Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Archibius hatte sich so tief in die Vergangenheit versenkt, daß er einiger Augenblicke bedurfte, um sich in die Gegenwart zurück zu versetzen. Als es geschehen war, verabredete er schnell mit den Frauen, wann sie zum Aufbruche fertig sein sollten.

Frau Berenike ward es schwer, den überfahrenen Bruder jetzt schon in der Stadt zurückzulassen; Barine hätte den Dion vor der Abreise so gern wiedergesehen. Beiden erschien es auch schwer, Alexandria zu verlassen, bevor entscheidende Nachrichten vom Heere und der Flotte eingetroffen seien. Sie erbaten sich darum einige Tage Aufschub; Archibius aber schnitt ihnen das Wort ab und forderte mit einer Entschiedenheit, die den liebenswürdigen Freund in einen strengen Gebieter verwandelte, sie hätten sich bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages zur Abfahrt bereit zu halten. Sein Nilboot werde sie am Agathodämonhafen im mareotischen See erwarten und sein Reisewagen sie mit so viel Gepäck und Sklavinnen, wie sie mitnehmen wollten, dahin führen.

Dann gab er der Stimme eine mildere Färbung, erinnerte die Frauen kurz an die schweren Mißhelligkeiten, denen ein längeres Verweilen sie aussetzen werde, entschuldigte seine Härte mit der Eile, in der er sich befinde, drückte der Mutter und Tochter die Hand und entfernte sich, ohne Bannes zu achten, die ihn zurückrief und doch nichts im Sinne haben konnte, als ihn um längeren Aufschub zu bitten.

Der Wagen führte ihn schnell an den großen Hafen.

Der zunehmende Mond spiegelte sich als silberne Säule schwankend und zitternd in dem stark bewegten Gewässer und erhellte die laue Herbstnacht. Draußen mochte die See hochgehen. Man sah es an der Bewegung der Schiffe, die in dem Winkel vor Anker lagen, den das Ufer vor dem Prachtbau des Poseidontempels mit dem Choma bildete. Das war eine Landzunge, die sich wie ein Finger in die See hinaus streckte und an deren Spitze ein kleiner Palast stand, den Kleopatra, von einem hingeworfenen Worte des Antonius dazu angeregt, hatte erbauen lassen, um ihn damit zu überraschen.

Ein anderer von weißem Marmor schimmerte von der Insel Antirrhodus aus im Mondscheine der Abfahrtsstelle entgegen, und in weiterer Ferne erhellte ihr gerade gegenüber ein hochloderndes Feuer die Nacht. Seine Flammen flackerten auf der Höhe des berühmten Leuchtturms auf der Insel Pharus am Eingange des Hafens vom Winde bewegt hin und her und sättigten den Horizont und den äußersten Saum des im nächtigen Dunkel ruhenden Hafenwassers mit bewegten Lichtmassen, die bald schwächer, bald stärker die finstere Ferne erhellten.

Am Hafen war es lebendig, trotz der späten Stunde, und obgleich der Wind den Männern den Mantel oft genug über das Haupt wehte und die Frauen die Gewänder fest zu halten hatten. Der Verkehr ruhte zwar in dieser späten Stunde; doch es waren viele zum Hafen gegangen, um eine Nachricht zu erhaschen, oder gar vor allen anderen das erste heimkehrende Schiff der siegreichen Flotte zu begrüßen; denn daß Antonius den Octavian in einer großen Schlacht geschlagen habe, galt für gewiß.

Sicherheitswächter beobachteten den Hafen, und soeben zog ein Vexill syrischer Reiter von der Kaserne im Süden der Lochias aus dem Poseidontempel entgegen.

Hier, nicht in dem Hafen des Eunostus, der von dem andern durch den breiten brückenartigen Damm des Heptastadiums getrennt war, der das Festland mit der Insel Pharus verband, gingen die Königsschiffe vor Anker. In seiner Nähe standen die Königspaläste und Arsenale, und hierher mußte darum jede neue Nachricht zuerst gelangen.

Der andere Hafen war dem Handel gewidmet; doch hatte man neu ankommenden Schiffen in ihn einzufahren verboten, um die Einschleppung falscher Gerüchte zu verhüten.

