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König Kandaules

Max Dreyer: König Kandaules - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleKönig Kandaules
authorMax Dreyer
year1929
firstpub1929
publisherL. Staackmnann Verlag
addressLeipzig
titleKönig Kandaules
pages319
created20170429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Robert Löteisen war am Abend mit dem Küstendampfer gekommen. Er aß mit den Eltern und erlebte dann zu seiner Überraschung, daß der Vater, nachdem sie beide froh über seine Erfolge gesprochen hatten, von selbst ihn aufforderte, möglichst bald in die Fischmeisterei zu gehen und dort den Abend zu verbringen.

Dieses Wort gab ihm Flügel. Nun ja – allmählich mußte schon der alte Herr das Unabänderliche ins Auge fassen!

Als er zu Matilde kam, fand er sie und ihren Vater gerüstet, zu Königs ins Turmhaus zu gehen.

»Da bleiben wir wohl zu Hause?« fragte Rochus Menander, und eine Schelmerei klang auf in seinen guten, stillen Augen.

Matilde besann sich kurze Weile. Dann fragte sie hell: »Willst du nicht mit uns gehen, Robert? Doktor König ist doch dein Studienfreund – so brauchen wir nicht abzusagen und bleiben alle beisammen.« 38

Dieses »alle beisammen« hatte nun gar nichts Verlockendes für ihn. Aber die harten Züge gruben sich fest, und ruhigen Tones sagte er: »Eure Verabredung gilt natürlich. Und da ich sowieso mit Hilmar zu reden habe, will ich euch begleiten.«

Hilmar als der Wirt ließ Robert, den Unerwarteten und ganz gewiß nicht im selben Maße Willkommenen, gleichwohl an der ungezwungenen freundlichsten Begrüßung teilhaben.

Sie nahmen in dem großen Turmzimmer Platz. Durch die offenen Fenster glutete die See wie zu ihren Füßen. Jeder, der hier saß, dachte: ›Ganz wie auf dem Schiff.‹ Und die Meeresgedanken herrschten.

So kam es wie von selbst, daß sie sich gleich auf die Mittelmeerfahrt begaben, der Jupiter leuchtete zu den klassischen Gestaden. Ohm Ekbert legte sich am frischesten ins Zeug. Er hatte als junger preußischer Offizier mehrfach in der Türkei Kommandos gehabt. Offenen und regsamen Geistes hatte er all die Länder und Städte erlebt.

»Das erstemal« – so erzählte er von sich – »ist alles, was so dem Deutschen von klassischer Traumsehnsucht im Blute rumort, bei mir über Rom nicht hinausgekommen. Schon bei meinem zweiten Römerzug aber ging es mir gründlich auf, daß, wer die Antike sucht, in Rom sie erst suchen muß unter all dem Prunk und Wust, unter der Kunst der Unkunst und dem Gerümpel vieler Jahrhunderte, in dieser großen Antiquitätenbude – 39 daß zu Athen er die Antike wirklich findet in der träumenden Heiligkeit der Akropolis, im Parthenon, im Erechtheion, in den Grotten des alten Bergquells Klepsydra.«

Die Antiquitätenbude rief Hilmar auf den Plan. »Mit Rom springst du nun doch ein wenig summarisch um –«

»Du kennst den Prachtsaal im Palazzo Barberini. Wo Cortona an die Decke den gewaltigen Prunk seiner bunten Fresken hingemalt hat. Die farbigsten Kämpfe sinnvollster Allegorien, aus denen von selbst keiner so recht klug wird. Und unter dem Lärm dieser bombastischen Wichtigtuerei duckt sich in dem kleinen ovalen Nebensaal ein griechisches Marmorbild, die Laodamia, die Schutzflehende. Bis in die Falten ihrer Gewandung schauert und rieselt das Grauen vor dem geradezu gewalttätigen Pomp dieser Umgebung. Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sie vergeht vor Sehnsucht nach der Heimat. Siehst du, hier hast du Rom und hier hast du Griechenland.«

»Hier hab' ich Rom?« So ließ sich Hilmar nun doch nicht abspeisen. »Vielleicht hätte man es so, wie du willst, mäße man es nur und bloß und lediglich an der Antike. Aber was ist Rom sonst noch alles! Ja, was auf der Welt gibt es, wo Rom nicht wäre!«

Und nun sang er, nach Worten dürstend, er, der Historiker, sein Lied auf Roma. Die ewige 40 Stadt, die ewige, warum? Sie ist die Tat – die Tat, die im Anfang war, die Tat, die das Unsterbliche ist – sie ist das Geschehen, die Geschichte ist sie.

»Hier, wo aus dem kargen, harten Hirtenvolk als Keimzelle das gewaltige Weltimperium sich entfaltete. Die Tat hatte ihr festestes Gefüge sich geschaffen, den Staat, den gebietenden, unerbittlichen. In seine Ordnung mußte alles einmünden, alles hatte ihr zu dienen, auch die Kunst. Die Früchte des verwelkten Hellas, die sonst verweht wären, in diesem harten, aber gesunden Boden faßten sie Wurzel. Hier war Herrschaft, hier war die Kraft. Und alles, was kraftvoll war und herrschen wollte, in diese Sphäre ward es gezogen. Von Norden die frühlingstarken Völker rauschten im Sturm. Sie siegten – um sich zu fügen und zu dienen. Das Imperium über allem! Und dann, als all die dunklen Geheimnisse des Ostens, so alt wie die Menschheitsgeschichte, das eine Licht gebaren, das Licht, das von der Armut und Demut gespeist wurde, das alles nach innen kehrte und alle Werte wandelte, in dessen Schein das Glänzende verblich, das Hohe in Trümmer sank, das Kleine, Niedere, Gequälte, Geknechtete himmelan sich hob. Flossen nicht auch dieses inwendigen, weltfernen, weltfeindlichen Lichtes Strahlen in deine Machtsphäre ein, Rom – Rom, du gegebener, notwendiger, unvermeidbarer Mittelpunkt, du Zentralsonne alles geistigen Geschehens! Und wurden 41 diese Strahlen hier nicht zu Schwertern, zu Instrumenten der Macht, sie, deren Macht nicht von dieser Welt war? War es nicht hier, wo das, was bisher das Heil der Seelen ausmachte, den erdfesten Fels sich suchte? Den wohlbedachten Baugrund, auf dem mächtiger, prunkvoller und unbarmherziger als alle Zwingburgen der Erde die Kirche sich erhob? Gott wurde zum Staat, und nur in Rom konnte er es werden. Eine neue Herrschaft begann. Überwunden, versunken, ausgelöscht war dieses erste, ewige, inwendige Licht, das alle Herrlichkeiten der Welt verdammte und von sich wies. Diese heilige Urkraft, die gerade über Roma, die herrlichste von allen, das Urteil hätte sprechen müssen, im Geiste und in der Wahrheit. Aber was geschieht? Roma, von allen die Verworfenste, eben diesen Geist und diese Wahrheit zieht sie an sich und in sich, bewußt und überlegen mit ihrer unsterblichen Kraft der Tat, unterwirft ihn sich, wandelt ihn um, wandelt das Dienen in Herrschaft. Rom ist die heilige Stadt – mag die alte Cäsarenkrone nun erblinden und verrosten – ein anderes Diadem leuchtet über ihr, das aus dem Ewigen seinen Glanz sich zubereitet. Rom, du ewige – daß es so etwas gibt! Herrgott im Himmel, muß man dafür nicht einfach händeringend dankbar sein!«

Er wollte noch weiter, aber jetzt besann er sich. Kinder, Leute – da fang' ich an, in Zungen zu reden.« Er wurde beinahe verlegen. »Aber ich hab' 42 nun mal meine römischen Hühneraugen. Und wenn mir einer drauf tritt, muß ich schreien.«

›Ob du es tun würdest,‹ dachte Robert bei sich, ›wenn du dir von deinem Geschrei keine Wirkung versprächst?‹

Er hatte Matilde nicht aus den Augen gelassen. Ihre Blicke waren nicht von Hilmar gewichen, die ehrliche Bewegtheit in dem, was er sprach – wenn es sich auch ein wenig an sich selber gütlich tun mochte – stimmte sie andächtig. Und das beredte Wort des Empfindens war für sie eine fast unbekannte Macht. Ihr Vater fand nur noch für seine Beobachtungen regsameren Ausdruck, Manuel strömte in Tönen seine Leidenschaft aus, in Robert kauerten die Worte schweigend und taten dann einen jähen, heftigen Sprung – sie verglich damit, wie Hilmars Phantasiekraft die Rede schnellte und durchhellte – bildhaft wurden die Gedanken, Gestalten lebten auf, sie war gewonnen und gefesselt.

