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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Nachdem der Baumeister den Dion an den Hafen begleitet, hatte es ihn auf das Forum gezogen, um sich mit Männern zu unterreden und zu hören, was man für das künftige Schicksal der Stadt fürchte und erwarte.

Dorthin kamen auch die Nachrichten zuerst, und er fand daselbst einen großen Teil der makedonischen Bürger, die es, wie ihn, nach einer Aussprache in diesen Stunden der Entscheidung verlangte.

Es ging dort lebhaft her; denn die verschiedensten Botschaften vom Heere und den Schiffen jagten einander.

Erst lauteten sie günstig; dann wurde der Verrat der Flotte und bald darauf der Uebergang der Reiterei und des Fußvolkes gemeldet.

Ein angesehener Bürger hatte den Marc Anton, von einigen Freunden begleitet, den Quai entlang sprengen sehen. Der kleine Palast auf dem Choma war das Ziel dieser Flucht gewesen.

Ernste Männer, deren Meinung nur geringem Widerspruche begegnete, hielten den Imperator für verpflichtet, sich dort wie Brutus und so viele andere edle Römer, da das Schicksal sich gegen ihn erklärt hatte und ihm nichts mehr bevorstand als ein von Schande beflecktes Leben, mit eigener Hand den Tod zu geben. Bald wurde auch berichtet, er habe zu vollbringen versucht, was die Besten von ihm erwartet.

Da hatte es den Gorgias nicht länger auf dem Forum geduldet. Nach dem Choma war er geeilt, wenn es ihm auch schwer gemacht wurde, zu der Mauer vorzudringen, in die man schon eine Bresche gerissen. Dicht von Menschen erfüllt, hatte er das Uferstück, von dem die Landzunge ausging, gefunden. Auf allen Seiten wurde sie von Booten umschwärmt, durch die er erfuhr, Antonius befinde sich nicht mehr in dem Palaste.

Eben trug man einen verdeckten Leichnam aus dem kleinen Schlosse auf die Königsstraße, und unter denen, die ihm folgten, befand sich ein Sklave des Antonius, den Gorgias kannte. Die Augen des Mannes waren von Thränen gerötet. Willig folgte er dem Winke des Baumeisters und erzählte ihm schluchzend, der beklagenswerte Feldherr sei, nachdem ihn seine ganze Streitmacht verraten, hierher zurückgeflohen. Als er dann im Palaste vernommen, Kleopatra sei ihm in den Tod vorangegangen, habe er seinem Leibdiener Eros befohlen, auch seinem Leben ein Ende zu machen. Da sei der wackere Mann zurückgetreten und habe mit abgewandtem Antlitz sich selbst mit dem Stahle durchbohrt. Vor den Füßen des Herrn sei er sterbend zusammengesunken; Antonius aber habe dem Eros zugerufen, sein Beispiel lehre ihn, was ihm selbst zu vollbringen obliege, und dabei habe er sich das kurze Schwert mit eigener Hand in den Leib gestoßen. Doch die gewaltige Lebenskraft des riesenhaften Mannes sei durch die eine Wunde, so tief und schwer sie auch gewesen, nicht vernichtet worden. Mit rührenden Bitten habe er die Umstehenden angefleht, seinem Leben ein Ende zu machen, doch keiner hätte es über sich gebracht, diese That zu vollbringen. Dazwischen wäre dem Imperator fortwährend der Name der Kleopatra und der Wunsch, ihr zu folgen, von den Lippen geklungen.

Endlich sei Diomedes, der Geheimschreiber der Königin, erschienen, um ihn auf ihren Befehl in das Grabmonument bringen zu lassen, wohin sie sich zurückgezogen hatte.

Wie neu belebt habe Antonius seine Zustimmung gegeben, und während er schon fortgetragen worden sei, hätte er noch den Auftrag erteilt, für die würdige Bestattung des Eros zu sorgen. Auch noch sterbend wäre es diesem großmütigsten der Herren unmöglich gewesen, unbelohnt zu lassen, was man ihm Gutes erwiesen.

Damit hatte der Sklave von neuem laut aufgeweint, Gorgias aber war ungesäumt zu dem Grabmale geeilt.

Der nächste Weg dahin, die Königstraße, hatte sich indes so dicht mit Menschen gefüllt, die von römischen Soldaten zwischen dem Theater des Dionysos und dem Musenwinkel zurückgehalten worden waren, daß er sich gezwungen gesehen hätte, durch Nebengassen zu dem Bau zu gelangen.

Schon der Quai wäre nicht wieder zu erkennen gewesen, und auch in den anderen Straßen habe die Bevölkerung ein fremdartiges Ansehen gezeigt; denn statt friedliche Bürger der Stadt wären einem überall römische Soldaten in voller Rüstung begegnet. Statt der griechischen, ägyptischen und syrischen hätte es weiße und bräunliche Gesichter von fremdartigem Schnitte zu sehen gegeben.

In ein Feldlager schien die Stadt sich verwandelt zu haben. Hier sei ihm eine Cohorte blondlockiger Germanen, dort eine andere mit rotem Haupthaare begegnet, deren Heimat er nicht kenne, und dann wieder ein Vexill numidischer oder pannonischer Reiter.

