten ihn sicherlich zu schimpflichem Tode verurteilt.«

Droste wehrte ab. »Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Ihren Neffen stets bewundert habe, würden Sie verstehen, daß es mir wie ein unerhörtes Glück vorkommt, wenn es mir gelang, ihn im letzten Augenblick seinen Verfolgern zu entführen.«

»Gut, gut, Mr. Droste! Doch ich ruhe nicht! Es muß etwas geschehen. In irgendeiner Weise muß der Name Wildrake wieder zu vollen Ehren gebracht werden. Doch wie? Was sollen wir tun, Truxton?«

»Ich dächte, wir überließen das unserem Freunde Bob!«

Der Genannte saß am Kamin; spielte, als wenn ihn das Gespräch wenig berührte, mit der Feuerzange. Wandte jetzt, als fühle er, wie die Augen der anderen sich auf ihn richteten, langsam den Kopf zur Seite. »Du weißt, Onkel James, daß ein Wildrake nie einen Schlag empfing, ohne ihn zurückzugeben. Ich könnte es vielleicht, wenn – –«

»Wie? Du könntest es und tust es nicht?« unterbrach ihn James Wildrake. »Was soll das heißen?«

»Ich möchte es lieber heute als morgen. Vorausgesetzt, daß Herr James Wildrake bereit wäre, hunderttausend Pfund in ein Geschäft zu stecken, ohne auf Profit zu rechnen und ...«

»Ich verstehe dich nicht! Hunderttausend Pfund?« James Wildrake griff in die Tasche, holte ein Scheckbuch hervor. »Sag', für was! Ist der Plan vernünftig, dann ist der Scheck geschrieben!«

»Du hast mich nicht ausreden lassen, Onkel James. Ich wollte fortfahren: – und unser Freund Droste noch bereit ist, das zu tun, wovon wir auf der Fahrt sprachen.«

»Du wirst mir immer unverständlicher. Du sprichst in Rätseln, Bob. Wozu diese Geheimnistuerei?«

Der Kapitän hatte sich erhoben, schritt zu den anderen am Tisch. »Geheimnis! Ja – ein großes, tiefes Geheimnis, was ich euch jetzt erzählen will.«

Lord Truxton und James Wildrake, weit über den Tisch gebeugt, neigten ihre Köpfe Robert zu, der jetzt fast im Flüsterton sprach. Dann gingen ihre Augen zu Droste. Der lag in seinen Stuhl zurückgelehnt. Äußerlich unbewegt, übernatürlich ruhig. Nur das Funkeln in seinen Augen verriet, wie er innerlich an dem Gesprochenen teilnahm. Nur immer wieder ein Nicken, wenn die beiden Alten ihn fragend ansahen. Endlich hatte Kapitän Wildrake geendet.

Ein paar Augenblicke Totenstille im Raum. Lord Truxton brach als erster das Schweigen. »Well, ist das so, wie Kapitän Wildrake gesprochen hat, Mr. Droste?«

Droste richtete sich mit einem befreiten Atemzug auf. »Ja!«

»Oh!« Lord Truxton lehnte sich zurück, schlug die langen Beine übereinander. »Oh, Mr. James Wildrake, dann glaube ich beinah, daß das Geschäft mit gutem Profit enden könnte. Möchte sogar wetten!«

Der Angeredete beugte sich, statt einer Antwort, über das Scheckbuch, malte mit großen Buchstaben die Worte »hunderttausend Pfund Sterling« auf das Formular und unterschrieb.

»Lord Truxton, wenn Sie das Geschäft mitmachen wollen?«

Ein Federzug auch von dem. »Truxton & Co. machen das Geschäft!«

 

»So dürfte ich also mit einer baldigen Enthebung von meinem Posten rechnen, Herr Oberst?«

»Aber gewiß, Herr Hauptmann Winterloo! Ohne Zweifel wird sich an den Waffenstillstand der Friede bald anschließen, dann werden ja wohl die meisten Gefangenen sowieso entlassen. Die verschiedenen Prozesse, soweit sie in Gang sind, werden voraussichtlich niedergeschlagen werden.«

»Das wäre wirklich zu begrüßen, Herr Oberst. Jedenfalls dürfte dann wohl auch die Schwester des Kapitäns Wildrake entlassen werden?«

Oberst Rodriguez machte ein bedenklich zweifelndes Gesicht. »Das möchte ich nicht ohne weiteres annehmen, Winterloo. Es ist da – nun, wie soll ich sagen –« er zuckte unbehaglich die Schultern – »eine Hetze getrieben worden. Doch schweigen wir! Ich will mich darüber nicht weiter äußern. Jedenfalls habe ich für diese Gefangene wenig Hoffnung. – Sie müssen immerhin damit rechnen, Herr Hauptmann, daß Sie eventuell noch den Dienst bis morgen versehen müssen, bis Ihre Ablösung, Major Tejo, kommt. Haben Sie bestimmte Urlaubspläne?«

Der Oberst wandte sich schon zum Gehen, achtete kaum darauf, daß Winterloo eine Antwort vermied. – – –

Das letztemal heute? In Gedanken versunken, schritt Oswald Winterloo durch die langen Gefängnisgänge. Die letzte Revision heute – zum letztenmal würde er sie – –

Das Rasseln des gewaltigen Schlüsselbundes, mit dem der Wärter aus seiner Stube trat, schreckte ihn auf. Stumm schritt er hinter ihm drein. Die Revision wie immer. Tür auf Tür wurde aufgeschlossen. Dieselben Fragen an die Gefangenen. Fast stets auch dieselben Antworten. Nur hier und da einmal eine erregte Frage, ob denn nicht bald der Tag der Freiheit käme; der Friede stände doch bevor.

