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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Fünfte

William Shakespeare: König Heinrich der Fünfte - Kapitel 29
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Fünfte
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Troyes in Champagne

Von der einen Seite kommen König Heinrich, Bedford, Gloster, Exeter, Warwick, Westmoreland und andre Lords; von der andern König Karl, Königin Isabelle, die Prinzessin Katharina; Herren und Frauen, Herzog von Burgund und sein Gefolge

König Heinrich.
Sei Fried in diesem Kreis, den Friede schließt!
Euch, unserm Bruder Frankreich, unsrer Schwester
Erwünschtes Wohlergehn! und Freud und Lust
Mit unsrer schönsten Muhme Katharina!
Als einen Zweig und Mitglied dieses Königtums,
Der die Zusammenkunft hat angeordnet,
Begrüßen wir Euch, Herzog von Burgund;
Und fränksche Prinzen, Pairs, euch allen Heil!

König Karl.
Eur Antlitz sind wir hocherfreut zu sehn,
Sehr würdger Bruder England; seid willkommen!
Ihr alle, Prinzen englischen Geblüts!

Isabelle.
So glücklich ende dieser gute Tag,
Die freundliche Versammlung, Bruder England,
Wie wir uns jetzo Eurer Augen freun,
Der Augen, die sonst wider die Franzosen,
Die ihre Richtung traf, nur in sich trugen
Die Bälle mörderischer Basilisken.
Wir hoffen günstig, solcher Blicke Gift
Verliere seine Kraft, und dieser Tag
Werd alle Klag und Zwist in Liebe wandeln.

König Heinrich.
Um Amen drauf zu sagen, sind wir hier.

Isabelle.
Ihr Prinzen Englands alle, seid gegrüßt!

Burgund.
Euch beiden meine Pflicht bei gleicher Liebe,
Ihr großen Kön'ge! Daß ich dahin getrachtet,
Mit allem Witz und Müh und starkem Streben
Zu bringen Eure höchsten Majestäten
Zu dieser Schrank' und Reichszusammenkunft,
Zeugt Eure Herrlichkeit mir beiderseits.
Weil denn mein Dienst so weit gelungen ist,
Daß angesichts und fürstlich Aug in Auge
Ihr euch begrüßt, so laßt michs nicht beschämen,
Vor diesem königlichen Kreis zu fragen,
Was für ein Anstoß oder Hindernis
Dem nackten, armen und zerstückten Frieden,
Dem Pfleger aller Künst und Überflusses
Und freudiger Geburten, nicht erlaubt,
In diesem schönsten Garten auf der Welt,
Dem fruchtbarn Frankreich, hold die Stirn zu heben?
Ach! allzulang war er daraus verjagt,
In Haufen liegt all seine Landwirtschaft,
Verderbend in der eignen Fruchtbarkeit.
Sein Weinstock, der Erfreuer aller Herzen,
Stirbt ungeschneitelt; die geflochtne Hecke
Streckt, wie Gefangne wild mit Haar bewachsen,
Verworrne Zweige vor; im brachen Feld
Hat Lolch und Schierling und das geile Erdrauch
Sich eingenistet, weil die Pflugschar rostet,
Die solches Wucherkraut entwurzeln sollte.
Die ebne Wiese, lieblich sonst bedeckt
Mit bunten Primeln, Pimpernell und Klee,
Die Sichel missend, üppig, ohne Zucht,
Wird müßig schwanger und gebieret nichts
Als schlechten Ampfer, rauhe Disteln, Kletten,
Um Schönheit wie um Nutzbarkeit gebracht.
Wie unser Wein nun, Brachland, Wiesen, Hecken
Durch fehlerhaften Trieb zur Wildnis arten,
So haben wir samt unserm Haus und Kindern
Verlernt und lernen nicht – weil Muße fehlt –
Die Wissenschaften, unser Land zu zieren.
Wir wachsen auf gleich Wilden; wie Soldaten,
Die einzig nur auf Blut gerichtet sind,
Zum Fluchen, finstern Blicken, loser Tracht
Und jedem Ding, das unnatürlich scheint.
Um dies zur vorigen Gestalt zu bringen,
Seid ihr vereint: und meine Rede bittet,
Zu wissen, was den holden Frieden hemmt,
Daß er dies Ungemach nicht bannen könnte
Und uns mit seinen vorgen Kräften segnen.

