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König Kandaules

Max Dreyer: König Kandaules - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleKönig Kandaules
authorMax Dreyer
year1929
firstpub1929
publisherL. Staackmnann Verlag
addressLeipzig
titleKönig Kandaules
pages319
created20170429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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238 Maja Valina war bei Frau Beate zu Besuch. Sie hatte den wehen Mund und schmerzliche Augen. Von ihrem Wiener Gastspiel erzählte sie.

»Ja, Mutter,« so nannte sie Beate immer noch und durfte sie so nennen und immer trug sie ihre Nöte zu ihr, beichtete ihr und holte sich von ihr Trost – »ich hab' es selbst planmäßig darauf angelegt, daß aus dem Engagement nichts geworden ist.«

»Aber wozu war denn dies alles –?«

»Du kennst mich doch,« sprach sie zerknirscht, »und ich bleib' nun mal, wie ich bin – verrückt und unmöglich. Das Wozu und Warum und all solche Dinge, mit denen die menschliche Vernunft operiert – die kommen bei mir zu kurz. Also ich kriegte plötzlich meinen Rappel. Der Gedanke, von hier fortzumüssen, war mir unerträglich. Und dann bekam ich einen Brief. Daß Klaus dort an der Ostsee eine Sängerin entdeckt habe. Da gab es für mich kein Halten mehr.« Ein kurzes Schweigen. Sie sah die Wolke auf Beates feinem und reinem Gesicht. »Du sollst nicht traurig über mich werden. Daß Klaus mich als Frau aus seinem Leben gestrichen hat, damit – find' ich mich ja ab. Aber – die Künstlerin in mir hat er doch lieb behalten. Als solche darf ich eifersüchtig sein. Und dies letzte zu verlieren –«

Mit der ganzen weichen Unterwürfigkeit slawischer Schwermut neigte sie den Kopf. Aber in den Augen war Brand. 239

»Ich kann dir nicht sagen, wie ich diese seine neue Entdeckung verwünscht habe! Und was ich niederzukämpfen hatte, als ich sie singen hörte! Aber dann –« nun wurde ihr Auge sieghaft klar und vornehm wahrhaftig – »wie dies Begnadete mir aufging, da konnte ich nicht anders. Da war ich ihr gut und mußte ihr Gutes sagen und ihr Liebes erweisen –«

»Und soll es nicht so bleiben zwischen dir und ihr?« Beate nahm ihre Hand, streichelte sie und durchflutete die Bedürftige mit eigener Güte.

»Was ist bei mir bleibend« – jetzt bekam ihre Schwermut etwas Bitteres und Trotziges. »Und dann sie – die aus so ganz anderem Holz ist als ich – kühl, überlegend und überlegen, verschlossen, ablehnend. Es wird wohl nie recht stimmen mit uns beiden.« Plötzlich fragte sie: »Wie ist ihr Mann?«

»O, den haben wir alle sehr gern. Eine famose Erscheinung – groß, schlank – und ein erlesen feines Gesicht. Fein auch sein ganzes Wesen. Und eine besondere geistige Anmut in dem, was er aus seiner Wissenschaft mitteilt. Ein subtil spürender Forscher –«

»Mutter!« Ein schalkhaftes Lächeln spielte um den weichen, schöngeschwungenen Mund und durchsonnte die leidenschaftlichen Züge. »Du bist ja verliebt! Den Mann muß ich kennenlernen. Obwohl – soviel Feinheit und Subtilität – ich 240 würde doch wohl nichts Rechtes damit anzufangen wissen.«

Und sie wurde sehr nachdenklich. Ist übergroße Feinheit überhaupt das Rechte beim Manne? Das Rechte für die Frau? Und wie verhält sich Matilde Menander zu ihr? Seine Frau, die Klaus Ohlendiek entdeckt, aus dem Hause geholt und auf die Bühne verpflanzt hat –?

Eine Unruhe durchflutete sie. »Leb' wohl, Mutter. Und hab' Dank.«

»Willst du schon fort?«

»Ja, wir haben eine Komiteesitzung. Für das Wohltätigkeitskonzert. Klaus ist ja auch dabei.«

»Die Sitzung ist doch erst um sechs.«

»Ich habe noch Besorgungen. Leb' wohl.«

Beate war an das Sprunghafte ihrer Art gewöhnt und hielt sie nicht.

Maja lief durch die Straßen zum Hafen. Der Schlund seines wogenden Lebens zog so manches von ihren schmerzlichen Gedanken in sich ein. Und dann, dieses Leben hier war ihr noch besonders vertraut als Feld ihrer lichtbildnerischen Neigung und Betätigung. Ihm dankt sie die lohnendsten Motive.

Auch im Photographieren war sie Künstlerin, und da gerade bei ihrer heftigen und schweifenden Phantastik in einem Winkel ihres Wesens ein starker Erwerbssinn hockte, vervollkommnete sie sich geflissentlich in dieser Fertigkeit. Sie dachte praktisch bewußt an einen Beruf für die Zeit und die 241 Möglichkeit, daß ihre Stimme versagte. Auch der Film bot hier lockende Aussichten.

Heute hatte sie für das Bildmäßige keinen Sinn. Das Blut machte ihr wieder schwer zu schaffen. Sie hatte Klaus verloren, das wußte sie. Aber der Gedanke, daß eine andere ihn gewinnen könne, war ihr unerträglich. Und Matilde Menander zog als Gefahr und Verhängnis herauf.

Sie würde heute mit Klaus zusammen sein. Wie sehnte sie sich nach seiner Nähe, seinem Anblick! Furchtbar hatte er unter ihr gelitten. Davon trug er die Wundmale, daher immer wieder die düstre Not in seinen schweren Augen. Daher seine Flucht hinaus in die Gefahren der See, daher seine Hingabe an hartes Training und die Wagnisse eines Sportes, bei dem er Hand und Lebensberuf aufs Spiel setzte.

Ihn sehen und zitternd nachfühlen, was sie ihm angetan, und sich peitschen lassen von den Schauern der Reue –!

Und wieder das Gefühl in sich einschlürfen: Wer so um dich leidet, der kann sich nicht ganz von dir gelöst haben – –

Ein Wohltätigkeitsfest im Opernhaus war geplant. Maja Valina und Matilde Menander sollten singen. Heute wurde das Programm festgesetzt. Klaus, von Matilde beauftragt, bestimmte, was sie vortragen sollte.

Nach Schluß der Besprechung wartete Maja auf ihn. Er hatte immer das außerdienstliche 242 Zusammensein mit ihr vermieden. Denn immer noch wirkte ihre Macht auf ihn und schuf ihm Qual. Aber neuerdings fühlte er sich besser bewehrt, und der alte Schmerz brannte nicht mehr so.

»Wir haben ja den gleichen Weg,« sagte sie. »Ich darf doch mit dir gehen?«

»Bitte.«

Sie forschte in seinen Mienen und fand etwas Entspanntes. Sah das nicht nach Heilung und Befreiung aus? Und wer war es, der ihm half?

Die Bestie in ihr schlich und kauerte nie lange. Schon setzte sie an zum Sprung. »Du nimmst so fürsorglich der Frau Menander dich an. Sie ist jetzt die einzige, die du in künstlerischen Dingen berätst. Ganz wie mich einmal. Du kannst nicht hindern, daß Vergangenes lebendig wird.« Sie sah sein verbissenes Gesicht und den ehernen Mund. »Du darfst dich mir nicht entziehen. Du weißt, ich muß sprechen, wenn das Herz mir voll ist. Und es ist so voll –« Ein Schluchzen würgte jetzt an ihren Worten.

»Was sollen – diese Erschütterungen« – seine Stimme war hart und brüchig. »Ich weiß nicht – wie weit du sie brauchst!« Bitterer Groll war in dieser Wendung. »Ich will sie nicht. Sie haben für mich keinen Sinn, sie führen zu nichts. Und für Zwecklosigkeiten sind meine Nerven und ist mein Leben mir zu schade.« Ein leises Zittern lief über ihn.

Sie fühlte, daß immer noch eine Kraft von ihr 243 ausging. Aber sie war auf der Hut, und fast klagend sprach sie: »Es wird nun einmal nichts mit der edlen Freundschaft. Die wir in so kühler Vornehmheit uns angelobt haben. Zuviel Stunden sind da, die aus unseren Träumen nicht herausgehen –«

»Aus unseren? Deine Träume sind nicht meine Träume. Und du vergißt, was in meinen Gedanken an dich – wenn sie sich einmal einstellen – den Grundton abgibt –«

»Meine Verbrechernatur!« Sie flammte. Das ›wenn sie sich einmal einstellen‹ hatte den Feuerbrand geworfen.

