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König Kandaules

Max Dreyer: König Kandaules - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleKönig Kandaules
authorMax Dreyer
year1929
firstpub1929
publisherL. Staackmnann Verlag
addressLeipzig
titleKönig Kandaules
pages319
created20170429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es gab einen harten, rauhen Winter. Für die Saaten zu wenig Schnee. Ekbert rechnete und sorgte. Matildes junger Mut half ihm, wie er Hilmar half in seinen Bedrängnissen. Sie tat ihre Arbeit wie je, die Erste, die Frohste. Auch ihr Gesang kam nicht zu kurz. Und Manuels feine Innigkeit erlauschte in ihrer Stimme die neue Klangwelt, darin das Muttergefühl sich ausstrahlte.

Weihnachten zog heran. Zum erstenmal seit vielen Jahren war Hilmar an diesem Fest zu Hause.

»Wie hast du sonst gefeiert?« fragte er den Ohm.

»Ich? In meinem Zimmer – bei einem Buch, bei 'ner Pfeife und 'ner Flasche Rotspon.«

»Und die Leute?« Er nahm schon einen Anlauf und ein Sprungbrett unter die Füße. »Da redet man immer von Gefühlsaufgaben.« Ihm ward patriarchalisch zumute. »Jetzt, wo eine Herrin im Hause ist, und was für eine! Jetzt gibt es hier einen andern Geist! Die Leute sollen in der großen Stube des Gutshauses ihren Tannenbaum und eine kleine Bescherung haben. Du als der Würdigste sprichst ein paar Worte.« Er war schon in voller Regietätigkeit. Derartiges lag ihm. »Ich 121 spiel' ein Weihnachtslied. Und dann« – jetzt leuchtete er auf in dem Glanz seines Besitzes, aus der Fülle seines Reichtums, von seinem edelsten Gut wollte er abgeben – »Matilde muß ihnen singen!«

Mit großen Augen blickte Matilde auf. Ein gelinder Schreck griff ihr ins Herz, wie ein leichter Stoß traf es sie. Herausgewiesen fand sie sich aus dem Bezirk ihres eigenen innerlichen Lebens.

Nur für uns hab' ich gesungen, nur für dich! Und ich dachte, dieses nur für dich wäre dir ins Herz geschrieben!

Dann aber wies die Liebe zu ihren Leuten sie in eine andere Bahn. Und nun ging sie ohne Nebengefühle diesen Weg. Ihnen eine Freude machen – den Arbeitsgefährten, den Kameraden, den treuen, willigen, ergebenen. Sie beschenken aus dem, was ihr selbst als Geschenk zugefallen war! Ohn' all ihr Verdienst und Würdigkeit. Hatte sie ein Recht, so mit sich selbst zu geizen?

So steifte sie sich gegen sich selbst und schalt ihre Sprödigkeit anmaßend und selbstgefällig.

In einer gewissen Verwunderung sah sie, mit welcher fröhlichen Rührigkeit und junghaften Geheimnistuerei Hilmar all seine Vorbereitungen traf. Sie hatte für Festveranstaltungen keine besonderen Gaben und überließ ihm gern sein direktoriales Walten.

Aber für den Lichterglanz, für Bescherungen und Überraschungen hatte auch sie ihren Sinn, und den 122 großen Tannenbaum schmückte sie den Leuten mit eigener Hand.

Nun kam der heilige Abend. Und das Heilige war Matildes Gesang. Es gab genug trockene, harte und verharschte Gemüter unter den Leuten. Aber keiner, dem sie nicht die Seele in den Tiefen bewegte, und so manchem, Mann und Weib, liefen die hellen Tränen über die Backen vor schauernder Rührung und zitterndem Entzücken.

Maria durch einen Dornwald ging,
Kyrie eleison,
Maria durch einen Dornwald ging,
Der Wald, der hat in sieben Jahren
Kein Laub und keine Blum' getragen,
Jesus und Maria.

Was trug Maria unter ihrem Herzen,
Kyrie eleison?
Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
Das trug Maria unter ihrem Herzen,
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison,
Da haben die Dornen Rosen getragen,
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
Da haben die Dornen Rosen getragen,
Jesus und Maria.

123 Wie sie das sang! Wie die Rosen entsprangen – wie es glutete in dem blühenden Hag, das Morgenrot den armen Menschenherzen. Und wie sie die Dornen sang! Wie die Dornenkrone ihnen allen erschien, bluttropfend, des sterbenden Erlösers Totenmal. Fern am Himmel stand Golgatha –

So schauerten die Seelen all.

Hilmar stürzte zu ihr und packte ihre Hand, seine Wimpern zuckten und flogen. Dann ein großer, klarer, tiefer Blick. Du selbst eine Madonna – meine Madonna! stand in seinen Augen zu lesen.

Da fuhr sie zusammen. Hatte sie so etwas wie ein lebendes Bild abgegeben? An dem Gedanken mußte sie schlucken und würgen! Aber nein – niemand konnte es ihr ansehen, und niemand wußte davon außer ihm.

Und jetzt – seine Lippen bebten – wollte er es aussprechen? Wollte auch er es mißbrauchen, das heiligste und am meisten verbrauchte und entweihte aller Worte? Angstvoll starrte sie ihn an. Er sprach es nicht, er schwieg, und sie nahm es ihm gut. Und bat ihn dann innerlich um Verzeihung – ob ihrer Furcht vorerst – und dann ob ihrer Anerkennung für ein Selbstverständliches. –

Ein früher Frühling räumte auf mit der Winternot. Matilde wanderte mit Hilmar durch die Feldbreiten. Es sah nicht gut aus mit dem Winterkorn, dem die Schneedecke gefehlt hatte. Viel kahle Stellen zeigten sich. Am schlechtesten war die eine 124 Hügelbahn weggekommen, die dem Ostwind am meisten ausgesetzt war. »Hier werden wir neu bestellen müssen,« sagte Matilde bekümmert.

Hilmar hatte seine Gedanken wo anders. Ihre Betrübnis über den Saatenstand beschäftigte ihn wohl, doch ging sie ihm nicht eben nahe. Mehr als ihm war ihr diese Feldmark ans Herz gewachsen, der sie einen Erben schenken sollte.

Schon stiegen die Lerchen auf, bald fanden auch die anderen Sänger sich ein, schmetterten ihre Lieder und bauten ihr Nest.

Matilde saß jetzt viel in dem kleinen, windgeschützten Garten. Blickte durch das Laubgehege von Buchenhecken und jungen Eichen auf den träumenden Mittag der besonnten Dünen, hinein in die blaumatte Dunstferne des Meeres.

Und sie las in stillen Büchern, unverlierbar blieb ihr, was Novalis vom Frühling sprach.

»Es sind nicht die bunten Farben, die lustigen Töne und die warme Luft, die uns im Frühling so begeistern. Es ist der stille, weissagende Geist unendlicher Hoffnungen, ein Vorgefühl vieler frohen Tage, des gedeihlichen Daseins so mannigfaltiger Naturen, die Ahndung höherer, ewiger Blüten und Früchte und die dunkle Sympathie mit der gesellig sich entfaltenden Welt.«

Über ihr der weissagende Geist unendlicher Hoffnungen. Inniger lauschten ihre Träume auf das eigene Blut, in dem ein anderes Leben seine 125 Formen sich schuf. Eine dunkle Süße war in ihrem Wesen und des Erwartens bange Seligkeit.