Dann klirrte das Schloß der Zelle Nr. 17. Die Gefangene stand, als hätte sie schon auf Winterloos Kommen gewartet, mit dem Rücken zum Fenster mitten im Gemach. Im Halbdunkel der Zelle waren ihre Züge kaum zu erkennen. Unmöglich jedenfalls für Winterloo, das leichte Rot zu sehen, das ihre Wangen färbte.

Er drehte sich nach dem Schließer um. Der war aus der Tür zurückgetreten, mühte sich draußen, das mangelhafte Schloß einer Zwischentür in Ordnung zu bringen.

Edna Wildrake reichte dem Hauptmann die Hand. »Vielen Dank, Mr. Winterloo! Das Zeitungsblatt, das Sie gestern – –«

Eine abwehrende Geste. »Nicht darüber sprechen! Sie kennen doch die Instruktionen!«

»Oh, wenn Sie wüßten, wie glücklich ich seit gestern bin! Der Waffenstillstand – die Rettung meines Bruders! Ewig ein kostbarer Besitz wird mir das schlichte Stück Papier sein. Und«, setzte sie mit leiser Stimme hinzu, »immer werde ich des Mannes gedenken, der mir diesen Trost zukommen ließ.«

»Fast möchte ich's bedauern, Fräulein Wildrake –«

»Mein Bruder Robert? Was ist? Betrifft's ihn, Mr. Winterloo?« Sie trat in jähem Erschrecken einen Schritt zurück.

»Nein! Nein – ihn nicht! Er ist schon in Sicherheit, auf englischem Boden! Es betrifft Sie selbst! Ich weiß nicht – noch gebe ich selbst nicht alle Hoffnung auf – aber nach wenigen Worten aus einem Munde, der auch Ihnen wohlwill, fürchte ich, daß Ihre Freilassung, selbst wenn der Friede geschlossen wird, wahrscheinlich noch in weiter Ferne steht. Der Prozeß – –«

Edna richtete sich hoch auf. »Der Prozeß? Man soll ihn mir machen! Ich bin schuldlos, wie mein Vater und meine Mutter, wie Maria schuldlos waren! Ich möchte den Ankläger sehen, der mir auch nur die Spur eines Vergehens nachweisen könnte. Die teuflische Rachsucht eines Elenden hat mich hierhergebracht!«

»Ich will nicht fragen, gnädiges Fräulein, auf wen Ihre Worte gemünzt sind. Doch bin ich leider genötigt, Ihnen eine Mitteilung zu machen, die ich Ihnen gern erspart hätte.« Seine Stimme dämpfte sich zu leisem Flüstern. »Ich bin von morgen ab meines Postens enthoben. Und mein Nachfolger – –«

»Sie gehen fort? Morgen schon? Für immer, Hauptmann Winterloo?« Edna war auf ihn zugetreten, preßte die Hand aufs Herz. Dann, wie über sich selbst erschrocken, wandte sie sich zur Seite.

In Winterloos Augen blitzte es auf. Ein heller Schein huschte über sein Gesicht. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Mehrmals setzte er zum Sprechen an. Der zweite Teil seiner Nachricht – – wie sollte er es ihr sagen?

Die nahenden Schritte des Wärters zwangen ihn zum Handeln. Er legte Edna leise die Hand auf die Schulter. »Mein Nachfolger wird Major Tejo sein, Fräulein Wildrake!«

Bei der Nennung des Namens zuckte das Mädchen zusammen. Wandte sich dann ihm zu und machte eine wegwerfende Bewegung, als berühre sie das kaum. Sie reichte ihm die Hand. »Der Schließer kommt – Sie müssen gehen!«

»Leben Sie wohl, Fräulein Wildrake! Hoffentlich schlägt bald die Stunde Ihrer Befreiung!«

 

Eine leichte Schneedecke lag über der norddeutschen Tiefebene. Ein Schlitten, von der polnischen Grenze kommend, näherte sich dem Grenzübergang, hielt vor dem geschlossenen Schlagbaum. Ein Offizier trat aus dem Grenzhaus. Als er die beiden Insassen des Schlittens erkannte, stelzte er rasch herbei.

