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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Zweites Kapitel

Dion wollte sich bescheiden entfernen, als der Begleiter des Cäsarion auf ihn und den Freund zutrat und sie begrüßte. Er war mit beiden vertraut und bat auch jenen, zu bleiben. Es lag etwas Gemessenes und Abgeklärtes in der Stimme und den ruhigen Bewegungen dieses großen, breitschulterigen Mannes mit dem starken Körper und den mächtig entwickelten Gliedern. Zwar stand er erst in der Mitte der Vierziger, doch wies nicht nur sein ergrautes großes Haupt, sondern auch die ganze gelassene, Achtung gebietende Weise auf ein höheres Alter.

»Der junge König dort,« begann er mit einer Stimme von tiefem, einnehmendem Klang, indem er auf den Wagen wies, »wünschte Dich, mein Gorgias, hier persönlich zu sprechen, doch auf meinen Rat unterläßt er es, sich unter der Menge zu zeigen. Ich führe ihn im geschlossenen Wagen hieher. – Ist es Dir genehm, so steige zu ihm ein und höre ihn an, während ich mich hier umschaue. Es scheinen merkwürdige Dinge vorzugehen – und da – oder täusche ich mich? Ist das Ungetüm, das da herangeschleppt wird, etwa schon die Statue der Königin und ihres Freundes? Warst Du es selbst, Gorgias, der diesen Platz für sie wählte?«

»Nein,« entgegnete der Baumeister bestimmt. »Dieser Transport wurde sogar über mich hin und gegen meinen Willen befohlen.«

»Das dachte ich,« erwiderte der andere. »Cäsarion wünscht Dich gerade wegen dieser Bildsäule zu sprechen. Kannst Du ihre Aufstellung auf dem Grund und Boden des Didymus verhindern, – um so besser. Was an mir liegt, thue ich gern, um Dir Beistand zu leisten; doch in Abwesenheit der Königin vermag ich nur wenig.«

»Was soll ich dann über meinen Einfluß sagen?« frug der Baumeister. »Wer weiß denn in dieser Zeit auch nur, ob der Himmel morgen blau sein wird oder grau? Nur eins steht bei mir fest: Was an mir liegt, das soll geschehen, um diese Schädigung eines achtbaren Bürgers, diesen Eingriff in das Gesetz unserer Stadt und dazu eine Kränkung des guten Geschmackes zu verhindern.«

»Sage das dem jungen Könige, doch auch das nur mit Vorsicht,« bat Archibius, während der Baumeister sich wandte, um dem Wagen entgegenzuschreiten.

Sobald Dion und der ältere Mann allein waren, suchte sich jener über den Grund des wachsenden Aufruhrs zu unterrichten, und da er wie jeder wohlgesinnte Alexandriner den Archibius hochhielt und es ihm bekannt war, daß er mit dem Besitzer des gefährdeten Gartens und darum auch mit seiner Enkelin Barine bekannt sei, vertraute er ihm rückhaltlos, was er besorgte.

»Iras,« sagte er in seiner offenen Weise, »ist ja Deine Nichte, doch weiß ich, daß Du sie kennst. Jetzt gefällt es ihr, einer, der sie übel gesinnt ist und die sie für unvorsichtig hält, einen goldenen Apfel in den Weg zu legen, damit sie ihn auflese und ihr Anlaß gebe, sie als Diebin zu verklagen.«

Als ihn der fragende Blick des Archibius bei diesem Gleichnisse traf, änderte er den Ton und fuhr ernster fort: »Zeus ist groß, doch über ihm steht das Schicksal. Mein Oheim Zeno vermag viel, wenn aber Iras und Deine Schwester Charmion, die jetzt leider bei der Königin weilt, etwas durchzusetzen wünschen, so streicht er wie der Regent Mardion die Segel. Je liebenswerter Kleopatra ist, desto gewisser hält jeder den Platz in ihrer Nähe höher als alles andere, und besonders höher als solche Kleinigkeiten wie Recht und Gesetz.«

»Das sind harte Worte,« unterbrach ihn der andere, »und sie scheinen mir um so bitterer, einen je größeren Kern von Wahrheit sie enthalten. Unser Hof teilt das Geschick jedes andern im Morgenlande, und wem Rom früher das Beispiel gab, Recht und Gesetz heilig zu halten ...«