Nun antwortete ihm Ekbert. »Leider habe ich nicht deine Siebenmeilenstiefel des Historikers. Und darum bin ich wohl mit Rom nicht fertig geworden. Es ist mir immer zu gelehrt gewesen, es hat mir zuviel gewußt. Und sein ewiger, erhobener Zeigefinger hat mich gequält. Wie atmete ich jedesmal auf, wenn ich all dies Gespreizte und Gestellte, dies Betonte und Bewußte, das ganze Getue und Gehabe hinter mir hatte. Wenn die lachende, schreiende, kreischende, sich überschlagende, diese farbenfunkenspritzende Ungezwungenheit 43 Neapels, diese unsterbliche Lausejungenseligkeit des Südens mir um die Ohren brauste! Was sagen Sie, Lotsenkommandeur Rochus?«

Vater Menander, der zu Hilfe gerufene, strich sich langsam über das weiße Haar. »Ich bin in ähnlicher Lage wie Sie, lieber Oberst. Mit meinem historischen Sinn ist nun schon gar nichts los. Hier schlägt mir meine seemännisch geographische Vorstellung immer und immer wieder ein Schnippchen. Rom verstehe ich einfach nicht. So wenig, wie ich Paris, Berlin, Madrid verstehe. London, Neuyork, Petersburg, Stockholm, Byzanz – ja. Doch diese meerlosen Hauptstädte im Binnenlande –! Da sie aber recht haben, habe ich natürlich unrecht.«

Auch Babylon, Niniveh, Ekbatana, Memphis, Mekka hatten recht, ergänzte Hilmar ihn schweigend.

»Neapel freilich –!« in den stillen Augen des alten Seefahrers wurde ein Schein lebendig. »Übrigens haben wir hier ja altgriechisches Siedlungsgebiet. Und was man so gelesen hat von der hellenischen lauten und leidenschaftlichen Lebenslust, hier hat es die fruchtbarste Stätte gefunden. Man darf wohl sagen, daß der große Pan hier ganz andere Sprünge vollführt, als in der kahlen, harten, trockenen, kantigen und engen Landschaft Griechenlands.«

Hilmar stimmte ihm zu. Der Ohm aber erhob Widerspruch. »Scheltet mir nicht auf das dürre, kahle Land, ehe ihr das blühende Achaja gesehen 44 habt, seine tiefgrünen Felder, seine leuchtenden Gärten, die in Farben brennenden Sträucher und Büsche und seine Landhäuser rosenbekränzt. Oder ehe euer Auge trunken geworden ist von dem blutroten Mohnrausch auf der Hochebene von Athen, den die Maulbeeralleen, die Reben und Oleanderbüsche nicht bändigen können, dem selbst die tiefsinnig dunklen Wipfel der Ölbäume erliegen. Und wenn einer auf die Enge dieses Ländleins, dieses winzigen Zipfels von Europa herabblicken möchte – ist diese Enge nicht das Bewundernswerte an ihm? Was häuft sich hier alles zusammen: Athen, Korinth, Sparta, Mykene, Delphi, Olympia. Was alles haben sie der Welt gegeben! Und so eng, wie der Raum, so kurz die Spanne Zeit, in die dieses Geistes höchste Herrlichkeit sich drängte. Kaum mehr als sechzig Jahre, als zwei Menschenalter dauerte sie. Hat die Welt je ein gleiches gesehen?«

Matilde war ganz bei der Sache. Die Beredsamkeit der Königs sprach sie nun einmal an. Robert Löteisen, der beiseite stehen mußte, rettete sich wieder in seinen Hohn: ein Laie, der recht gute Zeitungsartikel redet.

Inzwischen ließ Hilmar nun doch das Gespräch vom Marmorsockel heruntersteigen. »Das Geistige – nun ja, das Geistige versteht sich von selbst. Aber zugeben müssen wir doch wohl: der Weg zu Griechenlands Wesenheit ist mit mancherlei Enttäuschungen gepflastert. Ich weiß nicht, ob es 45 euch ebenso ergangen ist. Mir hatte sich aus Homer in den glücklichen, ewig hungrigen Tagen des Sekundanertums vor allem eine unverlierbare griechische Vorstellung eingeprägt: wie den lieben olympischen Göttern das Wasser im Munde zusammenlief, wenn ihnen auf den Altären die köstlichsten Rinderbraten zubereitet wurden und funkelnder Wein dazu in Strömen floß. Wo sind sie geblieben, die Rinderherden des Atreus? Wo auch die Schweine des göttlichen Sauhirten Eumaios? Hammel, Hammel, nichts als Hammel. Und verirrt sich wirklich mal ein anderes Viehzeug in die Küche, mit Hammelfett gesalbt und geölt kommt es dir auf den Tisch. Rufst du aber Bacchus zu Hilfe, diese ranzige Niederträchtigkeit zu bekämpfen – Rezinatwein! Das Harz beizt sich dir noch mehr in die Magenwände. Von heillosem Sodbrennen gefoltert irrst du durch die heilige griechische Welt. Und wenn dann noch all deine leuchtenden Berufshoffnungen erblassen und erblinden –!«

Er hatte sich jetzt Robert, dem Kollegen, zugewendet, der so gut wie an die Wand gedrückt war. Als der einzige unter den Männern, der nicht in Griechenland, nicht einmal in Italien gewesen war. Und der hier nun ganz und gar nichts mitzureden hatte. Sein peinliches Selbstgefühl wollte nicht unterliegen. Daß Matilde der Art und den Worten des Gegners, der ihm Hilmar immer gewesen war, sich gefangen gab, schürte seine neidvolle Abneigung. 46

Neidvoll – warum eigentlich neidvoll! Gerade nach der letzten Wendung der Dinge. Allerdings, ihm selbst war es nicht beschieden gewesen, den Süden zu sehen. Aber war dem andern seine Griechenlandfahrt nicht teuer zu stehen gekommen? Nicht nur, daß seine Expedition wissenschaftlich gescheitert war, wie er eben selber bestätigte. Hatte er nicht durch die lange Abwesenheit bei der Besetzung der Assistentenstelle am Archäologischen Institut der Universität sich unschädlich gemacht? Die nun ihm, Robert Löteisen, zugefallen war?

Undurchdringlich war Roberts Gesicht, als er fragte: »So ist es also nichts mit Roderich Ollhusens Hypothese?«

»Minus null ist es. Wir werden noch erleben, daß er in den Scherben von alten korinthischen Töpfen germanische Runenzeichen findet.« Er scheuchte die schmerzlichen Gedanken. »Wollen es heute lassen. Erzähl' mir lieber von dir. Du bist in Hamburg festgeworden?«

»Nein. Und bei den schlechten Aussichten dort hatte es keinen Sinn für mich zu warten.«

»Was tust du denn jetzt?« Er rückte den Stuhl näher. Matilde saß zwischen ihnen beiden. Die alten Herren hatten sich in ein Gespräch über die Fauna des Mittelmeeres vertieft.

Robert hatte sich zurückgelehnt. Hier mußte ein Peinliches zur Sprache kommen. Die Ecken und Kanten seiner Züge wurden noch schroffer. In seinen dunklen Augen glühte es trotzig. Er fühlte 47 Matildens forschenden Blick. Das mehrte seine Heftigkeit. Und nun stieß er hervor: »Ich bleibe jetzt hier. In unserer Universitätsstadt. Als Assistent am Archäologischen. Und habilitiere mich.«

Zwischen Hilmars Augen hatte sich eine scharfe Furche gekerbt. Jetzt blickten sie eisig, klar und hell. Und ihre Helle stach.

»So. Das ist also inzwischen geschehen.« In seiner Stimme ein splitternder Klang. Matilde horchte auf. Hier mußte etwas in Stücke gegangen sein.