Freilich durfte man jetzt auch beim großen Hafen kaum erwarten, eine neue Nachricht zu finden; denn eine Kette, die von der Spitze des Pharus bis zu einer ihm gegenüber liegenden Klippe am Alveus steganus reichte, verschloß seine schmale Oeffnung. Doch sie konnte, wenn ein Staatsschiff mit wichtiger Botschaft eintraf, gelüstet werden, und das erwarteten die Nachtschwärmer am Ufer.

Wohl kamen manche von Gastmählern, Garküchen, Schenken oder den nächtlichen Zusammenkünften magischer Sekten, doch schien ihnen der Druck einer bangen Erwartung die frohe Regsamkeit zu hemmen, und wohin Archibius schaute, gewahrte er gespannte, bang erregte Züge. Der Wind zwang auch viele das Haupt zu senken, und wohin man blickte, flatterten Fahnen und Staubwolken, die Unruhe steigernd, in der Luft.

Als das Schiff abstieß und die Flöte die Rudersklaven zur Arbeit rief, fühlte sich sein Besitzer so beklommen, daß er nicht einmal zu hoffen wagte, einer guten Kunde entgegen zu fahren.

Durch seine Erzählung waren längst entschwundene Tage gleichsam aus dem Grabe erweckt worden, und manche Scene aus der Vergangenheit zog ihm, während er von den Herrenpolstern auf dem Hinterdeck aus gen Himmel schaute, an dem dunkles, schnell dahinsegelndes Gewölk die Sterne bald verschleierte, bald den Blicken preisgab, vor dem inneren Auge vorüber.

»Was man doch alles mit Worten verbergen kann, ohne sich einer Lüge schuldig zu machen,« dachte er, während er sich vergegenwärtigte, was er den Frauen zu hören gegeben.

Ja, er war schon früh der Vertraute Kleopatras gewesen; aber wie hatte er sie geliebt, wie war er ihr schon als Knabe mit Leib und Seele unterthänig gewesen! Sie mußte es nicht nur ahnen; er hatte es ihr gezeigt und bekannt. Und sie ... Wie ein ihr zukommendes Recht war es von ihr hingenommen worden. Seinen einzigen Versuch, sie im Ueberschwang der Zärtlichkeit in die Arme zu schließen, mit unwilligem Stolz hatte sie ihn zurückgewiesen; aber ihr seine Liebe zu zeigen, ist ein Vergehen, das die Höchste dem Niedrigsten vergibt; und schon nach wenigen Stunden war Kleopatra ihm mit der alten warmen Vertraulichkeit entgegengekommen.

Jetzt traten ihm die Qualen wieder in den Sinn, die er erduldet, als er mit ansehen mußte, wie sie sich der Leidenschaft gefangen gab, die sie zu dem Antonius hinzog. Der Römer war ja damals nur wie ein schnell kommendes und schwindendes Meteor durch ihr Leben gestrichen; doch mancherlei hatte verraten, daß sie ihn nicht vergaß, und während Archibius ihre Liebe zu dem großen Cäsar schmerzlos hatte keimen und auswachsen sehen, war die peinigende Eifersuchtsempfindung in seinem nicht mehr ganz jungen Herzen von neuem erwacht, als sie zu Tarsus am Kydnosstrome den Liebesbund mit dem Antonius geschlossen, der sie noch an ihn fesselte.

Jetzt war ihm das Haar ergraut, und wenn nichts die Freundschaft hatte trüben können, die er für die Königin empfand, wenn er auch jederzeit bereit gewesen war, ihr zu dienen, dies thörichte Gefühl hatte sich nicht bannen lassen und bemächtigte sich wieder und wieder seines ganzen Wesens. Er verkannte die Vorzüge des Antonius mit nichten, aber wie hoch sah er die Schwächen sie überbieten! Alles in allem war es ihm, wenn er dieses Paares gedachte, wie dem Kunstfreunde, der das edelste Kleinod aus seiner Sammlung einem Reichen überläßt, der seinen wahren Wert nicht zu schätzen weiß und es am unrechten Platze ausstellt.