»Der,« fiel ihm Dion ins Wort, »mag jetzt dorthin gehen, um zu erfahren, wie roh man beide mit Füßen tritt. Die Machthaber hier und dort dürfen über einander lächeln wie die Auguren. Es sind gleiche Brüder ...«

»Doch mit dem Unterschiede,« bemerkte Archibius, »daß an der Spitze unseres Gemeinwesens die Liebenswürdigkeit und Anmut in eigener Person stehen, während in Rom das Gegenteil davon: rauhe Härte und blutiger Uebermut oder auch widrige Kriecherei die Zügel führen.«

Hier unterbrach Archibius sich selbst und wies auf eine Schar von schreienden Leuten, die auf sie zukam; Dion aber sagte: »Du hast recht. Verschieben wir dies auf ein Gespräch im Hause der anmutigen Barine. Aber ich treffe Dich dort nur selten, und doch standest Du ihrem Vater so nahe, und es gibt stets etwas Förderliches bei ihr zu hören. Ich bin ihr Freund. Das könnte in meinem Alter leicht so viel heißen wie ihr Geliebter. Doch in unserem Falle würde die Gleichung nicht stimmen. Vielleicht glaubst Du mir; denn Du hast ja selbst das Recht, Dich den Freund der verführerischsten aller Frauen zu nennen.«

Da flog ein wehmütiges Lächeln über das ernste, derb geschnittene Antlitz des Vierzigers, und indem er die Hand wie zur Abwehr bewegte, entgegnete er leichthin:

»Ich wuchs mit Kleopatra heran, aber der geringe Mann liebt eine Königin nur wie die Gottheit. An Deine Freundschaft mit Barine glaube ich gern, doch halte ich sie für gefährlich.«

»Wenn Du damit meinst, sie könne der liebenswerten Frau schaden,« versetzte Dion und erhob das Haupt höher, wie um anzudeuten, daß er auch von ihm keiner Warnung bedürfe, »bist Du vielleicht im Rechte. Nur bitte ich Dich, mich nicht mißzuverstehen. Ich bin nicht eitel genug, um anzunehmen, ich könne ihrem Herzen etwas anthun; doch leider gibt es viele, die der jungen Frau die Anziehungskraft nicht verzeihen, die sie auf mich übt wie auf uns alle. So viele Männer das Haus der Barine gern besuchen, so viele Weiber muß es mit Notwendigkeit geben, denen es Freude machen würde, es zu schließen. Zu ihnen gehört natürlich auch Iras. Sie grollt meiner Freundin, ja ich fürchte, was Du dort drüben siehst, ist der Apfel, den sie hinwarf, um sie damit wenn nicht zu verderben, so doch aus der Stadt zu entfernen, bevor die Königin – mögen die Götter ihr Sieg verleihen! – bevor Kleopatra heimkehrt. Du kennst Iras, die ja Deine Nichte. Wie Deine Schwester Charmion scheut sie sich vor nichts, wenn es gilt, der Königin eine Sorge oder einen Verdruß aus dem Wege zu räumen, und es wird Kleopatra schwerlich erfreuen, wenn sie hört, daß die beiden Knaben, deren Wohl ihr am Herzen liegt, Antyllus wie Cäsarion, den Weg zu einer Barine – wie rein ihr Ruf auch sein mag – fanden.«

»Ich erfuhr es vorhin,« entgegnete Archibius, »und auch mich macht es besorgt. Der Sohn des Antonius hat viel von der unersättlichen Genußlust des Vaters. Aber Cäsarion! Er wagte sich noch nicht aus dem Traumdasein, das ihn umfängt, hinaus in das Leben. Was andere kaum wahrnehmen, schlägt ihm eine Wunde. Für ihn spitzt Eros, fürcht' ich, tief ins Herz dringende Pfeile. Als er bei mir vorsprach, fand ich ihn seltsam verändert. Wie einem Trunkenen leuchteten ihm die Träumeraugen, als er von Barine erzählte. Ich fürchte, ich fürchte –«