Beim Heiligtum der Dioskuren sei er aufgehalten worden. Eine hispanische Manipel hatte dort eben den Sohn des Antonius, den Antyllus, ergriffen und nach einem schnellen Kriegsgerichte getötet. Sein Hofmeister Theodotus war es gewesen, der ihn an die Krieger verraten, doch wurde der Nichtswürdige mit gebundenen Händen dem Leichnam des unglücklichen Jünglings nachgeführt, weil man ihn ertappt hatte, wie er einen kostbaren Edelstein, den er ihm vom Halse genommen, in den Gürtel versteckte. Vor dem Aufbruche nach der Insel war dem Erzähler zu Ohren gekommen, man habe den Elenden zum Tod am Kreuze verurteilt.

Endlich war es dem Gorgias gelungen, zu dem Grabmale vorzudringen. Auf allen Seiten hatte er es von römischen Vietoren und Scythen der Stadt abgesperrt gefunden, doch ihm, dem Baumeister, war das Vordringen gestattet worden.

Die furchtbarsten Scenen des Trauerspiels, das hier soeben zum Abschluß gelangt war, mit eigenen Augen zu schauen, hatten die vielen Hindernisse, durch die er aufgehalten worden war, ihm erspart; doch durch den Geheimschreiber der Königin, der den verwundeten Antonius begleitet hatte, einen wohlgesinnten Makedonier, der dem Gorgias während des Baues freundschaftlich nahe gekommen, waren sie ihm mit aller Ausführlichkeit geschildert worden.

Kleopatra hatte sich, sobald sich das Kriegsglück für den Octavian entschieden, in das Grabmal geflüchtet. Nur der Charmion und Iras war es gestattet worden, sie zu begleiten, und sie hatten ihr geholfen, die schwere eherne Thür des festen Bauwerkes zu verschließen. Das falsche Gerücht von ihrem Tode, das den Antonius veranlaßt hatte, auch seinem Leben ein Ende zu machen, war vielleicht daraus entstanden, daß die Königin sich thatsächlich im Grabe befand.

Als er auf den Armen treuer Diener todeswund bei dem Mausoleum angelangt war, hatten die Frauen sich vergeblich bemüht, die schwere eherne Thür wieder zu öffnen. Aber mit heißer Sehnsucht verlangte es Kleopatra nach dem sterbenden Freunde. Sie mußte ihn in ihrer Nähe haben, um ihm die letzten Dienste zu erweisen, ihn noch einmal ihrer Liebe zu versichern, um ihm die Augen zuzudrücken und, war es geboten, mit ihm zu sterben.

So hatte sie denn mit den Frauen Umschau gehalten, und da Iras der Winde gedachte, die auf dem Gerüste stand, um die schwere Erzplatte mit dem Reliefbilde der den Tod besiegenden Liebe in das erste Stockwerk zu schaffen, eilte die Königin mit den Freundinnen die Treppe hinan, die Träger befestigten unten den Verwundeten an die Seile, und Kleopatra stellte sich selbst an die Winde, um ihn mit Hilfe der treuen Gefährtinnen zu sich hinauf zu ziehen.

Diomedes hatte versichert, sich keines kläglicheren Anblicks zu erinnern, als den des riesigen Mannes, während er zwischen Himmel und Erde schwebte und mit dem Tode ringend und unter grausamen Qualen die Hände sehnsuchtsvoll nach der Geliebten ausstreckte. Kaum der Stimme mächtig vor Schmerz und doch zärtlich rief er ihr ihren Namen entgegen, sie aber blieb ihm die Antwort schuldig; denn sie bot an der Winde mit der gleichen leidenschaftlichen Anstrengung wie Iras und Charmion die ganze schwache Kraft auf, um ihn in die Höhe zu ziehen. Das über eine Rolle laufende Seil schnitt ihr dabei in die zarten Hände, furchtbar verzerrte sich ihr das schöne Gesicht, doch sie ließ nicht nach, bis es ihr und den Gehilfinnen in der That gelungen war, die schwere Last des Sterbenden höher und höher und endlich bis an die Bretter des Gerüstes zu befördern. Die wahnsinnige Anstrengung, mit der es den drei Frauen gelungen war, eine That zu vollbringen, die auch für ihre durch die Macht des ernstesten Willens und heißesten Verlangens verdoppelte Kraft zu schwer war, hätte aber dennoch nicht zum Ziele geführt, wäre Diomedes ihnen nicht im letzten Augenblicke zu Hilfe gekommen. Er war ein starker Mann, und unter seinem Beistande gelang es, den Sterbenden zu ergreifen, ihn auf das Gerüst zu ziehen und die schon vollendete Treppe hinunter auf die Grabstätte im unteren Stockwerke zu tragen.

Als sie den Verwundeten dort auf einer der Ruhebänke, mit denen die große Halle bereits ausgestattet war, niedergelegt hatten, war der Geheimschreiber wieder gegangen; von der Treppe aus hatte er aber den unbemerkten Zuschauer gespielt, um zur Hand zu sein, falls die Königin noch einmal seines Beistandes bedurfte.