Als des Frühsommers weiche und reiche Helle die Welt durchsonnte, wurde im Turmhaus ein Kind geboren, ein Mädchen.

* * *

Matilde, die dem Kinde selbst die Brust gab, war eine Mutter, herzlich und herzhaft. Fast ein wenig zu robust in ihrem Gehabe und Verhalten für Hilmars übergroße, zage Zärtlichkeit. So daß sie scherzhaft sagte: »Nächstens werdet ihr beide euch in einem Schutz- und Trutzbündnis gegen mich zusammentun. Im übrigen ist es ja ausschließlich dein Kind – ich bin nur zufällig die Mutter. Und du hast dich bloß ums Austragen zu drücken gewußt.«

In der Tat, die bekannten lächerlichen Erörterungen und Prüfungen hin und her, wem das Kind ähnlich sei, kamen hier von Anfang an nicht zu Worte. So geradezu lächerlich war das kleine Wesen ein Abbild des Vaters.

Er gewöhnte sich denn auch immer mehr daran, von der Kleinen als von »meiner Tochter« zu sprechen, was Matilde ihm allmählich durchaus mit einem bei ihr gebräuchlich gewordenen: »deine Tochter« bestätigte. Trat ihm daraus mehr als ein Lachen entgegen, dann konnte er ungefähr so 126 ins Zeug gehen: »Natürlich muß ich mich ihrer ganz besonders annehmen. Läuft sie bei dir nicht Gefahr, unter deine Ferkel, Kälber und jungen Puten einrangiert zu werden?«

Er ward nicht müde, all dem winzig Werdenden an dem kleinen Wicht seine Andacht zu schenken. Oft saß er wie verzaubert da, die Blicke auf die Nägel der Fingerchen gebannt, die ihm ein Wunderwerk der Schöpfung erschienen. Mit heiliger Scheu strich er leise über die kleinkleinen Hände – Augenblicke der Ekstase entflammen ihn zu der furchtbaren Entschlossenheit, sie, die halbflüggen, warmzuckenden Vögelchen, auf Tod und Leben zwischen seine Pranken zu betten.

Kein Wunder, daß Vater und Tochter sich immer besser verstanden und Matilde in dem Hintergrund blieb, den sie lächelnd sich selbst gewählt hatte.

Manchmal schalt sie: »Du kleiner Schlingel, such' die Nahrung doch bei deinem geliebten Vater. Glaubst du, daß ich nur deine Flasche bin!« Ihr Selbstgefühl sorgte schon für den nötigen Halt. Sie wußte, daß sie vor dem Vater nicht nur die Milch voraushatte. Noch ein anderes Machtmittel war ihr gegeben.

Sie hatte selbst, in der Zeit der Hoffnung, von Wiegenliedern gesprochen. Jetzt sang sie dem kleinen Wesen zum erstenmal. Sang mit der ganzen werbenden Zartheit ihrer Liebe. Und was geschah? 127 Ihre Blicke versenkten sich in die Kinderaugen. Sie hoffte, eine beglückte Verwunderung würde auftauchen, ein lächelndes Sicheinfühlen müßte es werden in eine beflügelte Freude. Aber sie fand ein angstvoll Großes, eine starrende Abwehr, eine verstörte Frage, ein gequältes Nachsinnen. Etwas unglaublich Altes bekam das Gesicht, etwas Bekümmertes, Zersorgtes und Unwirsches – ja etwas Schicksalhaftes geradezu, daß Matilde zusammenfuhr.

Ich bin ja nicht gescheit! so rüttelte sie sich dann selber. Die Überraschung hat mich aus Rand und Band gebracht. Und warum soll es nicht Ohren geben, die mit meinem Gesinge sich nicht befreunden! Hat man nicht überhaupt viel zu viel Wesens von meiner Stimme gemacht? Ganz gut ist es meiner Selbstherrlichkeit, daß sie was auf die Mütze kriegt.

Aber mein Kind – daß mein eigen Fleisch und Blut von meinem Gesang nichts wissen will! Und wie hab' ich alle Anstalten gemacht, mich bei ihm einzuschmeicheln!

* * *

Und öfter noch hatte sie den Kopf zu schütteln, da das Kind, je mehr es herauswuchs, ganz langsam immer weiter von ihr abrückte. Sie war zu ehrlich, um sich das nicht rückhaltlos vor Augen zu stellen. Es beschäftigte sie unausgesetzt, doch ohne daß sie es eigentlich drückte oder sie darunter 128 litt. Beinahe, daß sie zu einer lächelnd stillen Beobachtung dieses immerhin seltenen Naturspieles gedieh.

Als sie Hilmar erzählte, daß seine Tochter ihrem Gesange keinerlei Wohlwollen entgegenbrächte, stieß sie kaum auf eine Befremdung. Vielmehr glaubte sie eine Art Erleichterung in seinen Mienen zu finden, darob, daß eine gefährliche Waffe im Wettbewerb um des Kindes Liebe ihren Händen entglitten war. Auch dafür hatte sie ihr leises Lächeln. Bist du so angstvoll eifersüchtig? Dann mußt du es wohl nötig haben, mein lieber Junge du. Und ihre überlegene Mütterlichkeit nahm zugleich ihn in die Arme, als ihren Großen und darum nicht weniger oder erst recht bedürftig.

Aber ihre große Jugend wurde doch auch wieder ratlos und sah sich nach Hilfe um. Mit Vater Rochus konnte sie über Hilmar und das Kind nicht sprechen. Als sie einmal zu ihm eine Bemerkung über Hilmars väterliche Mütterlichkeit machte, die doch eine Unnatur sei, da schüttelte er sein Haupt. Und seine Weisheit, so kühl wie sein Aquarium, erklärte ihr: »Unnatürlich, mein liebes Kind – weißt du, daß bei den Seepferdchen das Männchen eine Bruttasche besitzt, in die das Weibchen den Laich einpackt. Sie kümmert sich dann nicht weiter um die Jungen. Die Brutpflege besorgt er. Und von so kinderlieben Männchen erzählt die Naturgeschichte uns mancherlei. Da ist weiter die Geburtshelferkröte, alytes obsetricans –« 129

Hiermit war ihr nicht sehr geholfen. Hiermit war nur gewonnen, daß sie in Stunden liebezorniger Zauserei ihren Mann »mein Seepferdchen« nannte – die Geburtskröte blieb ihm erspart.

Ohm Ekbert hinwiederum schlug junggesellenhaft um die Natur der Vater- und Muttergefühle einen weiten Bogen. Dafür vertiefte er sich inniger in Hilmars Gemütsart. »Sieh mal, der Junge hat in diesem seinem Ebenbild seinen ersten wirklichen Erfolg. Und – hat etwas vor dir voraus. Im übrigen hapert es doch erheblich bei ihm. Mit der Professur. Und auch mit seiner großen Arbeit. Neuerdings scheint es ja, als ob er nun endgültig von ihr abrückt – als ob es eine Gotendämmerung bei ihm gegeben hat.«

»Davon weiß ich nichts. Warum spricht er nicht mit mir darüber. Bin ich nicht die Nächste dazu?« Ihre Stirn krauste sich. »Dann muß ich mir doch selber holen, was mir gehört.« Und sie ging zu Hilmar.

Er war in seinem Arbeitszimmer und saß über seinen Manuskripten. Sie beugte sich zu ihm. »Ich hatte Sehnsucht, bei dir zu sitzen und mit dir zu sprechen.« Das war keine Entschuldigung, es war ein Liebesbekenntnis. Und seine Arme dankten es ihr.

