Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Volbehr >

König Bob, der Elefant

Theodor Volbehr: König Bob, der Elefant - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/volbehr/koenigbo/koenigbo.xml
typefairy
authorTheodor Volbehr
titleKönig Bob, der Elefant
illustratorPaul Neuenborn
publisherHermann & Friedrich Schaffstein
seriesBlaue Bändchen
volumeZweiundzwanzigstes der Blauen Bändchen
editorI. von Harten und K. Henniger
year
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090529
projectid3bb156df
Schließen

Navigation:

Rackertüg wird ein Held

In der Waldlichtung schritt Frau Bob mit kleinen Schritten auf und ab. Sie hörte nicht auf den Unsinn, den die Meerkatzen und die Papageien machten. Denn sie war ärgerlich, sie fand, es wäre keineswegs nötig gewesen, daß sie jetzt so allein daheim säße, während ihr Bob die interessantesten Dinge erlebte. Warum in aller Welt sollte der Schimpanse sich vor ihr fürchten, wenn er sich nicht vor Bob fürchtete? Das war doch Unsinn gewesen, was der dumme Vogel gesagt hatte. Und wenn Bob nur ernstlich gewollt hätte, dann hätte sich der Schimpanse schon ihre Anwesenheit bei der Schlangentötung gefallen lassen müssen. Denn Bob war doch wahrlich der König, und stärker als der alte, häßliche Schimpanse war er doch ganz gewiß.

Aber Frau Bobs Ärger war wie weggeblasen, als sie plötzlich Bob mit Rackertüg auf dem Rücken ankommen sah. Und auch Bob vergaß die argen Gedanken, die ihn beschäftigten, als er sein liebes Weibchen wiedersah.

Er erzählte mit großer Lebhaftigkeit von seinen und Rackertügs gemeinsamen Erlebnissen und redete großartig, als sei schon die ganze Insel von den Schlangen befreit. »Denk nur, wenn alle Meerkatzen helfen!«

Rackertüg war von Bobs Nacken heruntergesprungen und saß bald darauf inmitten eines großen Kreises von Meerkatzen hoch oben in einer breitästigen Akazie und erzählte mit lebhaften Handbewegungen. Die Affen sperrten erstaunt die Mäuler auf bei diesen unerhörten Geschichten, und einige tuschelten zusammen, als wollten sie sagen: Na, der versteht das Aufschneiden!

Da drang ein Ruf Bobs zu Rackertüg herauf. Wie der Blitz war der Affe unten und stand vor seinem Herrn und König. Bob fragte, ob Rackertüg sich noch ausruhen wolle. Wenn nicht, dann hätte er große Lust, gleich jetzt mit der Schlangenvertilgung den Anfang zu machen. Frau Bob sei auch schon sehr begierig auf Rackertügs Taten. Aber Rackertüg erklärte, daß eine so lebensgefährliche Sache doch wohl gründlicher vorbereitet werden müsse. Er werde – wie er das ja schon unterwegs gesagt habe – morgen noch einmal zu Bußemann gehen und unter dessen Augen den ersten Versuch machen. Mißlinge der Griff, dann könne wenigstens der Schimpanse zu Hilfe kommen. Hier sei ja keiner, der ihm helfen könnte.

»Na gut!« sagte Bob, »aber morgen abend ganz bestimmt!« Das versprach Rackertüg.

Bob machte noch einen langen Abendspaziergang mit seiner Frau. Es machte ihm eine grimmige Freude, als sie unzähligen Schlangen begegneten. »Wartet nur,« rief er ihnen zu, »wir werden mit euch schon fertig werden!«

In der Nähe des breiten Stromes sah er ein Dickicht, das ganz ähnlich aussah wie das, in dem Bußemann seine Schlangen gefunden hatte. »Paß mal auf!« sagte er zu seiner Frau, riß von einem Schlinggewächs ein Ende ab und stocherte damit in dem Buschwerk herum. Und richtig: ein halbes Dutzend von Schlangenköpfen hoben sich aus den Blättern und züngelten ihnen entgegen. Aber als sie Bob sahen, verschwanden sie sofort wieder. »Siehst du wohl!« sagte Bob, und seine Frau war voll Interesse.

Auf dem Heimweg nach der Lichtung war Bob sehr lustig. Und als der Abend kam, schritten Bob und seine Frau Rüssel in Rüssel am Flusse auf und ab und redeten von den Zeiten, wenn das Land nun auch von dieser letzten Plage befreit sein werde.

Rackertüg aber schlief in der Nacht recht schlecht. Wenn er gerade einschlafen wollte, dann sah er, wie eine Brillenschlange nach seinen Fingern schnappte statt nach dem Lianenende, das er ihr hinhielt. Und jedesmal schreckte er so sehr zusammen, daß er fast vom Baume fiel.