»Vor solchen Klassifizierungen pflege ich mich zu hüten.«

»Warum nimmst du mich denn nicht wie ich bin? Warum nimmst du mich nicht?« Ihr Feueratem flog ihn an.

Er trat zur Seite und wehrte sich. »Wenn ich nehme – leider bin ich nun mal so – dann gebe ich auch. Und was ich hier geben würde, es wäre ja doch –«

»Vor die Säue geworfen!« Sie keuchte. Mit ihrer Haltung war es jetzt ganz vorbei. »Du willst nicht klassifizieren, und tust du es nicht in Worten, tust du doch in Gedanken nichts weiter als das! Und nährst dich wie sie alle von Werturteilen und Pharisäertum und Philistermoral!«

Was in ihr loderte, mußte sich ausflammen in hohen Worten. »Du, ein Künstler, und weißt 244 nichts von den vielen wechselnden Akkorden, in denen Menschenherzen und Menschensinne zusammenklingen! Und willst sie nicht gelten lassen! Ein Künstler – und weiß nichts vom großen Pan und nichts vom Dionysos!«

Sie warf den Kopf und jubelte korybantisch ihren Zorn in solchen Wortergüssen.

Ein unsäglich herbes Lächeln schnitt in seine Mundwinkel. Aber seine Antwort ging auf den Geist ihrer Rede ein. »Sieh, an diesem Standpunkt solltest du nun festhalten. Stolz lieb' ich die Dionysier. Doch mußt du mir schon erlauben, wenn du für deinen Naturkult und seine schillernden Wechsel und Nuancen Pan und Dionysos und den ganzen Olymp in Anspruch nimmst – daß ich hier ein anderes Bild vor Augen habe.«

»Welches?«

»Den Zauberstall der Circe.«

»Also doch die Säue!«

»Dies alles bei mir ohne Rangstellung. Nur von Verschiedenheit spreche ich. Und verschiedene Menschen gehen eben verschiedene Wege. Hier trennen sich ja auch unsere Straßen –« er gab ihr die Hand zum Abschied.

»Du sollst mich jetzt nicht so allein lassen!«

»Ich will diese Reden nicht mehr! Wir sind uns doch längst zur Genüge klar übereinander. Was sollen immer wieder diese stilistischen Übungen! Leb' wohl.« Er wandte sich rauh und schritt schnell davon. 245

Sie wollte ihm nachstürzen – stand eine Weile starr – und ging dann langsam ihre Straße.

Er stürmte vorwärts. Soll ich nicht los von ihr kommen? Weil ich sie einmal liebgehabt habe? Ist darin nun doch das Unvergeßliche? Oder weil sie das Furchtbarste an Schmerz mir angetan hat –?

Nun ist es Matilde Menander, die ihr das Blut erregt. Ich will nicht, daß diese reine Frau in den Wust und Wirbel ihrer Sinnenhaftigkeit hineingezogen wird! Diese glückliche Frau eines andern! Eines Freundes!

Und er drängt diese Frau, die wie leibhaftig vor ihm erschien, mit leidenschaftlicher Abwehr aus diesem Dunstkreis.

Am Abend ging er in seinen Athletenklub.

Maja Valina, in ihrem Zimmer, kniete vor ihrer Madonna. »Du Gebenedeite, die du all meine Sünden kennst und all meine Not – vor der ich nichts verberge, und die du mir deshalb so wohlgesinnt und so gnädig bist, mir, der Armen – du weißt, es gibt für mich kein Dasein ohne ihn – noch hat er mich nicht ganz verstoßen, das fühl' ich wohl – nun lenke du seinen Sinn, daß er mir wieder geneigter wird – und halt fern von seinem Leben diese blonde Frau – die das angetraute Weib ist eines andern Mannes – ich flehe zu dir, daß du ihr all deine Gnade schenkst – daß sie ihrem Ehegemahl treubleibe in Züchten, 246 daß keiner ihrer Gedanken schweife zu einem anderen Manne – nur was dir selbst wohlgefällig ist – dir und dem Vater im Himmel und deinem in Schmerzen geborenen, in Schmerzen verlorenen Sohn – nur um das bitte ich dich – du wirst es mir gewähren, mir, deinem armen Kinde, du meine himmlische Mutter!«

Lag nicht, ob solcher Logik des Gebets, ein Zug gütiger Ironie auf der Madonna feinem Munde?

* * *

Hilmar war von Kiel, ohne wieder bei Matilde Einkehr zu halten, geradeswegs nach Berlin gefahren und von da nach Koninghof zurückgekehrt. Man hatte ihm in Berlin gesagt, daß an eine Habilitation in seinem Fache vorerst nicht zu denken sei. Der Absturz war schlimm. Nun saß er gebrochen daheim.

Ekbert hatte keinen Trost für ihn. Er bedurfte selbst der Aufrichtung. Mit der Wirtschaft ging es erbärmlich. Er sah, wie die Karre dem Abgrund zurollte. Noch stemmte er sich todesmutig dagegen. Wie lange würden seine Kräfte reichen?

Seit Matilde ihm fehlte, war das Beste seiner Arbeitsfreude im Erlöschen. Mit ihr hatte sich das Glück von Koninghof gewandt.

Um das Turmhaus zogen die Dezembernebel. Der Ohm kauerte da, gries und krummgebogen, 247 ahnungsschwer, unheilkündend. Hilmar blickte düster aus gefurchtem Gesicht.

»Du mußt als Herr jetzt wissen, woran du bist.« Und der Ohm gab ihm ein Bild, wahrhaftig und unverhüllt, von dem Niedergang. Wie die Seuchen, nachdem der Betrieb zum größten Teil auf Viehhaltung umgestellt war, unter dem Rindviehbestand und den Schweinen aufgeräumt hätten. Wie zu allem Unglück jetzt noch die Zuckerfabrik, an der sie genossenschaftlich beteiligt waren, nach großen Unterschlagungen des Direktors in Zahlungsschwierigkeiten geraten wäre. So wäre nun der Erlös für die Rüben, der einzige Lichtblick, auch noch hingeschwunden. Und jetzt wüßte er nicht mehr aus und ein.

Hilmar lief durchs Zimmer auf und ab. »Ich will mich selbst der Sache annehmen. Ich fahre morgen mit dir in die Stadt. Übermorgen. Ich hab' dann das Kapitel über den Frauenschmuck in den Gräbern fertig.« Und geradezu heftig schnellte jetzt die Königsche Elastizität empor, mit ihrem Ehrgeiz und optimistischen Selbstvertrauen. »Du sollst nicht glauben, daß ich noch an der Berliner Enttäuschung trage. Lächerlich! Als ob mein Werk nicht seiner Vollendung entgegenginge!« Und dann mit einer verbissenen Wut: »Oh, die Welt wird die Augen aufreißen! Und die jetzt ahnungslos und blind an mir vorüberstolpern, sie werden zu mir gepilgert kommen – gewallfahrt –«

Ekbert wußte, daß ihrem Koninghof von ihm 248 kein Heil beschieden sein konnte. Am nächsten Tage setzte er sich hin und verfaßte einen großen Brief an Matilde. Sie hatte einen Anspruch darauf, klar zu sehen. –

Das Wohltätigkeitskonzert hatte das große Theater bis auf den letzten Platz gefüllt. Matilde, in ihrer Garderobe, bekam Besuch von Maja Valina. Eben begann der erste Teil, die Symphonie, von Friedland dirigiert – die Damen hatten noch Zeit. Maja war in ungarischer Bauerntracht, mit Ärmelhemd, ausgeschnittenem Leibchen und Brusttuch, weitem geblümten Faltenrock, Schürze und Lederschuhen angetan. Sie sah berückend aus in der sorgsam abgetönten Farbigkeit, wußte es selbst und fühlte sich sieghaft. Matilde, in ihrem schmucklosen, schwarzseidenen Konzertkleid, ließ von dem Reize der Erscheinung ohne Neid sich gewinnen.

In Frau Valina wirkten jüngste Erlebnisse nach, und zuerst ohne Nebengedanken schalt sie sich aus über die giftige Kulissenatmosphäre, über die Verlogenheit, das Geschleiche, die Intrigen, mit denen sie sich eben wieder herumgezerrt hatte. »Immer wieder will man da heraus, und immer wieder betäubt es einen und macht einen willenlos – wie ein Fieberdunst, der einem im Blute spukt. Ich höre, auch Sie kommen aus reiner Landluft – wie ich.«

»Sie auch?«

»Ja. Ich bin ein Kind Südungarns. Dies 249 Kostüm ich magyarisch. Ich singe heut allerdings zumeist slawische Volkslieder – aber für die Hyperbrobeer hier macht das keinen Unterschied. Mein Vater war Slawe – Großgrundbesitzer. Meine Mutter ist Deutsche. Schlimme häusliche Verhältnisse haben mich fortgetrieben. Ach, und ich war so gern, so mit ganzer Seele auf dem Lande. Für einen Ritt über die Heide, ins Abendrot hinein – heute noch und heute erst recht geb' ich mit Freuden meinen größten Bühnenerfolg dafür.« In ihrer Stimme zitterte die Sehnsucht.