Glühend von der furchtbaren Anstrengung, die kaum hinter ihr lag, mit wirrem, aufgelöstem Haar, röchelnd und stöhnend, hatte Kleopatra sich wie außer sich das Kleid aufgerissen, die Brust zerschlagen und mit den Nägeln zerrissen.

Das eigene schöne Antlitz hatte sie dann auf die Wunde des Geliebten gepreßt, um das strömende Blut zu hemmen, und dabei waren ihr all die süßen Kosenamen von den Lippen geklungen, mit denen sie den Verscheidenden in der Frühlingszeit ihrer Liebe gerufen.

Sein furchtbares Leiden ließ sie das eigene schwere Geschick vergessen. Thränen des Mitleids fielen wie ein erfrischender Gewitterregen auf die noch unverwelkte Blume ihrer Liebe und brachten sie, die schon diese Nacht neu aufgerichtet hatte, zur letzten prächtigen Entfaltung.

Maßlos, grenzenlos, wie einst die Leidenschaft für diesen Mann, war jetzt der Jammer, mit dem sie sein qualvolles Scheiden erfüllte. Was Marcus Antonius ihr in der Glanzzeit des Lebens gewesen, was sie einander gewährt, und was das eine vom andern empfangen, war ihr während des Festmahles, das erst vor wenigen Stunden den Abschluß gefunden, wieder frisch und hell vor die Seele getreten. Jetzt zog ihr das alles in knapp zusammenfassenden Bildern noch einmal vor dem inneren Auge vorüber, doch nur, um ihr die Tiefe des Elendes dieser Stunde um so deutlicher zu zeigen. Endlich drängte der Schmerz auch die hellste Erinnerung in das Dunkel, sah sie nichts mehr als die Marter des Geliebten an ihrer Seite, zeigte ihr der stets lebendige Geist nur noch den Abgrund ihr zu Füßen und das Grab, das nicht nur für den Antonius offen stand, sondern auch für sie selbst.

Unfähig, an vergangenes Glück zu denken oder auf künftiges zu hoffen, ergab sie sich fassungslos der Verzweiflung, und kein Weib aus dem Volke hätte sich ungestümer dem brennenden Weh, das ihr das Herz zerreißt, hingeben und ihm wilder und rückhaltloser Ausdruck geben können als diese große Königin, diese Frau, die schon als Kind so empfindlich gegen den kleinsten Schmerz gewesen war, und die das spätere Leben wahrlich nicht gelehrt hatte, Leid zu ertragen und sich zu gedulden.

Nachdem Charmion dem Sterbenden auf seinen Wunsch Wein gereicht hatte, fand er Kraft, statt nur zu wimmern und zu klagen, zusammenhängend zu reden.

Liebreich forderte er Kleopatra auf, an ihre Rettung zu denken, wenn es angehe, ohne die Ehre zu schädigen, und wies sie auf den Proculejus als denjenigen unter den Freunden des Octavian, der ihres Vertrauens am meisten würdig. Dann bat er sie, ihn nicht zu beklagen, sondern ihn glücklich zu preisen; denn er habe die allerreichste Gunst des Schicksals genossen. Ihrer Liebe danke er das Schönste; doch auch der erste und mächtigste Mann auf Erden sei er gewesen. Jetzt sterbe er im Arme der Liebe, ehrenvoll als Römer, der dem Römer unterliege.

In diesem Bewußtsein war er nach einem kurzen Kampfe verschieden.

Kleopatra hatte seine letzten Atemzüge belauscht, ihm die Augen geschlossen und sich dann thränenlos über den Geliebten geworfen. Endlich war sie in Ohnmacht gesunken und mit dem Haupte auf seiner hohen, erkaltenden Brust ruhen geblieben.

Der Geheimschreiber hatte dem allem zugeschaut und sich dann mit nassen Augen in das erste Stockwerk zurückbegeben.

Dort war er dem Gorgias entgegengetreten, der das Gerüst erklommen, und hatte ihm mitgeteilt, was er von der Treppe aus gehört und gesehen. Kaum aber war er mit der Erzählung zu Ende gekommen, als ein Wagen auf dem Musenwinkel hielt und ein vornehmer Römer ihm entstieg.

Es war der nämliche Proculejus, den der sterbende Antonius der Geliebten als würdig ihres Vertrauens empfohlen hatte.

»In der That.« fuhr Gorgias fort, »schien er an Gestalt und Antlitz zu den edelsten seines stolzen Volkes zu gehören. Er kam im Auftrage des Octavian. Dem Cäsar warm ergeben und dazu ein wohlgesinnter Mann soll er ja sein. Auch als Dichter und als Schwager des Mäcen hörten wir ihn nennen. Der reiche, vornehme Herr ist ein großmütiger Gönner der Poeten, und auch Kunst und Wissenschaft schätzt er. Timagenes rühmte seine Bildung und hohe Gesinnung. Vielleicht war der Geschichtsschreiber im Rechte; wo es sich aber um den Staat handelt und sein Bestes, scheint es in der Umgebung des Octavian übel um das andere bestellt zu sein, was wir hier für würdig eines freien Mannes halten. Der Herr, dem er seine Dienste weiht, betraute ihn mit einer schwierigen Aufgabe, und alles einzusetzen, um sie gut zu lösen, hält Proculejus gewiß für seine Pflicht; – und dennoch ... Sehe ich recht, so kommt für ihn der Tag, an dem er den heutigen verwünscht und dem Gehorsam flucht, mit dem er, der freie Mann, dem Cäsar half ... Aber höre nur weiter!