Schon aber hatte Hilmar sich wieder schlank wie über die Dinge emporgereckt. Und mit leiser Lässigkeit fügte er hinzu: »Vor Tisch las man es anders.«

Robert warf den eckigen Kopf hin und her. In seinen Schultern zuckte es. Ein Vorwurf hatte ihn getroffen. Sein Gewissen war gepeitscht. Brüsk legte er sich ins Zeug. »Wir haben darüber gesprochen. Vor mehr als einem halben Jahr. Damals sagte ich dir –«

»Daß die Stelle nicht für dich in Frage käme. Jedenfalls würdest du ohne mein Wissen in dieser Sache keine Schritte tun.« Das wieder mit einer Gleichgültigkeit, die nur noch verletzender wirkte.

»Aber Verzeihung, gnädiges Fräulein,« – Hilmar wandte sich an Matilde, die die großen Augen von einem zum andern gehen ließ – »das sind Dinge, die Ihnen fremd sind. Und sogar das Unbehagliche – eines Mißverständnisses haben.« Er 48 glättete absichtlich, um die Stimmung des Abends zu retten.

Sie aber sprach frei und fest: »Soll man nicht Mißverständnisse sofort aus der Welt schaffen?«

Hilmar nickte ihr zu. »Dann entschuldigen Sie uns ein paar Minuten.« Er stand auf und bat Robert durch einen Wink, ihm in die Fensternische zu folgen.

Matilde setzte sich zu den alten Herren. Sie sprachen über Zuchtfragen. Ihr Vater berichtete von Versuchen einer Blutauffrischung bei den Fischen, die trotz der offenen Verbindung der Meere nicht widersinnig sei.

Aber sie war hier nur mit halbem Ohr. Das Gespräch in der Nische beschäftigte sie. Hier standen zwei Kämpfer gegeneinander, zwei Nebenbuhler. Ihr heller Mädchensinn, ihr feinspüriger Fraueninstinkt sagte ihr, daß der Kampf noch um etwas anderes ging als um Berufliches, als um Amt, um Ehren und Würden.

Wenn sie einen Blick hinüberwarf, sah sie in Hilmars Gesicht – Robert stand ihr abgewandt – die harte, beherrschte Ruhe. Aber in dem, was er sprach, schwangen doch seine Nerven. Und so schrillten ein paar Sätze zu ihr herüber: ». . . daß ich mir durch meine Arbeiten das erste Recht auf unser Küstenland hier als Forschungsgebiet erworben habe« – »auch der Geheimrat ist immer der Meinung gewesen« – und dann weiter: »Du warst der einzige, der außer mir in Frage kam« – 49 und jetzt mit besonderem Klang: »Jedenfalls hast du es gesagt. Meine Schuld war es dann wohl, daß ich Gesagtes als Versprechen nahm –«

Die rauhen Antworten Roberts klangen dumpf – er suchte offenbar den Ton der Unterredung zu dämpfen, dies war nichts für fremde Ohren, am wenigsten für die Ohren der einen –

Und jetzt lösten sich die beiden voneinander und nahmen wieder an der Gesellschaft teil. Ihren Gesichtern, die sich bemühten, freundlich sich zu entspannen, sah man gerade so die ernste Auseinandersetzung an.

Rochus gab gerade eine Schilderung von dem Farbenspiel der Tintenschnecken, der Kalmare, und der zauberhaften Qualle Dochylometra quinquecirra – aber er drang damit nicht durch, und es blieb ein Schatten über dem Beisammensein.

* * *

Für Rochus, Matilde und Robert gab es einen stillen Heimweg. Bei Vater Menander war Schweigen das Gewohnte, in dem jungen Paar wirkte eine elektrische Spannung.

Matilde, die es nicht liebte, hinter dem Berge zu halten, erklärte: »Ich will noch einmal an die See. Kommst du mit, Robert?«

Er war natürlich bereit. So gingen sie miteinander. 50

Die See war still. Mürrisch plätscherte die Brandung, in versonnener Verdrossenheit. Aus dem Dunst des Osthimmels stieg der abnehmende Mond. Schwer, dumpf und wie krank, scharlachen und fiebernd gedunsen.

Ein Unbehagen lag auf Matilde. Sie wollte sprechen, wollte fragen und fand nicht das Wort.

Da begann er: »Ich bedaure es sehr, daß ich zu Königs mitgegangen bin. Es war mein Wunsch, mit dir allein zu sein, Matilde.« Eine Bewegtheit ließ ihn stocken.

»Wir sind ja jetzt allein,« sagte sie ruhig.

»Aber jetzt ist unser Beieinander getrübt! Nie hat das Königsche Haus für mich was Gutes bedeutet. Daß du dich in ihm so heimisch fühlst –!«

»Der Oberst ist mein Freund. Den Doktor kenn' ich erst seit gestern. Aber ich glaube, daß ich auch mit ihm Freundschaft schließen kann.«

Durch Roberts Rücken zuckte ein Schlag. »Du weißt, daß er und ich – daß wir uns niemals verstanden haben –«

»Soll ich mich darum nicht mit ihm verstehen können?«

Er maß sie mit jähem, schmerzlichem Blick.

Gewachsen war sie – wie in dieser letzten Stunde über sich hinausgehoben.

Dir entwachsen –? So schrak es durch ihn hin.

Und nun packte ihn die Leidenschaft und seine Worte brannten. 51

»Tilde« – er sprach bebend den verkürzten und verinnerlichten Kosenamen – »solange wir uns kennen, hat es den Einklang zwischen uns gegeben. Jetzt stimmen wir unser ganzes Leben auf ihn. Ist es nicht deine wie meine Sache, jeden Mißton von ihm fernzuhalten –«

»Der Mißton ist Doktor König,« sagte sie, mehr nachdenklich als scharf und bestimmt.

Er wandte den Kopf hin und her. Dann bestätigte er es ihr mit einem heftigen: »Nun ja! Und da wir beide zusammengehören, ergibt es sich von selbst, wie du dich zu ihm verhältst!«

Nun hatte er gefordert. Er stutzte über sich selber. Aber zugleich stärkte er sich das Rückgrat. Gut so – denn noch ist es Zeit zum Eingriff! Und heute ist es die Zeit.

Sie hob den Nacken, wie zur Abwehr gegen eine Last oder eine Kette. Ihre Stirn runzelte sich, die Augen gingen suchend. Dann kam es fest und still: »Nach allem, was ich von dir höre, muß ich deinem Vater doch immer mehr recht geben –«

»Vater? Worin?«

»Er meint, daß es bei mir noch zu früh sei für eine klare Entschließung. Und wirklich – wie soll ich sagen – ich bin jetzt nur noch unsicherer geworden. Oder geradezu irre an mir.«

»Irre an dir? Matilde! Und Vater – heute hat er selbst mich zu dir geschickt. Es ist jetzt sein eigener Wille, daß wir – das letzte Wort sprechen.« 52

»Das letzte Wort? – Ich sagte dir, daß ich noch nicht so weit bin. Daß du mir Zeit lassen mußt, mir noch über mancherlei klarzuwerden –«

»Was der heutige Abend in dir wachgerufen hat?«

»Ja.«

Also Hilmar König – wieder und wieder! Seine Gedanken taumelten. Aber er zwang sich in gerade Bahn. »Willst du mir dieses Mancherlei verraten?«

»Als du die Aussprache mit Doktor König hattest – ich kann mir nicht helfen – da kam es mir vor, als hättest du nicht recht an ihm gehandelt.«

Robert fuhr zurück wie von einem Hieb. »So – das kam dir so vor. Du weißt so gut wie nichts von der Sache. Nur ein paar zusammenhanglose Worte können zu dir hingeflogen sein. Aber du hast dein Bild und dein Urteil – gegen mich – gegen mich nimmst du Partei und stellst dich glatt auf seine Seite!« Er geriet außer Rand und Band. »Hat dich so sein Gallimathias über die ewige Roma begeistert! Dergleichen du in jedem besseren Reiseführer findest! Oder hat sein witziges Sodbrennen in Griechenland dich so verzaubert?«

Schon quälte ihn selber aufs Blut seine unvornehme und geschmacklose Gehässigkeit. Er wußte auch, wie sehr er sich so bei ihr schadete. Ihres stillen, ein wenig traurigen Blickes hätte es nicht bedurft. 53

Und jetzt legte er schroff sein Bekenntnis ab: »Ich will dir sagen, wie sich die Sache verhält. Klipp und klar. Geheimrat Niedermöller hat an mich nach Hamburg geschrieben. So bin ich zu ihm gefahren. Von Doktor König hatte er lange nichts gehört. Dessen Griechenlandfahrt, über die er unter allen Umständen hätte unterrichtet werden müssen, war ihm eine Überraschung. ›Sicherlich denkt er nicht mehr an die Assistentenstelle,‹ meinte der Geheimrat. ›Und da er offenbar immer mehr seiner Phantastik nachgibt, ist er auch wohl kaum noch für sie der geeignete Mann.‹ Damit war er abgetan. Die Stelle wurde mir angeboten. Ich nahm sie an.«

»Und du sagtest nichts davon, daß du dich Doktor König gegenüber verpflichtet habest –«

»Verpflichtet! Ich hatte ihm gesagt, daß ich mich nicht bewerben, daß ich mich ihm nicht vordrängen würde. Jetzt, wo die Stelle mir in den Schoß fiel, ohne mein Zutun –«

»War es nicht doch ein Zutun von dir, daß du schwiegst? Hättest du, als der Geheimrat sagte: er denkt nicht mehr an die Assistentenstelle, hättest du da nicht Einspruch erheben müssen –«

Das war ja ein hochnotpeinliches Verhör, an ihm vollzogen, gegen ihn gerichtet, zugunsten des anderen geübt – ! – Flammen tanzten ihm vor den Augen.