»Ah, die Herrschaften aus Dobra. Ich begrüße Sie, gnädiges Fräulein, und Sie Herr Harrach. Eine Schlittenpartie zum Erbonkel in Winterloo?«

»Eine Schlittenpartie? Ja! Nach Winterloo auch! Erbonkel – fraglich!« gab Adeline Harrach dem Offizier mit vertraulichem Lächeln zurück. »Hoffentlich macht man uns heut abend keine Schwierigkeiten. Oder sind Sie selbst da, Herr Oberleutnant? Wir werden voraussichtlich erst spät zurückkommen.«

»Mein Dienst dauert bis morgen, Gnädigste! Und – Schwierigkeiten unseren Freunden? Nein!«

Er winkte den Fortfahrenden, die eben den deutschen Schlagbaum passierten, einen Gruß nach.

»Wenn ich sehe, Adeline, wie bequem und leicht uns von beiden Seiten der Grenzübergang gemacht ist – die deutschen Grenzbeamten nehmen auf uns Rücksicht, weil wir einen deutschen Namen tragen und der Freiherr von Winterloo unser Onkel ist – die Polen halten uns für ihre besten Freunde und behandeln uns als solche – – wenn ich das so bedenke, kommt mir der Vorschlag dieses Warschauer Individuums gar nicht so uneben vor. Wir sind gezwungen, stets Wagen und Schlitten zu benutzen, und könnten in der Tat mit Leichtigkeit allerhand kostbare Schmuggelware über die Grenze bringen. Der Kerl versprach ja hohe Gewinne. Und wenn ich mir klarmache, welche Mühe ich gestern wieder hatte, mit ein paar verlängerten Wechseln die Danziger Gläubiger zu befriedigen, möchte ich wahrhaftig den Gedanken nicht so unbedingt von der Hand weisen. Der Jahresschluß – die Hypothekenzinsen –! Adeline, wahrhaftig: Wenn Onkel Winterloo nicht bald stirbt, wird mir nichts anderes übrigbleiben!«

»Beruhige dich, Franz! Ich glaube nicht, daß der Onkel noch lange lebt. Morawski kam doch extra gestern abend von Winterloo 'rüber nach Dobra. Dem Onkel geht's plötzlich schlecht. Glaubst du etwa, ich machte die stundenlange Fahrt heute, trotz der schönen Schlittenbahn, nur zum Vergnügen?«

»Du hoffst zu stark auf die Winterloosche Erbschaft, Adeline! Ich teile deine Zuversicht nicht. Daß der Onkel nicht unser Freund ist, weißt du selbst. Ich glaube auch, er hat uns längst durchschaut – und wenn nicht er, so dieser verfluchte Dr. Arvelin, daß wir mehr Polen als Deutsche sind. Wenn ihm dieser Alte auch noch eingeredet hat, ein Testament zu machen, dann adieu, Erbschaft! Mit irgendeinem mageren Legat wird man uns abspeisen.«

»Du bist ein Pessimist, Franz! Das eine weiß ich bestimmt: Weder bei seinem Notar noch auf dem Gericht ist ein Testament von ihm deponiert. Hat er etwa eins im Hause, in seinem Schreibtisch – nun, du kennst ja den Schreibtisch genau, hast auch den Schlüssel dazu!«

»Du hast recht, Adeline! Dein kühler Kopf ist nie um einen Ausweg verlegen. Immerhin wäre es wünschenswert gewesen, wenn diesen Droste bei einer seiner Fahrten der Teufel geholt hätte. Du kannst sicher sein, daß er nicht leer ausgehen wird, wenn der Onkel die Augen zugetan hat.«

»Gewiß! Er hat es gut verstanden, sich bei den beiden Alten einzuschmeicheln. Wird ja gehalten wie ein Sohn. Doch warten wir ab!«

Der Schlitten hielt vorm Portal von Schloß Winterloo. Der alte Diener des Freiherrn war den beiden beim Aussteigen behilflich, wollte sie nach oben geleiten.

»Bleib nur, Friedrich! Wir finden den Weg allein!«

Das Turmgemach war leer. Franz Harrach wollte auf die Tür des Laboratoriums zuschreiten, da hielt ihn seine Schwester am Arm zurück. Durch die schlecht geschlossene Tür hörte man die Stimmen der beiden Freunde. Die Ankömmlinge lauschten gespannt. Was sprachen die da drinnen?

»Die Nachrichten aus Brasilien klingen bei näherer Betrachtung doch ganz tröstlich, Arvelin! Es steht fest, daß der Winterloosche Zweig unserer Familie da drüben noch existiert. Weniger angenehm ist die Tatsache, daß diese Winterloos vor einigen Jahren ihren Wohnsitz nach Venezuela verlegten. Unter den unerfreulichen Kriegsverhältnissen dort unten dürfte es ihnen unter Umständen sehr schlecht gegangen sein. In den Internierungslagern sind ja viele Gefangene aus Mangel an Pflege gestorben. Jedenfalls werde ich mich morgen sofort an die Gesandtschaft von Venezuela in Berlin wenden. Vielleicht, daß man mit ihrer Hilfe Näheres erfährt. Augenscheinlich hat das einzige noch lebende männliche Mitglied dieser Familie, Oswald Winterloo, auf brasilianischer Seite am Krieg teilgenommen. Über sein Schicksal war sonderbarerweise nichts Bestimmtes zu ermitteln.«

»Sehr bedauerlich, wenn dieser Oswald etwa noch kurz vor dem Waffenstillstand gefallen wäre«, versetzte Arvelin.