König Heinrich.
Wünscht Ihr den Frieden, Herzog von Burgund,
Des Mangel den Gebrechen Wachstum gibt,
Die Ihr benannt, so müßt Ihr ihn erkaufen
Durch Leistung aller unsrer Forderungen,
Wovon die Summa und besondern Punkte
Ihr, kürzlich abgefaßt, in Händen habt.

Burgund.
Der König hörte sie, worauf er noch
Die Antwort nicht erteilt.

König Heinrich.
Nun wohl, der Friede,
Auf den Ihr eben drangt, liegt in der Antwort.

König Karl.
Ich habe die Artikel nur durchlaufen
Mit flüchtgem Blick; beliebt es Euer Gnaden,
Von Eurem Rate ein'ge zu ernennen
Zu einer Sitzung, um mit beßrer Acht
Sie wieder durchzugehn, so soll sogleich
Mein Beitritt und entschiedne Antwort folgen.

König Heinrich.
Bruder, so sei's, – Geht, Oheim Exeter
Und Bruder Clarence, und Ihr, Bruder Gloster,
Warwick und Huntington, geht mit dem König;
Und nehmt mit euch die Vollmacht, zu bekräftigen,
Zu mehren, ändern, wie es eure Weisheit
Für unsre Würd am vorteilhaftsten sieht,
An unsern Forderungen, was es sei;
Wir wollen dem uns fügen. – Teure Schwester,
Geht Ihr mit ihnen, oder bleibt bei uns?

Isabelle.
Ich will mit ihnen gehn, mein gnädger Bruder;
Vielleicht wirkt eines Weibes Stimme Gutes,
Wenn man auf Punkten zu genau besteht.

König Heinrich.
Doch laßt hier unsre Muhme Katharina,
Denn sie ist unsre erste Forderung,
In der Artikel Vorderrang begriffen.

Isabelle.
Es ist ihr gern erlaubt.

(Alle ab, außer König Heinrich, Katharina und ihr Fräulein.)

König Heinrich.
Nun, schöne Katharina! Allerschönste!
Geruht Ihr, einen Krieger zu belehren,
Was Eingang findet in der Frauen Ohr
Und seiner Lieb ihr sanftes Herz gewinnt?

Katharina.
Euer Majestät wird über mich spotten; ich kann Euer Englisch nicht sprechen.

König Heinrich.
O schöne Katharina, wenn Ihr mich kräftig mit Eurem französischen Herzen lieben wollt, so werde ich froh sein, es Euch mit Eurer englischen Zunge gebrochen bekennen zu hören. Bist du mir gut, Käthchen?

Katharina.
Pardonnez-moi, ich nicht verstehen, was ist «mir gut».

König Heinrich.
Die Engel sind dir gut, Käthchen, denn du bist so gut und schön wie ein Engel.

Katharina.
Que dit-il? Que les anges me veulent du bien, parceque je suis bonne et belle comme un ange?

Alice.
Oui, vraiment, sauf votre grace, c'est ce qu'il dit.

König Heinrich.
Ja, das sagte ich, schöne Katharina, und ich darf nicht erröten, es zu wiederholen.

Katharina.
O bon Dieu! Les langues des hommes sont pleines de tromperies.

König Heinrich.
Was sagt Sie, mein Kind? Daß die Zungen der Männer voller Betrug sind?

Alice.
Oui, daß die Zungen von die Mann voll der Betrug sein; das is die Prinzeß.

König Heinrich.
Die Prinzessin ist die vollkommenste Engländerin von beiden. Meiner Treu, Käthchen, meine Bewerbung ist für dein Verstehen schon gemacht. Ich bin froh, daß du nicht besser Englisch sprechen kannst; denn wenn du es könntest, so würdest du mich einen so schlichten König finden, daß du gewiß dächtest, ich hätte meinen Meierhof verkauft, um meine Krone zu kaufen. Ich verstehe mich nicht auf verblümte Winke bei der Liebe, sondern sage gerade heraus: «Ich liebe Euch»; wenn Ihr mich dann weiter drängt, als daß Ihr fragt: «Tut Ihr das im Ernste?» so ist mein Werben am Ende. Gebt mir Eure Antwort; im Ernste, tuts: und somit eingeschlagen und ein gemachter Handel! Was sagt Ihr, Fräulein?

