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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Am nächsten Morgen hatte die Königin mit Charmion und diese mit der Nubierin Anukis mancherlei zu flüstern. Gestern war der Gärtner des Archibius gekommen und hatte der Schwester seines Herrn besonders schöne Feigen angeboten, die in dem alten Epikuräergarten reiften. Auch von diesen Früchten wurde gesprochen, und Anukis begab sich nach Kanopus und von dort aus im Wagen des Verwalters mit einem Korbe voll der köstlichsten Feigen auf den Fischmarkt. Da hatte sie mancherlei mit dem Pyrrhus zu reden, und der Freigelassene begab sich mit den Früchten auf sein Boot.

Bald nach der Heimkehr der Nubierin kam die Königin aus dem Grabmale zurück. Ihre Züge trugen den Stempel einer ihnen sonst fremden Entschlossenheit, ja die fest zusammengedrückten Lippen verliehen ihnen den Ausdruck entschiedener Strenge. Sie wußte, was ihr zu thun oblag, und sah dem nahenden Ende als einer unabweisbaren Notwendigkeit entgegen. Der Tod erschien ihr wie eine Reise, die sie antreten mußte, um der grausamsten Schmach zu entgehen. Das Leben nach dem Tode des Antonius war ohnehin kein rechtes Leben mehr, es war nur ein häßliches Zaudern und Abwarten zu Gunsten der Kinder gewesen.

Der Besuch im Grabe hatte dem vorangegangenen Gatten ihr Nahen gleichsam ansagen sollen. Sie war lange in der stillen Halle geblieben. Dort hatte sie den Sarg des Geliebten mit Blumen bekränzt und ihn geküßt, zu dem Verstorbenen wie zu einem Lebenden geredet und ihm zugerufen, daß der Tag gekommen sei, an dem sich, was er als wärmsten Herzenswunsch in seinem Testamente bezeichnet: im gleichen Grabmal neben ihr zu ruhen, nun erfüllen solle. Unter dem tausendfachen Jammer, der sie betroffen, sei ihr nichts so schwer erträglich erschienen, als seiner Nähe und Liebe zu entbehren.

Dann war sie in den Garten gegangen, hatte die Kinder geherzt und geküßt und sie gebeten, liebevoll ihrer zu gedenken. Dem Archibius war nicht verborgen geblieben, was sie im Sinne trug, doch hatte Charmion ihm mitgeteilt, womit die Zukunft sie bedrohte, – und er billigte ihren Entschluß. Mit dem Aufgebot der ganzen ihm innewohnenden Willenskraft wußte er den Schmerz, der ihm das treue Herz zerriß, zu verbergen. Sie mußte sterben. Der Gedanke, sie den Triumphzug des Octavian zieren zu sehen, erschien auch ihm unerträglich. Ihren Dank und ihre Bitten, den Kindern auch ferner ein liebevoller Leiter zu sein, nahm er mit einer äußeren Gelassenheit hin, die ihm später unfaßbar erschien.

Als sie von dem Wiedersehen mit dem Geliebten sprach, dem sie entgegengehe, frug er, ob sie der Lehre des Epikur, die mit dem Tode das Sein des Verstorbenen auslöscht, völlig abgesagt habe.

Das bejahte sie lebhaft und sagte: »Auch die Schmerzlosigkeit hörte auf, mir als höchstes Lebensgut zu erscheinen, seit ich weiß, daß Liebe nicht nur Lust bringt, seit ich erfuhr, daß der Schmerz untrennbar ist von der Liebe. Von ihr lasse ich nicht, und ebenso wenig von dem Geliebten. Wer das erfuhr, was über mich verhängt ward, der lernte andere Götter kennen als die in thatenloser Ruhe selig rastenden des Meisters. Lieber zu ewiger Qual in einer andern Welt vereint mit dem Geliebten, als ein schmerz- und freudloses Nichts in einem öden, unfaßbaren Nirgends. – Du am letzten lehrst die Kinder nach Schmerzlosigkeit trachten ...«

»Denn wie Du,« rief Archibius. »erfuhr auch ich, ein wie hohes Lebensgut die Liebe, und daß Liebe auch Schmerz ist.«

Dabei neigte er sich über ihre Hand, um sie zu küssen, sie aber hielt sein Haupt an den Schläfen fest und drückte ihm die Lippen schnell und flüchtig auf die breite Stirn.