Stolz, aufrecht, in stattlichem Waffenschmuck pochte er an die Thüre des Grabmals. Kleopatra hatte die Besinnung zurückgewonnen und frug – sie mußte ihn kennen, gewiß von Rom her – was er begehre.

Er komme, entgegnete er höflich, im Auftrage des Octavian, um mit ihr zu verhandeln, und die Königin zeigte sich bereit, ihn anzuhören, nur weigerte sie sich, ihn in das Grabmal zu lassen.

So besprachen sie sich denn durch die Thür. Mit würdiger Ruhe verlangte sie, die Söhne, die sie dem Antonius geschenkt – nicht den Cäsarion – als Könige von Aegypten bestätigt zu sehen.

Eifrig versprach Proculejus sogleich, ihre Wünsche vor den Cäsar zu bringen, und machte ihr auch Hoffnung auf ihre Erfüllung.

Während sie auf die Kinder und ihre Ansprüche zu reden kam, – ihrer eigenen Zukunft erwähnte sie gar nicht – verlangte jener, Näheres über das Ende des Marc Anton zu hören, und erzählte ihr dann, wie es mit der Vernichtung der Streitmacht des Verstorbenen gegangen, und auch anderes von geringer Bedeutung. Der Mann sah nicht aus wie ein Schwätzer, und der Verdacht beschlich mich schon damals, daß er die Königin geflissentlich hinzuhalten suche. Das war auch die Absicht; denn er hatte nur auf den Cornelius Gallus, den Befehlshaber der Flotte, gewartet, von dem Du ja hörtest. Auch er zählt zu den Vornehmsten in Rom, und dennoch machte er sich zum Spießgesellen des Proculejus!

Der entfernte sich, sobald er die unglückliche Frau mit dem anderen bekannt gemacht hatte.

Ich blieb auf dem Posten und hörte nun dem Gallus zu, wie er Kleopatra des Beileids seines Gebieters versicherte. Mit schwülstiger Uebertreibung berichtete er, wie bitter Octavian in dem Marcus Antonius den Freund, den Schwager, den Mitherrscher und Teilhaber an so vielen wichtigen Unternehmungen beklage. Bei der Nachricht von seinem Tode habe er heiße Thränen vergossen. Niemals wären aufrichtigere einem Manne über die Wangen geronnen.

Auch Gallus schien mir das Gespräch geflissentlich in die Länge zu ziehen.

Da, während ich noch mit aller Spannung lauschte, um auch die kurzen Gegenreden der Kleopatra zu verstehen, eilte mein Bauführer, der, als die Arbeiter von den Römern vertrieben worden waren, sich zwischen zwei Granitquadern verborgen gehalten hatte, auf mich zu und teilte mir mit, Proculejus habe eben an der hinteren Seite des Grabmals das Gerüst auf einer Leiter erklettert. Zwei Diener wären ihm gefolgt, und sie hätten sich hinunter in die Halle geschlichen.

Da schnellte ich rasch in die Höhe; denn ich hatte am Boden gelegen, um mit vorgestrecktem Kopfe zu lauschen.

Jetzt galt es, koste es, was es wolle, die Königin zu warnen; denn ein Verrat war hier sicher im Werke.

Doch ich kam zu spät.

O Dion! Wäre ich nur wenige Augenblicke früher benachrichtigt worden, vielleicht hätte sich etwas noch Furchtbareres ereignet; – ihr, der Königin, aber wäre erspart geblieben, was ihr jetzt droht. – Denn was darf sie von dem Sieger erwarten, der sich bis zur schnöden Ueberlistung einer edlen, wehrlosen, der Uebermacht unterlegenen Frau erniedrigt, um sich lebend, nur lebend ihrer zu bemächtigen?

Der Tod, von schwerem Kummer und gräßlicher Schande hätte er die Unselige befreit! Und sie, sie hatte den Dolch schon gegen sich erhoben! Vor diesen Augen schwang sie den schönen Arm mit dem blitzenden Stahle, der im Glanze der Kerzen aus den vielarmigen Leuchtern neben den Sarkophagen hell aufblitzte ... Doch ich will versuchen, ruhig zu bleiben! Hinter einander, wie eins dem andern folgte, sollst Du es hören. Es verwirren sich mir ohnehin die Gedanken, nun mir das Schreckliche ins Gedächtnis zurückkehrt.

