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König Heinrich der Fünfte

William Shakespeare: König Heinrich der Fünfte - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Fünfte
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Szene

Frankreich. Ein Saal im Palast des Königs

König Karl mit Gefolge, der Dauphin, Herzog von Burgund, der Connétable und andre

König Karl.
So nahn die Englischen mit Heereskraft,
Und über alle Sorgen liegt uns ob,
Zu unsrer Wehr uns königlich zu stellen.
Drum soll Herzog von Berry, von Bretagne,
Von Orleans und Brabant ziehn ins Feld,
Und Ihr, Prinz Dauphin, mit der schnellsten Eil,
Um unsre Kriegesplätze neu zu rüsten
Mit tapfern Männern und mit wehrbar'm Zeug.
Denn England ist in seinem Andrang rasch,
Wie Wasser, das ein Wirbel in sich saugt.
Es ziemt uns denn, die Vorsicht so zu üben,
Wie Furcht uns lehrt an manchem frischen Beispiel,
Das England, das zum Unheil wir mißachtet,
Auf unsern Feldern ließ.

Dauphin.
Großmächtger Vater,
Es ist gar recht, uns auf den Feind zu rüsten;
Denn Friede selbst muß nicht ein Königreich
So schläfrig machen (wenn auch nicht die Rede
Von Kriege wär und ausgemachtem Streit),
Daß Landwehr, Musterung und Rüstung nicht
Verstärkt, gehalten und betrieben würde,
Als wäre die Erwartung eines Kriegs.
Drum heiß ichs billig, daß wir alle ziehn,
Die schwachen Teile Frankreichs zu besehen;
Das laßt uns tun mit keinem Schein von Furcht,
Ja, mit nicht mehr, als hörten wir, daß England
Sich schick auf einen Mohrentanz zu Pfingsten.
Denn, bester Herr, so eitel prangt sein Thron.
Und seinen Zepter führet so phantastisch
Ein wilder, seichter, launenhafter Jüngling,
Daß ihm kein Schrecken folgt.

Connétable.
O still, Prinz Dauphin!
Ihr irrt Euch allzusehr in diesem König.
Frag Eure Hoheit die Gesandten nur,
Mit welcher Würd er ihre Botschaft hörte,
Wie wohl mit edlen Räten ausgestattet,
Wie ruhig im Erwidern, und zugleich
Wie schrecklich mit entschloßner Festigkeit;
Ihr werdet sehn, sein vorig eitles Wesen
War nur des römschen Brutus Außenseite,
Vernunft in einen Torenmantel hüllend,
Wie oft mit Kot der Gärtner Wurzeln deckt,
Die früh und zart vor allen treiben sollen.

Dauphin.
Herr Connétable, ei, dem ist nicht so;
Doch nehmen wirs so an, es schadet nicht.
Im Fall der Gegenwehr ist es am besten,
Den Feind für mächtger halten, als er scheint;
So füllet sich das Maß der Gegenwehr,
Die sonst, bei schwachem, kärglichem Entwurf,
Gleich einem Filz, ein wenig Tuch zu sparen,
Den Rock verdirbt.

König Karl.
Gut, halten wir den König Heinrich stark,
Und, Prinzen, rüstet stark euch wider ihn;
Denn sein Geschlecht hat unser Fleisch gekostet,
Und er stammt ab von dieser blutgen Reih,
Die auf den heimschen Pfaden uns verfolgt.
Des zeugt die zu gedächtniswürdge Schmach,
Als Cressys Schlacht verderblich ward geschlagen,
Und unsre Prinzen alle in die Hände
Dem schwarzen Namen Eduard fielen,
Dem Schwarzen Prinz von Wales, indes sein Vater,
Des Berges Fürst, auf einem Berge stehend
Hoch in der Luft, gekrönt von goldner Sonne,
Den Heldensprößling sah und ihn mit Lächeln
Die Werke der Natur verstümmeln sah,
Und Bildnisse verlöschen, welche Gott
Und fränksche Väter zwanzig Jahr hindurch
Geschaffen hatten. Dieser ist ein Zweig
Von jenem Siegerstamm, und läßt uns fürchten
Die angeborne Kraft und sein Geschick.

Ein Bote tritt auf.

Bote.
Gesandte Heinrichs, Königes von England,
Begehren Zutritt zu Eur Majestät.

König Karl.
Wir geben ihnen gleich Gehör. – Geht, holt sie!

(Bote und einige Herren vom Hofe ab.)

Ihr seht, die Jagd wird heiß betrieben, Freunde.

