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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Einundzwanzigstes Kapitel

Diesmal war es dem Baumeister nur vergönnt, wenige Stunden auf der Schlangeninsel zu verleben; denn in der Stadt begann es sehr ernst auszusehen, und auch bei Nacht wurde der Bau des Grabmals gefördert. Das Innere des ersten Stockwerks ging der Vollendung entgegen, und der Rohbau des zweiten schritt vorwärts. Aber auch das Erdgeschoß erforderte noch Arbeit in Fülle. Wie dies, sollte das Ganze ein vollendetes Kunstwerk werden. Die Mosaicisten, die den Fußboden der großen Halle herstellten, hatten sich selbst übertroffen. Auf die Bildhauerarbeiten für die Wände konnte nicht mehr gewartet werden. Wohin eigentlich Reliefs in Bronzeguß gehörten, sollten einstweilen Platten von polirtem schwarzem Marmor kommen; denn die größte Eile that not.

Octavian hatte sich bereits Pelusium genähert, und wenn Seleukus, der Befehlshaber der Besatzung, die starke Festung auch lange hielt, konnte doch schon in der nächsten Woche ein Teil des feindlichen Heeres vor Alexandria erscheinen.

Uebrigens stand eine Achtung gebietende Streitmacht zu seinem Empfange bereit. Die Flotte schien der des Feindes gewachsen, die Reiterei, die Antonius gestern an der Königin vorüber geführt hatte, mußte auch das Auge des Kenners erfreuen, und der Imperator hoffte viel von den Kriegern, die in früheren Tagen unter ihm gedient, die seine Großmut und offene Hand im Glücke kennen gelernt und die ereignisreichen Tage schwerlich vergessen hatten, in denen er Gefahr und Entbehrung willig und heiter mit ihnen geteilt.

Helena blieb auf der Klippe zurück, und ihre Sehnsucht nach dem alten Paare hatte sich beträchtlich gemildert. Wach und hilfsbereit rührte sie die Hände, und ihr heiterer Blick bewies, daß das einsame Inselleben ihr seine Reize zu erschließen beginne.

Ueber den jungen Gatten war dagegen große Unruhe gekommen. Er verbarg sie vor den Frauen; der alte Pyrrhus aber hatte oft Mühe, ihn von einer Fahrt in die Stadt zurückzuhalten, die so nahe vor der letzten Entscheidung die Frucht langer Ausdauer und Entbehrung in Frage stellen konnte. Oft schon hatte Dion mit der Geliebten ein Schiff besteigen wollen, um eine große Stadt in Syrien oder Griechenland auszusuchen, doch immer neue, schwerwiegende Bedenken hatten ihn davon zurückgehalten. Besonders bedrohlich erschien, daß jedes Fahrzeug aufs gründlichste untersucht wurde, bevor es den Hafen verließ, – und es war unmöglich, ihm den Rücken zu wenden, ohne die schmale Straße im Osten des Pharus oder den Durchgang im Heptastadium zu passiren, die beide leicht zu bewachen waren. Aus der reifen Gelassenheit, die den jungen Ratsherrn sonst auszeichnete, war fieberhafte Unruhe geworden, und auch das Herz des treuen alten Warners hatte das Gleichgewicht verloren; denn der Zusammenstoß der Flotte, auf der seine Söhne dienten, mit der des Octavian war bald zu erwarten.

Tief erregt kam er eines Tages aus der Stadt zurück. Pelusium sollte gefallen sein.

Als er die Klippe bestieg, fand er dort alles still. Niemand, auch nicht Dione, empfing ihn.

Was war hier vorgegangen?

Hatte man die Verborgenen entdeckt und sie und die Seinen in die Stadt, ins Gefängnis, vielleicht in die Steinbrüche geschleppt?

Totenbleich, doch gefaßt und aufrecht schritt er dem Hause entgegen. Er verdankte dem Dion und seinem Vater das höchste Lebensgut, die Freiheit, und die Grundlage zu allem, was er sonst noch besaß. Aber hatten seine Befürchtungen wirklich das Rechte getroffen, war er ein beraubter Mann, so durfte er doch, selbst als vereinsamter Bettler, fortfahren, der Freiheit zu genießen. Wenn er für denjenigen, durch den er sein Bestes besaß, das übrige preisgeben mußte, lag es ihm ob, es geduldig zu tragen.

Es war noch hell.