Dennoch wünschte er dem Römer den glänzendsten der Siege; denn seine Niederlage wäre auch die der Kleopatra gewesen, und was aus einer solchen erwachsen mußte, würde sie es ertragen?

Das Schiff näherte sich dem flackernden Lichtkreise am Fuße des Pharus, und eben holte Archibius das Zeichen hervor, das das Lüften der Kette bewirken sollte, als ihm sein Name durch die Stille der Nacht entgegenscholl.

Es war Dion, der ihn von einem der Boote aus, die in der Nähe der Hafenöffnung von den eindringenden Wogen der bewegten See auf und nieder geschleudert wurden, anrief. Er hatte den Schnellsegler des Archibius an der Büste des Epikur erkannt, die von dem Lichte der Laterne am Schnabel bestrahlt wurde. Kleopatra hatte das Schiff mit ihr schmücken lassen, das nach ihrer Angabe für den Freund gebaut worden war.

Dion wünschte sich jetzt mit ihm zu verbinden, und bald stand er neben ihm auf dem Decke.

Er war auf der Insel Pharus gelandet und in eine Matrosenschenke getreten, um dort Umfrage zu halten. Niemand hatte indes etwas Sicheres zu berichten gewußt; denn der Wind kam immer noch vom Lande und gestattete größeren Fahrzeugen nur, sich mit Hilfe der Ruder der ägyptischen Küste zu nähern. Erst vor kurzem war die Brise von Süden nach Südosten umgesprungen, und ein erfahrener rhodischer Steuermann wollte »nie wieder einen Becher Wein zum Munde führen,« wenn es nicht morgen oder übermorgen von Norden her wehe. Dann könnten Schiffe und Nachrichten dutzendweise auf einmal nach Alexandria kommen; – das heißt, fügte der Graubart mit einem herausfordernden Blick auf den fein gekleideten Stadtherrn hinzu, wenn man sie an dem Pharus vorbei oder durch das Poseidonbecken in den Eunostus lasse. Bei Sonnenuntergang habe er schon Segel am Horizonte zu sehen gemeint, doch der schnellste Phokäer werde zum Igel, wenn der Wind ihm auf den Bauch blase und ihm sogar die Ruderfüße hemme.

Auch andere wollten Segel gesehen haben, und Dion wäre gern in die offene See gefahren, um sie aufzusuchen, aber er war ganz allein auf einem gebrechlichen Mietsboote gewesen, und auch dies hätte man nicht aus dem Hafen gelassen.

Die Vermutung, es werde dem Archibius jede Straße offen stehen, hatte ihn nicht betrogen, und bald wurde die Schutzkette für den Epikur beiseite gezogen. Mit vollen Segeln durchschnitt er, von der scharfen Südostbrise getrieben, die hochgehende Flut.

Bald wurde ein mattes, schwankendes Licht im Norden sichtbar. Es konnte nur ein Schiff sein, und obwohl der Steuermann in der Schenke zu Pharus, der selbst ausgesehen hatte, als habe er nicht immer friedliche Handelsschiffe geführt, von Fahrzeugen geredet, die denjenigen, die sie einfingen, nichts schenkten, fürchteten sich doch die Männer auf dem wohl ausgerüsteten, stattlichen Epikur nicht vor Piraten, zumal der Morgen nahe war und er, eben an zwei schweren Kriegsschiffen, die der Regent ausgesandt hatte, vorbeigeschossen war.

Der scharfe Wind schwellte jedes Segel; das Rudern wäre vergebliche Mühe gewesen, und das Licht vor ihm schien ihm entgegen zu kommen.

Schon begann ein blasser Schimmer den fernsten Osten zu erhellen, als der Epikur dem Fahrzeuge mit dem Lichte nahe kam; dies aber schien dem Alexandriner ausweichen zu wollen und wendete sich plötzlich nach Nordosten.

Archibius hielt nun Rat mit Dion, ob es sich lohne, den Flüchtling zu verfolgen. Es war ein kleines Fahrzeug, das sich, als sich die dunklen Wolkenmassen mit goldenen Rändern verbrämten, näher ins Auge fassen ließ und ein cilicisches Seeräuberschiff der kleinsten Art zu sein schien.