Der alte Freiherr machte eine erschreckte Handbewegung. »Das wäre ein harter Schicksalsschlag für mich. Ich würde ruhiger sterben, wenn ich wüßte, daß ein Winterloo unseren Namen hier auf dem Schloß weiterführen wird. Ich fühle mich seit gestern abend wieder so elend, daß ich lieber heut als morgen mein Testament machen möchte.«

Arvelins Antwort war so leise, daß die Geschwister nichts verstanden.

Dann begann der Freiherr wieder zu sprechen. »Um so mehr freue ich mich, daß Medardus heut kommen wird. Über sein Erbe besteht ja kein Zweifel. Ihm mache ich meine Erfindung jetzt zum Geschenk. Mag er damit tun, was er will! Die Hoffnung, die ich noch vor ein paar Tagen hegte, die Erfindung weiterzuführen, habe ich aufgegeben. Wahrscheinlich wird er nun darangehen, seine eigene Erfindung in die Wirklichkeit umzusetzen.«

»Möglich«, sagte Arvelin. »Die Mittel ständen ja zu seiner Verfügung. Wenn er das Geschenk zu Geld macht, könnte er in Millionen wühlen. Doch ich bin mir nicht ganz sicher, ob Medardus das tut.«

Bei den Worten »Geschenk« und »Millionen« sahen sich die Geschwister erblaßt an. Was war das für ein Geschenk, das Millionen wert sein sollte, kostbarer als die ganze Winterloosche Erbschaft? Und wozu das Recherchieren in Brasilien nach irgendwelchen Verwandten?

»Es ist Zeit, uns zum Empfang bereitzumachen«, klang jetzt die Stimme Arvelins. »Der Schlitten, der die beiden vom Zuge abholt, wird schnell hier sein.«

Das nahende Geräusch von Schritten brachte den Geschwistern das Bedenkliche ihrer Lage zum Bewußtsein. Franz Harrach war mit ein paar leisen Sprüngen an der Tür, machte sie mit starkem Geräusch auf, als kämen sie erst von unten herauf. Gleichzeitig rief Adeline laut: »Es ist niemand hier, Franz. Suchen wir die Herren im Laboratorium!«

In diesem Augenblick ging dessen Tür auf. Der Freiherr und Arvelin traten heraus. Nur schlecht vermochte Winterloo seinen Unmut zu verbergen, als er die beiden vor sich sah. Hörte mit halbem Ohr ihre Versicherung an, nicht lange stören, sich nur nach dem Befinden des teuren Onkels erkundigen zu wollen ...

»Ihr müßt mich entschuldigen«, erwiderte der Freiherr kühl. »Ich erwarte Gäste, werde gleich hinunter zur Halle kommen.«

 

»Da sehen Sie schon die Türme von Winterloo, Mr. Wildrake! Gleich werden Sie das Vergnügen haben, die beiden alten Herren kennenzulernen. Hoffentlich geht es dem Freiherrn gut. Denn unsere ganze Hoffnung beruht ja darauf, daß er uns für unseren Zweck seine Erfindung überläßt.«

Und dann lag Droste in den Armen der beiden Alten. Die Freude des Wiedersehens ließ den Freiherrn alle Schwäche vergessen.

»Gehen wir jetzt nach oben! Du, Medardus, wirst ebenso wie Kapitän Wildrake nach der langen Reise dringend einer Erfrischung bedürfen.«

Sie schritten durch die Halle. Dort erhoben sich die Geschwister, die sich bis dahin im Hintergrund gehalten, von ihren Sitzen. Der Freiherr machte ein unwilliges Gesicht. Wähnte er sie doch schon längst weit fort. Wohl oder übel mußte er die Gäste einander vorstellen. Ging dann, ohne auf Franz und Adeline Rücksicht zu nehmen, den anderen vorauf nach oben. – – –

»Das war ja eine interessante Begegnung, Adeline«, sagte Franz, als sie in ihrem Schlitten den Schloßhof hinter sich gelassen hatten, »Zweifellos ist dieser Kapitän Wildrake jener venezuelische Offizier, hinter dem die Brasilianer her sind, weil er ihnen Bahia in Schutt und Asche legte.«

Adeline gab keine Antwort. Sie starrte wie überlegend über die weite Schneelandschaft.