Auch als er dem Hause ganz nahe gekommen war, traf kein Laut sein Ohr, außer dem Freudengeheul seines großen Wolfspackers Argus, der an ihm aufsprang.

Jetzt legte er die Hand auf das Schloß der Thüre; – doch von innen her ward sie aufgestoßen.

Dion hatte ihn kommen sehen, und hingerissen von der neuen Glückseligkeit, mit der dieser Tag ihn gesegnet, fiel er dem treuen Manne stürmisch an die Brust und rief: »Ein Knabe, ein herrlicher Knabe! – Wir nennen ihn Pyrrhus.«

Da rannen dem Freigelassenen helle Thränen in den grauen Bart, und als seine alternde Gefährtin ihm mit dem Finger auf dem Munde entgegenkam, raunte er ihr mit zitternder Stimme zu: »Als ich sie brachte, da fürchtetest Du, die Städter zögen uns mit ins Verderben; – aber Du empfingst sie trotzdem, wie sich's gebührt, und – Pyrrhus soll er heißen – und nun! – Was that ich geringer Mann, daß mir so Großes, so Schönes zu teil wird?«

»Und ich, ich!« schluchzte die Fischersfrau auf. »Und das Kind, das herzige Würmchen!«

Diesem Tage der sonnenhellen Glückseligkeit folgten andere der stillen Herzensfreude, der reinsten Lust und zugleich der schwersten Besorgnis. Sie brachten auch manche Stunde, in der Helena Gelegenheit fand, ihre Umsicht zu bewähren, und die alte Chloris und die Fischersfrau standen ihr dabei mit ihrer Erfahrung zur Seite.

Eine lieblichere junge Mutter als Barine, ein schöneres Kind als den kleinen Pyrrhus meinten alle bis hin zu dem Graubart, dessen Namen er trug, nicht gesehen zu haben; den Dion aber hielt es nicht mehr auf der Klippe.

Tausend Dinge, die ihm bis dahin unbedeutend vorgekommen waren und die er hatte gehen lassen, erschienen ihm jetzt wichtig und seines persönlichen Eingreifens bedürftig. Er war Vater, und aus jeder Versäumnis konnte seinem Sohne Schaden erwachsen.

Braun gebrannt, wie er jetzt war, und mit dem lang gewachsenen Haare und Barte, bedurfte es nur geringer Nachhilfe, um ihn auch für Freunde unkenntlich zu machen. In den Kleidern, die er schon lange trug, mußte ihn, dessen feine Hände zudem auf der Werft schwielig geworden waren, wohl jeder für einen wirklichen Fischer halten.

Es war vielleicht thöricht, doch der Drang, sich der Mutter Barines, den Großeltern, dem Gorgias als Vater zu zeigen, erschien ihm für sich wert, einer geringen Gefahr zu trotzen, und so fuhr er, ohne Barine, die schon wieder im Zimmer umherging, von seiner Absicht zu unterrichten, nach Untergang der Sonne des letzten Julitages in die Stadt.

Daß Octavian östlich von Alexandria beim Hippodrom lagere, war ihm bekannt. In den weißen Erhebungen, die dort entstanden waren, hatte man auch von der Schlangeninsel aus Zelte erkannt. Am Nachmittage war Pyrrhus mit der Nachricht heimgekehrt, Antonius habe die Reiterei des Octavian mit der seinen geschlagen. Und diesmal durfte man der Siegesbotschaft trauen; denn der Palast auf der Lochias war festlich beleuchtet, und als Dion landete, ging es lebhaft her auf dem Quai. Einer rief dem andern zu, es stehe alles zum besten. Marcus Antonius sei wieder der Alte geworden. Wie ein Held habe er sich geschlagen.

Viele, die ihm gestern noch geflucht, mischten heute ihre Stimmen in die Evoërufe, die für den neuen Dionysus erklangen, der seine Gottheit wieder bewähre.

Im Hause des Gorgias fand der späte Gast die Großeltern allein. Sie waren schon längst von dem neuen Glücke der Enkelin unterrichtet. Jetzt freuten sie sich mit Dion und wollten sogleich ihren Gastfreund und künftigen Sohn rufen lassen, der sich an einer Versammlung der Epheben der Stadt beteiligte, obgleich er ja längst nicht mehr zu ihnen gehörte. Aber Dion wünschte ihn unter den Jünglingen zu begrüßen, die den Baumeister eingeladen hatten, um ihnen bei der Entscheidung der Frage, wie sie sich während dieses Kampfes zu verhalten hätten, ratend zur Seite zu stehen.