Wie es auch um seine Besatzung bestellt war, die erprobte und vollständige Bemannung des viel größeren Epikur, auf dem es an keinem Verteidigungsmittel fehlte, hatte sich nicht vor ihm zu fürchten, zumal der Schiffsführer auf der Flotte des Sextus Pompejus gedient hatte und auf das Deck manches Seeräuberschiffes gestürmt war.

Archibius fand es thöricht, den Kampf ohne Not vom Zaune zu brechen; Dion aber war in der Stimmung, einer Gefahr, wie sie auch heiße, zu trotzen.

Ging es auf Leben und Tod – um so besser!

Er hatte den Freund in die Befürchtungen der Iras eingeweiht.

Es mußte schlimm stehen um die Flotte, und hätte der kleine Cilicier vor ihnen nichts zu verheimlichen gehabt, so wäre er dem Epikur nicht aus dem Wege gegangen.

Es lohnte sich, zu erfahren, was ihn zum Umkehren dicht vor dem Hafen veranlaßt hatte.

Auch der kampflustige Schiffsführer war für die Verfolgung, und Archibius gab nach; denn die Ungewißheit wurde ihm immer weniger erträglich. Auch dem Dion war die Seele belastet. Es wollte ihm nicht gelingen, das Bild der Barine zu bannen, und seit Archibius ihm erzählt hatte, daß er sie entschlossen gefunden habe, ihr Haus in Zukunft den Gästen zu verschließen, und wie willig sie seiner Einladung auf das Land gefolgt sei, erhob sich wieder und wieder in ihm die Frage, was ihn denn noch hindert, die zurückgezogene Tochter eines hervorragenden Künstlers, die er liebte, zu der Seinen zu machen.

Archibius hatte geäußert, es werde Barine lieb sein, die nächsten Freunde und natürlich auch ihn in der ländlichen Stille zu begrüßen.

Daran zweifelte Dion mit nichten, doch ebenso wenig, daß diese Begrüßung ihn an sie fesseln und ihn der Freiheit, vielleicht auf immer, berauben würde. Aber gab es denn noch für den Alexandriner das hohe Gut der Freiheit, wenn die Römer über seine Stadt geboten wie über Karthago oder Korinth? War Kleopatra geschlagen und Aegypten eine römische Provinz, dann bot die Teilnahme an den Geschäften des Rates, der heute noch »Makedonische Männer« angeredet wurde, und die ihm lieb war, nichts mehr als Demütigungen, dann konnte er von ihr keine Befriedigung mehr erwarten.

Wenn die Lanze eines Seeräubers dem unfreien Leben unter römischem Joche und diesem unwürdigen Sehnen und Schwanken ein Ende machte – um so besser!

An diesem Herbstmorgen, unter diesem grauen Himmel, von dem ein leichter Nebel, alles befeuchtend, herabsank, mit diesen Befürchtungen und Zweifeln im Herzen, gewahrte Dion an den gegenwärtigen und künftigen Dingen nichts als die Schatten.

Der Epikur hatte den Flüchtling erreicht und sich seiner bemächtigt. Der schwache Widerstand, den er geleistet, war ausgegeben worden, nachdem der Schiffsführer des Archibius hinüber gerufen hatte, daß der Epikur nicht zu der königlichen Flotte gehöre und nur komme, um Nachrichten zu erhalten.

Da zogen die Cilicier die Ruder ein, Archibius und Dion bestiegen das Schiff und nahmen den Befehlshaber in Verhör.

Es war ein alter wettergebräunter Seemann, der das Schweigen erst brach, nachdem er sich überzeugt hatte, was die Verfolger begehrten.

Anfänglich versicherte er, er sei an der peloponnesischen Küste Zeuge eines großen Sieges der ägyptischen über die Flotte des Octavian gewesen; dann aber verwickelten ihn die Fragen der Freunde in Widersprüche, und jetzt gab er vor, gar nichts zu wissen und nur von einem Siege geredet zu haben, um den alexandrinischen Herren gefällig zu sein.