Da war es um seine Fassung geschehen, und aufschluchzend eilte er zu den Kindern zurück.

Wehmütig lächelnd schaute sie ihm nach und trat am Arme der Charmion in den Palast.

Dort begab sie sich in das Bad und ließ sich sodann in kostbaren Trauergewändern auf das Polster nieder, um, wie gewöhnlich zu dieser Stunde, das Frühstück einzunehmen.

Iras und Charmion teilten es.

Während der Nachtisch aufgetragen wurde, brachte die Nubierin einen Korb mit köstlichen Feigen. Ein Bauer, erklärte sie dem Epaphroditus, der dem Mahle zuschaute, habe sie als etwas Besonderes gebracht. Von den Wächtern seien schon einige weggenascht worden.

Die Speisenden genossen einige der Früchte, und Proculejus, der gekommen war, um die Königin zu begrüßen, ließ sich gleichfalls bewegen, eine der schönsten zu kosten.

Nach Beendigung des Mahles wünschte Kleopatra zu ruhen.

Die römischen Herren und die Aufwärter entfernten sich.

Endlich waren die Frauen allein und blickten einander schweigend an.

Charmion entfernte mit zagender Hand die obersten Früchte, die Königin aber sagte dumpf vor sich hin:

»Die Gemahlin des Antonius hinter dem Wagen des Siegers im Triumph durch die Straßen Roms geschleppt, eine Augenweide dem Volke und den neidischen Matronen.« Dann fuhr sie auf und rief: »Welch ein Gedanke! War er zu groß für den Octavianus oder zu klein? Er, der sich so laut rühmt, die Menschen zu kennen, erwartet dies Unmögliche von der Frau, die ihm doch ihr Inneres so frei erschloß, wie er das seine vor ihr verbarg. Wir wollen ihm zeigen, wie schlecht es mit seiner Menschenkenntnis bestellt ist und ihn Bescheidenheit lehren.«

Dabei flog ihr ein verächtliches Lächeln um die schönen Lippen, und mit schnellen Griffen warf sie die Feigen händevoll auf den Tisch, bis sie plötzlich wahrnahm, wie es sich unter den Früchten regte. Da atmete sie tief auf, von ihren Lippen klang der leise Ruf: »Da wäre es ja!« und mit einem raschen Entschlusse streckte sie der Natter, die ihr entgegen züngelte, den Arm hin.

Während sie dann den Blick fest auf die Bewegungen des Tieres heftete, das sich zu scheuen schien, sein furchtbares Amt zu erfüllen, rief sie den Frauen zu:

»Dank, Dank für alles! Seid ruhig. Du weißt ja, Iras, daß es nicht weh thut. Es soll sein, als ob man entschliefe.« Dann schauerte sie leis zusammen und sagte: »Ein ernstes Ding ist es doch um das Sterben. Gleichviel, – es muß geschehen. – Warum zögert die Schlange? Da, da ... Ich halte stand. Ehrgeiz und Liebe waren die bewegenden Kräfte in meinem Leben ... Sie sollen rühmend meiner gedenken ... Ich folge Dir, Marcus Antonius!«

Da beugte sich Charmion über den linken Arm der Herrin, der frei herabhing, und bedeckte ihn laut ausweinend mit Küssen, und Kleopatra ließ es geschehen und sagte, während sie den Bewegungen der Natter mit neuer Aufmerksamkeit folgte:

»Die Ruhe aus unserem Epikuräergarten, heute beginnt sie, meine Mädchen. Ob sie schmerzlos sein wird, wer weiß es; doch – auch darin wurde ich einig mit dem Archibius – zu der höchsten Lust des Lebens, der Liebe, gehört der Schmerz. Ihr beide, denk' ich, habt es gleichfalls erfahren. Auch dies Land, auch mein Aegypten, ist mir teuer gewesen. Lieber ewig blind, als es unter römischem Joche sehen. Die Zwillinge und mein kleines Herzblatt ... Wenn sie der Mutter und ihres Endes gedenken, nicht wahr? dann werden die Kinder ...«

Hier fuhr sie mit einem leisen Aufschrei zusammen. Die Schlange war ihr wie ein kalter Blitz am Arme in die Höhe geschossen, und um weniges später sank Kleopatra entseelt in das Polster zurück.