»Ich war eben mit dem Ohm zusammen,« sagte sie. »Der weiß von deiner Gotenarbeit mehr als ich. Das hat mich betrübt und geärgert!«

»Ja, mein Liebling – als ich dir das 130 letztemal meine Schwierigkeiten aufdecken wollte, da erzähltest du mir plötzlich, offenbar um mich zu trösten, von deinem eigenen Kummer: daß deine Berkshire-Zuchtsau nun schon zum zweitenmal verworfen habe. Ich hab' dann in der Tat deinen Schmerz geteilt und meinen vergessen –«

Sie gab ihm einen Rippenstoß. »Nun laß mal deine frivole Rachsucht – die natürlich entstellt – und mach' mir die Besserung nicht so schwer!«

Er küßte sie. Leise machte sie sich los. »Jetzt erzähl' mir, ohne mich weiter zu beschämen, was du vorhast.«

»Also – die Gotensache ist nun endlich ad acta gelegt. Und was anderes hab' ich. Was Bedeutsames.« Freudig spielte seine geistige Muskulatur. »Du weißt, daß die Gräberfunde bisher eigentlich nur Männergeschichte gemacht haben. Über Frauen und Kinder haben sie sich so ziemlich ausgeschwiegen – weil die Forschung sie bisher nicht recht zum Sprechen brachte. ›Weib und Kind in der Vorzeit‹ – was sagst du? Ein Gatte und Vater schreibt dieses Buch.«

Lebhafter Widerhall bei Matilde. »Ja, das ist eine Aufgabe! Was anderes als diese Nachspürerei nach den verwehten gotischen Fußspuren – eine Art Polizeihundbeschäftigung und weiter nichts. Ich freu' mich, Hilmar! Das wird dir gelingen! Ein Großes und Bahnbrechendes!«

Nun war ihm die Arbeit ganz ans Herz gewachsen, und seine volle Kraft strömte ihr zu. 131 Jeder schuf strahlend an seinem Tagewerk, und es war ihnen, als schüfen sie gemeinsam.

Plötzlich aber fiel in ihre schöne Einhelligkeit ein schwerer Schatten. Das Kind fing an zu kränkeln.

Eines Nachmittags war es gewesen. Matilde kam von ihrem Gesangsunterricht. Sie hatte eine Stunde ausfallen lassen, dafür war Manuel heute besonders strenge, sie machte es ihm nicht zu Dank. Darüber vergaß sie die Zeit. Nun mußte sie spornstreichs nach Hause eilen, sie hatte sich verspätet, das Kind wartete schon.

Als sie ihm die Brust gab, war sie noch erhitzt von dem Lauf. In ihrem Blut fieberten noch die letzten Töne.

Da geschah es – zum erstenmal – daß das Kind nach kurzem Saugen die Milch nicht weiter nehmen wollte. Es wand den Kopf hin und her und wimmerte leise. Matilde legte es hin, es beruhigte sich und schlief ein. Das Mädchen blieb bei ihm.

Bald aber rief sein lautes Schreien die Eltern ins Zimmer, erst Hilmar, dann Matilde. Sie fanden das Kleine in Krämpfen sich windend.

Der Vater war außer sich. Er wollte an den Fernsprecher, den Landarzt zu rufen. Dann mochte er keinen Augenblick von dem leidenden kleinen Wesen sich trennen, als könnte seine Entfernung dem Kinde den Schutz entziehen. So besorgte Matilde wesentlich ruhiger die Bestellung.

Der brave alte Arzt kam gleich. Er untersuchte, 132 brummte ein paarmal, was bei ihm auf Zufriedenheit deutete, räusperte sich dann, worin nun wieder gewisse Bedenken lagen und erklärte: »Ein Magendarmkatarrh.«

»Um Himmels willen!« rief Hilmar. »Daran sterben ja die meisten Säuglinge!«

Der alte Herr schmunzelte und renkte die Statistik ein. »Die meisten Säuglinge bleiben Gott sei Dank am Leben. Und nun bitte keine Unruhe. Und nicht im Konversationslexikon nachsehen.«

Er gab seine Verordnungen und die Fingerzeige für sachliche Beobachtung, wobei er sich überwiegend an Matilde richtete.

Es wurde besser mit dem Kind. Die Eltern atmeten auf. Dann aber trat plötzlich ein Rückschlag ein. Hilmar rief telegraphisch den Ordinarius für Kinderheilkunde aus der Universitätsstadt herbei.

Der Professor, noch jung, schnell in seiner Art, ein wenig überhastet in gehäufter Arbeit, fand nichts unmittelbar Bedrohliches, billigte das Verordnete – »das Kind ist bei dem Kollegen hier in den besten Händen« – und fuhr wieder ab, mit dem ärgerlichen Eindruck bei sich und für die andern, daß sein Kommen nicht nötig gewesen sei.

Es wurde aber nicht besser mit dem Kinde. Schwächer wurde es, nahm keine Nahrung mehr an und verfiel.

In einer Nacht, da Hilmar bei ihm saß, der 133 von dem kleinen Bett nicht fortzubringen war, schloß es die Augen für immer.

Matilde hatte sich kurz vorher zur Ruhe gelegt. Hilmar holte sie nicht. Er wachte allein bei dem erloschenen kleinen Geschöpf, bis der Morgen graute.

* * *

In Hilmar war etwas zerbrochen. Und dann, wie er das Bedürfnis fühlte, sich geistig Rechenschaft zu geben, warf er sich mit einem Fanatismus, in dem er kümmerlichen Trost fand, gegen das Dogma armseliger Abstraktler: das Vatergefühl sei etwas Sekundäres, erst aus der Überlegung Geborenes, ursprünglich sei nur das Muttergefühl. Wer nicht die Stimme des Blutes vernimmt – diese Empfindungskrüppel sind zu beklagen, aber nicht berufen, Offenbarungen zu predigen.

So wollte er nur von seinem Gefühle wissen. Wie sehr das Kind eine Art Machtfaktor für ihn gewesen war, die Beglaubigung seiner Eigenheit, das lebendige Zeugnis seiner selbstischen Kraft, die Fortpflanzung und Verewigung seiner Wesensart – solche Reflexion duldete er nicht in seinem Bewußtsein. Der Verstand, so sehr er auch recht hatte, wurde als eigensüchtig abgewiesen, nur das Herz, das hingegebene, durfte trauern.

Von Matilde, die in ihrem Schmerz aufrechter und in dessen Äußerungen karger sich hielt, hätte 134 er gern mehr Worte der Klage gehört. Es gab Stunden, wo er ihre Schweigsamkeit als Gefühlskälte nahm und sich schlechthin gegen sie erbitterte.

Dann wieder kam die Reue über ihn, daß er so sein Liebstes sich verleiden konnte, und er überströmte sie mit Zärtlichkeiten. So daß seine Trauer um das erloschene Licht in ein Mitgefühl mit ihr, der Mutter, sich wandelte, der dieses Licht nie so recht geleuchtet habe. Der von dem jungen Leben, das sie geboren, sogar Ablehnung und Kränkung zuteil geworden sei. Eine Abweisung, unbegreiflich und um so schreckhafter und schmerzvoller. Erst jetzt ermaß er, was dieses Widerstreben für Matilde hatte bedeuten müssen. Und seine ganze Innigkeit war bei ihr.