»Das wäre!« rief Dion überrascht, ja beinahe erschreckt. »Wenn es so steht, ist Iras nicht völlig im Unrecht, und wir haben die Sache anders zu wenden. Vor allen Dingen muß verschwiegen bleiben, daß Cäsarion sich in die Angelegenheit des alten Hausbesitzers da drüben einmischt. Daß man dem Greise zu erhalten sucht, was sein ist, versteht sich von selbst, und ich nehme es auf mich und will dem Stegreifredner – sieh nur, wie der Prahlhans im Dienste der Iras die Arme schwingt! – heimzuleuchten versuchen. Was die Barine angeht, wird es gut thun, sie zu bewegen, freiwillig die Stadt zu verlassen, wo man ihr den Boden so heiß macht. Du, würdiger Mann, suche sie dahin zu bringen. Wenn ich ihr mit solchem Ansinnen käme, ich, der ich erst gestern ... Nein, nein! Sie hörte ohnehin, daß Iras und ich ... Sie würde allerhand Thorheiten vermuten. Du kennst die Eifersucht. Auf Dich, den sie hochhält, hört sie gewiß, ich weiß es, und sie braucht sich ja nicht weit zu entfernen. Ist das Herz dieses schwärmerischen Knaben, dem es doch einmal einfallen könnte, nicht nur ›der König der Könige‹ heißen zu wollen, ernstlich für die Barine entbrannt, wie schweres Unheil kann daraus entstehen! Wir müssen sie vor ihm in Sicherheit bringen. Auf mein Landgut unter den Papyruspflanzungen bei Sebennytus darf sie nicht. Es käme den bösen Zungen gar zu gelegen. Aber Du ... Deine Villa bei Kanopus ist freilich zu nahe – aber Du hast ja, wenn ich nicht irre –«

»Mein Gut im Seeland ist weit genug entfernt, und es steht ihr zur Verfügung,« versetzte der andere. »Das Haus ist immer zu meiner Aufnahme bereit; ich werde das Meine thun, um sie zu überreden; denn Dein Rat ist verständig. Aus den Augen muß sie dem Knaben!«

»Ich aber,« fuhr Dion eifrig fort, »werde mich morgen von dem Erfolge Deiner Sendung unterrichten; – ja schon heute abend. Willigt sie ein, so erzähle ich der Iras wie von ungefähr, daß sie nach Oberägypten gehe, um frische Milch zu trinken. Sie ist klug, und es wird ihr lieb sein, wenn sie sich in dieser Zeit, die über das Geschick Kleopatras und der Welt entscheiden soll, dergleichen Kleinigkeiten fern halten kann.«

»Auch meine Gedanken sind bei dem Heere immer und immer,« sagte Archibius. »Wie nichtig ist alles andere neben der Entscheidung, die uns in diesen Tagen bevorsteht! Aber das Leben setzt sich aus Kleinem zusammen. Das nährt und tränkt und erhält uns! Kehrt die Königin auch als Siegerin heim und findet den Cäsarion auf falschen Wegen ...«

»Man muß sie ihm verschließen!« rief der andere.

»Damit der Knabe der Barine nicht nachreist, meinst Du?« frug Archibius und schüttelte leise das Haupt. »Das, denk' ich, haben wir nicht zu besorgen. Er wird dergleichen wohl lebhaft genug begehren, doch zwischen dem Verlangen und dem Vollbringen fließt bei ihm ein breiter Strom. Der Antyllus ist anders geartet. – Er wäre im stande, sich das Pferd satteln oder an einem Boote die Segel ausspannen zu lassen, um ihr nachzueilen, – thut es not, bis über den Katarakt. Darum müssen wir auch aufs strengste verschweigen, wohin Barine sich freiwillig verbannt.«

»Ich sehe sie noch nicht unterwegs,« fügte Dion mit einem leisen Seufzer hinzu. »Sie hängt an dieser Stadt wie mit Ketten und Banden.«

»Ich weiß es,« bestätigte der ältere die Befürchtung des jüngeren Mannes; dieser aber wies auf den Wagen und sagte schnell und dringlich:

»Gorgias winkt. Doch bevor wir scheiden: setze alles daran, Barine von hier zu entfernen. Sie ist ernstlich bedroht. Verschweige ihr nichts und sage ihr, allzu lange würden die Freunde sie nicht in der Einsamkeit lassen.«

Da drohte Archibius dem Jünglinge mit der Hand und einem vielsagenden Blicke und trat mit ihm dem verschlossenen Wagen entgegen.