Katharina.
Sauf votre honneur, ich verstehen gut.

König Heinrich.
Wahrhaftig, wenn Ihr mich Euretwegen zum Versemachen oder Tanzen bringen wolltet, Käthchen, so wäre ich verloren. Könnte ich eine Dame durch Luftsprünge gewinnen oder durch einen Schwung in den Sattel mit voller Rüstung, so wollte ich, mit Entschuldigung für mein Prahlen sei es gesagt, mich geschwind in eine Heirat hineinspringen. Oder könnte ich für meine Liebste einen Faustkampf halten oder mein Pferd für ihre Gunst tummeln, so wollte ich drangehn wie ein Metzger und fest sitzen wie ein Affe: niemals herunter. Aber, bei Gott, ich kann nicht bleich aussehen, noch meine Beredsamkeit auskeichen und habe kein Geschick in Beteurungen: bloße Schwüre ohne Umschweif, die ich nur gedrungen tue und um kein Dringen in der Welt breche. Kannst du einen Mann von dieser Gemütsart lieben, Käthchen, dessen Gesicht nicht wert ist, von der Sonne verbrannt zu werden, der niemals in seinen Spiegel sieht aus Liebe zu irgend was, das er da entdeckt, so laß dein Auge ihn dir zubereiten. Ich spreche mit dir auf gut Soldatisch: kannst du mich darum lieben, so nimm mich; wo nicht, und ich sage dir, daß ich sterben werde, so ist es wahr; aber aus Liebe zu dir – beim Himmel, nein! und doch liebe ich dich wirklich. All dein Leben lang, Käthchen, zieh einen Mann von schlichter und ungeschnitzter Beständigkeit vor, denn der muß dir notwendig dein Recht widerfahren lassen, weil er nicht die Gabe hat, andrerorten zu freien; denn diese Gesellen von endloser Zunge, die sich in die Gunst der Frauen hineinreimen können, wissen sich auch immer herauszuvernünfteln. Ei was! Ein Redner ist nur ein Schwätzer, ein Reim ist nur eine Singweise. Ein gutes Bein fällt ein, ein gerader Rücken wird krumm, ein schwarzer Bart wird weiß, ein krauser Kopf wird kahl, ein schönes Gesicht runzelt sich, ein volles Auge wird hohl: aber ein gutes Herz, Käthchen, ist die Sonne und der Mond, oder vielmehr die Sonne und nicht der Mond, denn es scheint hell und wechselt nie, sondern bleibt treulich in seiner Bahn. Willst du so eins, so nimm mich, nimm mich, nimm einen Soldaten; nimm einen Soldaten, nimm einen König. Und was sagst du denn zu meiner Liebe? Sprich, meine Holde, und hold, ich bitte dich.

Katharina.
Ist es möglich, daß ich sollte lieben die Feind von Frankreich?

König Heinrich.
Nein, es ist nicht möglich, Käthchen, daß Ihr den Feind Frankreichs lieben solltet; aber indem Ihr mich liebt, würdet Ihr den Freund Frankreichs lieben; denn ich habe Frankreich so lieb, daß ich kein Dorf davon will fahren lassen, es soll ganz mein sein. Und Käthchen, wenn Frankreich mein ist und ich Euer bin, so ist Frankreich Euer und Ihr seid mein.

Katharina.
Ich weiß nicht, was das will sagen.

König Heinrich.
Nicht, Käthchen? Ich will es dir auf Französisch sagen, was gewiß an meiner Zunge hängen wird wie eine neuverheiratete Frau am Halse ihres Mannes, kaum abzuschütteln. Quand j'ai la possession de France, et quand vous avez la possession de moi (laß sehen, wie nun weiter? Sankt Dionys, stehe mir bei!), donc votre est France, et vous êtes mienne. Es wird mir ebenso leicht, Käthchen, das Königreich zu erobern, als noch einmal soviel Französisch zu sprechen; auf Französisch werde ich dich nie zu etwas bewegen, außer über mich zu lachen.

Katharina.
Sauf votre honneur, le françois que vous parlez est meilleur que l'anglois que je parle.

König Heinrich.
Nein, wahrlich nicht, Käthchen; sondern man muß eingestehen, daß unser beider höchst wahrhaft falsches Reden der Sprache des andern ziemlich auf eins hinausläuft. Aber Käthchen, verstehst du soviel von meiner Sprache: Kannst du mich lieben?