Und jetzt erst ging er diesem Erlebnis nach. Ihrer Stimme, in deren Klangwelt alle Zauber und Märchen Himmels und der Erde walteten, verschloß sich des Kindes Ohr und Seele. Ja, es widerstrebte den Tönen.

Darin war ein Geheimnisvolles, das er zu ergründen sich mühte. Undenkbar, daß die Schönheit nicht auf das feine Empfinden des Kindes gewirkt haben sollte. Und es hätte von ihr bezwungen werden müssen, wenn hier nicht in der Tiefe eine Macht gewirkt hätte, ein Ahnen, eine Scheu, eine Angst –

Ja, ja, eine Angst! Die Furcht, daß ihm von der Stimme eine Gefahr drohe – daß es die Liebe der Mutter mit ihrer Kunst werde teilen müssen. 135

In dem Kinde, das ihm so ähnlich war – fand er hier die Spur seines eigenen Empfindens? Konnte nicht auch in ihm eine Eifersucht auf ihren Gesang sich regen?

Und wieder ging er zerknirscht in sich. ›Entferne ich mich nicht so von ihr? Und füge ich ihr nicht Unrecht zu mit solchem Neid! Mit dem Neid auf das, was mir doch selbst gehört! Was mein eigen ist, mit ihr und in ihr! Nur daß ich es erwerben muß, um es zu besitzen! Nur daß ich es nicht selbst aus der Hand geben darf durch schlechthin feindliche Regungen! Daß ich es halten und hegen muß mit allen Kräften des Herzens!‹

Seine Liebe, seine Verehrung, seine Andacht für ihre Stimme verzückte sich zu mystischer Höhe.

Eines Abends, da jetzt schon mit der Dämmerung früher und früher die Stunde der Versunkenheit begann, kam er dazu, wie sie am offenen Fenster saß, den Kopf von beiden Händen gehalten, und sich hineintrug in die violett gedämpfte Glut des Westhimmels. Sich hineinhob in die Wolkenwelt, die hier ein dunkler Zug des Todes war, dort ein lichtes Schweben seliger Geister. Um ihr helles Haar hatte der Dämmerschatten wie ein Trauerflor sich gelegt. Und er hörte, wie sie leise vor sich hinsummte. Nur Töne waren es, kein hart- und festgeformtes Wort zerriß und durchbrach den klingenden Hauch. Eine unsägliche Schwermut huschte auf dunkelleisen Fittichen in das erlösende Abendrot. Als sie sein Nahen spürte, 136 hielt sie inne, machte eine kurze Wendung, preßte schnell die Handrücken gegen die Augen und drehte sich dann erst nach ihm um. Da fühlte er, sie war der Seele ihres Kindes nachgeschwebt.

Und er begriff, welche Verlassenheit in ihr klagte – in dem Mutterherzen, das er doch wohl nie verstanden hatte, über seine eigenen, aufgesteiften Gefühle besonderer Zusammengehörigkeit mit dem Kinde. Hatte er nicht immer getan, als wäre der Schmerz um das entflohene Leben sein ausschließliches Eigentum?

Er setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand und blieb bei ihr. Ein und derselbe Blutlauf ging durch sie beide. In dieselbe Ferne wandelten ihre Blicke. In eine und dieselbe stille Andacht waren sie versunken, die ihnen beiden zugleich gehörte und mit dem gleichen Glück sie beschenkte. Es leuchtete durch ihn hin, daß es eine Insel für sie beide gab, auf der sie immer wieder sich zusammenfinden mußten, wie oft auch des Tagwerks und seiner Pflichten Mannigfaltigkeit sie in verschiedene Richtung zog. Und Ruhe senkte sich über seine Sinne.

* * *

Hilmar schuf an seiner neuen Arbeit, unbehelligt durch den Gedanken, daß Matilde nicht auf jede seiner Ideen mit pochendem Herzen wartete oder bei jeder Inspiration jubelnd Gevatter stand. Und 137 wiederum ihr und ihrer Kunst gab er, nicht mehr gefesselt von so hartem Selbstwillen, die Freiheit des Eigenen.

Mehr als einmal ging er so weit aus sich heraus, daß er mit Manuel, dem Beargwöhnten, dem Wesensfremden und Feindlichen, dem Gehaßten, ja dem Gehaßten Fühlung suchen wollte. Manuel Löteisen, ihrer Stimme der Hüter und vertrauteste Freund. Ein Kundiger und ein Künder. Der mehr von ihr wußte und zu sagen hatte als jeder andere. Der über das Wachstum, die Entfaltung, das Aufblühen dieser Pracht gewacht hatte mit den feinsten Kräften seiner Seele und mit der freudigen Liebe des Kenners.

War es nicht schlechthin unnatürlich, ihn zu meiden, war es nicht Torheit und Frevel – was im Grunde dasselbe ist – ihm zu widerstreben, gegen ihn sich zu erbosen? Statt Hand in Hand mit ihm zu gehen, sie beide begnadet mit der Offenbarung und berufen, die Heilsgüter zu verwalten und zu verwahren?

Einmal begleitete er Matilde auf ihrem Weg zum Kantorhaus. »Es geht doch nicht länger an, daß einer von uns bei dem andern abseits steht! Daß der eine Freunde hat, die dem anderen fremd sind. Und nun gar, daß deine Stimme von jemandem betreut wird, gegen den ich mich feindlich verhalte. Ich möchte einmal bei deinem Gesangsunterricht dabei sein.«

Sie wußte, daß Manuel seine Anwesenheit nicht 138 ertragen würde. Aber daß er dies immer gemiedene Haus endlich einmal betrat, war nach ihrem eigenen Sinn und sie sagte. »Ja, komm mit!«

Es ging auf den Abend zu. Sie hatten gegen einen heftigen Nordwest anzukämpfen. Am Westhimmel stand eine schwarze Wolkenburg. Durch die Fugen des Gemäuers schielte gelb und giftig die Sonne. Hinter ihm lauerte der Sturm.

Als sie in den Vorgarten des Kantorhauses traten, flog Hilmar der Hut vom Kopf. Er lief ihm nach. »Der Wind will es nicht!« rief er, wie ein Junge. Es war ihm ein willkommenes Zeichen. »Ich geh' lieber an die See!« Und so winkten sie sich Lebewohl. Er stieg die Dünenhöhe hinan. Die Wolkenburg war ein Berg geworden, ein Vulkan. Rotes Feuer spie er, nach oben, nach rechts, nach links. Immer mehr Krater taten sich auf.

Böen stürzten sich über die See, das Wasser kochte in Wirbeln und Trichtern und sprang dann auf, brüllend, gequält, in zackige Wellen zerrissen.

Hilmar blickte übers Meer. Er war kein Seefahrer, aber soviel verstand er doch von Navigation, um zu erkennen, daß die Segeljacht da draußen, die jetzt hinter das Vorgebirge in den Windschutz wollte, ein höchst gewagtes Spiel trieb. Allerdings, da sie nicht rechtzeitig an Land gegangen war, blieb ihr kaum etwas anderes übrig.

Sie lief frech genug auf Tod und Teufel mit dem Vollzeug auf den Spieren. In der Schnelligkeit suchte sie das Heil. 139

Man sieht, daß eine Hand am Rohr ist, die ihre Sache versteht. Ob der Mann aber das Fahrwasser kennt? Da draußen die Sandbank – hier hat er sie noch dwars – aber bei dem Kurse – wenn er jetzt nicht mehr See hält, kommt er auf Legerwall.