»Ich war selbst neuerdings außer allen Beziehungen zu König. Wenn einer, mußte der 54 Geheimrat über seine Wünsche unterrichtet sein.« Er würgte es heraus – es erstickte ihn, daß er reden, daß er sich verteidigen mußte.

»Geheimrat Niedermöller,« sagte sie und rümpfte in gereizter Abneigung die Nase, »dieser schöne Mann, den wir kennen. Und immer seiner Eitelkeit unterworfen! So war es also Doktor Königs Fehler, daß er ihn falsch behandelt hat. Aber ist dieses Minus nicht ein Plus?«

»Also im Unterschied von mir!« lohte Robert auf. Immer unvorsichtiger machte ihn seine Leidenschaft. »Der ich weiß, was im amtlichen Verkehr sich nun mal gehört! So bin ich jetzt wohl der Schleicher und er ist der aufrechte Mann! Wie kommst du dazu, mich so zu erniedrigen – gegen ihn und vor ihm!«

Sie sah ihn an und wieder war ein Trauriges in ihrem stillen Blick. »Wenn man dich so reden hört, muß man glauben –«

»Was? Was? Was?«

»Daß dein Gewissen hier nicht ganz unbeteiligt ist.«

Zorn, Schmerz, Wut flammten durch seine zuckenden Augen. Dann umschlangen sie die geliebte Gestalt. Und eine tolle Angst schauerte in ihnen auf. Wenn du mir so entgleitest! Wenn ich so dich verlieren soll! – Und seine Zärtlichkeit glutete.

»Tilde – ich bin kein säuselnder Liebhaber. Aber auch das Leben schmachte ich nicht an. Ich 55 greife zu – und greife zu für dich! Ich hab' mir nichts vorzuwerfen. Nichts habe ich getan, was nicht jeder andere auch getan hätte – ! –«

»Jeder andere,« sagte sie geringschätzend.

»Jeder andere anständige und verständige Mensch! Die anderen mit kühler Berechnung. Bei mir das Treibende, das Bewegende, das Beherrschende: der Gedanke an dich. Und jetzt nehmen wir das Leben wie es ist. Ich hab' jetzt den freien Aufstieg vor mir. Ich darf dir die Hand reichen zu gemeinsamem Weg. Den du jetzt mit mir gehn wirst.«

Er legte die Finger um ihren Arm. Der blieb bewegungslos und hing schlaff herunter, sie straffte und beugte ihn nicht, die Hand zu halten. Diese Taubheit mußte Robert als Abweisung empfinden. Ein Frost bebte ihm durchs Blut. Kalte graue Nebel schlichen um ihn her.

Dann wieder stieg das Blut ihm zu Kopf und schäumte ihm durchs Hirn. Und nun griff er nach ihrer Rechten. »Wir waren uns einig, Matilde. Und wir sind uns einig. Komm, wir gehen jetzt zu deinem Vater. Wir bringen alles in Ordnung. Und morgen soll es alle Welt wissen.«

Sie zog die Schulter. »Ich muß dich immer wieder bitten, mir Zeit zu lassen.« Ihr Blick war hart.

Er starrte sie an. Sie sah in seinen Augen die brausenden Flammen und – Rauch, der wie über eine Brandstätte hinzog. Und dann stieg aus den 56 Trümmern ein Schweres, Drohendes, Unheimliches auf, daß es sich wie ein Reifen ihr ums Herz legte.

* * *

Hilmar saß mit dem Ohm noch lange zusammen. »Es ist die große Dummheit,« sagte er, »den andern seine eigene Denkart und Handlungsweise zuzutrauen. Und den Weltverbesserern – was nützt es den guten Leuten, die äußeren Klassenunterschiede abzuschaffen? An die inneren kommen sie doch nicht hinan.« Absprechend rümpfte sich die seine Nase.

»Heißt also, du an Robert Löteisens Stelle hättest anders gehandelt.«

»Das scheint mir Gott sei Dank auch so.«

»Aber der Mann ist sich eines Versprechens nicht bewußt. Und vergiß nicht, er will ein Nest bauen. Dann ist sowieso eine gewisse Brutalität einfach Naturgesetz.«

Das Nest entflammte Hilmars Gedanken in Zorn. »Um so schlimmer für sie! Für Matilde Menander!« Dann reckte er sich wieder zurecht. »Oder auch nicht. Vielleicht ist auch sie – ganz dem Naturgesetz verfallen. Nun, lassen wir Robert Löteisen und was mit ihm zusammenhängt.« –

Hilmar war kein Frühaufsteher. Wie alle Phantasiemenschen liebte er die halben Träume der Morgenstunde, das Hineindämmern ins Wachsein. 57 Heute war er bald nach Ekbert auf den Beinen. Im Lodenanzug, mit Spaten und Hacke ging er auf Arbeit.

Sein Ziel war das Königsgrab. So hieß im Volksmund der Hügel, der an den Waldrand gelehnt auf der Heide zwischen Dorf und Düne sich hob.

Vor vielen, vielen Jahren schon hatten unberufene Hände diese Grabstätte zerstört und die Anlagen räuberisch aufs übelste verwüstet. Die mehr als spärlichen Reste gaben kein unanfechtbares Bild. So hatten um diesen Hügel die verschiedensten Hypothesen den Kampfesreigen geführt.

Hilmars Anschauung, lebhaft von ihm verfochten, war die: Auf eine Grabkammer der Steinzeit, ein Dolmengrab, war hier ein Kegelgrab des ältesten Bronzezeitalters aufgesetzt worden. Die mächtige Deckplatte des Hünengrabes war noch vorhanden, die Tragsteine, auch die kleineren Blöcke der Einhegung, waren entfernt.

Hingegen behaupteten seine Widersacher, der von ihm als Deckplatte angesprochene Felsen sei in Wirklichkeit nichts anderes als der Grundstein des Kegelgrabes gewesen. Als dann ganz in der Nähe noch zwei unzweifelhaft reine Kegelgräber gefunden wurden, war Bronze Trumpf.

Für Hilmar erklärten sich nach wie vor die meisten der gemischten Funde, die soviel Kopfzerbrechen machten, ganz ungezwungen dadurch, daß, so gut wie die uralten Siedlungsorte, auch die 58 dazugehörigen durch die Natur gegebenen Bestattungsplätze den kommenden und gehenden Geschlechtern Heimstätten wurden. Gerade wie auf unseren Friedhöfen die Generationen einander Platz machen müssen. An Mißachtung, gewaltsame Verdrängung und Grabschändung braucht man auch für die Vorzeit nicht zu denken, die, wie ihr Totenkult beweist, an diesen Ruheplätzen heiligen Ernst walten ließ.

Hilmar war beim Königsgrab angelangt. Es war ihm bei Gott nicht sonderlich wohl zumute. Daß seine griechischen Hoffnungen nahezu kindlich gewesen waren, bestritt er längst selber nicht mehr. Wenn ihm damit aber das akademische Sprungbrett, dessen er so gewiß sich fühlte, unter den Füßen weggezogen wurde, so dünkte ihm das der Strafe zu viel.

Robert Löteisen – er wollte ihn seines Zornes nicht mehr für wert halten. Zwischendurch kamen ihm leichte Empfindungen eigener Überheblichkeit. Was blieb, war der Gedanke an Matilde Menander.