Bleich und doch gefaßt wies Iras auf sie hin und sagte:

»Wie ein schlummerndes Kind. Bezaubernd auch noch im Tode. Selbst das Schicksal muß ihr zu Willen sein, muß der großen Königin, dem siegreichen Weibe, dem ein Herz widerstand, den letzten Wunsch noch erfüllen. Den hochfliegenden Anschlag des Octavian, ihn schlägt sein Walten in Stücke. Der Triumphator wird sich ohne Dich den Römern zeigen, Du Teure!«

Damit beugte sie sich heftig aufschluchzend über die Entschlafene, schloß ihr die Augen, küßte ihr Mund und Stirn, und Charmion that es ihr weinend nach.

Da ließen sich Männerschritte im Nebenzimmer hören, und Iras, die sie zuerst vernahm, rief dringlich:

»Der Augenblick naht. Gut, daß er da ist. Scheint es Dir nicht auch, als habe sich die Sonne am Himmel verfinstert?«

Charmion nickte ihr beistimmend zu und fragte leise: »Das Gift?«

»Hier!« versetzte Iras gelassen und reichte ihr eine unscheinbare Nadel. »Ein leichter Stich, und es soll Methan sein ... Sieh her! Aber nein! Einmal thatest Du mir den größten Schmerz an. Du weißt – mein Kindheitsgespiele, der Dion ... Es ist vergeben. Aber jetzt. Du erweist mir die Wohlthat! – Du ersparst mir, mich selbst mit der Nadel zu stechen. – Willst Tu? Ich vergelte es Dir! Wenn Du es wünschst, soll diese Hand Dir den Gegendienst leisten.«

Da schloß Charmion die Nichte ans Herz, küßte sie, stach ihr leicht in den Arm, reichte ihr dann die andere Nadel und sagte:

»Jetzt ist die Reihe an Dir. – Unser Herz war voll von der großen Liebe zu einer, die wie keine zu lieben verstand, und unsere Liebe, sie wurde erwidert. Was bedeutet dagegen die andere, der wir entsagten? Wem die Sonne glänzt, der braucht kein Licht zu entzünden. ›Liebe ist Schmerz!‹ sagte sie beim Scheiden; doch dieser Schmerz – vor allem wohl der des Entsagens aus Liebe – er trägt eine Lust im Schoße, eine köstliche Lust, die es leicht macht, zu sterben. Mir ist es, als gelte es nur, der Königin zu folgen, um sie ... O, das that weh!«

Die Nadel der Iras hatte sie getroffen.

Das Gift wirkte schnell. Iras ward von einem Schwindel ergriffen und hielt sich nur noch mühsam aufrecht. Eben war Charmion in die Kniee gesunken, als es draußen laut an die verschlossene Thür pochte, und die Stimmen des Epaphroditus und Proculejus mit gebieterischer Heftigkeit zu öffnen befahlen.

Als keine Antwort erfolgte, wurde das Schloß an der Thür mit hastigem Ungestüm gesprengt.

Da fand man Charmion bleich und entstellt zu Füßen der Herrin, Iras aber rückte ihr, schwankend und schon halb betäubt von dem Gifte, das Diadem zurecht. Es hatte sich verschoben. Von der geliebten Herrin fern zu halten, was die Schönheit ihres Anblicks zu beeinträchtigen drohte, war ihre letzte Sorge gewesen.

Empört, außer sich vor Zorn eilten die Römer auf die Frauen zu. Epaphroditus hatte Iras noch mit dem Schmuck der Kleopatra beschäftigt gesehen. Jetzt suchte er ihre Gefährtin aufzurichten und rief ihr vorwurfsvoll zu: »Das sind mir schöne Dinge, Charmion!« – sie aber nahm die letzte Kraft zusammen und versetzte mit brechender Stimme: »Ja, ganz wunderschöne, wie sie sich für die Enkelin so vieler Herrscher gebühren.« Der Ruf des Römers und die Antwort der sterbenden treuen Charmion wörtlich nach dem Berichte des Plutarch.