Unwillkürlich reckt Hilmar den Arm, ihm ein Zeichen zu geben. Und er schreit in den Sturm. Aber er wird nicht gesehen, so wenig wie gehört – das Boot läuft seinen Kurs und rennt in sein Verderben.

Hilmar krümmt sich und stöhnt auf. Jetzt – er muß schlucken an dem Grauen – gestrandet – der Mast bricht leewärts über Bord – die Wellenmeute ist über dem hilflosen Leib des Fahrzeugs, würgt ihn ab und zerbricht ihm die Knochen.

Und die Menschen – der Tod sitzt ihnen an der Kehle.

Hilmar rennt am Strand entlang. Dahinten bringen Fischer ihren Kutter ins Wasser. Natürlich hat man das Boot da draußen längst gesehen und beobachtet. Die lange, gebückte Gestalt – ist das nicht der Fischkieper Soltmann? Und neben ihm – das weiße Haar – der Vater selbst, der Lotsenkommandeur –

Hier hinter einem Vorsprung kann die Brandung nicht so rasen. Sie kriegen das Fahrzeug klar. Eben als Hilmar herankeucht. »Nimm mich mit!«

»Kein Platz mehr, mein Jung'!« sagt der alte Herr. »Hol' noch Leute. Und Trossen und Leinen!« 140

Sie fahren. Ein bitterböses Werk. Aber der Himmel ist ihnen gut. Der Wind springt um. Geht nach Süden. Drückt die Wut der Wellen ab. Das Rettungsboot kann Segel setzen. Und nun gibt es glatte Arbeit. Die Meisterhand des Kommandeurs waltet wie in alten Tagen. Die Schiffbrüchigen sind geborgen, der Eigener des gestrandeten Fahrzeugs und ein Junge.

Geredet wird nicht viel. Der gerettete Bootsherr hat das gemeißelte Doggengesicht unverwandt auf sein verunglücktes Fahrzeug gerichtet. In den großen dunklen runden Augen ist schmerzliche Zärtlichkeit.

Nun sind sie an Land. »Darf ich Sie bitten, mit mir zu kommen,« sagt Rochus. »Trockenes auf den Leib und Warmes in den Leib.«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, des Jungen sich anzunehmen. Mir macht das nicht allzuviel. Und ich muß erst mein Boot da heraus haben. Jetzt bei dem Wind – bald werden wir gar keinen mehr haben – kriegen wir es da herunter. Würden Sie mir freundlichst ein paar Leute verschaffen?« –

Das alles gefiel Rochus Menander. Der Fischkieper besorgte die Mannschaft für zwei Boote, die den gestrandeten Segler abschleppen sollten. Er selbst nahm den Jungen mit sich in die Fischmeisterei. »Ich darf Sie dann auch recht bald bei mir erwarten!« Damit verabschiedete er sich.

Immer mehr Leute fanden sich ein. Und jetzt kam auch Matilde, die den Heimweg über die 141 Dünen genommen hatte. Hilmar ging ihr entgegen.

Sie sah den Fremden, der da vorn am Strande stand, der den letzten Vorbereitungen für die Bergungsarbeit zuschaute und meist die Blicke auf sein niedergebrochenes Fahrzeug da draußen legte.

Aufrecht stand er und unbeweglich. Er war in schwarzem Ölzeug, über das der letzte Abendsonnenschein hinstürzte. Wie ein eisernes Standbild, so ging es ihr durch den Sinn. Und das Bild prägte sich seltsam ihr ein, sie hätte nicht sagen können warum.

* * *

Klaus Ohlendiek, mit trockenen, warmen Kleidern angetan, saß bei Rochus in der Fischmeisterei.

»Es gibt keine Entschuldigung,« sagte er, auf der eckigen Stirn zuckte es und der Unterkiefer schob sich unwirsch vor, »ich wußte natürlich von dem Riff – allerdings wollt' ich einen anderen Weg nehmen – eh' der Sturm mich zur Notlandung zwang – aber ich durfte mich eben über die Entfernung nicht täuschen! Wem sowas passiert –«

»Mein Verehrtester – das ist schon Leuten passiert, die älter und seebefahrener sind als Sie und ich. Soviel ich herausgehört habe, sind Sie nicht Seemann von Beruf –«

»Nein. Ich bin Musikant. Kapellmeister. 142 Stamme aber aus alter Seemannsfamilie. Und bin von früh an auf dem Wasser gewesen –«

»Wie das immer so geht, hab' ich Ihren Namen überhört –«

»Ohlendiek.«

»Mit einem Lorenz Ohlendiek bin ich einmal gefahren. Er war erster, ich zweiter Steuermann.«

»Das kann mein Vater gewesen sein. Er hieß Lorenz.«

Rochus betrachtete prüfend seinen Gast. »Selbstverständlich ist er es gewesen. Er sah aus wie Sie. Er lebt doch noch?«

»Nein, er ist tot.«

»Er war mir so weit über in der Navigation – mein Neid hatte schuld, daß wir uns nicht näherkamen. So hab' ich eigentlich ein schlechtes Gewissen gegen ihn.«

Klaus Ohlendiek nahm die Hand des Sprechenden und drückte sie fest. Seine schweren Augen leuchteten auf. »Ohne Sie wär' ich jetzt da, wo mein Vater ist.« Rochus wehrte ab.

Besuch kam, Matilde und Hilmar. Sie wollte nach ihrem Vater sich umsehen, wie er die Anstrengung überstanden habe. Nun saßen sie zu vieren.

Hilmars Lebhaftigkeit führte das Wort. Regsam liebenswürdig fragte er nach dem gescheiterten Boot. Ein dankbarer Blick löste sich aus den dunklen Augenkugeln. Ohlendiek sprach ungelenk und ungern. Solche Teilnahme machte ihn mitteilsam. 143

Er war gewonnen von Hilmars Art. Die besondere Anziehungskraft offener, freundlicher, beweglicher und wohlgestalteter Menschen für die Verschlossenen, Herben und Unschönen kam hinzu. So sprach Ohlendiek, über sich selbst hinaus, von seinem alten Boot, das sein Freund sei, das eine Seele habe, das ein Kunstwerk sei und ein Instrument, auf dem man Kunst üben könne, auch sie eine Art Musik –

Es sei glücklicherweise nicht allzu schwer beschädigt. Morgen wollte er es nach Seedorf in die Bootswerft schaffen und dort wieder herstellen lassen.

Hilmar spürte, daß er für den Gast auf den ersten Blick etwas geworden war, und das steigerte seine eigene Empfindung für ihn. Und als die Rede darauf kam, daß Ohlendiek hierbleiben wolle – er habe eine Woche Urlaub – bis die Ausbesserung vollzogen sei, um das Boot dann selbst heimzuführen, da bat Hilmar ihn: »Wollen Sie uns nicht die Freude machen, Herr Kapellmeister, bei uns im Turmhaus zu wohnen?«

Als er das Wort Kapellmeister aussprach, ging es ihm auf, daß er dem Geladenen ein erlesenes Gastgeschenk zu bieten hatte: die Stimme seiner Frau.

Matilde sah in seinen Augen von der Betriebsamkeit seines Ehrgeizes etwas flackern. Es schlich ein Unbehagen über sie her, sie wußte nicht, was 144 er im Sinn hatte, aber wie ein schrilles Warnungssignal durchschauerte es sie plötzlich und ihr Auge verdunkelte sich.