Der Morgen graute kaum, da war Rackertüg schon auf dem Wege zu Bußemanns Nest. Als er vor dem groben Lager aus abgerissenen Zweigen stand, da hörte er das Schnarchen des Schimpansen so laut, als rieben sich zwei Baumstämme im Sturm aneinander. Rackertüg kletterte am Baum hinauf, setzte sich Bußemann gegenüber auf einen Ast und verwandte kein Auge von dem Schlafenden. Endlich wachte Bußemann auf und sah Rackertüg aus seinen kleinen verschlafenen Augen erstaunt an.

Und nach einer Weile brummte er: »Was willst denn du schon wieder?«

Da sagte Rackertüg sein Anliegen. Aber er sagte es mit zitternder Stimme, und als er den Namen der Schlangen aussprach, da sträubte sich ihm das Haar.

Bußemann sah ihn von der Seite an und antwortete nicht. Er griff mit seinen langen Armen über sich in den Baum und brach eine Brotfrucht herunter. In Gemütsruhe verzehrte er sie und sah dabei unverwandt den kleinen Affen an. Dann nahm er eine zweite Frucht und warf sie Rackertüg zu. Rackertüg dankte. Er habe schon gefrühstückt.

Langsam stieg Butzemann vom Baum herab und sprang in kurzen Sätzen in den Wald hinein. Rackertüg blieb ihm auf den Fersen.

Bei einer Gruppe von dicken Stauden, die aus einer Orchideenwildnis herauswuchsen, hielt Bußemann seinen Lauf an, riß eine Liane vom nächsten Baum, hing sie Rackertüg um den Hals und sagte dumpf: »Nun los! Da drinnen werden schon einige sein.«

Aber Rackertüg tat einen Schritt rückwärts und sah Bußemann mit einer namenlosen Angst an, und seine Zähne klapperten zusammen.

»Ach was!« sagte Bußemann. »Das ist Unsinn! Die Sache ist ganz ungefährlich. Sieh so!« und er riß ein zweites Lianentau ab und stieß zwischen die Stauden. Und es wiederholte sich alles vom Tage vorher.

Nur Rackertüg war plötzlich verschwunden. Und als Bußemann die Schlange in den Strom geworfen hatte und sich wieder nach der Meerkatze umsah, da saß sie in einem Baum und zitterte an allen Gliedern.

Bußemann zuckte die Achseln und wollte fortgehen, ohne sich weiter um Rackertüg zu kümmern; aber da fiel ihm ein, daß er Bob versprochen hatte, seine Kunst den Meerkatzen beizubringen. Er setzte sich gegen einen Baumstamm, rieb sich den Rücken und betrachtete seine kurzen, dicken Daumen. Dann winkte er der Meerkatze und ging ihr langsam entgegen.

Rackertüg stieg von seinem Baum herunter und kam näher. Er schämte sich vor Bußemann, und er gab sich innerlich das Versprechen, sich nicht mehr zu fürchten.

Als die beiden einander gegenüber standen, sagte Bußemann: »Hast du deine Hände nicht eingerieben?«

»Wie sagst du?« sagte Rackertüg.

»Ob du deine Hände nicht mit einer Orchideenblüte eingerieben hast?«

»Nein!« sagte Rackertüg erstaunt.

»Ja, aber« – sagte Bußemann – »das ist doch selbstverständlich. Das muß man immer tun. Dann ist man unverwundbar. Wißt ihr denn das nicht?«

»Nein,« sagte Rackertüg, »davon habe ich noch nie gehört.«

Bußemann schüttelte den Kopf, als müsse er sich sehr über den Unverstand der Meerkatzen wundern; dann sprang er zu den Orchideen hin und pflückte ein paar Blüten ab. Er lief zu Rackertüg zurück, zerdrückte die Blüten und verrieb den köstlich duftenden Saft auf Rackertügs kleinen Händen. Der sah erstaunt zu; dann sagte er: »Ich habe aber gar nicht gesehen, daß du dich gestern und heute eingerieben hast.«

»Nein,« sagte Bußemann und lachte wieder, »ich hab's auch nicht mehr nötig. Wenn man sich so viele Jahre lang mit dem Zeug eingerieben hat, dann sind die Hände für immer fest.«

Das leuchtete Rackertüg ein. Er sprang selbst zu den Orchideen hin, rupfte sich eine ganze Handvoll ab und rieb sich damit die Hände und Arme und schließlich auch das Gesicht und die Brust ein.

Bußemann hatte sich niedergesetzt und sah Rackertüg zu; und es sah aus, als wenn sein breites Maul noch breiter sei als sonst.

Endlich war Rackertüg fertig. Er reckte sich auf und sagte: »So, nun will ich's versuchen.«

Er nahm das Lianenende, streckte es in den Busch hinein und fuhr ganz mutig damit hin und her.

Aber es zeigte sich keine Schlange. Bußemann sagte, das komme häufig vor; sie seien hier eben schon sehr selten geworden. Und sie gingen weiter auf die Schlangensuche.