Das wohlgeformte, doch blasse Gesicht des Cäsarion, das dem seines Vaters, des großen Cäsar, Zug für Zug gleich sah, schaute ihnen aus der Oeffnung über dem Schlage entgegen, und er begrüßte beide mit einer gemessenen Neigung des Hauptes und einem gönnerhaften Aufschlag der Augen. Sie hatten vorhin, als er den älteren Freund nach Wochen wieder sah, in knabenhafter Weise hell ausgeleuchtet, dem Fremden aber wünschte er sich als König zu zeigen. Er wollte ihm zu fühlen geben, wie hoch er über ihm stehe; denn er war ihm übel gesinnt. Hatte er ihn doch von der Frau bevorzugen sehen, die er zu lieben meinte und deren Besitz ihm die geheime Wissenschaft der Aegypter, an deren Macht, die Zukunft zu entschleiern, er glaubte, mit aller Bestimmtheit zugesagt hatte.

Durch Antyllus, den Sohn des Antonius, war er bei Barine eingeführt worden, und sie hatte ihn mit der seinem Range gebührenden Berücksichtigung empfangen. Der von reifen und hervorragenden Männern umworbenen jungen Frau von seiner Liebe zu reden, hatte ihm indes trotz ihrer heiteren Anmut knabenhafte Schüchternheit bisher verboten. Nur seine feucht schimmernden, ausdrucksvollen Augen hatten ihr alles sagen sollen, was er für sie fühlte. Es war wohl auch nicht unbemerkt geblieben; denn vor wenigen Stunden war er vor dem Tempel des Cäsar, seines Vaters, wohin er sich bei der strengen, seinem Leben ausgelegten Ordnung jeden Tag zur nämlichen Stunde begab, um zu beten, zu opfern, den Stein des Altars zu salben oder die Bildsäule des Dahingegangenen zu bekränzen, von einer Aegypterin aufgehalten worden.

Augenblicklich hatte er in ihr die Sklavin erkannt, die er im Atrium Barines gesehen, und dem Gefolge zurückzubleiben geboten.

Zum Glück war sein Hofmeister Rhodon der Pflicht, ihn zu begleiten, nicht nachgekommen. Darum hatte er es wagen dürfen, ihr zu folgen und im Schatten der Mimosen des kleinen Haines neben dem Tempel die Sänfte Barines gefunden. Hochklopfenden Herzens und voll banger Erwartung war er ihrem Winke, näher zu treten, gefolgt. Doch sie hatte ihm nichts gewährt als die Gunst, ihr einen Wunsch zu erfüllen. Aber das Herz war ihm doch voll zum Zerspringen gewesen, als sie mit dem schönen weißen Arm aus der Thür der Sänfte ihm mitgeteilt hatte, es sei ungerechterweise im Werke, ihrem Großvater Didymus den Garten zu nehmen, und sie erwarte von ihm, daß er, der ja »der König der Könige« heiße, das Seine thun werde, um solchem Frevel zu wehren.

Während sie sprach, hatte es ihn Mühe gekostet, den Sinn ihrer Rede zu erfassen; denn es hatte ihm vor den Ohren gebraust, als stehe er statt in dem stillsten der Tempelhaine an einem stürmischen Tage auf der von der Brandung umrauschten Spitze der Lochias. Die Augen zu ihr auszuschlagen und ihr ins Antlitz zu schauen, hatte er nicht gewagt. Erst als sie mit der Frage, ob sie auf seinen Beistand hoffen dürfe, zu Ende gekommen, hatte ihr Blick den seinen gezwungen, ihm standzuhalten, und was hatte er dabei aus ihren blauen, bittenden Augen nicht alles herauszulesen gemeint, wie unsagbar schön war sie ihm erschienen!

Wie von Sinnen hatte er ihr gegenüber gestanden. Er wußte nur noch, daß er ihr mit der Hand auf dem Herzen versprochen, alles einzusetzen, um zu verhindern, was ihr Kummer zu bereiten drohe. Dann war ihm die kleine Hand mit den blitzenden Ringen wieder entgegengestreckt worden, und er war fest entschlossen gewesen, sie zu küssen, doch während er sich nach dem Gefolge umschaute, hatte sie schon den Sklaven und ihm gewinkt, und die Sänfte war fortgetragen worden.

Da hatte er denn dagestanden wie der Mann auf einer alten Vase der Mutter, der verdutzt dem fortfliegenden Glücke nachschaut, das er so leicht an dem ihm lang nachwehenden Haar hätte festhalten können ... Er grollte der unseligen Unentschlossenheit, die ihn schon um so viel Gutes betrogen. Doch es war ja noch nichts verloren. Wenn es ihm gelang, ihren Wunsch zu erfüllen, dann mußte sie ihm dankbar sein, und dann ...

