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Kloster Lugau

Wilhelm Raabe: Kloster Lugau - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
booktitleGutmanns Reisen
titleKloster Lugau
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.G.
seriesWilhelm Raabe Bücherei
volumeZweite Reihe ? Siebzehnter Band
printrunFünfte Auflage 10.-11. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid476c6de1
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Erstes Kapitel.

Weiter und weiter verbreitete sich das Gerücht, »Horatio« sei wieder in Wittenberg. Seit acht Tagen schon sei er wieder in Wittenberg.

Anfangs hatten weder die Stadt noch die Universität es glauben wollen. Als jedoch sein Diener Mamert in den Gassen gesehen worden, als seine Hauswirtin ausgefragt worden war, stellten sich sowohl die Stadt wie die Universität auf die Zehen, und beide warteten gespannt auf des Herrn Hofrats, Doktors der Weltweisheit und Hauptmanns der Landwehr, Franz Herbergers erstes Wiedererscheinen in der Gesellschaft und in der gelehrten Welt. Sie hatten eine ziemliche Zeit darauf zu warten und wurden leider von ihm – »Horatio« – nicht gefragt, ob ihnen das recht sei oder nicht; ob ihnen solches beschwerlich falle oder nicht.

Daß kein kleiner Mann zurück und auf dem Boden dieser Geschichte eingekehrt war, geht sogleich daraus hervor, daß wir gezwungen wurden, und zwar von der Universität und Stadt Wittenberg gezwungen wurden, zu seiner Einführung einen sehr großen Mann anzuziehen, den Dichter William Shakespeare, oder vielmehr eine seiner bekanntesten Dichtungen, das Theaterstück Hamlet. Wieso unser Freund zu dem Poeten und der Poet zu ihm kam, das hat eben »Wittenberg« zu verantworten; wir können darob unsere Hände in Unschuld waschen. Eine Hauptperson ist der Hofrat Herberger in diesem Buche, jedoch nicht die Hauptperson, so wenig, wie im Hamlet Horatio die Hauptperson ist. Letzterer läuft sogar noch etwas mehr als unser Philosoph nebenher, kann aber doch nicht bei der Sache entbehrt werden, tritt zuerst auf und geht zuletzt mit ab. Ob er auch mit dem Titel Hofrat in Pension und zurück nach Wittenberg ging, sagt Shakespeare uns leider nicht. –

Nun zu den nüchternen Tatsachen! Wir sind nicht in dem Wittenberg des englischen Dichters. Hofrat Doktor Herberger hatte nicht als bewegter Zuschauer, Gespensterseher und stoisch-philosophischer Vertrauter des Prinzen von Dänemark an den Ereignissen in Helsingör teilgenommen. Die Patina der Jahrhunderte hatte sich noch nicht über die »sonderbaren Dinge« gelegt, welche sich da »neulich« an jenem Hofe, dem er als Lehrer und Vertrauter des jugendlichen Erbprinzen nahe stand, zugetragen haben sollten und natürlich in die Ohren und Mäuler der Leute und sogar in die Zeitungen gekommen waren. Bis jene mysteriösen Vorfälle aber an ihren richtigen, das heißt wirklich berechtigten Geschichtsschreiber kamen, mußten noch manche Leute kein persönliches Interesse mehr daran haben. Ehe die Archive sich auch hier über die Privat-, Lebens- und Sterbens-Verhältnisse des Königs Horvendillus, Seiner letzthöchseligen Majestät des Königs Fengo, Ihrer Majestät der Königin Geruthe und Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Amleth einem neuen Saxo Grammatikus öffneten, durfte man dreist nicht nur auf das Ablaufen dieses Jahrhunderts (da man schon 1869 schrieb) rechnen, sondern auch noch eines zweiten. Einige der Historiker, Herren wie Damen, der berühmten Universität »Wittenberg«, die in diesen Dingen am meisten Bescheid zu wissen behaupteten, (auch wohl schon betreffenden Orts vergeblich angeklopft hatten!) waren sogar der Überzeugung geworden: vor dem Ablauf des einundzwanzigsten Säkulums sei nicht daran zu denken.

Die andern Leute in der Stadt – nicht bloß die unvernünftigen alten Weiber und die vernünftigen Herren Journalisten – meinten wohl dasselbe, drückten sich jedoch anders aus und seufzten:

»Du liebster Himmel, ja was die Welt so von der Welt zusammenredet! Nicht den dritten Teil soll man glauben von dem, was man hört oder unter den neuesten Nachrichten weiter zu geben hat.«

Dann aber gingen sie hin und schrieben – nein, redeten die exaktesten Abhandlungen über des Tages Geschichten und nahmen es sehr übel, wenn man ihnen Irrtümer in der Auffassung und Darstellung nachwies. Schrieb, das heißt redete man gegen sie, so wehrten sie sich auch und brachten Neues in der Angelegenheit zu Tage, worüber das zwanzigste Jahrhundert vielleicht wirklich das Recht bekam, sich zu wundern bis tief in das einundzwanzigste hinein, welches dann seiner Zeit es noch einmal nachzuweisen versuchen mochte, daß sich die Sache damals doch anders verhalten habe. –

Es wird eben zu allen Zeiten viel unnützes Zeug auf der Erde geschwatzt, und jene fürchterliche deutsch-kleinstaatliche Haupt-, Liebes-, Hof- und Staatsaffäre unter bescheidener und lächelnder Mitwirkung des damaligen Doktors und jetzigen Hofrats Herberger, dem der nicht üble Spitzname »Horatio« darum an der ehrenwerten Persönlichkeit kleben geblieben war, war es wahrhaftig nicht wert, daß ein neuer tragischer Speerschüttler sich hinsetze und eine neue schaudervolle Historie von Hamlet, Prinz von Denmarke, aus ihr zurecht braue. Freilich auf dem Theater hätte sich wohl auch heute noch Geld damit verdienen lassen, und sie wäre sicherlich wie im Jahre 1603 aufgeführt worden, wenn auch nicht durch »Seiner Hoheit Diener« in London und den beiden Universitäten Cambridge und Oxford, jedoch ganz gewiß in Wittenberg und durch den Wittenberger Stadttheaterdirektor und dessen Truppe.

Die Sache war in der Tat nicht der Rede wert gewesen, und was uns betrifft, so werden wir auch nicht weiter davon reden, als unbedingt nötig ist. Keine Königskrone wechselte darum ihren Besitzer, kein außergewöhnlicher Geist erschien darob bei Hofe, kein Mädchen ging deshalb ins Wasser. Es fielen nur einige Pensionen mehr auf die Hof- und Staatskasse, und gingen einige Personen aus den hohen und höheren Kreisen der kleinen Residenz auf längere oder kürzere Zeit auf Reisen, jedoch ganz behaglich und gutwillig und ohne mit aufgeschlitzten Nasen »verschickt« worden zu sein.

Zu diesen gehörte unser wirklicher Freund, der nicht wirkliche Hofrat Franz Herberger, Horatio genannt in – Wittenberg.

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