Und Heimweh zog auch durch Matildes Herz. So saßen diese beiden Frauen, grundverschieden, sich widerstrebend oder gar feindlich, nun beieinander, gehalten von demselben Gefühl, von gleichem Bangen durchpulst.

Maja sah durch Matilde dieselbe Bewegung fluten. Jetzt flogen Wünsche in ihr auf. Eine bewußte Einwirkung, sehr vorsichtig und behutsam, fing an zu spielen. »Sie wissen ja gar nicht, wie Sie zu beneiden sind. Sie haben Ihr Zuhause, haben Ihren Mann – Sie können jederzeit zurück! Und vor allem: Sie sind noch nicht so zerfressen von dem Gift. Nur daß es unheimlich schnell wirkt. Ach, wenn ich so könnte wie Sie!« – Und sie reckte die Arme hinter sich.

Hierin war ehrliches Empfinden. Und das Absichtliche blieb verschleiert. Matilde scheute sich nicht, Offenheit gegen Offenheit zu setzen. Sie sprach unumwunden von eigenen Enttäuschungen, 250 von so vielem, was sie abstieß, quälte und erschreckte.

»Nun, ich hab' mich ja nur auf ein Jahr verpflichtet. Und wenn es mir zu bunt wird, geh' ich eben heim. Löst man mir nicht den Vertrag – die Konventionalstrafe bringen wir auch noch zusammen!« Ihr Stolz brauchte das Gefühl der Freiheit.

In Maja aber ging ein Leuchten auf. Und nichts hätte ihre Stimmung für den Abend mehr befeuern können.

Sie hatte noch nie so gesungen wie heute. Dazu ihre Aufmachung, die in die Augen stach und die Sinne bezwang. Und dann, sie hatte als Begleitung für ihren Gesang ein Trio sich zusammengestellt. Die tiefe Schwermut verlangte nach den Saiten, nach den Geigen, dem Cello. So machten ihre Lieder unvergleichlichen Eindruck. Sie waren der Triumph des Abends. Matilde, auf dem Flügel von Klaus begleitet, so innig sie ihren Schumann sang, trat ganz gegen sie in den Hintergrund.

Das hob sich ihr zwingend ins Bewußtsein. Nicht, daß ein Neid dadurch aufgestachelt oder ihr Selbstgefühl erschüttert wäre. Aber sie wurde das beschämende Gefühl nicht los, als hätte sie selber, brüsk, eitel und aufdringlich zu einem Wettbewerb sich herausgestellt. Und dieser Nachgeschmack der Arena wurde noch bitterer, als am anderen Tage die Zeitungen ihre Vergleiche zogen. 251

Sie hatte nun mal diese große Namensempfindlichkeit. Das »Matilde Menander« schwarz auf weiß und vor aller Welt machte ihr Pein, ganz unabhängig von Lob und Tadel.

»Sie müssen erst noch das Öffentlichkeitstemperament bekommen!« sagte ihr Job. »Mit der Kunst allein ist es nicht getan. Zur Kunst gehören auch Künste.«

Sie senkte den Kopf, düster, gequält und zerfurcht. »Das ist das Wort! Die Künste! Und leider Gottes fliegt einem bei euch immer mehr davon an. Ich ertappe mich schon selbst dabei, wie ich anfange, die Menschen unter dem Nützlichkeitswinkel zu betrachten! Wie ich nicht abgeneigt bin, vor diesem und jenem Männchen zu machen, um lieb Kind bei ihm zu werden! Ich fange an zu schielen – pfui Teufel!«

Als sie allein war, grub sie noch mehr in sich herum. Ist es nicht der pure Neid, das verletzte Eitelkeitsgefühl, weil Maja Valina beim Preisringen in der Arena dich untergekriegt hat – ist es nicht dies, was so dich in das härene Gewand dich hüllen läßt? Wärst du die Siegerin, würdest du dich nicht ganz anders drapieren und gern dem Volke dich zeigen? Bist du nicht sittlich aus Unsittlichkeit!

Da kam der Brief vom Ohm Ekbert. Und sie las mit großen und erstarrenden Augen: daß, wenn nicht ein blaues Wunder geschähe, Koninghof nicht 252 mehr zu halten wäre. Er könnte die Steuern nicht bezahlen – jetzt würde das Vieh, das noch gesund geblieben, ihm weggepfändet werden. Und dann müßte er die Bude zumachen.

Nach Koninghof! Nach Hause! war ihr erster Gedanke. Das blaue Wunder – ich werde hier alles hinschmeißen und heimkommen! Will all meine Kraft, all meine Liebe, den ganzen Geist, mit dem ich die Arbeit immer befeuert habe – alles, was ich habe und kann, will ich ganz und ungeteilt unserm Koninghof schenken! Dann wird und muß er wieder gedeihen! Dann kommt die große Wendung! Dies hier ist gewesen!

Was hatte sie heute noch von der Konventionalstrafe gesagt! Aber – würde sie aus eigenen Mitteln sie zahlen können? Und die Mittel des Guts waren erschöpft. Nicht nur dies – Schulden lagen auf ihm – Pfändung drohte. Dort wurde Geld gebraucht –

Nun hieß es doch sorgsam und überlegt zu Werke gehen. Sie mußte mit Ekbert beraten. Selbst konnte sie so Hals über Kopf nicht fort. Ekbert mußte herkommen. Und gleich drahtete sie an den Ohm: Erwarte Dich hier zu dringender Besprechung.

* * *

Und Ekbert kam. Matilde war auf dem Bahnhof, ihn verfehlte sie nicht. »Ohm – Ohm – 253 Ohm –« Sie umschlang und küßte ihn, all ihr Heimweh schluchzte und jubelte sich aus.

Dann saßen sie zusammen und hielten Kriegsrat.

»Herrgott,« sagte sie, »ich verdiene ja doch ein Sündengeld! Und kann noch viel mehr herausschlagen! Und kann noch viel sparsamer sein! Das erste sind nun also die Steuern. Dies Loch können wir glatt zustopfen. Und dann werden wir weiter sehen.«

Sie war sehr nachdenklich geworden, stützte den Kopf auf und sprach klar und fest: »Als ich von der Not um Koninghof hörte, war mein erster Gedanke: Hin! Hand anlegen! Aber das war die erste Hast meiner Überheblichkeit. Und dann – es kam noch eins dazu – ich sag' es dir offen – ich fühle mich hier eben nicht ganz wohl in meiner Haut.«

»Aber liebes Kind – dann mußt du doch –«

»Nein, nein, nein! Geld verdienen muß ich! Und jetzt wird gearbeitet – mit ganz besonderem Ausblick wird geschuftet! Da schluckt man eben manches herunter und beißt fester die Zähne zusammen. Unser Koninghof! Ja, und nun das eine,« in ihre Stirn grub sich der Ernst – »ist Hilmar ganz im Bilde –?«

»Ich hab ihm reinen Wein eingeschenkt. Aber ich möchte fast sagen, er berauscht sich daran. Und taumelt in Illusionen. Nie wird er geschäftlich denken. Und das Geld – es hat immer und immer das ›olet‹ für seine Nase, und er schüttelt sich.« 254

Sie dachte an ihn, versunken, hingegeben. »Wie mir das an ihm gefällt! Anzufangen ist natürlich nichts mit so überfeinerten Geruchsnerven. Was hab ich mich hüten müssen, auch nur mit den leisesten Andeutungen das Erwerbliche meiner Tätigkeit zu berühren. Entsetzt, mit gesträubtem Haar floh er in andere Breiten.«

Der Ohm sah schwer vor sich nieder. »Es ist noch schlimmer mit ihm geworden. Nach dieser neuen Enttäuschung –«

»Welcher?«

»Es wird nichts aus der Habilitation in Berlin.«

»Warum nur verschweigt er mir das!« Sie war zornig und traurig. »Ist es denn anders zwischen uns geworden! Als ob etwas zerrissen wäre, seit wir nicht mehr zusammen im Turmhaus sitzen. Er hat doch nur seinen Willen gekriegt. Und ist es jetzt nicht fast, als wäre in seinem Willen eine weise und glückliche Voraussicht gewesen?«

»Nur paßt in seine Empfindungswelt alles andere eher als diese eine Tatsache, daß du Geld verdienst.«