Gehe ich zu strenge mit dem Jugendbekannten, mit dem Studiengenossen ins Gericht, weil diese Frau ihm gehören soll?

Der seelische Klang von ihr war nun mal in ihm lebendig. Er fühlte ihres Wesen Tiefe. Und diese war es wieder, die ihm die Frage eingab: wes Geistes Kind muß nun doch Robert Löteisen sein, daß die beiden sich so nahe gekommen sind? Liegt nur ihm selbst die düstere, verschlungene 59 Eigenart des anderen zu wenig? Sind gerade in dessen Wesen nicht vielleicht verborgene Innigkeiten? Nicht in ihm vielleicht besondere Reize von Licht und Schatten?

Alles in allem aber – war er mit seiner überlebhaften Einbildungskraft nicht auch hier wieder einmal viel zu stark beteiligt? Seine Einbildung – ist vom Einbilden zum Eingebildetsein nicht nur ein Schritt?

Hilmar König nahm sich in Stunden der Selbsteinkehr schon tüchtig beim Schopf. Freilich ohne damit lumpiger Bescheidenheit zu verfallen oder seinen Grundfonds von Selbstsicherheit anzutasten.

Und wie er jetzt ans Werk ging – er hoffte, in der Umgebung des Grabes noch Spuren von Opferstätten zu finden – und kräftig die Hacke schwang, war Arbeitsfrische, Zuversicht und Kampfesmut bei ihm.

* * *

Zur selben Zeit war Matilde auf ihrer Wiese. Von größerem seelischen Druck als Hilmar suchte sie durch der Hände Arbeit sich zu entlasten.

Robert hatte schon in aller Herrgottsfrühe auf der Fischmeisterei sich eingefunden. Begebnisse des Abends gelten erst, wenn sie der Morgensonne standgehalten. Diese aber hielten stand. Matilde zeigte ihm dasselbe Gesicht. 60

»Es ist klar,« rief er auflohend, »du hast dich in Hilmar König verliebt!«

Er wußte von der suggestiven Kraft eines solchen Wortes. Jetzt, da die Erregung ihn fortgerissen hatte, sah er ihren Schreck und einen Zorn über die ihr entzogene Hülle, und das letzte seines Zweifels zerstob.

Verliebt – das Wort war gesprochen und war bestätigt. Mit der Macht seines Inhalts hatte er sich abzufinden. Ein schweres Lebensschicksal konnte darin eingeschlossen sein – und der Kobold einer Stunde. Verliebt – und doch wohl ein Wort der Zeit. Ein Zeitwort, wie sein Grimm ihm vorscherzte. War in den tiefen Gründen seines eigenen Gefühls nicht der Ewigkeit Gewähr? Konnte ein solches Gefühl kraftlos sein? Das mit allen Fasern sie umschlang, sie an sich zog und sie hielt? Das keine Schwingung kannte, die sie nicht suchte, und keinen Gedanken hatte, der nicht zu ihrer Seele hinstrebte?

Auch wenn er nicht bei ihr ist – seine Gedanken umgeben sie wie eine Leibwacht. So gut wie sie einen Meldedienst vollziehen in die Ferne. Da er an ihr festhält, kann sie ihm nicht entrückt werden. Und Episoden dürfen ihn nicht schrecken.

Eine Episode! Sein Lebensschmerz klammerte sich an dieses Wort wie an eine Zauberformel. Eine Verliebtheit bloß, eine vorübergehende, die flach und leicht in der leichten Natur Hilmars nur flachen Widerhall wecken wird. 61

Nicht ohne Gefahr – gewiß. Aber bei ihrer herben, geradezu harten Reinheit war sie sicher vor Überrumpelungen durch die Phantasie.

Mit einem trotzigen Selbstgefühl, das aus den Tiefen seines Wesens und Fühlens gespeist war, sagte er ihr Lebewohl. Er mußte heute noch wieder in die Stadt. Es war für seine Laufbahn, für sein Leben und also auch für sie. Nichts, was er begann, das nicht auch ihre Zukunft einschloß. Diese Empfindung mußte auch in ihr selbst verankert sein, sie war ihr Schutz und seine Sicherheit. Und so trennte er sich für heute von ihr.

In Matilde brannte ein wehes Gefühl. Das Wort ›verliebt‹, brüsk und beschämend, ätzte sich nun doch tiefer in sie ein. Ihre Unbefangenheit war schartig geworden und getrübt. Und wieder war es ihr, als hätte sie mit Hilmar zugleich etwas erlitten, als hätten sie beide gemeinschaftlich etwas abzuwehren. Eine Gemeinschaft, die gegen Robert Löteisen sie beide zusammenschloß. Gegen sein Wühlen, dunkel, schwer und gewaltsam.

Sie rührte auf der Wiese gehörig die Knochen, wild, beinahe fanatisch. Diesmal war sie es, die dem Mädchen vorarbeitete, daß die alle Mühe hatte, ihr nachzukommen und öfters schnaubend innehielt.

Als sie Schluß machte und mit dem Ärmel ihres Waschkleides den Schweiß auf der Stirne trocknete, kam der Oberst, der sie längst eräugt hatte, von der eigenen Feldmark herüber, diesmal zu Fuß. 62

Er begrüßte sie munter. »Nun – haben Sie heute nacht keinen klassischen Alpdruck gehabt?« Dann sah er ein Gespanntes, etwas Erlebtes in ihrem Gesicht. Der alte Menschen- und Frauenkenner blickte näher zu. Er hatte gestern abend die Elektrizität in der Luft sehr wohl gespürt.

In Matildens jungem Herzen zuckte es auf. Sich mitteilen, sich aussprechen, Rat sich holen aus Freundesherzen. Wen hatte sie? Ihr eigener Vater war tonlos. Vater Löteisen – ein Unbehagen kroch über sie hin. War bei dem nicht dieselbe düsterschwere Vergrabenheit wie bei Robert? Als eine Wohltat empfand sie dagegen die aufstrebende Helle der Königs.

Und schon sprach Ekbert, der alles Gezwungene, Versteckte und Hinterhältige vermied, dem zu jeder ehrlichen Empfindung die ehrliche Freiheit des Entschlusses gehörte – von seinem Neffen Hilmar berichtete er, daß er heute auch schon der rosenfingerigen Eos seine Arbeitshand entgegengestreckt habe. Beim Königsgrab wirke er wieder einmal herum. Ob sie ihn nicht im Vorübergehen besuchen wollten.

Sie nickte. Die Morgenfrühe beschwingte alle Dinge und hob sie ins Lichte und Leichte. Als sie den hügeligen Heiderand umschritten, sahen sie auf der Höhe gegen den Nordhimmel Hilmars schlanke Silhouette.

Er stand ihnen abgewandt. Forschend blickte er auf einen Gegenstand, an dem seine Finger 63 herumtasteten. »Er hat etwas gefunden,« sagte der Ohm. Einen Siegesruf ließ er hinaufschallen. Hilmar drehte sich um, winkte ihnen zu und kam ihnen halbwegs entgegen.

»Nun, hast du was Steinernes?« fragte der Oberst.

Hilmar schüttelte den Kopf, doch lag eine frohe Genugtuung auf seinem Gesicht. »Dafür aber etwas Eisernes.«

Nicht gleich kam Ekbert hinter den Grund seiner leuchtenden Zufriedenheit. Hilmar begrüßte Matilde herzlich. Dann ließ er sich vernehmen, was der Fund für ihn bedeute.

»Den Bronzegeistern wird dies nicht recht sein,« meinte er. »Sie wollten hier ein abgeschlossenes, stilreines Zeitbild und duldeten nichts Fremdes wie aus einer Art ästhetischer Verranntheit. Wollen nichts davon wissen, daß vorher schon die Steinzeit hier ein Denkmal aufgerichtet hatte. Und können jetzt nicht leugnen, daß hinterher auch die Zeit des Eisens hier ihre Toten begraben hat.«

Er zeigte den Gegenstand. »Eine Opfergabe, wie wir sie aus anderen Grabstätten der Eisenzeit kennen.« Es waren die beiden Glieder einer großen eisernen Schere, rostgefressen.