Damit schloß sie die Augen; Proculejus aber, der Dichter, der der Frau, gegen die er sich schwer vergangen, lange und tief bewegt in das stolze, schöne Antlitz geschaut hatte, sagte: »Wie kein anderes Weib auf Erden wurde sie von den Größten gefeiert, von den Allerhöchsten geliebt. Ihr Ruhm hallte wider von Volk zu Volk durch die ganze Welt. Fort wird er klingen von Geschlecht zu Geschlecht; so laut er aber auch ihre zauberhafte Anmut preist, die den Tod überdauernde Glut ihrer Liebe, ihren Geist, ihr Wissen, den Heldenmut, mit dem sie, das Weib, den Tod der Schande vorzog, – das Lob dieser beiden sollte er auch nicht zu verkünden vergessen. Ihre Treue verdient es. – Unbewußt setzten sie durch ihr wunderbares Ende der Gebieterin das schönste Denkmal; denn wie wahrhaft gut und liebenswert muß die Frau gewesen sein, die nach dem tiefsten Sturze es denjenigen, die ihr am nächsten gestanden hatten, süßer erscheinen ließ, zu sterben, als ohne sie zu leben.«

Die Nachricht vom Tode der geliebten, gefeierten Fürstin verwandelte Alexandria in ein Trauerhaus. Ein Leichenbegängnis von unerhörter Pracht und Feierlichkeit, bei dem viel aufrichtige Thränen flossen, ehrte ihr Andenken.

Einer der glänzendsten Anschläge war dem Octavian durch ihren Tod vereitelt worden, und ingrimmig hatte er den Brief gelesen, in dem Kleopatra ihm mit eigener Hand mitteilte, daß sie zu sterben gedenke. Dennoch war er es dem Rufe seiner Großmut schuldig gewesen, ihr eine ihres Ranges würdige Bestattung zu gewähren. Verstorbenen, die ihm gefährlich zu sein aufgehört hatten, war er bereit, Gnade im Uebermaß zu erweisen.

Auch durch die Behandlung, die er ihren Kindern angedeihen ließ, veranlaßte er die Welt, die Milde seiner Gesinnung zu bewundern. Octavia, seine Schwester, nahm sie in das eigene Haus auf und überließ dem Archibius ihre Leitung.

Als der Befehl ergangen war, die Statuen des Antonius und der Kleopatra umzustürzen, auch da gab Octavian den Zeitgenossen eine Probe seiner zum Vergeben geneigten Gesinnung; denn er verordnete, daß die Bildsäulen der Königin, die sich zahlreich in Alexandria und in ganz Aegypten erhoben, stehen bleiben und erhalten werden sollten. Er war freilich dazu durch die hohe Summe von zweitausend Talenten veranlaßt worden, die ein Alexandriner, um diese That der Großmut zu erwirken, in seine Kasse hatte fließen lassen. Archibius hieß der seltene Freund, der sich zum armen Manne gemacht hatte, um dem Andenken der teuern Verstorbenen diesen Dienst zu erweisen.

Unangetastet schmückten die Bildsäulen der unglücklichen Fürstin auch später die Stellen, an denen sie sich erhoben.

Die Sarkophage der Kleopatra und des Marcus Antonius, neben denen Iras und Charmion ruhten, waren stets mit Blumen und Totengaben überhäuft. Das Grabmal der viel geliebten Königin zog wie ein Wallfahrtsort besonders die Frauen Alexandrias an; aber es kamen auch aus der Ferne und noch in späterer Zeit treue Leidtragende, die es besuchten, und unter ihnen die Kinder des berühmten Liebespaares, das hier der Tod vereinte: Kleopatra Selene, nunmehr die Gattin des gelehrten numidischen Königssohnes Juba, Antonius Helios und der zum Manne herangereifte Alexander. Archibius, ihr Lehrer und Freund, begleitete sie. Er hatte Sorge getragen, daß das Andenken der Mutter von ihnen hochgehalten wurde, und sie zu Menschen erzogen, die er erhobenen Hauptes an den Sarkophag der Freundin, die sie ihm anvertraut hatte, führen durfte.

 

Ende

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