Katharina.
Ich weiß nicht zu sagen.

König Heinrich.
Weiß es wer von Euren Nachbarinnen zu sagen, Käthchen? Ich will sie fragen. Geh nur, ich weiß, du liebst mich; und zu Nacht, wenn Ihr in Euer Schlafzimmer kommt, werdet Ihr dies Fräulein über mich befragen, und ich weiß, Käthchen, Ihr werdet gegen sie die Gaben an mir herabsetzen, die Ihr von Herzen liebt. Aber, gutes Käthchen, spotte barmherzig über mich, um so mehr, holde Prinzessin, da ich dich grausam liebe. Wenn du jemals mein wirst, Käthchen – und ich habe einen seligmachenden Glauben in mir, der mir sagt, daß du es werden wirst –, so gewinne ich dich durch Zugreifen in der Rappuse, und du mußt daher notwendig gute Soldaten zur Welt bringen. Werden nicht du und ich, mit Hilfe von Sankt Dionys und Sankt Georg, einen Jungen, halb französisch und halb englisch zustande bringen, der nach Konstantinopel gehen und den Türken am Barte zupfen wird? Nicht wahr? Was sagst du, meine schöne goldne Lilie?

Katharina.
Ich nicht das weiß.

König Heinrich.
Ja, wissen kann man es erst in Zukunft, aber versprochen werden muß es jetzt, Käthchen, daß Ihr Euch um Euren französischen Teil eines solchen Jungen bemühen wollt; und für meine englische Hälfte nehmt das Wort eines Königs und eines Junggesellen. Was antwortet Ihr, la plus belle Catharine du monde, mon très chère et divine déesse?

Katharina.
Eure Majesté 'aben fausse Französisch genug, um zu betrügen la plus sage demoiselle, die sein en France.

König Heinrich.
Nein, pfui über mein falsches Französisch! Bei meiner Ehre, auf echt Englisch, ich liebe dich, Käthchen! Ich wage es nicht, bei dieser Ehre zu schwören, daß du mich liebst; jedoch fängt mein Blut an, mir zu schmeicheln, daß du es tust, wiewohl mein Gesicht einen so herben und uneinnehmenden Eindruck macht. Verwünscht sei der Ehrgeiz meines Vaters! Er dachte auf bürgerliche Kriege, als er mich erzeugte: deswegen kam ich mit einer starren Außenseite auf die Welt, mit einer eisernen Gestalt, so daß ich die Frauen erschrecke, wenn ich komme, um sie zu werben. Aber auf Glauben, Käthchen: je älter ich werde, je besser werde ich mich ausnehmen; mein Trost ist, daß das Alter, dieser schlechte Verwahrer der Schönheit, meinem Gesichte keinen Schaden mehr tun kann: wenn du mich nimmst, so nimmst du mich in meinem schlechtesten Zustande, und wenn du mich trägst, werde ich durchs Tragen immer besser und besser werden. Und also sagt mir, schönste Katharina, wollt Ihr mich? Legt Euer jungfräuliches Erröten ab und offenbart die Gesinnungen Eures Herzens mit den Blicken einer Kaiserin, nehmt mich bei der Hand und sagt: «Heinrich von England, ich bin dein»; und sobald du mein Ohr mit diesem Worte gesegnet hast, werde ich laut zu dir sagen: «England ist dein, Irland ist dein, Frankreich ist dein, und Heinrich Plantagenet ist dein, der (ob ich es schon in seiner Gegenwart sage), wo nicht der beste der Könige, doch ein König wackrer Leute ist.» Wohlan, gebt mir Eure Antwort in gebrochner Musik: denn Eure Stimme ist Musik, und Euer Englisch gebrochen. Also, Königin der Welt, Katharina, brich dein Stillschweigen in gebrochnem Englisch: willst du mich haben?

Katharina.
Das ist zu sagen, wie es gefallen wird die roi mon père.

König Heinrich.
Ei, es wird ihm wohl gefallen, Käthchen; es soll ihm gefallen, Käthchen.

Katharina.
Dann bin ich es auch zufrieden.

König Heinrich.
Somit küsse ich Eure Hand und nenne Euch meine Königin.

Katharina.
Laissez, monseigneur, laissez, laissez! Ma foi, je ne veux point que vous abaissiez votre grandeur en baisant la main de votre indigne servante; excusez-moi, je vous supplie, mon très puissant seigneur.

