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König Heinrich der Fünfte

William Shakespeare: König Heinrich der Fünfte - Kapitel 16
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Fünfte
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechste Szene

Das englische Lager in der Pikardie

Gower und Fluellen treten auf

Gower.
Wie stehts, Kapitän Fluellen? Kommt Ihr von der Brücke?

Fluellen.
Ich versichre Euch, es wird bei der Prücke gar fürtrefflicher Dienst ausgerichtet.

Gower.
Ist der Herzog von Exeter in Sicherheit?

Fluellen.
Der Herzog von Exeter ist so heldenmütig wie Agamemnon, und ein Mann, den ich liebe und verehre mit meiner Seele, und meinem Herzen, und meinem Eifer und meinem Leben, und meinen Lebtagen, und meinem äußersten Vermögen; er ist, Gott sei Lob und Dank, nicht im geringsten in der Welt verwundet, sondern behauptet die Prücke gar tapfer mit fürtrefflicher Kriegskunst. Es ist da ein Fähnrich bei der Prücke, ich denke in meinem besten Gewissen, er ist ein so tapfrer Mann wie Mark Anton; und er ist ein Mann von keiner Achtbarkeit in der Welt, aber ich sah ihn wackern Dienst verrichten.

Gower.
Wie nennt Ihr ihn?

Fluellen.
Er heißt Fähnrich Pistol.

Gower.
Ich kenne ihn nicht.

Pistol kommt.

Fluellen.
Kennt ihr ihn nicht? Da kommt unser Mann.

Pistol.
Hauptmann, ich bitte dich, mir Gunst zu tun:
Der Herzog Exeter ist dir geneigt.

Fluellen.
Ja, Gott sei gelobt, ich habe auch einige Liebe seiner seits verdient.

Pistol.
Bardolph, ein Krieger, fest und stark von Herzen,
Von munterm Mute, hat durch grausam Schicksal
Und tollen Glückes grimmig wechselnd Rad
Der blinden Göttin,
Die auf dem rastlos roll'nden Steine steht –

Fluellen.
Mit Eurem Verlaub, Fähnrich Pistol. Fortuna wird plind gemalt, mit einer Binde vor ihren Augen, um Euch anzudeuten, daß das Glück plind ist. Ferner wird sie auch mit einem Rade gemalt, um Euch anzudeuten, was die Moral daraus ist, daß sie wechselnd und unbeständig ist, und Veränderung und Wankelmütigkeiten; und ihr Fuß, seht Ihr, ist auf einen kugelförmigen Stein gestellt, der rollt und rollt und rollt. In wahrem Ernste, von den Poeten sein gar fürtreffliche Beschreibung der Fortuna gemacht; Fortuna, seht Ihr, ist eine fürtreffliche Moral.

Pistol.
Fortun' ist Bardolphs Feind und zürnt mit ihm:
Er stahl nur ein' Monstranz und muß gehangen sein.
Verdammter Tod!
Der Mensch sei frei, der Galgen gähne Hunden,
Und Hanf ersticke nicht die Luftröhr' ihm!
Doch Exeter hat Todesspruch erteilt
Um nichtige Monstranz;
Drum geh und sprich, der Herzog hört dein Wort:
Laß Bardolphs Lebensfaden nicht zerschneiden
Mit scharfem Pfennigstrick und niederm Schimpf.
Sprich, Hauptmann, für sein Heil, und ich vergelt es dir.

Fluellen.
Fähnrich Pistol, ich verstehe gewissermaßen Eure Meinung.

Pistol.
Nun denn, so freu dich des.

Fluellen.
Gewißlich, Fähnrich, es ist keine Sache, um sich darüber zu freun; denn, seht Ihr, wenn er mein Pruder wäre, so wollte ich den Herzog bitten, nach bestem Pelieben mit ihm zu verfahren und die Exekution an ihm auszuüben, denn Disziplin muß gehandhabt werden.

