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König Assarhaddon

Lew Tolstoi: König Assarhaddon - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLew Tolstoi
booktitleAusgewählte Erzählungen
titleKönig Assarhaddon
publisherPaul Oestergaard G. m. b. H.
yearo.J.
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160714
projectid48b82c49
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König Assarhaddon

Assarhaddon, König von Assyrien, hatte Lailie besiegt und sein Reich erobert, alle Städte zerstört und verbrannt, alle Einwohner in sein eigenes Land übergeführt, die Krieger bis auf den letzten Mann getötet, den König Lailie aber in einen Käfig gesperrt.

Zur Nachtzeit auf seinem Lager hingestreckt, sann König Assarhaddon gerade darüber nach, welche Todesart er über Lailie verhängen sollte, als er plötzlich in nächster Nähe ein Geräusch vernahm. Er öffnete die Augen und erblickte einen Greis mit langem, grauem Barte und sanften Augen.

»Du willst Lailie hinrichten lassen?« fragte der Greis.

»Ja,« antwortete der König, »ich bin mir nur noch nicht klar darüber, welche Todesart ich wählen soll.«

»Aber dieser Lailie – bist du doch selbst!« sprach der Greis.

»Das ist nicht wahr,« sprach der König. »Ich bin ich, und Lailie – ist Lailie.«

»Du und Lailie – ihr seid beide eins,« sprach der Greis. »Es scheint dir nur so, daß du nicht Lailie bist, und daß Lailie nicht du ist.«

»Wie kannst du sagen, daß es mir nur so scheint?« sprach der König. »Ich liege hier auf diesem weichen Lager, umgeben von gehorsamen Sklaven und Sklavinnen, und morgen werde ich, ganz wie heute, mit meinen Freunden schmausen – Lailie aber sitzt wie ein Vogel im Käfig, und morgen wird er mit heraushängender Zunge am Pfahl stecken und sich krümmen, bis er verreckt, seinen Leichnam aber werden die Hunde in Stücke reißen.«

»Du vermagst sein Leben nicht zu vernichten,« sprach der Greis.

»Und die vierzehntausend Krieger, die ich erschlagen, und aus deren Leichen ich einen Hügel aufgerichtet habe?« sprach der König. »Ich lebe, sie aber sind nicht mehr, also vermag ich doch Leben zu vernichten!«

»Woraus schließest du, daß sie nicht mehr sind?«

»Daraus, daß ich sie nicht sehe. Vor allem jedoch haben sie Qualen empfunden und ich nicht, ihnen war übel, mir aber wohl zumute.«

»Auch dies scheint dir nur so. Du hast nur dich selbst gequält und nicht sie.«

»Ich verstehe deine Worte nicht,« sprach der König.

»Willst du sie verstehen?«

»Ich will es.«

»Dann tritt da heran,« sprach der Greis und wies den König nach einem mit Wasser gefüllten Becken.

Der König erhob sich vom Lager und trat an das Becken heran.

»Lege deine Kleider ab und tritt in das Becken hinein!«

Assarhaddon tat, was ihm der Greis befahl.

»Sobald ich jetzt anfange, dich mit diesem Wasser zu begießen,« sprach der Greis, während er mit einer Kanne Wasser schöpfte, »mußt du mit dem Kopfe untertauchen.«

Der Greis neigte die Kanne über den Kopf des Königs, und der König tauchte unter.

Und kaum war König Assarhaddon untergetaucht, da fühlte er, daß er nicht mehr Assarhaddon war, sondern ein anderer Mensch. Und wie er sich so plötzlich als dieser andere fühlt, sieht er sich auf einem prächtigen Ruhebett neben einem schönen Weibe liegen. Er hat dieses Weib noch niemals gesehen, aber er weiß, daß es seine Gemahlin ist.

Das Weib erhebt sich und spricht zu ihm:

»Lailie, mein teurer Ehegemahl, du bist erschöpft gewesen von den Mühen des gestrigen Tages und hast darum länger geschlafen als sonst, doch ich habe gewacht über deinem Schlummer und dich nicht geweckt. Jetzt aber erwarten dich die Fürsten in dem großen Saale – kleide dich an und geh hinein zu ihnen!«

Und Assarhaddon, der aus diesen Worten erkennt, daß er Lailie ist, verwundert sich hierüber nicht nur nicht, sondern wundert sich vielmehr darüber, daß er davon bisher nichts gewußt hat. Und er erhebt sich, kleidet sich an und geht in den großen Saal, in dem die Fürsten ihn erwarten.