»Wenn ich denke«, fuhr Franz fort, »daß dieser Medardus Droste jetzt vielleicht schon im Besitz dieses rätselhaften Geschenks ist – Millionen wert, sagte der alte Arvelin –, dann möchte ich aus dem Schlitten springen, zurückrennen, ihn mit den Händen erwürgen. Wie kommt dieser hergelaufene Mensch dazu, uns den besten Teil der Erbschaft wegzuschnappen? Und nun auch noch diese brasilianischen Winterloos! Kein Zweifel – die sollen den alten Familienbesitz erben! Ha, ha, Adeline! Ich glaube, ich behalte doch recht. Werde mich morgen mit dem Warschauer in Verbindung setzen. Die einzige Möglichkeit, unser verschuldetes Gut noch eine Zeitlang zu halten ... Ich dachte auf der Hinfahrt daran, den Onkel um Hilfe anzugehen. Aber nach dem, was wir da in dem Turmzimmer erlauscht« – er machte ein wegwerfende Bewegung – »und überhaupt diese empörende Behandlung von seiner Seite! Deutlicher konnte er uns wohl seine Abneigung nicht zeigen. Läßt uns in der Halle einfach stehen, als wären wir nichts –!«

Franz Harrach schlug in heller Wut mit der Peitsche auf die Pferde ein, daß sie erschrocken in langen Sätzen davonstürmten. Nach einer Weile fiel ihm Adeline in die Zügel. »Willst du die Tiere tot jagen? Wir werden sie noch mehr als einmal für den Weg nach Winterloo brauchen. Noch gebe ich nicht alle Hoffnung auf. Gewiß, das Millionengeschenk mag zum Teufel sein! Aber Schloß Winterloo und die großen Liegenschaften bleiben auch ohne das ein wertvoller Besitz. Noch halte ich nichts für verloren. Jedenfalls wird es gute Weile haben, bis die brasilianischen Verwandten hier ihren Einzug halten.«

Dann ward lange Zeit zwischen den Geschwistern kein Wort mehr gewechselt. Längst lag die Grenze hinter ihnen. Sie näherten sich Dobra, als Adeline plötzlich zu sprechen begann.

»Die letzten Warschauer Zeitungen sind wohl noch da, Franz?« Ihr Bruder zuckte die Achseln.

»Es wäre mir ganz angenehm, mich über die Identität des Gastes in Winterloo mit diesem Wildrake zu vergewissern. In einem der letzten Blätter war doch der Steckbrief abgedruckt, den die Brasilianer hinter dem venezuelischen Kapitän erlassen haben.«

»Wozu das, Adeline? Weshalb legst du dem solche Wichtigkeit bei?«

»Nun, Franz, da stand noch ein interessanter Nachsatz: Die brasilianische Regierung setzt einen Preis von 100 000 Süddollar auf die Ergreifung dieses Robert Wildrake aus.«

»Gewiß. Ich erinnere mich. Nun, der Bursche mag den Brasilianern schwer im Magen liegen. Aber was interessiert das uns? Oder –?« Er hielt inne, ließ die Zügel sinken. »Ah! der Kopfpreis! Adeline, du sinnst irgend etwas – ich seh' es dir an! Sollen wir ihn verdienen?«

Der Schlitten fuhr in den verwahrlosten Hof von Dobra. »Später, Franz! Die Idee ist es wert, genau überlegt zu werden!«

 

Währenddessen saßen oben im Turmgemach in Schloß Winterloo die alten Freunde mit den beiden jungen Gästen zusammen. Ihre Augen glänzten in jugendlichem Feuer. Den Körper gestrafft, mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgten sie die zuerst für so unglaublich gehaltenen Pläne Wildrakes und Drostes.

Medardus streckte Winterloo die Hand entgegen. »Oh, wie bin ich froh, daß du mir das Geheimnis deines Treibstoffs anvertrauen willst! «Wie ein Alp lag es mir stets auf der Seele, daß unsere schönen Pläne an deiner Weigerung scheitern könnten.«

Arvelin vermochte nicht länger an sich zu halten. »Winterloo, Freund! Kannst du das fertigbringen, Medardus deine letzten Errungenschaften noch länger zu verschweigen?«

Der Angerufene machte ein ärgerliches Gesicht. »Du verdirbst mir die Überraschung, Arvelin! Nun, so komm schnell, Medardus!«

Er griff Droste unter den Arm, zog ihn in das Laboratorium. Ließ ein paar Hebel spielen. Medardus starrte auf den ihm so wohlbekannten Skalenzeiger. Der schritt weiter ... immer weiter ... Mechanisch murmelten die Lippen Drostes die Ziffern. Jetzt hielt der Zeiger zitternd inne.

»Zwanzigtausend, Onkel Winterloo?« Medardus fiel dem Alten um den Hals. »Jetzt nehmen wir es mit einer Welt von Feinden auf!«

Er zog Wildrake näher herzu, zeigte, erklärte ihm die über alles Erwarten hohe Wirkung des Treibstoffes. Wildrake stieß einen Ruf der Überraschung aus, konnte seine Freude nicht verbergen, ging dann zu Winterloo, reichte ihm die Hand.