Sie fühlte einen fragenden Blick des Kapellmeisters, fühlte seine Augen leiblich über ihre Gesichtshaut hinstreichen, daß es ihr unheimlich ward. Aber sie schüttelte sich auf, es ward ihr klar, daß auch sie ein Wort an ihn zu richten hätte.

Er hatte schon seine Antwort auf die Einladung: »Sehr liebenswürdig, Herr Doktor. Aber ich muß in Seedorf sein. Die Arbeiten überwachen. Auch selbst mit Hand anlegen. Daß es fixer geht. Ich bin selbst so ein bißchen Schiffszimmermann.«

Jetzt wandte sich Matilde zu ihm. »In Seedorf werden Sie schwer unterkommen –«

»Oh – irgendein Gelaß wird sich doch finden.«

»Und Sie haben von hier ja nur die halbe Stunde Wegs.«

Da blickte er ihr voll ins Gesicht und nahm die Einladung dankend an. So kam der Kapellmeister Klaus Ohlendiek ins Königsche Turmhaus.

Er arbeitete vom frühen Morgen auf der Bootswerft. Jeder ging unbekümmert um den anderen seinem Tagwerk nach. Am Abend saßen sie dann zu dreien oder zu vieren mit dem Ohm.

Klaus sprach nur kurz und spröde von sich selber. Soviel hatten sie erfahren, daß er in der großen Hansastadt zweiter Kapellmeister an der Oper war, daß er sich freute, vom Kulissenstaub hier in der See- und Landluft sich zu reinigen und die Nerven 145 von dem Vibrieren des Tonlebens in dem tiefatmenden Gleichmut körperlichen Tuns sich breit und gemächlich ausschwingen zu lassen.

»Dann dürfen wir Sie wohl nicht an den Flügel bitten?« sagte Matilde.

»Ich bin gar nicht groß auf dem Klavier. Außerdem sitzt mir die Zimmermannsarbeit in den Gelenken. Aber wenn Sie wünschen –«

»Natürlich wünschen wir!« rief Hilmar. Matilde und der Ohm nickten lebhaft. Da setzte er sich an das Instrument.

»Soll es Beethoven sein?«

»Ja.« »Ja.«

Er spielte die C-Dur-Sonate. Hart erschien Matilde der Anfang. Es war, als wenn ein Unwille die Töne fast von sich stieß. Zu rauh und ungestüm, zu brüchig nahm er den Oktavenaufstieg des Allegros. Nun aber, wie er die Brust in die Höhe der Hymnus-Akkorde hob, war seine Seele befreit. Nun schwebte sie und leuchtete hinein in die Schatten und Tiefen des Adagios, in den versonnenen Schmerz, die vergrabene Schwermut, die Sammlung, die Fassung, die Bändigung der brauenden Gewalten der Tiefe, und löste sich wieder in dem Sichhinaufsehnen zum Sternenlicht, in dessen Herrlichkeit dann die jubelnde Erfüllung des Rondos sich emportrug.

Nicht virtuos war sein Spiel. Wäre es auch nicht gewesen, wenn nicht eben jetzt die harte 146 Werkarbeit seinen Fingern dieses Ungefüge auferlegt hätte. Denn in seinem Wesen war nun mal nichts Virtuoses.

Sein Spiel war groß. Beethoven sprach, die Seele des Giganten offenbarte sich. Man wandelte mit ihr über die Welt.

Oft genug machten es dem Spielenden seine Hände nicht zu Dank, ein paarmal hieb er grimmig seitwärts. Aber er hatte nichts von dieser unleidlichen Manier der Vortragskünstler, die die eigene Person vor die Sache tragen. Die beileibe nicht dem Verdacht sich aussetzen wollen, als blieben ihre eigenen Mißgriffe ihnen verborgen. Die dazu mit der vorderen und hinteren Visage ihre Fratzen schneiden, die stöhnen und knurren und fluchen. Er ließ getrost, gefaßt, unbeirrbar, priesterlich seinem Dienste ergeben, alle Fehler, Schlacken, Scharten, Schwächen in die große ganze Auswirkung des Werkes aufgehen.

Hilmar lief begeistert durch die Stube. Keuchte Worte verzückten Lobes – griff dankbar Ohlendieks Hand.

Dann flammte es in ihm auf. »Oh – wenn Sie meine Frau einmal begleiten möchten!«

»Ich lerne noch,« sagte sie hart. Das erschreckte, aufgestöberte und zornige Flackern in ihrem Auge konnte Klaus sich nicht deuten. Aber er fühlte, daß er sie nicht auffordern und sich ihr nicht anbieten durfte. 147

Auch Hilmar, durch ihren Ton getroffen, hielt sich jetzt zurück. Von ihrem Gesang war heut nicht mehr die Rede.

* * *

Als Matilde mit Hilmar allein war, löste er bei ihr die Gespanntheit, indem er zärtlich den Arm um sie legte und sie offen fragte: »War es dir nicht recht, daß ich von deinem Gesang zu ihm sprach?«

»Nein, Hilmar. Auch wenn er nicht der große Künstler wäre. Immer wieder – was brauchen fremde Menschen von meinem Singen zu wissen! Das doch nur für uns ist.«

»Liebling –«

»Du solltest doch wahrhaftig zufrieden sein, daß es dir allein gehört.« Ihre Augen drangen tief in ihn ein.

Er war bewegt von ihrem Blick, beschenkt, beseligt und stolz. Aber eben sein Stolz machte ihm jetzt zu schaffen, und er konnte der alten schmerzlichen Frage nicht wehren, die jetzt das Wort verlangte: »Gehört es mir wirklich allein? Bekomm' ich es nicht erst aus zweiter Hand? Nachdem Manuel Löteisen es genossen hat?« In den letzten Worten schwang nun schon wieder der alte Zorn.

»Was du ihm zeigst, warum kannst du es dem Kapellmeister nicht zeigen?« Er steifte sich fest. »Er doch der Berufene und Gegebene, einmal 148 nachzuprüfen, ob deine Stimme auch richtig behandelt wird. Deine Stimme – die doch ganz gewiß ein Kleinod ist.«

»Das redet ihr euch ein – hier in unserem Winkel! Jetzt, wo ich wieder einmal wirklich Kunst gehört habe, hab' ich für mich selber das richtige Maß.«

Erregt packte er ihre Hand. »Ich dulde es nicht, daß du dich selbst so herabsetzt! Ist deine Stimme – oh – ich behaupte schlechthin, er und alle Kapellmeister der Welt haben so etwas von – wie soll ich sagen – von beseeltem Klang noch nicht gehört! Und er muß sie hören!«

Sie schüttelte kurz den Kopf.

Nun sprach er ruhig in sie ein, wie in ein verstockt eigenwilliges Kind. »Es wäre ja einfach widersinnig! Dir müßte ja ihre Pflege nicht am Herzen liegen. Ich weiß doch, was sie dir ist. Und du weißt, was sie mir ist! Du wirst die Sache beschlafen! Und morgen ist ein neuer Tag.«

Sie sah ihn an ohne ein Wort, nicht mehr aufgestört, eher traurig, betäubt, versunken. Er nahm das als Nachgiebigkeit und Bekehrung und küßte sie dankbar.