»Und wenn er nun erfährt, daß das unsere Rettung ist!«

»Das, liebes Kind, darf er nicht erfahren.«

»Wie?«

»Ja kennst du ihn denn so wenig! Du sprichst von ›unserer Rettung‹. Gewiß bestreitet er dir nicht, daß Koninghof dir so gut gehört wie ihm. 255 Aber einen Pfennig von dir annehmen – von deinem Verdienst! Nachdem er dich in diese Laufbahn gedrängt hat. Wahnsinnig würde ihn der Gedanke machen, es könnte auch nur der leiseste Verdacht an ihm haften, daß er seine – besondere Absicht dabei gehabt hätte. Jetzt, wo alles bei ihm, wo auch sein Mißtrauen übersteigert ist. Jetzt, wo aus ihm immer noch nichts geworden ist, während du zum Ruhme aufsteigst.«

Ihr praktischer Frauensinn fragte gleich: »Wie soll es denn werden?«

»Jedenfalls ohne ihn.«

»Das heißt also: hinter seinem Rücken!«

»Auch diese Bezeichnung schreckt mich nicht.« Und nun prägte sich in seine vergrämten Züge die ganze Entschlossenheit des alten Soldaten. »Hier heißt es aut – knaut. Entweder geschieht dies: er erfährt es, daß dein Geld uns herausreißen soll, bekommt totsicher seinen Tobsuchtsanfall, schlägt alles kurz und klein, und wir sind am Ende – oder er weiß eben von nichts, und – dein Geld reißt uns heraus.«

Sie fühlte, daß hier ein Unbeugsames war, daß es kein Ausweichen gab. »Es ist wie ein Verhängnis –« sagte sie klagend.

»Oder wie eine Krankheit bei ihm. Und wir brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, daß ein eigener Erfolg ihm zu einer gesunderen Lebensauffassung verhilft. Heute muß er mit diesen unseren 256 Geschäften – sagen wir – verschont werden. Auf Heute aber kommt es an.«

Immer noch wirkte in ihr ein starkes Widerstreben gegen solche Heimlichkeit. Und dann wieder durchzuckte es sie wie ein Zorn über Hilmars Verstiegenheit. Danach wurde es ihr weicher zu Sinn, das Mitgefühl legte sich um ihn, der litt und am Boden lag, dies ohne seine Schuld und wider sein Verdienst, und der so ehrlich rang, in die Höhe zu kommen –

Geschont werden mußte er – Schonung, ja, darin war das Erlösende, das Befreiende und Stärkende. Sie entriß sich dem Hin und Her, das sie nunmal auf den Tod nicht leiden konnte, und offenen, festen Auges nahm sie Ekberts Hand. Es ging um Koninghof. Es ging um Hilmar, der unter keinen Umständen die feste Heimstätte, den Boden unter den Füßen verlieren durfte.

Ehrlich und unbeirrt sah sie jetzt den Dingen ins Gesicht. »Hilmar weiß, daß ich dich gerufen habe –«

»Nein. Ich habe es ihm nicht gesagt. Er hat von mir gehört, daß ich zu einer geschäftlichen Aktion verreisen müsse. Da sie mich in deine Nähe führe, würde ich dich vielleicht besuchen.«

Matilde lächelte schmerzlich. »Wir haben früher manchmal, mehr scherzhaft, unser Komplott gegen ihn gehabt. Jetzt ist das bittrer Ernst geworden.«

Sie besprachen dann das Nähere. Matilde 257 händigte dem Ohm ihre Ersparnisse ein. Den größeren Teil der Monatsgage, die in zwei Tagen fällig war, wollte sie der Bank überweisen, mit der Ekbert arbeitete. So war die erste Not beschworen.

Und nun atmeten sie beide auf. »Jetzt nichts mehr von Geschäften!« rief sie. Und zog den Nacken wie unter einer Last hervor. »Heute abend wollen wir lustig sein! Möchtest du nicht mit zu Ohlendieks kommen?«

»Mein liebes Kind – mir brennt nun doch das Feuer auf die Finger. Ich will mit dem Abendzug zurückfahren. Dann kann ich morgen gleich alles erledigen. Der Fiskus fackelt nicht lange.«

Und es geschah nach seinem Wunsch.

Für Matilde aber hatte ihre Tätigkeit jetzt ein anderes Gesicht. Ich muß erwerben, muß Geld verdienen! Warum soll ich es auch besser haben als die Berufsgenossen all. Einen falschen Hochmut habe ich bis heute genährt. Ganz gut, daß das Schicksal mich einrenkt in Reih und Glied. Sie fing an, kameradschaftlicher zu fühlen mit den Kollegen, den Kampf- und Leidensgefährten. Sie hatte mehr Verständnis für deren Bedrängnisse und Sorgen, für ihre Verfehlungen, ihre Falschheiten und Unarten. Und empfand wieder um so größere Freude, wenn ein Herzenston, ein ehrlich Unmittelbares, eine Hilfsbereitschaft, eine sorglos frohgemute Kindlichkeit ihr entgegenklang.

Jobs sehr robuste Weltbetrachtung mußte ihr oft genug helfen. Seine Geschäftsgewandtheit 258 sorgte für neue Einnahmequellen. Konzertreisen in die Nachbarstädte hatten reiche Erfolge.

* * *

Alle Kraft aber setzte Matilde nun, von Klaus beraten, betreut und beschwingt, an das Studium der Isolde.

Sie sah zuweilen ein Fragendes in seinen machtvoll gründigen Augen. Nun ja, er fühlte, daß eine andere Tonart und ein neues Tempo in ihr Wesen und ihr Leben gekommen war. Daß sie jetzt anders zugriff, daß sie fester auftrat, bewußter, dreister, wehrhafter. Seine fragenden Blicke hatten die Versunkenheit eines schmerzhaften Sichverwunderns. Da mußte sie dem Freunde sagen, wodurch ihre Art sich gehärtet, ihr Dasein so zugespitzt war.

Er hörte ihr hingegeben zu und war beglückt durch ihr Vertrauen. »Ihr Koninghof. Ich verstehe, was es Ihnen ist. Auch mir ist es lieb geworden. Und wie Ihr Mann über diese Geldsachen denkt – er hat mir immer gefallen. Jetzt gefällt er mir noch mehr. Sein feiner scheuer Stolz – gewiß, die meisten werden über ihn lächeln. Oder die Achseln zucken. Aber gerade diese Auffassung der meisten! Wenn etwas für ihn spricht, ist es dies!«

Wie gut sie ihm das nahm – wie gut sie ihm 259 dafür war! Nun sind wir sehr nahe beieinander, Klaus Ohlendiek. Jetzt hab ich dir großes Vertrauen bewiesen, das denkbar größte. Du weißt etwas, was ich vor Hilmar geheimhalte. Aber diese Gemeinschaft – erst jagte sie einen leisen Schreck ihr ein – wie tat sie ihr dann wohl, und ward ihr zu sicherer Habe.

Und welche Sicherheit im Künstlerischen gab er ihr. Wenn sie im Dunkeln tappte und in die Irre ging, wenn sie nicht aus und ein wußte, wenn sie etwas nicht begriff, nicht erfaßte, nicht erfühlte – sie nahm seine Hand, und er führte sie zur Klarheit.

Sie fand sich mit Wagner nicht gleich zurecht. Erst langsam und schwer kam sie an den Genius. Nicht unbeeinflußt von Dirk Diekhoff, dem jungen heftigen Träumer, entdeckte sie mehr musikalische Muskelprotzerei, mehr Kraftmeiertum als wirkliche Kraft, und dieser Idealismus, der so bewußt sich in die Brust warf, hatte für sie eine aufgedonnerte Größe. Ihr stürmte ein Renommieren und Bramarbasieren mit Gefühlen entgegen, an deren Echtheit sie verzweifelte. Durch viel Rauch mußte sie hindurch, um das Feuer zu sehen. Über viel Stuck mußte sie die Augen zudrücken, um die großen, hohen, reinen und edlen architektonischen Linien zu gewinnen. Viel äußerliche, aufdringliche, zu betäubender Wirkung ausgerenkte und aufgereckte Gesten und Gebärden in Kauf nehmen, bis sie endlich das heroische Herz fühlte und von ihm sich 260 bezwingen ließ. Dann aber war es auch um sie geschehen. Dann ließ auch sie von der Flut sich durchtosen, auch sie von dem Wildbach sich fortreißen, der aus Hochgebirgshöhe, aus Wolkenschoß und Götternähe herniederbricht, von einem elementaren Geist entfesselt.