Um es so zu schildern, wie ich es sah, müßte ich ein Dichter sein, ein Maler mit Worten; denn was sich da vor mir begab, auf einem Schauplatze trug es sich zu ... Du weißt ja, es war ein Grabmal. Die Wände von dunklem Stein, dunkel auch Säulen und Decke, alles von glänzendem Dunkel ... Glatt polirter Stein an den meisten Stellen, und darum blank wie ein Spiegel. Bei den Sarkophagen und im Umkreis der Kandelaber bis in die Nähe der Thür, wo das Bubenstück vor sich ging, helles Licht, – das eines Festsaals. Jeder Blutflecken an der Hand, jede Schramme, jede Wunde deutlich sichtbar, die der verzweifelnden Frau die eigenen Nägel in den Busen gerissen, der schneeweiß aus den zerrissenen schwarzen Gewändern hervorstrahlte. Weiterhin rechts und links schwankes Dämmerlicht, und im Hintergrunde und in der Nähe der Seitenwände tiefe Finsternis wie in einem echten und rechten Grabe. Aber an dem glatten Runde der Porphyrsäulen, an dem blanken schwarzen Marmor und Serpentin, hier, dort, überall das schwanke Spiegelbild des Kerzenlichtes. Der Zugwind hielt es in steter Bewegung, und so trieb es sein Spiel in der Halle wie die ruhelosen Seelen der Verdammten. Wohin das Auge schaute, war Finsternis sein Endziel. Im Hintergrunde der Halle erschien sie schwarz, schwarz wie die Vorhalle des Hades, doch auch sie durchbrach ein glänzender, bewegter Streifen: Sonnenstrahlen, die von der Treppe her in das Grabmal fielen und in denen Stäubchen sich wiegten. Wie das war und auf das Auge wirkte! Die Heimat der finstern Hekate! Und die Königin, und was mit ihr vorging! Ein von Licht umflossenes Gemälde, das sich strahlend von dem Dunkel im weiten Kreise der schweren majestätischen Formen rings umher abhob. Die Heerscharen der Dämonen, die der Magier beschwört, wenn sie einem Könige gehorchen, dies Grabmal in diesem Lichte wäre ein passender Palast für ihn und sein finsteres Walten. – Doch wohin gerate ich? ›Der Künstler!‹ hör' ich Dich wieder rufen, der Künstler! Statt zuzuspringen und einzuschreiten, läßt er das Licht und wie es in der königlichen Grabstätte sich ausnimmt, auf sich wirken. – Ja wohl: zu spät, zu spät, viel zu spät war ich gekommen! Schon auf der Treppe, die in den unteren Gräberraum führt, nahm ich es wahr; doch es trifft mich keine Schuld an der Versäumnis, gewiß nicht!

Von den Männern hatte ich anfänglich nichts zu erspähen vermocht, – auch keinen Schatten; wohl aber gewahrte ich im hellsten Lichte die auf dem Ruhebette hingestreckte Leiche des Antonius, und im Dämmerscheine weiter nach rechts hin Iras und Charmion, die sich vergeblich anstrengten, eine Fallthür zu heben. Es war die, die den Gang abschloß, der zu dem Brennstoff in dem Kellerraume führte. Sie hatten ihn auf ein Zeichen der Königin anzünden sollen.

Schon lagen die ersten Stufen der Treppe, auf der ich hinuntereilte, hinter mir, – da, – da bricht Proculejus mit zwei Männern von der andern Seite her plötzlich aus der tiefen Finsternis hervor. Meiner selbst kaum mächtig, eile ich die Stufen vollends hinunter, und während mir noch der schrille Ruf der Iras ins Ohr gellt: ›Arme Kleopatra, sie nehmen Dich gefangen!‹ sehe ich, wie die Verratene sich von der Thür abwendet, durch die sie, zum Tode entschlossen, dem Gallus ich weiß nicht was zu hören gibt, wie sie den Proculejus dicht hinter sich wahrnimmt, wie sie in den Gürtel greift und blitzschnell – Du hörtest es ja schon – den Arm mit dem kleinen Dolche in die Höhe wirft, um sich die spitze Klinge in die Brust zu stoßen. Welch ein Bild! Von tageshellem Lichte umflossen, glich sie dem triumphirenden Siege, dem edlen Stolze, der große Thaten vollbringt, und dann, dann, nur um weniges später ... Aber was sollte ihr auch angethan werden!

Wie ein Räuber, ein Meuchelmörder stürzte Proculejus sich auf sie, hielt ihr den Arm fest und entwand ihm die Waffe. Seine hohe Gestalt entzog sie dabei meinen Blicken. Als sie aber, während sie sich der Gewalt des Schändlichen zu entwinden suchte, das Antlitz wieder der Halle zuwandte, was war aus ihr geworden! Ihre Augen – Du kennst sie ja, – ihre Größe hatte sich verdoppelt, und Verachtung, Feindschaft, Haß, flammten dem Verräter aus ihnen entgegen. Das wärmende Licht, zerstörendes Feuer war daraus geworden. So denke ich mir die Rache, den Fluch, der das Verderben auf das Haupt des Feindes herabfleht. Und Proculejus, der große Herr, der Poet, dessen edlen Sinn die Dichter am Tiber preisen, von hinten her hielt er das wehrlose Weib, die würdige Tochter eines glänzenden Königsgeschlechtes, noch immer umklammert, als bedürfe es des Aufgebotes seiner ganzen Manneskraft, um dies zarte Musterbild anmutiger Weiblichkeit zu bändigen. Freilich zwang das stolze Blut die überlistete Löwin, sich dieser Entwürdigung zu erwehren, und Proculejus – eine beneidenswerte Ehre! – ließ sie die überlegene Kraft seiner Arme fühlen. Ich bin kein Prophet, aber ich wiederhole es, Dion: dieses schmählichen Kampfes und der Blicke, die ihn dabei trafen, bis zur letzten Stunde wird er ihrer nicht vergessen! Hätten sie mir gegolten, das Leben müßt' ich verfluchen.