Nun durchsuchte Dion mit einigen Leuten des Epikur das Schiff, und in dem kleinen Kajütenraume fanden sie einen gefesselten und geknebelten Mann, den einer der Seeräuber bewachte.

Es war ein Matrose vom Pontus, der nur die Sprache seiner Heimat redete. Aus ihm war nichts Verständliches herauszubringen. Wichtige Andeutungen enthielt dagegen eine Briefrolle, die man in der Kajüte neben Kleidern, Schmucksachen und anderen geraubten Gegenständen in einer Truhe gefunden.

Dieser Brief war – Dion wollte den eigenen Augen nicht trauen – an seinen Freund, den Baumeister Gorgias, gerichtet. Der Pirat hatte, weil er des Schreibens unkundig war, ihn nicht eröffnet; Dion aber riß ungesäumt das Wachs des Siegels von der Schnur. Der griechische Rhetor Aristokrates, der dem Antonius in den Krieg gefolgt war, hatte ihm aus Taenarum im Süden des Peloponnes geschrieben und ersuchte darin den Architekten im Namen des Feldherrn, ungesäumt den kleinen Palast an der Spitze des Choma in stand zu setzen und ihn nach dem Hafen hin mit einer hohen Mauer abzuschließen.

Eine Thür sei nicht nötig. Der Verkehr mit dem Hause könne zu Wasser bewerkstelligt werden. Er solle alles dransetzen, um diese Arbeit schnell zu vollenden.

Erstaunt schauten die Freunde sich an, während sie diese Bestellung durchflogen.

Was konnte den Antonius zu solchem seltsamen Befehle veranlassen? Woher kam er in die Hand des Piraten?

Hier mußte Klarheit geschafft werden.

Wenn Archibius, dessen mildes, vertrauenerweckendes Wesen schnell für ihn gewann, in leidenschaftlicher Erregung aufbrauste, verfehlte dieser unerwartete Umschlag um so seltener die Wirkung, ein je bedrohlicheres Ansehen dann seine hohe, schwere Gestalt und seine derben Züge gewannen.

Auch der Schiffsführer sah mit befangener Scheu zu ihm hin, als der Alexandriner alles zurückzunehmen drohte, was er von Schonung und Gnade verheißen, wenn der Pirat auch nur das Kleinste verschweige, was mit diesem Briefe in Zusammenhang stehe. Der Seeräuber gewahrte auch bald, daß es vergebens sein werde, falsche Aussagen zu machen; denn der pontische Gefangene sprach zwar nicht griechisch, er verstand aber diese Sprache, und jede Aussage des andern bestätigte er entweder mit lebhaften Geberden oder bezeichnete sie in der nämlichen Weise als unwahr.

Da kam denn zu Tage, daß die Barke des Piraten zusammen mit dem viel größeren Schiffe eines Genossen in der Nähe von Kreta auf Beute gelauert habe. Von den einander gegenüber stehenden Flotten hatten sie noch nichts gesehen oder gehört, als ihnen ein zierlicher Schnellsegler, »der schönste und flinkste, der je die See befahren« – es war wohl »die Schwalbe«, das Botenschiff des Antonius gewesen – in den Wurf gekommen sei. Ihn einzufangen war leicht gewesen. Die Seeräuberschiffe hatten die Beute geteilt, der Löwenanteil an Gut und Menschen aber war dem größeren Schiffe zu gute gekommen.

Einem vornehmen Herrn – wohl dem Boten des Antonius – der eine schwere Wunde davongetragen hatte und seitdem gestorben und ins Meer geworfen worden war, hatte der Pirat eine Tasche mit Briefen und einigem Geld abgenommen. Jene waren benützt worden, um das Herdfeuer zu entzünden, und nur der an den Baumeister übrig geblieben.

Die gefangenen Matrosen hatten ausgesagt, die Flotte des Octavian habe die der Kleopatra geschlagen, die Königin sei aus der Schlacht geflohen, doch das Landheer noch unberührt und werde vielleicht den Sieg für den Antonius entscheiden. Der Pirat versicherte, nicht zu wissen, wo es stehe – vielleicht bei Taenarum, woher das erbeutete Schiff kam. Es sei Jammer und Schade, doch habe seine eigene Bemannung es in Brand gesteckt, und vor seinen Augen sei es gesunken.