Im Tristan war der Liebestrank – von dem Dirk sagte, daß er ihm ein Brechmittel sei – auch ihr nicht nach dem Sinn. Er erschien ihr zuerst als eine rohe Äußerlichkeit, die durch die Vertauschung nur noch bedenklicher wurde. Und sie konnte sich nicht mit ihm befreunden. Klaus aber zeigte ihr, wie man diesen Zauber von Anfang an verinnerlichen mußte, so daß der Trunk selbst nur als symbolische Handlung wirkte, als sinnbildliche Krönung des längst Werdenden und jetzt Gewordenen. Die Generalmusik des Herrn Friedland freilich holte aus dem Bluff der plötzlichen Umwandlung, aus diesem schreienden Gegensatz seine unterstrichenen Theatereffekte. Ohlendiek aber ließ in Isoldens Seele durch all den Hohn und Haß, die Rachsucht und den ›Todestrotz‹ zuerst schon leise die sehnende Minne zittern und klagen. Nicht gekränkter Stolz, das gekränkte Herz ist, was in ihr brennt. Wie sie singt von dem ›siechen Mann, der elend im Sterben lag‹, von seiner Wunde, der sie ›getreulich pflag‹, da wallt schon in dem Mitgefühl die Zärtlichkeit. Und wie sie dann als Rächerin ›mit dem hellen Schwert‹ vor ihm stand – ›er sah mir in die Augen‹, hier schon klingt das 261 Herzensschicksal. Daß er, er der Werber sein muß, ›für Kornwalls müden König‹, daß sie dem, der ihrer Rache verfallen war, für solche Werbung das Leben geschenkt hat – das ist ihrem Herzen die unauslöschliche Schmach. Und die Sühne, seine Strafe – da sie sie teilen will mit ihm, da sie mit ihm sterben, mit ihm den Todestrank leeren will – glutet darin nicht schon die tödliche Leidenschaft auf?

So ließ Klaus sie die Isolde singen. So ließ er längst vor dem Trank den Liebeszauber gären in Isoldes Blut.

Freilich, das, was er ihrer Wesenheit gab, das wurde Brangäne genommen. Die nicht mehr die Walterin, die Schicksalsträgerin war, aus deren Tat das geheimnisvoll Nornenhafte schwand. Das Verhängnis selbst hatte sich schon erfüllt, ehe sie waltete.

Die Brangäne war Maja. Sie fühlte, wie sehr sie zu kurz kam. Stärker als die Künstlerin war in ihr – wie in jeder echten Künstlerin – das Weib. Und das Weib in ihr litt am meisten.

Stets war sie als Brangäne die Herrschende gewesen – sie, die die Lose warf, sie, die Herrin des Geschehens und nicht seine Dienerin – auch ihr Gesang hatte immer die Isolde in den Schatten gestellt. Diese Isolde würde nun ganz gewiß nicht neben ihr verblassen. Aber mehr als Isolde tat ihr Matilde Menander zuleide, diese Frau – und eines anderen Weib – die Klaus Ohlendiek nicht, wie die Künstler alle, mit seinem Geist inspirierte, 262 die er mit der Seele inspirierte, mit dem Herzen, sie, seine Erkorene.

Und die Eifersucht der Frau, der zurückgewiesenen, tobte durch ihre Sinne.

Auf den Proben wollte eine Obstruktion gegen Ohlendiek sich regen. Sie alle mußten mehr oder weniger umlernen. Das paßte manchem nicht, dem seine Rolle und seine Auffassung von Friedland glatt eingetrichtert war. »Mein Marke steht!« sagte der alte Kellermann, »und ich laß nicht an ihm rütteln!«

Tristan, jung, geistig und sehr musikalisch, war nicht von der Partie. Er leistete Klaus freudig Heerfolge. Und als die Verschwörer Maja, deren sie sicher zu sein glaubten, in ihren Kreis ziehen wollten, holten sie sich eine grimmige Abfuhr. Es wäre ihnen doch wohl bekannt, daß Ohlendiek in seinem kleinen Finger mehr Musik hätte, als der Generalissimus in seinem ganzen großen, von Würde und guten Diners geschwollenen Wanst. Auch wüßten sie, daß er nicht mit sich spaßen ließe, und daß er ihnen, wenn sie nicht parierten, ohne mit den Brauen zu zucken, die Wirbel bräche.

Da Verschwörer keinen Überschuß an Mut besitzen, fügten sie sich dem starken Willen des Führenden – und seiner tiefer schürfenden Kunst.

Aber das Weib in Maja Valina lohte, und es brausten die Feuer.

Mehr als einmal fühlte Matilde, wenn Maja hinter und neben ihr stand, die Macht ihrer Blicke 263 auf der Haut des Nackens prickeln und prasseln. Und wandte sie sich nach ihr um, fing sie ein paar Stichflammen ab, die unter den schweren dunklen Wimpern zu ihr herüberzüngelten.

Immer unbehaglicher wurde ihr diese Frau. Und dann wieder sah sie etwas, womit sie sich nicht sobald zurechtfand.

Klaus hatte zur heutigen Probe auch den Chor beordert. In ihm wirkten mehrere Zöglinge der Theaterschule mit. Einer von ihnen fiel auf durch die neapolitanisch heiße und sinnenfrohe Schönheit seines südländischen Kopfes. Maja faßte ihn ins Auge mit einem geradezu bannenden und verzehrenden Blick, in den der junge Mann einfach hineingerissen wurde, den er nicht ertrug, von dem er mit knabenhaftem Erröten sich abwandte.

Matilde erschrak geradezu über diesen Ausbruch begehrender Glut. Vielleicht war es nur ungezügelter Schönheitsdurst. Oder konnte die Wildheit der Sinne sie so überwältigen? Und war daran die Ehe mit Klaus Ohlendiek gescheitert –?

* * *

Schneestürme brausten über die Welt, rüttelten am Turmhaus, fegten durch die Straßen der Stadt. Matilde saß im Salon des größten Zeitungsverlegers der Stadt. Es war einer seiner berühmten musikalischen Nachmittagstees. 264

Sie war gebeten zu singen und hatte nicht hingehen wollen. »Wa – wa – wa – was!« stotterte ihr Freund Job Lobedanz sie an. »Welches ist für jeden Künstler das erste Erfordernis? Menschenkenntnis! Und kennen Sie denn den Mann nicht? Wissen Sie nicht, daß er als Magnat im Reich der Presse waltet, daß er im Kuratorium unserer Irrenanstalt von Opernhaus sitzt, daß er Senator ist und der zweitreichste Mann der Stadt! Und den wollen Sie vor den Kopf stoßen! Den vor seinen Kopf!«

»Aber ich mag ihn nicht!«

»Steht das zur Erörterung? Er mag sie, und darauf kommt es an.«

Sie war nicht überzeugt. Auch sein Leitspruch für Künstlers Erdenwallen: »seid klug wie die Schlangen und li–li–listig wie die Butterhändler« erschütterte sie nicht. Als aber Klaus ihr zuredete, tröstend und gut: »Sie tun damit nicht mehr und nicht weniger, als wir alle tun. Einriegeln dürfen wir uns nun einmal nicht« – da ging sie hin.

Es war ihr wieder einmal ganz und gar nicht wohl in ihrer Haut. Und sie sang so schlecht wie nie die »Mondnacht« von Schumann: »Es war als ob der Himmel«. Wenn auch der Beifall raste und Generalmusikdirektor Friedland, der Herr in diesen Hallen, der am Flügel sie begleitet hatte, ihr die Hand küßte.

Sie empfand es selbst, daß ihre gefrorene 265 Freundlichkeit ihr schwerlich Freunde erwerben konnte. Worauf es doch ankam! Wozu sie sich doch hierher begeben hatte!

Nützlich – und schädlich – waren das nicht immer mehr die Pole, um die ihre Gedankenwelt kreiste!

Hilmar, ihr lieber, stolzer, spröder Junge! Wenn der sie so gesehen hätte! Mit seinen geraden freien Augen! Wie sie schielte – schielte – schielte –

Freilich, es geschah ja für ihn. Daß er sein Koninghof behalten sollte. Aber wie würden solche Mittel ihn erbost, ihn gedemütigt, ihn zur Verzweiflung gebracht haben!

Und waren bei ihr selbst die inneren Widerstände so rein und stark? Als sie hörte, daß Frau Valina auch erwartet würde, durchflammte sie da nicht der Wetteifer und Ehrgeiz, nicht Neid und Eitelkeit? War sie nicht schon so in den Dunst der Weihrauchwolken hineingewoben, daß sie diesen Rausch, diese süße Betäubung nicht mehr entbehren konnte –?

Maja kam nicht mehr. Sie hatte erkundet, daß Klaus nicht hier sein würde. Daß in seinem Klub ein Boxermatch von Berühmtheiten stattfand, und er dort bis zum Abend bleiben wollte. Alles in ihr verlangte nach ihm, sie mußte ihn treffen und sprechen. Und sie wartete auf der Straße. Wie ein kleines Schneidermädchen auf ihren Geliebten, dachte und lachte sie in bitterer Fröhlichkeit. Die Schneeflocken kneteten sich in ihren Pelz. 266 Schneeverhüllt, eine unkenntliche Gestalt wandelte und stand sie.