Pistol.
So stirb und sei verdammt, und figo dir
Für deine Freundschaft.

Fluellen.
Es ist gut.

Pistol.
Die spanische Feige! (Pistol ab.)

Fluellen.
Sehr wohl!

Gower.
Ei, das ist ein erzbetrügerischer Schelm, jetzt erinnre ich mich seiner: ein Kuppler, ein Beutelschneider.

Fluellen.
Ich versichre Euch, er gab bei der Prücke so prafe Worte zu vernehmen, wie man sie nur an einem Festtage sehen kann. Aber es ist sehr gut; was er zu mir gesagt hat, ist gut, ich stehe Euch dafür, wenn die Zeit dienlich kommt.

Gower.
Ei, er ist ein Gimpel, ein Narr, ein Schelm, der dann und wann in den Krieg geht, um bei seiner Zurückkunft in London in der Gestalt eines Soldaten zu prangen. Und dergleichen Gesellen sind fertig mit den Namen großer Feldherrn, und sie lernen auswendig, wo Dienste geleistet worden sind: bei der oder der Feldschanze, bei dieser Bresche, bei jener Bedeckung; wer rühmlich davonkam, wer erschossen ward, wer sich beschimpfte, welche Lage der Feind behauptete. Und dies lernen sie vollkommen in der Soldatensprache, die sie mit neumodischen Flüchen aufstutzen; und was ein Bart nach dem Schnitte des Generals und ein rauher Feldanzug, unter schäumenden Flaschen und biergetränkten Köpfen vermögen, das ist erstaunlich zu denken. Aber Ihr müßt solche Mißzierden des Zeitalters kennenlernen, sonst könnt Ihr Euch außerordentlich betrügen.

Fluellen.
Ich will Euch was sagen, Kapitän Gower: ich merke schon, er ist nicht der Mann, als den er sich gern bei der Welt möchte gelten lassen. Wenn ich ein Loch in seinem Rocke finde, so will ich ihm meine Meinung sagen. (Man hört Trommeln.) Hört Ihr, der König kommt, und ich muß mit ihm von wegen der Prücke reden.

König Heinrich, Gloster und Soldaten treten auf.

Fluellen.
Gott segne Eure Majestät!

König Heinrich.
Nun, Fluellen, kommst du von der Brücke?

Fluellen.
Ja, zu Euer Majestät Befehl. Der Herzog von Exeter hat die Prücke sehr tapfer behauptet, die Franzosen sein davongegangen, und es gibt daselbst gar prafe und gar tapfre Vorfälle. Meiner Treu, der Feind tat die Prücke in Besitz nehmen, aber er ist genötigt, sich zurückzuziehn, und der Herzog von Exeter ist Meister von der Prücke; ich kann Euer Majestät sagen, der Herzog ist ein prafer Mann.

König Heinrich.
Was habt Ihr für Leute verloren, Fluellen?

Fluellen.
Die Schadhaftigkeit des Feindes ist gar groß gewesen, gar ansehnlich groß; aber ich denke für mein Teil, der Herzog hat keinen einzigen Mann verloren außer einem, der vermutlich hingerichtet wird, weil er eine Kirche beraubt hat, ein gewisser Bardolph, wenn Eure Majestät den Mann kennt: sein Gesicht ist nichts wie Pusteln, Finnen, Knöpfe und Feuerflammen, und seine Lippen plasen ihm an die Nase, und sie sein wie feurige Kohlen, manchmal plan und manchmal rot; aber seine Nase ist hingerichtet, und sein Feuer ist aus.

König Heinrich.
Wir wollen alle solche Verbrecher ausgerottet wissen, und wir erteilen ausdrücklichen Befehl, daß auf unsern Märschen durch das Land nichts von den Dörfern erzwungen werde, nichts genommen, ohne zu bezahlen, daß kein Franzose geschmäht oder mit verächtlichen Reden mißhandelt werde: denn wenn Milde und Grausamkeit um ein Königreich spielen, so wird der gelindeste Spieler am ersten gewinnen.