Dieser Bericht schien wahr zu sein, doch die akarnanische Küste, wo die Schlacht geliefert worden sein sollte, lag so weit von der südlichen Spitze des Peloponnes entfernt, woher der Brief des Antonius kam, daß er schon auf der Flucht geschrieben worden sein mußte.

Eines schien sicher. Die Flotte war am zweiten oder dritten September geschlagen und völlig auseinander getrieben worden.

Wo mochte die Königin jetzt weilen? Wohin waren die großen, prächtigen Schiffe, die sie in den Kampf begleitet hatten, geraten?

Auch der Gegenwind hätte sie so lange nicht zurückhalten können; denn sie waren ja reichlich mit Ruderern bemannt.

Hatte Octavian sich ihrer bemächtigt? Waren sie verbrannt oder gesunken? Aber wie wäre Antonius dann nach Taenarum gekommen?

Ueber diese Herz und Sinn erregenden Fragen wußte der Pirat keine Antwort zu erteilen. Warum hätte er verschweigen sollen, was ihm darüber zu Ohren gekommen?

Archibius ließ endlich nur das auf dem Schiffe des Antonius geraubte Gut samt dem befreiten Matrosen auf den Epikur bringen; der Seeräuber aber mußte ihm schwören, das Wasser zwischen Kreta und Alexandria nie mehr zu beunruhigen. Dann ließ er ihn unbehelligt das Weite suchen.

Dies Abenteuer hatte lange Stunden in Anspruch genommen, und die Rückfahrt gegen den Wind ging langsam; denn der Epikur war während der Verfolgung von der kräftigen Brise weit in die offene See hineingetrieben worden. Als ihn auf der Rückfahrt nur noch wenige Meilen von der Hafenöffnung am Pharus trennten, hatte es sich indessen ergeben, daß der rhodische Steuermann in der pharischen Schenke richtig geweissagt; denn mit ungewöhnlicher Schnelligkeit wechselte das Wetter, und der Wind kam jetzt von Norden. Die See wimmelte von Schiffen, die teils zu der königlichen Flotte gehörten, teils neugierigen Alexandrinern, die ausgesegelt waren, um Umschau zu halten.

Archibius und Dion hatten die Nacht, den Morgen und Vormittag schlaflos verbracht. Die trübe, von einem dünnen Sprühregen durchnäßte Luft war kühl geworden. Nachdem sie sich durch ein Mahl gestärkt, wandelten sie auf dem Verdeck des Epikur auf und nieder.

Sie sprachen nur wenig und zogen die Mäntel dichter an sich. Beide hatten dem feurigen Weine kräftig zugesprochen, an dem es auf dem Epikur nicht fehlte, aber er wollte sie nicht erwärmen. Das hätte auch das Feuer im Kamine mit den hell brennenden Scheiten in der reich ausgestatteten Kajüte schwerlich bewirkt.

Die Gedanken des Archibius weilten bei der geliebten Königin, und die lebhafte Einbildungskraft führte ihm alles vor die Seele, was ihr widerfahren sein konnte. Nichts Mögliches, auch nicht das Schrecklichste wurde dabei vergessen, und wenn er sie mit dem Schiffe sinken und ihm, an den sie sich schon so lange in jeder schwierigen Lage wandte, die schönen Arme um Rettung flehend entgegenstrecken sah, wenn er sie als Gefangene vor dem ihr feindseligen, kaltherzigen Octavian erblickte, war es ihm, als erstarre ihm das Blut. Endlich ließ er den Filzmantel fahren und drückte, laut aufstöhnend, die Faust an die Schläfe. Er hatte vor dem inneren Auge erblickt, wie sie mit goldenen Ketten an den zarten Gelenken beim Triumphzuge des Siegers vor seinem Viergespanne dahingeschritten war, und dabei das Jubelgeschrei des römischen Pöbels vernommen.