»Tausend Dank! Morgen früh geht's nach Finnland, den Kiel unseres Schiffes zu legen! Von Truxton & Co. ist das Nötigste schon telephonisch vorbereitet. Wenn es möglich wäre, hätte das eben Geschaute unsere Hoffnungen und Wünsche noch höher getrieben.«

 

Ein dumpfer Druck lastete auf Venezuela. Sofort nach Bekanntgabe des Waffenstillstandes hatte die Regierung den Belagerungszustand über das Land verhängt. Schon die Bedingungen des Waffenstillstandes waren geeignet, in den südlichen Teilen des Landes, die bisher unter dem Krieg weniger gelitten, schwere Unruhen hervorzurufen.

Die Zensur wurde aufs schärfste gehandhabt. Über die mysteriösen Ereignisse auf Aruba durften die Zeitungen nichts veröffentlichen. Die Regierung konnte jedoch nicht verhindern, daß allmählich durch ausländische Nachrichten die dortigen Vorgänge gerüchtweise bekannt und in tendenziöser Weise aufgebauscht wurden.

Auch über den Gang der Friedensverhandlungen, die inzwischen in Manaos begonnen hatten, drangen vom Ausland her höchst beunruhigende Berichte in das Volk. Die beabsichtigte Errichtung eines autonomen Staates zwischen der bisherigen brasilianisch-venezuelischen Grenze im Süden und dem Ventuarifluß im Norden konnte nur als kümmerliche Verschleierung des wahren Tatbestandes, nämlich als eine versteckte Annexion dieses Landes durch die brasilianische Union, gedeutet werden. Das gesamte Gebiet umfaßt die neuen – erst in der Ausbeutung begriffenen – Ölvorkommen im Gebiet von Esmeralda, außerdem noch wertvolle Eisenlager am Casiquiare-Fluß, die das brasilianische Kapital schon lange gereizt hat.

Über den Ausgang der Friedensverhandlungen blieb kaum ein Zweifel möglich. Zwar schien, als die Waffenstillstandsbesprechungen begannen, die Wehrkraft Venezuelas noch längst nicht erschöpft, doch war die Geldbeschaffung für die kostspielige technische Kriegsführung immer schwieriger geworden. Zudem wurden Einfuhr und Ausfuhr durch die Blockade seitens der brasilianischen Flotten auf ein Minimum herabgedrückt. Trotzdem wäre es einer energischen Führung möglich gewesen, den Kampf mit einer Aussicht auf bessere Friedensbedingungen noch eine zeitlang fortzusetzen. Aber in der Regierung der Nation fehlten zielbewußte, tatkräftige Köpfe. Dem inneren und äußeren Zwang folgend, glaubte die schwache Regierung, Frieden schließen zu müssen. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, hatte sie den Belagerungszustand verhängt; und das war wohl berechtigt, denn ein Sturm der Entrüstung, dem in einzelnen Teilen lokale Aufstände folgten, drohte die derzeitigen Machthaber hinwegzufegen, als Näheres über die brasilianischen Ansprüche bekannt wurde.

 

Als Hauptmann Winterloo von seiner letzten Dienststunde nach Hause kam, fand er zwei inhaltsschwere Schreiben vor.

Das eine, das ihm die Ablösung von seinem Posten bekanntgab und gleichzeitig, anstatt des erbetenen Urlaubs, seine Verabschiedung mitteilte. Dieser Nachsatz kam ihm nicht unerwartet. War doch schon inoffiziell bekanntgegeben worden, daß die verwundeten Reserveoffiziere und -mannschaften, soweit sie nicht kriegsfähig waren, in die Heimat entlassen werden sollten.

Es konnte ja kein Zweifel bestehen, daß ein baldiger Friede dem Waffenstillstand folgen würde. Im Interesse der Wirtschaft war es sehr erwünscht, daß die Lücken, die durch die Einberufung zur Heerespflicht entstanden waren, schnellstens wieder gefüllt wurden. So würde auch er jetzt die Uniform mit der Robe vertauschen, seinen Platz als Juniorpartner in der alten Anwaltsfirma Lourenco & Morales in Rio de Janeiro wieder einnehmen.

Der zweite Brief war ein Schreiben seiner Mutter aus Venezuela. Nach dem Tode ihres Gatten war sie vor vier Jahren in ihr Vaterland Venezuela zurückgekehrt. Eine kleine Hazienda, die ihr durch Erbfall zugekommen, zog sie dorthin. An das Leben in der Riesenstadt Rio de Janeiro hatte sie sich nie recht gewöhnen können.

Er las den Brief – einmal – zweimal. Seine verdüsterten Mienen zeigten, wie unangenehm der Inhalt war. Die Mutter teilte ihm mit, daß sie den langjährigen Bewerbungen des Nachbars Lerdo de Tejada nachgegeben habe und ihn demnächst heiraten würde.

Unbegreiflich! Diesen Mann wollte die Mutter heiraten! Bei gelegentlichen Besuchen hatte er Lerdo de Tejada kennengelernt. Ein hochmütiger Hidalgo – so verschuldet, daß er sicher nur daran dachte, durch diese Ehe seine zerrütteten Finanzen aufzubessern. Der Mann war ihm stets unsympathisch gewesen. Warum, konnte er eigentlich nicht sagen. Direkt Nachteiliges war ihm nicht bekannt.