Als sie allein war, klagte es erst in ihr auf. Dann aber schalt sie sich töricht. Torheit war ihr der Überschwang, zu denken und zu wünschen, daß er alles, was sie ihm darbrachte an Hab und Gut Leibes und der Seele, mit der heftigen Inbrunst paschahafter Besitzerhoheit für sich, für sich allein 149 fordern sollte! Wäre sie dann nicht die erste gewesen, die gegen solche Tyrannei sich aufgelehnt hätte? Und doch – solche Macht, solche Gewalt über sich und um sich zu fühlen – ein wohliges Sichhineinkauern hätte es werden können, ein inniges Geborgensein an breiter Brust –

Nun wurde es ihr fast, als würde sie herausgezerrt aus Hut und Schutz und Heimlichkeit – und dies bloß, weil der, dem sie ergeben war, mit ihr prunken wollte? – Prunken, ja, das ist es – –

Dann wieder sprühte ihr Stolz. Meldet sich hier nicht immer aufs neue ein altes Hörigkeitsgefühl der Frau? Schleppt sie ganz und gar mit weiblicher Rückständigkeit sich herum?

Wer hat über ihre Stimme zu befehlen! Wem gehört sie zu? Ihr, nur ihr, und ihr allein. Nur ihre Regungen, ihre Wünsche, ihre Entschlüsse gelten. Und wenn sie singen will, dann singt sie! Dem Kapellmeister Ohlendiek wollte sie nicht singen. Will sie es jetzt?

Nicht als ob sie Furcht hätte vor seiner Kritik. Sie weiß schon, sie kann was und ist wer. Aber wieder kam diese dunkle und dumpfe Empfindung in ihr auf –

Es war nicht der Mensch, der fremde Mann, es war auch nicht der Künstler, dem sie die Scheu hatte sich mitzuteilen. Der Kapellmeister war es, der Torwart der Öffentlichkeit. Ihre Blicke schweiften plötzlich in dieses neue Land, dessen Zauber und Tücken sie ahnte. Trug nicht Vater 150 Manuels Leben von ihnen seine Wundmale? In denen es immer noch zuckte, darinnen immer noch so etwas wie Sehnsucht brannte?

Hier war etwas, was hineindrohte in ihre eigene Phantasiewelt, wovor sie selbst sich verriegelte, angstvoll, denn immer hatte sie in Manuels verträumten Verzückungen das Aufschluchzen des zum Tode Getroffenen vernommen.

Nun, da Klaus Ohlendiek in ihre Bahn trat, ein Herr im Reich der Musik und der Bühne – wie sah man den Herrn ihm an auf den ersten Blick! – nun war es ihr, als klopfe die Öffentlichkeit selber an bei ihr. Und traf nicht Hilmar alle Anstalten, die Tür aufzutun? Er, den sie als Tempelhüter sich geträumt hatte in ihrem Überschwang – oder ihrer Enge?

Und jetzt flackerten die Zweifel in ihr herum. Wer was kann, der will auch was. Und Wille ist Flug! Wer den Flug scheut, der hat eben nicht den Willen. Und wer nicht will, nun, der kann eben nicht! Der Wille ist die Kraft.

Ihr Stolz schlug die Schwingen, ein Ehrgefühl wachte auf. Und gleich wieder flutete der Zorn durch sie hin, daß Hilmar preisgab, was ihm selbst zugedacht war. Und von seiner Art, über sie zu bestimmen, ward es ihr wund und weh.

Es kam der nächste Tag mit seiner Arbeit. Als Matilde den Gaul unter sich hatte und über die Felder ritt, da war alle Erdennot hinter ihr, sie atmete in jubelnder Sonnenweite. 151

Sie summte – schrie auf – jauchzte – und summte wieder. Wie gleichgültig war ihr aller Singsang auf der Welt – was kümmerte sie Ansatz, Atemholen, Tonhöhe, Klangfarbe! – Konzerte, Theater, du lieber Gott, daß es solche Lächerlichkeiten gab auf der Welt! – und ins komisch Wesenlose entschwanden ihr Manuel, der alte Opernsänger, so gut wie der junge Kapellmeister Klaus Ohlendiek, diese Musikmacher, so kümmerlich in ihrer Entbehrlichkeit fürs Leben.

Dann am Abend, sie saßen wieder beisammen, und wieder kam wie von selbst die Sprache auf Musik. Da sah sie an Hilmars Auge und Haltung, was er im Schilde führte. Und noch ehe er zum Sprung ansetzte, über sie zu verfügen und ihre »Sache« zu vertreten, als Vermittler und Makler, als Agent und Manager – sie ertrug es nicht, es würgte sie, frei reckte sie sich und sprang selber auf und erklärte, jetzt, wo der Entschluß in ihr fertig war, ganz ruhig und kühl: »Ich möchte Sie nun doch bitten, Herr Ohlendiek, sich einmal meine Stimme anzuhören.«

»Mit Freude, gnädige Frau. Was wollen Sie singen?«

Er setzte sich an den Flügel. Sie brachte ihren Schumann. Sie wählte »Die schöne Fremde« – »es rauschen die Wipfel und schauern.«

In ihrer Stimme war zu Anfang etwas Spitziges, ein Aggressives, die Auflehnung, der Eigenwille, der Trotz. Eine Zeitlang schien es, als 152 wolle die Stimme sich nicht finden. Dann aber war sie mit einem Male da, hingegeben an sich selbst und ward sie selber, und nun hauchte, leuchtete, glühte der volle, selige Blütenrausch.

Mehr als einmal hielt die Begleitung den Atem an.

Klaus Ohlendiek saß noch und blickte vor sich hin, auf die Tasten. Ein Wort wurde von ihm gefordert. Das wurde ihm nie leicht, und nie wurde es ihm schwerer als hier.

Dann hob er den Kopf und sah grimmig aus, weil er sprechen mußte, und gab unwirsch sein Urteil ab: »Eine von den wenigen Stimmen. Die nicht Musik machen. Die Musik sind.«

Jetzt wandte er, gequält, daß hier eine Rede hätte kommen müssen, sich zur Seite. Er meinte, es wäre ihm leichter geworden, die Stimme milde auszulächeln und tröstend zu begraben. Von einem Besonderen, das ihn gepackt hatte, mußte er nun doch noch Kunde geben: »Diese einzig schöne Altfärbung auch in den höchsten Lagen –«

Hilmar, stolz, strahlend, gehoben, zog ihn in eine Nische. Er wollte mehr hören. Wollte wissen, ob nicht an der Technik etwas auszusetzen wäre, ob sie den richtigen Lehrer hätte und so weiter.

Da sagte Ohlendiek: »Das ist alles in Ordnung. Der Kantor versteht seine Sache. Ein alter Bühnensänger, höre ich. Ich will ihn einmal besuchen.« 153

Die Musik blieb für heute abend abgetan. Von Klaus Ohlendiek hatte eine berufliche Last sich gelöst, er wurde beinahe gesprächig. Erzählte, welche Schwierigkeiten er habe, seinen sportlichen Neigungen sich hinzugeben. Aber daß er den rohen Körperkult brauche, als Stahlbad, gegen die Musik und all die Verweichlichung, Verzärtelung, Verfeinerung der Fibern, und wieder für die Musik, in die so ein Frisches und Blutkräftiges einströme. Er sei auch Boxer und Ringer.