Das wäre das Furchtbarste von allem gewesen!

Das auszudenken überstieg die Kraft des treuen Mannes, und Dion wandte sich betroffen um, als er ihn aufschluchzen hörte und die Thränen sah, die ihm das Antlitz benetzten.

Ihm selbst war schwer genug ums Herz, doch er wußte, wie warm der ältere Freund an der Königin hing, und so legte er ihm den Arm um die Schulter und bat ihn, jene Ruhe der Seele und des Geistes zu bewahren, die er schon so oft an ihm bewundert. In den schwierigsten Lagen habe er ihn über allen stehen sehen wie den Feuerschürer auf der Spitze des Pharus dort über der wild bewegten See. Wenn er gelassen wie sonst das Geschehene mit ihm überschaue, werde er zugeben müssen, daß Antonius frei sein müsse und in der Lage, über seine Zukunft zu verfügen, da er den Palast auf dem Choma herzurichten befehle. Was die Mauer solle, verstehe er nicht, aber vielleicht führe er einen hochgestellten Gefangenen mit sich, den er an dem Verkehre mit der Stadt zu verhindern wünsche. Es könne ja sein, daß alles weit besser stehe, als sie fürchteten, und daß sie noch einmal über diese schweren Sorgen lächeln würden. – Auch ihm sei das Herz schwer, denn er gönne der Königin das Beste um ihrer selbst willen und weil mit ihr und ihrem glücklichen Widerstande gegen die Begehrlichkeit Roms die Freiheit Alexandrias stehe und falle.

»Ihr,« schloß er, »gehörte bis jetzt meine Liebe und Sorge, wie die Deine der Beherrscherin dieses Landes. Die Welt wird mir verdunkelt, das Leben mir nicht mehr lebenswert scheinen, wenn der eherne Fuß Roms unsere Selbständigkeit und Freiheit zertritt.«

Warm und treu gemeint hatte dies geklungen, und Archibius war ihm gern gefolgt. Der ruhig denkende Geist bestätigte ihm, daß noch nichts geschehen sei, was an das Schlimmste zu glauben zwang, und wie es auf den Trostbedürftigen oft tröstlich wirkt, einen andern zu trösten, so erleichterte es auch ihm das Herz, dem jüngeren Freunde vorzustellen, daß selbst, wenn Octavian Sieger bleibe und Aegypten die Selbständigkeit nehme, er kaum wagen werde, der Bürgerschaft Alexandrias die freie Verfügung über die eigenen Angelegenheiten zu schmälern. Dann stellte er dem Dion vor, wie er, der junge, entschlossene, unabhängige Mann, sich doppelt nützlich machen könne, wenn es über die gefährdete Freiheit der Stadt zu wachen gelte, und wie Schönes das Leben ihm noch vorbehalte.

Aus seiner Stimme war dem jüngern Freunde sorgende Liebe entgegen geklungen. So hatte seit dem Tode des Vaters niemand zu ihm geredet.

Bald sollte der Epikur die Hafenöffnung erreichen, und nach der Landung galt es, sich wieder von Archibius zu trennen.

Es war für beide die entscheidende Stunde gekommen, die ernste Männer oft fester verbindet als eine Reihe von früheren Jahren. Sie hatten einander die Herzen geöffnet. – Nur das eine, das beim Anblick der ersten Häuser der Stadt dem Dion die Seele mit neuer Unruhe erfüllte, hatte er in sich verschlossen gehalten.

Andere um Rat zu fragen war schon längst nicht mehr seine Sache. Von denen, die den seinen zu hören verlangten, waren viele dankend von ihm gegangen, um das Gegenteil von dem zu thun, was er ihnen geraten, obgleich es ihnen zum Besten gediehen wäre. Mehr als einmal hatte er es auch selbst ebenso gehalten; jetzt aber drängte es ihn mächtig, den Archibius zum Vertrauten zu machen. Er kannte Barine und wollte sein Bestes. Es that vielleicht auch gut, einem wohlmeinenden Zweiten zur Mitprüfung vorzulegen, was sein Herz so kräftig forderte und der erwägende Geist ihm auszuführen verbot.