Matilde, die wissensdurstige Augen hatte, bekam sie in die Hand. »Ja, eine tüchtige Schere. Und wozu diente sie?«

»Man nennt sie Mähnenschere. Die Männer haben damit die Pferdehaare geschnitten.« 64

Jetzt wurde an Ekbert das Gerät weitergegeben. »Im Prinzip ganz die Schafschere von heute,« erklärte er. »Und jetzt will ich euch Altertumsforschern mal was sagen. Setzt ihr euch – um ganz streng im Bilde zu bleiben – nicht allzu gern aufs hohe Pferd? Gegen den Verdacht, als ob Kavalleristisches mir widerstrebte, bin ich hinreichend geschützt. Eure historischen Vorstellungen aber – sie sind eigentlich nicht froh, wenn sie nicht die Pferde satteln können. Hier habe ich nun etwas, worin ich die unverkennbare und sehr ehrenvolle Stammutter eines sehr nützlichen, eines für den Landmann von je unentbehrlichen Werkzeugs erkenne. Herrgott, dies ist und bleibt nun mal die Schafschere wie sie leibt und lebt! Ich bin über die Frisuren der altdeutschen Gäule nicht genügend unterrichtet. Aber soviel steht fest, Pferde brauchen nicht geschoren zu werden. Zum Schaf aber gehört die Schafschur. Da die alten Deutschen Schafe mit Wolle hatten, hatten sie natürlich auch Schafscheren. Nun haben wir hier eine Opfergabe. Embleme von Bedeutung nahmen die Toten mit. Gibt es ein würdigeres Abzeichen als dies für den Herrn der Herde? Sind der kriegerischen Andenken oder vielmehr Weihegeschenke für das neuzubetretende Land nicht übergenug? Keine Einseitigkeit im Angesicht des Jenseits. Und glaubt ihr wirklich, daß das Kriegerische das Wesentliche des Völkerlebens war? Krieg ist kein Dauerzustand. Krieg ist nicht Alltag. Womit ich, als alter 65 Landsknecht, nicht wie ein eisenverfressener lieber alter Kamerad von mir sagen will, daß er der Festtag in der Geschichte sei. Doch er ist das Laute, darum hören wir auf ihn – und nicht bloß eure Historikerohren. Der Tod aber und sein Frieden – sollte er nicht auch den Alten schon friedliche Gedanken gegeben haben? Und diese friedsame Schere, heil und brauchbar wie sie ist, paßt mir so gut zu dem zerbrochenen, unbrauchbar gemachten Schwert, das sie oft den Männern mit ins Grab legten.«

»Du hast recht, Ohm,« sagte Hilmar. »Obschon auch dir deine Vorstellung einen Streich spielt. Warum willst du bei der Mähnenschere bloß an das Schlachtroß denken? Auch ein Haustier war ihnen das Pferd, und sie spannten es friedlich vor den Pflug.«

Matilde war von dem Wesen der Opfergaben in Anspruch genommen. »Und immer haben schon die Menschen, da sie den Toten Geschenke mit auf den Weg gaben, an ein Leben nach dem Tode geglaubt –«

»Ja,« bestätigte ihr Hilmar, »und darin sind Okzident und Orient von der Urgeschichte her sich einig gewesen. Natürlich haben sich auch immer wieder die Zweifel geregt. Zeit- und strichweise haben Rationalismus und Materialismus vorgewaltet. Hohn, Zorn und Zynismus, auch das Lächeln kühler Gescheitheit werden vernehmlich, gerade auch in den Gaben für die Toten. Auf diese Stimmen zu lauschen, ist besonders reizvoll.« 66

Er hielt inne. Wollte etwas sagen und stutzte. Ein Widerstreben grub sich in sein Gesicht. Dann aber kam es wie ein ehrlich helles Bekennen.

»Einer ist es gewesen – die lieben Fachgenossen haben seine Arbeit mürrisch angegrunzt – der hat offen ausgesprochen: wie armselig äußerlich es doch sei, Menschheitsepochen nach dem rohen Material der Gebrauchsgegenstände in Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit usw. einzuteilen. Woher stammen diese Funde? Aus Gräbern. Erleben wir nicht recht eigentlich hier Klänge zum andern Ufer – und vom anderen Ufer her? Also das Tiefste und Innerlichste menschlichen Gedankentums. Sollte man diese Zeugnisse nicht geistig fassen? Soll man an ihnen nicht Geistesströmungen erkennen, die wechselnd durch die – von uns ganz äußerlich nach dem materiell Banalsten abgegrenzten – Zeitepochen hinfluten? Soll man so nicht Menschheitsgeschichte schreiben? Wer ist es, der diese Forderung an die Archäologie gestellt hat? Robert Löteisen.«

Matildens Augen weiteten sich. Es bewegte sie, daß er dem Feinde so stolz Gerechtigkeit widerfahren ließ. Sie fühlte wohl, wie ursprünglich dies aus ihm herauskam – fühlte, daß er nicht daran dachte, etwa durch eine Großmut Eindruck zu machen.

Zugleich aber fragte sie sich beklommen: was ist es, daß bei dieser Anerkennung Roberts mehr der Lobende als der Gelobte dich beschäftigt? Und wieder: warum weiß ich das alles nicht von 67 Robert selbst? Warum muß ich so Wesentliches von seinem Schaffen, seinen Ideen erst aus anderm Munde hören? Warum, wenn ich doch mitten in seinem Leben stehen soll, verschließt er sich mir so?

O dieses Versteckte, dies Eingesponnene und Eingewühlte, dies Verbaute und Verbohrte! Es war ja zu verstehen, daß in dem Dunkel der Gräber gerade ihm ganz eigene Offenbarungen aufgingen –

Aber wer ins Offene aufstreben möchte, ins Lichte und Freie, und wer die Sonne liebt – –

Ekbert hatte sie unaufdringlich still ins Auge genommen. Als läse er, was in ihr sich niederschrieb. Und jetzt leuchtete es durch sie hin, deren Natur gegen alles Gehässige und Feindselige sich auflehnte: löst sich nicht alles um so leichter, je weniger Unglimpf Robert Löteisen trifft? Weist ihr nicht Hilmar den Weg, da er Gutes von seinem Widerpart spricht!

Und nun gab auch sie frei und freudig sich aus: »Ich bin so gut Freund mit den Löteisens, Vater und Sohn – ein Wort des Lobes, das ihnen gilt, freut auch mich. Und der Schatten, der auf Robert fiel« – nun wurde sie doch verlegen und ihre Worte flackerten. »Natürlich ist gestern von seinem Verhalten – von Ihrem Urteil über dies Verhalten, Herr Doktor König, so manches an mein Ohr gedrungen –«

Hilmar sah ihr fragend ins Gesicht. Sprach 68 sie nun als Roberts Anwalt? Aber nun sproß und drängte etwas in ihm, das ganze Klarheit wollte.

»Ich hab' dieses Urteil doch inzwischen revidieren müssen,« sagte er aufrecht. »Dessen Voraussetzung eine Kameradschaft war, die in der Tat niemals bestand. Und an die zu denken ich am wenigsten Veranlassung hatte. Denn gerade ich hab' sie von je viel mehr vermieden als gefördert. Nie hat es zwischen Robert Löteisen und mir so etwas wie ein seelisches Band gegeben.«

»Das verstehe ich!« sagte sie. Und durch ihre Augen zog ein Schein, von dem es ihm aufging: nun tritt sie doch nicht als sein Anwalt für ihn ein –!

»Ich kann ja nicht leugnen« – Hilmar blieb auf seinem Weg – »daß mir eine Hoffnung in Trümmer gelegt ist. Aber der Trost meldet sich schon. Da ist erstmal der Gedanke an Geheimrat Niedermöller –«

»Nicht wahr, er ist ein ausgemachter Geck!« fiel sie lebhaft ein.