Auch dem Römer trieben sie das Blut aus den Wangen. Leichenfahl vollbrachte er weiter, was er für seine Pflicht hielt. Die eigenen vornehmen Hände erniedrigte er durch die Zollwächterarbeit, die Gewänder eines Weibes, der Königin, nach verbotenen Waren: Gift oder Waffen, zu durchsuchen. Dabei half ihm ein Freigelassener des Cäsar, jener Epaphroditus, der dem Octavian so nahe stehen soll.

Auch Iras und Charmion untersuchte der Wicht, und bei alledem hörten beide Römer nicht auf, mit süßen Worten von der Gnade des Cäsar und seinem Wunsche zu reden, der Kleopatra alles zu gewähren, was einer Königin gebühre.

Endlich führte man sie auf die Lochias zurück; ich aber war wie von Sinnen; denn das Bild der unglücklichen Frau verfolgte mich wie mein Schatten. Es war nicht mehr das des bezaubernden Weibes; einer Verkörperung der Verzweiflung, des thränenlosen Jammers, der Rache heischenden Empörung glich es. Ich will es nicht schildern; aber die Augen, die drohend flammenden Augen und das verwirrte Haar, an dem das Blut des Antonius gerann ... furchtbar, entsetzlich! Das Herz erstarrte mir, als hätt' ich der Medusa mit dem Schlangenhaar im Schilde der Athene ins Antlitz geschaut.

Unmöglich war es mir gewesen, sie rechtzeitig zu warnen oder gar dem Verräter in den Arm zu fallen – ich sagte es ja schon – und doch, doch schaute ihr leuchtendes Bild mich vorwurfsvoll an wegen der feigen Versäumnis. Noch immer verfolgt mich ihr Blick und raubt mir Sammlung und Frieden. Erst wenn ich der Helena in das reine, stille Auge schaue, weicht wohl das furchtbare, vom Licht umflossene Gesicht aus dem Grabe von mir, gelingt es mir vielleicht, die Ruhe wieder zu finden.«

Da legte der Freund ihm die Hand auf den Arm und sprach ihm besänftigend zu und erinnerte ihn an das Gute, das dieser verruchte Tag – er habe es selbst gesagt – doch auch mit sich bringe.

Mit dieser Mahnung traf Dion das Rechte; denn die Haltung und der Ton der Stimme des Gorgias nahmen eine neue Gestalt an, und lebhaft versicherte er, dem Entsetzlichen sei mehr als Erfreuliches gefolgt für die Stadt, für den Freund und Barine.

Dann fuhr er aufatmend fort zu berichten: »Wie ein Trunkener begab ich mich auf den Heimweg. Der Versuch, mich der Königin oder ihren Vertrauten zu nähern, war leider gescheitert. Von der klugen Nubierin der Charmion hörte ich aber, es sei der Kleopatra im Namen des Cäsar gestattet worden, den Palast selbst zu bestimmen, in dem sie zu wohnen wünsche, und sie habe den auf der Lochias gewählt.

Bei dem Gang nach Hause kam ich nicht weit; denn schon vor dem großen Gymnasium hielt die Menge mich auf. Octavian war in die Stadt eingezogen, und das Volk, hörte ich, habe ihm zugejauchzt und sich vor ihm auf die Kniee geworfen. Unsere steifnackigen Alexandriner im Staub vor dem Sieger! Das empörte mich tief. – doch mein Groll sollte sich mildern.

Die vom Gymnasium kennen mich ja alle. Man machte mir Platz, und bevor ich mich noch zum Eintritt entschlossen, lag das Hauptthor schon hinter mir. Der lange Phryxus hatte meinen Arm durch den seinen gezogen. Der reiche Ueberall und Nirgends sieht und erfährt ja alles, und die besten Plätze gehören ihm schon im voraus. Diesmal war es ihm wieder gelungen; denn als er mich losließ, standen wir gegenüber einer neu errichteten Rednerbühne.

Sie erwarteten den Octavian, der noch im Hypostyl des Euergetes von dem Epitropen, den Herren vom Rat, dem Gymnasiarchen und ich weiß nicht von wem Huldigungen und dergleichen entgegennahm.

Phryxus erzählte, schon beim Einzuge habe er seinem früheren Hofmeister die Hand gereicht, sich von ihm begleiten und sich sogar seine Söhne vorführen lassen. Wie kein anderer sei der Philosoph von ihm ausgezeichnet worden, und das kommt jetzt Dir und den Deinen zu gute; denn er ist ja der Bruder Frau Berenikes, und darum der leibliche Oheim Deiner Gattin. Was er wünscht, ist im voraus gewährt. Du wirst gleich hören, wie geflissentlich der Cäsar ihn hervorzieht und auszuzeichnen trachtet. Ich gönne es dem Manne; denn damals trat er wacker ein für Barine; sie rühmen ihn als tüchtigen Gelehrten, und an Mut fehlt es ihm auch nicht. Trotz Actium und der einzigen schändlichen That, die man meines Wissens dem Marc Anton vorwerfen könnte – die Auslieferung des Turullius mein' ich – hielt Arius hier aus. So gut er den Mörder des Julius Cäsar preisgab, hätte der Imperator den Freund seines Neffen als Geisel festnehmen können.