Doch er brach nicht gleich von dem alten Paare auf; denn er erwartete noch zwei Besuche: die Mutter Barines und die nubische Dienerin der Charmion, die seit der Geburt des kleinen Pyrrhus jeden Abend bei dem Philosophen vorsprachen. Jene, um sich zu erkundigen, ob der Tag nichts Neues über Mutter und Kind gebracht habe, diese, um Briefe abzuholen, die sie, die Vermittlerin, am nächsten Morgen auf dem Fischmarkt ihrem Freunde Pyrrhus oder seinem Sohne übergab.

Zuerst erschien Anukis. Durch einen kurzen Glückwunsch erleichterte sie das teilnehmende Herz; so gern sie aber auch aus dem Munde des Dion selbst Näheres über die ihr teure junge Mutter gehört hätte, unterdrückte sie doch auch diesmal den eigenen Wunsch, um im Sinne der Herrin zu handeln. So schnell es anging, begab sie sich darum zu Charmion zurück und meldete ihr die Ankunft des unerwarteten Gastes.

Frau Berenike genoß die neue großmütterliche Würde mit dankbarer Freude, doch kam sie diesmal gebeugt von einer schweren Besorgnis, die nicht nur ihrer getrübten Einbildungskraft den Ursprung verdankte.

Ihr Bruder Arius verbarg sich mit seinen Söhnen im Haus eines Freundes; denn sie schienen ernstlich bedroht. Bisher hatte Antonius dem Philosophen großmütig die nahen Beziehungen nicht verübelt, in denen er zu Octavian stand; nun aber Octavian vor der Stadt lagerte, wurde das Haus des Mannes, der dem Feinde während seiner Studienzeit der Mentor, der Berater und später ein hochgeschätzter Freund gewesen war, auf Befehl des Mardion von Scythen bewacht. Ihm und den Seinen war untersagt worden, die Stadt zu betreten, und die Flucht zu dem Freunde hatte in der Nacht und unter schwerer Gefahr bewerkstelligt werden müssen.

Die ängstliche Frau befürchtete das Schlimmste für den Bruder, wenn Marc Anton die Oberhand behielt, und doch wünschte sie der Königin von ganzem Herzen den Sieg. Sie, die stets das Ungünstigste erwartete, sah im Geiste das Kriegsglück sich wenden, – und es fehlte dafür nicht an Grund; denn der kühne Reitergeneral, der so viele Siege erfochten und den das Mißgeschick von Actium nur schwer niedergebeugt hatte, sollte die alte Spannkraft zurückgewonnen haben. Heldenmütig wie in früheren Tagen, ja mit verwegenem Ungestüm war er an der Spitze seiner Reiter dem Feinde entgegengesprengt. Von seinem mächtigen Rappen aus sollte er das große Schwert mit so furchtbaren Streichen geschwungen haben wie vor fünfundzwanzig Jahren, als er den Archelaus unweit der nämlichen Stelle aufs Haupt geschlagen. Daß er in der goldenen Rüstung mit dem Helm auf dem bärtigen Haupte seinem Ahnherrn Herakles geglichen habe, wurde auch von Charmion bestätigt, die von einem Gespanne der Königin schnell hieher geführt worden war. Kleopatra konnte ihrer bald bedürfen, und doch hatte sie sich von der Lochias losgemacht, um von dem Vater selbst mancherlei, was ihr am Herzen lag, über die junge Mutter und den Knaben zu erfragen, der ihr schon als der erste Enkel des Mannes teuer war, dessen Werbung sie zwar zurückgewiesen hatte, dem sie aber das köstliche Bewußtsein verdankte, in der Blütenzeit des Lebens geliebt zu haben und geliebt worden zu sein.

Dion fand sie verändert. Die schweren Monde, die sie in dem Briefe an Barine geschildert, hatten ihr das ergrauende Haar vollends gebleicht, die Wangen waren ihr eingefallen, und eine tiefe Falte zwischen Mund und Nase verlieh ihrem freundlichen Antlitz einen schmerzlichen Ausdruck. Dabei schien sie vor kurzem geweint zu haben, und in der That lagen herzerschütternde Vorgänge dicht hinter ihr.

Während es auf der Lochias hoch hergegangen war, hatte sie sich von dort weggestohlen ...

Der Sieg des Antonius wurde gefeiert.