Hilmar stutzte ein wenig zurück und lächelte. »So leicht ist er nun allerdings doch nicht abzutun –«

»Er hat auch einmal bei uns im Lyzeum unterrichtet. Der Damenprofessor, wie er im Buche steht.«

Hilmar schüttelte nun doch den Kopf. »Er ist ganz hervorragend in seinem Fach. Hat einen großartigen Blick, einen geradezu beneidenswerten 69 Riecher und sehr viel Glück in seinen Forschungen. Da aber Glück auch Begabung ist – an seinen Gaben soll man nicht zweifeln. Freilich, leicht umzugehen ist nicht mit ihm. Und seine Kanten wird Robert Löteisen einziehen müssen. Auch kann ich mir nicht denken, daß dessen religionsgeschichtliche Auffassung der Archäologie ihm liegt. Vielleicht aber gerade! Vielleicht will er ihn als Folie –«

»Das glaube ich eben auch!« erklärte Matilde. »Aber anders als Sie meinen. Das Unscheinbare, Dunkelgehaltene, das Eckige und Ungewandte an Robert ist ihm willkommen. Was Leuchtendes kann er nicht in seiner Nähe haben. Und darum hat er Robert den Vorzug gegeben –« sie brach plötzlich ab, eine jähe Röte griff über ihr Gesicht –

Hilmar bebte zusammen. Eine jubelnde Unbarmherzigkeit wollte ihn packen. Den Vorzug vor mir! Und der Leuchtende also bin ich! –

Dann aber schonte und schützte er das glutende Blühen ihrer Mädchenhaftigkeit, das ihn beseligte. Und er baute ihr eine Brücke mit den Worten: »Sie meinen also, ich – der ich auch in Frage kam – wäre geeignet, dem Geheimrat als Damenprofessor den Rang streitig zu machen.«

Aber damit hatte er es nun doch versehen. Nur noch verwirrter blickte sie zu ihm auf. Dann aber stieß sie schroff hervor: »Ja – gerade so habe ich es gemeint!« Und nun fügte sie kurz und reisefertig hinzu: »Aber ich verplaudere mich hier. Ich 70 muß zu Bauer Susemihl und Fuhrwerk für unser Heu besorgen. Trauen Sie dem Wetter, Herr Oberst König?«

* * *

In Hilmar lebte jedes ihrer Worte weiter. Jede Regung ihrer Mienen, das ganze Licht- und Schattenspiel ihrer Züge zitterte aufs feinste in ihm nach. Durch seine Phantasie leuchtete das Rot ihrer herbscheuen Mädchenhaftigkeit glückhaft tief und warm.

»Ich bin so gut Freund mit den Löteisens, Vater und Sohn.« So sprach sie. Es ging um Robert, den Sohn. Wäre sie mit ihm, dem Angegriffenen und Angefochtenen, fürs Leben verbunden, sie hätte sich frei und mutvoll an seine Seite gestellt.

Jetzt aber – sie hat es nicht getan. Und also hat sie nicht sich ihm angelobt! Und hätte sie's – sind nicht Irrtümer möglich, jedem und immer und ihrer großen Jugend zuerst? Aber es ist mir schon lieber so – reinlicher ist es, sauberer und klarer. Die Waffen sind blank, sind gut und gleich. Also jetzt in den Kampf, Robert Löteisen!

Jetzt bin ich zur Stelle, jetzt träum' ich nicht in Griechenland herum.

Die schnelle, zuspringende Regsamkeit seines Wesens duldete ihn nicht bei der Tagesarbeit, heute noch will ich meinen Schicksalsspruch!

Wo finde ich sie? 71

Bei der Heuernte ist sie heute. Er wirft einen Blick nach dem Himmel. Da am Westsaum steht eine Wand. Von Südosten streift keuchend und schwül dieser dumpfe Gewitterhauch. Wenn ihr das nur nicht in ihre Fuhren leckt!

Und jetzt rührt sich das Stück Landmann in ihm. Ein Gespann ihr zu Hilfe schicken. Was war das überhaupt mit dem Bauer Susemihl? Daß sie mit dem erst paktieren muß? Sie, die dem Gutshof befreundet ist!

Es ist Nachmittag, Hilmar spricht mit dem Ohm, der wieder aufs Feld will. Der lächelt fein. »Das mit Susemihl – der ist zu den Fuhren verpflichtet. Steht in seinem Pachtvertrag mit der Fischmeisterei. Im übrigen haben sie nur noch ein Fuder draußen. Und der Wagen ist bestimmt unterwegs. Aber 'ranhalten müssen sie sich.« Er witterte in die Wetterluft. Dann ging er zum Hof.

Das Lächeln reizte Hilmar, verdroß ihn und machte ihn selber lachen. Ahnt der Ohm etwas? Soll er in Gottes Namen! Nun wird volle Arbeit getan!

Arbeit wird getan! Er wirft die Arme jungenhaft. Die blauschwarze Wand im Westen steigt und grollt. Ranhalten müssen sie sich. Hände werden gebraucht. Ich geh' ins Heu und helfe.

Er eilt zur Wiese. Weithin schon grüßt ihn die blonde Krone, das helle Gewand.

»Können Sie noch zwei Arme brauchen?« Das 72 ist sein Gruß. Ein paar Augen voll großen, freudigen Staunens.

Das Schaffen geht weiter und er ist dabei. Hat eine Forke sich geben lassen und stakt auf. Er und der Knecht. Matilde und Minna, die Magd, stehen auf dem Wagen, packen und steigen schichtweis höher.

In wilder Eile geht es, wortlos, atemlos. Die Donnerrufe drohen und mahnen. Eine Wolkenfaust greift in die Sonne. Wirbelwinde ziehen, Staubfahnen wehen, in Trichtern kreisen die Halme. Die gepeitschten Augen brennen und tränen, die Kehlen verkrampfen sich, es pfeifen die Lungen –

Weiter, weiter! Ein Haufen noch. Im Fluge wird er bezwungen. Das Heu verladen, der Wagen ist voll. Die Männer verschnüren die Last.

Matilde ist geschmeidig heruntergeglitten. Der Knecht steigt auf. Heim geht die Fahrt, keine Minute ist zu verlieren. Die Pferde legen sich in die Sielen, traben an, geben her, was sie können.

Matilde und Hilmar folgen zu Fuß, in schnellster Gangart. Zusammen sie beide, gemeinsames Werk, vereintes Vollbringen, gleicher Herzschlag und gleicher Schritt.

Voll Brausen die Luft. Wie Nacht bricht es herein. Sturmböen stoßen und tosen. Sie strauchelt und schwankt in den Röcken, er nimmt ihren Arm. So laufen sie dicht aneinander in Halt und Schutz dem brüllenden Wetter entgegen.

Die ersten Tropfen fegen. Nun rasselt der 73 Hagel. Die Schloßen schießen und dreschen und zerfetzen die Haut – in lachendem Schmerz verziehen sich die Gesichter. Und weiter stürmen die beiden.

Und jetzt – über ihnen bersten die Wolken. Ein Wasserschwall, der sie umschlingt, daß sie taumeln. Und Feuer fallen vom Himmel – Flammen wie Schlangen umzüngeln sie. Knatternd zerbricht das Gewölbe da oben.

Da sticht es Hilmar durchs Hirn: der Tod langt nach uns! Wenn ihr etwas geschähe! Schutz suchen! Sich legen! Nicht so aufrecht hinrasen durch die Blitze.

Hier zu ihrer Seite im Ried der Niederung, nach dem Binnensee zu eine kleine Jagdhütte. Da sich bergen! Er wendet dorthin. Läßt sie hineinschlüpfen, folgt ihr. Ein Dach ist über ihnen.

Fest und dicht ist es nicht. Schon tropft es hindurch. Das Binsengeflecht hält solchen Wasserstürzen nicht stand. Und schon rieseln Rinnsale hindurch. Aber was tut's. Nasser können sie nicht gut werden. Eng müssen sie hocken. Nun schießt ihm ein Strahl in den Nacken. Auf ihre Schulter legt er den Kopf. Und rückt ganz nahe zu ihr, so nahe, daß ihr Ohrläppchen seine Nase streift. Da packt er es sacht mit den Lippen, und nun ist es geschehen.

Mund liegt auf Mund und liegt lange.

Bis der eine sich löst und ein zorniges »Nein!« 74 hervorstößt. Der andere aber respektlos lacht über das verspätete Wort.

Und jetzt wird es ganz plötzlich hell da draußen. Ein glatter, blanker, klatschnasser Mädchenkopf duckt unter dem niederen Eingang sich hervor. Im Sonnenregen recken die Glieder sich hoch. Langsamer folgt ihr Kumpan. Auch er blank und glatt wie ein Aal. Das Gesicht voll stolzesten Glückes zieht jetzt vor der jähen Tageshelle sich spitzbübisch ertappt ein wenig in die Länge.

Nun stehen die beiden voreinander. Wie die Seehunde sehen sie aus, die eben aus dem Wasser kommen. Sie prusten sich an.