Er schüttelte den Kopf. Die Handlungsweise seiner Mutter war ihm rätselhaft. Grübelnd schritt er im Zimmer hin und her. Der Brief war, nach dem Datum zu urteilen, schon vor mehreren Wochen geschrieben. Infolge der schwierigen Verkehrsverhältnisse hatte er so lange Zeit gebraucht, um seinen Bestimmungsort zu erreichen.

Vielleicht war die Heirat doch noch nicht geschlossen? Wenn er nur rechtzeitig hinkäme! Er kannte seine Mutter zur Genüge. Sie war schwach, leicht zu beeinflussen. Wahrscheinlich würde es ihm gelingen, sie von dem unverantwortlichen Schritt zurückzuhalten.

Er griff zur Zeitung. Am nächsten Abend fuhr ein Dampfer von São Salvador nach Jamaica. Der lief sicher Georgetown an. Von dort mit einem gecharterten Flugzeug über Caracas und Bolivar nach Esmeralda in Venezuela. In spätestens vier Tagen konnte er in Cuautla sein. Die planmäßige Flugzeuglinie war noch nicht wieder in Betrieb, sonst wäre es zwei Tage schneller gegangen.

Kurz entschlossen kleidete er sich um und fuhr zum Hafen. Mit Mühe gelang es ihm, noch einen Platz zu belegen. Seit Abschluß des Waffenstillstandes setzte der so lange unterbrochene Verkehr mit Macht wieder ein.

Als er den Uferkai entlangschlenderte, geriet er in eine Schar von Hafenarbeitern, die nach Beendigung ihrer Schicht zur Stadt zurückströmten. Er trat auf den Fahrdamm, um besser ausweichen zu können. Da sah er, wie zwei Leute, der Kleidung nach auch Hafenarbeiter, vom Bürgersteig heruntertraten.

Der eine von ihnen trug anscheinend ein schweres Bündel auf der Schulter. Er blieb stehen, steckte seine Pfeife in den Mund und ließ sich von dem anderen Feuer geben. Der hielt das brennende Streichholz an die Pfeife, während der erste kräftig am Mundstück sog. Bei dem hellen Schein des aufflackernden Zündholzes sah Winterloo im Vorbeigehen in ein Gesicht, dessen Züge ihm irgendwie bekannt schienen. Während er noch darüber nachsann, hörte er aus dem Munde des Mannes die spanischen Worte: »Muchas gracias, amigo«, mit denen er sich bedankte.

Unwillkürlich verhielt Winterloo den Schritt. Spanische Worte in Brasilien waren gewiß keine Seltenheit. Doch hier erleuchteten sie blitzschnell das Dunkel seiner Erinnerung. Waren das nicht dieselben Züge, die er täglich im Gefängnis sah? Die Züge des Mannes, dessen Bild in der ganzen Union als das eines Verbrechers verbreitet war?

Mechanisch drehte er sich um. Da tauchten die beiden drüben gerade in die vorbeiflutende Menge. Unwillkürlich ging sein Auge in die Runde. Polizei? Kein Wachtmann zu sehen!

Aber er brauchte ja nur hinterherzulaufen oder Alarm zu schreien. Der Name »Wildrake« würde wie eine Bombe zwischen die Arbeitermassen fallen. Da tauchte vor ihm das Bild der Gefangenen von Nr. 17 auf. Ein warmes Gefühl wurde in ihm wach, doch schnell unterdrückte er es. Der Richtung zur Stadt folgend, schritt er mechanisch neben dem Arbeiterstrom her, ließ seine Augen suchend über die Reihen gleiten.

Innerlich zerrissen in dem Widerstreit, der Pflicht zu gehorchen oder der eigenen Überzeugung zu folgen, konnte er zu keinem Entschluß kommen. War Wildrake wirklich todeswürdiger Verbrechen schuldig? Oswalds kühler, juristischer Sinn sprach ihn frei. Konnte ihn die allgemeine Auffassung zwingen, sklavisch sich dem aus der Kriegspsychose geborenen Urteil der großen Masse zu fügen? Wenn auch unter seinen Kameraden die Meinung über Wildrake geteilt war, so hatte man doch einstimmig das schmachvolle Verhalten der brasilianischen und venezuelischen Regierung verurteilt, diesen Tapferen nach Waffenstillstand vor ein Kriegsgericht zu bringen. Was wollte Wildrake hier in Bahia?

Winterloo blieb plötzlich stehen. Edna, die Schwester Wildrakes, im Gefängnis! Wollte der Bruder sie etwa befreien?