Er selbst leitete das Gelage. Wieder war er an Haupt und Brust mit einer Fülle von frischem Laub und prächtigen Blumen bekränzt. Neben ihm ruhte Kleopatra in lichtblauen, mit Lotosblumen geschmückten Gewändern, die wie die kleine Krone auf ihrem Haupte von Saphiren und Perlen strotzten. Charmion versicherte, sie selten schöner gesehen zu haben. Doch – das verschwieg sie – die blutlos fahlen Wangen der Kleopatra hatten künstlich gerötet werden müssen.

Es war rührend mit anzusehen gewesen, wie Antonius sie nach der Rückkehr aus der Schlacht, noch in der Rüstung, so freudig ans Herz geschlossen hatte, als habe er sie sich zurückerkämpft und zugleich mit der geschwundenen Heldenkraft auch sie und ihre Liebe wiedergefunden.

Und auch ihr hatte das Glück sonnenhell aus den Augen gestrahlt. Den Reiter, der wegen seiner besonderen Tapferkeit ihr vorgeführt worden war, hatte sie in der Bewegung ihres Herzens mit einem Helme und Panzer von lauterem Golde beschenkt.

Doch bevor noch das Festmahl begann, war sie gezwungen worden, sich selbst zu bekennen, daß der Anfang des Endes dennoch beginne; denn wenige Stunden nachdem sie diesen Reiter so großmütig beschenkt, war er zum Feinde übergelaufen. Dann hatte Antonius den Octavian zum Zweikampfe herausfordern lassen und die kühle Antwort erhalten, es stünden ihm viele Wege in den Tod offen.

Das war die Sprache des kaltherzigen, der Uebermacht sicheren Feindes. Wie traurig hatte sie auch die Hoffnung betrogen, die alten Streiter, die unter dem Antonius gedient, würden auf seinen ersten Ruf den neuen Kriegsherrn verlassen und ihm scharenweise entgegeneilen; denn alle Versuche ihres Gatten, die dahin zielten, waren trotz der hinreißenden Macht seiner Beredsamkeit gescheitert, während jede Stunde die Nachricht vom verräterischen Abfall einzelner Krieger und ganzer Manipeln seines Heeres brachte. So gewiß schien der Feind seiner Sache, daß er den Versuchen des Marc Anton, die Soldaten durch Versprechungen für sich zu gewinnen, nicht einmal wehrte.

Nach alledem sah Kleopatra jetzt mit voller Sicherheit in dem Siege des Geliebten nur noch das letzte Aufflackern des verlöschenden Feuers; aber so lange es brannte, sollte er sie seinem Lichte folgen sehen. So hatte sie denn die Festhalle mit dem Sieger von heute betreten. Sie war Zeuge eines seltsamen Gastmahls geworden. Mit Thränen hatte es begonnen und Kleopatra an das Wort erinnert, sie selbst gleiche einem Siegesfeste vor der gewonnenen Schlacht.

Die Mundschenken waren kaum mit den goldenen Krügen den Gästen näher getreten, als Antonius sich ihnen mit dem Rufe zugewandt hatte: »Wacker eingegossen, ihr Leute, morgen dient ihr vielleicht schon einem andern Herrn!«

Dann war er, ganz entgegen seiner Art, nachdenklich geworden und hatte vor sich hin gemurmelt: »Ich liege dann wohl draußen als ein Leichnam, ein elendes Nichts!«

Lautes Schluchzen der Schenken und Diener war diesen Worten gefolgt; er aber hatte ihnen gelassen zugeredet und verheißen, sie nicht mit in einen Kampf zu nehmen, von dem er weit mehr für sich einen ruhmvollen Tod erwarte als Rettung und Sieg.

Da waren auch der Königin die Augen übergeflossen. Hatte dieser zügellose Genußmensch, der ruchlose Verschwender und Unruhestifter mit den begehrlichen, unersättlichen Sinnen auch bittere Feindschaft erweckt, so warme Liebe von so vielen war doch wenigen zu teil geworden. Und ein Blick auf seine Heroengestalt, ein Gedanke an die Zeit, in der auch die Feinde ihm nachsagten, daß er nie größer sei als angesichts der schwersten Gefahr, nie fähiger, die Hoffnung auf bessere Zeit auch in anderen froh zu erwecken, als mitten unter den schwersten Entbehrungen, ein Hinhören auf die tiefen Laute der metallenen Stimme des Redners, die so oft aus dem Herzen kam und darum die Herzen mit so unwiderstehlicher Macht gewann, eine Reihe von Erinnerungen an die heitere Offenheit seines Gemütes und seine grenzenlose Großmut erklärten zur Genüge die Klagen, die bei jenem Mahle erschollen, die Thränen, die dabei flossen, und die allesamt echt waren. Auch der schönen königlichen Frau hatten sie gegolten, die dem Gemahle, ohne der Anwesenden zu achten, die edle Stirn mit der Perlenkrone an die gewaltige Schulter schmiegte.