Nun dachte er nach, an wen er sich wenden könnte. An Mardion, den Regenten, oder an den Siegelbewahrer? Nein! Sie hatten ja die Aufstellung der Statue im Garten des Philosophen angeordnet. An Iras, die Vertraute der Mutter? Das am letzten! Die Listige hatte ihn durchschaut und dem Regenten, was sie wahrgenommen, verraten. Ja, wenn Charmion, die andere Kammerfrau der Mutter, hier gewesen wäre; doch sie befand sich ja mit auf der Flotte, die vielleicht heute schon gegen die des Feindes kämpfte.

In der Erinnerung daran schlug er die Augen nieder; denn es war ihm nicht gestattet worden, den ihm gebührenden Platz im Heere einzunehmen, während die Mutter und Charmion ... Doch er dachte diesen peinlichen Gedanken nicht aus; denn ein ernster Vorwurf hatte sich ihm aufgedrängt und ihm das Blut in die Wangen getrieben. Er, er wollte ein Mann sein, und in dieser großen Zeit, in diesen Tagen, die das Geschick der Mutter, seiner Vaterstadt, Aegyptens und jenes Rom entscheiden sollten, das man ihn, den einzigen Sohn des Cäsar, als sein Erbe zu betrachten lehrte, schlich er sich zu einer schönen Frau und dachte an sie und an nichts weiter! Mit haltlosen Anschlägen auf ihren Besitz verbrachte er die Tage und halben Nächte und vergaß darüber, was ihm allein hätte am Herzen liegen sollen.

Iras hatte ihm noch gestern mit scharfen Worten vorgehalten, daß es in diesen Tagen für jeden Freund Kleopatras und jeden Feind ihrer Feinde Pflicht sei, wenigstens in Gedanken jederzeit beim Heere zu weilen.

Daran hatte er sich wieder erinnert; statt aber der Mahnung des geisteskräftigen Mädchens zu achten, war er durch die Erinnerung an sie nur auf ihren Oheim Archibius geführt worden, der nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch weil jedermann wußte, wie viel er bei der Königin gelte, großen Einfluß besaß. Dazu hatte der kluge, wohlwollende Mann sich ihm von Kind an besonders freundlich erwiesen, und wie eine Erleuchtung war ihm der Gedanke erschienen, sich an ihn und zu gleicher Zeit an den Architekten Gorgias zu wenden, der in dieser Angelegenheit mitzusprechen und ihm, während er den ihm eingeräumten Palastflügel auf der Lochias neu ausgebaut, besonders wohl gefallen hatte.

So war denn ein dienender Mann aus dem Gefolge sogleich mit dem Täfelchen ausgesandt worden, das den Gorgias zum Stelldichein beim Isistempel lud.

Nach Mittag hatte Cäsarion sich dann heimlich in einem Boote zu dem bei Kanopus am Meeresufer gelegenen kleinen Palast des Archibius begeben, und nun dieser mit dem Freunde an seinem Wagen stand, erklärte er ihnen, daß er sich mit dem Architekten zu dem alten Didymus verfügen wolle, um ihn seines Beistandes zu versichern.

Das war in jeder Hinsicht unstatthaft, und es bedurfte des ganzen Schwergewichts der Gründe des älteren Mannes, um ihn zum Nachgeben zu bewegen. Die Folgen, die es hätte nach sich ziehen können, wenn ihn das Volk, während er gegen den Regenten der Königin Partei nahm, erkannt hätte, wären unabsehbar gewesen. Aber das Sichfügen und Zurückweichen fiel dem jungen »König der Könige« diesmal besonders schwer. Er hätte sich dem Dion so gern als Mann gezeigt, und nun dies nicht anging, suchte er sich das Ansehen eines solchen zu geben, indem er versicherte, von seinem Vorhaben nur abzulassen, um den alten Gelehrten und seine Enkelin nicht in Schaden zu bringen. Dann bat er den Baumeister noch einmal, dem Didymus das Seine zu erhalten. Als er endlich mit dem Archibius abfuhr, dämmerte es bereits, und vor dem Tempel und dem kleinen Mausoleum, das sich an die Cella anschloß, wurden die Fackeln, auf dem Platze die Pechpfannen entzündet.

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