König Heinrich.
So will ich Eure Lippen küssen, Käthchen.

Katharina.
Ce n'est pas la coutume de France, de baiser les dames et demoiselles avant leurs noces.

König Heinrich.
Frau Dolmetscherin, was sagt sie?

Alice.
Daß es nicht sein die Sitte pour les Damen in Frankreich – ich weiß nicht zu sagen, was is baiser auf Englisch.

König Heinrich.
Küssen.

Alice.
Euer Majestät entendre besser que moi.

König Heinrich.
Es ist nicht Sitte in Frankreich, die Mädchen vor der Heirat zu küssen, wollte sie sagen?

Alice.
Oui, vraiment.

König Heinrich.
O Käthchen, strenge Gewohnheiten schmiegen sich vor großen Königen. Liebes Käthchen, wir beiden können uns nicht von den schwachen Schranken der Sitten des Landes einengen lassen. Wir sind die Urheber von Gebräuchen, Käthchen, und die Freiheit, die unsern Rang begleitet, stopft allen Splitterrichtern den Mund, wie ich es jetzt Eurem tun will, weil ich die strenge Sitte Eures Landes aufrechterhalten wollte, indem er mir einen Kuß weigerte. Also geduldig und nachgiebig! (Küßt sie.) Ihr habt Zauberkraft in Euren Lippen, Käthchen; es ist mehr Beredsamkeit in einer süßen Berührung von ihnen als in den Zungen des ganzen französischen Rates, und sie würden Heinrich von England eher bereden als eine allgemeine Bittschrift der Monarchen. Da kommt Euer Vater.

König Karl und Isabelle, Burgund, Bedford, Gloster, Exeter, Westmoreland und andre französische und englische Herren treten auf.

Burgund.
Gott erhalte Eure Majestät! Mein königlicher Vetter, lehrt Ihr unsre Prinzessin Englisch?

König Heinrich.
Ich wünschte, mein werter Vetter, sie möchte lernen, wie vollkommen ich sie liebe, und das ist gut Englisch.

Burgund.
Ist sie nicht gelehrig.

König Heinrich.
Unsre Sprache ist rauh, Vetter, und meine Gemütsart nicht sanft, so daß ich, weder mit der Stimme noch dem Herzen der Schmeichelei begabt, den Geist der Liebe nicht so in ihr heraufbeschwören kann, daß er in seiner wahren Gestalt erschiene.

Burgund.
Verzeiht die Freiheit meines Scherzes, wenn ich darauf diene. Wenn Ihr in ihr beschwören wollt, müßt Ihr einen Zirkel machen: wollt Ihr den Liebesgott in ihr in seiner wahren Gestalt heraufbeschwören, so muß er nackt und blind erscheinen. Könnt Ihr sie also tadeln, da sie noch ein Mädchen mit den jungfräulichen Rosen der Sittsamkeit überpurpurt ist, wenn sie die Erscheinung eines nackten blinden Knaben in ihrem nackten sehenden Selbst nicht leiden will? Es ist für ein Mädchen in der Tat eine harte Bedingung einzugehn.

König Heinrich.
Doch drücken sie ein Auge zu und geben nach, so wie die Liebe blind ist und in sie dringt.

Burgund.
Dann sind sie entschuldigt, mein Fürst, wenn sie nicht sehen, was sie tun.

König Heinrich.
Lehrt also Eure Muhme ein Auge zudrücken, bester Herr!

Burgund.
Ich will ein Auge zudrücken, um es ihr zu verstehen zu geben, wenn Ihr sie nur lehren wollt, reine Meinung zu verstehen. Denn Mädchen, wohl durchgesommert und warm gehalten, sind wie Fliegen um Bartholomäi: blind, ob sie schon ihre Augen haben, und dann lassen sie sich handhaben, da sie zuvor kaum das Ansehen ertrugen.

König Heinrich.
Dies Gleichnis vertröstet mich auf die Zeit und einen heißen Sommer; und so werde ich die Fliege, Eure Muhme, am Ende fangen, und sie muß obendrein blind sein.

Burgund.
Wie die Liebe ist, mein Fürst, ehe sie liebt.