Ganz dicht am Ufer stieß Rackertüg auf die erste Schlange. Als sie sich hoch aufrichtete, erschien sie größer als die Meerkatze. Aber Rackertüg kannte keine Furcht mehr. Er stieß ihr mit der Schlingpflanze so kräftig gegen den Kopf, daß sie sich weit nach hinten biegen mußte und mit wütendem Zischen in das grüne Holz biß. Schnell sprang Rackertüg im Bogen in die Höhe und griff nach dem Nacken der Schlange. Einen Augenblick wand sich die Schlange unter ihm, dann lag sie steif wie ein Stock auf dem Boden.

»Das hast du gut gemacht!« sagte Bußemann, und Rackertüg strahlte im Siegerstolz. Dann wickelte er die Liane um den steifen Schlangenkörper und schleppte ihn hinter sich her ans Ufer. Ins Wasser aber mußte ihn Bußemann werfen; denn die Schlange war für Rackertügs Kräfte doch zu schwer.

Und nun half es Bußemann nichts. Er mußte mit Rackertüg im Walde umherziehen, bis der kleine Kerl eine zweite und dann noch eine dritte Schlange aufgetrieben hatte und beide im Strome abwärts schwammen nach dem fernen Meere. Jedesmal aber vor einem neuen Kampf rieb sich Rackertüg von oben bis unten mit Orchideen ein.

Als Rackertüg von Butzemann Abschied nehmen wollte, hörte er ein helles Trompeten im Walde.

»Das ist König Bob,« sagte er zum Schimpansen und spähte durch die Bäume. Und da kam auch schon durch den hochstämmigen Wald Bob herangetrabt. Ihm war die Zeit des Wartens lang geworden, und er hatte beschlossen, sich an Ort und Stelle über Rackertügs Heldentaten zu unterrichten.

Strahlend vor Stolz und Glück sprang Rackertüg in den nächsten Baum und sauste seinem König durch die Äste entgegen. – Dann saß er zwischen Bobs Ohren und berichtete von seinen Großtaten. Von der Angst am Morgen aber sagte er nichts.

Bußemann empfing Bob vor seinem Affenbrotbaum. Er lobte Rackertüg sehr und sagte, der könne die andern Meerkatzen jetzt ebenso gut im Schlangengriff unterrichten wie Bußemann selbst.

Als Rackertüg das hörte, sprang er von Bob herab und rannte in den Wald hinein. Bob blickte ihm erstaunt nach. Bußemann aber lachte und sagte: »Er holt sich noch Orchideen.«

»Orchideen? Wozu das?« fragte Bob.

»Weil ich ihm gesagt habe, ihr Saft mache unverwundbar.«

»Macht er denn wirklich unverwundbar?« fragte Bob.

»Bewahre! aber der Glaube hat ihm Mut gemacht, und den Mut brauchte er sehr notwendig; darum sagte ich's ihm.«

Bob sah bewundernd auf den Schimpansen und sagte: »Du bist der Weiseste im Urwald! Und da du nicht zu uns kommen willst, so werde ich immer zu dir kommen, wenn ich mir selbst nicht zu raten weiß.«

Bußemann nickte mit seinem blassen Gesicht, als wäre das eigentlich ganz selbstverständlich.

Da kam Rackertüg zurück und hielt in der Hand einen ganzen Busch Orchideen.

»Was willst du damit?« fragte Butzemann.

»Ich will sie mitnehmen, um sie meinen Leuten zu zeigen.«

Bußemann lachte und sagte: »Die gibt es ja auch bei euch!«

»Ja,« sagte Rackertüg, »das weiß ich wohl; aber es gibt auch andere Arten. Und damit meine Leute die richtige schneller finden, nehme ich die paar Stengel mit.«

Damit schwang er sich auf Bobs Rücken.

Bob und Rackertüg dankten dem Schimpansen nochmals von ganzem Herzen; dann sagten sie ihm »Auf Wiedersehen!« Und Bob trabte mit dem stolzen kleinen Schlangentöter in den Wald hinein.

In den nächsten Tagen konnte man am Rande des breiten Stromes immer einige Meerkatzen stehen sehen, die sich mit kleinen und großen Brillenschlangen abschleppten, sie gehörig beschwerten und dann ins Meer warfen. Bisweilen mußten mehrere zusammen an einer schleppen, wenn sie gar zu groß war. Aber sie seufzten nicht unter solcher Last, sondern sie waren lustiger dabei als nur je bei einem Spiel auf der Waldwiese. Rackertüg war bald hier, bald dort, befahl seinen Leuten und half, wo es nötig war, als habe er sein ganzes Leben lang nichts anderes getan als Schlangen getötet.

Bald jubelten auch alle Vögel der Insel, daß die Schlangen seltener würden; und wenn Bob mit seiner Frau durch den Wald ging, dann mußten sie schon gehörig suchen, wenn sie eine Brillenschlange zu Gesicht bekommen wollten.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.