»Um des Himmels willen!« rief Hilmar. Und auch Ohm Ekbert schüttelte beträchtlich den Kopf. »Die Zartheit der Hände – die das empfindlichste aller Instrumente, das Orchester, zu spielen haben« – meinte der Oberst – »wie findet die sich ab mit solchem Knochenwerk. Haben Sie nicht manchmal ein verpauktes Handgelenk?«

»Hab' ich. Und mein Direktor knurrt nicht schlecht. Ich komme ihm dann mit geistigen Notwendigkeiten. Darauf knurrt er noch mehr. Aber er läßt mich gewähren.«

Matilde forschte in seinen Augen. Das Schwere, Tiefe und Dunkle in ihnen stimmte sich nicht auf den unbekümmerten Ton seiner Rede. Ihr Frauensinn spürte dem Schicksalhaften in ihm nach, und sie fühlte, daß sein Leben Trauer trug.

* * *

154 Klaus ging zum Kantor Löteisen. Manuel hatte von seiner Strandung und seinem Aufenthalt im Turmhaus erfahren – nicht durch Matilde, die seitdem noch nicht wieder zum Unterricht gekommen war. So erklärte sich, daß der Alte in schmerzlicher Versteinerung ihn empfing.

Ohlendiek war nicht anspruchsvoll. Er hatte genug mit Sonderlingen zu tun gehabt, war selbst ein Stück davon, und das Leben hatte ihn weidlich hart geschmiedet. Aber vor dem Unerklärlichen der kalten Feindseligkeit, die ihn anstarrte, stutzte er nun doch zurück.

Gleichwohl, aus dem Text bringen ließ er sich nicht, und was er auf dem Herzen hatte, richtete er aus.

»Ich habe gestern Frau König singen hören. Sie sind ihr Lehrer. Sie wollte ich kennenlernen.«

Manuel machte eine brüchige Verbeugung. Ähnlich waren sich diese beiden Musikmeister, an Wortkargheit und stockender Rede.

Ein abgehacktes, zünftlerisches Gespräch kam zustande. Klaus dachte nicht daran, Wasser aus dem Felsen zu schlagen. Er fühlte sich auch nicht befugt, hier Rätsel zu lösen, sich nicht gedrängt, Unverständliches zu ergründen. So wollte er gehen, wie er gekommen war.

Er reichte Manuel die Hand zum Abschied. Da packte der plötzlich sein Gelenk wie aus dem Hinterhalt, es brausten die Augen, und jetzt schlugen Flammen aus dem Stein. 155

»Sie wollen diese Stimme entführen,« röchelte er hervor. »Sie wollen sie an die Öffentlichkeit bringen. Das ist ihr Verderb. Und ich habe auch ein Recht an ihr. Und ich ertrag' es nicht –«

Die gurgelnden Worte brachen ab. Und wieder ein anderer wurde er auf einen Schlag. Wie aus einer Höhe abgestürzt, betäubt, zerschlagen, lehnte er sich an den Türpfosten. Was er jetzt sprach, humpelte wie auf Krücken und verleugnete alle Leidenschaft des eben Geschehenen. Ein paar graue Förmlichkeiten und matte Lügen.

»Sie treffen es heute so schlecht hier. Ich bin nicht ganz wohl. Meine Frau ist nicht zu Hause. Wenn Sie einmal wiederkommen möchten . . . Ich hörte auch gern – von der neuen Musik –«

Klaus Ohlendiek verabschiedete sich. Hier waren Lebenstrümmer. Andacht erfüllte ihn. Und dies Gefühl beherrschte ihn wieder, als er zu Hilmar von dem Besuche sprach.

Es war in der Morgenfrühe. Die Männer gingen miteinander jeder zu seiner Arbeit. Klaus wollte nach Seedorf, sein Boot sollte heute fertig werden. Hilmar hatte auf seinem Urnenfeld zu tun. Er mußte von seinen Forschungen erzählen, Klaus tat gern einen Blick in diese ihm neue Welt.

Dann kam die Rede auf das Leben an diesem Gestade, auf das herbstliche Nebelheim, auf die winterliche Verlassenheit. Und nun wurde Manuels Geist beschworen.

Ohne eine Ahnung, was er damit anrichtete, 156 sagte Klaus hingegeben: »Wie ein Heiligtum hütet dieser Mann die Stimme Ihrer Frau. Und wie ein Glück.«

Da brodelte es in Hilmar auf: »Ja, ja, ja – er hat immer Eigentumsrechte an der Stimme für sich beansprucht! Ich will jetzt endlich damit aufräumen. Wie ein Wink des Himmels ist es, daß Sie zu uns gekommen sind.«

Klaus Ohlendiek blickte groß und schwer auf seine Erregung. Hier war ein Gegensatz, ein Kampf, in den er selber eingreifen sollte. Seine Gedanken waren bei dem verbluteten Künstlerherz, in dessen letzten Tropfen es glutete von der unsäglichen Leidenschaft eines letzten Glückes.

Das fühlte und wußte Klaus Ohlendiek, aus gleichgestimmter Künstlerseele, und er trat ein für den Genossen. »Ein Recht an der Stimme hat der Kantor auch,« sagte er fest. »Wenn Sie sich klarmachen, was es mit so einer Singstimme auf sich hat. Nichts Empfindlicheres auf der Welt. Nichts, was mit diesen feinsten Verästelungen der Individualität so viel seelisches und zugleich technisches Verständnis fordert. Wie hat hier der Lehrer, der Freund gehegt, gewaltet, gezogen, geschaffen. Ja geschaffen, mit liebender Schöpferkraft. Und was ist durch ihn aus der Stimme geworden! Sie hat jetzt ihre Lebensmacht und ihre gesunden, starken Schwingen. Ich mache mich anheischig, Ihre Frau heute, so wie sie ist, auf die Bühne zu stellen –« 157

Stoßend in seiner Art sprach Klaus Ohlendiek dies alles. Es ging ihm nicht bloß um das Herz des angefochtenen Kollegen. Auch von dem Zauber der Stimme wurde der Widerhall mächtig in ihm.

»Ihr Urteil in Ehren! Aber das eigentlich Schöpferische ist doch in der Stimme selbst. Und wo sie jetzt so vor Ihnen bestanden hat, muß ich selber mich mehr als je auf meine Pflichten gegen sie besinnen.«

›Hab' ich da etwas angerichtet?‹ fragte sich Klaus. Es lag ihm ganz und gar nicht und hier nicht mehr wie anderswo, etwa Schicksal zu spielen. Auch war Entdeckertum nicht eben sein Begehr.

Er war nur heute noch hier. An sein Boot wurde die letzte Hand gelegt. Morgen vor Tau und Tag ging es heim.

Die kurzen Abendstunden, die sie noch beisammenblieben, steuerte er geflissentlich um die Musik herum. Immerhin, eine Freundschaft war geschlossen, die ein Wiedersehen wollte und suchte.

In der Nacht noch ging er nach Seedorf. Vor Sonnenaufgang fuhr er. Ein frischer West warf jauchzend dem Morgenrot sich in die Arme. Auf See war fröhliches Tun, Klaus Ohlendieks Herz atmete sich frei von allen Lebensschatten. Den letzten Tagen sann er nach. Er freute sich der lieben Menschen. Und was jetzt ungetrübt in ihm aufstrahlte, ungebrochen durch Erwägungen, durch 158 Absichten, durch Hemmungen: Das eine muß wahr sein, ihre Stimme ist eine Herrlichkeit.

* * *

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