Aber die Trauer hatte nicht lange gedauert, und als Marc Anton mit dem Rufe: »Fort jetzt mit dem Harm! Wir brauchen die Larva nicht Bei den Gastmählern der Aegypter wurde eine kleine Figur in Gestalt einer Mumie herumgereicht, die die Gäste erinnern sollte, daß sie bald wie diese sein und keine Zeit mehr haben würden, sich des Lebens und seiner Genüsse zu freuen. Die Römer ahmten dies nach, indem sie die Larva, eine Statuette, gewöhnlich in Gestalt eines Gerippes, beim Schmause unter den Zechgenossen die Runde machen ließen. Der Schönheitssinn der Griechen machte aus diesem häßlichen Schreckbilde einen geflügelten Genius.. Auch ohne sie wissen wir, daß es bald aus sein wird mit der Lust! Ein frohes Festlied, Xuthus! Und Du, Metrodor, den Tänzern voran! Der erste Becher der Schönsten, der Besten, der Klügsten, der Liebenswertesten, der am heißesten Geliebten!«

Damit hatte er den Pokal hoch aufgeschwungen, der Flötenspieler Xuthus dem Chore gewinkt, der sein Lied begleitete, und der Tänzer Metrodor sich als Schmetterling einer Schar von lieblichen Mädchen vorangeschwungen, die mit dem Gewölk der weiten Gewänder von durchsichtigem farbigem Bombyx, die sie bauschig umflossen, das anmutigste Spiel trieben und, bald wie von Nebeln umwallt, bald wie von Flügeln fortgetragen, dem entzückten Auge die köstlichste Abwechslung boten.

Die Todesgenossen waren wieder Freudengefährten geworden, und als Charmion, die die Gebieterin nicht aus den Augen verloren und das schmerzliche Zucken, das ihr das Antlitz bewegte, wahrgenommen, sich aus dem Kreis der Gäste fortgeschlichen hatte, war die treue Nubierin ihr entgegengekommen; um die Ankunft des Dion zu melden.

Da war sie – doch das verschwieg sie den Freunden – in ihre Wohnung geeilt, um sich zum Ausgange zu rüsten, und da Iras eben die Thür geöffnet hatte, um sich in ihre Gemächer zu begeben; war sie ihr nachgefolgt, um wegen des Nachtdienstes bei der Königin mit ihr zu reden. Aber die Nichte hatte ihr Kommen nicht bemerkt; denn von krampfhaftem Schluchzen erschüttert, hatte sie eben das Antlitz in das Polster einer Ruhebank gedrückt und dort dem wilden Schmerze, der ihr die Seele erschütterte, gestattet, mit der vollen Heftigkeit ihrer leidenschaftlichen Natur sich auszutoben. Da hatte Charmion sie angerufen und, selbst weinend, ihr die Arme geöffnet, und seit ihrer Heimkehr von Actium war die Tochter ihrer Schwester ihr zum erstenmal wieder an die Brust gesunken, und sie hatten sich lange umschlungen gehalten, bis dem Rufe der Charmion: »Mit ihr, für sie bis in den Tod!« die Antwort der Iras nachgeklungen war: »Bis in das Grab!«

Das war ein Wort gewesen, das der Jugendgespielin der Frau, die da unten blutenden Herzens an dem rauschenden Gelage übermütiger Zecher teilnahm, schon in mancher stillen Nachtstunde die Seele bewegt und die Frage nach sich gezogen hatte: »Ist Dein Geschick nicht an das ihre gekettet? Was kann Dir das Leben noch ohne sie bieten?«

Jetzt war dies Wort ihr vernehmbar aus dem Munde einer andern entgegengetönt, und wie ein Echo des Rufes der Iras hatte die Versicherung Charmions sich angehört: »Bis in den Tod wie Du, wenn sie uns vorangeht. Was dem Sterben auch folgt, des Herzens und der Hände der Charmion soll sie nirgends entbehren.«

»Und der Liebe und der Dienste der Iras gewiß nicht,« hatte die Gegenversicherung gelautet.