König Heinrich.
Ja, das ist sie, und einige unter euch können der Liebe für meine Blindheit danken, daß ich so manche französische Stadt über ein schönes französisches Mädchen, das mir im Wege steht, nicht sehen kann.

König Karl.
Ja, mein Fürst, Ihr seht sie perspektivisch, die Städte in ein Mädchen verwandelt; denn sie sind alle mit jungfräulichen Mauern umgeben, in welche der Krieg nie hineindrang.

König Heinrich.
Soll Käthchen mein Weib sein?

König Karl.
So es Euch beliebt.

König Heinrich.
Ich bin es zufrieden; wenn nur die jungfräulichen Städte, wovon Ihr sprecht, ihr Gefolge ausmachen dürfen, so wird das Mädchen, das meinem Wunsch im Wege stand, mir den Weg zu meinem Willen weisen.

König Karl.
Wir geben zu, was irgend billig ist.

König Heinrich.
Ists so, ihr Lords von England?

Westmoreland.
Der König hat uns jeden Punkt gewährt,
Erst seine Tochter und demnächst das andre,
Nach unsers Vorschlags festgesetzter Weise.

Exeter.
Nur dieses hat er noch nicht unterzeichnet:
wo Eure Majestät begehrt, daß der König von Frankreich, wenn er Veranlassung hat, schriftlich um etwas anzusuchen, Eure Hoheit folgendermaßen und mit diesem Zusatz auf Französisch benennen soll: Notre très cher fils Henry, roi d'Angleterre, héritier de France; und so auf Lateinisch: Praeclarissimus filius noster Henricus, rex Angliae et heres Franciae.

König Karl.
Auch dies hab ich nicht so geweigert, Bruder,
Daß ich mich Eurem Wunsch nicht fügen sollte.

König Heinrich.
So bitt ich Euch nach unserm Liebesbund,
Laßt den Artikel mit den andern gehn,
Und somit gebt mir Eure Tochter.

König Karl.
Nimm sie, mein Sohn; erweck aus ihrem Blut
Mir ein Geschlecht, auf daß die zwist'gen Staaten
Frankreich und England, deren Küsten selbst
Vor Neid erblassen bei des andern Glück,
Den Haß beenden und dies teure Bündnis
In ihre holden Busen Nachbarschaft
Und christlich Einverständnis pflanzen mag;
Auf daß der Krieg nie führe blutge Streiche,
Inmitten England und dem fränkschen Reiche!

Alle.
Amen!

König Heinrich.
Willkommen, Käthchen, nun! Und zeugt mir alle,
Daß ich sie küß als meine Königin!

(Trompetenstoß.)

Isabelle.
Gott, aller Ehen bester Stifter, mache
Eins Eure Herzen, eure Länder eins!
Wie Mann und Weib, die zwei, doch eins in Liebe,
So sei Vermählung zwischen euren Reichen,
Daß niemals üble Dienste, arge Eifersucht,
Die oft das Bett der heilgen Ehe stört,
Sich dränge zwischen dieser Reiche Bund,
Und, was einander einverleibt, zu scheiden;
Daß Englische und Franken nur die Namen
Von Brüdern sei'n: Gott sage hiezu Amen!

Alle.
Amen!

König Heinrich.
Bereiten wir die Hochzeit; auf den Tag
Empfang ich, Herzog von Burgund, von Euch
Und allen Pairs den Eid zu des Vertrags Gewähr.
Darin schwör ich, Käthchen, dir, du mir dagegen;
Und, treu bewahrt, gedeih es uns zum Segen! (Alle ab.)

Chorus tritt auf.

Chorus.
So weit, mit rauhem, ungelenkem Kiel,
    Kam unser Dichter, der Geschicht sich bückend,
Beschränkend große Leut in engem Spiel,
    Ruckweise ihres Ruhmes Bahn zerstückend.
Nur kleine Zeit, doch groß in seiner Kraft
    Schien Englands Stern; das Glück gab ihm sein Schwert,
Das ihm der Erde schönsten Garten schafft
    Und seinem Erben Reich und Herrschaft mehrt.
Heinrich der Sechst, in Windeln schon ernennt
    Zu Frankreichs Herrn und Englands, folgt ihm nach,
Durch dessen vielberatnes Regiment
    Frankreich verloren ward und England schwach –
Was oft auf unsrer Bühne vorgegangen;
    Und wollet drum auch dies geneigt empfangen!

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