Er schüttelte den Kopf. Unmöglich! Der Plan wäre Wahnwitz. Das Gefängnis lag innerhalb des Festungsrayons. Eine Flucht völlig ausgeschlossen. Einen Augenblick erwog er den Gedanken, mit Tejo, seinem Nachfolger, zu sprechen. Doch ebenso schnell verwarf er ihn wieder. Seine Beziehungen zu Alfonso waren schon längst nicht mehr die alten. Nichts verband ihn innerlich mit dem Manne, dem er nur nähergetreten, weil es der Bruder Victorias war. Die Verlobung mit Victoria Tejo – ihr Tod bei dem großen Brande –

Er wunderte sich über sich selbst, wie er fast gleichgültig daran dachte. Und doch war ihm Victoria einst teuer gewesen. Berauscht von ihrer berückenden Schönheit, hatte er sich unter den Schwarm ihrer Anbeter gestürzt. Als gelegentlich einer Segelfahrt aus dem Flirt ein Versprechen wurde, war er stolz, unter den vielen Bewerbern den Sieg davongetragen zu haben. Aber bald hatte kühle Überlegung das flackernde Feuer seiner Leidenschaft gedämpft. Im näheren persönlichen Umgang mit ihr hatte er erkannt, wie wenig diese glänzende Hülle barg. Eine Modedame, verhätschelt, umschmeichelt, jedes tieferen Gedankens unfähig.

Alfonso nun wieder Kommandant des Gefängnisses! Ein warmes Gefühl des Mitleids wallte in ihm auf, wenn er an Edna dachte, die jetzt aufs neue den gehässigen Launen von ihres Bruders Todfeind ausgesetzt war.

An der Ecke der rua Principal angekommen, wo sich der Weg nach dem Fort und zu seiner Stadtwohnung hin teilte, schritt er ohne Zögern die rua larga entlang, seiner Behausung zu. Und in seinem Zimmer trat ihm Alfonso Tejo entgegen.

Kaum, daß sie sich begrüßt hatten, begann der: »Du bist aus dem Heeresdienst entlassen? Ich sah das Schriftstück, das offen auf dem Schreibtisch liegt.«

Winterloo nickte.

Ein argwöhnischer Zug auf Tejos Gesicht. »Du hast selbst den Antrag gestellt?«

Winterloo verneinte. »Es war eine Überraschung für mich. Ich hatte nur Urlaub erbeten. Habe einiges in Rio zu ordnen. Der Krieg ist zu Ende. Offen gesagt, kam mir die Entlassung nicht unwillkommen. Etwa noch länger Fortkommandant sein zu müssen – mich schaudert bei dem Gedanken!«

»Nun, du fandest doch anscheinend in dem Verkehr mit den Insassen des Gefängnisses ganz angenehme Abwechslung!« unterbrach ihn Tejo. Fuhr dann, als der Hauptmann darauf nicht eingehen zu wollen schien, fort: »Besonders der Gefangenen von Nr. 17 schien ja dein Interesse zu gelten.«

Winterloo trat mit unwilligem Gesicht auf Tejo zu.

»Ich weiß nicht, was du mit deinen wiederholten Anspielungen meinst, Alfonso! Daß ich mit einer Person, die nach meiner Ansicht völlig unschuldig gefangengehalten wird, Mitleid habe, kann mir niemand verbieten. Auch du nicht!«

»Über die Unschuld dieser Madonna wird das Gericht, das übermorgen zusammentritt, urteilen, lieber Freund! Bis dahin gilt sie für jeden als eine gefährliche Intrigantin, der gegenüber deine zärtliche Besorgnis durchaus nicht angebracht ist.«

»Alfonso, ich bitte dich, ein anderes Gesprächsthema zu wählen! Wie ich über die Schuld Edna Wildrakes denke, ist meine Angelegenheit.«

»Ha, ha! Dann ist wohl ihr lieber Bruder in deinen Augen ein unschuldiges Lämmchen?«

»Noch einmal, Alfonso, sprechen wir von anderen Dingen! Du weißt – –«

»Ich weiß, daß du dich des Andenkens meiner toten Schwester, deiner Braut, in keiner Weise würdig zeigst.«

Winterloo trat, von der Wucht dieses Vorwurfs getroffen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Die Gedanken, die er unterwegs gehabt, stiegen wieder in ihm auf. Tejo sah mit gehässiger Genugtuung, wie er anscheinend durch seine Worte Winterloo getroffen hatte.

»Du schweigst! Du gibst es zu?«

Winterloo schritt ein paarmal tief atmend in dem Raum auf und ab. Nur mit äußerster Willensanstrengung gelang es ihm, seine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. »Nur die Erinnerung an deine teuren Angehörigen, an unser bisheriges freundschaftliches Verhältnis hält mich ab, dir so zu antworten, wie es sich geziemte. Ich bitte dich für heute, unsere Unterredung als beendet anzusehen!«

»Ha! Du weisest mich hinaus? Gut! Ich gehe. Doch das eine noch sei dir gesagt: Ich werde nicht ruhen und rasten, bis ich dieses Weib und ihren Bruder dahin gebracht habe, wohin sie gehören. Hüte dich, daß sich unsere Wege in Zukunft dabei kreuzen!«

*

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