So waren sie geschieden, und die Erregung dieses bedeutungsvollen Augenblicks malte sich noch in den Zügen des alternden Mädchens, das einst der königlichen Jugendgefährtin seine Liebe geopfert und ihr nun auch das Leben verschrieb.

Als sie im Hause des Gorgias Abschied nahm von den Freunden, drückte sie dem Dion mit warmer Innigkeit die Hand und teilte ihm, während er sie an den Wagen begleitete, mit, Archibius habe vor dem ersten Zusammenstoße der Truppen die königlichen Kinder von hier fort auf sein Gut Irenia geführt. Da wären sie jetzt bei ihm.

»Eine schwerere Stunde,« schloß sie, »als da ich die Königin zerrissenen Herzens Abschied von ihnen nehmen sah, war ich selten zu durchleben verdammt. Was steht den teuren Wesen bevor, die des reichsten Glückes so würdig wären? Die Zwillinge und den kleinen Alexander anerkannt und gesichert vor Tod und Unbill und Deinen Knaben auf dem Arme der Barine zu sehen, das ist das letzte, was ich mir noch wünsche.«

Auf der Lochias hatte Charmion noch lange zu warten, bevor die Königin sich zur Ruhe begab. Sie fürchtete sich vor der Stimmung, in der sie das Gastmahl verlassen würde; denn schon seit Monden kam Kleopatra niedergeschlagen, bis zu Thränen bewegt oder in heller Entrüstung von den Gelagen der Todesgenossen zurück. Wie mußte dies, das letzte, das so traurig begonnen hatte und einem so übermütigen Fortgang entgegeneilte, auf sie wirken?

Endlich in der zweiten Stunde nach Mitternacht erschien Kleopatra.

Charmion meinte, sie sei von einer Täuschung befangen; denn die Augen der Königin, die, als sie sie verlassen hatte, von Thränen übergeflossen waren, leuchteten jetzt in glückselig heiterem Glanze, und als die Freundin ihr die Krone vom Haupte löste, rief sie: »Warum verschwandest Du so früh von dem Feste? Vielleicht war es das letzte; aber eines schönern erinnere ich mich nicht! Wie in den Frühlingstagen unserer Liebe ist es gewesen. Einem steinernen Bildnis hätte Marc Anton das Herz bewegt mit jenem Gemisch von männlicher Kühnheit und demütiger Hingabe, dem kein Weib widersteht. Wie damals schrumpften die Stunden zu Augenblicken zusammen. Wir waren wieder jung, wieder eins. Hier auf der Lochias in der heutigen Nacht weilten wir bei einander und doch in fernen Zeiten und an anderen Stätten. Was die Sänger sangen, die Musiker spielten, die Tänzer dem Blicke boten, für uns war es verloren. In eine sonnige Zauberwelt schwangen wir uns Hand in Hand zurück, und das Märchenspiel im Reiche der Glückseligen, das sich da vor uns in blendender Pracht und wonniger Lust abspielte, es war der Traum, den ich als Kind am liebsten träumte, und zugleich der wonnigste Teil des Lebens der Königin von Aegypten.

Vor der Thür des Epikuräergartens begann es. Aus dem Kydnosstrome nahm es den Fortgang. Ich sah mich wieder auf dem goldenen Schiffe von Blumenketten umstrickt, auf dem purpurnen Lager mit Rosen rings um mich her und unter den im Edelsteinschmuck blitzenden Füßen. Ein sanfter Windhauch blähte das seidene Segel, die Gefährtinnen ließen rings um mich her die hellen Stimmen zum Saitenspiele erschallen, den süßen Wohlgeruch, der uns umwehte, trug der Zephyr an das Ufer und hauchte ihm die Botschaft zu, daß ihm die hohe Seligkeit jetzt nahe, von der er gewähnt, ihr Genuß sei den Himmlischen allein vorbehalten. Und wie mir sein Herz entgegenschlug und seine berauschten Sinne zitternd nach mir verlangten, so – er bekannte es – so geschah es auch seinem Geiste, sobald er dem meinen begegnete. Glückselig fühlten wir uns beide von Banden umschlungen, die nichts, auch nicht das Mißgeschick, zu lösen vermochte. Er, der Beherrscher des Erdrunds, war überwunden, und es bereitete ihm Wonne, den Winken der Siegerin zu folgen, weil er empfand, daß sie, vor der er sich beugte, seine gehorsame Sklavin. Und das alles, kein Zauberbecher hatte es bewirkt! Wie befreit von dem beängstigenden Wahnbilde, das – hatte es auch das Feuer zerschmolzen – mir die Seele bis vor wenigen Stunden am schwersten bedrückte, atmete ich wieder auf. Keine magische Kunst, nur die Gaben des Leibes und der Seele, die die besiegte Siegerin, die das Weib Kleopatra der Gunst der Himmlischen verdankte, hatten seine hohe Mannheit gezwungen, sich ihr zu ergeben.