Nun kam er, mit ein paar Herren, von denen er sich schnell verabschiedete. Und ging nach seiner nahegelegenen Wohnung. Sie war gleich an seiner Seite.

»Klaus.«

Er schrak zusammen, wandte den Kopf und grub das Kinn in den Mantelkragen. Sie sah nicht die malmenden Kiefer, die sie kannte, und die sie hätten warnen können. Nur daß sie in dem Stadium war, wo jede Warnung, jede Drohung, jede Gefahr nicht zurückhält, sondern vorwärts peitscht.

»Ich will nicht mehr« – er sprach kurz und hell – »nicht dieses Auflauern – und solches Zusammensein. Wenn du mich sprechen willst –«

»Ich will dich sprechen. Und kann nicht warten. Und du gehst nach Haus. Und ich will mit dir gehen.«

Ein Windstoß erstickte die Worte. Wilder tosten die Flocken. Eisig ins Blut schnitt der Nordost.

»Wenn du Mutter besuchen willst –«

»Bei dir will ich sein.«

»Dann muß ich bedauern.«

»Klaus! Ich will ja so wenig! Wirf mir nur ein Almosen hin! Einen Bettelpfennig gib mir! Aber gib mir – gib! Und schenk' nicht alles der einen – der andern!«

Sie hatte kaum noch was zu verlieren. Damit, 267 daß sie Matildes Unantastbarkeit berührte, gab sie sich den Todesstoß.

Sie waren an der Gartenpforte angekommen. Klaus öffnete sie, trat hinein und machte sie wieder zu. »Lebwohl.« Der Ton, vernichtend, kehrte der Worte Sinn ins Gegenteil.

Sie zauderte eine Weile, dann stieß sie die Pforte auf und lief ihm nach. »Wenn ich jetzt nicht bei dir sein kann – ich werf mich hier in den Schnee! Und laß mich begraben!«

Er gab ihr noch ein Wort: »Du weißt, wie solche Drohungen auf mich wirken – solcher Zwang und solche Hysterie!«

Ohne sich umzuwenden, stieg er die Stufen zu seinem Gartenhaus empor, schloß auf und schloß wieder zu.

In Stürzen fielen die Flocken. Der Nordostwind brauste, pfiff und johlte.

Klaus setzt sich in seinem Zimmer an den Schreibtisch, ohne Licht zu machen. Nichts sehen, nichts hören – nur fest und stark bleiben! Diesmal nur stark bleiben. Seine Brust fliegt, die Adern in seinen Schläfen wollen springen.

Öfter hat sie ihm gedroht. Wenn sie es diesmal wahrmacht! – Er springt auf. Wirft sich wieder in den Stuhl. Dann soll sie – soll sie – soll sie –!

Die Kinnladen, die wuchtenden, knirschen. Was wird sonst geschehen? – Dir, Matilde, wird sie ein Leides tun. Das ist das Furchtbare – 268 Unausdenkbare! Um dich – um dich hab ich – – –

Als nach einer Stunde der Gärtner von der großen Villa die Hunde herausläßt, heben sie die Nase, wittern, schnuppern, nehmen eine Spur auf, stehen, scharren im Schnee. Ein erstarrter Mensch – eine Frau –

Der Gärtner stürzt in das nahe warme Gewächshaus – holt einen Gehilfen – trägt die Erstarrte hinein – telephoniert an die Polizei um ein Krankenauto.

In fünf Minuten ist es zur Stelle.

Er hat die Dame erkannt – die frühere Frau Ohlendiek – die Ohlendieks noch öfters besucht – er geht zu deren Gartenhaus – klingelt – das Mädchen öffnet – sie weiß nicht, ob Herr Ohlendiek zu Hause ist – ruft Frau Beate – ihr berichtet der Gärtner das Geschehene.

Klaus hört die Stimmen im Haus – er hält sich nicht versteckt und kommt die Treppe herunter.

»Sie haben das Richtige getan,« lobt er den Gärtner. Eben verläßt das Auto das Grundstück zur schnellsten Fahrt ins Krankenhaus. Dann geht der Mann.

Beate fragt, verstört und unsicher vor dieser versteinten Wildheit in den Mienen des Sohnes: »Hat sie mich besuchen wollen – ist ihr schlecht geworden da draußen –?«

»Nein, Mutter. Mich hat sie besuchen wollen. 269 Wieder hat sie mir eine Szene gemacht. Es soll jetzt damit ein Ende haben, so oder so.«

Sie begreift. Der Schreck über die Erbarmungslosigkeit dieser gramharten Züge schwindet hin vor dem Mitgefühl der Mutter. Sie sieht, was er leidet. »Du armer, lieber Junge.« Und sie schmiegt sich an ihn.

Aber dann steigt das ganze Mitgefühl für die Unglückliche auf. Und sie macht sich fertig zum Weg ins Krankenhaus.

* * *

Hilmar war in großer Unruhe. Sein Verleger ließ nichts von sich hören. Der hatte ihm »schnellste Entscheidung« zugesagt. Wie diese ausfallen würde, war ja nicht zweifelhaft. Aber man wollte es doch schwarz auf weiß besitzen.

Nun waren an die zehn Tage ins Land gegangen. Heute bezähmte er seine Ungeduld nicht mehr. Er drahtete: »Wäre für Beschleunigung der Entscheidung dankbar.« Es kam die Antwort: »Brief unterwegs.« Am anderen Tage hatte er das Schreiben – und die Bescherung.

Sehr höflich schrieb ihm der Verleger: von der unleugbaren hohen wissenschaftlichen Bedeutung des Werkes – aber dann kam das Klagelied über die Not der Zeit – daß die unentbehrlichen Illustrationen Unsummen verschlingen würden – er 270 selbst müßte sich heute die allergrößten Einschränkungen auferlegen – vorerst könne er, den unerläßliche Verpflichtungen nach anderen Seiten hin erdrückten, an die Übernahme des Buches nicht denken.

Vor den Kopf geschlagen saß Hilmar. Daß hatte er nun allerdings nicht erwartet. Aber dann war gleich sein Unwille, sein Unmut bei der Hand. Nun, es gibt ja noch mehr Verleger auf der Welt! Freilich, dieser galt auf archäologischem Gebiet als der rührigste und auch leistungsfähigste –

Und dann – beim Suchen nach einem anderen Verlag wurde die Sache auf die lange Bank geschoben. Er aber hatte es so nötig, schnell zu Wort zu kommen!

Über den Wert des Buches – Kunststück! – war der Verleger sich klar. Die hohen Kosten ängstigten ihn. Wenn man ihm da unter die Arme griffe! Wenn er, der Verfasser, an der Herstellung des Buches sich beteiligte!

Koninghof war jetzt aus dem dicksten heraus. Ohm Ekbert saß schon wieder hoch und munter zu Pferde. Da mußten eben so ein paar Tausend für die Wissenschaft flüssig gemacht werden.

Der Ohm war auf zwei Tage verreist. Gleich nach seiner Rückkehr wollte er mit ihm sprechen. Und wenn der nach seiner alten, engen agrarischen Manier sich bockbeinig zeigte, würde er als der Herr sich einmal gründlich, was er längst hätte tun 271 müssen, die Rechnungs- und Wirtschaftsbücher betrachten. –

Matilde arbeitete mit ganzer Hingabe an der ›Isolde‹. Die Oper sollte in der neuen Besetzung noch vor Weihnachten herauskommen.

Mehrere Proben hatte die Erkrankung der Frau Valina ausfallen lassen. Über ihren Unfall und ihre Errettung wurde natürlich viel Abenteuerliches gemunkelt, bis schließlich, da sie selber schwieg, das Einfachste und Einleuchtende, sie wäre auf einem Besuchsgang zu Frau Ohlendiek in dem Schneesturm schwach geworden und liegen geblieben, den Platz behauptete.

Ihre zähe Katzennatur, an Lebensgefährliches gewöhnt, hatte sich bald wieder auf die Füße gestellt. Sie war gar nicht mehr schonungsbedürftig, die Kollegen bemerkten an ihr keinerlei Veränderung. Nur Klaus, der im geschäftlichen Verkehr mit ihr die ganz unbefangene Förmlichkeit wahrte und sich ihr gegenüber verhielt, als wäre nichts geschehen, fand in den Augen hie und da ein Verschleiertes. Es dünkte ihm eine müde Tücke. Und seine Sorge um Matilde kam nicht zur Ruhe.