Die Fürsten verneigen sich zum Gruße vor ihrem König Lailie bis zur Erde, dann richten sie sich auf und setzen sich nach seinem Geheiß vor ihm nieder. Der älteste der Fürsten beginnt nun davon zu reden, daß man all die Beleidigungen des bösen Königs Assarhaddon nicht länger dulden, sondern ihm mit bewaffneter Faust entgegentreten solle. Aber Lailie pflichtet dieser Ansicht nicht bei, er befiehlt vielmehr, Gesandte zu Assarhaddon zu schicken, die ihm ins Gewissen reden sollen, und entläßt die Fürsten. Er ernennt selbst eine Anzahl angesehener Männer zu Gesandten und prägt ihnen ganz genau ein, was sie dem König Assarhaddon ausrichten sollen. Hierauf begibt sich Assarhaddon, der sich als Lailie fühlt, ins Gebirge, um auf Wildesel zu jagen. Das Jagdglück ist ihm hold: mit eigener Hand erlegt er zwei Esel, kehrt heim zum fröhlichen Schmause mit seinen Getreuen und schaut dem Tanze der Sklavinnen zu. Am nächsten Tage begibt er sich nach seiner Gewohnheit in den Hof des Palastes, wo Bittsteller, Kläger und Angeklagte, ihn erwarten, und entscheidet die ihm vorgetragenen Fälle. Dann geht er wieder seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, nach – und hat an diesem Tage das Glück, eine alte Löwin zu töten und ihre beiden Löwenjungen lebendig zu fangen. Nach der Jagd schmaust er wiederum mit seinen Getreuen, ergötzt sich an Musik und Tanz und bringt die Nacht mit seiner geliebten Gemahlin zu.

So lebt er Tage und Wochen lang und harrt der Heimkehr der Gesandten, die er zu jenem König Assarhaddon, der er selbst früher gewesen, abgeschickt hat. Erst nach einem Monat kehren die Gesandten heim, und zwar – mit abgeschnittenen Nasen und Ohren.

König Assarhaddon läßt Lailie melden, daß es ihm ergehen werde wie seinen Gesandten, wenn er nicht unverzüglich den ihm auferlegten Tribut an Silber, Gold und Zypressenholz entrichtet und nicht selbst erscheint, um Assarhaddon seine Ehrerbietung zu bezeigen.

Lailie, der einst Assarhaddon gewesen, versammelt abermals die Fürsten um sich und berät mit ihnen, was zu tun sei. Alle sind einstimmig der Ansicht, daß man nicht erst Assarhaddons Angriff erwarten, sondern ihn sofort mit Krieg überziehen solle. Der König pflichtet ihnen diesmal bei und bricht an der Spitze seines Heeres gegen Assarhaddon auf. Sieben Tage dauert der Marsch, und an jedem Tage mustert der König die Truppen und feuert seine Krieger zur Tapferkeit an. Am achten Tage stößt sein Heer in einer weiten Ebene am Ufer des Stromes auf das Herr Assarhaddons. Tapfer schlagen sich Lailies Krieger, aber Lailie, der früher Assarhaddon war, sieht, wie die Scharen der Feinde gleich Ameisen vom Gebirge herabeilen, wie sie die Ebene überfluten und die Oberhand über seine Truppen gewinnen. Er stürzt sich auf seinem Streitwagen mitten ins Getümmel der Schlacht und läßt sein Schwert auf die Feinde niedersausen. Aber die Krieger Lailies zählen nur nach Hunderten, die Krieger Assarhaddons dagegen nach Tausenden, und Lailie fühlt, daß er selbst verwundet ist und die Feinde ihn gefangen fortführen.

Neun Tage lang marschiert er gefesselt mit den übrigen Gefangenen zwischen den Kriegern Assarhaddons daher. Am zehnten Tage wird er nach Ninive gebracht und in einen Käfig gesperrt. Schwer leidet Lailie, nicht so vom Hunger und von seinen Wunden, als von der Schmach, die ihm zugefügt ist, und von seinem ohnmächtigen Zorne. Er sieht keine Möglichkeit, dem Feinde all das Böse zu vergelten, das er erduldet. Das einzige, was er vermag, ist, daß er seinen Widersachern nicht die Genugtuung bereitet, seine Leiden zu sehen, und er ist fest entschlossen, standhaft und ohne Klagen alles zu ertragen, was über ihn hereinbricht. Zwanzig Tage lang sitzt er in dem Käfig und wartet auf seine Hinrichtung. Er sieht, wie man seine Verwandten und Freunde auf den Richtplatz führt, er hört das Wehgeschrei der gemarterten Opfer, denen die Arme und Beine abgehackt oder die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wird, und er legt keine Unruhe, kein Mitleid, keine Furcht an den Tag. Er sieht, wie die Eunuchen sein geliebtes Weib gefesselt vorüberführen. Er weiß, daß sie zu Assarhaddon geführt wird, der sie zu seiner Sklavin ausersehen hat. Auch das erträgt er, ohne zu klagen. Doch siehe, nun öffnen zwei Henkersknechte seinen Käfig, und nachdem sie ihm die Handfesseln auf dem Rücken fester angezogen haben, führen sie ihn nach der von Blut überströmten Richtstätte. Lailie erblickt den spitzen, von Blut triefenden Pfahl, von dem man soeben den leblosen Körper seines vertrautesten Freundes gezerrt hat, und er errät, daß der Pfahl für ihn selbst freigemacht worden ist. Man zieht ihm die Kleider aus. Lailie entsetzt sich beim Anblick seines abgezehrten Körpers, der früher so kräftig und wohlgebildet gewesen. Zwei Henkersknechte fassen diesen Körper um die mageren Hüften, heben ihn empor und wollen ihn auf den Pfahl niedersetzen.