Vom Kydnos führte er mich hieher und in die seligen Tage, die es uns auf dem Boden meines Alexandria zu verschwelgen vergönnt war. Tausend sonnenhelle Stunden, singende und klingende Wogen, die längst mit dem Strome der Zeit von dannen rauschten, weckte er zu neuem Leben, und ich, ich that das Gleiche, und unsere Erinnerungen schmolzen ineinander. Was wir an unvergeßlichen Stunden durchlebt, wenn wir in tollem Uebermut uns unerkannt unter das fröhliche Volk mischten, was uns in olympischer Lust das Herz hoch aufschwang, wenn uns der Jubel von Tausenden umjauchzte, was uns im einsamen Gemache Geist und Sinne mit den Wonnen der Seligen gesättigt, was uns von den Kindern aus zufloß an beglückendem, reinem Nektar der Seele, das alles zeigten und schenkten wir einander wieder, und keins wußte, wer der Gebende sei oder der Empfänger. Wie ausgelöscht erschien das Dunkle, das Schmerzliche, – und der Kindertraum, das von der Einbildungskraft gewobene Märchen, als Wirklichkeit stand es mir vor der Seele, als die nämliche Wirklichkeit, – ich wiederhole es – die ich mein vergangenes Leben nenne.

Und, Charmion, wenn morgen der Tod kommt, brauche ich dann zu sagen, daß er zu früh kam, daß er mich abrief, bevor er dem Dasein gewährte, mir die höchsten seiner Gaben zu schenken? Nein, nein und abermals nein! Wer in der letzten Stunde sich sagen darf, der schönste seiner Kinderträume sei überboten worden durch einen langen Abschnitt des eigenen Lebens, der preise sich glücklich, sei es auch in der tiefsten Not und am Rande des Grabes!

Das Verlangen, die erste und höchste unter den Frauen ihrer Zeit zu werden, das schon das Herz der jungen Schülerin bewegt hatte, es wurde erfüllt. Die heiße Sehnsucht nach Liebe, die mir schon damals das ganze Wesen durchglühte, das liebende Weib, die Mutter, die Königin sah sie befriedigt, und damit auch die Freundschaft mir gewähre, was sie nur immer vermag, dafür ließ die Gunst des Schicksals meinen Archibius, Deinen Bruder sorgen, meine Charmion und Iras.

So mag nun kommen, was will. Dieser Abend lehrt mich, daß das Leben mir hielt, was es versprach. Aber auch anderen soll gestattet sein, der glänzendsten der Königinnen, der am heißesten geliebten aller Frauen gern zu gedenken. Ich sorge dafür; denn das Grabmal, das Gorgias mir erbaut, wie eine unzerstörbare Mauer stellt es sich zwischen die Kleopatra, die heute noch mit stolzem Selbstgefühl diese Krone trägt, und die drohende Demütigung und Schande.

Jetzt will ich schlafen gehen. Bringt das Erwachen Niederlage, Jammer und Tod, ich habe keinen Grund, mein Geschick zu beklagen. Nur eins wollte es mir nicht gönnen: die schmerzlose Ruhe, die das Kind und die werdende Jungfrau als höchstes Gut erkannten; doch auch sie soll der Kleopatra werden. Das Reich des Todes, das, wie die Aegypter sagen, das Schweigen liebt, es öffnet mir die Thore. Die stillste Ruhe, auf seiner Schwelle beginnt sie, und wo sie aufhört, wer weiß es? Der Blick des Geistes reicht nicht weit genug, um die Grenze zu erspähen, bei der sie am Ende der Ewigkeit, die ja endlos ist, von etwas anderem verdrängt wird.«

Damit hatte die Königin der Freundin gewinkt, sie in das Schlafgemach zu begleiten.