Maja hatte vor ihm durchaus ihre geistige Haltung und Höhe. Sie dachte nicht daran, den Ernst und die Größe ihres Selbstvernichtungswillens, den sie gezeigt und vollzogen hatte, durch die Vereitlung, an der sie unschuldig war, sich schmälern oder gar durch den Anstrich eines 272 Lächerlichen herabziehen zu lassen. Im übrigen ordnete sich für alles, was weiter geschehen würde, das Orientalische in ihrer Wesensart dem ›Kismet‹ unter.

Künstlerisch fügte sie sich ohne Widerstreben, ja mit eigenen Anregungen ganz den Wünschen Klaus Ohlendieks. Sie bog die Linie ihrer ursprünglich größer angelegten Brangäne und diente, beinahe fanatisch, dem Ganzen. Gerade diese brünstige Selbstentäußerung aber war für Klaus eine Quelle neuer innerer Beunruhigung. ›Was führt sie jetzt im Schilde?‹ so fragte er sich immer wieder.

Es war ein strahlender Wintertag. Sonnenlicht fiel auf die Schneeschanzen im Hof des Opernhauses. In einem Fenster stand Maja Valina, die ihre Kamera mitgebracht hatte. Die Künstler kamen zur Probe. Sie wollte harmlos und scherzhaft ein paar der schreitenden Kollegen sich einfangen, das Licht war gut.

Da – Klaus und Matilde kamen über den Hof – zusammen – und Arm in Arm. Natürlich in musikalischen Welten. Aber wie sie zu ihm aufblickte, versunken, hingegeben, verklärt – o ein Bild!

Sie knipste – Kismet! – –

Der Ohm war zurück, Hilmar hatte mit ihm eine erregte Auseinandersetzung. Der Verleger hatte sich bereit erklärt, das Buch zu drucken, wenn der Verfasser den größten Teil der Herstellungskosten übernehmen würde. 273

»Lieber Hilmar, du hast falsche Vorstellungen. Die ›lumpigen paar Tausende‹ kann ich dir nun mal nicht verschaffen. Wir balancieren gerade. Nehme ich eine solche Summe heraus, fallen wir auf die Nase.«

»Dann muß ich mir doch selbst mal den Wirtschaftsstand zu Gemüte führen.«

»Bitte.«

»Wenn ich auch mit Buchführung nicht Bescheid weiß – da es nicht Chinesisch ist und keine Geheimlehre, werde ich mich da schon hineinfinden.«

Er ging mit dem Ohm in dessen Arbeitszimmer. Der Schreiber brachte die Bücher. Ekbert hatte seine Bedrängnis. Da waren die Bankabrechnungen mit den Einzahlungen von Matilde. Sorgsamer Prüfung konnten sie nicht entgehen. Blieb nur die Hoffnung auf Hilmars huschende Oberflächlichkeit in allen geschäftlichen Dingen.

Der nahm jedenfalls einen bedeutenden Anlauf. Trotzdem übersah er die erste Rate. Und Ekbert wiegte sich schon in Sicherheit. Da machte Hilmar plötzlich ein langes Gesicht. »Hier dies« – sagte er. Der Ort der Einzahlung war dabei vermerkt. Das machte ihn stutzig. »Darf ich einmal das Bankkonto selbst sehen?«

Nun gab es keine Möglichkeit des Entrinnens mehr. Jetzt mußte alles an den Tag kommen. Und in harter Ergebenheit blickte Ekbert dem Walten der suchenden Augen zu. Sah, wie ein Staunen in ihnen aufstieg – dann ein Schreck – 274 dann das Entsetzen. Sie lasen: »Überwiesen von Frau Matilde Menander«. Und als sie wie von Dämonen gejagt weiterflogen, fanden sie noch einmal und noch einmal: »Überwiesen von Frau Matilde Menander –«

Jetzt stierte er totenblaß, entgeistert vor sich hin. Und dann sprach er wie aus weiter, eisiger Ferne: »Von dem allen – habe ich nichts gewußt –«

Plötzlich flog es auf, in Zorn und Wut und in Flammen: »Warum – warum ist mir das verheimlicht! Und wer ist schuld daran!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, herrisch, brutal, zügellos.

Ekbert fuhr zusammen, die Stirnadern schwollen, dann wappnete er sich in seiner ganzen vornehmen Ruhe. »Wenn du fragst, wer schuld daran ist« – seine Stimme läutete hell und hart – »so lautet meine Antwort: Niemand als du selbst!«

Wild blickte er den Ohm an. Und er schrie: »Ich? Ja, wollen wir hier Kurzweil treiben?«

»Deine ganze Art, mit der du heute die Sache behandelst, ist Beweis genug. Diesen selben Wutausbruch hätten wir erlebt, wäre das bloße Ansinnen an dich herangetreten. Du hättest alles zerschlagen – Koninghof wäre hin – und du lägst jetzt auf der Straße!«

»Ja, wer bin ich,« knirschte er mit flackernden Augen, »daß man so mit mir umspringen darf –?«

»Du bist einer von denen, die man retten muß ohne ihr Wissen und wider ihren Willen! Und 275 die – sich allmählich daran gewöhnen müssen und werden, daß sie gerettet sind.« Hier sprach nun heftig die eigene Erbitterung, die ehrlich, aber unvorsichtig war.

»Dies Wort – diese Schmähung, die mich zu einem armselig lächerlichen Gesellen macht, trennt uns doch wohl für immer! Und ich will tausendmal lieber auf der Straße liegen, als hier sitzen von derer Gnaden, die sich meine Nächsten nennen, und die mich entmündigen und entehren!«

»Hilmar –«

»Eure Heimlichkeit – sie ist ja der beste Beweis dafür, daß hier das Unwürdigste geschah! O – was gibt euch ein Recht, mich so zu erniedrigen!«

Der Ohm, wieder gehalten und zu gütiger Festigkeit gesammelt, gab noch einmal Erklärungen. »Es mußte sofort etwas getan werden, Hilmar. Mit Luxusgefühlen durften wir uns nicht aufhalten. Deine überhitzte, nicht zu bändigende Empfindlichkeit – sie hätte nun mal alles verdorben. Jetzt ist das Nötige geschehen. Jetzt hast du das Gut wieder fest in der Hand. Und wenn dir der für andere Menschen ganz selbstverständliche Gedanke, daß die eigene Ehefrau mit ihren Mitteln an der Sanierung hilft, unerträglich ist – nun, es bleibt dir ja unbenommen, das von ihr Hergegebene als besondere Hypothek eintragen zu lassen und zu verzinsen.«

»Wollen wir mit Spiegelfechtereien um die Sache herumtanzen?« Er war nicht zu zügeln und rannte auf und ab. »Belogen und betrogen bin ich! 276 Matilde Menander« – er lachte heiser. »Eine fremde Frau –«

Er stürmte hinaus und lief auf sein Zimmer. Warf sich in den Schreibstuhl und packte den Schädel mit den Händen. Sein Hirn war leer und wie ausgebrannt war sein Herz. Er sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts, wußte nichts. Alles war hohl, kalt, farblos, verkrustet – sein Dasein, die Welt, er selbst – Schlacken, nur Schlacken, Schlacken.

So saß er im Dunklen und wußte nicht wie lange.

Es klopft. Gedankenlos ruft er ›Herein!‹ und knipst das Licht an. Das Mädchen bringt die Abendpost. Er nimmt sie mit willenlos tauber Hand.

Drucksachen – Hochschulnachrichten – leere Augen lesen: Doktor Robert Löteisen – als ordentlicher Professor an die Universität Utrecht berufen –

Nun gibt es doch ein Besinnen. Doch keine Empfindung irgendwelcher Art. Nur ein kühles Bestätigen: ein verdienter Erfolg.

Und hier ein Brief. Die Aufschrift von ihm unbekannter Hand. Er öffnet den Umschlag – ein Lichtbild – ohne begleitendes Wort.

Er sieht – blickt gleichgültig – der Hof eines großen Stadtgebäudes – einzelne Menschen – ein Paar – 277

Jetzt sammeln sich seine Augen und starren – und brennen – Matilde – Matilde und Klaus Ohlendiek. Beide Arm in Arm –

Nun, warum nicht – warum nicht? –

Aber – wie blickt sie zu ihm auf? Was ist in ihren Augen? –

Und warum schickt man mir dieses Bild – nicht die beiden schicken es – ein Fremder –?

Jetzt – in seine aufgewühlte Seele gräbt sich ein nie Gekanntes. Das Mißtrauen des Mannes. Gräbt tiefer und tiefer. Dringt in alle Fasern seines Wesens, an das nie Gift gerührt hat, durchschwärt sie mit fressendem Feuer.

Ist dieses ihre zweite Heimlichkeit? So schreit es furchtbar in ihm auf. Eine Heimlichkeit vor ihm – was den andern ohne Scheu und Scham sich zeigt – und was die andern an ihn nun weitergeben –

Er kaut mit mummelndem Munde wie ein alter Mann.