Mit einem schnellen Entschlusse wandte er sich darum noch einmal an den Freund und sagte:

»Du hast Dich mir wie ein Vater erwiesen. Denke nun, ich sei wirklich Dein Sohn und ich würde als solcher Dir bekennen, ein Weib sei meinem Herzen teuer geworden, und Dich fragen, ob es Dich freuen würde, sie als Tochter zu begrüßen.«

Da unterbrach ihn Archibius mit dem Rufe: »Ein Lichtblick in all diesem Dunkel! Hole, sobald es angeht, nach, was Du schon zu lange versäumtest! Es ziemt dem Bürger, ein Weib zu nehmen. Zum vollen Manne wird der Grieche erst in der Ehe als Hausherr und Vater. Wenn ich allein blieb, hatte das seine besonderen Gründe, und wie oft beneidete ich den Schuster, den ich mit dem Kinde auf dem Arme am Feierabend vor der Werkstätte stehen sah, oder den Steuermann, dem sich bei der Heimkehr große und kleine Hände entgegenstreckten. Wenn ich mein Haus betrete, freuen sich nur meine Hunde. Aber Du, dem der schöne Palast leer steht, Du, von dem sein stolzes Geschlecht erwarten darf, daß er für seine Fortdauer sorgt ...«

»Das eben ist es,« unterbrach ihn Dion, »was mich in einen Zwiespalt führt, der meiner Weise sonst fremd ist. Du kennst mich und meine Stellung im Leben. – Auch der, die ich meine, stehst Du nahe von Kind an.«

»Iras?« frug der andere zaudernd. Seine Schwester Charmion hatte ihm von der Neigung der jüngeren Genossin im Dienste der Königin gesprochen.

Aber Dion verneinte dies lebhaft und fügte hinzu:

»Barine, die Tochter Deines verstorbenen Freundes Leonax, ist's, von der ich rede. Ich liebe sie; doch mein Stolz ist empfindlich, und ich weiß, er überträgt sich mit auf meine künftige Gemahlin. Den scheelen Blick, den andere auf sie werfen könnten, würde ich verachten; denn ich kenne ihren Wert. Du erinnerst Dich gewiß meiner Mutter. Sie war anders als sie. Das Haus, ihr Kind, die Sklaven, der Webstuhl waren ihr alles. Auch von andern Frauen verlangte sie streng die keusche Zurückgezogenheit, die ihr eigen, – und doch war sie milden Herzens und liebte mich, den einzigen Sohn, über alles. Sie wäre der Barine mit offenen Armen entgegengekommen, wenn sie gewahrt hätte, daß ich ihrer zu meinem Glücke bedürfte. Aber wäre es der an den lebhaften Verkehr mit hervorragenden Männern gewöhnten jungen Frau gelungen, sich ihren Anforderungen zu fügen? Wenn ich denken müßte, die Gewohnheit, umringt und umworben zu sein, nähme sie mit in die Ehe, wenn ich mir vorstelle, die Unvorsichtigkeit des an Freiheit gewöhnten Weibes könnte die Zungen in Bewegung setzen und einen Schatten auf die blanke Reinheit meines Namens werfen, wenn ich gar« – und dabei erhob er die zur Faust geballte Rechte.

Archibius aber fiel ihm besänftigend ins Wort: »Diese Besorgnis ist nichtig, wenn Barine Dir warm und freudig das ganze Herz schenkt. Es ist ein sonniges, liebenswertes, echtes Frauenherz, und darum einer großen Liebe auch fähig. Macht sie Dir die zum Geschenke, – und ich glaube, sie thut es – dann gehe hin und opfere und danke; denn die Himmlischen wollten Dein Glück, als sie Deine Wahl auf sie lenkten und nicht auf die Iras, das Kind meiner leiblichen Schwester. Wärest Du aber mein Sohn, dann riefe ich jetzt aus: Eine teurere Tochter könntest Du mir nicht bringen, wenn Du – ich wiederhole es – wenn Du ihrer Liebe gewiß bist.«

Da schaute Dion kurze Zeit vor sich hin und rief dann entschieden:

»Ich bin es.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.