Von ihm aus führte eine Thür in das der Kinder, und ein unwiderstehlicher Trieb zwang sie, sie zu öffnen und in den leeren, dunklen Raum zu schauen.

Da fühlte sie, wie es ihr kalt durch die Adern rieselte. Einer der Zofen, die ihr folgten, nahm sie die Leuchte aus der Hand und trat auf die Lagerstätte des kleinen Alexander zu. Sie war leer und verlassen wie die anderen. Das erhobene Haupt sank ihr auf die Brust; die mutige Fassung, die dem Rückblick auf das vergangene Leben gefolgt war, hielt nicht mehr stand, und wie das üppige Schwelgen des Himmels in den lichtesten Farben, wie das Abendglühen plötzlich der Nacht weicht, so begab sich in der Seele Kleopatras nach dem hohen Aufschwung der letzten Stunden eine jähe Wandlung, und von tiefer, schmerzlicher Niedergeschlagenheit ergriffen, warf sie sich vor dem Bette der Zwillinge nieder. Dort blieb sie lange leise weinend liegen, bis Charmion sie, als der Tag zu dämmern begann, ermahnte, zur Ruhe zu gehen. Da erhob Kleopatra sich langsam, trocknete die Augen und sagte: »Vorhin schien mir das Leben, das hinter mir liegt, wie ein prächtiger Garten. Aber wie viele Schlangen streckten mir eben die platten Köpfe mit den blitzenden Augen und gespaltenen Zungen entgegen! Wer riß die Blumen zur Seite, unter denen sie verborgen gelegen? Ich meine, Charmion, es war die geheimnisvolle Macht, die ja hier bei den Kindern sich noch der kleinsten wie der stärksten Regung gegenüber so gewaltig bethätigt, – es war – wann hörte ich dies unheimliche Wort zum letztenmal nennen? – es war das Gewissen. Hier, an dieser Heimstätte der Unschuld und Reinheit fällt scharf ins Auge, was einem Flecken gleich sieht. – Hier ... O Charmion ... Wären die Kinder doch hier! – Dürfte ich doch ... Aber nein, nein! Es ist gut, ist sehr gut, daß sie fort sind! Stark muß ich bleiben, und ihre holde Anmut bräche mir die Kraft. Aber es wird heller und heller. Kleidet mich an für den Tag. Eher fänd' ich wohl Schlaf in einem zusammenstürzenden Hause, als mit solchem Aufruhr im Herzen.«

Während man ihr darauf die dunklen Gewänder, die sie bezeichnet hatte, anthat, erscholl im königlichen Hafen unter ihr laut und vielfach der Ruf der Tuba und der Signale, die die Flotte und das Landheer, von dem ein großer Teil schon in der Nacht auf die dem Meere benachbarten Hügel geführt worden war, zur Aufstellung riefen.

Das klang kriegerisch und kühn. Die wohlbewehrten Schiffe da unten boten einen stattlichen Anblick. Wie oft hatte Kleopatra Unerwartetes eintreten, scheinbar Unmögliches möglich werden sehen. Der Sieg des Octavian bei Actium, war er nicht auch wie ein Wunder gewesen? Wenn das Schicksal nun wie ein launischer Herrscher Ungunst mit Gunst vertauschte? Wenn Antonius sich heute als Held bewährte wie gestern und als Feldherr wie so oft in früheren Tagen?

Sie hatte es abgelehnt, ihn vor dem Beginn der Schlacht wiederzusehen, um ihn nicht von der großen Aufgabe abzuleiten, deren Lösung ihm bevorstand. Als sie ihn jetzt aber auf dem feurigen Berberhengst in glänzender Rüstung, dem Kriegsgotte selbst ähnlich, an den Truppen vorbeireiten und sie mit jenen großen, heiteren Winken begrüßen sah, deren warme Freundlichkeit aus dem Herzen kam, und die die Krieger schon so oft zu heller Begeisterung entflammt hatten, mußte sie sich Gewalt anthun, um ihn nicht zu sich zu berufen und ihm zu sagen, daß ihre Gedanken ihm folgten.

Aber sie unterließ es, und als sein Purpurmantel ihr aus den Augen schwand, senkte sie wieder das Haupt. – Wie ganz anders hatte in früheren Tagen der Zuruf der Krieger geklungen, wenn er sich ihnen zeigte! Diese laue Antwort auf seinen frohgemuten, warmherzigen Gruß war kein Vorzeichen des Sieges.

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