Dann strafft er den Nacken. Ein Blitz, zackig, reißend und brennend zuckt es durch ihn: Ich will nicht fragen, ich will wissen!

Er geht zum Ohm. Der fährt zurück vor der geradezu kreischenden Blässe seines Gesichts. »Ich reise noch heute nacht. Zu Matilde.« 278

* * *

Die Zugverbindung war die denkbar schlechteste. Hilmar mußte mehrfach umsteigen und stundenlang überliegen. Und die schleichenden Züge hielten an den kleinsten Stationen.

Was war schlimmer, dieses Hocken und Brüten in den dunstigen Warteräumen oder das langsame Rollen der Räder, die das ungeduldige Gehirn ihm breitwalzten?

›Wie lange soll mein Kopf das aushalten! Ich will – will nicht wahnsinnig werden! –‹

Bleiern und schmerzhaft schwer legte sich der Morgendämmer auf die brennenden Augen. Aber die Stadt, sein Reiseziel war jetzt nicht mehr weit.

Nun nickte er dumpf und übermüdet ein. Aus wüstem Halbschlaf schrak er auf, als der Zug in die Bahnhofshalle einfuhr.

Diesmal ging er den richtigen Weg durch die richtige Sperre. Aber heute würde keine Matilde ihn erwarten. Unvermutet kam er – ja, ja – überraschend –

Auf dem Bahnhofplatz fiel ein Plakat der Litfaßsäule ihm in die Augen. Opernhaus – neueinstudiert Tristan und Isolde. Isolde: Matilde Menander. Musikalische Leitung: Kapellmeister Klaus Ohlendiek. Die beiden Namen großgedruckt. Hilmar durchfror es. ›Da haben wir sie ja beieinander –‹

Die Aufführung ist morgen. Heute würde sie also Zeit für ihn haben. Sie – und er auch.

Er fuhr in sein altes Hotel. Es war zehn Uhr 279 vormittags. Nachdem er sich gewaschen und umgekleidet hatte, versuchte er zu frühstücken. Aber er brachte nur den Kaffee hinunter. Der tat ihm gut. Er bestellte sich noch eine Tasse Mokka.

Dann machte er sich auf den Weg zu Matilde. Sie hatte ihre bescheidene Wohnung beibehalten. Die Wirtin sagte ihm, Frau Menander sei zur Probe ins Theater gegangen.

Natürlich – die Generalprobe war heute. In seiner Theaterfremdheit hatte er nicht daran gedacht. Nun ging er zum Opernhaus. Mußte wieder mit dem Pförtner verhandeln, ehe er Einlaß bekam. Stieg die Treppen hinauf zu Matildes Garderobe.

Er geriet in den falschen Gang. Eine Künstlerin kam ihm entgegen, fertig zum Auftritt. Die Maske von dämonischem Zuschnitt. ›Brangäne,‹ dachte er unwillkürlich in halber Klarheit. Aber ein Forderndes dieser seltsam forschenden und eindringenden Augen weckte ihn vollends auf. Er fragte. »Verzeihung, ich möchte zu Frau Menander. König,« stellte er sich vor.

»O, der Mann von Frau Menander.« In den Blicken ein Leuchten wie ein Willkommgruß. Und eine liebenswürdige Beachtung, die ihm hier sonst niemand erwies. Freundlichste Bereitwilligkeit. »Wenn Sie mit mir gehen wollen. Ich muß an ihrer Tür vorbei. O, Herr Doktor – welch ungemessene Freude werden Sie an dieser Isolde erleben!« 280

Er hörte kaum, was sie sprach. Was wollten ihre Augen nur von ihm?

Nun klopfte er an Matildes Garderobetür. Die Garderobiere steckte den Kopf heraus, erkannte ihn, meldete, nahm ihn herein. Matilde, fertig angekleidet, saß am Schminktisch. Sie sprang auf – fuhr zurück vor seinem Aussehen – wollte ihren Schreck ihm nicht zeigen – ihre Freude war erstickt – sie gab ihm die Hand – »wie schön, Hilmar, daß du gekommen bist –« aber die Sorge, die Pein zwang an den Worten.

»Darf ich dich einmal allein sprechen?« Die Garderobiere ging hinaus.

Er stand vor ihr. Aus seinem totenblassen Gesicht sprangen die Fieberaugen wie feurige Kugeln. »Du mußt heute noch mit mir fahren – nach Hause.«

»Was – soll ich –?«

»Mit mir fahren! Wenn es nicht aus ist zwischen uns –!«

›Er ist krank! Was ist er krank!‹ so jammerte es in ihr. ›Hat er den Verstand verloren –?‹

Sie sprach mit ihm sanft, gütig, liebevoll. »Aber lieber Junge – wir haben heute die Generalprobe. Morgen ist die Aufführung –«

»Bitte nicht diesen Charitéton. Ich verlange von dir, daß du diese Flitter abtust und mit mir gehst!«

Em Klingelzeichen mahnte.

»Hilmar – ich hab' zu tun – ich muß auf die 281 Bühne – ich weiß nicht, was so plötzlich in dich gefahren ist.«

»Das weißt du nicht? Deine Heimlichkeiten habe ich entdeckt – deinen Betrug. Und jetzt – alle zeigen sie mit Fingern auf mich! Hat seine Frau zum Theater gebracht. Läßt sich von ihr ernähren. Ist selbst nicht imstande, Koninghof zu bewirtschaften. Und kann und leistet auch sonst nichts. Soll ich so ein Kerl sein? Du sollst mir meine Ehre wiedergeben. Meine Ehre – ja – da ist noch mehr – noch ein anderes. Was vielleicht noch viel schlimmer ist! Aber alles – ja, alles soll vergessen sein, wenn du mit mir kommst. Auf der Stelle hast du dich zu entscheiden.«

Es klopfte. Klaus Ohlendiek trat ein. Er wollte Matilde zur Bühne geleiten. Wollte mit ihr noch über Isoldes Einsatz sprechen: »Wer wagt mich zu höhnen?« Hatte von der Garderobiere gehört, daß Hilmar hier sei. Gedachte ihn herzlich zu begrüßen. Nun stutzte auch er zurück vor dem Aussehen, den Mienen, den Augen.

Die ihm entgegengestreckte Hand nahm Hilmar nicht. Daß der andere hier in der Garderobe Matildes so aus- und einging – wie eine glühende Nadel stach es in das arme zerquälte Gehirn. »Mit Ihnen, dem – Vertrauten und Beschützer meiner Frau wünsche ich nachher ein Wort zu sprechen –«

Klaus war wie von Eisen. Aber sein Ton blieb ruhig und freundlich. »Sobald ich dienstfrei bin, 282 wollen wir wieder zusammenkommen. Aber jetzt sind wir hier im Dienst. Und müssen alle Ablenkung und Störung von uns fernhalten.«

»Ich wünsche – daß meine Frau selber und allein für sich spricht. Ich frage dich jetzt zum letztenmal –« wandte er sich an sie.

Klaus griff unerschüttert ein. »Ihre Frau ist jetzt Isolde, Herr Doktor König, nichts als Isolde. Sie muß jetzt auf die Bühne.« Es kam ein zweites Klingelzeichen. Er öffnete Matilde die Tür. Sie ging. Hilmar stöhnte auf. »Und Sie, Herr Doktor König, fahren jetzt in Ihr Hotel. Sie sind die Nacht durch gereist. Sie brauchen zunächst einmal Schlaf.«

»Ich will nicht –«

Da packten ihn die gewaltigen Augen. »Ich bitte Sie – bitte Sie, sich jetzt unauffällig von mir zum Auto führen zu lassen. Wagen sind hier vor dem Tor. Darf ich bitten?«

Er machte die Tür auf. Hilmar taumelte. Ein kräftiger Arm stützte. Sie gingen über den Korridor, dann die Treppe hinunter. Schlafwandlerisch blieb Hilmar dem Führenden zur Seite.

Ein Paar Augen wühlten sich jetzt in seine Dämmerung – wie ein weiches, sanftes Feuer wärmte es ihn – Mitgefühl – Schicksalsgemeinschaft –

Brangäne begegnete den beiden im untersten Gang.

Der Pfiff des Portiers. Ein Auto kam auf den 283 Hof. Klaus ließ Hilmar einsteigen. Gab dem Chauffeur das Hotel an, das er als Hilmars Absteigequartier kannte. Nahm in der Pförtnerloge den Fernsprecher. Setzte sich gleich mit dem Spielleiter in Verbindung und veranlaßte eine kurze Hinausschiebung des Probenbeginns. Dann suchte er Matilde, die seiner bedurfte.

* * *

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