»So können wir nun direkt in das Aquarium deines alten Herrn!« ruft Hilmar und lacht über jedwede Verlegenheit, die Sonnenhelle und Mädchenzorn seinem dreisten Lebensmut bereiten wollen, laut sich hinweg.

Mit seligen Augen greift er ihre Hand, und so wandert er mit ihr nach ihrem Haus. Die Arme schlenkern, aber immer noch ist sie wortlos, und ein Krauses zuckt wieder auf ihrer Stirn.

Plötzlich läßt sie seine Hand fallen. »Was wollen Sie eigentlich! Ich kenne Sie doch gar nicht!«

»Das ist ja in diesem Falle mein Glück!« Noch übermütiger frohlockt sein Mund, gekrönt vom Geschenk des Erlebten.

Mit einer komischen Verzweiflung blickt sie ihn an, von unten nach oben und wieder von oben 75 nach unten. Dann hilft auch ihr ein Lustiges. »Wenn ich auch so aussehe wie Sie –«

»Noch schlimmer! Nun ja, in Schönheit haben wir uns nicht gefunden. Im Dämmer der Hütte ging es an. Also – der Ernst des Lebens beginnt. Auf zum Papa!«

Sie eilen zur Fischmeisterei. Erst mal müssen sie in trockene Kleider kommen. Hilmar kriegt einen Seemannsanzug vom Vater. Die Jacke ist ihm zu kurz, er zupft an den Ärmeln.

Seine Sieghaftigkeit scheint nun doch durch ein leicht Hilfloses herabgemindert zu sein. Und Matildens Weiberlist fragt: wie weit ist die Überlegenheit des starken Geschlechts von einem gut sitzenden Anzug abhängig?

Vater Rochus, da sie vor ihn treten, blickt sie an mit seinen stillen Augen. »Lange besonnen habt ihr euch nicht.«

Hilmar reckt nun ganz unbedacht die Arme, daß die Knöchel der Handgelenke eckig und häßlich in der Luft herumspringen. Und er jubelt heraus: »Wer besinnungslos ist, kann der sich besinnen!« Ein aus dem Zeug gewachsener großer Junge tanzt in der Stube. Wie glücklich muß Hilmar König sein, daß er all seine ästhetische Sorgfalt über Bord wirft!

Und dann kommt etwas wie eine Erklärung – wenn es auch beileibe keine Entschuldigung sein soll – und übermütig genug: »Mein alter Freund Jupiter hat die Hand im Spiel gehabt – der 76 Jupiter tonans, der Jupiter pluvius – aber auch ohne ihn wär' es geglückt!« Und er zieht sein Lieb an sich.

Schon aber ist er wieder der Anordner, und er fragt: »Wo feiern wir heute – bei euch – bei uns?«

Nun nimmt Matilde doch das Vorrecht des Brauthauses wahr. »Natürlich bei uns.«

Da kommt ihm Gesellschaftliches zu Bewußtsein und schaudernd blickt er an sich hinunter. Der Ästhet will nun wieder sein Recht. »Allmählich möchte ich denn doch in mein eigenes Futteral. Also wann befehlt ihr, den Ohm und mich?«

Als er gegangen ist, sieht Vater Rochus Matilde nachdenklich an, in der wie in dem Geliebten die Stunde fiebert. »Eine Überraschung wird es ja im Kantorhause geben,« sagt er leise.

Der Gedanke zittert durch sie hin. Sie wehrt ihn ab und blickt sieghaft in ihrem Glück. Aber sein Schatten kehrt mehrmals wieder. Und in diesem Schatten ist eine dumpfe Angst vor Roberts Ungestüm, das vulkanisch lauert.

* * *

Am Abend waren die vier in stillem Frohmut zusammen. Die Sensation der Überraschung schlug nicht mehr ihre Wellen. Auf ruhig klarer Flut fuhren jetzt die beiden, die sich fürs Leben gefunden hatten, in die Zukunft hinaus. 77

Hilmar hatte Körbe von Blumen aus dem Gutsgarten geschickt. Vater Rochus hatte das Familiensilber hervorgeholt, und sein – bescheidener – Keller mußte die besten Flaschen liefern. Matilde als Haus- und Küchenverweserin hatte in der Eile ein Festmahl, so einfach es war, herrichten können. Nichts, was auch äußerlich dem Geist der Feier sich nicht angepaßt hätte.

Ekbert der Ohm sprach ungezwungen herzliche Worte auf das Paar. Allerdings, von der Schnelligkeit des Verfahrens nahm er nun schon seinen Ausgang.

Über das Verhältnis von Fixigkeit und Richtigkeit hätte sich nicht bloß Onkel Bräsig seine Gedanken gemacht. Immer aber wäre bei den Königs der Fixe auch der Richtige gewesen. Als Beleg dafür gab er eine Reihe von Tatsachen aus der Familiengeschichte. Als leuchtendes Beispiel stellte er ihnen den Großvater von Hilmar vor Augen, Balthasar König, um dessen Ölbild in dem breiten Rahmen die selbstverfaßten Verse gemeißelt stünden:

Wer in der Lieb' den Punkt verpaßt,
Der häng' sich an den nächsten Ast!

Sein leuchtendes Gesicht zeige zur Genüge, daß er sich nicht den Strick verdient habe. Wohl aber müßte er, Ohm Ekbert, als abschreckendes Beispiel gelten. Er hätte den Zeitpunkt versäumt – freilich um eine einzige unglückliche Stunde nur. Aber 78 richtig wäre ihm ein anderer mit der Braut gerade durch die Wicken gegangen. Und wenn über ihm einmal eine Inschrift auf dem Bilderrahmen prangen sollte, dann gehörte dahin die Antwort, die eine Mutter ihrem landwirtschaftlich interessierten kleinen Jungen auf die Frage: ›Mutti, ist der Ochse der Vater von dem kleinen Kalb‹ erteilte: »Der Ochse ist der Ohm!«

So aus Schimpf und Ernst spann er seiner Rede Faden weiter, bis sie um das Paar sich schlang und die beiden mit allen guten Wünschen kränzte.

Die zwei litt es dann nicht lange im Zimmer, und da die alten Herren anfingen, sich mit zoologischen Erörterungen das Dasein zu verschönen, eilten sie in den Glanz der Sterne.

Auf den Dünenkamm gehen sie. Sie wollen das Meer. Wollen sein Abendläuten, wollen seinen Zwiegesang mit dem Sternenhimmel. Diese gewaltigste Fuge tönender Unendlichkeit. Und danach das lachende, blinkende, schalkhafte Lebenslied des silbernen Mondflimmers, der tanzend über die Wellen sich kräuselt. Im Dunst des Osthimmels hat die aufgehende Mondsichel ihre blutige Schwermut ausgetropft. Nun bläst sie hell und heiter die losen Zirruswolken wie Champagnerflocken vor sich her. Prickelnd geht es den Liebenden ins Blut. Umschlungen stehen sie in dem Zauberschein.

Dunkelbeschattet duckt sich das Dorf vor dem Glanz. Nur der Kirchturm steilt sich 79 unanfechtbar und mißbilligend in den Lichtrausch, den sündhaft schönen. Am düstersten verkrochen in seinem schwarzen Efeubehang liegt das Kantorhaus. Kauert wie ein Tier zum Sprunge. Zwei Fensteraugen funkeln.

Matilde sieht es, da sie weiterschreiten. Es rieselt über sie hin. Hilmar fühlt ihr Erbeben. Folgt ihrem Auge und weiß, was sie bewegt.

»Du denkst an Robert,« sagt er unverschleiert. Es soll gütig klingen und verstehend, doch ich ein heiserer und harter Ton darin.

»Ich weiß, was ich ihm antu'. Das Schwerste und Schlimmste.« Es ist ein klares, ehrliches Bedauern ohne alle Empfindsamkeit. Aber eine leise Angst zittert wieder herauf.

Gleich spürt seine Feinheit auch diese Regung. »Ich fahr' zu ihm 'rüber. Und sag' es ihm!«

Seine Entschlossenheit federt und schnellt.

Aber gleich lehnt ihr Selbstgefühl sich auf. »Soll ich mich hinter dich verstecken? Natürlich hört er es von mir.« Doch dieser Gedanke behält seine dunkle Not.

Aber schon schmiegt sie sich wieder in seinen Arm. »Was geht all das andere uns an!« Zwei Glückliche streichelt der Mondglanz.

* * *

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