»Jetzt naht der Tod, die Vernichtung,« denkt Lailie, und indem er seinen Entschluß, mannhaft bis ans Ende seine Ruhe zu bewahren, vergißt, fleht er laut aufschluchzend um Gnade. Doch niemand hört auf ihn.

»Aber das kann ja nicht sein,« denkt er, »sicherlich schlafe ich, und es ist alles nur ein Traum.« Und er macht Anstrengungen, zu erwachen. »Ich bin doch nicht Lailie – ich bin Assarhaddon,« sagte er sich.

»Du bist Lailie – und bist auch Assarhaddon,« hört er eine Stimme sagen, und er fühlt, daß die Todesmarter beginnt. Er stößt einen Schrei aus – und in demselben Augenblicke taucht er mit dem Kopfe aus dem Becken empor. Der Greis steht über ihn gebeugt da und gießt eben den letzten Rest Wasser aus dem Kruge über sein Haupt aus.

»O, welche Qualen habe ich erlitten – und wie lange währten sie!« ruft Assarhaddon aus.

»Lange?« spricht der Greis. »Du bist gerade nur mit dem Kopfe untergetaucht; sieh her: noch ist nicht alles Wasser aus der Kanne geflossen! Hast du jetzt verstanden?«

Assarhaddon antwortet nicht, sondern starrt nur voll Schrecken auf den Greis.

»Hast du verstanden,« fährt der Alte fort, »daß Lailie niemand anders ist als du selbst, und daß auch die Krieger, die du dem Tode überliefert hast, niemand sonst sind als du? Und nicht nur die Krieger, sondern auch die Tiere, die du auf der Jagd erlegt und bei deinen Schmausereien verspeist hast, auch sie sind du selbst gewesen. Du wähntest, daß das Leben in dir allein sei, ich aber habe den Schleier des Truges von deinen Augen genommen, und du hast gesehen, daß, wenn du andern Böses zufügst, du es nur dir selbst zufügst. Ein Leben, ein einziges, ist in allem, und nur ein Teil dieses einen, einzigen Lebens offenbart sich in dir. Und nur in diesem einen Teil des Lebens, in dir selbst, vermagst du das Leben zu vervollkommnen oder zu verpfuschen, zu vermehren oder zu vermindern. Vervollkommnen kannst du das Leben in dir nur dadurch, daß du die Schranken niederreißest, die dein Leben vom Leben der übrigen Wesen trennen, daß du die übrigen Wesen für dich selber nimmst, daß du sie liebst. In anderen Wesen das Leben zu vernichten, bist du nicht imstande. Das Leben der Wesen, die du getötet hast, ist nur deinen Blicken entschwunden, aber nicht vernichtet. Du gedachtest dein eignes Leben zu verlängern und das Leben der andern zu verkürzen, aber es liegt nicht in deiner Macht, dies zu tun. Für das Leben gibt es weder Zeit noch Raum. Das Leben ist ein Augenblick, und das Leben ist eine Reihe von Jahrtausenden, und dein Leben, wie das Leben aller sichtbaren und unsichtbaren Wesen der Welt, ist das gleiche. Es ist unmöglich, das Leben zu vernichten, oder es abzuändern, da es eben nur ein eines und einziges ist. Alles andere ist Schein und Täuschung.«

Mit diesen Worten verschwand der Greis.

Am nächsten Morgen ließ König Assarhaddon Lailie und alle übrigen Gefangenen frei und stellte die Hinrichtungen ein.

Drei Tage später berief er seinen Sohn Assurbanihabal zu sich und übergab ihm sein Szepter, er selbst aber begab sich vorerst in die Wüste, um über das, was er vernommen hatte, nachzusinnen. Und dann zog er als Pilger von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und predigte den Menschen, daß es nur ein Leben gebe, und daß die Menschen nur sich selbst Böses zufügen, wenn sie es andern Wesen zufügen wollen.

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