Seit Octavian vor der Stadt liegt, war euer Oheim ernstlich bedroht, und mit ihm waren es auch seine Söhne – Du mußt die schönen, kraftvollen jungen Epheben, wie sie sein sollen, ja kennen.

Im Gymnasium hatten wir nicht lange zu warten, bis der Cäsar die Bühne betrat, und nun – wenn sich die Faust Dir ballt, thut sie nur, was ich von ihr erwarte – nun fiel alles ringsum auf die Kniee. Unser wüstes, aufrührerisches Gesindel erhob wie flehende Bettler die Hände, und ernste, würdige Männer thaten es ihm nach. Wer mich sah und den Langen, der wird auch uns beide zu den knieenden Speichelleckern zählen; denn wären wir stehen geblieben, hätten sie uns sicher zu Boden gerissen. So heulten wir denn mit den Wölfen und thaten es den anderen nach.«

»Und Octavian?« frug Dion gespannt.

»Eine königliche Erscheinung von jugendlichem Ansehen. Das bartlose Gesicht vom feinsten Schnitte, das Profil schön, wie für den Münzschneider geschaffen. Scharfe und doch ansprechende Linien. Vornehm in jedem Zoll; aber der Spiegel einer kalten, keines höheren Aufschwunges, keines wärmeren Gefühls, keiner weicheren Regung fähigen Seele. Alles in allem ein schöner, stolzer, klug rechnender Mann, den zum Freunde zu haben dem Herzen schwerlich zu gute kommt, vor dessen Feindschaft aber die Himmlischen jeden bewahren mögen, den wir lieben.

Wieder führte er den Arius an der Hand. Die Söhne des Philosophen folgten den beiden. Als er auf der Bühne stand und auf die Tausende niederblickte, die vor ihm auf den Knieen lagen, zeigte keine Muskel seines edlen Gesichtes – ja, das ist es – auch nur die leiseste Regung. Wie ein Landwirt, der die Herde überschaut, blickte er auf uns hin, und nach langem Schweigen erklärte er kurz und in vortrefflichem Griechisch, er spreche das alexandrinische Volk von jeder Schuld gegen ihn frei, erstens – er zählte das her, als rufe er einzelne Veteranen auf, um sie zu belohnen – aus Hochachtung vor dem herrlichen Gründer unserer Stadt, dem Welteroberer Alexander; zweitens, weil die Größe und Schönheit Alexandrias ihn mit Bewunderung erfülle, und drittens – dabei wandte er sich dem Arius zu – um diesem, seinem trefflichen und geliebten Freunde, sich gefällig zu erweisen.

Da brach denn ein großer Jubel los.

Jedem, vom Kleinsten bis zum Größesten war eine schwere Last von der Seele genommen, und als das Volk das Gymnasium kaum verlassen hatte, lachte es wieder übermütig genug, und es fehlte nicht an boshaften und harmlosen Witzen. Dicht neben mir rief der dicke Zimmermeister Memnon, der ja auch für Deinen Palast das Holzwerk lieferte, – früher habe ein Delphin den Arius vor den Piraten gerettet, jetzt rette Arius das Seetier Alexandria vor anderen Räubern. So ging es fort. Den besten Anlaß, den Witz an ihm zu üben, bot freilich Philostratus, der erste Mann der Barine. Der Aufwiegler hatte guten Grund, das Schlimmste zu befürchten, und nun lief er in schwarzen Trauerkleidern hinter dem Arius her, den er noch vor wenig Monden mit dem grimmigsten Hasse verfolgt hatte, und rief ihm fortwährend den nämlichen schalen Vers zu:

›Ist er ein weislicher Mann, so helfe der Weise dem Weisen.‹

Ob ihm die elende Bettelei half, werden wir ja hören.

Das Nachhausekommen war nicht leicht. Die Straßen wimmelten auch von römischen Soldaten. Es erging ihnen gut genug; denn in der Freude ihres Herzens führte mancher wohlhabende Bürger, der das Seine gerettet sah, einzelne Krieger oder wohl gar eine ganze Manipel in die Schenke oder zum Garkoch, und in dieser Nacht wird sich der Weinvorrat der Alexandriner beträchtlich vermindern.

Mit dem Befehle, das Eigentum der Bürger zu schonen – ich sagte es ja schon – waren viele in den Häusern einquartiert worden, und dabei betraf die Großmutter der traurige Unfall, mit dem ich begann. Bevor ich aufbrach, hatte man ihr schon die Augen geschlossen.