Dauphin.
Macht Halt und bietet Stirn! denn feige Hunde
Sind mit dem Maul am freisten, wenn ihr Wild
Schon weit vorausläuft. Bester Fürst, seid kurz
Mit diesen Englischen und laßt sie wissen,
Von welcher Monarchie das Haupt Ihr seid.
Selbstliebe Herr, ist nicht so schnöde Sünde
Als Selbstversäumnis.

Die Herren kommen mit Exeter und Gefolge zurück

König Karl.
Von unserm Bruder England?

Exeter.
Von ihm: so grüßt er Eure Majestät.
Er heischt in des allmächtgen Gottes Namen,
Daß Ihr Euch abtun und entkleiden sollt
Erborgter Hoheit, die durch Gunst des Himmels,
Durch der Natur und Völker Recht ihm zusteht
Und seinen Erben: Eurer Krone nämlich
Und aller Ehren weiten Kreis, den Sitte
Und Anordnung der Zeiten zugeteilt
Der Krone Frankreichs. Daß Ihr wissen mögt,
Dies sei kein loser, ungereimter Anspruch.
Entdeckt im Wurmfraß längst verschwundner Tage,
Vom Staube der Vergessenheit gescharrt,
Schickt er Euch diese höchst denkwürdge Reih,

(überreicht ein Papier)

In jedem Zweige wahrhaft überzeugend,
Und heißt Euch diesen Stammbaum überschaun;
Und wenn Ihr grade abgestammt ihn findet
Vom rühmlichsten der hochberühmten Ahnen,
Eduard dem Dritten heißt er Euch Verzicht
Auf Kron und Reich tun, die Ihr unrechtmäßig
Ihm als gebornen Eigner vorenthaltet.

König Karl.
Sonst, was erfolgt?

Exeter.
Der blutge Zwang; denn wenn Ihr selbst die Krone
In Eurem Herzen bärgt, er stört nach ihr.
Deswegen kommt er an in wildem Sturm,
In Donner und Erdbeben, wie ein Zeus,
Auf daß er nötge, wenn kein Mahnen hilft;
Und heißt Euch beim Erbarmen Gotts des Herrn,
Die Krone abstehn und der armen Seelen,
Für welche dieser gierge Krieg den Rachen
Schon öffnet, schonen; und auf Euer Haupt
Wälzt er der Waisen Schrei, der Witwen Tränen,
Der Toten Blut, verlaßner Mädchen Ächzen
Um Gatten, Väter und um Anverlobte,
Die diese Zwistigkeit verschlingen wird.
Dies ist sein Recht, sein Drohn und meine Botschaft,
Wo nicht der Dauphin gegenwärtig ist,
Den ich ausdrücklich zu begrüßen habe.

König Karl.
Was uns betrifft, wir wollen dies erwägen;
Wir geben morgen den Bescheid Euch mit
An unsern Bruder England.

Dauphin.
Was den Dauphin,
So steh ich hier für ihn: was schickt ihm England?

Exeter.
Des Trotzes, der Verachtung und des Hohns
Und alles des, was nicht mißziemen mag
Dem großen Sender, schätzet er Euch wert.
So sprich mein Fürst: wenn Eures Vaters Hoheit
Nicht durch Gewährung aller Forderungen
Den bittern Spott versüßt, den Ihr an ihn gesandt,
Wird er zu heißer Rechenschaft Euch ziehn,
Daß Frankreichs bauchige Gewölb und Höhlen
Euch schelten sollen und den Spott zurück
In seiner Stücke zweitem Hall Euch geben.

Dauphin.
Sagt, wenn mein Vater freundlich Antwort gibt,
Seis wider meinen Willen; denn mir liegt
An nichts als Zwist mit England! Zu dem Ende,
Als seiner eitlen Jugend angemessen,
Sandt ich ihm die Pariser Bälle zu.

Exeter.
Dafür wird Eur Pariser Louvre zittern,
Wärs auch Europas hoher Oberhof.
Und glaubt, Ihr werdet einen Abstand finden
(Wie wir, sein Volk, erstaunt gefunden haben)
Von der Verheißung seiner jüngern Tage
Und denen, die er jetzt zu meistern weiß.
Er wägt die Zeit jetzt auf ein Körnchen ab,
Was Ihr in Euren eignen Niederlagen
Erfahren sollt, wenn er in Frankreich steht.

König Karl.
Auf morgen sollt Ihr unsre Meinung wissen.

Exeter.
Entlaßt uns eilig, daß nicht unser König
Nach dem Verzug zu fragen selber komme,
Denn Fuß hat er im Lande schon gefaßt.

König Karl.
Ihr sollt entlassen werden alsobald
Mit einem billgen Antrag; eine Nacht
Ist nur ein Odemzug und kurze Frist,
Um auf so wichtge Dinge zu erwidern. (Alle ab.)

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