Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Volbehr >

König Bob, der Elefant

Theodor Volbehr: König Bob, der Elefant - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/volbehr/koenigbo/koenigbo.xml
typefairy
authorTheodor Volbehr
titleKönig Bob, der Elefant
illustratorPaul Neuenborn
publisherHermann & Friedrich Schaffstein
seriesBlaue Bändchen
volumeZweiundzwanzigstes der Blauen Bändchen
editorI. von Harten und K. Henniger
year
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090529
projectid3bb156df
Schließen

Navigation:

Der Kriegsrat

Auf der Lichtung war es an diesem Vormittag ungewöhnlich lebendig. In ganzen Trupps kamen die Pinselschweine und die Rindböcke, die Schwarzbüffel und all die andern Vierfüßler des Inselreichs. Die Baumkronen waren bedeckt von Papageien und Webervögeln, von Hornvögeln und Pisangfressern. In den Ästen schwangen sich langgeschwänzte Meerkatzen aller möglichen Gattungen, und im Flußbett stampften gewaltige Dickhäuter und glotzten erstaunt umher. Allmählich drängten sich die einzelnen Völker dichter und dichter zusammen, und es begann in den Gruppen eine lebhafte Unterhaltung. Man merkte, daß es sich um wichtige Dinge handelte. Über der Lichtung wogte ein Gewirr von schmatzenden, bellenden, grunzenden Stimmen und schwoll immer mehr zu einem lauten Getöse an. Gegen Mittag nahm der Lärm ab. Die Haufen lösten sich auf, und ein Tier nach dem andern verließ den Platz. Nur ein einziger Vertreter von jedem der Volkshaufen blieb zurück. Und die Zurückgebliebenen schritten langsam und feierlich dorthin, wo am Flußufer ein einziger hoher Baum stand.

Es war ganz still auf der weiten Fläche. Nur an zwei Stellen des weiten Runds war ein unruhiges Hin und Her in den Bäumen zu merken.

Grotschnut, der Erwählte der Flußpferde, hob sein schweres Haupt aus dem Wasser und blickte aufmerksam nach allen Zeiten. Lässig nickte er jedem der Herankommenden zu; dann fielen seine Augen auf die kribbelnde Unruhe am Waldrand, und er fragte in seinem tiefen Baß: »Was ist denn da los?«

Vom Baum herunter schrie Kridewitt, der Häuptling der Papageien: »Das da sind die Hornvögel, die warten noch auf Knieptang, ihren Häuptling; und das da, das sind die Meerkatzen, die wissen nicht, wo ihr Rackertüg geblieben ist.«

Ärgerlich brummte Grotschnut: »Unpünktliches Volk! Gewartet wird nicht! Sind sonst alle da?« Er blickte sich gelassen um und überzählte die kleine Schar.

Da flog quer über die Lichtung in schnellem, lautem Fluge Knieptang, der Hornvogel, und über das Gras setzte in langen Sprüngen Rackertüg, der Affe. Bob aber war nicht bei ihnen. Grotschnut blickte nachlässig über die beiden hin, als sie sich entschuldigen wollten, und sagte: »Schon gut; wären auch ohne euch fertig geworden.« Dann ließ er das Maul ins Wasser sinken, hob es langsam wieder und sagte, während das Wasser ihm zu den Seiten heruntertropfte: »Das Sprechen wird mir ein bißchen sauer. Du könntest wohl den Bericht übernehmen, Schwarzbüffel.«

Stiefnack, der Schwarzbüffel, grunzte dumpf und ließ die schwarzblauen Augen unter den schweren Hörnern hervorblitzen. Er trat neben Grotschnut dicht an den Fluß heran, wandte sich den Abgesandten der Völker zu und sagte: »Der König ist tot. Morgen ist die Wahl. Ihr wißt es alle. Das Geschlecht der Tiger ist nicht mehr, wen sollen wir wählen?«

Da rief es von allen Seiten, und ein Dutzend Namen schwirrten durch die Luft.

»Ruhig!« rief das Flußpferd. »Einer nach dem andern!«

Stiefnack ergriff wieder das Wort: »Ich glaube, daß doch wohl der Stärkste König werden muß.«

»Natürlich, der Stärkste!« – »Nein, der Klügste!« -

»Bewahre, der Edelste!« So klang es durcheinander.

Stiefnack neigte das schwere Gehörn und blickte zornig um sich. Da hörte er über sich die knarrende Stimme Knieptangs und hob lauschend das Haupt. Denn er wußte, daß Knieptang ein kluger Vogel war. Und das Flußpferd blickte auch zum Baum in die Höhe, und alle Augen folgten seinen Blicken.

Knieptang bewegte grüßend die Flügel und sagte: »Verzeiht, wenn ich armer, bescheidener Vogel in einer so erlauchten Versammlung zuerst das Wort nehme. Aber ich habe euch Wichtiges zu melden. Zunächst muß ich sagen, daß – wie ich meine – Stiefnack durchaus recht hat: der Stärkste muß unser König werden; denn nur der Stärkste wird es mit unsern Feinden, den Raubtieren, aufnehmen können.«

»Bravo!« brummte der Schwarzbüffel, und das Flußpferd schlug klappernd die mächtigen Zähne zusammen.

»Aber auch die andern haben recht: der Klügste und der Edelste muß unser König sein; denn er muß es verstehen, uns Pflanzenfresser zum Siege zu führen, und er muß ein Herz für die Kleinen und Schwachen haben.« – »Larifari!« knurrte das Flußpferd. »Bravo! Bravo!« schrie Rackertüg.