Alle Thore der Stadt stehen Dir jetzt offen, und die Nichte des Arius samt ihrem Gatten wird man mit Kränzen empfangen. Der Barine gönn' ich's; denn wie Deine herrliche Gattin, die es ja auch mir angethan hatte, was der gefeierten Städterin nur immer teuer sein mag, hinter sich warf und auf dem einsamsten aller Eilande in der Liebe eine neue Welt fand, das ist jeden Lobes und Lohnes würdig. Für Deine Person fürchte ich mich vor neuem Glück und neuen Ehren; denn kommen sie zu dem andern, das Dir die Schickung mit solcher Gemahlin und Deinem Pyrrhussohne schenkte, wären die Götter nicht mehr sie selbst, wenn sie Dich nicht mit ihrem Neide verfolgten. Ich habe geringeren Grund, sie zu fürchten.«

»Undankbarer!« unterbrach ihn der Freund. »Auch unter den Sterblichen findet sich wohl mancher, der Dir die Helena mißgönnte. Was mich angeht, so beschlich mich allerdings bereits manchmal ein leises Bangen; doch wir zahlten ja den Himmlischen schon einen nicht zu ärmlichen Tribut. Im Wohnraume brennt noch die Lampe. Bereite die Frauen auf das Ende der Großmutter vor und entledige Dich des Erfreulichen, das Du uns bringst. Ueber das Schreckliche, dem Du beiwohntest, sprich lieber erst morgen. Wir wollen ihnen den Schlaf nicht verderben. Gib acht! Helenas stille Trauer und ihre Freude über unsere Erlösung entlasten Dir schon heute die Seele.«

Und so geschah es. Wohl durchlebte Gorgias im Traume noch einmal das furchtbare Schauspiel von gestern, als aber die Sonne des zweiten August mit hellem Lichtglanz über Alexandria aufging und schon am frühen Morgen Boot auf Boot bei der Schlangeninsel landete und erst Frau Berenike mit ihren Neffen, den beiden Söhnen des gefeierten Philosophen Arius, dann aber auch Klienten, Beamte und Freunde des Dion und bevorzugte frühere Gäste der Barine ans Land stiegen, um das junge Paar zu begrüßen und es aus dem Verstecke, das es so lange behütet, in die Stadt und in ihre Mitte zurückzuführen, nahmen neue freundliche Eindrücke dem beängstigenden Gemälde einen guten Teil seiner Schrecken.

Mit großer Schnelligkeit hatte sich durch den »langen Phryxus« verbreitet, wohin Dion und Barine verschwunden und daß sie längst ein glückliches Paar wären.

Die Helden eines so seltenen Abenteuers zu sehen und sie zuerst zu begrüßen, erschien vielen wert einer kleinen Seefahrt. Wer Barine und ihren Gemahl kannte, war außerdem auch begierig, wie diese beiden an das Leben der Großstadt gewöhnten Menschen eine so vollkommene Vereinsamung während langer Monate ertragen hätten. Mancher fürchtete oder vermutete, sie abgezehrt und verhärmt, verwildert oder gar in Schwermut versunken wieder zu finden, und es gab darum unter denen, deren Boot der Freigelassene Pyrrhus als Lotse durch die Untiefen geführt, die seine Insel schützend umgaben, viel erstaunte Gesichter.

Die Einholung des seltenen Paares hätte gute Gelegenheit zu einer heiteren festlichen Veranstaltung geboten. Man war froh über die gnädige Behandlung der Stadt, so aufrichtig auch die meisten das Schicksal der Königin beklagten und Ernstere sich über die Zukunft der Freiheiten Alexandrias unter römischer Herrschaft beunruhigten. Leben und Besitz waren ja gerettet, und das Feiern von Festen war Groß und Klein zur Lebensgewohnheit geworden. Aber die Nachricht vom Tode der Gemahlin des Didymus und von der Erkrankung des Greises, der sich in den Verlust der treuen Gefährtin nicht zu finden vermochte, gab dem Dion das Recht, jede heitere Bewillkommnung im eigenen Hause zurückzuweisen.

Der Kummer Barines war auch der seine, und Didymus starb schon in den nächsten Tagen der Frau nach, mit der er länger als ein halbes Jahrhundert in Liebe verbunden gewesen; die Leute sagten: »gebrochenen Herzens«.

So hielt denn Dion mit der jungen Gemahlin ohne lärmende Festlichkeiten den Einzug in seinen schönen Palast. Statt der jubelnden Hymenäen klang ihm auf der Schwelle die Stimme des eigenen Kindes entgegen.

Die Trauerkleider, in denen Barine ihn in den Frauengemächern begrüßte, erinnerten ihn an den Neid der Götter, vor dem der Freund sich für ihn gefürchtet. Es war ihm aber oft, als schaue die Bildsäule seiner Mutter im Tablinum mit besonderer Befriedigung drein, wenn seine junge Hausfrau es betrat. Auch Barine fühlte, daß ihr Glück als Gattin und Mutter in dem herrlichen eigenen Heim überwältigend groß gewesen wäre, wenn eine weise Schickung ihr nicht gerade jetzt den Schmerz um geliebte Menschen auferlegt hätte.

Dion widmete sich sogleich wieder den Angelegenheiten der Stadt und des eigenen Besitzes. Er und die Geliebte, die eine schwere Zeit der Entbehrung ihm erst recht zu eigen gegeben, waren in den Hafen eingelaufen und sahen gelassen den Stürmen des Lebens entgegen. Der Anker der Liebe, der ihr Schiff an den sicheren Grund fesselte, hatte in der Einsamkeit der Schlangeninsel die Probe bestanden.

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