Trompeten. Montjoye tritt auf.

Montjoye.
Ihr wißt an meiner Tracht, wer ich bin.

König Heinrich.
Nun gut, ich weiß es; was soll ich von dir wissen?

Montjoye.
Meines Herrn Willen.

König Heinrich.
Erkläre ihn.

Montjoye.
So sagt mein König: «Sage du an Heinrich von England, ob wir schon tot schienen, schliefen wir doch nur; Vorteil ist ein besserer Soldat als Übereilung. Sag ihm, wir hätten ihn bei Harfleur zurückweisen können, aber wir fanden nicht für gut, eine Schwäre aufzustoßen, bis sie völlig reif wäre; jetzt reden wir auf unser Stichwort, und unsre Stimme ist gebietend: England soll seine Torheit bereun, seine Schwäche sehn und unsre Geduld bewundern. Heiß ihn also sein Lösegeld bedenken, welches nach dem Verlust, den wir ertragen haben, nach den Untertanen, die wir eingebüßt, nach der Erniedrigung, die wir uns gefallen lassen, abgemessen werden muß: was nach vollem Gewicht zu vergüten, seine Kleinheit erdrücken würde. Für unsern Verlust ist seine Schatzkammer zu arm, für die Vergießung unsers Bluts das Aufgebot seines Königreichs eine zu schwache Zahl, und für unsre Erniedrigung würde seine eigne Person, zu unsern Füßen kniend, nur eine schwache und unwürdige Genugtuung sein. Hierauf laß Herausforderung folgen und sag ihm zum Schlusse, er habe seine Leute verraten, deren Verdammnis ausgesprochen ist.» So weit mein Herr und Meister, so viel umfaßt mein Auftrag.

König Heinrich.
Wie ist dein Nam? Ich kenne schon dein Amt.

Montjoye.
Montjoye.

König Heinrich.
Du führst den Auftrag wacker aus. Zieh heim!
Sag deinem Herrn, ich such ihn jetzo nicht
Und möchte lieber ohne Hindernis
Zurückziehn nach Calais; denn, wahr zu reden
(Wiewohl es keine Weisheit ist, soviel
Dem schlauen Feind im Vorteil zu bekennen),
Durch Krankheit abgemattet ist mein Volk,
Die Zahl verringert, und der kleine Rest
Beinah nicht besser als soviel Franzosen,
Da in gesundem Stand, ich sag dirs, Herold,
Ein englisch Paar von Beinen drei Franzosen
Mir schien zu tragen. – Doch verzeih mir Gott,
Daß ich so prahle; eure fränksche Luft
Weht mir dies Laster an, das ich bereue.
Drum geh, sag deinem Meister, ich sei hier,
Mein Lösgeld dieser schwache, nichtge Leib,
Mein Heer nur eine matte, kranke Wacht.
Doch, Gott voran, sag ihm, wir wollen kommen,
Ob Frankreich selbst und noch ein solcher Nachbar
Im Weg uns stände. Hier für deine Müh!
Geh, heiße deinen Herrn sich wohl bedenken.
Kann ich vorbeiziehn, gut; werd ich gehindert,
So soll eur rotes Blut den braunen Grund
Verfärben; und somit, Montjoye, leb wohl!
Der Inhalt unsrer Antwort ist nur dies:
Wir suchen, wie wir sind, ein Treffen nicht,
Noch wollen wir es meiden, wie wir sind.
Sagt Eurem Herrn das!

Montjoye.
Ich wills bestellen. Dank sei Euer Hoheit!

(Montjoye ab.)

Gloster.
Sie werden, hoff ich, jetzt nicht auf uns fallen.

König Heinrich.
Wir sind in Gottes Händen, Bruder, nicht in ihren.
Marschiert zur Brücke; jetzo naht die Nacht,
Jenseits der Brücke wollen wir uns lagern
Und morgen weiter fort sie heißen ziehn.

(Alle ab.)

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