»Und deshalb müssen wir den suchen,« – fuhr Knieptang ruhig fort, »der nicht nur der Stärkste, sondern der auch der Klügste und der Edelste ist.«

»Und wer ist denn das?« grollte der Schwarzbüffel.

»Das ist Bob, der Elefant!« schrie Rackertüg; und Knieptang sagte: »Ja, das ist Bob, der Elefant!« – »Wer?« – »Was redet der Kerl?« – »Elefant?« – »Ruhe!« – »Er ist verrückt geworden!« So klang es wirr durcheinander. Knieptang aber stieß dreimal einen scharfen Schrei aus. Da löste sich eine mächtige Gestalt aus dem Schatten am Waldrand, und in gemessener Ruhe schritt Bob auf die Versammlung zu.

»Seht, dort kommt er!« rief Rackertüg und sprang in großen Sätzen dem Elefanten entgegen.

Die Häuptlinge alle standen wie gelähmt und starrten dem Riesen entgegen. Nur der Schwarzbüffel senkte die Stirn, als wolle er es wagen, sich zum Kampfe zu stellen.

»Laß das!« sagte das Flußpferd, »der ist stärker als ich und als du!« Und lauter sagte er, damit alle es hören sollten: »Knieptang hat recht! Das ist wirklich ein Elefant. Ich kenne das Geschlecht vom großen Strom her. Es ist ein tapferes, kluges Geschlecht.«

»Und er ist edelmütig!« rief Knieptang. »Mein Weib hat er aus den Klauen der Zibetkatze gerettet und Rackertüg aus den Zähnen des Leoparden!«

Da löste sich der Bann von den Herzen der Tiere, und bewundernd blickten sie auf den Riesenleib Bobs, als er unter sie trat.

Grüßend hob Bob das mächtige Haupt, daß die gewaltigen Hauer in der Sonne blitzten und der Rüssel sich zu den Zweigen des Baumes reckte; dann senkte er die Stirn fast bis zum Wasser hinab.

Und er sprach: »Ich grüße euch, ihr Herren vieler Völker dieser Insel. Knieptang und Rackertüg haben mir erzählt von dem, was heute eure Herzen bewegt. Und sie haben mich gebeten, euch beizustehen im Kampf gegen die Raubtiere. Gern will ich euch helfen, soviel ich es vermag. Aber ich muß erst wissen, ob ihr alle mit mir gehen wollt.«

Er schwieg; und einen Augenblick war eine große Stille. Dann sagte Grotschnut: »Wir verstehen dich noch nicht ganz, Bob. Wir sind hier, um uns klar darüber zu werden, wen mir morgen zum König wählen wollen. Willst du unser König werden?«

»Laßt das einstweilen,« antwortete Bob, »darüber können wir später sprechen. Die Hauptsache ist, daß wir Herr werden über die Raubtiere, und zwar ehe es zur Wahl kommt.«

»Wie meinst du das?« fragte Grotschnut.

»Wir müssen die Raubtiere aus dem Lande vertreiben.«

»Wie? Was? Vertreiben?!«

»Ja, freilich! Vertreiben! Seht, genau so wie die Pflanzenfresser sich heut früh hier vereinigt hatten, – Knieptang und Rackertüg haben mich von allem unterrichtet – so werden sich morgen früh die Raubtiere irgendwo versammeln, um über die Wahl zu beraten. Nun handelt es sich natürlich erstens darum, zu erfahren, wo diese Versammlung stattfindet, dann aber die ganze Versammlung abzufangen und unschädlich zu machen.« – In den Zweigen klang es wie ein unterdrücktes Kichern, und die Vierfüßler sahen sich an, als machte Bob einen schlechten Witz.

Bob aber fuhr ruhig fort: »Seht, niemals wieder werden wir alle Raubtiere so schön auf einem Haufen haben; und was das Unschädlichmachen anbetrifft, so kommt eben alles auf die Kriegslist an und darauf, ob ihr alle mitmachen wollt.«

Die Tiere drängten sich dichter zusammen, und Bob dämpfte seine Stimme so sehr, daß Großschnut seine kleinen Ohren wie Trichter öffnen mußte, um jedes Wort zu verstehen.

Allmählich ging eine leise Bewegung durch den Kreis der Lauscher. Die Vögel bewegten lustig ihre Flügel, und die Vierfüßler schlugen mit ihren Schwänzen hin und her und stießen leise Freudentöne aus.

Als Bob seine Kriegslist eingehend auseinandergesetzt hatte, erscholl ein einmütiges Schnalzen, Brummen und Grunzen der Zustimmung, und Grotschnut sagte: »Großartig, Bob, wirklich großartig!«

»Na also,« rief Bob wieder in lautem Ton, »dann tut alle eure Pflicht! Auf Wiedersehen morgen früh!«

»Auf Wiedersehen morgen früh!« riefen alle. Das Flußpferd schwamm eiliger als gewöhnlich den Fluß hinunter zum großen Strom, Büffel und Pinselschwein sausten in den Wald hinein, und die Vögel flogen zu ihren gewohnten Sammelplätzen. Nur Knieptang und Rackertüg blieben noch lange bei Bob zurück, und die drei überlegten noch einmal alles, was für den kommenden Tag zu bedenken war.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.